Sandra Frey

(c) privat

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Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

Elif Özmen

Elif Oezmen

(c) Elif Özmen

“Ich bin ein vor Hochmut trunkenes und durchsichtiges wahres Nichts… Daher will ich die Welt besitzen.” Es sind Sätze wie dieser, die mich als junge Frau zur Philosophie gebracht haben, denn was Jean Paul Sartre in seinem Tagebuch formulierte, traf meine damalige Unrast und Neugierde auf den jugendlichen Kopf. Ich begann ein Studium der Philosophie (in dem Sartre bis heute übrigens keine Rolle spielt), Politikwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Deutschen Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen, das ich nach einem kurzen Zwischenspiel in Frankfurt 1999 abschloss.
Früh – und letztlich unerklärlich – waren es Fragen der praktischen Philosophie, zunächst der theoretischen Ethik, dann der politischen Philosophie und gegenwärtig auch der Anthropologie, die mich in besonderer Weise intellektuell angezogen haben. Das mag nicht nur, aber eben auch, bestimmten Personen geschuldet sein – Günther Patzig und sein gerade angetretener Nachfolger Julian Nida-Rümelin waren grundverschiedene und sich herrlich ergänzende starke Köpfe der Göttinger Philosophie, gleiches gilt für Konrad Cramer und Wolfgang Carl, an dessen legendärem Freitagabend-Kolloquium ich teilnehmen (und scharfe, nahezu brutale Kritik aushalten lernen) durfte. Meine Göttinger Zeit hat mich für das Leben geprägt, u.a. habe ich hier die vom Aussterben bedrohte Lebensform des hochgebildeten Ordinarius kennengelernt (die man heute lächerlich finden mag, weil sie keine Drittmittel und auch keine „Forschungsprojekte“ verfolgte, sondern schlicht und einfach der Philosophie als einer Geisteswissenschaft nachging, welche Geist und Wissen sowie Witz, in beiderlei Sinn des Wortes, erforderte).
Meine Promotionszeit habe ich an der Humboldt Universität zu Berlin verbracht, mit einem Stipendium der Studienstiftung, welches Glück und Problem zugleich darstellte. Zum einen musste ich für meinen Lebensunterhalt nicht arbeiten, sondern konnte mich vollständig auf mein Thema einlassen (die neuere Diskussion um das gelungene Leben, die mit den Namen von Bernard Williams, Susan Wolf, Philippa Foot, Martha Nussbaum verbunden ist und eine dezidierte Kritik an einem rationalistischen Verständnis von normativer Rechtfertigung und Moral-Theorie formuliert, veröffentlicht bei Mentis 2005: „Moral, Rationalität und gelungenes Leben“). Zum anderen hatte ich aber keine institutionelle Einbettung, keine äußeren Pflichten, keinen Chef, keinen geregelten Tagesablauf. Diese Spannung zwischen Einsamkeit, Freiheit und Verantwortung war durchaus belastend, aber ich bin nicht sicher, ob ich es anders geschafft hätte, meine Gedanken zu bündeln und schlussendlich promoviert zu werden.
Im Anschluss konnte ich das andere Extrem erleben – mit einer vollen Assistentinnen-Stelle in München (2004-2011), zahlreichen Lehr- und Administrationspflichten, einem anspruchsvollen Chef und einem Tagesablauf, der so dicht gefügt war, dass die Habilitation sich immer irgendwie dazwischen quetschen lassen musste. 2010 erhielt ich die Venia für Philosophie für eine Arbeit, die sich begründungstheoretischen Problemen der Philosophie des Liberalismus, mithin den Wahrheitsansprüchen der freiheitlichen Demokratie, widmete („Wahrheit und Rechtfertigung. Zur politischen Philosophie des Liberalismus“, unveröffentlicht).
2011 und 2012 konnte ich eine Professur an der Universität Hamburg vertreten und habe dann den Ruf auf eine W2-Professur für praktische Philosophie in Regenburg angenommen. Seit Oktober 2016 bin ich Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophie mit den Schwerpunkten theoretische Ethik und politische Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Meine derzeitigen Forschungsinteressen haben mit dem Menschlichen und dem Unmenschlichen zu tun. Über das Menschliche reflektiere ich im Sinne der anthropologischen Voraussetzungen normativer Theorien. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in der internationalen Debatte die Rede von einem anthropological turn etabliert. Anlass hierzu waren sowohl philosophie-interne Entwicklungen (etwa das Entstehen der Neurophilosophie) als auch bahnbrechende Entwicklungen in empirischen Disziplinen (Evolutionstheorie, Neurowissenschaft, Verhaltensforschung, KI). Durch die Frage nach den Unterschiedenen und Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier/Computer/Roboter wird die – genuin anthropologische – Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen (wieder) gestellt und dezidiert nicht-essentialistische Reflexionen unternommen, die auf die „charakteristische menschliche Lebensform“, die „conditio humana“, die „Natur des Menschen“ und andere anthropologische Topoi Bezug nehmen. Mein gegenwärtiges Interesse an dieser Debatte betrifft einen Komplex metaphilosophischer Fragen, deren Analyse die Offenlegung des anthropologischen Ausgangs- und Bezugspunktes unserer Normenbildung intendiert.
Das Unmenschliche interessiert mich im Zusammenhang mit der Frage nach der Theoretisierbarkeit von Ungerechtigkeit. Die humanitären Katastrophen der beiden Weltkriege, der Totalitarismus und die völkermörderischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit markieren einen tiefen historischen und systematischen Einschnitt, auch für die praktische Philosophie. Neben einer Selbstkritik, die die ideengeschichtlichen Voraussetzungen totalitärer Herrschaft und menschenrechtlicher Aporien reflektierte, wurde ab den 1950er Jahren ein Demokratie-Paradigma entwickelt, demzufolge die (freiheitliche) Demokratie die am wenigsten schlechte Herrschaftsform darstellt. Für die Position der normativen Alternativlosigkeit der Demokratie habe ich in den letzten Jahren im Sinne einer objektivistischen Theorie der Gerechtigkeit vielfältig argumentiert und publiziert. Nunmehr wende ich mich der Frage der Ungerechtigkeit, Unmoral und Unmenschlichkeit (dem „Bösen“) zu, gewissermaßen in Anknüpfung an die historische Situation, aus der heraus das moderne Demokratie- und Menschenrechtsparadigma entwickelt und etabliert wurde. Mich interessiert zum einen, ob und wie sich diese normative Semantik einfügen lässt in die bekannten Konzepte des Rechten und Guten (und die für die liberale Demokratie-Theorie charakteristische Priorisierung des Rechten). Zum anderen möchte ich untersuchen, wie weit man argumentativ im Ausgang von einer rein dystopischen Werttheorie kommt. Schließlich könnte sich herausstellen (wie es Judith Shklar in ihrem Liberalism of Fear andeutet), dass diejenigen moralischen Urteile, die allgemeine Verbindlichkeit, mithin objektive Geltung beanspruchen können, nur dasjenige betreffen, wovor jeder Mensch guten Grund hat, sich zu fürchten.
Mehr zu meiner Arbeit und Person findet sich auf meiner Homepage.

Janina Loh

Janina Loh (c) Nana Thurner

Janina Loh (c) Nana Thurner

Ich bin seit April 2016 Universitätsassistentin in der Technik- und Medienphilosophie bei Mark Coeckelbergh an der Universität Wien. Neben meiner Habilitation zu den Posthumanistischen Elementen in Hannah Arendts Werk und Denken (Arbeitstitel) arbeite ich gerade vorrangig an einer Einführung in den Trans- und Posthumanismus, die im Frühjahr 2018 bei Junius erscheinen wird.
Ich habe 2009 mein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zum Verantwortungskonzept bei Hannah Arendt abgeschlossen. Arendt hat mich vom ersten bewussten Lesen während des Studiums an tief bewegt und mein Denken nachhaltig geprägt. In meiner Masterarbeit, die in überarbeiteter Form im Archiv für Begriffsgeschichte publiziert wird, vertrete ich die These, dass man Arendts Werk mit dem Interpretationsmoment der Verantwortung regelrecht ‚aufschließen‘ kann. Überraschenderweise wurde bislang noch keine umfassende Studie zur Verantwortung bei Arendt angestellt – diejenigen unter den Arendt-Forscher_innen, die sich diesem Phänomen bislang explizit zugewandt haben, betrachten zumeist nur einzelne Ausschnitte aus ihrem Werk. In meiner Arbeit werden chronologisch über 25 Jahre alle wesentlichen Texte und Textstellen betrachtet, in denen Arendt wörtlich von Verantwortung spricht. Diese vornehmlich philologische Textarbeit stellt die Grundlage für eine philosophische Diskussion dar, die in dem Artikel nur angerissen werden kann, indem das jeweilige Verantwortungskonzept auf Kohärenzen mit den anderen Texten kritisch reflektiert wird. Insbesondere Arendts Ausführungen in der Vita activa sind für mein Konzept der doppelten Daseinsverantwortung, das ich später in meiner Dissertation entwickelt habe, von großer Relevanz.
Von 2009 bis 2013 habe ich im Rahmen des Graduiertenkollegs Verfassung jenseits des Staates: Von der europäischen zur globalen Rechtsgemeinschaft? an der HU promoviert, betreut durch Volker Gerhardt und Rahel Jaeggi. In meiner Dissertation – Verantwortung als Begriff, Fähigkeit, Aufgabe. Eine Drei-Ebenen-Analyse (Springer 2014) – geht es darum, aus einer etymologischen Minimaldefinition von Verantwortung alle Merkmale zu einer Begriffsbestimmung abzuleiten. Nur in den Kontexten, in denen alle Relationselemente der Verantwortung voll definiert sind, ist klar, was Verantwortung heißt. Eine reine Auseinandersetzung mit dem Wort ist jedoch nicht hinreichend für ein Verständnis von Verantwortung in einem gegebenen Moment. Das Phänomen ist im Ganzen als Begriff, als Fähigkeit und als Aufgabe zu erfassen. Vor diesem Programmhintergrund lautet die zentrale Frage meiner Dissertation: Wie kann das Konglomerat aus Begriff und Begriffsgebrauch, dem Wissen über verantwortliches Handeln und über die Funktion von Rollen sowie der direkten Anschauung einer Situation und dem spontanen Handeln aus dieser Situation heraus, in der nach Verantwortung gefragt wird, uns zur Identifizierung der Kontexte dienlich sein, in denen es Sinn macht, von Verantwortung zu sprechen?
Nach meiner Verteidigung im Februar 2013 bin ich im April desselben Jahres an die Christian-Albrechts-Universität Kiel zu Ludger Heidbrink gelangt. Mit ihm und Claus Langbehn publiziere ich gerade das Handbuch Verantwortung bei Springer. Doch durch meine zeitgleiche Zusammenarbeit mit Catrin Misselhorn an der Universität Stuttgart konnte ich die noch recht junge philosophische Bereichsdisziplin der Roboterethik für mich entdecken und hierüber den weiteren Horizont der Technikphilosophie.
Für Verantwortung interessiere ich mich immer noch sehr – v.a. im Bereich der Technik wie bspw. in unserem Umgang mit den neuen Medien und in der Mensch-Maschine-Interaktion. Ich denke, dass sich unser traditionelles Verständnis von Verantwortung gegenwärtig vor einige Herausforderungen gestellt sieht – u.a. deshalb, da mit dem vergangenen Jahrhundert neue potenzielle Anwärter_innen in die Arena der zur Verantwortung potenziell angesprochenen Wesen traten: Roboter. Daher schreibe ich gerade viel zur Verantwortung und Roboterethik und plane mit Catrin Misselhorn ein Kompendium zur Roboterethik bei Metzler.
Mich faszinieren Vervollkommnungs- und Überwindungstheorien des Menschen, was meine Auseinandersetzung mit den Strömungen des Trans- und Posthumanismus erklärt. Es handelt sich dabei um zwei (bzw. drei) Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Diskurse aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften, Informatik und KI-Forschung vereinen und sich an der Grenze von philosophischer Anthropologie und Technikphilosophie verorten lassen. Der Transhumanismus will den Menschen optimieren. Der technologische Posthumanismus hingegen zielt auf eine Überwindung des Menschen in der Erschaffung einer artifiziellen Alterität. Der kritische Posthumanismus schließlich bricht durch die Hinterfragung traditioneller Kategorien mit unserem humanistischen Verständnis vom Menschen. Ich sehe insbesondere den Transhumanismus mit seinen kapitalistischen Besitz- und Kontrollbestrebungen sowie den technologischen Posthumanismus eines Ray Kurzweil mit seinem cartesianischen Geist-Körper-Dualismus und seiner Leibverachtung ausnehmend kritisch, was ich bereits in einigen kleineren Publikationen diskutiert habe.
Ich verstehe mich als kritische Posthumanistin in der Tradition von Haraway, Barad, Wolfe, Braidotti und Latour, wobei man hier mit guten Gründen nur schwer von einer einheitlichen Schule sprechen kann. In meiner Einführung in den Trans- und Posthumanismus arbeite ich gegenwärtig die Elemente des ausnehmend heterogenen Denkens kritischer Posthumanist_innen heraus. Diese Publikation lässt sich als eine Vorstudie zu meinem Habilitationsprojekt begreifen, in dem ich eine eigene Theorie kritisch posthumanistischer Reflexion vorstellen und damit an Arendt, die selbst keine Posthumanistin ist, zweierlei zeigen möchte: zum einen, dass einige für ihr Schaffen fundamentalen Aspekte auch für den kritischen Posthumanismus treibende Momente darstellen und zum anderen, dass Arendt auf einige Herausforderungen, mit denen kritische Posthumanist_innen ringen, eine Antwort geben kann.
Für weitere Informationen: http://philtech.univie.ac.at/team/janina-loh-nee-sombetzki/ und https://univie.academia.edu/JaninaSombetzki
Für Kontakt und Rückfragen: janina.loh@univie.ac.at

Maria Kronfeldner

maria_kronfeldner_by Lukas Einsele

Maria Kronfeldner © Lukas Einsele

Ich arbeite vor allem zur Philosophie der Lebens- und Sozialwissenschaften, ein Bereich, der Wissenschaftsphilosophie, philosophische Anthropologie, Philosophie des Geistes und politische Philosophie verbindet. Meine Forschungsthemen sind Kreativität, Evolution, Kulturbegriff, die menschliche Natur, die Natur/Kultur-Unterscheidung, Personenbegriff, Kausalität, Erklärung, Komplexität, Einheit und Vielfalt der Wissenschaften, Wissenschaften und Werte.

Seit September 2014 bin ich an der Central European University (Budapest) als Associate Professor tätig. Zuvor war ich Juniorprofessorin an der Universität Bielefeld, Gastwissenschaftlerin an zahlreichen Instituten im Ausland und Karl-Schädler-Postdoctoral-Fellow am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin).

Nach einem Studium der Philosophie und Religionswissenschaft an der Universität Regensburg, das ich 2001 mit einer Magisterarbeit „Zur Kreativität des Denkens“ abschloss, promovierte ich an der gleichen Universität, betreut von Prof. Dr. Hans Rott, mit einer Arbeit zu „Darwinism, Memes, and Creativity.“ Die Postdoc-Zeit am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte gab mir die Gelegenheit, meine Arbeit in Richtung Geschichte des Kulturbegriffs im Kontext evolutionären Denkens fortzusetzen. Mich interessierte, wie es dazu kam, dass Kultur und Natur im Rahmen der Schule um den Anthropologen Franz Boas in Opposition zueinander gesetzt wurden. Interessanterweise war es gerade Wissen aus der biologischen Vererbungsforschung, das dem Boas Schüler Alfred L. Kroeber half, Kultur als kausal unabhängig von Natur zu definieren.

Geleitet von der Einsicht, dass Wissen in der Regel mehr (auf jeden Fall nicht weniger) wird, wenn es geteilt wird, gilt seitdem mein Interesse dem Austausch von Begriffen, Theorien und Methoden über Grenzen einzelner Wissenschaften hinweg (insbesondere auch in Bezug auf die sog. ‚zwei Kulturen’ der Wissenschaften) und auch über die Grenze hinweg, die zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gezogen wird. Damit sind diese Grenzen selbst auch Gegenstand meiner philosophischen Arbeit geworden und werden im Hinblick auf den Themenkomplex Einheit und Spezialisierung der Wissenschaften und in Hinblick auf den Themenkomplex Wissenschaft und Gesellschaft in Aufsätzen analysiert.

Ein weiterer Bereich, zu dem ich arbeite, betrifft den Bereich Kausalität und Erklärung. Es interessiert mich dabei v.a. die Pragmatik der Kausalität: wie die Erfahrung von Verantwortung, Schuld und Macht sowie die kulturellen und juristischen Annahmen über diese Angelegenheiten, die Vorstellungen von Kausalität und Erklärung beeinflussen.

Derzeit beschäftige ich mich v.a. mit dem Begriff der menschlichen Natur als Begriff zwischen Wissenschaft, Philosophie und Politik. Wenn von einer Natur (insbesondere, der Natur des Menschen) die Rede ist, dann wird damit meist nicht nur deskriptiv bzw. erklärend auf typische Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen von Menschen verwiesen. Der Begriff einer Natur transportiert mehr. Durch die Verwendung des Begriffs der menschlichen Natur werden meist bestimmte Verhaltensweisen als ‚natürlich’, ‚wesentlich’ und ‚normal’ ausgewiesen. Im Zuge dessen findet meist auch eine politische Bewertung der Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen statt. Wegen dieser zusätzlichen Konnotationen wurde der Begriff im 20. Jahrhundert einer harschen wissenschaftlichen wie politischen Kritik unterzogen. Ein Darwinistisches Menschenbild, das auf Variation, Veränderung und Genealogie setzt, habe keinen Platz für den Begriff der menschlichen Natur, so die wissenschaftliche Kritik. Zudem, so die politische Kritik, hat die Verwendung des Begriffs im Sozialen erheblichen Schaden verursacht, da er zu sozialer Ausgrenzung bestimmter Personengruppen mit abweichenden Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen beiträgt. Diese Kritik versuche ich in einem Buchprojekt zu systematisieren, zu kontextualisieren und zu präzisieren. Indem analysiert wird, wie Menschen Identitäten zuweisen, wird auch der Begriff der Person bzw. des Individuums zum Gegenstand der Untersuchung. Ziel der Arbeit ist, philosophisch genauer zu verstehen, was den Reiz des Begriffs einer menschlichen Natur trotz der oben erwähnten problematischen Aspekte ausmacht bzw. ausmachte. Daher versuche ich letztendlich der wissenschaftlichen und politischen Kritik einen post-essentialistischen, pluralistisch-pragmatischen und damit positiven Zugang zum Begriff der menschlichen Natur entgegenzusetzen.

Philosophie ist für mich die minimalistischste Kunst, die es gibt. Wie die Kunst möchte sie Substanzielles ausdrücken, aber mit reduzierten Mitteln, ohne Staffage wie im Theater, ohne Farben und Formen wie in der Malerei oder der Fotografie, ohne Stimme und Ton wie in der Musik, und ohne Narration wie in der Literatur. Sie hat nur die in Beziehung stehenden Gedanken und Sachverhalte selbst. Philosophie ist für mich zudem weder durch einen speziellen Gegenstandsbereich spezifiziert noch durch die traditionellen Fragen. Abstraktion, Analyse, Objektivität, Kritik und Reflexion, Einfachheit und Genauigkeit sind die Maximen, die für mich eine philosophische Zugangsweise charakterisieren. Der Bezug meiner Forschung zu Fragen des menschlichen Lebens sichert für mich die Relevanz der Philosophie für die praktischen Probleme, denen sich Menschen in ihrem Leben bzw. in Gesellschaften gegenüber sehen.

Meine Veröffentlichungen sind zu finden unter:

Katja Crone

Foto KCSeit 2014 bin ich Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Geistes an der TU Dortmund. Studiert habe ich die Fächer Philosophie und Literaturwissenschaften in Montpellier und Hamburg. Nach einem Forschungsaufenthalt in London habe ich 2004 an der Universität Hamburg promoviert. Danach war ich zunächst für viereinhalb Jahre als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Nationalen Ethikrates beschäftigt, später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle, an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Berlin School of Mind and Brain und zuletzt an der Universität Mannheim.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes (vorrangige Themen sind: Selbstbewusstsein, personale Identität, phänomenales Bewusstsein), in der Erkenntnistheorie und in der Philosophiegeschichte (Kant und Fichte). Darüber hinaus interessiere ich mich für Themen der Sprachphilosophie und der Anthropologie.

Vor und während meiner Promotion habe ich mich hauptsächlich mit philosophiehistorischen Themen beschäftigt, insbesondere mit der theoretischen Philosophie Kants und Fichtes, aber auch mit Descartes’ Erkenntnistheorie. Im Rahmen meiner Doktorarbeit über Fichtes Theorie der Subjektivität (erschienen 2005) haben mich vor allem Argumente interessiert, die sich in gegenwärtige systematische Debatten einbringen lassen. Dies betrifft beispielsweise die von Fichte vertretene Auffassung, dass die Fähigkeit zu Selbstbewusstsein ein nichtreflektiertes Selbsterleben eines empfindenden Organismus voraussetzt – eine Argumentation, die sich sowohl in neueren analytischen und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen (z.B. bei Bermúdez) als auch in phänomenologischen Ansätzen (z.B. bei Zahavi, Gallagher) wiederfindet. Die praktische Fundierung von Selbstbewusstsein, für die Fichte argumentiert, ermöglicht weitere interessante Bezüge etwa zu zeitgenössischen Theorien personaler Autonomie und Selbstevaluationen (z.B. Frankfurt, Bratman).
Nach meiner Promotion habe ich mich vor allem systematischen Themen der Philosophie des Geistes zugewendet. Meine Habilitationsschrift (erscheint 2015) befasst sich mit einem psychischen Phänomen, das ich das “biographische Selbstverständnis von Personen” nenne. Gemeint ist die Fähigkeit von Personen, sich Persönlichkeitseigenschaften wie “schüchtern”, “gesellig” oder “ängstlich” zuzuschreiben, wobei die Personen diese Selbstzuschreibungen begründen, indem sie sich auf Episoden ihres Lebens beziehen. Personen bilden Repräsentationen von eigenen früheren Verhaltensweisen, die sie als typisch betrachten und in ihr Selbstbild integrieren. Dieses Phänomen ist bislang von Theorien so genannter narrativer Identität untersucht worden, welche die beschriebenen Selbstbezugnahmen auf die Konstruktion von Selbst-Narrationen zurückführen (z.B. Carr, Schechtman, Bruner). Meine These ist, dass diese Theorien nur unzureichend erfassen, wie das biographische Selbstverständnis von Personen beschaffen ist. Denn die Eigenschaften von Selbst-Narrationen (z.B. episodische Einheit, Kohärenz, Unterstellung von Rationalität, soziale Einbettung etc.) klären meiner Argumentation zufolge nur einen Teil des Zielphänomens. Explanatorisch relevant sind darüber hinaus strukturelle und epistemische Eigenschaften des Selbstbewusstseins, worüber beispielsweise gezeigt werden kann, warum man mit solchen Selbstzuschreibungen einen besonderen epistemischen Anspruch erhebt (der zumeist allerdings nicht berechtigt ist). Auch wird in vielen existierenden Debatten der Begriff der Identität – in der Bedeutung von “Persönlichkeit” oder “Persönlichkeitskern” – uneindeutig verwendet und oft mit dem Begriff der numerischen Identität über die Zeit hinweg verwechselt. Ich mache in meinem Buch einen Klärungsvorschlag und zeige zudem, inwiefern das Bewusstsein, als numerisch identisches Subjekt über die Zeit hinweg zu existieren, die Bedingung für ein biographisches Selbstverständnis ist. In methodologischer Hinsicht verwende ich einen integrativen Ansatz, der sprach- und begriffsanalytische, phänomenologische und empirische Perspektiven miteinander verbindet.
In nächster Zeit möchte ich mich mit dem Thema “Intersubjektivität” im weitesten Sinn beschäftigen. Für besonders relevant und bislang noch wenig untersucht halte ich den Zusammenhang von sozialer Kognition (Bedingungen für das Verstehen und Wahrnehmen anderer Personen) und der Natur und Struktur eines “Wir”- oder Gruppen-Bewusstseins.

Dagmar Comtesse

Foto_DCDas Jahr an der Sciences-Po in Paris war die einzige örtliche Ausnahme meines in Frankfurt am Main verbrachtem Studium der Geschichtswissenschaften, der französischen Sprache (beides mit Abschluss des Staatsexamens 2004) und der Philosophie (Abschluss Magister 2006). Nach einem spannenden Jahr als Mentoring-Beauftragte des Fachbereichs, in welchem ich zwar erreichte, dass ein akademisches Förderprogramm nur für weibliche Absolventinnen eingerichtet wurde, aber leider auch dessen Abschaffung – mit dem Grund der Benachteiligung von männlichen Absolventen – im darauffolgenden Jahr erleben musste, konnte ich 2008 im Exzellenzcluster „Normative Orders“ – im disziplinären Spannungsfeld von Geschichtswissenschaften und Philosophie verbleibend – eine Mitarbeiterstelle annehmen, die am Lehrstuhl „Wissenschaftsgeschichte“ von Prof. Moritz Epple angesiedelt ist. Die mehrfache Doppelung von Geschichtswissenschaften und Philosophie während meiner akademischen Ausbildung hat sich nachhaltig auf mein Denken ausgewirkt: Der Einblick in die irreduzible Historizität von Epistemologien einerseits und in die auf keine Gesetzmäßigkeit zurückführbare Vielfalt der Geschichte andererseits führten zum Bruch mit allen Letztbegründungsansprüchen. Die Annahme, dass Begründungen immer kontingent zu denken sind – contingent foundations, wie es Judith Butler ausdrückt -, steht allerdings in Spannung zu meinen Überlegungen über den Zusammenhang von Anthropologie und politischer Philosophie, die gegenwärtig mein Hauptinteresse bilden. Die Vereinbarkeit von Kontingenz und (politischer) Anthropologie ist also meine derzeitige Denkaufgabe, der ich mich ansatzweise in der Überarbeitung meiner Doktorarbeit über die politische Philosophie Rousseaus widme, die jedoch auch die Grundlage eines nächsten Forschungsprojektes bildet.

Meine Dissertation, die den Titel „Postnationale Volkssouveränität. Eine Aktualisierung Rousseaus“ trägt und die ich bei Prof. Rahel Jaeggi in Berlin und Prof. Axel Honneth in Frankfurt schreiben konnte, geht von der politischen Motivation aus, die kontingente Verbindung von Volkssouveränität und Nationalstaat lösen zu wollen und eine postnational konzipierte Volkssouveränität in den juridisch dominierten Diskurs über die Europäische Union zu bringen. Diese Motivation ergibt sich aus meiner Empörung über die offene Angst vor den Massen, die viele und vor allem maßgebliche TheoretikerInnen des EU-Diskurses hegen und dabei skrupellos die Governance-Struktur der EU als rationale Zähmung des immer zum „ethnischen Exzess“ neigenden Volkes (Joseph H.H. Weiler, Harvard 1995) verteidigen. Mein Festhalten am Begriff der Volkssouveränität gründet sich auf dem radikaldemokratischen Potential, das ich in der Rousseau’schen Fassung der Volkssouveränität sehe. Dieses besteht jedoch nicht in erster Linie in der direkten Demokratie, die meist mit Rousseau assoziiert wird, sondern im umfassenden Herrschaftsanspruch des Volkes, der am besten als Politisierung und Demokratisierung der Subjektivierungsmächte zu fassen ist. In der Tat lässt sich Rousseaus politische Philosophie auch im Hinblick auf die Zentralität des Konfliktes in den gegenwärtigen Diskurs der radikalen Demokratietheorie einordnen. Dies mag überraschen, da Rousseau vielen als Inbegriff eines Konsens- und Homogenitätsdenkers gilt. Doch geht Rousseau von einem fundamentalen und notwendigen Konflikt zwischen legislativ-konstituierender und exekutiver Macht aus und konzipiert bei genauer Lektüre auch die kollektive Willensbildung als einen Prozess des durchaus kontroversen Meinungsaustausches und einer starken subjektiven Urteilskraft. Problematisch ist dagegen Rousseaus Anthropologie für das Kontingenzdenken der (post)modernen Radikaldemokraten. Allerdings sehe ich im Anschluss an Frederick Neuhousers Rousseau-Interpretation (auf dt: Pathologien der Selbstliebe, Berlin 2013) gerade in der Sozialanthropologie Rousseaus ein explanatorisches und normatives Potential, das für eine politische Philosophie höchst fruchtbar sein kann. Es ist für mich eine offene Frage, inwieweit die ontologischen Annahmen der heutigen Radikaldemokraten von einer solchen Anthropologie nicht ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Die Überlegungen über den Zusammenhang von politischer Philosophie und Anthropologie werden durch meine Projektarbeit verstärkt, in der ich mich mit dem Sensualismus und Materialismus der französischen Aufklärer beschäftige. Während das Projekt allgemein auf die Übersetzung und Kommentierung der theoretischen Grundierung der Encyclopédie abzielt, die Jean le Rond d’Alembert 1759 nach dem Verlassen des Encyclopédie-Projektes in seinem Essai sur les Elements de Philosophie zum Ausdruck gebracht hat, geht es mir im Speziellen um die Frage, ob man von einer politischen Philosophie der Encyclopédie sprechen kann. Dabei verstehe ich unter einer politischen Philosophie – gerade in Abgrenzung zu einer bloßen Theorie – die Verbindung von ontologischer und ontischer Ebene (Mouffe, Frankfurt 2007) bzw. von anthropologischen oder epistemologischen Voraussetzungen mit institutionellen Überlegungen oder phänomenologischen Diagnosen. Anhaltspunkte dafür finden sich zum einen in den Texten d’Alemberts, zu denen auch der berühmte Discours Préliminaire gehört. Zum anderen kann man die Strategie der Enzyklopädisten, die darin besteht, revolutionäre politische Positionen – oftmals durch Verweise verdeckt – im Rahmen des epochalen Gesamtwerkes in die sich etablierende bürgerliche Öffentlichkeit einzuschleusen, als Beleg für eine wissensbasierte Transformationstheorie ansehen. Zentral für die These einer politischen Philosophie der Encyclopédie ist die sensualistisch-materialistische Epistemologie der Enzyklopädisten, die bestimmte moralisch-politische Positionen – bspw. die Gleichheit aller Menschen oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse – impliziert. Auch wenn die These der politischen Wirkung der Encyclopédie unbestritten ist (z.B. J. Israel, Oxford 2006) und der Nachweis einer politischen Philosophie bei d’Alembert gelingen mag (ansatzweise Comtesse, 2012: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/24284/Wissensordnung_als_Kritik_final.pdf), stellen sich hier die Probleme eines fast unüberschaubaren Autorenkollektivs und eines schwer eingrenzbaren Textkorpus.

Mein Forschungsschwerpunkt der politischen Philosophie umfasst neben dieser Fokussierung auf das 18. Jahrhundert auch die aktuelle Debatte um Postdemokratie (Comtesse/ Meyer, Zeitschrift für pol. Theorie, 2/ 2011 und 1/2012), die Ideen- und Begriffsgeschichte des Republikanismus und den spezifischen Beitrag feministischer Theorien zur Kritik und Erweiterung politischer Philosophie. Weiter Informationen und die Möglichkeit des – immer erwünschten – Kontaktes:
http://www.normativeorders.net/de/organisation/mitarbeiter-a-z?view=person&id=34

Louise Röska-Hardy

dr.-louise-röska-hardyIch bin research fellow am Kulturwissenschaft-lichen Institut Essen und widme ich mich zurzeit interdisziplinären Fragen zum Phänomen des menschlichen Selbst. Die Frage nach dem Selbst hat Hochkonjunktur in den Neuro- und Kognitionswissenschaften, in der empirisch forschenden Psychologie und in den konstruktivistischen Sozialwissenschaften. Es werden Erklärungsansprüche hinsichtlich des menschlichen Selbst erhoben, aber das Explanandum ist alles andere als klar. Tradierte philosophische Konzeptionen des Selbst – als eine immaterielle oder eine materielle Substanz, als eine transzendentale Entität oder eine transzendentale Struktur der Erfahrung und des Erkennens – helfen hier nur bedingt weiter. Gefragt ist eine begrifflich überzeugende und empirisch informierte philosophische Analyse, die nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften steht.

Meine Forschung gilt den Fragen einer weit verstandenen philosophischen Anthropologie, unter systematischer Berücksichtigung natur-, kognitions- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Hierzu gehören Fragen aus der analytischen Philosophie des Geistes, der Philosophie der Sprache, der Handlungstheorie und der Sozialontologie, aber auch Fragen über die soziale Kognition, insb. die Theory of Mind-Fähigkeit, die Differenz zwischen Menschen und anderen Tieren und den Erstspracherwerb. Seit der griechischen Philosophie der Antike haben PhilosophInnen die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt in historischer wie in systematischer Hinsicht gestellt. Heute erfolgt der Blick auf die Spezifik des Menschen disziplinübergreifend. Eine angemessene philosophische Deutung des Menschen hat die Ergebnisse empirisch forschender Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen wie auch die philosophiehistorischen Wurzeln der anthropologischen Frage zu berücksichtigen.

Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Antike, Altphilologie und Linguistik studierte ich als undergraduate in Atlanta mit SchülerInnen von A.N. Whitehead und Raphael Demos (B.A. 1972). Danach nahm ich ein Promotionsstudium in Philosophie an der Universität von North Carolina-Chapel Hill auf, wo Jay Rosenberg und Paul Ziff meine Auffassung von philosophischer Methode und Praxis maßgeblich beeinflussten. Meine Fachsozialisation fand in Chapel Hill statt und blieb bis heute prägend. Nach dem M.A. 1975 ergab sich die Gelegenheit, die sog. „continental philosophy“ kennenzulernen. Beurlaubt vom Studium in Chapel Hill, kam ich nach Frankfurt am Main, um zeitgenössische deutsche Philosophie zu hören und etwas über die Frankfurter Schule zu erfahren. Was als begrenzter Auslandsaufenthalt konzipiert war, wandelte sich zu einem neuen Wohnsitz. Ich begann ein Promotionsstudium der Philosophie, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, setzte es zeitweilig in Heidelberg fort und promovierte mit einer Arbeit zur Bedeutung in natürlichen Sprachen 1985 in Frankfurt. Während meines Studiums und danach waren die Arbeiten von Donald Davidson zur Philosophie des Geistes, zur Sprachphilosophie und zur Handlungstheorie für mich sehr wichtig.

Nach der Promotion übernahm ich Lehraufträge in der Philosophie und in der Linguistik, weil sie sich mit einer wachsenden Familie vereinbaren ließen. Es folgte Lehrtätigkeit in Darmstadt, Frankfurt am Main, Heidelberg und Bern, eine Gastprofessur in Atlanta und Forschungsaufenthalte in St. Louis 1999 und in New York 2001. Anschließend war ich an interdisziplinären Studien- und Forschergruppen beteiligt: ‚Was macht eine Lebensform human?’ (2002-2003), ‚Was ist der Mensch? Kultur-Sprache-Natur‘ (2004-2007), und ‚Wissen und Können‘ (2008). Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke (2008-2010), bevor ich die Vertretung einer W2-Professur für praktische Philosophie an der TU-Dortmund (2010-2013) übernahm.

Was macht den Mensch zum Menschen? Bereits in der Antike galt die syntaktisch komplexe Sprache als auszeichnendes Merkmal des Menschen. Heute wird die voll entwickelte Theory of Mind-Fähigkeit (ToM) – die Fähigkeit, sich selbst und anderen als geistbegabte Handelnde zu begreifen, als zweites, spezifisch menschliches Merkmal betrachtet. Als ein zentraler Zugang zur Beantwortung der anthropologischen Frage bietet sich die Modellierung der Wechselbeziehungen zwischen dem Erstspracherwerb und der Entwicklung der Theory of Mind-Fähigkeit. Vor dem Hintergrund empirischer Forschungsergebnisse und theoretischer Überlegungen argumentiere ich für ein integriertes Modell des ToM-Erwerbs, das die Beziehung zwischen Sprache und der ToM-Fähigkeit als eine dialektische, wechselseitig bedingte Entwicklung abbildet. Demnach sind die Einflussfaktoren zwischen Sprache und ToM-Fähigkeit im interaktionsbasierten Erwerbsprozess bidirektional, ohne dass sich diese wechselseitig determinieren. Diese Modellierung bezieht Position gegen nativistische und gegen radikal konstruktivistische Erklärungsansätze, schreibt aber dem Sprachvermögen eine Schlüsselrolle bei der Einordnung des Menschen in die Welt zu. Darüber hinaus bedingt dieser Ansatz externalistische Positionen in der Philosophie des Geistes und in der Sprachphilosophie und zeichnet Positionen in der Sozialepistemologie und der Handlungstheorie vor. Er ebnet auch den Weg für eine differenzierte Betrachtung des menschlichen Selbst, welche dessen Entstehung im Zusammenwirken von biologischer Ausstattung, Umwelt und sozialer Erfahrung verortet. Es gilt die mehrschichtigen Facetten des Selbst-Phänomens zu analysieren, um eine philosophische Konzeption des Menschen und dessen natürlicher Vermögen zu entfalten, in der wir uns und unsere „Selbst“-Bestimmung als Teil der natürlichen Welt erkennen können.

Weitere Details und Links zu ausgewählten Veröffentlichungen finden sich auf der KWI-Webseite:
http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-lroeskahardy.html

Annett Wienmeister

Photo AWSeit dem Wintersemester 2012/13 arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wo ich bei Christian Illies promoviere. Zuvor habe ich in Jena, Chambéry (Frankreich) und Omaha (USA) Philosophie, Biologische Anthropologie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert. Die Wahl dieser interdisziplinär ausgerichteten Studienkombination beruht auf der für mich bis heute geltenden Überzeugung, dass in verschiedenen Wissenschaften sinnvolle und sich ergänzende Antworten auf die Frage gefunden werden können, was der Mensch sei.

Nach meinem Studium habe ich in Jena am Lehrstuhl von Wolfgang Welsch gearbeitet und mich mit dem Zusammenhang der Begriffe des Lebendigen, der Subjektivität und der Intentionalität beschäftigt, wie er in Nachfolge von Maturana und Varela in der gegenwärtigen Autopoiesis-Schule hergestellt wird. Ausgehend von deren plausibler These, dass die konstitutiven Leistungen kognitiver Akteure bei der intentionalen Bezugnahme auf die Welt immer zu berücksichtigen sind, war es mein Anliegen, die daraus abgeleiteten konstruktivistischen Schlussfolgerungen zu entkräften. Denn aus der faktischen Unhintergehbarkeit bestimmter erkenntniskonstitutiver Formen folgt deren epistemische Subjektivität per se nicht, was zudem auch nicht ohne Weiteres mit einer biologisch-naturwissenschaftlichen Perspektive, aus der dieser Ansatz seine grundlegenden Argumente gewinnt, in Einklang zu bringen ist.

In meiner Promotion beschäftige ich mich weiterhin mit einer erkenntnistheoretischen Fragestellung: Welche Rolle spielt empirische Erfahrung für unser begriffliches Denken bzw. für unser Erkennen und wie ist das Verhältnis zwischen diesen beiden kognitiven Fähigkeiten zu bestimmen? Hierfür untersuche ich den Konzeptualismus der Erfahrung, wie er von John McDowell entwickelt wurde. Dieser vertritt die These, dass schon in unserer sinnlichen Erfahrung begriffliche Fähigkeiten passiv zur Anwendung kommen, die auch für unser aktives Denken konstitutiv sind. Mit seinem Ansatz möchte McDowell eine ‚quietistische‘ Antwort zu einem Problem der modernen Erkenntnistheorie geben, das er als ein stetiges Oszillieren zwischen den zwei Extremen eines Kohärentismus des begrifflichen Denkens und dem Mythos des Gegeben der nichtbegrifflichen Erfahrung beschreibt. Nur wenn wir Erfahrungen nicht mehr lediglich als reines Kausalgeschehen begreifen, sondern auch als durch begriffliche Fähigkeiten vermittelt, wird deren epistemische Relevanz für das Denken und Erkennen verständlich und ein minimaler Empirismus möglich.

Was den McDowellschen Ansatz meines Erachtens so interessant macht, ist seine Problemdiagnose für das oszillierende Moment in der Erkenntnistheorie, das er in einem Dualismus von Natur und Vernunft begründet sieht. Ausgehend von dieser Analyse ergibt sich allerdings die Frage, inwiefern sich der Erfahrungsbegriff mittels einer begrifflichen Aufwertung aus der dualistischen Zwickmühle befreien lässt. Vielversprechend erscheint es mir hier, den Fokus vom Aspekt des Begrifflichen auf den Aspekt der Fähigkeit zu verschieben. Eine Fähigkeit zu entwickeln und auszuüben impliziert mehr als eine Disposition zu haben (wie etwa auf bestimmte kausale Einflüsse differentiell zu reagieren). Ich möchte fragen, inwiefern wir den Begriff der Fähigkeit auf Elemente der Erfahrung anwenden können, die noch nicht begrifflicher Natur im anspruchsvollen Sinne sind, die aber dennoch normative und reflexive Aspekte aufweisen und somit über eine rein kausale Determinierung hinausgehen. Wenn dieser Ansatz gelingt, dann kann ein Erfahrungsbegriff gewonnen werden, der einige der Voraussetzungen beinhaltet, welche auch für abstrakt-begriffliches Denken und Erkenntnis konstitutiv sind.

Die Frage, inwiefern wir über ein dualistisches Weltbild hinausgelangen können, beschäftigt mich auch mit Blick auf die Ethik. In einem Workshop zum Thema „Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles: Natur als Entstehungsrahmen von Moral“, den ich im Februar gemeinsam mit meinen Bamberger Kollegen organisiere, fragen wir, inwiefern der Aristotelische Naturbegriff der physis die Möglichkeit eröffnet, den Menschen sowohl als natürliches als auch als moralisches Wesen zu begreifen, ohne hierbei die moralische Dimension auf Naturvorgänge zu reduzieren. Ziel ist es dabei zu prüfen, inwiefern die Konzeption der physis als möglicher Lösungsansatz für die Disparität zwischen Ethik und Evolutionstheorie fungieren kann.

Seit einigen Jahren richtet sich mein persönliches Interesse auch auf die ostasiatische Philosophie. Ich war in der glücklichen Lage, auf einer Reise in den Himalaya in buddhistische Klöster einzukehren, und konnte mich dort mit einigen der philosophischen Ansätze und religiösen Praktiken vertraut machen. Besonders interessiert mich derzeit der Begriff des sunyata, gewöhnlich mit „Leere“ übersetzt, der aber vielmehr für die vielfältigen wechselseitigen Bedingungsverhältnisse steht, die als konstitutiv für alles Seiende betrachtet werden. Welche Möglichkeiten und Grenzen diese Perspektive für unser Selbstverständnis als handelnde Subjekte birgt, ist eine herausfordernde Frage. So ist hier möglicherweise eine theoretische Grundlage für die derzeit viel gepriesene Gelassenheit zu finden. Ob und inwiefern wir diesen Ansatz mit der in der westlichen Tradition stark verankerten Subjektphilosophie fruchtbringend in Beziehung setzen können, möchte ich gern untersuchen.

„La philosophie, c’est comprendre ce qu’on vit” – dieser Satz, den mir meine Dozentin Eliane Burnet während meines Auslandsjahres in Frankreich in den Kopf gesetzt hat, begleitet mich seither. Philosophie möchte ich nicht ausschließlich als theoretische akademische Disziplin betrachten, sondern sie auch als hilfreiches Werkzeug sehen, das uns ein besseres Selbst- und Weltverständnis ermöglicht. Vor diesem Hintergrund bin ich bemüht, philosophisches Denken auch in den öffentlichen Raum zu bringen, etwa durch die Organisation von Veranstaltungen im Rahmen der Fränkischen Gesellschaft für Philosophie und des Forums Theoretische Philosophie oder durch Mitwirkung bei Projekten der durch den gemeinnützigen Verein Aktive Mitte e.V. in Bamberg veranstalteten Reihe „Kultur im Leerstand“.

Für weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten: www.uni-bamberg.de/?id=67465