Elif Özmen

Elif Oezmen

(c) Elif Özmen

“Ich bin ein vor Hochmut trunkenes und durchsichtiges wahres Nichts… Daher will ich die Welt besitzen.” Es sind Sätze wie dieser, die mich als junge Frau zur Philosophie gebracht haben, denn was Jean Paul Sartre in seinem Tagebuch formulierte, traf meine damalige Unrast und Neugierde auf den jugendlichen Kopf. Ich begann ein Studium der Philosophie (in dem Sartre bis heute übrigens keine Rolle spielt), Politikwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Deutschen Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen, das ich nach einem kurzen Zwischenspiel in Frankfurt 1999 abschloss.
Früh – und letztlich unerklärlich – waren es Fragen der praktischen Philosophie, zunächst der theoretischen Ethik, dann der politischen Philosophie und gegenwärtig auch der Anthropologie, die mich in besonderer Weise intellektuell angezogen haben. Das mag nicht nur, aber eben auch, bestimmten Personen geschuldet sein – Günther Patzig und sein gerade angetretener Nachfolger Julian Nida-Rümelin waren grundverschiedene und sich herrlich ergänzende starke Köpfe der Göttinger Philosophie, gleiches gilt für Konrad Cramer und Wolfgang Carl, an dessen legendärem Freitagabend-Kolloquium ich teilnehmen (und scharfe, nahezu brutale Kritik aushalten lernen) durfte. Meine Göttinger Zeit hat mich für das Leben geprägt, u.a. habe ich hier die vom Aussterben bedrohte Lebensform des hochgebildeten Ordinarius kennengelernt (die man heute lächerlich finden mag, weil sie keine Drittmittel und auch keine „Forschungsprojekte“ verfolgte, sondern schlicht und einfach der Philosophie als einer Geisteswissenschaft nachging, welche Geist und Wissen sowie Witz, in beiderlei Sinn des Wortes, erforderte).
Meine Promotionszeit habe ich an der Humboldt Universität zu Berlin verbracht, mit einem Stipendium der Studienstiftung, welches Glück und Problem zugleich darstellte. Zum einen musste ich für meinen Lebensunterhalt nicht arbeiten, sondern konnte mich vollständig auf mein Thema einlassen (die neuere Diskussion um das gelungene Leben, die mit den Namen von Bernard Williams, Susan Wolf, Philippa Foot, Martha Nussbaum verbunden ist und eine dezidierte Kritik an einem rationalistischen Verständnis von normativer Rechtfertigung und Moral-Theorie formuliert, veröffentlicht bei Mentis 2005: „Moral, Rationalität und gelungenes Leben“). Zum anderen hatte ich aber keine institutionelle Einbettung, keine äußeren Pflichten, keinen Chef, keinen geregelten Tagesablauf. Diese Spannung zwischen Einsamkeit, Freiheit und Verantwortung war durchaus belastend, aber ich bin nicht sicher, ob ich es anders geschafft hätte, meine Gedanken zu bündeln und schlussendlich promoviert zu werden.
Im Anschluss konnte ich das andere Extrem erleben – mit einer vollen Assistentinnen-Stelle in München (2004-2011), zahlreichen Lehr- und Administrationspflichten, einem anspruchsvollen Chef und einem Tagesablauf, der so dicht gefügt war, dass die Habilitation sich immer irgendwie dazwischen quetschen lassen musste. 2010 erhielt ich die Venia für Philosophie für eine Arbeit, die sich begründungstheoretischen Problemen der Philosophie des Liberalismus, mithin den Wahrheitsansprüchen der freiheitlichen Demokratie, widmete („Wahrheit und Rechtfertigung. Zur politischen Philosophie des Liberalismus“, unveröffentlicht).
2011 und 2012 konnte ich eine Professur an der Universität Hamburg vertreten und habe dann den Ruf auf eine W2-Professur für praktische Philosophie in Regenburg angenommen. Seit Oktober 2016 bin ich Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophie mit den Schwerpunkten theoretische Ethik und politische Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Meine derzeitigen Forschungsinteressen haben mit dem Menschlichen und dem Unmenschlichen zu tun. Über das Menschliche reflektiere ich im Sinne der anthropologischen Voraussetzungen normativer Theorien. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in der internationalen Debatte die Rede von einem anthropological turn etabliert. Anlass hierzu waren sowohl philosophie-interne Entwicklungen (etwa das Entstehen der Neurophilosophie) als auch bahnbrechende Entwicklungen in empirischen Disziplinen (Evolutionstheorie, Neurowissenschaft, Verhaltensforschung, KI). Durch die Frage nach den Unterschiedenen und Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier/Computer/Roboter wird die – genuin anthropologische – Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen (wieder) gestellt und dezidiert nicht-essentialistische Reflexionen unternommen, die auf die „charakteristische menschliche Lebensform“, die „conditio humana“, die „Natur des Menschen“ und andere anthropologische Topoi Bezug nehmen. Mein gegenwärtiges Interesse an dieser Debatte betrifft einen Komplex metaphilosophischer Fragen, deren Analyse die Offenlegung des anthropologischen Ausgangs- und Bezugspunktes unserer Normenbildung intendiert.
Das Unmenschliche interessiert mich im Zusammenhang mit der Frage nach der Theoretisierbarkeit von Ungerechtigkeit. Die humanitären Katastrophen der beiden Weltkriege, der Totalitarismus und die völkermörderischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit markieren einen tiefen historischen und systematischen Einschnitt, auch für die praktische Philosophie. Neben einer Selbstkritik, die die ideengeschichtlichen Voraussetzungen totalitärer Herrschaft und menschenrechtlicher Aporien reflektierte, wurde ab den 1950er Jahren ein Demokratie-Paradigma entwickelt, demzufolge die (freiheitliche) Demokratie die am wenigsten schlechte Herrschaftsform darstellt. Für die Position der normativen Alternativlosigkeit der Demokratie habe ich in den letzten Jahren im Sinne einer objektivistischen Theorie der Gerechtigkeit vielfältig argumentiert und publiziert. Nunmehr wende ich mich der Frage der Ungerechtigkeit, Unmoral und Unmenschlichkeit (dem „Bösen“) zu, gewissermaßen in Anknüpfung an die historische Situation, aus der heraus das moderne Demokratie- und Menschenrechtsparadigma entwickelt und etabliert wurde. Mich interessiert zum einen, ob und wie sich diese normative Semantik einfügen lässt in die bekannten Konzepte des Rechten und Guten (und die für die liberale Demokratie-Theorie charakteristische Priorisierung des Rechten). Zum anderen möchte ich untersuchen, wie weit man argumentativ im Ausgang von einer rein dystopischen Werttheorie kommt. Schließlich könnte sich herausstellen (wie es Judith Shklar in ihrem Liberalism of Fear andeutet), dass diejenigen moralischen Urteile, die allgemeine Verbindlichkeit, mithin objektive Geltung beanspruchen können, nur dasjenige betreffen, wovor jeder Mensch guten Grund hat, sich zu fürchten.
Mehr zu meiner Arbeit und Person findet sich auf meiner Homepage.

Catherine Herfeld

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I am currently assistant professor of Social Theory and Philosophy of the Social Sciences at the University of Zurich. I work in philosophy and history of the social sciences, focusing on economics and with an emphasis on methodological questions. I also have an interest in sociology of science and social theory. Before coming to Zurich in March 2017, I was a postdoctoral fellow and assistant professor at the Munich Center for Mathematical Philosophy at Ludwig-Maximilians-University Munich (LMU Munich). I completed my doctoral studies at Witten/Herdecke University in 2013 and while writing my dissertation, I spent some time at Columbia University, the Max-Planck Institute for the History of Science in Berlin, and the Center for the History of Political Economy at Duke University. I developed my interest in philosophy of the social science after receiving a degree in economics and working in the Ecuadorian rainforest.
Currently, I am finishing two books that are concerned with the epistemic status of rational choice theories in economics (hereafter RCTs). RCTs are among the most prominent approaches to human behavior in the social sciences. But upon closer inspection, they prove hard to ‘define’; specific instances include Expected Utility Theory, Gary Becker’s ‘Economic Approach to Human Behavior,’ Revealed Preference Theory, or Ordinal Consumer Choice Theory. What those approaches have in common is that they conceptualize human behaviour as rational behaviour (albeit understood differently in each of them). The empirical value of RCTs has been the subject of intense debate. On the one hand, scholars have defended RCTs as the best theories of human behaviour that we currently have in the social sciences and argued for their use until a better alternative comes along. On the other hand, scholars critical of RCTs have attacked them vigorously as psychologically or behaviourally unrealistic, as failing to offer adequate explanations of actual behaviour and as making predictions that are contradicted by empirical evidence. Those shortcomings have sometimes been identified by some as major causes for more substantial empirical difficulties that economic theories and models are said to confront.
My motivation is to support a more nuanced critique of RCTs. First, one thing I try to do in both books – albeit in distinct ways – is to sensitize critics to the fact that there is no such thing as a unified ‘rational choice theory’. Rather, I argue that the label of ‘rational choice’ refers to a set of different approaches that share a set of characteristics but that are conceptually and methodologically distinct and have been developed for very different problems. To better assess RCTs, their critique should therefore pursue what I refer to as a ‘local’ perspective (adopting a term that Michael Weisberg has attributed to Philip Kitcher’s approach in Philosophy of Biology). Such a local critique should consider what I label the ‘epistemic context’ within which a specific framework is developed and applied. Arguably, what ‘epistemic context’ means has to be further specified and to this end I take the history of economics to be of fundamental importance. If we consider the intellectual traditions from which the various RCTs behaviour have emerged, the problems they were originally meant to address, the larger theoretical frameworks they were often part of, and the justifications given by practitioners for their use, then we come to see not only how exactly they differ, but also what their scope of application is and should be.
In the first book, entitled The Many Faces of Rational Choice Theory, I offer an epistemologically enriched historical account of RCTs in economics that enables such a local critique. Furthermore, I show that throughout the history of economics, economists have argued that conceptualizing the human agent as a rational agent would indeed not help them to explain actual behaviour but might allow them instead – in different ways – to theoretically cope with better understanding larger economic systems, which they considered to be extremely complex. Those systems cannot be easily understood with a psychologically, behaviourally or even neurologically realistic account of human behaviour as long as the so-called aggregation problem, i.e., the problem of how economists could aggregate the behaviour of individuals in such a way that it is analytically tractable and at the same time leading to properties characterise of those systems. Thus, one lesson we can draw from the work of earlier thinkers, I think, is that instead of focusing too much on how to conceptualize the individual agent, economics could benefit from applying methods from computational social sciences that allow for detailed descriptions of social interaction processes that bring about social phenomena. It is against this background that the question of how realistic an account of human behaviour has to be should be answered.
The other book that I am working on takes a different approach towards tackling those issues. Entitled Conversations on Rational Choice Theory, it contains interviews I have conducted over the past years with economists, psychologists, and philosophers who have contributed to the development and application of RCTs or have been engaged in the debates regarding their empirical usefulness. By exposing practicing scientists and philosophers to each other’s arguments and engaging with their positions, those interviews allow for addressing a number of important but as yet neglected issues in the debate, such as clarifying the object under discussion, viz. RCT, understanding how practitioners justify rational choice theory for their various purposes, and where they take their empirical usefulness to be limited.
Besides those two larger projects, I investigate in a side project the historical context within which RCTs emerged in the 1940s and 1950s. Those three projects are the outcome of my time as a doctoral and postdoctoral researcher.
Much of my work is interdisciplinary, mainly regarding the methods I use. I combine traditional philosophical approaches – such as case studies – with quantitative-empirical methods in history and philosophy of the social sciences. I do archival research in my historical research and use historical case studies in philosophy; and conducting interviews allows me to get into closer contact with scientific practitioners. For example, in my new habilitation project, I take a sociological, a historical, and a systematic perspective to address the question of how knowledge in general and scientific innovations in particular spread within and across (interdisciplinary) contexts. Together with my colleague Chiara Lisciandra (University of Groningen), I am currently editing a Special Issue for Studies in History and Philosophy of Science: Part A, which addresses questions about knowledge transfer from an interdisciplinary viewpoint. The goal is to distinguish between different kinds of knowledge transfer and examine whether it is possible find commonalities among them; maybe even beyond a specific field or discipline. Another example is a project in which, together with psychologists and sociologists, we research the gender gap in academic philosophy as well as whether female-only events can have a positive effect on female students continue to pursue an academic career.
For more on those and other projects as well as for contacting me, see my website: http://catherineherfeld.weebly.com

Eva Schmidt

(c) privat

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Seit über zehn Jahren bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität des Saarlandes und vertrete dort aktuell die Professur für Philosophie des Geistes. Außerdem lehre ich seit einigen Jahren an der Université du Luxembourg. Promoviert habe ich zu Wahrnehmung und Begriffen; aktuell arbeite ich an meiner Habilitation zu epistemischen Gründen.
Meine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem: Epistemische Rechtfertigung und Gründe, Disjunktivismus, epistemologischer Evidentialismus, Handlungsgründe, Theorien der Wahrnehmung, mentale Inhalte, Begriffe. Gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne Mantel und mit Frank Hofmann (Luxembourg) organisiere ich im Juli die dritte SaarLux Joint Conference on Reasons and Rationality, dieses Mal werden wir gemeinsam mit Jonathan Dancy über sein bald erscheinendes Buch Practical Shape diskutieren.
Was hat es mit meinem Habilitationsthema auf sich? Ich denke, dass sich Epistemolog_innen neben den Klassikern Wissen und Rechtfertigung auch über epistemische Gründe Gedanken machen sollten. Immerhin reden wir alltäglich eher über Gründe dafür, dass jemand etwas glaubt oder glauben sollte, als über die Rechtfertigung unserer Überzeugungen. Ich vertrete einen „Reasons First“-Ansatz: Wir sollten epistemische Rechtfertigung generell mittels epistemischer Gründe verstehen, die unsere Überzeugungen stützen. Ich sehe hier erhellende Parallelen zur Philosophie der Handlung und zur Metaethik, speziell zu Ansätzen, die den normativen Status von Handlungen – z. B. dass wir sie ausführen sollen – auf normative Gründe zurückführen, die für oder gegen sie sprechen. Ich argumentiere zudem für einen umfassenden epistemologischen Disjunktivismus, also dafür, dass wir, wenn wir auf Basis wirklich bestehender guter Gründe etwas glauben, besonders starke Rechtfertigung für unsere Überzeugungen haben, dass Überzeugungen aufgrund nur scheinbar bestehender Gründe dagegen bedeutend schwächer gerechtfertigt sind.
Dieses Bild der Rechtfertigung muss an verschiedenen Stellen ausgearbeitet werden: Sind epistemische Gründe nichts anderes als Evidenzen? Basiert jegliche epistemische Rechtfertigung auf Gründen? Was heißt es, einen Grund zu haben? (Hierzu komme ich nun.)
Plausiblerweise tragen zur Rechtfertigung unserer Überzeugungen nur Gründe bei, die wir haben. Nehmen wir z. B. an, dass Zeus existiert. Dies ist ein exzellenter Grund zu glauben, dass es einen Gott gibt, aber solange eine Person zu diesem Grund keinen Zugang hat bzw. nicht über ihn verfügt, trägt er nichts zur Rechtfertigung ihrer Überzeugung bei.
Wir sollten epistemische Rechtfertigung also auf Gründe zurückführen, die wir haben. Zusätzlich scheint zu gelten, dass wir einen Grund nur dann haben, wenn wir gerechtfertigt sind zu glauben, dass er besteht. Wenn eine Person bloß aus einer Laune heraus glaubt, dass Zeus existiert, reicht das anscheinend nicht dafür aus, dass sie über einen rechtfertigenden Grund für ihre Überzeugung verfügt, dass es einen Gott gibt. Aber wenn das so ist, erläutert der „Reasons First“-Ansatz Rechtfertigung mit Hilfe von gehabten Gründen und zugleich das Haben von Gründen durch gerechtfertigte Überzeugungen. Dieser Zirkularität entgehe ich, indem ich argumentiere, dass sich letzten Endes der Besitz all unserer Gründe auf mentale Zustände wie Erinnerung oder Wahrnehmung zurückführen lässt, die selbst nicht weiter gerechtfertigt zu werden brauchen. (Diese nenne ich „PANINIS“, für „presentational attitudes not in need of justification“.) Ich vertrete damit ein rekursives Verständnis des Habens von Gründen. Leider ergeben sich für diesen Ansatz weitere Probleme mit den basalen visuellen Überzeugungen von blindsehenden Subjekten und mit Überzeugungen, die durch Implicit Bias beeinflusst sind. (Wenn Sie wissen möchten, wie ich mit diesen Problemen umgehe, schicke ich Ihnen gerne meinen Aufsatz „Possessing Reasons“. Kontakt s. u.)
In meiner Dissertation und meinem darauf basierenden Buch Modest Nonconceptualism: Epistemology, Phenomenology, and Content verteidige ich den Nonkonzeptualismus. „Bescheiden“ ist mein Nonkonzeptualismus, da er offenlässt, dass Wahrnehmungserlebnisse einen begrenzten Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern und in Teilen begrifflichen Inhalt haben, solange nur Wahrnehmung kein vollständiges begriffliches Erfassen des Wahrgenommenen erfordert und auch einen nichtbegrifflichen Inhalt hat.
Aktuell beschäftige ich mich mit folgender Sorge, die Nonkonzeptualist_innen und Konzeptualist_innen vereint: Ihre Kernthesen betreffen in erster Linie die Frage, ob wir, um einen bestimmten Aspekt unserer Umwelt wahrnehmen zu können, entsprechende begriffliche Fähigkeiten zum Einsatz bringen müssen. (Der Konzeptualismus bejaht, der Nonkonzeptualismus verneint dies.) Aber so, wie ich die Vertreter_innen dieser Positionen verstehe, wollen sie auch direkt etwas über die Natur des Inhalts der Wahrnehmung aussagen, darüber, ob dieser z. B. in Fregeschen Propositionen oder doch eher in Russellschen Propositionen besteht. Die meisten ihrer Argumente stehen jedoch in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt der Wahrnehmung, so dass dessen Natur unbestimmt bleibt. Diese Schwierigkeit ähnelt dem semantischen Unbestimmtheits-Problem der Teleosemantik.
Ich argumentiere, dass Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen zur Überwindung ihres Unbestimmtheits-Problems einen Pragmatismus bezüglich mentaler Inhalte akzeptieren und die folgende These vertreten sollten: Wahrnehmung hat einen Inhalt von genau der Natur, die am besten den gemeinsamen explanatorischen Zwecken von Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen dient. Diese versuchen unter anderem, den phänomenalen Charakter und die rechtfertigende Kraft der Wahrnehmung zu erklären. Mein pragmatistischer Ansatz zeitigt das für die Debattenteilnehmer_innen erfreuliche Ergebnis, dass Wahrnehmungsinhalte begrifflicher Natur sind, insofern Wahrnehmungserlebnisse den Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern, dass sie hingegen nichtbegrifflicher Natur sind, sofern Wahrnehmung keine begrifflichen Fähigkeiten voraussetzt.
Weitere Informationen zu meiner Person finden Sie unter http://www.uni-saarland.de/fachrichtung/philosophie/professuren/fuer-philosophie-des-geistes/dr-eva-schmidt.html
Kontakt: eva.schmidt@mx.uni-saarland.de

Mara-Daria Cojocaru

(c) Gesa Koch-Weser

(c) Gesa Koch-Weser

Ich bin im Oktober 2016 von einem 15-monatigen Forschungsaufenthalt in England zurückgekehrt an die Hochschule für Philosophie in München und freue mich über die Gelegenheit, etwas über meine Interessen erzählen zu dürfen, die sich in dem Zeitraum naturgemäß (jedenfalls teilweise) neu verortet haben.
Ich hatte mir die University of Sheffield ausgesucht, um dort in der Arbeit mit und im Umfeld von Christopher Hookway meine Überlegungen zu pragmatistischen Emotionstheorien zu vertiefen. Mir war aufgefallen, dass Dewey und Peirce was die erkenntnistheoretische Rolle von affektiven Zuständen betrifft eigentlich mehr verbindet als die Entwicklung der pragmatistischen Forschungslandschaft vermuten lässt, insofern Dewey mit James gerne auf eine (anti-realistische) Seite des Pragmatismus geschoben wird und Peirce auf die andere (realistische) Seite. Ganz besonders prominent ist diese Gemeinsamkeit von Dewey und Peirce mit Blick auf den Zweifel und ich habe diesbezüglich nachgezeichnet, wie sich Dewey und Peirce wechselseitig gut ergänzen, und entwickelt, was das für andere affektive Zustände bedeuten könnte; das insbesondere auch wenn es um solche geht, die uns zunächst einmal erkenntnisfeindlich erscheinen – wie etwa Wut. Gerade bei Peirce findet sich nämlich eine sehr spannende Emotionstheorie, die, in Verbindung mit seiner Zeichentheorie, erlaubt, Emotionen als dynamische Erfahrungen zu verstehen, so dass es mit einer einfachen Interpretation bestimmter vermeintlich eindeutiger Charakteristika von so etwas wie ‚Angst‘ oder ‚Wut‘ oder ‚Freude‘ nicht getan ist. Damit eng verbunden ist die normative Idee, dass Emotionen so zu regulieren sind, dass unsere individuelle Erfahrung dazu, wie die Welt tatsächlich ist, auch passt. Entscheidend dabei ist für mich der Gedanke, dass es bei Emotionen gerade nicht um mich allein und meine subjektive Einstellung zu irgendetwas geht, sondern dass sie wichtige Informationen für uns und andere darüber sind, wie es um bestimmte Werte, über die wir uns einig sein bzw. werden müssen, bestellt ist. Bei all dem hat sich dann gezeigt, dass mich die sozialen Faktoren in der Erkenntnis viel mehr interessieren als die metaethischen Debatten, auf die ich vorgehabt hatte, meine pragmatistischen Einsichten anzuwenden. Insgesamt bin ich damit vielleicht noch stärker ins Peirce’sche Lager gewechselt, auch wenn ich wichtig finde, zu betonen, dass die Lager-Mentalität dem pragmatistischen Denken eigentlich fremd ist und wenn es doch durchbricht, meiner Meinung nach nicht gut tut.
Insofern bemühe ich mich auch darum, in nicht klar erkennbar pragmatistischen Zusammenhängen auszuweisen, was eine pragmatistische Herangehensweise leisten kann. Am produktivsten erscheinen mir hier die Verbindungen zur Frage nach Tugenden in der Erkenntnis – hier vertrete ich die These, dass man (in Analogie dazu, was Peirce ‚logische Sentimente‘ nennt) bestimmte dispositionale Emotionen als Tugenden verstehen kann. Mit Blick auf Probleme der praktischen Philosophie, insbesondere was tiefe Wertkonflikte betrifft, interessiere ich mich weiterhin für die Rolle von Wut. Genauer dienen mir all die Probleme und zum teil ja hoch emotionalen Konflikte rund ums Thema Mensch-Tier-Beziehungen in meiner Arbeit typischerweise zugleich als Ausgangspunkt und Prüfstein meiner Überlegungen. Als Pragmatistin ist man zwar, entgegen anti-intellektualistischer Vorurteile, nicht darauf festgelegt, nur Philosophie mit unmittelbarem Anwendungscharakter (was immer das sein mag) zu machen. Ich komme aber nicht nur aus der praktischen bzw. politischen Philosophie (meine Doktorarbeit habe ich bei Julian Nida-Rümelin zur „Geschichte von der guten Stadt“ geschrieben) und suche entsprechend nach Brücken oder Trampelpfaden zwischen meinen neuen und meinen alten Forschungsgebieten; mir liegt das Thema Mensch-Tier-Beziehungen auch genuin am Herzen (deswegen bin ich bspw. auch Mitglied bei Minding Animals Germany). Ich bin überzeugt davon, dass sich sowohl intellektueller als auch moralischer Fortschritt daran festmachen lassen, dass wir unsere Sensibilitäten gegenüber dem Leiden und den Bedürfnissen von nicht-menschlichen Tiere so realistisch wie nötig ausbilden und mit so viel Kreativität und sozialer Intelligenz wie möglich in neue Formen des gelingenden Miteinanders (oder auch respektvollen Nebeneinanders) übersetzen. Dazu gehört dann an erster Stelle, gut pragmatistisch, an all den unhinterfragten Praktiken systematisch die Form von Zweifel anzumelden, die dadurch qualifiziert ist, dass sie auf echte Probleme reagiert und auch die sozialen Mechanismen aufzudecken, die dazu führen, dass wir sie gewohnheitsmäßig nicht (oder nicht mehr) sehen. Wie diese Scheuklappen genau funktionieren und welche Rolle Gewissen und starke Emotionen in Situationen moralischen Lernens im Bereich nicht-menschliche Tiere und Umwelt funktionieren und besser funktionieren können – dieser Problemzusammenhang steht im Zentrum meines Anschlussprojektes, das ich gerade vorbereite. Teil dieses Projekts wird auch eine methodologische Diskussion sein, um besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen Philosophie in der Rückbesinnung auf intellektuelle Kritik eigentlich wirklich eine gesellschaftlich produktive Funktion haben kann. In dem Zusammenhang habe ich neben meinen akademischen Projekten auch ein großes Interesse an unterschiedlichen Formaten von public philosophy und probiere verschiedene Strategien aus, um Ideen und Probleme im öffentlichen Diskurs zu artikulieren – dabei spielt für mich jedenfalls nicht zuletzt die Literatur eine wichtige Rolle. Mehr über meine verschiedenen Projekte findet sich hier: www.maradariacojocaru.weebly.com.

Dunja Šešelja

(c) privat

(c) privat

I am a post-doctoral researcher at the Institute of Philosophy II at Ruhr-University Bochum (RUB), Germany, and I am also currently a visiting professor at Ghent University. My research topics include epistemic and methodological aspects of scientific inquiry, with a special emphasis on the context of scientific diversity. While my PhD research focused on the assessment of pursuit worthiness of scientific theories, during my post-doctoral research I have tackled issues concerning methodological and epistemic aspects of scientific disagreements, the impact of inconsistencies on the assessment of scientific theories, and formal modelling of scientific inquiry.
I graduated Philosophy at the University of Novi Sad, Serbia, and subsequently worked as a teaching assistant at the same department. Upon receiving a BOF (Bijzonder Onderzoeksfonds) grant by Ghent University, Belgium for students from developing countries, I continued my postgraduate education at Ghent University, where I completed the Postgraduate Studies in Logic, History and Philosophy of Science. Subsequently, I obtained a BOF grant for PhD studies at Ghent University as well, completing them with the dissertation: “Epistemic Evaluation in the Context of Pursuit and in the Argumentative Approach to Methodology”. I was then employed as a BOF post-doctoral researcher at the Centre for Logic and Philosophy of Science at Ghent University, and subsequently as a post-doctoral researcher at the Ruhr-University Bochum, where I am currently working at the Institute for Philosophy II.
My main areas of interest are philosophy of science, methodology of science, social epistemology, formal modelling of scientific inquiry, argumentation, and science policy. My research lies at the intersection of integrated history and philosophy of science, social epistemology, and formal approaches to scientific inquiry. On the one hand, I am interested in normative aspects of scientific inquiry, such as the question of warranted assessments of scientific theories. On the other hand, my work on these questions is essentially informed by historical case studies. More recently, I have investigated formal models of scientific inquiry (especially, agent-based models) and their fruitfulness in addressing certain methodological and socio-epistemological issues.
Throughout my research I have always strived to engage in collaborations with colleagues. In contrast to the old image of a (white male) philosopher writing in isolation from society and as a sole author of his manuscripts, my academic experience at Ghent University and Ruhr-University Bochum has taught me that collaborating with others is often the most fruitful method of conducting philosophical research. My most recent collaborative project, which is not only multi-authored but also interdisciplinary concerns an argumentative approach to agent-based modelling of scientific inquiry. Members of this team, formed as a part of the Research Group for Non-Monotonic Logic and Formal Argumentation (http://homepages.ruhr-uni-bochum.de/defeasible-reasoning/), have a background in philosophy of science, social epistemology, logic, argumentation theory, artificial intelligence and economics. The project aims at developing a highly modular agent-based model, fruitful for facilitating our understanding and explanation of various methodological and socio-epistemological aspects of scientific inquiry.
I am also a member of the steering committee of the research network ”Logical and Methodological Analysis of Scientific Reasoning Processes” (http://www.lmasrp.ugent.be/).
Website: https://rub.academia.edu/DunjaSeselja. Contact: Dunja Šešelja, post-doctoral researcher, Institute for Philosophy II, Ruhr-University Bochum.

Julia Zakkou

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Ich bin seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied der Emmy-Noether-Forschungsgruppe Ontologie nach Quine. Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Mitglied der DFG-Gruppe Metametaphysik. Nach Abschluss meines Studiums der Philosophie und Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war ich für ein Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für theoretische Philosophie am Seminar in Heidelberg. Meine Doktorarbeit im Bereich der Sprachphilosophie an der HU-Berlin habe ich im Dezember 2014 eingereicht und im Dezember 2015 verteidigt. Während meines Studiums und meiner Promotionszeit war ich für mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland: am King’s College der University of Cambridge, bei LOGOS in Barcelona, Arche in St Andrews und dem Northern Institute of Philosophy in Aberdeen. Bis Dezember 2016 bin ich Gast am Institut Jean Nicod in Paris.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachphilosophie und angrenzenden Bereichen der Linguistik.
In meiner Doktorarbeit mit dem Titel Tasty Contextualism habe ich mich mit fehlerfreien Meinungsverschiedenheiten befasst. Eine solche Meinungsverschiedenheit liegt z.B. dann vor, wenn zwei Personen ihre unterschiedlichen Geschmacksvorlieben zum Ausdruck bringen, indem die eine Person sagt „Lakritze ist lecker“ und die andere erwidert „Stimmt gar nicht. Lakritze ist widerlich!“ Der vorherrschenden Meinung zufolge können orthodoxe semantische Theorien dieses Phänomen nicht erklären. Nur der sog. Relativismus könne das. Er besagt, dass „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ Propositionen ausdrücken, die nur relativ zu einem Geschmacksparameter einen Wahrheitswert haben. In meiner Doktorarbeit verteidige ich die orthodoxe Semantik. Ich argumentiere für den sog. Kontextualismus, demzufolge „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ indexikalischen Sätzen ähneln (d.h. Sätzen wie „Ich heiße Julia“ und „Heute scheint die Sonne“) und die ausgedrückten Propositionen somit einen absoluten Wahrheitswert haben. Anders als herkömmliche Ausformulierungen erweitere ich den Kontextualismus um eine pragmatische These. Sie besagt, dass mit den fraglichen Urteilen eine Präsupposition der Überlegenheit des eigenen Standards oder Standpunktes verbunden ist.
In weiteren Aufsätzen beschäftige ich mich mit allgemeineren Fragen aus dem Bereich der Semantik und Pragmatik. Auf Seiten der Semantik interessiere ich mich für Indexikalia und Demonstrativa (wie „ich“, „heute“, „hier“ einerseits und „da“ und „dort“ andererseits) sowie weitere Arten kontext-abhängiger Ausdrücke. Auf Seiten der Pragmatik (im weiten Sinn) interessieren mich besonders Implikaturen und Präsuppositionen. Klassischen Bespiele für Implikaturen liefern die Sätze „Er hat eine schöne Handschrift“ und „Sie ist nach Hause gefahren und hat ein Bier getrunken“: Als Teil eines Philosophie-Empfehlungsschreibens wird mit dem ersten Satz implikiert, dass die fragliche Person philosophisch nicht besonders begabt ist. Als Teil eines Zeugenberichts bei der Polizei implikiert der zweite Satz, dass die fragliche Person erst nach Hause gefahren ist und dann ein Bier getrunken hat. Ein klassisches Beispiel für eine Präsupposition liefern Kennzeichnungen wie „meine Schwester“: Mit dem Satz „Meine Schwester ist die Beste“ präsupponiere ich, dass ich eine Schwester habe. Durch meine Arbeit in zwei Forschungsprojekten zur Metaontologie und Metametaphysik habe ich außerdem ein großes Interesse an Fragen aus dem Schnittbereich aus Sprachphilosophie und Ontologie entwickelt, etwa nach der Semantik und Pragmatik von metaphysischem Schlüsselvokabular wie Zahlausdrücken.
In meiner Habilitation mit dem Arbeitstitel In a Roundabout Way – Tests for Indirect Communication gehe ich der Frage nach, wie wir herausfinden können, auf welche Weise eine Person das, was sie meint, kommuniziert — ob sie es z.B. semantisch ausdrückt, implikiert oder präsupponiert. Tests zur Unterscheidung dieser verschiedenen Kommunikationsformen sind nicht nur für die Sprachphilosophie und Linguistik von großem Interesse. Sie gewinnen auch in anderen Bereichen der Philosophie, wie der Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik, zunehmend an Bedeutung.
Daneben habe ich zwei „kleine“ Nebenprojekte:
Im ersten geht es um eine besondere Art von subjunktiven Konditionalsätzen, nämlich um Anderson Conditionals. Das wohl bekannteste Beispiel für einen solchen Konditionalsatz stammt von Alan Anderson und lautet „If Jones had taken arsenic, he would have shown the same symptoms he actually shows“. Der vorherrschenden Meinung zufolge zeigen solcherlei Sätze, dass kontrafaktische Konditionalsätze nicht die Falschheit des Antezedens präsupponieren. Genauer: Sie übertragen diese Annahme von non-past subjunctive conditionals (wie z.B. „If Jones came to the party, he would bring flowers“, manchmal auch Potentialis-Sätze genannt) auf past subjuntive conditionals (wie den genannten Anderson-Satz oder z.B. auch „If Jones had come to the party, he would have brought flowers“, manchmal auch als Irrealis-Sätze bezeichnet). Ich argumentiere dafür, dass dieses Argument viel schwächer ist als bislang angenommen. Denn anders als man vielleicht vermuten mag, sprechen verschiedene sprachphilosophische und linguistische Tests dafür, dass auch Anderson Conditionals die Falschheit des Antezedens präsupponieren.
Im zweiten Projekt geht es ebenfalls um Konditionalsätze, diesmal aber um eine bestimmte Art von indikativischen Konditionalsätzen, nämlich um Biscuit Conditionals. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für solch einen Satz stammt von John Austin und lautet „If you want some, there are biscuits on the sideboard“. Der gängigen Auffassung zufolge liefern solcherlei Sätze Aufschluss darüber, welchen Beitrag das konditionale „then“ (bzw. „dann“) leistet. D.h. sie leisten Aufschluss darüber, wodurch sich z.B. der Satz „If you are hungry, I will buy you some biscuits“ vom Satz „If you are hungry, then I will buy you some biscuits“ unterscheidet. Denn in Biscuit Conditionals, so die These, kann „then“ nicht auftauchen. Ich argumentiere dafür, dass diese These falsch ist: Es gibt Biscuit Conditionals mit konditionalem „then“. Die Semantik und Pragmatik von „then“ scheint also komplizierter als bislang angenommen.
Weitere Informationen finden sich hier: juliazakkou.net

Lena Kästner

(c) privat

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Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2014 forsche ich hier in der Philosophie des Geistes und der Wissenschaftstheorie. Insbesondere widme ich mich wissenschaftlichen Erklärungen, Kausalität in den Spezialwissenschaften, unterschiedlichen Typen von Experimenten und dem Begriff des Phänomens. Ich unterrichte für den internationalen und interdisziplinären Masterstudiengang “Mind and Brain” Philosophie. Dies bereitet mir besonders deshalb große Freude, weil meine eigene akademische Laufbahn in einem ganz ähnlichen Umfeld begann.
Ab 2006 studierte ich Cognitive Science an der Universität Osnabrück. 2008 verbrachte ich ein Semester im Philosophy-Neuroscience-Psychology-Program an der Washington University in St. Louis, wo ich begann intensiv zur Geschichte der Kognitionswissenschaft und unterschiedlichen Theorien des Geistes zu arbeiten. 2009 wechselte ich an das University College London. Hier machte ich meinen Master in Cognitive Neuroscience und erforschte ich die kortikale Verarbeitung von Gebärdensprache. Meine philosophische Ausbildung war so von Anfang an eng mit der empirischen Erforschung des Gehirns gekoppelt.
Die Erfahrungen, die ich während der empirischen Arbeit gemacht habe, haben mein wissenschaftstheoretisches Interesse geweckt. Warum tun Wissenschaftler was sie tun? Wie kann man die Forschungspraxis verbessern? Und wie funktioniert das eigentlich, wenn Wissenschaftler kognitive Phänomene wie etwa Sprachverarbeitung oder Gedächtnis erklären? Letzteres sollte die Kernfrage meiner Dissertation werden.
Ich begann meine Promotion 2010 an der Ruhr-Universität Bochum unter der Betreuung von Albert Newen (Bochum). Während eines Auslandsaufenthaltes in den USA hatte ich das Glück auch mit Bill Bechtel (San Diego) und Carl Craver (St. Louis) zusammen zu arbeiten. Beide sind zentrale Figuren in der modernen Debatte um Erklärungen; von dem engen persönlichen Austausch mit ihnen profitiere ich noch heute.
Im Zentrum meiner Dissertation standen zwei philosophische Theorien, die sich beide an empirischer Forschungspraxis orientieren: die mechanistische Erklärungstheorie und der Interventionismus. Die mechanistische Erklärungstheorie besagt, dass Wissenschaftler Phänomene erklären, indem sie die ihnen zu Grunde liegenden Mechanismen identifizieren. Interventionsstudien sind dabei ein zentrales Instrument. Das sind Experimente, bei denen man einen Faktor X manipuliert um den Effekt auf einen anderen Faktor Y zu testen.
Zunächst scheint die Kombination von Mechanismen und Interventionen ein plausibles Bild experimenteller Forschung zu zeichnen. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch Missstände auf; zwei davon habe ich in meiner Arbeit eingehend diskutiert:
  1. Im Interventionismus sind Interventionen dazu gedacht, Kausalverbindung aufzudecken. In mechanistischen Erklärungen spielen aber auch andere Relationen eine Rolle, z.B. Teil-Ganzes Beziehungen. Und diese lassen sich per Definition nicht mittels Interventionen analysieren.
  2. Zweitens ist der Fokus auf Interventionen für das Verständnis wissenschaftlicher Praxis zu einseitig. Wissenschaftler nutzen eine ganze Reihe weiterer Strategien, wenn Sie Mechanismen erforschen. Ein simples Beispiel ist die Zellfärbung. Wissenschaftler tauchen Gewebeproben in Lösungen, um bestimmte Strukturen sichtbar zu machen. Hierbei handelt es sich zwar um eine Manipulation, aber keine Intervention im technischen Sinne. Das Baden in der Lösung färbt die Zellen, aber Ziel der Wissenschaftler ist nicht zu testen, ob sich die Zellen färben; das ist ja bereits bekannt. Vielmehr ist die Zellfärbung ein Werkzeug, die dazu dient, vorhandene Strukturen sichtbar zu machen, gerade weil das Bad ja bestimmte Strukturen färbt. Diese Art nicht-interventionistischer Manipulation nenne ich bloße Interaktion (mere interaction). Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung von Mechanismen bzw. deren Komponenten.
Nun wissen wir, dass unterschiedliche Experimente zu (mechanistischen) Erklärungen beitragen. Aber wie entscheiden Wissenschaftler, welche Experimente sie durchführen? In neueren Arbeiten zeige ich, dass die Wahl der Experimentalstrategie wesentlich davon gesteuert wird, welche Art von Phänomen erklärt werden soll. Geht es mir um die Stadien, die ein Prozess durchläuft? Will ich herausfinden, wie ein Endprodukt entstanden ist? Oder will ich verstehen, wie ein relativ stabiles Gleichgewicht reguliert wird? Diese Fragen setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte und zu ihrer Beantwortung bedarf es entsprechend unterschiedlicher Forschungs- und Erklärungsstrategien. Um das zu erkennen, müssen wir uns aber nicht nur mit Experimenten auseinandersetzten, sondern auch damit, was eigentlich die zu erklärenden „Phänomene“ sind.
Neben meiner Arbeit zu Experimenten widme ich mich aktuell der Philosophie der Psychiatrie. Insbesondere interessiert mich die Frage, welche Konzeptionen von Körper, Geist, Krankheit und Kausalität der klinischen Praxis zu Grunde liegen und wie sich das z.B. auf die Erforschung psychischer Krankheiten auswirkt.
Eine Theorie, die unser Verständnis psychischer Krankheiten verbessern soll ist Predicitve Coding. Die Grundidee ist, kurz gefasst, dass sämtliche zentralnervösen Prozesse auf Vorhersagen und deren Abgleich mit der Wirklichkeit basieren. Normalerweise triggern Vorhersagefehler Lernprozesse; aber wenn die Abweichungen zu groß sind, kann das zu Pathologien führen.
Predictive Coding soll nicht nur Psychopathologien erklären, es wirft auch neues Licht auf die grundsätzliche Rolle des Körpers für kognitive Prozesse. Verfechter führen außerdem an, dass Predictive Coding dank seines mathematischen Charakters die ganze Bandbreite kognitiver Prozesse abbilden kann. Somit soll Predictive Coding für die Neurowissenschaft etwa das sein, was für die Physik die Thermodynamik ist. Bei aller Euphorie bleibt jedoch zu bemerken, dass wesentliche Fragen bisher ungeklärt sind. Handelt es sich bei Predictive Coding überhaupt um eine Theorie im engeren Sinne? Kann man sie empirisch fundieren, und wenn ja, wie? Mit diesen Fragen setze ich mich derzeit kritisch auseinander.
Wenn ich Sie neugierig gemacht habe, besuchen Sie mich doch gern auf meiner Homepage (www.lenakaestner.de) oder kontaktieren Sie mich persönlich.

Janina Loh

Janina Loh (c) Nana Thurner

Janina Loh (c) Nana Thurner

Ich bin seit April 2016 Universitätsassistentin in der Technik- und Medienphilosophie bei Mark Coeckelbergh an der Universität Wien. Neben meiner Habilitation zu den Posthumanistischen Elementen in Hannah Arendts Werk und Denken (Arbeitstitel) arbeite ich gerade vorrangig an einer Einführung in den Trans- und Posthumanismus, die im Frühjahr 2018 bei Junius erscheinen wird.
Ich habe 2009 mein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zum Verantwortungskonzept bei Hannah Arendt abgeschlossen. Arendt hat mich vom ersten bewussten Lesen während des Studiums an tief bewegt und mein Denken nachhaltig geprägt. In meiner Masterarbeit, die in überarbeiteter Form im Archiv für Begriffsgeschichte publiziert wird, vertrete ich die These, dass man Arendts Werk mit dem Interpretationsmoment der Verantwortung regelrecht ‚aufschließen‘ kann. Überraschenderweise wurde bislang noch keine umfassende Studie zur Verantwortung bei Arendt angestellt – diejenigen unter den Arendt-Forscher_innen, die sich diesem Phänomen bislang explizit zugewandt haben, betrachten zumeist nur einzelne Ausschnitte aus ihrem Werk. In meiner Arbeit werden chronologisch über 25 Jahre alle wesentlichen Texte und Textstellen betrachtet, in denen Arendt wörtlich von Verantwortung spricht. Diese vornehmlich philologische Textarbeit stellt die Grundlage für eine philosophische Diskussion dar, die in dem Artikel nur angerissen werden kann, indem das jeweilige Verantwortungskonzept auf Kohärenzen mit den anderen Texten kritisch reflektiert wird. Insbesondere Arendts Ausführungen in der Vita activa sind für mein Konzept der doppelten Daseinsverantwortung, das ich später in meiner Dissertation entwickelt habe, von großer Relevanz.
Von 2009 bis 2013 habe ich im Rahmen des Graduiertenkollegs Verfassung jenseits des Staates: Von der europäischen zur globalen Rechtsgemeinschaft? an der HU promoviert, betreut durch Volker Gerhardt und Rahel Jaeggi. In meiner Dissertation – Verantwortung als Begriff, Fähigkeit, Aufgabe. Eine Drei-Ebenen-Analyse (Springer 2014) – geht es darum, aus einer etymologischen Minimaldefinition von Verantwortung alle Merkmale zu einer Begriffsbestimmung abzuleiten. Nur in den Kontexten, in denen alle Relationselemente der Verantwortung voll definiert sind, ist klar, was Verantwortung heißt. Eine reine Auseinandersetzung mit dem Wort ist jedoch nicht hinreichend für ein Verständnis von Verantwortung in einem gegebenen Moment. Das Phänomen ist im Ganzen als Begriff, als Fähigkeit und als Aufgabe zu erfassen. Vor diesem Programmhintergrund lautet die zentrale Frage meiner Dissertation: Wie kann das Konglomerat aus Begriff und Begriffsgebrauch, dem Wissen über verantwortliches Handeln und über die Funktion von Rollen sowie der direkten Anschauung einer Situation und dem spontanen Handeln aus dieser Situation heraus, in der nach Verantwortung gefragt wird, uns zur Identifizierung der Kontexte dienlich sein, in denen es Sinn macht, von Verantwortung zu sprechen?
Nach meiner Verteidigung im Februar 2013 bin ich im April desselben Jahres an die Christian-Albrechts-Universität Kiel zu Ludger Heidbrink gelangt. Mit ihm und Claus Langbehn publiziere ich gerade das Handbuch Verantwortung bei Springer. Doch durch meine zeitgleiche Zusammenarbeit mit Catrin Misselhorn an der Universität Stuttgart konnte ich die noch recht junge philosophische Bereichsdisziplin der Roboterethik für mich entdecken und hierüber den weiteren Horizont der Technikphilosophie.
Für Verantwortung interessiere ich mich immer noch sehr – v.a. im Bereich der Technik wie bspw. in unserem Umgang mit den neuen Medien und in der Mensch-Maschine-Interaktion. Ich denke, dass sich unser traditionelles Verständnis von Verantwortung gegenwärtig vor einige Herausforderungen gestellt sieht – u.a. deshalb, da mit dem vergangenen Jahrhundert neue potenzielle Anwärter_innen in die Arena der zur Verantwortung potenziell angesprochenen Wesen traten: Roboter. Daher schreibe ich gerade viel zur Verantwortung und Roboterethik und plane mit Catrin Misselhorn ein Kompendium zur Roboterethik bei Metzler.
Mich faszinieren Vervollkommnungs- und Überwindungstheorien des Menschen, was meine Auseinandersetzung mit den Strömungen des Trans- und Posthumanismus erklärt. Es handelt sich dabei um zwei (bzw. drei) Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Diskurse aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften, Informatik und KI-Forschung vereinen und sich an der Grenze von philosophischer Anthropologie und Technikphilosophie verorten lassen. Der Transhumanismus will den Menschen optimieren. Der technologische Posthumanismus hingegen zielt auf eine Überwindung des Menschen in der Erschaffung einer artifiziellen Alterität. Der kritische Posthumanismus schließlich bricht durch die Hinterfragung traditioneller Kategorien mit unserem humanistischen Verständnis vom Menschen. Ich sehe insbesondere den Transhumanismus mit seinen kapitalistischen Besitz- und Kontrollbestrebungen sowie den technologischen Posthumanismus eines Ray Kurzweil mit seinem cartesianischen Geist-Körper-Dualismus und seiner Leibverachtung ausnehmend kritisch, was ich bereits in einigen kleineren Publikationen diskutiert habe.
Ich verstehe mich als kritische Posthumanistin in der Tradition von Haraway, Barad, Wolfe, Braidotti und Latour, wobei man hier mit guten Gründen nur schwer von einer einheitlichen Schule sprechen kann. In meiner Einführung in den Trans- und Posthumanismus arbeite ich gegenwärtig die Elemente des ausnehmend heterogenen Denkens kritischer Posthumanist_innen heraus. Diese Publikation lässt sich als eine Vorstudie zu meinem Habilitationsprojekt begreifen, in dem ich eine eigene Theorie kritisch posthumanistischer Reflexion vorstellen und damit an Arendt, die selbst keine Posthumanistin ist, zweierlei zeigen möchte: zum einen, dass einige für ihr Schaffen fundamentalen Aspekte auch für den kritischen Posthumanismus treibende Momente darstellen und zum anderen, dass Arendt auf einige Herausforderungen, mit denen kritische Posthumanist_innen ringen, eine Antwort geben kann.
 
Für weitere Informationen: http://philtech.univie.ac.at/team/janina-loh-nee-sombetzki/ und https://univie.academia.edu/JaninaSombetzki
Für Kontakt und Rückfragen: janina.loh@univie.ac.at

Anna Leuschner

AL

(c) privat

Ich habe in Bielefeld Philosophie und Geschichte studiert und wurde 2011 in Bielefeld mit einer Arbeit zur Glaubwürdigkeit politisch relevanter Wissenschaften am Beispiel der Klimaforschung promoviert. Im Anschluss war ich ein Jahr Assistentin in Bielefeld und wechselte dann nach Karlsruhe, wo ich von 2012 bis 2015 als Postdoc am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gearbeitet habe. Seit Oktober 2015 bin ich Postdoc im DFG-Graduiertenkolleg “Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research” an der Leibniz Universität Hannover.
Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Wissenschaftstheorie und der sozialen Erkenntnistheorie. Mich interessiert, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisverfahren beeinflussen. Konkret erforsche ich derzeit die epistemischen Möglichkeiten und Grenzen von sozialer Pluralität.
Es ist unstrittig, dass bestimmte Formen wissenschaftlicher (methodischer und theoretischer) Pluralität epistemisch fruchtbar sind. Darunter fallen beispielsweise beobachtungsprozedurale und instrumentelle Pluralität: Verschiedene experimentelle und messtechnische Verfahren können unabhängig voneinander Hypothesen bestätigen oder falsifizieren. Auch können sie verschiedene Eigenschaften eines Phänomens erst erkennbar machen, wodurch eine Hypothese entsprechend verfeinert werden kann.
Das zeigt sich besonders deutlich in Bereichen der Forschung, die sehr komplexe Forschungsgegenstände untersuchen. Hier werden die besten Ergebnisse dadurch erzielt, dass Daten und Forschungsergebnisse aus verschiedenen, teils auch interdisziplinären Forschungsbereichen zusammengeführt werden. Wo einzelne, lokal und temporär begrenzte Messreihen und Experimente wenig aussagekräftig bleiben, können durch Vergleiche und Kombinationsverfahren vieler solcher Untersuchungen oft dennoch verlässliche Ergebnisse erzielt werden.
Unklar ist jedoch, inwiefern für die Bereitstellung hinreichender wissenschaftlicher Pluralität soziale Pluralität erforderlich ist. Soziale PluralistInnen argumentieren, dass die im Entdeckungskontext liegenden sozialen und psychischen Umstände einer wissenschaftlichen Entdeckung nicht eindeutig von den im Rechtfertigungskontext liegenden kognitiven Geltungsansprüchen zu trennen sind: Objektivität im Sinne individueller Werteneutralität könne es nicht geben, da jeder einzelne Mensch zwangsläufig eine bestimmte, kontextabhängige Perspektive auf die Welt habe, geprägt von sozialem Status, Bildung, Nationalität, Geschlecht, individuellen Erfahrungen usw.
Diese perspektivische Gebundenheit beeinflusse die Forschung einzelner WissenschaftlerInnen durch sogenannte Hintergrundannahmen, was bedeutet, dass nicht-epistemische (z.B. moralische, politische, ökonomische) Werte im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang vorausgesetzt werden. Daher sei eine Eliminierung nicht-epistemischer Werte aus den wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen nicht möglich; soziale PluralistInnen fordern deshalb, nicht-epistemische Vorurteile in der Wissenschaft – wenn sie sich schon nicht eliminieren lassen – durch Kultivieren sozialer Wertevielfalt zu kontrollieren.
Allerdings ist das nicht ganz einfach. So müssen sich VerfechterInnen von sozialem Pluralismus der Herausforderung stellen, dass soziale Pluralität auch erkenntnishemmend sein kann, wenn nämlich unqualifizierte Beiträge Eingang in wissenschaftliche Diskussionen finden. So wichtig soziale Pluralität also aus epistemischen Gründen sein mag, sie bedeutet zugleich eine besondere Herausforderung an die wissenschaftliche Qualitätssicherungspraxis. Mit Hilfe bestimmter Qualitätsstandards (in der Wissenschaftstheorie werden klassischerweise Listen methodologischer Werte vorgebracht, wie z.B. Einfachheit, Fruchtbarkeit, Konsistenz, etc.) müssen unqualifizierte Beiträge aus den wissenschaftlichen Diskussionen ausgeschlossen werden. Doch müssen solche Standards im konkreten Fall interpretiert und gewichtet werden, was die für wissenschaftlichen Fortschritt erforderliche Pluralität in der Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Dabei können wieder nicht-epistemische Werte entscheidend sein. Um dennoch zu einer Einigung zu gelangen, sind daher bestimmte theoretische, konzeptuelle und methodische Annahmen entscheidend, die innerhalb einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits etabliert sind. Das führt jedoch dazu, dass diese Annahmen selbst nicht zum Gegenstand von Kritik werden können, weil Kritik an ihnen von vornherein ausgeschlossen wird.
Das zeigt sich beispielsweise am peer review-Verfahren. Hier können von GutachterInnen, KonferenzorganisatorInnen oder ZeitschriftenherausgeberInnen angenommene Standards bereits Vorurteile enthalten oder durch Vorurteile verzerrt interpretiert werden, so dass systematisch Beiträge bestimmter Personengruppen ausgeschlossen werden. Dies birgt die Gefahr, dass das eigentliche Ziel – die Sicherung wissenschaftlicher Objektivität – verfehlt wird, wenn innovative Beiträge aus den Diskussionen ausgeschlossen werden, weil sie etablierten Annahmen nicht genügen. Ich gehe hier der Frage nach, wie die sozialpluralistischen Einsichten umgesetzt werden können, ohne die Einhaltung wissenschaftlicher Standards einem konstruktivistischen Relativismus zu opfern.
Ein zweites Problem für sozialen Pluralismus ist, dass bestimmte Beiträge in wissenschaftlichen Debatten offenbar epistemisch schädlich sind. Dies habe ich mit meinem Kollegen Justin Biddle vom Georgia Institute of Technology anhand von Fällen untersucht, die die historische und soziologische Wissenschaftsforschung unter dem Stichwort „Agnotology“ aufgedeckt hat: Interessengruppen versuchen, durch Diskreditierung von WissenschaftlerInnen, gezielte Selektion von Daten und Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Besonders stark sind Gesundheits- und Umweltwissenschaften betroffen; so wird beispielsweise von Seiten der Tabakindustrie versucht, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Frage zu stellen, Medikamententests werden in von Pharmakonzernen finanzierten Testreihen manipuliert, um Medikamente schneller auf den Markt bringen zu können, und der anthropogene Klimawandel wird durch lobbyistischen Einfluss der Kohle- und Ölindustrie bezweifelt.
Während von KlimaskeptikerInnen behauptet wird, ihre Aktivitäten seien epistemisch nützlich, da sie unabhängige Kritik und Kontrolle der etablierten Wissenschaft hervorbrächten, gibt es starke Indizien (zum einen Aussagen von ForscherInnen, zum anderen empirische Untersuchungen), dass KlimaforscherInnen Daten zu optimistisch interpretieren, um nicht von KlimaskeptikerInnen angefeindet und diskreditiert zu werden. Dies zeigt, dass die Einflussnahme der Industrie auf die Klimaforschung durch das Protegieren von klimaskeptischen Aktivitäten die wissenschaftliche Diskussion in epistemisch schädlicher Weise behindert und unausgewogene Ergebnisse durch eine Neigung zu falsch-negativen Fehlern begünstigt.
Allgemein gesprochen sind folglich, wie Justin und ich gezeigt haben, solche Beiträge epistemisch schädlich, die Voreingenommenheiten in der Wissenschaft fördern, wenn durch ihren Einfluss beispielsweise systematisch bestimmte Interpretationsweisen von Daten bevorzugt oder bestimmte Hypothesen vernachlässigt werden.
Eine Liste meiner Publikationen und Vorträge findet sich unter https://annaleuschner.wordpress.com/

Christiana Werner

(c) privat

(c) privat

Ich bin seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften (GSGG) an der Georg-August-Universität Göttingen und Mitglied der Nachwuchsgruppe „Sprache, Kognition und Text“. Promoviert habe ich 2012 als assoziiertes Mitglied des DFG-Projekts „Wissen und Bedeutung in der Literatur“ an der Universität Regensburg. Meine Betreuer / Gutachter waren Prof. Dr. Hans Rott (Regensburg) und Prof. Dr. Mark Textor (King‘s College London). Davor war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen, wo ich – abgesehen von einem Ausflug an die Universität Turin – auch studiert habe.
In meiner Dissertation habe ich mich mit der sprachphilosophischen Frage beschäftigt, wie fiktionales Erzählen mithilfe sprechakttheoretischer Terminologie beschrieben und erklärt werden kann. Dabei habe ich sowohl gegen John Searle argumentiert, der behauptet, fiktionales Erzählen sei ein So-tun-als-ob-Handeln, als auch gegen die weitverbreitete These, fiktionale Äußerungen müssten als Aufforderung an die Leser_innen, sich das Erzählte vorzustellen, verstanden werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass fiktionales Erzählen als Vollzug illokutionärer Akte eines eigenen Typs zu verstehen ist. Dafür spricht, u.a. dass diese sprachliche Tätigkeit nicht nur negativ, in Abgrenzung zu behauptenden Äußerungen, zu bestimmen ist, denn es lassen sich speziell für diese sprachliche Handlung Regeln und Konventionen benennen. Dies wird auch von Vertretern der Aufforderungsthese behauptet. Im Gegensatz zu dieser Position argumentiere ich aber dafür, dass fiktionales Erzählen der Vollzug deklarativer illokutionärer Akte ist. Gemäß Searles Typologie illokutionärer Akte können Sprecher_innen mit Deklarationen soziale Tatsachen erschaffen. So wird es beispielsweise durch den Vollzug einer Taufe der Fall, dass ein Schiff fortan einen bestimmten Namen trägt. Die Handlung der Autor_innen fiktionaler Texte sind, so nehme ich an, ähnlich zu beschreiben, wie das Erschaffen sozialer Tatsachen. Indem sie erzählen, erschaffen Autor_innen fiktionaler Texte fiktive Figuren. Ich argumentiere für eine ontologische Annahme, nämlich, dass fiktive Figuren als Rollen zu verstehen sind, die typischerweise in der realen Welt keinen Träger haben. Indem sie fiktional erzählen, erschaffen Autor_innen diese Rollen und legen deren Eigenschaften fest.
Obwohl mein aktuelles Postdoc-Projekt auch mit Fiktion zu tun hat, ist es im Bereich der Philosophie des Geistes anzusiedeln, denn ich beschäftige mich mit den emotionalen Reaktionen, die wir häufig haben, wenn wir fiktionale Medien rezipieren: Wir fürchten uns vor dem weißen Hai, freuen uns, wenn Harry Potters Mannschaft im Quidditch gewinnt, und manche von uns haben Mitleid mit Anna Karenina. Häufig werden diese Reaktionen unter dem Label „Fiktionsparadox“ diskutiert. Vielleicht gibt es keine andere philosophische Debatte, über die so häufig geschrieben wird, dass sie uninteressant und überflüssig ist. Ich glaube aber, dass unsere emotionalen Reaktionen auf Fiktion („fiktionale Emotionen“) eine Reihe von Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für eine allgemeine Theorie der Emotionen relevant ist. Außerdem stellen sich interessanterweise auch in Bezug auf unsere empathischen Reaktionen mit unseren Mitmenschen zum Teil die gleichen Fragen, die auch für fiktionale Emotionen geklärt werden müssen: Sind diese Reaktionen „echte“ Emotionen? Oder sollten sie z.B. aufgrund der Rolle, die die Imagination in diesen Fällen spielt als „unechte“ oder „Quasi-Emotionen“ (K. Walton) deklariert werden? Haben wir aufgrund von fiktionalen Emotionen Tendenzen zu handeln oder sind diese eventuell nicht vorhandenen Handlungstendenzen ein relevantes Unterscheidungskriterium?
Ich vertrete in diesen Fragen die Position, dass die Rolle der Imagination kein geeignetes Kriterium ist, um „echte“ von „unechten“ Emotionen zu unterscheiden, da die Imagination in vielen Fällen eine relevante Rolle spielt. Dies gilt auch für das Fehlen von Handlungstendenzen. Einerseits zeige ich, dass die z.B. von K. Walton vertretene These, fiktionale Emotionen hätten keine Handlungstendenzen, so nicht haltbar ist. Es sind nur sehr bestimmte Handlungen, die wir typischerweise nicht ausführen (oder nicht dazu tendieren, sie auszuführen), wenn wir emotional auf Fiktion reagieren und auch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal fiktionaler Emotionen. Diese Beobachtungen sprechen dafür, die Unterscheidung von „echten“ und „unechten“ Emotionen aufzugeben. Eine allgemeine Theorie der Emotionen muss stattdessen der Vielfalt emotionaler Reaktionen Rechnung tragen, was dazu führt, dass die Rolle der Imagination in die Überlegungen mit einbezogen werden muss. Die Beobachtungen legen außerdem nahe, dass Handlungen oder Tendenzen zu Handlungen nur in sehr eingeschränkter Weise zur Individuierung einzelner Emotionstypen im Rahmen einer Theorie herangezogen werden können.
In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Emotionen und Empathie für Verstehensprozesse spielen, dabei interessiert mich insbesondere das Verstehen anderer Menschen und Kunstverstehen. In diesem Zusammenhang organisiere ich zusammen mit Prof. Dr. Tilmann Köppe und Dr. Daniele Panizza eine interdisziplinäre VW-Sommerschule „The Role of Empathy and Emotion in Understanding Fiction“, die im März 2017 in Göttingen stattfinden wird.
Für weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/447250.html