SW*IP Germany – Verein zur Förderung von FLINTA* in der Philosophie

Philosoph*innen-Portraits

SW*IP Germany sammelt hier Philosoph*innen-Portraits von FLINTA* Personen im deutschsprachigen Raum. Sie können diese chronologisch oder nach Fachgebieten sortiert lesen.

Wenn Sie Interesse haben, selbst ein Porträt zu schreiben, melden Sie sich gern unter swipgermany(at)gmail.com bei uns!

Chronologisch

Nach Fachgebieten

Allgemeine Ethik

Angewandte Ethik

Anthropologie

Erkenntnistheorie

Fachdidaktik und Bildungsphilosophie

Feministische Philosophie

Kultur-, Medien- und Technikphilosophie

Logik

Metaethik

Metaphilosophie

Metaphysik/Ontologie

Philosophie der Antike

Philosophie der Frühen Neuzeit

Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts

Philosophie des Deutschen Idealismus

Philosophie des Geistes

Politische Philosophie

Sozialphilosophie

Sprachphilosophie

Wissenschaftstheorie

Ästhetik

Portraits

Christine Tiefensee

Foto: privat

In unserem täglichen Leben sind moralische Urteile allgegenwärtig. Doch was machen wir eigentlich, wenn wir moralisch urteilen? Treffen wir Aussagen, die wahr oder falsch sein können? Beschreiben wir eine objektive moralische Realität? Oder drücken wir subjektive Gefühle aus?

Seitdem diese metaethischen Fragen in einer Vorlesung während meines Grundstudiums gestellt wurden, haben sie mich nicht mehr losgelassen. Bereits in meiner Magister-Arbeit an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz habe ich mich daher mit den Erfolgsaussichten eines naturalistischen moralischen Realismus befasst, um herauszufinden, ob moralische Tatsachen natürliche Tatsachen sein könnten. Meine eigenen metaethischen Sichten haben sich dann jedoch vor allem in der Auseinandersetzung mit zwei faszinierenden Positionen herausgebildet, die im Zentrum meiner MPhil- und Promotionsstudien an der University of Cambridge standen (dort damals betreut von Simon Blackburn, Hallvard Lillehammer und Matthew Kramer).

Die erste dieser Positionen betrifft den modernen Expressivismus, und damit den Versuch, die objektiven Merkmale des moralischen Diskurses einzufangen, ohne aber der moralischen Sprache eine repräsentationale Funktion zuzuschreiben. Die zweite Position ist die des sogenannten ‚entspannten‘ moralischen Realismus, der meine metaethische Welt gehörig auf den Kopf stellte. Bis zu meiner Zeit in Cambridge dachte ich, ganz auf Linie der ‚metaethischen Orthodoxie‘, dass Aussagen über die Existenz moralischer Tatsachen, die Erlangung moralischen Wissens und die Einstellungsunabhängigkeit moralischer Wahrheiten nicht-moralische, metaphysische und epistemologische Aussagen über den moralischen Diskurs seien. Mit dem entspannten moralischen Realismus traf ich nun aber auf eine Position, die Aussagen zur moralischen Objektivität selbst als moralische Aussagen deutet, welche daher auch durch moralische—und nicht etwa durch robust metaphysische oder epistemologische—Argumente begründet werden müssen.

Heute, als Associate Professor of Philosophy an der Frankfurt School of Finance & Management, verknüpfe ich diesen beiden Ansätze, indem ich die moralische Interpretation und Begründung moralischer Objektivität mit einer inferentialistischen Form des Nicht-Repräsentationalismus kombiniere. ‚Entspannt‘ bin ich daher insofern, als ich die Objektivität der Moral verteidige, gleichzeitig aber argumentiere, dass moralische Objektivität auf ihren eigenen ‚moralischen Füßen‘ stehen muss. Damit sie dies auch erfolgreich tun kann, entwickele ich neue moralische Argumente, die zeigen, weswegen es moralische Wahrheiten und Tatsachen gibt, wir Wissen über diese Wahrheiten erlangen können und diese Wahrheiten einstellungsunabhängig sind. Da ich allerdings nicht ganz so entspannt bin wie andere, bette ich die moralische Interpretation der moralischen Objektivität gezielt in breitere metasemantische und metaontologische Debatten ein, um den entspannten moralischen Realismus vor dem Hintergrund eines inferentialistischen Nicht-Repräsentationalismus systematisch zu begründen und zu motivieren.

Dieses Forschungsprojekt verbindet Metaethik direkt mit normativer Ethik und erfordert die Entwicklung neuer moralischer Argumente auf einer abstrakteren Ebene der moralischen Argumentation. Meine metasemantischen Überlegungen haben zudem zu weiteren Arbeiten zur moralischen Semantik geführt, in denen ich insbesondere die Vereinbarkeit verschiedener metaethischer Positionen mit deontischen Semantiken untersuche.

Darüber hinaus verfolge ich spezifische normative Forschungsprojekte. Insbesondere interessieren mich bestimmte Themen im Überschneidungsbereich von Philosophie und Sozialwissenschaften. Ein Beispiel hierfür sind Fragen, die die moralische Bewertung von kollektiven Handlungsphänomenen betreffen. Aufgrund von Überlegungen zur moralischen Verantwortung und zu moralischem Glück versuche ich zu zeigen, weswegen wir für aggregierte Effekte selbst dann eine moralische Teilverantwortung tragen, wenn unsere individuellen Handlungen keinen Einfluss auf das Auftreten dieser Effekte haben. Ein weiteres Beispiel betrifft diverse Fragen nach Status und Funktion von Rationalität. So interessiert mich in diesem Kontext, wie normative Interpretationen von Rational-Choice-Theorien mit deren Einsatz in empirischen Theorien und bounded rationality-Ansätzen zusammenhängen. Gleichzeitig versuche ich, meine normativen und metaethischen Forschungsbereiche zu verbinden, indem ich beispielsweise im Rahmen der Debatte um die Normativität der Rationalität argumentiere, dass die mangelnde starke Normativität der Rationalität weder überraschend noch beunruhigend sein sollte, sobald wir verstehen, welche metasemantische Funktion das Konzept der Rationalität erfüllt.

Meine breiten und teilweise interdisziplinären Forschungsinteressen hängen auch mit meinem Werdegang zusammen. So habe ich nicht nur Politikwissenschaften und Philosophie an der Universität Mainz studiert, sondern auch als akademische Rätin in politischer Theorie an dem politikwissenschaftlichen Institut der Universität Bamberg geforscht und gelehrt. In der Tat habe ich der Philosophie nach meiner Doktorarbeit sogar kurz den Rücken gekehrt und für ein Policy Research Institute in Cambridge gearbeitet, bevor meine Sehnsucht nach philosophischer Forschung doch zu groß wurde. Da mein politisches Interesse auch und gerade fachpolitische Fragen umfasst, bin ich seit 2016 als Vize-Präsidentin der Gesellschaft für Analytische Philosophie aktiv, um zur Förderung und Vermittlung analytischer Philosophie beizutragen.

Letztlich und insgesamt geht es mir darum, jedenfalls ein bisschen mehr begriffliche Klarheit, argumentative Präzision und analytische Rigorosität in diese Welt zu bringen­­—sie hätte es oft bitter nötig.

Wer sich für weitere Details zu mir und meinen Projekten interessiert, findet auf meiner Website und meinem PhilPeople-Profil weitere Informationen sowie Zugriff auf meine Arbeiten.

Logik Sozialphilosophie Sprachphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
22.11.2022

Luise Müller

Foto: privat

Hallo! Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Praktische Philosophie der Freien Universität Berlin. Bevor ich im Herbst 2022 an die FU gekommen bin, habe ich Professuren an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Hamburg vertreten. Meine Promotion habe ich ebenfalls an der FU Berlin gemacht, mit Zwischenstation an der Columbia University, und war danach für einige Jahre an der TU Dresden.

Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der politischen Philosophie und der praktischen Ethik, und zunehmend auch in der Moralphilosophie. Gerade verbringe ich allerdings einen Großteil meiner Arbeitszeit damit, mein erstes Buch mit dem Titel „The Right to Punish. Political Authority and International Criminal Justice“ zu schreiben, das im kommenden Jahr erscheinen soll. Die Grundlage des Buches ist meine 2016 verteidigte Dissertation; allerdings unterscheidet sich das überarbeitete Buch am Ende schon deutlich von der ursprünglichen Version. In dem Buch geht es um die Frage, unter welchen Bedingungen internationale Institutionen, dessen Funktion die strafrechtliche Verfolgung massiver Menschenrechtsverbrechen sind, politische Autorität haben (bekanntestes Beispiel dafür ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag). Die Frage nach der Rechtfertigung politischer Autorität ist eins der Hauptprobleme der politischen Philosophie, aber war sehr lange ausschließlich auf den Staat fokussiert. Aber funktionieren Theorien politischer Autorität auch jenseits des Staates? Meine Antwort in dem Buch ist affirmativ, und ich versuche, eine demokratische Rechtfertigung zu entwickeln, unter welchen Bedingungen eben solche Institutionen das Recht haben, zu strafen. Ideengeschichtlich arbeite ich mich da an John Locke und seiner Straftheorie ab, die auf dem etwas verblüffenden (aber auch faszinierenden) Argument beruht, dass Individuen im Naturzustand ein natürliches und gleich verteiltes Recht zu strafen haben. Ich verteidige die Locke’sche Idee der Strafe systematisch, setze mich dann allerdings größtenteils mit der zeitgenössischen analytischen Literatur zum Begriff der Autorität auseinander. 

Wenn das Buch fertig ist, werde ich mich wieder stärker meinem anderen Thema widmen, bei dem es um Fragen von moralisch erheblichen Asymmetrien in interpersonalen Beziehungen geht. Mich interessiert dabei zum Beispiel, ob wir etwas Systematisches darüber sagen können, was asymmetrische Beziehungen sind, ob und wann sie moralisch problematisch sind, und unter welchen Bedingungen – wenn überhaupt – sie mit der Idee der demokratischen und moralischen Gleichheit vereinbar sind. Damit hängt auch die für mich gerade spannende philosophische Literatur zum Phänomen der sozialen Hierarchie zusammen, und die Frage danach, was soziale Hierarchien auszeichnen, und in welchem Verhältnis sie zu relationalen Asymmetrien stehen.

Das Asymmetrie-Thema lässt mich auch in Bezug auf die praktische (oder angewandte) Ethik nicht los. In der Tierethik frage ich mich zum Beispiel, ob wir unsere Verhältnisse mit einigen nichtmenschlichen Tieren sinnvollerweise als kooperativ verstehen können, und was das für unsere Gerechtigkeitspflichten ihnen gegenüber heissen würde. Außerdem finde ich die Frage sehr spannend, ob wir uns (alle?) Tiere und Menschen eigentlich als moralisch Gleiche vorstellen sollten. Das scheint die mehrheitliche Position in der Tierethik zu sein, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich überzeugt. Falls nicht, müsste man sich dann der methodisch kniffligen Frage widmen, welche Pflichten wir dann gegenüber moralisch erheblichen, aber nicht moralisch gleichen Kreaturen hätten. Welche Prinzipien könnten hier passen, und warum? Und in der Technikethik bin ich im Moment vor allem an der Frage dran, wie neue Technologien auf soziale Asymmetrien wirken: können wir ihren Einsatz auf eine Weise gestalten, die uns freier und gleicher macht, anstatt uns zu diskriminieren, zu unterdrücken, und zu manipulieren? Es gibt dabei niemand spezifischen, an dem oder der ich mich dabei in besonderer Weise orientiere, aber John Rawls, Elizabeth Anderson, Andrea Sangiovanni und Christine Korsgaard lese ich viel und mit Gewinn, und möglicherweise kommt das hier und da durch.

Seit einigen Jahren bin ich Redaktionsmitglied der Zeitschrift für philosophische Literatur (www.zfphl.org). Dort veröffentlichen wir begutachtete Rezensionen von neueren philosophischen Monographien und Sammelbänden, und das alles natürlich open-access. Ich finde, die Zeitschrift ist eine wirklich großartige Ressource für qualitativ hochwertige und informative Buchbesprechungen – wer es noch nicht kennt, sollte definitiv mal reinschauen!

Kontakt

Dr. Luise Müller
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Institut für Philosophie
Freie Universität Berlin
Arbeitsgebiet: Praktische Philosophie

www.luisemueller.com

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
26.10.2022

Hannah Altehenger

Ich bin seit Anfang 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Konstanz. Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld, sowie eine Zeit lang Lehrbeauftrage an verschiedenen, allesamt sehr schönen Orten (Graz, Salzburg, Zürich). Promoviert habe ich 2018 an der Humboldt-Universität Berlin mit einer Arbeit zum Thema „Self-Control, Weakness of Will, and the Divided Mind“. Während meiner Promotion hat es mich wiederholt ins Ausland verschlagen, an die University of Michigan einerseits und die Universität Oslo andererseits. Mein Bachelor- und Masterstudium habe ich wiederum an der Universität Bielefeld absolviert.

Meiner ‚Bielefelder Prägung‘ entsprechend ordne ich mich der analytischen Philosophie zu, deren Streben nach Klarheit und Präzision ich sehr schätze. Darüber hinaus verfolge ich, grob gesprochen, eine naturalistische und empirisch informierte Agenda.

In meiner Doktorarbeit habe ich mich primär mit den Phänomenen der Selbstkontrolle und der Willensschwäche beschäftigt, und dabei für die These argumentiert, dass eine bestimmte, empirisch-informierte Variante eines sog. Geteilten-Geist-Ansatzes diesen Phänomenen am besten Rechnung tragen kann. Mit dem Thema „Selbstkontrolle“ befasse ich mich auch in meinen aktuellen Forschungen, nun aber aus einer stärker ethischen Perspektive. So gehe ich im Rahmen eines von der DFG geförderten Projektes („Die ethischen Dimensionen von Selbstkontrolle“, Laufzeit: 2022-2024) u.a. den folgenden Fragen nach: (i) Ist Selbstkontrolle wertvoll und wenn ja, warum genau? (ii) Kann man ‚zu viel‘ Selbstkontrolle haben? (iii) Ist unsere alltägliche moralische Praxis, uns selbst und andere für das Gelingen von Selbstkontrolle zu loben bzw. für das Scheitern von Selbstkontrolle zu tadeln, überhaupt gerechtfertigt?

Passend hierzu interessiere ich mich seit einiger Zeit verstärkt für die Themen „Moralische Vorwürfe“ und „Moralische Verantwortung“. Hier beschäftigt mich aktuell vor allem die Frage, ob Akteur/-innen mit ‚eingeschränkter Moralkompetenz‘ für ihr Handeln moralisch verantwortlich sind, sowie das Thema „moralische Verantwortung für künstliche Akteure“.

Mehr Informationen über meine Forschungen kann man in meinen Aufsätzen finden, siehe dazu mein PhilPapers-Profil (Works by Altehenger, Hannah – PhilPapers) oder meine Homepage an der Uni Konstanz.

Philosophie des Geistes Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
14.05.2022

Barbara Bleisch

Foto: Mirjam Kluka

In seinem Roman «Mein Name sei Gantenbein» schreibt Max Frisch: «Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.» Wann immer ich beschreiben soll, wie ich zur Philosophie, zum Fernsehen und zum Schreiben gekommen bin, erinnere ich mich an diesen Satz.

Auf jeden Fall habe ich nicht geplant, Philosophie zu studieren, und auch zum Fernsehen wollte ich nie. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf im Schweizer Mittelland. Ich erinnere mich an zwei Berufswünsche: Im Kindergarten Gartenzwergherstellerin, im Grundschulalter Psychiaterin. Irgendwann steckte meine Nase aber ununterbrochen in Büchern, und Physik und Chemie lagen mir nicht besonders, weshalb ich mich für ein geisteswissenschaftliches Studium entschied mit Philosophie im Hauptfach.

Damals gab es in Zürich keine einzige Philosophieprofessorin, und die Mitarbeiter*innenstellen waren zum Grossteil an Männer vergeben. Während eines Austauschjahrs in Basel erlebte ich erstmals eine Philosophieprofessorin (Annemarie Pieper). Nach dem Studienabschluss erhielt ich am Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie (Helmut Holzhey) eine Stelle angeboten und vergrub mich in ein Dissertationsprojekt zum Thema «Wahrheit des Mythos» bei Blumenberg, Schelling und Hölderlin.

Ich drohte aber bald, im «Absoluten» unterzugehen und wählte deshalb den Blumenberg’schen «Höhlenausgang» zurück in die praktische Philosophie, wo ich schliesslich am Ethik-Zentrum der Universität Zürich über «Pflichten auf Distanz. Weltarmut und individuelle Verantwortung» promovierte (bei Peter Schaber, erschienen ist die Dissertation bei DeGruyter 2010). Da ich auch die praktische Seite der Armutsbekämpfung verstehen wollte, unterbrach ich mein Doktoratsstudium durch ein Praktikum bei der Uno in New York. Nach meiner Rückkehr ans Ethik-Zentrum baute ich mit Kolleg*innen eine internationale Forschungspartnerschaft mit der Makerere University in Kampala (Uganda) auf. Meine Promotionsprüfungen absolvierte ich hochschwanger mit dem ersten Kind.

Nach meiner Promotion leitete ich drei Jahre die Weiterbildungsstudiengänge «Advanced Studies in Applied Ethics» am Ethik-Zentrum. Der Brückenschlag der Philosophie in die Politik und die Praxis interessierte mich immer schon. Ich wollte keine «armchair»-Philosophin sein, sondern praktische Fragen angehen und zur Klärung von Konzepten wie «profiting from harm», «Instrumentalisierung» oder «Konsumentenverantwortung» beitragen.

Dass das Schärfen von Begriffen und Konzepten nicht nur meine Welt reicher machte, sondern auch in der Öffentlichkeit geschätzt wird, ist mir umso deutlicher, seit ich die «Sternstunde Philosophie» beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF moderiere. Neben meinen philosophischen Kenntnissen kam mir für die Stellenbewerbung sicherlich auch zugute, dass ich seit Mitte Zwanzig für die NZZ tätig war. Mit der journalistischen Arbeit finanzierte ich mein Studium.

Anfänglich war ich fürs Fernsehen als freie Moderatorin tätig. Nach zwei Jahren wurde ich fest angestellt. Ich konnte mit Persönlichkeiten wie Martha Nussbaum, Noam Chomsky, Peter Singer oder David Chalmers sprechen, traf Tim Bernes Lee, Sahra Wagenknecht, Yuval Noah Harari. Den Denkhorizont einer Person einem breiten Publikum zu vermitteln und herauszuschälen, worin das Abenteuer der Philosophie besteht, war mir Herausforderung und Freude zugleich – und ist es bis heute geblieben. Mittlerweile sind meine Aufgaben beim Fernsehen diverser: Neben den Sternstunden-Gesprächen erklären wir die wichtigsten Gedankenexperimente der Philosophie in animierten Kurzfilmen («filosofix»), Yves Bossart und ich streiten in einem YouTube-Format namens «Bleisch&Bossart» über alltagsphilosophische Fragen, ich bin regelmässig in einer Schweizer Radiosendung auf SRF3 mit alltagsphilosophischen Themen zu Gast und als Fachredaktorin im ganzen Unternehmen für Themen der Philosophie Ansprechperson.

So erfüllend und aufregend die Arbeit bei den „Sternstunden“ ist, die Wissenschaft zog und zieht mich weiter in ihren Bann. So versuchte ich – ab 2010 als zweifache Mutter – Wissenschaft und Journalismus unter einen Hut zu bekommen. Ich arbeitete weiter an Forschungsprojekten am Ethik-Zentrum und schrieb gemeinsam mit Markus Huppenbauer eine Einführung in die ethische Entscheidungsfindung (2021 in der 3. Auflage im Versus-Verlag erschienen). Bei Monika Betzler (damals noch Universität Bern) arbeitete ich mit Kolleg*innen an einem SNF-Projekt zum Thema «Gründe der Parteilichkeit“, innerhalb dessen ich mich zur Frage der familiären Pflichten habilitieren wollte. Doch je mehr Zeit verstrich, desto deutlicher wurde mir, dass die herkömmliche universitäre Laufbahn für mich keine Option war. Ich hätte mich ins Ausland bewerben müssen, was ich vereinzelt auch tat. Aber als sich ein Stellenangebot konkretisierte, konnte ich mir die „DiMiDo-Professur“ im Ausland mit zwei Kleinkindern zuhause in Zürich nicht vorstellen. Mein Mann hatte eine interessante Stelle in der Schweiz. Einen Umzug hätte ich ihm nicht zumuten wollen. So blieb ich weiterhin beim Fernsehen und wandelte mein Habilitationsprojekt um in eine Publikation für die breitere Öffentlichkeit: «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» ist 2018 beim Hanser Verlag in München erschienen. Aus der Zusammenarbeit mit Monika Betzler entstand der Band im Suhrkamp-Verlag zu «Familiären Pflichten» (2015). Das Fernsehen liess mir stets grossen Freiraum, sodass ich dazwischen auch einen Forschungsaufenthalt an der Queen’s University in Belfast absolvieren konnte.

Bis heute übe ich mich im Versuch, meine Arbeit als Philosophin in der Öffentlichkeit mit meiner Rolle als Wissenschaftlerin zu verbinden. Ich bin als Dozentin tätig und arbeite immer wieder in Forschungsprojekten mit. Zuletzt habe ich gemeinsam mit Andrea Büchler im Rahmen eines Projektes am «Collegium Helveticum» der ETH, der UZH und der ZHdK ein Buch verfasst mit dem Titel «Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung», das sich mit den philosophischen, ethischen und rechtlichen Fragen der modernen Reproduktionsmedizin auseinandersetzt. Gegenwärtig bin ich Teil der interdisziplinären Forscher*innen-Gruppe «Think Tank für das Kind», die sich mit gesellschaftspolitischen und ethischen Fragen rund um die Kindheit befasst.

Manchmal bedaure ich, dass im deutschsprachigen Raum keine Strukturen bestehen, auch Personen, die an der Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft arbeiten, fester an die Hochschulen anzugliedern. Ich muss immer wieder darum kämpfen, Affiliationen zu erhalten, um beispielsweise den Zugang zu Journals und Bibliotheken zu behalten. Vielleicht verändert sich dies irgendwann einmal. Ich bin der festen Ansicht, dass beide Seiten – Universitäten wie die Gesellschaft – davon profitieren könnten.

www.barbarableisch.ch

Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Metaethik Allgemeine Ethik
26.03.2022

Svenja Wiertz

Ich arbeite aktuell in der Medizinethik in Freiburg an einem BMBF geförderten ELSA-Projekt (Ethical, Legal and Social Aspects) zu ethischen Fragen der Datennutzung in der medizinischen Forschung in enger Zusammenarbeit mit PD Dr. Joachim Boldt und mit vielen weiteren netten Teamkolleg*innen aus Freiburg und Karlsruhe. Besondere Schwerpunkte meiner Arbeit sind dabei zum einen die ethische Einordnung von Vorschlägen, wie die informierte Einwilligung in einem Zeitalter großer Datenmengen gedacht und umgesetzt werden kann. Zum anderen befasse ich mich aktuell mit der Verwendung des Solidaritätsbegriffs in bioethischen Debatten.

Nachdem ich zunächst in Bonn ein Studium der Asienwissenschaften abgeschlossen habe, habe ich mich in Düsseldorf der Philosophie zugewandt, am dortigen Institut für Philosophie meinen Bachelor und Master erworben und anschließend bei Prof. Dr. Simone Dietz promoviert. Mein Arbeitsschwerpunkt lag dabei in der Philosophie persönlicher Beziehungen mit einem Fokus auf Freundschaften. Ich habe Freundschaftskonzeptionen studiert, Formen der Freundschaft sortiert, die besonderen Werte dieser Beziehungsform herausgestellt und schließlich Veränderungen in Zeiten der Digitalisierung reflektiert. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind unter dem Titel Freundschaft in der Reihe Grundthemen der Philosophie bei De Gruyter erschienen.

Während mich Fragen insbesondere der Digitalisierung persönlicher Beziehungen auch weiterhin beschäftigen, war es mir ein Anliegen, im Anschluss an meine Promotion ein stärker interdisziplinäres Arbeiten kennenzulernen. Sosehr ich die Philosophie liebe, so hatte ich über die Jahre doch zunehmend den Eindruck gewonnen, mit meiner eigenen Arbeit eher in internen Diskussionszirkeln festzuhängen, als einen Beitrag zu einer breiten gesellschaftlichen Antwort auf Herausforderungen der Gegenwart leisten zu können.

Ich war daher sehr glücklich, meine Postdoc Phase in Tübingen am Interdisziplinären Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) beginnen zu können, wo ich reichlich Gelegenheit bekam, mich mit Kolleg*innen darüber auszutauschen, wie wir drängenden Fragen unserer Zeit mit philosophischer Methodik angemessen begegnen können und wie philosophische und ethische Arbeit wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurse bereichern kann, ohne aus einer paternalistischen Haltung heraus scheinbar klare Antworten vorzugeben, wo keine klaren Antworten zu finden sind.

Mit einem kurzen Umweg über Chemnitz, wo ich als Mitarbeiterin von Prof. Dr. Minkyung Kim meine Erfahrungen im Bereich der Lehramtsausbildung vertiefen konnte, hat es mich dann in die Medizinethik nach Freiburg verschlagen, wo ich nun meine Interessen im Bereich Ethik der Digitalisierung, des Umgangs mit Daten und KI vertiefe. Es freut mich besonders, dass ich hier über die Medizinethik hinaus auch Kontakt zu Prof. Dr. Veronika Lipphardt (Professorin für Science and Technology Studies) knüpfen konnte, mit der ich insbesondere bestrebt bin, das Trinationale Upper Rhine Network for Science Reflection voranzubringen, das den interdisziplinären Austausch zu Fragen der Wissenschaftsreflexion (im weitesten Sinne) fördert und die Universitäten Basel, Freiburg, Karlsruhe, Straßburg und die Universität Haute-Alsace verbindet.

In Bezug auf meine Kenntnisse der Philosophie bemühe ich mich aktuell zudem, meinen Horizont im Hinblick auf interkulturelle Perspektiven in der Philosophie zu erweitern und damit auch an mein früheres Studium der Asienwissenschaften wieder anzuknüpfen.

Besonders schätze ich an meiner Arbeit den produktiven und inspirierenden Austausch mit Kolleg*innen und freue mich in diesem Sinne auf alle zukünftigen Begegnungen mit Euch/Ihnen und auf die spannenden Fragestellungen, die sich aus diesen Begegnungen sicher ergeben werden!

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Anthropologie Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
19.02.2022

Michela Summa

Foto: Daniel Peter/Universität Würzburg

Mein Interesse für die Philosophie geht auf meine Schulzeit im Gymnasium zurück. Philosophie gehört im italienischen Schulsystem zu den wichtigen Pflichtfächern in den letzten Jahren vor dem Abitur. Was mich schon als Schülerin am meisten faszinierte, und immer noch fasziniert, sind zwei Merkmale der Philosophie: Einerseits, dass in der Philosophie nichts für selbstverständlich oder selbsterklärend gilt, und andererseits, dass Philosophie trotz der Komplexität ihrer Fragen und trotz ihrer scheinbaren Abstraktion eigentlich mit dem zu tun hat, was für Menschen ganz konkret und ganz wichtig ist.

Aus dieser Begeisterung sowohl für die begriffliche Analyse und für Genauigkeit des Denkens als auch für die Bindung an das Konkrete und an das, was uns in der Erfahrung am meisten berührt, entstand auch relativ früh mein Interesse für die phänomenologische Philosophie. Dieses Interesse konnte ich in allen wichtigen geographischen und biographischen Etappen meines Werdegangs verfolgen und erweitern, vor allem dank der vielen wichtigen Begegnungen und Austausche.

Meinen Magister erwarb ich an der Universität Pavia mit einer Arbeit über Husserls Phänomenologie des Zeitbewusstseins, insbesondere die der mittleren Phase, die der sogenannten Bernauer Manuskripte. Auf Basis minutiöser Beschreibungen entwickelt Husserl in diesen Texten eine Analyse der Strukturen des Zielbewusstseins, die es uns m.E. ermöglicht, Subjektivität dynamisch zu denken. Dies zeigt, dass die Zeitanalysen trotz ihres formalen Charakters eigentlich zur Betrachtung der Konkretion des Bewusstseinslebens in seinen verschiedenen Facetten unentbehrlich sind. Aus den Ergebnissen der Magisterarbeit, bzw. der italienischen tesi di laurea, entstanden aber noch weitere Fragen bezüglich der Art und Weise, wie eben die Zeitanalysen in der Phänomenologie eine solche konkrete Bedeutsamkeit gewinnen und wie sie uns ermöglichen, das Verhältnis von Subjektivität und Welt neu zu denken. Es waren diese Fragen, die mich zur Verfassung meines Dissertationsprojekts motivierten. Es handelte sich also immer noch um die alte ‚Faszination‘: Wie kombiniert man das begrifflich Allgemeine, sogar das Formale, mit den ganz konkreten Themen, die uns nicht nur philosophisch, sondern auch im Alltag beschäftigen? Husserl schien mir immer noch der Autor zu sein, bei dem ich eine Orientierung in dieser Frage finden konnte. Und der Ausgang von den Zeitanalysen schien mir auch der richtige zu sein. Zeit ist aber nur abstraktiv an und für sich zu betrachten; auf der Suche nach dem Konkreten schien mir das Verhältnis zwischen Zeit und Raum in der Phänomenologie das Thema zu sein, an das ich mich wenden sollte.

Meine Dissertation befasst sich nämlich mit dem Verhältnis von Raum und Zeit in Husserls Phänomenologie, ausgehend von dem Projekt einer phänomenologischen transzendentalen Ästhetik, d.h. einer Theorie der sinnlichen Erfahrung. Die Doktorarbeit konnte ich dank einer co-tutelle de thèse an zwei philosophischen Instituten – Pavia und Leuven – mit einer bedeutenden philosophischen Tradition schreiben. Die Forschungsarbeit an diesen beiden Instituten und insbesondere an den Husserl-Archiven (in Leuven und dann für ein Jahr in Köln) mit all den verschiedenen Austauschen, die ich im Laufe der Promotionsjahre hatte, waren für mich äußerst prägend. Eine überarbeitete Fassung der Dissertation erschien im Jahr 2014 mit dem Titel Spatio-Temporal Intertwining. Husserl’s Transcencental Aesthetic. Wie der Titel schon andeutet, ist die These dieses Buches, dass die beiden Dimensionen der Zeit und des Raumes als miteinander verflochten betrachtet werden sollten. Genauer gesagt: Ihre Verflechtung ist gerade das, was die konkrete Erfahrung eines leiblichen Subjekts möglich macht. Diese Bemerkung führte mich schließlich dazu, den konstitutiven dynamischen Charakter der sinnlichen Erfahrung selbst als erste und grundlegende Ebene der Sinnkonstitution hervorzuheben.

Zu den Phänomenen, die es mir ermöglicht haben, zu zeigen, inwieweit Räumlichkeit und Zeitlichkeit in der Phänomenologie im Lichte ihrer Verflechtung verstanden werden sollten, gehört das des Leibgedächtnisses. Es war also ein echter Glücksfall, dass ich, als ich kurz vor dem Abschluss meiner Doktorarbeit stand, auf eine an der Klinik für Allgemeine Psychiatrie in Heidelberg ausgeschriebene Stelle zum Thema Leibgedächtnis aufmerksam wurde. In den sechs Jahren, die ich an der Sektion Phänomenologie der Klinik für Allgemeine Psychiatrie in Heidelberg nach der Promotion verbracht habe, konnte ich meine Forschungsinteressen in einem sehr lebendigen interdisziplinären Umfeld weiter vertiefen und erweitern. Meine damaligen Projekte konzentrierten sich hauptsächlich auf Leibgedächtnis, Imagination und Als-ob-Erfahrungen (Spiel, Fiktion usw.). Durch diese Fokussierung hatte ich unter anderem die Gelegenheit, die soziale Relevanz der phänomenologischen Analysen über die Zeit, die Erinnerung, den Leib und die Imagination hervorzuheben – also mich auf einen Aspekt der konkreten Erfahrung zu konzentrieren, der in meiner Monographie etwas am Rande steht. In interdisziplinären Forschungsbereichen konnte ich sowohl die Stärke der philosophischen und phänomenologischen Reflexion hervorheben als auch mich von anderen Ansätzen zu denselben Phänomenen – in der Philosophie aber auch in empirischen Wissenschaften wie Psychologie und Psychopathologie – bereichern lassen. Das Interesse für interdisziplinäre Arbeit prägt meine Forschungen heutzutage noch.

Auch an beiden anderen Orten – Würzburg und Kassel – wo ich nach Heidelberg gearbeitet habe, habe ich das Glück gehabt, die skizzierten Forschungslinien in einem offenen und diskussionsfreudigen kollegialen Umfeld zu vertiefen und zu erweitern. Obwohl der Aufenthalt in Kassel nur ein Semester dauerte, eröffnete er mir neue Horizonte vor allem bezüglich der theoretischen Biologie des 20. Jahrhunderts. Insbesondere habe ich aus der Auseinandersetzung mit dieser Forschungslinie entscheidende Einsichten für die Diskussion der Themen Normalität und Pathologie sowie der mit diesen Begriffen verbundenen deskriptiven und normativen Implikationen gewonnen.

Mit meiner Juniorprofessur in Würzburg, die ich im Jahr 2018 angetreten habe, versuche ich die verschiedenen Richtungen meiner Forschung miteinander zu bündeln, und dabei immer die doppelte Fokussierung auf die präzise Begriffsarbeit und auf die Konkretheit der Phänomene beizubehalten. In gewisser Kontinuität mit den oben dargestellten Themen konzentriert sich meine aktuelle Forschung vor allem auf die Phänomenologie der Fiktion, der Phantasie und der Normativität in den Strukturen der ästhetischen Erfahrung. Neben dem Interesse an Fragen zur Ontologie der Fiktion (Existieren fiktionale Objekte? Was ist ihr ontologischer Status? Welche soziale Relevanz haben sie? Inwieweit beeinflussen sie unsere realen Erfahrungen?), die auf Intentionalitätsanalysen aufbaut, bewegt sich meine Forschung in Richtung einer Thematisierung einiger ästhetischer Theorien aus epistemologischer Sicht. Insbesondere interessiert mich die Analyse des normativen Charakters von empirischen Erkenntnisformen, die nicht an objektive Kriterien oder an ein auf Verifikation beruhendes Wissen gebunden sind. Die philosophische Tradition, die sich mindestens seit Hume und Kant mit der Frage der ästhetischen Normativität befasst, scheint mir dabei entscheidende Anhaltspunkte zu bieten, um den Status der empirischen Erkenntnis auch aus phänomenologischer Sicht neu zu denken.

Neben diesen Themen koordiniere ich zurzeit zwei Projekte zum Thema ‚Intentionalität‘. Eines dieser Projekte „Modi der Intentionalität: Eine historische und systematische Analyse“ befasst sich mit dem Verhältnis zwischen mittelalterlichen und phänomenologischen Intentionalitätstheorien, denen sich die Forschergruppe aus der Sicht der Kognitions-, Handlungs- und Emotionstheorie nähert. Die jüngste Veröffentlichung dieses Projekts ist ein Band der Zeitschrift Topoi über „Doppelte Intentionalität“. Das andere Projekt, „Nicht-gegenstandsgerichtete Intentionalität. Affekt und Tendenz“, befasst sich mit der Frage nach den Strukturen und den Funktionen von unbestimmten Intentionalitätsformen. Wir untersuchen dabei die Genese intentionaler Strukturen und ihr Entstehen aus einem offenen und unbestimmten Tendieren. In diesem Zusammenhang sind das Phänomen der Affektion, sowie verschiedenen Formen des emotionalen Erlebens und der Handlung von entscheidender Bedeutung.

Dr. Michela Summa

Juniorprofessur für Theoretische Philosophie, Institut für Philosophie, Universität Würzburg

Ästhetik Sozialphilosophie Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie
19.01.2022

Kristina Lepold

Hallo! Ich bin Kristina Lepold. Seit Oktober 2020 bin ich Juniorprofessorin für Sozialphilosophie/Kritische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor Kurzem bin ich auch in den Vorstand von SWIP gewählt worden, worüber ich mich sehr gefreut habe. Es gibt in der Philosophie noch einiges zu tun für Frauen*, aber auch für andere benachteiligte Gruppen. Bei SWIP und auch jenseits von SWIP möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Dinge sich weiter zum Besseren verändern.

Bevor ich 2020 nach Berlin gekommen bin, war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt, erst bei Axel Honneth, später bei Martin Saar. (Eine ausführlichere Biographie findet sich auf meiner Website, dazu einfach hier klicken.) In Frankfurt wurde ich 2017 auch mit einer Arbeit zu ambivalenter Anerkennung promoviert. Vor einigen Monaten ist meine Doktorarbeit in stark überarbeiteter Form als Monographie unter dem Titel Ambivalente Anerkennung bei Campus erschienen (in der Reihe „Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie“, die vom Frankfurter Institut für Sozialforschung herausgegeben wird, zur Seite des Buchs beim Verlag geht es hier).

Die Grundidee meines Buches kann man so erläutern: Dass Anerkennung etwas Positives ist, würden die meisten von uns wohl spontan bestätigen, und so wird Anerkennung auch in der sozialphilosophischen Diskussion üblicherweise gesehen. Mir geht es darum zu zeigen, dass Anerkennung jedoch ambivalent sein kann. Anerkennung kann ambivalent sein nicht etwa deshalb, weil sie am Ende für Personen „irgendwie doch nicht so gut ist“, sondern weil Anerkennung verstrickt sein kann in die Aufrechterhaltung problematischer gesellschaftlicher Arrangements (zum Beispiel problematischer Geschlechterverhältnisse). In meinem Buch setze ich mich unter anderem intensiv mit den Ansätzen von Axel Honneth, aber auch von Louis Althusser, Pierre Bourdieu und Judith Butler auseinander, die für mich Ressourcen bilden, um mein eigenes Argument zur Ambivalenz der Anerkennung zu entwickeln. In einem Podcast, den ich mit Sarah Sandelbaum aufgenommen habe (und der hier zu finden ist), erkläre ich noch etwas ausführlicher, was ich in dem Buch mache.

Derzeit interessiere ich mich in meiner Forschung unter anderem für Fragen von race und Rassismus. In der deutschsprachigen Philosophie ist über diese Fragen bislang sehr wenig nachgedacht geworden, was sich gerade langsam zu ändern beginnt. Mit meiner wunderbaren Kollegin Marina Martinez Mateo, die seit Kurzem die Juniorprofessur für Medien- und Technikphilosophie an der Akademie der Bildenden Künste München innehat, habe ich gerade bei Suhrkamp einen Reader zum Forschungsfeld der Critical Philosophy of Race herausgegeben, der zentrale Texte aus der US-amerikanischen philosophischen Debatte erstmals in deutscher Übersetzung und an einem Ort zusammenbringt. Ich hoffe sehr, dass der Reader ein paar Impulse für die deutschsprachige Diskussion liefern kann. In einem Interview im Deutschlandfunk Kultur (hier anzuhören) sprechen Marina Martinez Mateo und ich mit der Moderatorin Stefanie Rohde unter anderem über die Frage, inwieweit die US-amerikanische Debatte im deutschen Kontext genutzt werden kann, wo aber auch mögliche Schwierigkeiten liegen. Persönlich freue ich mich besonders darüber, dass der Reader zwei wichtige Texte von Sally Haslanger und Tommie Shelby enthält, mit denen ich unter anderem während eines längeren Forschungsaufenthaltes in den USA 2018-2019 einige Gelegenheit zum Austausch hatte und die sehr beeindruckende und tolle Philosoph:innen sind. Sehr traurig ist allerdings, dass einer der in unserem Reader vertretenen Autoren – der großartige Charles W. Mills – in diesem Jahr überraschend verstorben ist. Viele (auch ich) vermissen ihn sehr als eine wichtige Stimme zu Fragen von race und Rassismus in der zeitgenössischen Sozial- und politischen Philosophie.

Zusammen mit Franziska Dübgen, die Professorin in Münster ist, organisieren Marina Martinez Mateo und ich zurzeit zudem eine große Tagung zum Thema „Philosophie und Rassismus“, die im Januar stattfinden sollte, die wir aber aufgrund der pandemischen Situation auf den 6. bis 8. Oktober 2022 verschoben haben. Ziel der Tagung ist es, Forscher:innen aus der deutschsprachigen Philosophie, die sich mit race und Rassismus auseinandersetzen, zusammenzubringen. Es wird sicher spannend! Wer mehr über die Tagung wissen will, findet alle Infos und das Anmeldeformular auf der Homepage der Tagung (unter diesem Link). Alle sind herzlich eingeladen, vorbeizuschauen und mit uns zu diskutieren!

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
23.12.2021

Karen Koch

Ich bin seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am philosophischen Institut der Freien Universität Berlin im Arbeitsbereich der Geschichte der Philosophie bei Dina Emundts. Bisher habe ich mich hauptsächlich mit der Klassischen Deutschen Philosophie beschäftigt. Meine Forschungsschwerpunkte liegen hier vor allem im Bereich der Metaphysik, insbesondere der (Natur-)Teleologie, und der Erkenntnistheorie. Weitere Interessensschwerpunkte habe ich außerdem in der Philosophie der Biologie, der Phänomenologie, insbesondere derjenigen Edith Steins, und in der feministischen Philosophie. Dies schlägt sich derzeit jedoch nur in der Lehre nieder.

Von 2006-2009 habe ich meinen Bachelor in Philosophie, Griechische Literatur in Übersetzung und Geschichte und Kultur des Vorderen Orients an der Freien Universität Berlin absolviert. Dort habe ich auch mein Masterstudium in Philosophie aufgenommen, welches ich, nach einem Erasmus-Aufenthalt an der Paris-Sorbonne IV, 2013 beendet habe. In meiner Masterarbeit entwickele ich eine Kritik an Kants Metaphysikkritik, wie er sie in der Kritik der reinen Vernunft vorlegt hat.

Seit 2011 bin ich Mitglied des internationalen, interdisziplinären Arbeitskreises für Philosophische Reflexion (IiAphR) unter der Leitung von Frauke A. Kurbacher. Von 2013-2016 war ich als Programm-Assistentin sowie Senior-Tutorin bei der Middlebury School in Germany tätig. Außerdem war ich 2015 freischaffende Mitarbeiterin beim Cogito – Institut für Autonomieforschung.

2015 habe ich dann an der Freien Universität mein Promotionsstudium aufgenommen, das ich 2021 beendet habe. Während der Promotionszeit war ich für drei Monate Visiting Student an der University of California San Diego. Mein Promotionsprojekt handelt von Kants und Hegels Teleologiekonzeptionen, wie sie in deren wichtigsten Werken (in der ersten und dritten Kritik Kants und in Hegels Wissenschaft der Logik) vorgelegt wurden. In meiner Dissertation verfolge ich nicht nur einen historischen Vergleich beider Positionen, sondern ich verfolge auch eine Argumentation auch auf systematisch-sachlicher Ebene.

Ich zeige erstens, dass für Kant und für Hegel die Frage nach Zweckstrukturen in der Natur nicht von der Frage nach unserem eigenen Selbstverständnis als vernünftige und natürliche Wesen zu trennen ist. Wollen wir uns selbst als vernünftige Subjekte denken können, so müssen wir auch die Natur als Zweckstrukturen ausdrückend denken. Zweitens vertrete ich die These, dass die Aussage, dass Zwecke an ihre Repräsentation durch einen Verstand gebunden sind, keine semantisch-analytische Aussage ist. Mein Vergleich der Zweckkonzeptionen Kants und Hegels zeigt, dass die Entscheidung für oder gegen diese These der notwendigen Repräsentation von Zwecken durch einen Verstand aufgrund weiterer metaphysischer Vorannahmen zur Struktur der Wirklichkeit fällt, die in dem jeweiligen Wirklichkeitsbild vertreten werden; zum Beispiel aufgrund der Rolle, die man dem Mechanismus dabei zuschreibt. Drittens lese ich Hegels Zweckkonzeption als Fundierung derjenigen Kants. Die Fundierung zentraler Gedanken von Kants Zweckkonzeption durch Hegel sehe ich in Hegels Aufgreifen und in seiner Fortschreibung der Kantischen Unterscheidung von innerer und äußerer Zweckmäßigkeit sowie in der – so meine Argumentation – besseren Begründung dieser Unterscheidung. Das Dissertationsprojekt wurde zunächst – d.i. bis zum Antritt der Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin – vom Land Berlin durch das Elsa-Neumann-Stipendium gefördert.

Als nächstes werde ich an einem kleineren Projekt zu Hegels Philosophie des Organismus arbeiten und dort vor allem in der Naturphilosophie dem Zusammenhang zwischen Mechanismus und Zweckmäßigkeit nachgehen sowie die Ergebnisse in Bezug zu Debatten über die Relevanz von Hegels Theorie des Organismus für die gegenwärtigen Philosophie der Biologie setzen.

Derzeit arbeite ich zudem an der Konzeption eines neuen größeren Projekts, in welchem ich dem Status von Kategorien in Schelling und Hegel nachgehen möchte. Motiviert ist das Projekt durch die Annahme, dass Kategorien bei Schelling und bei Hegel – im Gegensatz zu Kant – als historisch
geworden verstanden werden und ihnen aber dennoch Notwendigkeit zukommen soll. Die leitende Frage ist daher, wie wir Kategorien als historisch geworden und dennoch als notwendig auf die Wirklichkeit zutreffend verstehen können.

In einem weiteren Projekt möchte ich mich der Philosophie Edith Steins widmen und insbesondere auch Ihre Kategorienlehre untersuchen. Mit diesem Projekt stehe ich noch ganz am Anfang.

Über Fragen, Anregungen und Kommentare zu meiner Arbeit freue ich mich immer sehr: karen.koch@outlook.de

Feministische Philosophie Erkenntnistheorie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Metaphysik/Ontologie
23.12.2021

Nina Poth

Foto: Nicholas Rebol

Momentan bin ich als Postdoc am Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum angestellt und arbeite dort im Bereich der Philosophie der Kognitionswissenschaft. Meine Forschung behandelt die Rolle von Begriffen für das Erklären kognitiver Fähigkeiten, wie z.B. Wahrnehmen, Denken, Handeln und Lernen. Begriffe sind für mich interessant, weil sie als eine Schnittstelle zwischen unserem Erleben der Welt und unserem Denken darüber bilden. Begriffe ermöglichen es uns, individuelle Erlebnisse zu bewerten und in größere Zusammenhänge zu bringen. Zum Beispiel ist meine Wahrnehmung eines bestimmten rötlichen Pilzes weder richtig noch falsch, aber sobald ich ihn als „essbar“ klassifiziere kann ich damit falsch liegen (mit möglicherweise fatalen Konsequenzen). Ich finde es erstaunlich, dass Kinder so rasant eine Vielzahl an Begriffen lernen, und das oft aufgrund einiger weniger Erfahrungen und Beispiele. Wie lässt sich das erklären? In meinen Untersuchungen zu dieser Frage beschäftige ich mich mit jüngsten Antworten und Modellen aus der Computerpsychologie.

Neuerdings arbeite ich außerdem an einem gemeinsamen Projekt in der Arbeitsgruppe Soziale Kognition zu Verschwörungsüberzeugungen (z.B. der Glaube, dass Signale von 5G-Netzwerken die COVID-19 Pandemie verursachten). Innerhalb dieses Projekts beschäftige ich mich mit der Frage, inwiefern solche Überzeugungen irrational sind.

Schon in der Schule habe ich Philosophie als ein herausforderndes, aber besonders erfüllendes Fach geschätzt. Nach meiner Schulzeit begann ich ein Bachelor-Studium in der Philosophie und Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, wo mich die interdisziplinäre Forschung früh begeisterte. Ich schloss mein Studium mit einer experimentell-philosophischen Arbeit und Studie über die interkulturellen Einflüsse auf den Begriff des Schmerzes ab. Im Master-Studiengang der Kognitionswissenschaft an der Ruhr-Universität habe ich meine interdisziplinäre Ausbildung vertieft und mit einer empirisch-informierten philosophischen Arbeit zu Begriffslernen bei Kindern abgeschlossen.

Während meiner Studienzeiten war ich mehrmals im Ausland. So habe ich ein Erasmus-Semester an der Tallinn University of Technology verbracht und war ein Semester als Lehrassistentin im Fachbereich Philosophie an der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg tätig. Danach konnte ich über ein großzügiges Stipendium der School of Philosophy, Psychology and Language Sciences der University of Edinburgh dort mein Promotionsstudium fertigstellen.

In meiner Doktorarbeit zu Perceptual Categorisation, Bayesian Inference and Psychological Similarity untersuchte ich, inwiefern jüngste Ansätze aus der Computerpsychologie Kategorisierung und Begriffslernen erklären können. Dabei definierte ich Kategorisierung als die Fähigkeit, verschiedene Gegenstände unter einen gemeinsamen Begriff klassifizieren zu können. Ich behandelte Fragen wie: Warum kategorisieren wir die Dinge so, wie wir es tun? Nach welchen Prinzipien handeln wir dabei? Inwiefern sagen unsere besten computerpsychologischen Modelle solches Verhalten erfolgreich vorher und welche Informationen fehlen noch, damit WissenschaftlerInnen daraus Rückschlüsse über die Struktur der dahinterliegenden psychologischen Mechanismen ziehen können?

Um diese Fragen zu beantworten, verglich ich zwei existierende Ansätze. Der eine Ansatz erklärt Kategorisierung basierend auf einem Ähnlichkeitsprinzip: Wir ordnen Gegenstände demselben Begriff zu, weil wir sie als sehr ähnlich wahrnehmen. Ein Problem mit diesem Ansatz ist, dass Ähnlichkeit trivial erscheint und deshalb nicht ausreicht um zu erklären, warum wir die Dinge so kategorisieren wie wir es tun. Zum Beispiel kann ein heißer Kaffee ähnlich zu einem Sonnenbrand sein, insofern beide die Haut verbrennen. Trotzdem klassifizieren wir sie nicht gemeinsam. Ein alternativer Ansatz ist das wahrscheinlichkeitstheoretische Modell, nach dem zwei Gegenstände ähnlich sind, insofern sie sehr wahrscheinlich unter denselben Begriff fallen. Das ist nicht trivial, denn unter bestimmten Bedingungen kommen dafür nur wenige Begriffe infrage. In der Computerpsychologie werden diese beiden Ansätze oft als sich gegenseitig ausschließend verstanden. In meiner Arbeit argumentierte ich aber, dass sie sich gegenseitig zu einer einheitlichen Erklärung ergänzen. Außerdem zeige ich auf, dass so ein hybrides Modell mathematisch eleganter, vorhersagekräftiger, und psychologisch plausibler wäre, als jeder einzelne diese Ansätze. Der Ausblick meiner Arbeit ist eine Erweiterung dieses Arguments auf die Untersuchung von Kategorisierungen basierend auf abstrakten Ähnlichkeiten und Begriffen (z.B. Analogien und Metaphern).

Weitere Informationen zu mir, meiner Forschung und sonstigen wissenschaftlichen Aktivitäten finden sich auf meiner persönlichen Webseite.

Philosophie des Geistes Wissenschaftstheorie
15.10.2021

Sonja Feger

Foto: Valentin Knall

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau) und Redakteurin der Zeitschrift für Kulturphilosophie.

Was mich in die Philosophie hineinzog, war das Zusammenspiel zwischen Sprache und Denken. Noch immer übt es eine gewisse Faszination auf mich aus, dass Philosophie von der Art und Weise lebt, wie wir Gedachtes in Wörtern und Sätzen niederschreiben, mitteilen und befragbar machen.

Die erste Station meines Studiums war Freiburg, wo ich es später auch abschloss. Von dort aus brach ich zu mehreren Auslandsaufenthalten auf und war so zu Gast in Paris (Sorbonne Paris IV), Basel und an der DePaul University in Chicago.

Die ersten Studienjahre führten mich zunächst an ganz unterschiedliche philosophische Disziplinen heran, doch im bunten Strauß an Themengebieten machte sich zunehmend meine Begeisterung für Phänomenologie bemerkbar. Diese bietet Antworten auf Fragen etwa danach, wie Bewusstseinsprozesse geartet sind und was ihnen wesentlich ist. Doch auch die Frage, wie wir uns überhaupt auf die Welt beziehen können, in der wir leben, kommt hier auf. Dazu passte gut mein Interesse an Ästhetik und Hermeneutik. Deren Potenzial sehe ich in der Beschreibung von Einsichten und Erlebnissen, die sich in Kunst und kulturellem Handeln ausdrücken. Kurz: Es geht mir um die Bedeutsamkeit in und von kulturellen Handlungen und um die Frage, was uns das über das Menschliche sagen kann.

So kam ich zum Thema meiner Dissertation, die ich an der Universität Landau schreibe. Darin beschäftige ich mich im weitesten Sinne mit der Frage, wie wir uns ‚zur Wirklichkeit‘ oder ‚zur Welt‘ verhalten. Was bedeutet es überhaupt, von ‚Wirklichkeit‘ oder ‚Welt‘ zu sprechen? Erscheint uns ‚die Welt‘ nicht zuweilen ganz und gar unverfügbar, etwa, wenn kontingente Ereignisse nur so auf uns einzuprasseln scheinen? Und haben wir in anderen Momenten nicht den Eindruck, vollkommen eins mit der Welt zu sein? Erleben wir in derselben Welt nicht sowohl Entfremdung oder Überforderung als auch eine gewisse Stimmigkeit und Bedeutsamkeit? Was ist das genuin Menschliche hierin? Und welche Rolle spielen kulturelle Handlungen dabei?

Die Leitfrage meines Forschungsvorhabens richtet sich an Bewusstseinsprozessen aus. Dabei unternehme ich einen (innerphilosophisch) disziplinären Grenzgang, weil ich mich sowohl auf die transzendentale Phänomenologie Edmund Husserls als auch auf die Anthropologie Hans Blumenbergs beziehe. Es geht mir um die Frage, welche Vernunft- und Bewusstseinsleistungen für das menschliche Verhältnis zur Welt maßgeblich sind. Sehr grob formuliert versuche ich, die Bewusstseinsprozesse zu beschreiben, die am Werk sind, wenn und damit wir uns in der Welt zurechtfinden.

Auf das Zusammenspiel zwischen Sprache und Denken möchte ich noch einmal zurückkommen. Schon seit dem frühen Studium verbinde ich das eigene Philosophieren mit Lektorats- und Redaktionstätigkeiten. Die Herausforderung, Gedanken möglichst präzise in Sätzen einzufangen und Texte auf Struktur und Zugänglichkeit für verschiedene Leser·innen zu prüfen, mag ich dabei besonders. Manchmal kann der kleinste, behutsame Eingriff einen Satz plötzlich ganz anders, und vielleicht viel klarer dastehen lassen.

Neben dem Studium habe ich diverse Erfahrungen im Verlagswesen gesammelt, etwa beim Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck oder im Sachbuchlektorat bei C.H.Beck. Seit 2019 bin ich Redakteurin der Zeitschrift für Kulturphilosophie, die bei Meiner erscheint. Die Tätigkeit für die Redaktion erlaubt es mir, meine Aufgaben der Programmgestaltung, Kommunikation, Organisation, aber eben auch die redaktionelle und philosophische Arbeit miteinander zu verbinden.

Profil Institut für Philosophie Landau

Zeitschrift für Kulturphilosophie

Academia.edu

E-Mail: feger (at) uni-landau (.) de

Anthropologie Kultur-, Medien- und Technikphilosophie
01.10.2021

Elmarie Venter

Ich forsche empirisch ausgerichtet in der Philosophie des Geistes und arbeite an der Ruhr-Universität Bochum. Meine Forschungsinteressen sind interdisziplinär, da ich Philosophie, Psychologie und Kognitionswissenschaft studiert habe. Derzeit entwickle ich ein Projekt über individuelle Entscheidungsprozesse innerhalb des größeren Bezugsrahmens der verkörperten Kognition und predictive processing.

Das Projekt beinhaltet die Entwicklung einer vereinheitlichenden Theorie der individuellen Entscheidungsfindung und die Analyse der praktischen Auswirkungen einer solchen Theorie. Grob betrachtet ist Entscheidungsfindung ein dreistufiger Prozess, der die Entstehung von Präferenzen, die Auswahl und Ausführung einer Handlung und schließlich das Erleben und Bewerten des Ergebnisses umfasst. In den meisten Theorien werden diese Stufen als zeitlich und funktional getrennte Prozesse behandelt. Ich lehne diese Linearität zeitlicher und funktional getrennter Prozesse ab und entwickle als Alternative eine Theorie, in der alle Komponenten eines Entscheidungsfindungsprozesses integriert sind.

Meine Doktorarbeit verfasste ich im Bereich der Philosophie des Geistes mit einem Schwerpunkt auf verkörperter Kognition und Enaktivismus. Meine Dissertation drehte sich um die Frage, wie der Mensch in der predictive processing Theorie der Kognition dargestellt wird. Ich entwickelte eine Theorie, die die verkörperte Person als Ganze in ihrer intentionalen Gerichtetheit auf die Welt ernst nimmt. Einige der Fragen, die ich untersucht habe, waren folgende: Inwieweit ist eine situierte Theorie der Wahrnehmung mit dem predictive processing Ansatz vereinbar? Ist es möglich, eine mechanistische Darstellung des Prozesses der Vorhersagefehlerminimierung anzubieten? Welche Eigenschaften weisen Menschen in intentionalen Zuständen auf?

Neben der Forschung ist die Lehre eine meiner Leidenschaften. Meine Lehrerfahrung ist vielfältig und umfasst das Unterrichten von kleinen Seminaren im MA-Studiengang bis hin zu großen Vorlesungen mit 100 und mehr BA-Studierenden. Ich habe Kurse zu verschiedenen Themen unterrichtet, von politischer Philosophie bis hin zur Phänomenologie und Kognitionswissenschaft. Seit dem Abschluss meiner Promotion unterrichte ich im MA-Studiengang Kognitionswissenschaft an der Ruhr Universität Bochum. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Lehre, insbesondere die forschungsorientierte Lehre, eine der besten Möglichkeiten ist, das eigene Wissen zu erweitern. Aufgrund meiner Leidenschaft für das Lehren und Lernen deckt meine philosophische Karriere eine große Vielfalt an Themen ab, von der westlichen und afrikanischen Philosophie bis hin zur Moralphilosophie und politischen Philosophie. Direkt nach meinem MA-Abschluss arbeitete ich als Dozentin an der Universität von Zululand in der Fakultät für Philosophie und angewandte Ethik. Danach war ich als Abteilungsleiterin an der AFDA, einer Filmhochschule in Südafrika, tätig. 2017 habe ich Südafrika verlassen, um mich dem Graduiertenkolleg ‚Situierte Kognition‘ an der Ruhr-Universität Bochum anzuschließen, wo ich meine Doktorarbeit zum Dr. phil. (2017-2020) abgeschlossen habe.

Als starke Vertreterin der Gleichstellung in der Wissenschaft bin ich Botschafterin von zwei Initiativen, die die Gleichstellung von Minderheitsgruppen fördern. Ich bin die regionale Botschafterin für SWIP im Ruhrgebiet und Mitbegründerin des Bochumer Ortsverbandes von ‚Minorities and Philosophy‘, einer internationalen Organisation, die sich auf die Förderung von Minderheiten in der Philosophie konzentriert.

Weitere Informationen und Kontakt auf meiner Website.

Philosophie des Geistes
27.07.2021

Hannah Schickl

Ich bin analytische Philosophin und beschäftige mich mit bioethischen Fragen, insbesondere zu den Themenbereichen Tierethik, Stammzellforschung und anderen Gentechnologien und Reproduktionsmedizin. Meine Forschung liegt an der Schnittstelle von Philosophie/Ethik, Biologie, Medizin und Jura.

Mein Studium hatte ich ursprünglich mit dem Ziel begonnen, mit Philosophie/Ethik und Germanistik das Lehramt an Gymnasien anzutreten, habe aber schnell festgestellt, dass ich mit Philosophie in der Wissenschaft bleiben möchte. Über die Sprachphilosophie hatte mich die analytische Philosophie durch ihre sprachliche Klarheit, formale Struktur und inhaltliche Logik für sich eingenommen. Allen voran Saul Kripke hat einen starken Eindruck auf mich gemacht und mein philosophisches Denken und Arbeiten geprägt. Gegen Ende des Studiums hat es mich von der theoretischen zur praktischen Philosophie und Bioethik hingezogen, insbesondere durch Fragen zur Tierethik und Stammzellforschung und durch Autor*innen wie Peter Singer, Ursula Wolf und Dieter Birnbacher.

In den letzten Jahren habe ich (zum Teil parallel) in unterschiedlichen, überwiegend interdisziplinären Forschungsprojekten zu Gentechnologien im Allgemeinen und zur Stammzellforschung, Genome-Editing und synthetischen Biologie im Besonderen an der FAU Erlangen-Nürnberg und der BBAW (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) in Berlin gearbeitet. Die Wahl meines Promotionsthemas zur moralischen Berücksichtigung menschlicher Embryonen hat dabei den Fokus meiner Arbeit auf Statusfragen zu Embryonen in vitro gelegt. 2019 eröffnete mir die Fondation Brocher die einzigartige Möglichkeit, dieses Thema auch im Rahmen eines zweimonatigen Forschungsaufenthalts in Genf zu vertiefen.

Ich setze mich in meiner Forschung vor allem mit Argumentationen auseinander und prüfe sie auf einer logischen, argumentationstheoretischen Basis. Dabei gelange ich häufig zu dem wissenschaftlichen Diskurs entgegengesetzten Konklusionen. Zuletzt habe ich mich im Zuge der aktuellen Forschung an Organoiden mit den Fragen beschäftigt, ob humane „Embryoide“ (aus humanen pluripotenten Stammzellen abgeleitete Stadien der Embryonalentwicklung) menschliche Embryonen sind und ob sie wie menschliche Embryonen geschützt werden sollten. Hier besteht ein starker internationaler Konsens zur Verneinung der ersten und (inzwischen zum Teil partiellen) Verneinung der zweiten Frage, während ich nach Untersuchung der jeweiligen Argumente die erste Frage bejahen und die zweite verneinen würde, obwohl sie von der Gegenposition konsistenterweise eigentlich klar bejaht werden müsste. Gerade in emotional aufgeladenen und rechtlich brisanten normativen Diskursen wie dem um Embryonen in der Forschung kann die analytische Philosophie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Argumentationen offenzulegen, zu clustern und zu analysieren.

In meiner Dissertation vertrete ich die für spezifische Fragen dieser Art rahmenbildende Position, dass ein starker direkter Schutz menschlicher Embryonen weder aus intrinsischen Fähigkeiten (z. B. dem Entwicklungspotenzial) noch aus extrinsischen Umständen (z. B dem Kontext) abgeleitet werden kann. Eine moralische Berücksichtigung kann lediglich als indirekter schwacher Schutz gestützt werden auf gesellschaftliche Pietätsgefühle gegenüber menschlichen Embryonen in Analogie zu menschlichen Leichnamen. Sich hieraus ergebende Pflichten sind Pflichten der Rücksichtnahme (nicht auf Embryonen, sondern) auf die kulturell geprägten Gefühle anderer Menschen.

Nach den letzten Jahren der Fokussierung auf bestimmte Forschungsbereiche und Fragestellungen möchte ich meine Arbeit auch gerne ausweiten und wieder intensiver in der theoretischen Philosophie, vor allem in der Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes, forschen. Eine Frage, die mich momentan interessiert, ist beispielsweise, ob die sprachliche Verwendung des generischen Maskulinums oder auch der Doppelnennung eine Diskriminierung aufgrund des biologischen Geschlechts darstellt und dadurch eine allgemeingültige moralische Sprachnorm zu rechtfertigen ist.

E-Mail: schickl@bbaw.de

Kurz-CV und Publikationsliste

ORCID iD: 0000-0001-7664-1988

Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
16.05.2021

Nadia Primc

Foto: Uni Heidelberg

Als akademische Rätin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin liegt mein Schwerpunkt in Forschung und Lehre gegenwärtig im Bereich der Medizin- und Pflegeethik. Die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Entwicklung und Anwendung biomedizinischer Studienergebnisse sowie neuerer Technologien bietet mir zugleich die Gelegenheit, weiterhin wissenschaftsphilosophische Fragestellungen zu verfolgen. Meine diversen Interessen aus den Bereichen der praktischen und theoretischen Philosophie lassen sich vielleicht am besten unter dem Begriff der Medizinphilosophie zusammenfassen. Gemeinsam ist diesen Bereichen ein stark interdisziplinärer Charakter.

Bis zum Abschluss meiner Dissertation und Wechsel in die Medizinethik stand die theoretische Philosophie im Mittelpunkt meines philosophischen Interesses – während meiner Promotion die Wissenschaftsphilosophie, in meinem vorhergehenden Studium vor allem die Kant‘sche Erkenntnistheorie. Mein Studium der Philosophie und Ethnologie habe ich an der Universität Heidelberg mit einer Magisterarbeit zum intellektuellen Existenzbewusstsein bei Kant abgeschlossen. Die Kant’sche Kritik des menschlichen Erkenntnisvermögens, insbesondere der teleologischen Urteilskraft, hat einen nachhaltigen Einfluss auf mein Denken und meine Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen sowie biomedizinischen Fragestellungen ausgeübt.

Im Rahmen meiner Promotion an der Université du Luxembourg und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg habe ich mich näher mit dem Verhältnis von wissenschaftlicher und alltäglicher Erkenntnis auseinander gesetzt. Mein Dissertationsprojekt war inspiriert von der Frage, ob der Wissenschaft tatsächlich immer ein erkenntnistheoretischer Primat gegenüber den alltäglichen Wissensformen zugesprochen werden muss, oder nicht vielmehr beiden Wissensformen ihre jeweilige Berechtigung zugesprochen werden kann, ohne allerdings in einen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Relativismus zu verfallen.

Prägend für mein philosophisches Denken war in diesem Kontext die Auseinandersetzung mit dem Methodischen Kulturalismus. Dieser hat im Ausgang vom Methodischen Konstruktivismus der Erlanger Schule einen instrumentalistischen und in der Lebenswelt verankerten Wahrheits- und Wissenschaftsbegriff (weiter)entwickelt. Die im Methodischen Kulturalismus implizierte notwendige Rückbeziehung von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf ein lebensweltliches und kulturell (mit)geprägtes Fundament, bietet wertvolle Anknüpfungspunkte für die philosophische Auseinandersetzung mit der biomedizinischen Forschung sowie der medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Versorgung von Menschen. Denn letztere haben einen sehr engen Bezug zur menschlichen Lebenswelt.

Die biomedizinische Forschung und die Gesundheitsversorgung nehmen zumeist ihren Ausgang von einer Störung der lebensweltlichen Bezüge des Menschen, z.B. in Form einer Erkrankung oder eines Leidensdrucks. Zugleich sind sie in ihrem telos (Ziel/Zweck) und ihrer praktischen Anwendung auf eine erfolgreiche (therapeutische, diagnostische, präventive, usw.) Intervention in die Lebenswelt einzelner Menschen ausgerichtet, wobei diese Intervention an dem Körper des Betroffenen, seinen Verhaltensweisen oder auch seinem Umfeld ansetzen kann. Ein instrumentalistischer Ansatz, der Wissen an erfolgreicher Praxis festmacht, eignet sich auch deshalb in besonderer Weise für die Anwendung im biomedizinischen Bereich, da der Erfolg einer biomedizinischen Intervention bzw. Technologie sehr stark an den jeweiligen lebensweltlichen Umständen und Zwecken der Betroffenen zu messen ist.

Obwohl ich bereits während meines Studiums und meiner Promotion ein Interesse an interdisziplinären Fragestellungen gezeigt und als Dozentin auch interdisziplinäre Veranstaltungen gemeinsam für Philosoph*innen und Naturwissenschaftler*innen angeboten habe, habe ich in der Medizinethik nochmal eine viel ausgeprägtere Form der Interdisziplinarität kennengelernt. Insbesondere die Vielfalt an angewandten Methoden sticht hier heraus. So beziehe ich in meine Forschung auch empirisch-qualitative Ansätze mit ein. Dabei kommt mir mein Studium der Ethnologie zu Gute, welches mir die Grundlage für eine kritische Reflexion der angewandten Methoden, insbesondere deren Auswirkungen „im Feld“ vermittelt hat. Empirisch-qualitative Forschungsmethoden sind aus philosophischer Sicht hilfreich, um Forschungsdesiderate identifizieren und beschreiben zu können, sowie die eigenen philosophischen Analysen und Begrifflichkeiten gemäß einem instrumentalistischen Wissenschaftsbegriff auf ihre Halt- und Brauchbarkeit hin zu überprüfen.

Dennoch bedarf es immer auch einer argumentativen und begrifflichen Reflexion, die ein zentrales Werkzeug der Philosophie darstellt. Letzteres ist etwas, das mich seit meiner Schulzeit an der Philosophie fasziniert: Dass im Gegensatz zu anderen Disziplinen keine aufwändige Laborausstattung erforderlich ist, um eine Hypothese oder Aussage zu überprüfen, sondern dass dies größtenteils mit den Werkzeugen möglich ist, die jedem direkt zugänglich sind, nämlich die Fähigkeit zum Denken und zur argumentativ-begrifflichen Reflexion.

Meine gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem folgende Themengebiete:

  • die Organallokation: Wie sollen die knappen postmortalen Spenderorgane verteilt werden? Wie stark dürfen die Erfolgsaussichten einer Transplantation im Rahmen eines deontologisch fundierten Allokationsmodus einbezogen werden?

  • die Genomeditierung und Reproduktionsmedizin: Welchen moralischen Status hat das menschliche Genom sowie die genetische Verwandtschaft? Inwieweit wirkt die Reproduktionsmedizin normierend auf das reproduktive Verhalten innerhalb einer Gesellschaft?

  • die Digitalisierung der medizinischen und pflegerischen Versorgung: Welche Chancen und Risiken sind mit den unterschiedlichen Formen der Standardisierung (z.B. der Versorgung, der Dokumentation, des Verhaltens von Patient*innen) verbunden, die im Kontext von digitalisierten Anwendungen in der Gesundheitsversorgung diskutiert werden?

Kontakt

Dr. Nadia Primc, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

E-Mail: Primc[at]uni-heidelberg.de

Twitter: @NadiaPrimc

Arbeitsgebiete: Medizin – und Bioethik, Pflegeethik, Wissenschaftsphilosophie; in diesen Bereichen insbesondere ethische Fragen der Organtransplantation, der Reproduktionsmedizin sowie Digitalisierung in Medizin und Pflege; Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen; Ethik des Tierversuches

Angewandte Ethik Metaethik Wissenschaftstheorie Allgemeine Ethik
20.04.2021

Laura Summa

Zurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am DRZE Bonn. Neben den Themen aus der angewandten Ethik, mit denen ich mich durch meine Arbeit beschäftige, liegen meine Forschungsinteressen in der normativen Ethik, vor allem in den Bereichen der Theorien des guten Lebens und im Bereich der Philosophie der Kindheit. Dazu arbeite ich derzeit an einem Habilitationsprojekt. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem Bildungsideal des Aristoteles beschäftigt, meine akademischen Wurzeln liegen also in der Antiken Philosophie.

Es war deswegen ein großes Highlight für mich, im Oktober 2018 einen Kurzforschungsaufenthalt in Chicago bei Martha Nussbaum zu verbringen. Aus meiner Sicht illustriert ihre Arbeit wunderbar die Fähigkeit, antike Ideen und Denkmuster so zu übersetzen und weiterzudenken, dass sie für die Gegenwart relevante Lösungen bieten können. Das ist ein Ideal, das ich ebenfalls anstrebe.

Auch wenn ich schon in meiner Schulzeit mit den Ideen antiker Denker in Kontakt kam, stand ich zunächst unter dem Eindruck, dass Philosophie vor allem eine Sache der französischen Aufklärer war und entschied mich daher im Studium neben der Philosophie Romanistik und Theologie zu studieren, was damals in Aachen ein Studiengang war, in dem man in sehr kleinen Seminargruppen viel Gelegenheit zur Diskussion hatte, was ich sehr genoss.

Durch das Theologiestudium wurde ich eher beiläufig angeregt, Altgriechisch zu lernen und in einer Übersetzungsstunde, in der wir den flammenden Streit zwischen Sokrates und Thrasymachos übersetzten wurde mir klar: die eigentliche Sprache der Philosophie ist nicht Französisch, es ist Altgriechisch. Und dann wusste ich ziemlich schnell, dass ich mich in meiner Magisterarbeit und dann auch in meiner Doktorarbeit mit Aristoteles beschäftigen wollen würde.

Neben dem Magisterstudium absolvierte ich ein Lehramtsstudium, das ich bereits 2010 erfolgreich abschloss. Mich interessierte eigentlich schon immer, wie Menschen etwas lernen und wie Veränderungen in der menschlichen Psyche durch Lehr- und Lernprozesse ausgelöst werden. Deshalb wollte ich wissen, ob Aristoteles dies für mich klären kann. Ich begann daher meine Doktorarbeit mit der Frage, was gute Bildung für Aristoteles ist und wie nach Aristoteles ein menschliches Kind zu einem guten Menschen erzogen werden kann. Ich fand heraus, dass für Aristoteles mehrere Aspekte eine Rolle spielen: die stete Gewöhnung an etwas, das eigene Tätigsein des Kindes (nicht nur Theorie!) und das Lernen am Vorbild. Um Kinder zu guten Menschen zu machen, muss man ihnen also einerseits vorleben, was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein und sie gleichzeitig in ihrem eigenen Handeln ihre eigenen Erfahrungen machen lassen und sie durch Ratschläge, Ermahnungen und kontinuierliches Feedback darin begleiten, ihren eigenen persönlichen Weg dahin zu finden, die Mitte zwischen den Lastern zu finden, die für Aristoteles die charakterliche Tugend ist. Im Vordergrund steht dafür für Aristoteles, dass dieser Prozess schon beginnen muss, wenn Kinder rationale Erklärungen, warum etwas richtig ist oder warum etwas auf bestimmte Weise getan oder unterlassen werden muss, noch nicht verstehen können. In dieser vorrationalen Phase ihrer eigenen Entwicklung sind Kinder noch so formbar, dass die Erziehung nicht auf den Eintritt der Vernunftfähigkeit warten kann. Aber sie kann mit der zunehmenden Fähigkeit von Kindern, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und abstrakte Begriffe zu bilden, mitwachsen. Aristoteles betont auch, dass er glaubt, dass es in einer guten Gesellschaft viel einfacher ist, selbst zum guten Menschen zu werden, als wenn die Gesellschaft um einen herum schon korrumpiert ist und man keine guten Beispiele kennt.

Dieser Gedanke hat mich dazu inspiriert, mich in meinem Habilitationsprojekt damit auseinanderzusetzen, was wir Kindern als Gesellschaft eigentlich schulden. Genauer möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was eine gute Kindheit ist, wie sie mit der Möglichkeit zusammenhängt, als Erwachsener ein gutes Leben zu führen und inwiefern Kindern (auf der ganzen Welt) eigentlich ein Recht zukommt, eine solche gute Kindheit zu erleben.

Nicht nur in meinen theoretischen Überlegungen, sondern auch für meinen persönlichen Werdegang als Philosophin, spielten und spielen Vorbilder eine wichtige Rolle. Dazu zählen für mich neben Martha Nussbaum, Dorothea Frede und Ursula Wolf. Sie haben sich in einer Zeit, in der nur sehr wenige Frauen in der Philosophie waren, mit ihren exzellenten Ideen und ihrem Mut zu messerscharfen Argumentationen und innovativen Ideen durchgesetzt und vor allem das tiefere Verständnis der Nikomachischen Ethik stark vorangebracht, welches aus meiner Sicht eines der bedeutendsten Werke der Ethik überhaupt ist. Eine sehr inspirierende und unterstützende Community habe ich während meiner Promotionszeit außerdem bei den Workshops der Women in Ancient Philosophy erfahren, die von Ana Laura Edelhoff und Bettina Bohle mit viel Leidenschaft organisiert wurden. Nicht zuletzt bin ich dankbar für die intensive Förderung durch meine Doktorväter Christoph Horn und Jörn Müller sowie meinen Forschungsaufenthalt als visiting fellow an der University of California, Berkeley (2014 – 2015), in dem ich von Klaus Corcilius und den wunderbaren Diskussionen in der Ancient Philosophy Reading Group (u.a. mit Tony Long und Sara Magrin) sehr viel lernen konnte. Austausch und Diskussion sind aus meiner Sicht die Lebensader der Philosophie, weshalb ich mich immer freue, selbst bei Workshops und Konferenzen dabei zu sein oder sie selbst zu organisieren.

Mehr zu meiner Arbeit und Person findet sich auf meinem Profil bei adacemia.de. Ich freue mich immer sehr über Fragen und Anregungen.

Philosophie der Antike Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
01.04.2021

Ute Frietsch

Ich bin Wissenschafts- und Kulturphilosophin. Einer meiner Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre liegt auf der historischen Entwicklung des Verhältnisses von Geistes- und Naturwissenschaften bzw. von Naturkunde und Geistesgeschichte. Dieses Verhältnis untersuche ich vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Besonders intensiv habe ich es bislang anhand der Text- und Bilddokumente sowie der weiteren materiellen Kultur der frühneuzeitlichen Alchemie analysiert. Dies ist auch mein aktuelles Arbeitsthema: Ich schreibe an einer wissensgeschichtlichen Monographie zur Dynamik der Alchemie der Frühen Neuzeit, unter dem Titel „Epistemischer Wandel: Stadien der frühneuzeitlichen Alchemie“. Ich untersuche zudem die Rezeption und Anverwandlung der historischen Alchemie in der Kunst der Moderne und der Gegenwart (bei Künstler*innen wie Anselm Kiefer und Rebecca Horn). Dabei interessiert mich insbesondere wie die Symbole und das Philosophie- bzw. Wissenschaftsverständnis der historischen Alchemiker*innen von den zeitgenössischen Künstler*innen angeeignet und transformiert werden. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit sind Travelling Concepts, das heißt interdisziplinäre und historische Verschiebungen im Gebrauch und Bedeutungsgehalt von Begriffen sowie der Effekt der kulturellen Übersetzung. Ich arbeite sehr interdisziplinär zu Symbolen und Begriffen. Methodisch orientiere ich mich dabei unter anderem an Konzepten der Kulturtheorie und der Philosophie sowie der Genderforschung des 20. und 21. Jahrhunderts (wie beispielsweise an den Ansätzen von Aby Warburg, Michel Foucault oder Mieke Bal).

Ich habe Philosophie, Germanistik und Romanistik an der Universität Tübingen im Grundstudium sowie Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin im Hauptstudium studiert. Promoviert wurde ich im Jahr 2002 im Fach Philosophie an der Freien Universität Berlin und an der Université de Paris 8. Meine Habilitation erfolgte im Jahr 2008 im Fach Kulturwissenschaft (Kulturtheorie und Kulturgeschichte) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2005 bis 2006 war ich Postdoktorandin im DFG-Graduiertenkolleg Geschlecht als Wissenskategorie an der Humboldt-Universität zu Berlin und hatte an der Humboldt-Universität weitere Stipendien inne. 2007 war ich Stipendiatin des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz. 2008 war ich als Postdoktorandin am Centre Marc Bloch in Berlin tätig. 2009 war ich Scholar in Residence am Deutschen Museum München. Von 2010 bis 2014 arbeitete ich am Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften an der Universität Mainz. 2014 nahm ich eine Gastprofessur der Fonte-Stiftung Berlin an der Universität Mainz im Fach Geschichte wahr. Von 2014 bis 2017 war ich Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Erschließung alchemiegeschichtlicher Quellen“ an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Zwischenzeitlich vertrat ich 2016 die Professur im Fach Wissenschaftsgeschichte an der Universität Regensburg. 2017 war ich Fellow an der Chemical Heritage Foundation in Philadelphia/USA (jetzt Science History Institute). Von 2017 bis 2020 hatte ich eine Eigene Stelle (DFG) zum Thema „Epistemischer Wandel: Stadien der frühneuzeitlichen Alchemie“ an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel inne.

Zu meinen wichtigsten Publikationen gehören die Bücher „Häresie und Wissenschaft. Eine Genealogie der paracelsischen Alchemie“ (München: Wilhelm Fink Verlag, 2013) und „Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch“, gemeinsam mit Jörg Rogge (Bielefeld: transcript, 2013). In beiden Büchern diskutiere ich Konzeptionen von Wissenschaftlichkeit. Siehe dazu auch meinen Artikel „Grenzen von Wissenschaft / Pseudowissenschaft“, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz European History Online (EGO), published by the Leibniz Institute of European History (IEG), Mainz 2015-01-14. URL: http://www.ieg-ego.eu/frietschu-2015-de URN: urn:nbn:de:0159-2014121712 [2015-01-30].

Kontaktdetails: PD Dr. Ute Frietsch, Forscherin an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und Lehrende an der Humboldt-Universität zu Berlin

Arbeitsgebiete: Kulturphilosophie und Epistemologie (Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte), Kulturtheorie.

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https://humboldt-uni.academia.edu/UteFrietsch

https://www.ute-frietsch.de

Erkenntnistheorie Kultur-, Medien- und Technikphilosophie Wissenschaftstheorie
19.03.2021

Vasilija Rolfes

Ich bin Philosophin und arbeite derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und am Regensburg Center of Health Sciences and Technology der OTH Regensburg. Mein besonderes Interesse gilt der Entwicklung neuer medizinischer Technologien in ihren (potentiellen) Anwendungen und dem damit einhergehenden gesellschaftlichen und ethischen Diskurs. Dabei analysiere ich einerseits den wissenschaftlichen Diskurs auf der Basis philosophischer und ethischer Theorien und versuche andererseits, die Triebkräfte und Haupteinflussfaktoren philosophisch-fundamentaler und rational-zielorientierter Positionen zu rekonstruieren.

Im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit habe ich in verschiedenen Projekten, meist in interdisziplinären Teams, umfangreiche Kenntnisse zu medizinethisch relevanten Themen erworben, u.a. zu den ethischen Aspekten der Pränataldiagnostik, der Embryonen- und Stammzellforschung, Genom-Editierung und deren (potenzielle) klinischer Umsetzung. Neben vielen anderen Aspekten liegt mein Fokus auf der möglichen Gestaltung der Ärzt*innen-Patient*innen-Interaktion im Bereich des potenziellen Einsatzes der neuen medizinischen Technologien. Dabei nehme ich an, dass der Begriff Patient*in im medizinischen Kontext bestimmte Verpflichtungen seitens der Ärzt*innen impliziert, die durch die intrinsischen Elemente der ärztlichen Profession bestimmt werden. Hierfür halte ich einen teleologischen Ansatz, der auf Aristoteles rekurriert, in Bezug auf die neuen Möglichkeiten der medizinischen Praxis für angemessen. Denn jede Profession, die ausgeübt wird, basiert auf einem Bekenntnis zu dieser und jede erfordert bestimmte Tugenden, die den Vertreter*innen der jeweiligen Profession zur bestmöglichen Leistung qualifizieren, um deren Zwecke zu erreichen, die in der medizinischen Praxis darin bestehen, zu heilen oder Leiden zu lindern.

In den letzten Jahren habe ich mich zunehmend damit beschäftigt, die Fähigkeit von Patient*innen zur informierten Zustimmung/Ablehnung in Diagnose und Therapie mit Hilfe spezifischer klinischer Instrumente zu beurteilen. Dazu führen wir Studien mit Patient*innen in der forensischen Psychiatrie und mit Patient*innen mit einer Demenz-Erkrankung durch. Die Studien dienen dazu, die Einwilligungsfähigkeit und damit das selbstbestimmte Leben dieser Patient*innen möglichst zu fördern. Darüber hinaus dienen sie als Ausgangspunkt für die (Weiter-)Entwicklung spezifischer Leitlinien und konkreter Trainingsprogramme, die den besonderen Bedürfnissen im Rahmen der Diagnostik und Therapie dieser Patient*inne gerecht werden. In jüngster Zeit habe ich mit anderen ein Forschungsprojekt entwickelt, das sich um das Thema Einwilligungsfähigkeit und künstliche Intelligenz in der klinischen Praxis dreht. Da der Respekt vor der Patient*innenautonomie ein zentrales Anliegen ist und durch die informierte Einwilligung erfüllt wird, gehen wir der Frage nach, wie die subjektiven Faktoren des Ärzt*innen die Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit des Patient*innen beeinflussen können und ob der Einsatz von künstlicher Intelligenz die subjektive Voreingenommenheit der Ärzt*innen innerhalb des Beurteilungsverfahrens aufheben könnte.

Neben meinem Studium der Philosophie habe ich auch Soziologie studiert und setze das erworbene Wissen in der Konzeption der Lehre für Medizinstudierende ein. Basierend auf Erving Goffmans Konzept der Stigmatisierung versuche ich, die negativen Auswirkungen für den Krankheitsverlauf und Prognose von stigmatisierten und diskriminierten Patient*innen aufgrund ihrer Diagnose nachzuvollziehen. Dabei verbinde ich dies mit den Konzepten der Gerechtigkeit mit dem Ziel, Medizinstudierende und damit zukünftige Ärzt*innen für dieses Thema zu sensibilisieren und die Möglichkeiten von Empowerment der Betroffenen in der Ärzt*inne-Patient*innen-Beziehung aufzuzeigen.

Zukünftig möchte ich im Bereich der Forschung bleiben. Mein Ziel ist es, neue philosophische und ethische Fragestellungen der aufkommenden medizinischen Technologien insbesondere zu künstlicher Intelligenz und zu noch experimentellen Methoden in der Reproduktion wie In-vitro-Gametogenese und artifizieller Uterus zu entwickeln und in einem interdisziplinären Team zu bearbeiten. Denn die neuesten Entwicklungen in der Medizin betreffen nicht nur den Gesundheitssektor, sondern bringen zugleich soziale und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Daher erscheint es mir als dringlich meine Forschung im Rahmen folgender zwei Fragen zu setzten: zum einem einer eher pragmatischen und zweckorientierten „Welche Chancen und Risiken bringen technologische Innovation mit sich und welche Grenzen wollen wir diesen setzen?“ Und einer eher grundsätzlichen „Welche Art von Technologien wollen wir überhaupt?“.

Mehr Informationen / Kontaktdetails

Vasilija Rolfes , M.A.

Arbeitsgebiet[e]: Bio- und Medizinethik, etische Aspekte neuer medizinischer Technologien, Stigmatisierung und Diskriminierung im medizinischem Kontext

Arbeitsstelle: Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und am Regensburg Center of Health Sciences and Technology der OTH Regensburg

E-Mail: vasilija.rolfes(at)uni-duesseldorf.de

Twitter: @RolfesVasilija

https://www.uniklinik-duesseldorf.de/patienten-besucher/klinikeninstitutezentren/institut-fuer-geschichte-theorie-und-ethik-der-medizin/team/rolfes

https://www.researchgate.net/profile/Vasilija_Rolfes

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Kultur-, Medien- und Technikphilosophie Allgemeine Ethik
05.03.2021

Lisz Hirn

Foto: Nikolai Friedrich

Die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsches Atheismus führte mich zur Philosophie und an die geisteswissenschaftliche Fakultät. Schnell erfuhr ich am eigenen Leib, dass das, was man anfangs besonders hart kritisiert, ja sogar ablehnt, oft das ist, was einem am nächsten ist und zur eigenen (wissenschaftlichen)  Weiterentwicklung wesentlich beiträgt.

2006 schloss ich mein Studium der Philosophie an der Karl-Franzens Universität Graz mit einer Arbeit zur philosophischen Anthropologie Nietzsches und Albert Camus´ ab. Nebenbei studierte ich auch einige Semester „Gesang“ an der Kunstuniversität Graz sowie 2012 an der Kathmandu University in Nepal. 2007 folgte ein Auslandssemester an der Université VIII St. Denis in Paris. Eine intensive und „existentiell-bunte“ Zeit, die die Arbeit an meiner Dissertation wesentlich inspiriert hat. 2009 beendete ich mein Studium der Philosophie an der Karl-Franzens Universität Graz als Doktorin der Philosophie, diesmal mit einer Arbeit zu Nietzsches Frühwerk veröffentlicht unter dem Titel  „Friedrich Nietzsche: Die menschliche Existenz zwischen Hedonismus und Pessimismus“. In der Dissertation ging es darum, Nietzsches lebensphilosophisches Verständnis von Menschsein zu untersuchen und die wesentlichen Existenzialien, die meines Erachtens bereits im Frühwerk des Philosophen maßgeblich festgelegt sind und sich als roter Faden durch Nietzsches Denken ziehen, zu analysieren. Nietzsches Beschäftigung mit Autoren der griechischen Antike sowie mit Schopenhauers Pessimismus ist wesentlich für seine ethische und ästhetische Konzeptionen, wie menschliche Existenz und somit gutes Leben gelingen kann.

Nach dem Abschluss führte mein Weg direkt in die Philosophische Praxis, also vom Elfenbeinturm auf die „Straße“ wie ich es gern nenne, und damit auf zahlreiche Reisen, auf Gastdozenturen nach Nepal, Japan, Peru und Marokko. Seitdem beschäftige ich mich mit Themen Politischer Philosophie und interkultureller Kommunikation, wobei für mich der Dialog als philosophisches „tool“ in der Philosophischen Praxis von besonderem Interesse ist. Seit 2014 lehre ich am ULG Philosophische Praxis der Universität Wien „Gesellschaftskritik und Philosophische Praxis im Kultur- und Kunstbereich“. Klienten und Unternehmen suchen mich allerdings nicht an der Uni auf, sondern partizipieren und fördern Projekte des Vereins für praxisnahe Philosophie, dessen Obfrau ich seit 2011 bin.

Bei aller Praxis liebe ich aber auch die Theorie. Von Oktober 2015 bis Januar 2017 war ich Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover, wo ich mich vor allem mit der „Stimmlichkeit“ als ästhetisches und politisches Phänomen beschäftigt habe. Diese Zeit am Institut habe ich genossen und sie hat sich für meine weiteren Publikationen als sehr fruchtbar erwiesen. Danach zog es mich allerdings wieder weiter weg. Von Dezember 2018 bis Februar 2019 durfte ich als Residency Awardee am renommierten Adishakti Laboratory for Arts Research in Tamil Nadu, Indien, forschen, quasi an der Schnittstelle von Musik sowie darstellender Kunst und der Philosophie. Eines meiner großen Ziele! Ein weiteres ist, immer wieder interdisziplinär zusammenarbeiten, ungewöhnliche Synergien zu fördern. Insofern freut es mich besonders, seit Herbst 2020 als Universitätslektorin am Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien im Einsatz zu sein und gemeinsam mit den Studierenden über Wohnen, Denken und Handeln nachzudenken. 

www.liszhirn.at 

www.praxisnahe-philosophie.at

Ästhetik Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie
22.02.2021

Tereza Hendl

Foto: Yves Krier

I am a Postdoctoral Researcher at the Ludwig-Maximilians-University of Munich and the University of Augsburg, where I am a Co-Lead on the German Federal Ministry of Education and Research funded project „META – mHealth: Ethical, legal and societal aspects in the technological age.“ My research investigates the epistemology and ethics of digital health technologies and AI, intersectional feminist perspectives on vulnerability, solidarity, and justice, philosophical approaches to singularity, debates about the ethics of sex selection for social reasons as well as discussions on the need for decolonisation, particularly from East-Central and Eastern European feminist standpoints.

My first experience with studying philosophy was during my high school years in Prague. I later continued my engagement with the subject at Charles University, however, the male dominated curriculum alienated me and I decided to pursue a Master’s in Gender Studies instead. Yet, during that period, I was taught Feminist Theory by Hana Havelková, a prominent Czech philosopher, who showed me that a different philosophy was possible, one concerned with questions about and striving towards fairness and justice, appreciative of women’s intellectual potential and supportive of our scholarly growth.

During my graduate degree, I also studied bioethics at the University of Otago in Dunedin. In New Zealand, anyone who studies bioethics must take classes in Maori bioethics because years and years after a violent colonization, it has been recognized that in order to start preventing further harm, it is important to make effort to understand and respect Native custodians of the land, their lives and values. Learning about Maori approaches to bioethics and sustainability was transformative for me; it shaped my understanding of ethics, prompted me to see the field within the broader social context and its persisting power imbalances and understand the need for decolonizing and diversifying the curriculum.

I returned to Philosophy during my PhD, which I have completed at the Macquarie University in Sydney, Australia. I chose as my supervisors a philosopher Catriona Mackenzie and bioethicist Wendy Rogers, both of whom identified as feminist scholars, because I wanted to work with academics who understood structures of gender oppression and the need for their dismantling. My dissertation explored the ethics of prenatal sex selection for social reasons. This project integrated an empirical study, interviewing Australian women who have selected or desired to select their child’s chromosomal sex based on gender preference. My paper “A Feminist Critique of Justifications for Sex Selection” was awarded the 2015 Max Charlesworth Prize in Bioethics by the Australasian Association of Bioethics and Health Law (AABHL) and I also gave a TEDx talk on the ethical implications of sex selections.

Since my PhD, I have worked as a Research Associate at the University of Sydney on an Australian Research Council (ARC) Discovery Project investigating how young people with impairment resist ableism in their transition to adulthood and as a Postdoctoral Researcher at Sydney Health Ethics and the University of Melbourne on an ARC Linkage Project concerned with the need to regulate unproven stem cell interventions in Australia. While these projects had a significantly different focus, both involved contemplations on systemic vulnerability and disadvantage, and investigation of strategies for their effective mitigation.

On my current research project at the LMU/ University of Augsburg, I am concerned with the epistemology and ethics of mobile health (mHealth) technologies. Especially, discussions about the democratizing potential of mHealth as well as interrogations of these technologies as a mode of reinforcing a particular self, that of the autonomous consumer. I am concerned with ways dominant ontologies and epistemologies manifest in digital health technologies and AI and with which social and ethical implications. My research investigates how to make digital health platforms more inclusive and just, informed by lived experiences and needs of diverse population groups, and systemically marginalised and vulnerable people in particular.

Recently, I have also become increasingly interested in debates about (epistemic) decolonisation, including the interrogation of power relations in the European East-West divide. What especially concerns me is the considerable erasure of East-Central and Eastern European subjects, voices and scholarship from the academic ‘canon’, including feminist and decolonial theory. I believe that a robust investigation of Western dimensions of Whiteness is long-overdue and these critiques are necessary to the analysis of the nuances of oppression and domination as well as to the broadening and deepening of intersectional debates on gender and race as categories of power.

Last but not least, I am a huge believer in publicly engaged philosophy, one which requires us to interrogate, reflect on and be accountable for our own role in philosophy and society more broadly. This conviction not only shapes my scholarly work but also motivates my participation in civic debates on topics of my expertise and interest, be it through contributions to public reviews of policy and regular appearances on various media platforms, or an active engagement in civil society.

E-Mail: Tereza.Hendl (at) uni-a.de

Twitter: @TerezaHendl

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie
05.02.2021

Regina Müller

Foto: Janine Hoffmann

Ich bin Philosophin in der Praktischen Philosophie: Digitalethik, Medizinethik und Feministische Philosophie sind meine Themen. Derzeit arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) in der Angewandten Philosophie an der Universität Bremen und beschäftige mich insbesondere mit philosophischen und ethischen Fragen der Digitalisierung. Angewandte medizinethische Problemstellungen bearbeite ich mit einer zugrundeliegenden Leidenschaft für philosophische Fragen. Und meine Sonntage verbringe ich gerne mit feministischer Literatur. Themen der Digitalisierung, Medizinethik und Feministischer Philosophie in meiner Forschung zu verbinden, empfinde ich als sehr reizvoll und bin davon überzeugt, dass wir an den Verbindungspunkten dieser doch sehr unterschiedlichen Bereiche viel für das gesellschaftliche Zusammenleben lernen können. In den kommenden Jahren möchte ich deshalb auch eine Habilitationsschrift an diesen Schnittstellen anfertigen.

Im Kontext der Feministischen Philosophie gehe ich zurzeit den Fragen nach, was Feministische Ethik(en) im Vergleich mit anderen Ethiken auszeichnet und ob Feministische Ethik(en) als Moraltheorien verstanden werden können. Dabei habe ich eine auf Feministischen Ansätzen beruhende strukturell-orientierte Moraltheorie im Blick. Meine Forschung im Bereich der Medizin- und Digitalethik hat mich auf diese Fragen gebracht. In den letzten Jahren habe ich mich viel mit ethischen und sozialen Implikationen der Digitalisierung beschäftigt. Insbesondere auf Algorithmen basierende Apps im Bereich Gesundheit haben mich beschäftigt: Apps zur Entdeckung von Depression, Symptom-Checker-Apps, Sleep Tracker und Apps im Bereich der Frauengesundheit. Ethische Konzepte, mit denen ich im Kontext dieser Gesundheits-Apps gearbeitet habe, sind Autonomie, Relationalität, Vulnerabilität, Vertrauen und Epistemische (Un-)Gerechtigkeit. In meiner Beschäftigung mit Digitalisierungsprozessen sind mir Benachteiligungen und Diskriminierungen und somit die Relevanz Feministischer Ansätze und Gedanken einer Ethik, die Strukturen in den Blick nimmt, bewusst geworden. Feministisch-ethische Perspektiven können helfen, soziale Ungleichheiten, ungerechte Strukturen und Benachteiligungen, zum Beispiel in Gesundheitssystemen oder bezüglich digitaler Entwicklungen, zu analysieren. Eine Theorie-Perspektive, die Strukturen fokussiert, kann die klassischen ethischen Theorien, die im Bereich von Gesundheit, Medizin und Digitalisierung zum Tragen kommen, etwa prinzipienorientierte oder utilitaristische Ethiken, kritisch hinterfragen und revidieren. Eine Ethik, die Strukturen zentriert, kann die klassischen Moraltheorien, die sich häufig am Individuum orientieren, ergänzen. Diese Gedankenlinien möchte ich in meinem Habilitationsprojekt weiterverfolgen und ausbauen.

Während meiner Promotion hat mich vor allem das normative Konzept der Autonomie und seine Ausgestaltungen in der Philosophie und Ethik fasziniert. In meiner Doktorarbeit über soziale und ethische Implikationen seltener hereditärer chronischer Erkrankungen habe ich mich unter anderem den Fragen gewidmet, wie Autonomie und Moral zusammenhängen, ob Kollektive als moralische Subjekte verstanden werden können und wie sich Autonomie und moralische Verantwortung im Kontext von Patientengruppen zeigen. Am Beispiel von Patientenorganisationen zeige ich auf, dass sich moralische Autonomie im Sinne von Onora O’Neill in der Form von Patientenselbsthilfe manifestieren kann und Patientenorganisationen, verstanden als kollektive moralische Akteure, Träger sowohl von Autonomie als auch moralischer Verantwortung sein können.

Mit der Angewandten Philosophie habe ich mir einen Forschungsbereich ausgewählt, in dem ich angewandte Problemstellungen, aber auch die grundlegenden Fragen dahinter bearbeiten kann. Den Wechsel zwischen angewandter und theoretisch-konzeptueller Perspektive empfinde ich immer wieder als erfrischend. Meine Forschungsfragen setze ich gerne im Team und in interdisziplinären Arbeitskontexten um, und verbinde sie teilweise auch mit qualitativer empirischer Forschung. In verschiedenen Projektarbeiten habe ich zum Beispiel qualitative Interviewstudien durchgeführt, um die Perspektiven der Betroffenen in meine Forschung einfließen zu lassen. Dabei profitiere ich von meiner philosophischen Ausbildung dahingehend, dass ich zum Beispiel in der Datenanalyse auf konzeptuell-theoretische Arbeitsweisen und Konzepte zurückgreifen kann. Gleichzeitig ist die Frage, wie konzeptuelle und empirische Methoden fruchtbar zusammengebracht werden können, eine Herausforderung, die meine Forschung begleitet.

Neben der Abwechslung, die meine wissenschaftliche Arbeit mit sich bringt, begeistert mich immer wieder die Möglichkeit, Ideen und Projekte aus meinen eigenen Interessen heraus zu entwickeln: Zum Beispiel habe ich das Netzwerk „Junge Medizinethik“ (JMED) sowie die AEM Arbeitsgruppe „Feministische Perspektiven in der Bio- und Medizinethik“ (FME) (mit)gegründet. Ich arbeite in der Redaktion des deutschsprachigen Philosophie-Blogs Praefaktisch und bin in verschiedenen Arbeitsgruppen zur Digitalethik und Medizinethik aktiv. Und auch in Zukunft soll sich meine Forschung auf den Gebieten Medizinethik, Digitalisierung und Feministische Philosophie bewegen.

Mehr Informationen / Kontaktdetails

Dr.in Regina Müller, M.A.

Arbeitsgebiet[e]: Angewandte Philosophie; Bio-/Medizinethik; Technik/Digitalisierung; Feminismus

Arbeitsstelle: Institut für Philosophie, Universität Bremen

E-Mail: regina.mueller@uni-bremen.de

Twitter: @Regina_Mueller_

https://www.uni-bremen.de/philosophie/personen/alphabetische-liste/profil/idm/25956?cHash=05f3791b76763588464fc6d094311edb

https://www.junge-medizinethik.de/

https://www.researchgate.net/profile/Regina_Mueller2

Feministische Philosophie Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
09.01.2021

Carmen Krämer

Foto: Sebastian Dreher

Ursprünglich hatte ich für mein Leben nach dem Abitur andere – wenn auch nicht in Stein gemeißelte – Pläne. Bis dahin fehlte mir allerdings auch die Vorstellung davon, wie sehr ich unwissentlich schon immer der Philosophie verbunden war. Bereits während meiner Schulzeit trieben mich ständig Fragen um, die auf (un-)logische Zusammenhänge, (in-)kohärente Argumentationen oder ethische Dilemmata abzielten. Aber erst als ich eher durch Zufall die erste Philosophie-Vorlesung hörte, wurde mir bewusst, dass ich mit den Fragen, die mich bereits mein Leben lang begleiteten, offensichtlich nicht allein und in der Philosophie am richtigen Ort gelandet war. Zwar wusste ich nicht, wohin mich das Studium der Literaturwissenschaften und Philosophie später führen würde, doch es fühlte sich richtig an.

Mit Blick auf die Ungewissheit des Berufsweges einer Philosophin arbeitete ich während meines Studiums als Journalistin und für verschiedene Medienunternehmen. Hier begegnete ich ständig neuen ethischen Fragen, die mir jedoch niemand zufriedenstellend beantworten konnte und ich beschloss, mich damit auseinandersetzen zu müssen, bevor ich den Weg als Journalistin oder „Medienmacherin“ weiter bestreiten könnte.

Das Thema meiner Dissertation „Menschenwürde und Reality TV – ein Widerspruch?“ entwickelte sich aus meinen Erfahrungen in einer TV-Produktionsfirma. Der Vorwurf, Reality TV-Formate verletzten die Menschenwürde, steht spätestens seit der ersten Ausstrahlung von Big Brother Ende der 1990er Jahre im Raum. Und dass seitdem noch einige deutlich fragwürdigere Formate auf der Bildfläche erschienen sind, steht wohl außer Frage. Wie konnte das jedoch möglich sein, wenn wir die Menschenrechtserklärung und das Grundgesetz, die den Schutz der Menschenwürde als oberstes Gebot postulieren, ernstnehmen? Gleich zu Beginn meiner Recherche stellte sich heraus, dass schon der Begriff der Menschenwürde bei diesen Überlegungen ein großes Problem darstellt. Was ist unter Würde zu verstehen? Woher kommt sie? Ist sie angeboren oder muss sie erworben werden? Und wie kann ihre Zuschreibung zum Menschen begründet werden? Diese Fragen galt es zu klären, um sich anschließend möglichen Antworten auf die Frage nähern zu können, ob Reality TV-Formate die Würde des Menschen verletzen. Abgeschlossen wurde das Projekt mit meiner Disputation im Februar 2020, als ich als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsgebiet Angewandte Ethik der RWTH Aachen angestellt war.

Mein zunächst am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie der RWTH Aachen begonnenes und nun an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel fortgeführtes Habilitationsprojekt widmet sich einer Problemstellung, die grundsätzlich am ehesten dem Feld der Moralepistemologie zuzuordnen, aber auch für Medien-, Informations-, Kommunikations- und Bildungsethik relevant ist. Im Fokus steht hierbei die Frage, welche Informationen welche Wissensvermittler warum und auf welche Weise aufbereiten sollten und welche Pflichten zur Informationsbeschaffung aus welchen Gründen möglicherweise auf Seiten der Empfängerinnen und Empfänger zu sehen sind. Damit verknüpft das Projekt Aspekte der Ethik mit Fragen der Erkenntnistheorie.

Ein weiterer Lehr- und Forschungsschwerpunkt liegt auf der ökologischen Ethik und hier insbesondere auf tierethischen Fragestellungen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Kellerwessel arbeite ich derzeit an einem Buch, das sich mit Überlegungen zur praktischen Anwendbarkeit der Tierethik Peter Singers auseinandersetzt. Mit ihm und Prof. Dr. Simone Paganini gemeinsam habe ich das Center for Human-Animal-Studies Aachen (CHASA) gegründet, in dem es uns gelungen ist, Vertreterinnen und Vertreter sowohl der Sozial- und Geistes- als auch der Natur-, Human- und Ingenieurwissenschaften in einen gemeinsamen Diskurs zum Mensch-Tier-Verhältnis zu führen. Eine große Herausforderung hierbei ist nicht nur, die unterschiedlichen Perspektiven auf die Thematik nachzuvollziehen, sondern auch eine gemeinsame Sprache zu finden. Derartige interdisziplinäre Projekte zu gesellschaftsrelevanten Themen halte ich für äußerst wichtig.

Damit diese gelingen können, ist neben der Offenheit und dem Interesse für andere Fachbereiche auch eine gute grundlegende Ausbildung notwendig. Meine in der Regel von interdisziplinären Studierenden besuchten Lehrveranstaltungen versuche ich aus diesem Grund besonders lebendig zu gestalten. Um das Interesse für philosophische Diskurse in der Gesellschaft zu wecken, halte ich zudem regelmäßig Vorträge in Schulen und außeruniversitären Bildungseinrichtungen. Und auch hier fällt mir immer wieder auf, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Veranstaltungen – auch wenn die Diskussion oder die Thematik noch so strittig ist – sich begeistert zeigen, wenn sie feststellen, dass sie mit ihren Fragen nicht allein sind und sich wissenschaftlich damit auseinandergesetzt wird – in der Philosophie.

Kontakt: Dr. phil. Carmen Krämer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel am Lehrstuhl für Praktische Philosophie (Prof. Dr. Ludger Heidbrink) angestellt.

Webseite: https://www.philsem.uni-kiel.de/de/lehrstuehle/praktische-philosophie/dr-carmen-kraemer

Sozialphilosophie Erkenntnistheorie Angewandte Ethik Politische Philosophie
07.11.2020

Sophie Loidolt

(c) Carolina Frank

Philosophie ist für mich abgesehen von der Faszination des Denkens immer eine soziale Form gewesen. Anstatt Lehrer_innen und Mentor_innen zu nennen, möchte ich daher eher meine Lesekreise in den Vordergrund stellen, in denen ich mit Kolleg_innen in Kaffeehäusern und bis tief in die Nacht Texte gelesen, diskutiert, debattiert habe und wahrscheinlich mindestens soviel wie an der Universität gelernt habe. Damit kam die Philosophie in mein Leben. Natürlich muss man auch immer alleine lesen, sich den Kopf zerbrechen, schreiben, feilen, neu schreiben, neu denken, wieder lesen. Aber diese beglückende Erfahrung des „symphilosophierens“ und der argumentativen Erprobung im freundschaftlichen Umfeld sind für mich das zentrale Element, warum ich – trotz aller Um- und Abwegigkeiten des „akademischen Betriebs“ – immer wusste, warum man/frau sich das „antut“. Es ist mir sehr wichtig, dies auch an meine Studierenden weitergeben zu können und, wenn immer es geht, es einfach zu leben.

Als ich Ende der neunziger Jahre in Wien zu studieren begann, gab es – neben einigen anderen aktiven Gruppierungen – auch eine rege phänomenologische „community“, mit politischem Einschlag und Verbindungen zum Poststrukturalismus, zur Psychoanalyse, zum Feminismus. Das hat meinen weiteren Weg geprägt. Ich habe intensiv zu Husserl gearbeitet, vor allem zu Fragen der Evidenz- und Geltungstheorie, zur Ethik und zu Problemen der Rechtsphilosophie. Dies führte zur Dissertation („Anspruch und Rechtfertigung“ bei Husserl) und zu der Nachfolgepublikation einer „Einführung in die Rechtsphänomenologie“, da ich im Zuge meiner Recherchen bemerkt hatte, dass für dieses interdisziplinäre Gebiet eigentlich kein Überblickswerk vorlag, obwohl es von Beginn an ein Thema in der Phänomenologie war. Auch Levinas und Kant waren immer zentrale Autoren für mich, und damit Ethik und Moralphilosophie. Aber auch Erkenntnistheorie, Transzendentalphilosophie und die Philosophie des Geistes faszinieren mich, weshalb ich immer Schwierigkeiten habe, mich in das Schema „theoretische Philosophie oder praktische Philosophie“ einzuordnen – für mich gehören diese Themen zusammen.

Als ich dann nach einigen postdoktoralen Jahren der verstreuten Lektorinnentätigkeit das Glück hatte, eine Assistentinnenstelle am Philosophieinstitut in Wien zu bekommen, konnte ich mich wieder auf ein größeres Projekt konzentrieren. Dies hatte ich schon zuvor in einem Projekt für ein Habilitations-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften antizipiert, das mich auch an die New School for Social Research in New York führte – ebenso eine inspirierende und gewinnbringende Erfahrung wie auch andere längere und kürzere Forschungsaufenthalte am Husserl-Archiv in Leuven, am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und am Center for Subjectivity Research in Kopenhagen. Bis das Habilitationsprojekt dann allerdings in seiner finalen Form vorlag, waren einige Jahre an Nachdenken, Schreiben, Kritik aufnehmen, Überarbeiten notwendig. 2017 kam schließlich das Buch „Phenomenology of Plurality. Hannah Arendt on Political Intersubjectivity“ heraus.

Meine Idee war, herauszuarbeiten, wie sehr Arendts Zugangsweise zu ihren zentralen Themen von der phänomenologischen Tradition geprägt war. Und zwar nicht nur als eine Schülerin Heideggers, sondern in einem potenziellen Dialog mit den entscheidenden systematischen Fragen dieser Tradition, die sich um Erscheinen, Wirklichkeit, Welt, Subjektivität und Intersubjektivität drehen. Mit einer unglaublichen Kreativität und intellektuellen Leistung hat Arendt diese Fragen in „das Politische“ hereingeholt, frei damit gearbeitet und dadurch, unter Anderem, diese Tradition transformiert und politisch fruchtbar gemacht.  Bekanntermaßen machte sie mit ihren teils auch kontroversiellen Beiträgen weit über die akademischen Grenzen hinaus Furore. Viele ihrer Gedanken sind auch heute noch von ungebrochener Relevanz. Im männlich dominierten und systemverliebten akademischen philosophischen Betrieb hingegen – und damit hatte ich mich nicht nur einmal konkret auseinanderzusetzen – wurde sie gerne als „interessante Person“ mit „interessanten Gedanken“ dargestellt, die aber dann doch irgendwie „journalistisch“ und „assoziativ“ arbeitete. Wir wissen, was dieses Urteil in der strengen Welt der Philosophie bedeutet. Dass sich Arendt ganz explizit von der Philosophie distanzierte, hat gewiss auch inhaltliche Gründe, aber es war wohl auch nicht unwesentlich von ihrer Haltung geprägt, dort lieber gleich „Paria“ zu sein, wo man bestenfalls unwillkommener „Parvenu“ sein konnte.

Natürlich brauchte Arendt meine Arbeit keineswegs, um ernstgenommen zu werden – und es gibt auch andere wichtige Aspekte ihres Denkens. Aber eine nicht unwesentliche Motivation meines Schreibens war, klarzumachen, wieviel an theoretischem Gehalt (mit politischer Relevanz!) aus ihren oft so leichtfüßig erscheinenden Überlegungen zu schöpfen ist.

Im Moment interessiere ich mich, natürlich auch in Weiterentwicklung all dieser Stränge, für Erfahrungen von Öffentlichkeit. Welche Erfahrungstypen gibt es hier, inwieweit sind sie von normativen Erwartungen durchtränkt, inwieweit weisen sie selbst so etwas wie eine „Proto-Normativität“ auf, die auf ein Gelingen oder Nicht-Gelingen von öffentlicher Interaktion und Partizipation hinweisen? Welche Rolle spielen Erscheinen, Leiblichkeit, zumal in einer Zeit der digital vermittelten Kommunikation? Wie erleben wir den öffentlichen Raum, der durch zunehmende Überwachung und Pandemiepolitiken neu strukturiert wird?

In methodischer Hinsicht beschäftigt mich die Schnittstelle von phänomenologischen Ansätzen und kritischer Theorie, sowie poststrukturalistischen Zugangsweisen. Machtstrukturen, Institutionen, Diskurse formieren Subjekte und soziale Beziehungen, werden aber auch als solche von diesen erlebt und verändert. Ich denke, dass es hier spannende und viel zu lange durch gepflegte „Theoriegräben“ verhinderte Diskussionen auszuloten gibt und beteilige mich deshalb auch mit verstärktem Interesse an den neu entstehenden Debatten zu „kritischer“, „politischer“ oder „engagierter“ Phänomenologie.

Die Inspiration dazu habe ich nicht unwesentlich meinen Studierenden zu verdanken, insbesondere seit ich in Hessen tätig bin. Ich arbeite seit 2018 als Professorin an der TU Darmstadt, davor war ich für drei Semester an der Universität Kassel als Gastprofessorin engagiert. Durch die Tätigkeit an einer technischen Universität ergeben sich auch ganz neue Inspirationen, die sowohl interdisziplinäre Perspektiven betreffen, als auch eine verstärkte Reflexion auf die technologischen Bedingtheiten unseres Weltverhältnisses in den Fokus rücken.

An einem Institut integriert zu sein und mit den Kolleg*innen und Studierenden gemeinsam über all diese Themen nachdenken zu können, ist eine schöne Sache – und ein privilegierter Zustand. Auch wenn der sogenannte „Betrieb“ seinen Tribut vor allem hinsichtlich der Zeitökonomie fordert, so hoffe ich, alle diese neuen Herausforderungen des Denkens weiter intensiv verfolgen zu können.

Website: https://www.philosophie.tu-darmstadt.de/institut_phil/mitarbeiter_innen_phil/professoren/loidolt_pwt/

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Metaethik Metaphysik/Ontologie Allgemeine Ethik
01.10.2020

Íngrid Vendrell Ferran

(c) Alessandro Frigerio

Ich arbeite vor allem in den Bereichen der Philosophie des Geistes, der Phänomenologie, der Erkenntnistheorie und der Ästhetik. Mein Interesse gilt auch einigen spezifischen Fragestellungen der Ethik und Meta-Ethik. Konkret habe ich bislang über Emotionen, Empathie, Imagination, Fiktion und Werte gearbeitet. Historisch kenne ich mich gut mit der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts aus, besonders der Brentano-Schule und der Phänomenologie.

Seit September 2019 habe ich eine Heisenberg-Stelle an der Goethe Universität Frankfurt. Zuvor habe ich Lehrstuhlvertretungen an verschiedenen Universitäten wahrgenommen, war Nomis-Fellow am Zentrum Eikones der Universität Basel, akademische Rätin in Jena und Marburg und Postdoktorandin an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland.

Nach einem Studium der Philosophie (Universitat de Barcelona) und der Politikwissenschaften und Soziologie (UNED Madrid) promovierte ich an der FU Berlin mit der Arbeit Die Emotionen. Gefühle in der realistischen Phänomenologie (Akademie 2008). Mein Anliegen in dieser Arbeit war es, die Thesen über Gefühle in der bis vor kurzem wenig beachteten Bewegung der frühen Phänomenologie für die heutige analytische Debatte über die Emotionen fruchtbar zu machen. Nach meiner Dissertation hatte ich die Gelegenheit, mein Interesse an den Gefühlen fortzusetzen, und ich widmete mich besonders der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Emotion, Fiktion und Normativität. Während meiner Postdoczeit war ich an der UCM Madrid, im Swiss Center for Affective Sciences in Genf und im Cluster Languages of Emotion in Berlin tätig.

Die Postdocphase an diesen verschiedenen Instituten war für meinen akademischen Werdegang sehr wichtig, nicht nur weil ich mit neuen Herangehensweisen vertraut wurde und wichtige Impulse für meine eigene Forschung über die Gefühle bekam, sondern auch weil ich mir in dieser Zeit bewusst wurde, dass ich mich gerne im Bereich der Philosophie der Fiktionen habilitieren wollte. Im Jahr 2011, nach meiner Rückkehr nach Deutschland und im Rahmen meiner Stelle als akademische Rätin in Marburg und Jena, entschied ich mich, das Thema der Fiktionen aus einem erkenntnistheoretischen Blickwinkel zu betrachten. Vor diesem Hintergrund ist meine Habilitation Die Vielfalt der Erkenntnis. Eine Analyse des kognitiven Werts der Literatur (mentis 2018) entstanden, in der ich propositionale und nicht-propositionale Erkenntnisformen anhand einer Analyse von Fiktionen untersuche.

Zudem habe ich einige Sammelbände an der Schnittstelle zwischen Philosophie des Geistes, Erkenntnistheorie und Ästhetik mitherausgegeben. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang Wahrheit, Wissen und Erkenntnis in der Literatur (De Gruyter 2014), Empathie im Film (Transcript 2017), On Beauty (Philosophia 2019), und Empathy, Fiction and Imagination (Special Issue, Topoi 2019).

Ein Thema, das bei meiner Forschung zunehmend ins Zentrum meines Interesses gerückt ist und an Bedeutung gewonnen hat, ist die Frage danach, was es heißt, zu imaginieren. Mein konkretes Anliegen für die nächsten Jahre ist es, eine umfangreiche Untersuchung des Phänomens der Imagination durchzuführen.

Ästhetik Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus
14.07.2020

Federica Buongiorno

Meine philosophische Karriere begann an der Universität “Sapienza” in Rom, wo ich bereits sehr früh und intensiv mit der Husserlschen Phänomenologie in Kontakt kam. Bereits als Studentin also erweckte die – damals für mich völlig neue – phänomenologische Methode mein Interesse auf Grund ihrer von Ambivalenz geprägten Beziehung zur philosophischen Tradition. Einerseits verortet sich die Phänomenologie durchaus in der kartesianischen und kantianischen Tradition; andererseits strebt sie nach einer Erneuerung und Radikalisierung jenes Denkens, indem sie eine mikrologische und deskriptive Methode vorschlägt, welche ohne konstruktivistischen Anspruch von den Phänomenen selbst ausgehen, sowie Subjekt und Welt in ein ursprüngliches Verhältnis zueinander setzen soll.

2013 erlangte ich an der “Sapienza” in Rom meinen Doktortitel in theoretischer Philosophie zum Thema des Präkategorialen im frühen Husserl, unter Betreuung von Prof. Francesco Saverio Trincia; die Doktorarbeit wurde 2014 unter dem Titel Logica delle forme sensibili. Sul precategoriale nel primo Husserl (Die Logik der wahrnehmbaren Formen. Zum Präkategorialen im frühen Husserl) (Storia e Letteratura, Roma 2014) veröffentlicht. Die Fragestellung meiner Doktorarbeitsrecherche richtete sich auf ein Verständnis des Zusammenhangs zwischen Wahrnehmung und Logik, Passivität und Aktivität in Husserls Phänomenologie: jenes Problemfeld, in welchem sich meiner Meinung nach der gesamte Sinn, sowie die Fruchtbarkeit der phänomenologischen Methode vereint. Husserl zufolge seien Aktivität und Passivität (Intellekt und Wahrnehmung) tatsächlich nicht zwei absolute Pole, sie seien relativ und gingen ineinander über, so dass es keine reine, von den wahrnehmbaren Strukturen losgelöste Logizität gebe: Dieser – bei Husserl nicht immer von Ambiguität freier – Gedanke war für mich entscheidend und tauchte später in meinen Studien zur Medialität wieder auf.

Nach Beendigung meiner Promotion und eines Forschungsjahres am Istituto Italiano per gli Studi Storici di Napoli (gegründet 1946 von Benedetto Croce, einem der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen Italiens), zog ich Ende 2014 nach Deutschland und begann an der Freien Universität Berlin als Visiting Research Fellow zu arbeiten, unter Anleitung von Sybille Krämer am Institut für Philosophie und Christoph Wulf am Institut für Anthropologie und Erziehung. Das Thema meiner, auch durch das DAAD finanzierten, Postdoc-Forschung zwischen 2014 und 2017 war der Bezug zwischen Anthropologie und Kommunikation aus phänomenologischer Sicht. Während meiner Untersuchungen zu dieser Beziehung ist mir aufgefallen, dass die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Intellekt in der Phänomenologie als “medial” charakterisiert werden kann, nicht nur in dem Sinne als dass zwischen beiden ein “Vermittlungsprozess” stattfindet, sondern auch, da sie durch ein “Medium” – vornehmlich den Sinnesapparat (und später durch immer komplexere Formen) – in Kontakt miteinander treten.

Die Begegnung mit Sybille Krämer, die sich höchst ausgedehnt mit dem Problem der Medialität in verschieden Anwendungsbereichen auseinandergesetzt hat und deren 2008 erschienenes Buch „Kleine Metaphysik der Medialität“ ich ins Italienische übersetzt habe, war entscheidend und erlaubte es mir, meine Ausrichtung zu spezifizieren, sowie schrittweise mein Interesse an der Bereich der Digitalität zu vergrößern, welchen ich als besonders anregenden Anwendungskontext zu empfinden begann. Nach einem Forschungssemester (2017) am Istituto Italiano per gli Studi Filosofici di Napoli erhielt ich ab Juli 2017 ein dreijähriges Habilitationsstipendium an der TU Dresden im Bereich Technikphilosophie, unter Aufsicht von Bernhard Irrgang. Meine Forschung zielte auf die Erstellung einer “Phänomenologie des digitalen Selbst” mittels einer kritischen Analyse digitaler Subjektivierungsprozesse: der Einfluss digitaler Technologien führt zu einem tiefgreifenden Wandel der anthropologischen Ordnung des Menschen und diese Veränderungen sollen als gemäß gemeinsamen ethisch-normativen Kriterien regulierbar verstanden werden. Mich interessieren besonders jene technologischen Aspekte, welche mit den Techniken des “self-tracking” in Zusammenhang stehen und die in Gestalt von Apps, technischen Hilfsmitteln oder unterschiedlicher Software Einzug in den Alltag technologisch hoch entwickelter Gesellschaften gehalten haben: dieser “Umgang” (um es mit Heidegger zu sagen) mit solchen Instrumenten wird, wie es die Phänomenologie lehrt, vorurteilsfrei hinterfragt; wir müssen verstehen, welcher Typus einer neuen Subjektivität, welche neuen Lebensformen im Begriff sind sich zu entwickeln, auf individueller und gesellschaftlicher Ebene.

Ab September 2020 werde ich diese Themen dank eines zweijährigen Postdoc-Forschungsstipendiums am Institute for Cultural Inquiry in Berlin vertiefen können, wo ich mich – immer unter einem phänomenologischen Blickwinkel – mit Problemen bezüglich einiger aktueller Formen der Produktion und des Konsums experimenteller elektronischer Musik befassen werde. Ich werde hier die Beziehung zwischen analogen und digitalen Ausdruckstechniken untersuchen, sowie die Rekonfiguration der binären Kompositionslogik in Abhängigkeit von komplexeren und vielseitigeren Ausdrucksformen.

Die gegenwärtige Gesundheitskrise (Covid-19) hat das Potential des Digitalen noch einmal betont: die in weiten Teilen der Welt notwendig gewordenen sozialen Abstandsregeln und Quarantänemaßnahmen haben sowohl die Nützlichkeit von Formen des digitalen Arbeitens und sozialen Miteinanders, als auch deren Risiken deutlich gemacht – ausgehend von der immer noch viele soziale Bereiche Europas charakterisierenden “digital divide”. Der Sprung vorwärts, zu welchem uns die Pandemie gezwungen hat, erfordert noch weitere gestalterische Anstrengungen in diesem Bereich, unter Mitwirkung unterschiedlichster Kompetenzen und Ansätze welche, sich gegenseitig ergänzend und unterstützend, hier zu einem mehr als zuvor dringend notwendigen Verständnis beitragen können.

Weiterführende Informationen über mich:

https://tu-dresden.academia.edu/FedericaBuongiorno

Philosophie des Geistes Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus Kultur-, Medien- und Technikphilosophie
14.07.2020

Bettina Bohle

(c) Lena Ganssmann

Der Schwerpunkt meiner Forschung liegt auf Ästhetik und der Philosophie der Kunst. Derzeit arbeite ich zur Funktion literarischer Gattungen. In meinem nächsten Forschungsprojekt möchte ich mich mit dem Neuen in der Kunst, seiner Bedeutung für eine mögliche Bestimmung dessen, was man als Funktion von Kunst verstehen könnte, und dem Begriff der Kreativität befassen. Auch die digitalen Möglichkeiten, die sich für Forschung im Rahmen der Digital Humanities bieten, interessieren mich sehr und ich beziehe sie in meine Forschung ein.

Ich habe Musik/Musikwissenschaft, Gräzistik und Philosophie studiert in Glasgow, Greifswald, Padua und London. Promoviert wurde ich 2014 an der Freien Unversität Berlin mit einer Arbeit zum neuplatonischen Philosophen Olympiodor und seinem Kommentar zu Platons „Gorgias“. Danach war ich als PostDoc-Stipendiatin beim Exzellenzcluster Topoi beschäftigt. Anschließend habe ich die Assistenz am Philosophie-Institut in Bonn vertreten. Dort habe ich v.a. an der Herausgabe des philosophiehistorischen Ueberweg-Bandes zu Spätantike und Kaiserzeit mitgearbeitet.

Mein aktuelles Projekt an der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt sich mit der Funktion literarischer Gattungen, daraus soll eine Monographie zum Thema entstehen. Allgemeine Diskussionen in der Philosophie der Literatur/Interpretation beschäftigen sich kaum mit dem Thema literarische Gattungen. Die dort verhandelten Themen (z.B. Intention, Formalismus) werden in der spezifischen Forschung zu literarischen Gattungen kaum aufgegriffen und ausgewertet, was also u.a. Ziel meiner Arbeit ist. Die spezifische Forschung zu literarischen Gattungen unterscheidet sich regional relativ stark in ihrer Herangehensweise. Während im deutschsprachigen Raum ein starker Fokus darauf liegt, zu klären, welche Art Begriffe literarische Gattungen sind, gibt es im anglo-amerikanischen Raum v.a. Forschung, die literarische Gattung als Praxis versteht. Beide Richtungen verwenden wenig Raum darauf sich über die Funktion literarischer Gattungen Gedanken zu machen. Bei meinem Projekt steht diese Funktion im Fokus, also die Frage danach, welche Gründe es dafür gibt, dass einerseits Künstler*innen an Produkte anderer Künstler*innen anknüpfen/sich in Traditionen einschreiben und was andererseits der Mehrwert für Rezipient*innen ist, wenn sie Kunstwerke in dieser Form als geprägt von Mustern erfassen. Dabei geht es mir nicht um eine empirische Untersuchung solcher Motivationen, sondern um eine Analyse von zentralen Begriffen und Handlungen im Zusammenhang mit literarischen Gattungen. Diese Forschung führe ich im Rahmen eines DFG-Projekts zu einer antiken Textform, den Centones, durch. Bestandteil dieses Projektes ist auch eine digitale Edition, in der wir viele technische Möglichkeiten möglichst effektiv für die Erschließung und Präsentation von Texten einsetzen.

Mein nächstes Forschungsprojekt, das ich gerade entwickle, soll die Rolle von Mustern in der Kunst klären. Mich interessiert die Beziehung von Altem und Neuen in Kunstwerken und ob man aus der Bewertung dieses Verhältnisses, die in Antike und Moderne offensichtlich ganz anders gelagert war, etwas über die (unterschiedlichen) Funktion(en) von Kunst herausfinden kann. Dabei scheint mir der Begriff der Kreativität zentral, der einerseits das Schaffen von Kunstwerken in den Fokus nimmt, andererseits gleichzeitig eine Bewertung dieses Schaffens mitführt. Um die Musterverwendung besonders effektiv und mit einem breiten Corpus an Texten und Materialien analysieren zu können, möchte ich auf digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Ich hatte schon immer ein besonderes Interesse im Gebiet der Kunst, bei Topoi habe ich mich intensiver mit dem Thema künstlerische Forschung auseinandergesetzt. Ich interessiere ich mich sehr für die zeitgenössische Jazzszene, engagiere mich seit einigen Jahren in der Kulturpolitik und arbeite ehrenamtlich und mit kleinen Honorartätigkeiten in politischen Organisationen der Jazz- und sonstigen Freien Kunstszene.

Philosophisch interessiert mich dabei die Frage danach, welchen Stellenwert Kunst für ein gutes Leben einnimmt.

Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren mir auch strukturelle Themen der Universität immer wichtig. Ich habe u.a. die online-Zeitschrift eisodos mitbegründet, die bereits jüngeren Wissenschaftler*innen ermöglichen soll, sich im wissenschaftlichen Publizieren zu üben. Weiterhin habe ich zwei Initiativen mitbegründet, die sich an Frauen in der Antiken Philosophie richten, Women in Ancient Philosophy und die Arbeitsgemeinschaft zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen der Gesellschaft für Antike Philosophie.

Ästhetik Philosophie der Antike Kultur-, Medien- und Technikphilosophie
19.05.2020

Cristina Borgoni

(c) Bruna Mibielli

I’m Professor for Epistemology (W2/W3 Bayreuth track) at the University of Bayreuth since February 2018. Before coming to Bayreuth, I held various academic positions in different countries: I was assistant professor at the University of Graz (2013-2017), postdoctoral researcher and teaching assistant at UCLA (2011-2013), and postdoctoral researcher at UCL (2010). I wrote my PhD thesis at the University of Granada (2009) with the support of a National Spanish Grant for the entire period of my doctoral studies (2005-2009). During my studies, I was granted two further grants to undertake short visits (3-4 months) to Sussex University and UCLA.

My areas of specialization are Epistemology and Philosophy of Mind, and my areas of competence include Philosophy of Psychology and Philosophy of Language. My research has focused on two major issues: the nature of beliefs and accounts of self-knowledge. Related to the first area, I have published a series of papers on the nature of behavior-assertion dissonance (i.e., cases in which the person acts contrary to what she explicit asserts) and implicit cognitions. I have defended the view according to which such cognitions are belief states, and thus cases of dissonance are cases in which the person holds mutually contradictory beliefs. I am currently co-editing a volume on mental fragmentation with Oxford University Press.

My most current research is partly related to the second topic (self-knowledge) and attempts to develop an account of the phenomenon of first-person authority. When we communicate our minds to our peers, such as our feelings and beliefs, we normally enjoy a special kind of authority over our communicated states of mind. It is because of this authority that our interlocutors can presume without prior information that what we say we feel or believe is correct. First-person authority is this phenomenon that concerns both our special relation to our minds and the recognition of this relation by our interlocutors in communication.

Since I arrived in Bayreuth, I’ve been teaching at the bachelor and master Philosophy & Economics programs. Although my research has not (so yet) focused on questions at the intersection of the two disciplines, I’ve been offering “life”-oriented Epistemology courses, in addition to the traditional ones. Among such courses, I’ve been offering the following: Prejudice, Conspiracy Theory, Cognitive Biases and Behavioral Economics (jointly taught with my colleague from Economics). Although sometimes challenging, I’ve learnt a lot throughout this experience.

My main intellectual influence is Tyler Burge who supervised my stays at UCLA and keeps visiting me in various departments around the world. My current research on First-Person Authority follows his methodology (more clearly designed at Origins of Objectivity, OUP 2010) of researching a particular (psychology-related) phenomenon by looking at the psychological capacities involved in its the primitive form. I’m thus now looking at prelinguistic instances of communication involving infants, with the support of empirical research from developmental psychology.

Website: https://crisborgoni.com/

Logik Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Sprachphilosophie
31.12.2019

Antonella Tramacere

My research concerns how we develop the capacity to understand others and ourselves. I began with studying the processes governing the development of behavior at Sapienza University in Rome, where I received both the Bachelor and Master Degree in Philosophy of Biology.

I did my Ph.D. at the Department of Neuroscience in Parma with Pier F. Ferrari, where I analyzed what happens to our brain during social understanding, while focusing on both our biology and social experience. I focused my attention on the functioning of the Mirror Neuron System (MNS), a network composed of neurons tuning social inputs to behavioral responses, and vice versa. I investigated the MNS within evo-devo, the comparative analysis of the processes underling development in order to understand the evolution of development, and recognized the crucial contribution of epigenetics, playing a mediating role in how our genes and experience make up our brain and social behavior.

I am interested in producing conceptual formulations of social behavior that can allow to investigate how genes and socio-cultural experiences interact in the development and evolution of the mind.

I have an on-going research collaboration with an interdisciplinary team led by Atsushi Iriki at the RIKEN Brain Science Institute in Tokyo. The scope of this collaboration is to conceptualize human evolution in relation to the ability to use tools and design technological intervention. This project also involves a focus on the importance of studying the brain and behavior of non-human primates, by searching for new ways to increase their welfare.

During the first two years of my postdoc, I worked at the German Primate Centre, and the Lichtenberg Kolleg, Institute of Advanced Studies in Göttingen (Germany), where I joined the labs of Julia Fisher. I learned a lot on how various species of monkeys communicate, and how their manual, facial and vocal gestures can be automatic and/or intentionally controlled. I thus started to think that one of the keys of our success is that we evolved incredible social attention and recognition capacities, and sophisticated technological control that are crucial for the emergence of our cultural worlds.

From October 2017 to July 2018, I have been Lecturer at the Berlin School of Mind and Brain of the Humboldt University zu Berlin, and taught the following courses: Mirror Neurons and the Evolution of the Social Brain and the Neurobiology of Consciousness: an evolutionary perspective. In my teaching, I address longstanding philosophical questions (on mind-body interaction and the problem of other minds) by analysing the nature and origin of human cognition through a developmental and evolutionary lens.

Since May 2018, I am a philosopher in residence at the Max Planck Institute (MPI) for the Science of Human History in Jena, at the Department of Linguistic and Cultural Evolution led by Russell Gray, whereas between January and May 2019, I have been a Visiting Fellow at the Centre for Philosophy of Science of the Pittsburgh University with Edouard Machery.

During this year, I have started to inquire Subjective agency. I am interested in what cognitive processes make us conscious while we doing what we do, and how we can inquire this. I am exploring the mechanisms of causality and intentionality governing the sense of being the author of our actions and how causal and intentional states are connected with time perception. I am also interested in the enabling conditions of subjectivity, and I am individuating them in our immune system. This will pave the way to an analysis of how the genetic evolution of our immune system affected our consciousness and cognition.

I am appointed Research and Teaching Associate at the Department of Philosophy of Mississippi State University (USA) from August 2020, where I will teach a course on the role of Epigenetics in Cognitive Development and Evolution. I will be exploring the possibility to define common neural networks across different individuals and (primate) species connected to causal social learning, as an example of epigenetic homology, involving common processes of brain maturation and learning that produce stable phenotypic results across individuals and species.

I have an open collaboration with the Ruhr University in Bochum, and specifically with the Department of Philosophy and the Center for Mind, Brain and Cognitive Evolution directed by Prof Albert Newen, where I will spend at least two months in 2020.

I have received grant funding for the NIH during my PhD, a nomination by the Jacob Foundation in 2018 as Young Scholar, and a best postdoc Awards at the Protolang Conference 2019 for my presentation on the Grammar of Tool-use.

You can find more information on my publications in the following websites: https://www.researchgate.net/profile/Antonella_Tramacere, https://shh-mpg.academia.edu/AntonellaTramacere

Philosophie des Geistes Wissenschaftstheorie
10.12.2019

Sabrina Coninx

Seit Februar 2019 arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Institut II der Ruhr-Universität Bochum. Ich bin im Rahmen des Drittmittel geförderten Projektes ‚Die Struktur und Entwicklung des Verstehens von Handlungen und Gründen‘ angestellt und in der wissenschaftlichen Organisation des neugegründeten ‚Center for Mind and Cognition‘ tätig. Ich habe im April 2019 unter der Betreuung von Prof. Albert Newen (RU Bochum) und Prof. Colin Klein (ANU) promoviert. Meinen Masterabschluss in Philosophie und meinen Bachelorabschluss in Philosophie und Psychologie habe ich an der RFWU Bonn erlangt.

Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der empirisch ausgerichteten Philosophie des Geistes. In meiner Doktorarbeit habe ich mich vor allem mit Phänomenen körperlicher Wahrnehmung beschäftigt. Im Besonderen habe ich versucht die Natur physischer Schmerzen im Rahmen einer empirisch adäquaten Theorie – unter Berücksichtigung psychologischer, neurowissenschaftlicher, medizinischer und evolutionsbiologischer Erkenntnisse – zu erfassen. Darüber hinaus erstreckt sich meine aktuelle Forschung auf zwei weitere Bereiche. Zum einen beschäftige ich mich mit der Frage wie wir die Schmerzen anderer Lebewesen wahrnehmen, wie diese Wahrnehmung verarbeitet wird und welche Rolle diese für empathische Handlungen spielt. Zum anderen untersuche ich den Zusammenhang zwischen körperlichen Schmerzen und sozialen Schmerzen, wie beispielsweise Einsamkeit oder Depression. Im Folgenden will ich einige Kernaspekte meiner bisherigen Schmerzforschung näher erläutern.

Körperliche Schmerzen werden gemeinhin über ihr phänomenales Erleben charakterisiert, d.h., dass allen Schmerzen ein einzigartiges subjektives Gefühl zugrunde liegt. Dies ist jedoch nur der Ausgangspunkt der eigentlichen Schmerzforschung. Die meisten Wissenschaftler_innen suchen nach einer Eigenschaft, die allen Schmerzen und nur Schmerzen gemein ist, unabhängig von ihrem phänomenalen Erleben. Die Identifizierung einer solchen Eigenschaft ist von besonderer Bedeutung, da diese dazu verwendet werden kann das Auftreten von Schmerzen zu erklären, vorherzusagen und letztendlich auch zu vermeiden. Unterschiedliche Forschungsgebiete untersuchen hierbei unterschiedliche Arten von Eigenschaften, wie die psychologischen Aspekte von Schmerzen und deren neuronale Korrelate oder die kausalen Beziehungen von Schmerzen und deren biologische Funktionen.

Unter Berücksichtigung verschiedener empirischer Forschungsbereiche versuche ich aufzuzeigen, dass es keine Eigenschaft gibt, die allen Schmerzen und nur Schmerzen (abseits ihres phänomenalen Erlebens) gemein ist. Dies hat zwei Gründe. Zum einen unterscheiden sich verschiedene Schmerztypen in signifikanter Weise voneinander. Akute und chronische Schmerzen sind beispielsweise mit abweichenden psychologischen und neuronalen Prozessen verbunden. Ebenso weisen Verbrennungsschmerzen, Geburtsschmerzen, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen unterschiedliche Ursachen und biologische Funktionen auf. Zum anderen ähneln manche Schmerzen deutlich stärker anderen körperlichen Wahrnehmungen, wie Juckreiz, Hunger, Atemnot oder Fieber.

Nichtsdestotrotz, versuche ich aufzuzeigen, dass eine wissenschaftlich sinnvolle Theorie von Schmerzen möglich ist. Im Zuge dessen entwickele ich in Referenz auf Ludwig Wittgenstein eine Theorie der sogenannten Familienähnlichkeit. Entsprechend bilden Schmerzen die Mitglieder einer komplexen Familie, die durch Ähnlichkeitsbeziehungen miteinander verknüpft sind, auch wenn ihnen keine auszeichnende psychologische, neuronale, kausale oder biologische Eigenschaft gemein ist. Ein zentrales Ziel meiner Arbeit ist es dabei aufzuzeigen, welchen wissenschaftlichen Nutzen die Anwendung der Familienähnlichkeitstheorie haben kann, vor allem in Bereichen der Diagnostik und Therapie. So versuche ich beispielsweise darzulegen, wie Familienähnlichkeiten mit Hilfe von selbstlernenden Systemen auf Grundlage bildgebender Verfahren identifiziert werden können oder wie bestimmte Behandlungsmethoden effektiv von einem Schmerztypen auf einen anderen übertragen werden können. Weiterhin weite ich dieses generelle Modell der Familienähnlichkeit auf andere körperliche Wahrnehmungen, wie Juckreiz, aus.

Im Rahmen meiner neuen Forschungsstelle rücken auch die sozialen Dimensionen von Schmerzen in den Fokus und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens untersuche ich welche Rolle die Schmerzen anderer Personen auf unser eigenes phänomenales Erleben und Handeln haben. Wie erkenne ich zum Beispiel, ob eine andere Person leidet? Wie fühlt es sich für mich an mit dieser Person Mitleid zu empfinden? Unter welchen Umständen zeige ich darauf hin altruistisches Verhalten? Und welche Rolle spielen Schmerzen in der Erklärung der Verhaltensweisen anderer Menschen? Zweitens untersuche ich das enge Verhältnis zwischen physischen Schmerzen und sogenannten sozialen Schmerzen, dass beispielsweise bei psychologischen Erkrankungen, wie dem Borderline Syndrom oder Depressionen, eine entscheidende Rolle zu spielen scheint. Dieses enge Verhältnis zu verstehen bedeutet dabei auch mögliche Ansätze für Behandlungen zu erschließen.

Grundlegende Angaben zu meiner Forschung sind über mein Universitätsprofil zugänglich: https://www.ruhr-uni-bochum.de/philosophy/staff/newen/mitarbeiter/coninx/

Weitere Informationen, Veröffentlichungen, usw. sind in Kürze unter folgender Adresse zu finden: www.coninx.de

Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und/oder Fragen.

Philosophie des Geistes Wissenschaftstheorie
02.06.2019

Nicole Thiemer

(c) Thomas Koziel, Pressestelle der TU Kaiserslautern

Es klingt bestimmt für manches lesende Ohr manieriert, in einen Blog-Eintrag einzusteigen mit einem klassischen Zitat. Aber ich tue es dennoch, weil dieses die Weise war, die mich zum Philosophieren brachte. Zu meinen Schulzeiten kam meine Deutschlehrerin auf die Idee, mit folgenden Worten Rainer Maria Rilkes in den Unterricht einzusteigen: „[U]nd die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“ Sie versuchte uns damit, und zwar in dem wir selbst darüber nachdenken sollten – ohne irgendein Hintergrundwissen – , einen Zeitgeist reflektierend erleben zu lassen. Diese Methode hielt sie dann auch durch – was nicht jedem in meiner Klasse gefiel – aber mir immer mehr – und ich bin bis heute sehr froh darüber, dass diese Lehrerin meinen Entschluss Philosophie und Germanistik zu studieren, frühzeitig bestärkte.

Mein Magisterstudium der genannten Fächer an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Université de Bourgogne in Dijon als Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung führte mich immer weiter in die Philosophie hinein und es zeichneten sich meine ersten philosophischen Schwerpunkte ab, die während meiner Promotionsphase zu inhaltlichen Forschungsschwerpunkten wurden, nämlich die Hermeneutik, die Phänomenologie und die narrative Philosophie.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich mein Promotionsthema konkretisierte – und aber dies tat es Schritt für Schritt und nicht nur durch die philosophische Lektüre zu Hause am Schreibtisch, sondern durch die Stellen, die ich inne hatte, durch die Seminare, die ich hielt, und durch die Gespräche mit meinen Kolleg_innen, den Student_innen und mit meiner philosophischen Mentorin, Frau Prof. Dr. Joisten – und sie wird lachen, wenn sie liest, dass ich sie als philosophische Mentorin bezeichne. Meines Erachtens ist die Lektüre wie das Durcharbeiten philosophischer Zusammenhänge in der Einzelarbeit unerlässlich – aber der soziale und arbeitstechnische Kontext des Philosophierens ist das nicht minder zu wertende Fundament, auf dem sich philosophische Gedanken aufbauen.

Nach dem Abschluss meines Studiums war ich zunächst Geschäftsführende Leiterin am Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum Mainz-Trier, am Standort der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Danach war ich wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Philosophischen Seminar der JGU Mainz und in der Folge als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Philosophie der Universität Hildesheim tätig. Dort promovierte ich im Jahr 2013 zum Dr. phil mit der Arbeit: Zwischen Hermes und Hestia. Hermeneutische Lektüren zu Martin Heidegger und Jacques Derrida (Nordhausen 2014) bei Prof. Dr. Rolf Elberfeld und Prof. Dr. Karen Joisten. In der Arbeit beschäftige ich mich mit der hermeneutischen Grundsituation zwischen Fremdheit und Vertrautheit, wie sie sich in philosophischen Ansätzen implizit abzeichnet, und wies diese am Beispiel der Philosophien Heideggers und Derridas aus.

Mittlerweile hat sich nun wieder – Schritt für Schritt – mein Habilitationsthema und Forschungsschwerpunkt herausgebildet, und dies wiederum auf den Wegen, die ich seit Abschluss meiner Promotion beschritt. Ich war zunächst wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Kassel im Editionsprojekt: Der philosophische Nachlass Wilhelm Schapps in 5 Bänden, das 2018 abgeschlossen wurde. Seitdem bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Philosophie der Technischen Universität Kaiserslautern tätig. Insbesondere der Wechsel an die TUK und das dortige Zusammenarbeiten mit den Sozialwissenschaften, MINT-Fächern, sozioinformatischen Forschungsprojekten und das Mitarbeiten am Aufbau eines EthikZentrums haben meinen anfänglichen philosophischen Habilitations-Schwerpunkt in der narrativen Anthropologie um wissenschaftstheoretische und insbesondere technikethische Fragen, die sich im Zuge der technischen und digitalen Transformation der Gesellschaft stellen, erweitert. Hiermit möchte ich meine Zeilen schließen – Philosophieren begann bei mir mit einem Rilke Zitat – und es wirkt auch heute noch, denn die Deutungen und das Deuten der Welt, die gegenwärtigen wie die vergangenen, rufen meines Erachtens unablässig nach Stimmen und eine davon ist das Philosophieren – egal, ob dies auf akademische oder auf ganz subjektive persönliche Weise sich vollzieht.

Für weitere Informationen: https://www.sowi.uni-kl.de/philosophie/personen/team/dr-thiemer-nicole/

Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus Metaethik Wissenschaftstheorie Allgemeine Ethik
03.05.2019

Andrea Klonschinski

Auf die Idee eines Philosophiestudiums wäre ich von allein wohl nie gekommen, aber zum Glück lernte ich im ersten Semester meines Magisterstudiums (einer hier nicht näher zu nennenden und aus heutiger Sicht etwas absurd anmutenden Fächerkombination) an der Universität Leipzig Kommilitoninnen kennen, die im Hauptfach Philosophie studierten. Und was sie erzählten, klang überaus interessant: Umgang mit Texten und vielfältige Themen einerseits, dabei analytisches Denken und logisches Argumentieren andererseits – das war mein Fach. Hatte ich mich doch nach Deutsch und Mathe Leistungskurs nicht für die eine oder die andere Richtung entscheiden können und meine derzeitige Fächerkombination eher aus Verlegenheit gewählt. In der Philosophie gab es das Beste aus beiden Welten – was mich bis heute fasziniert.

Eher durch Zufall wählte ich Volkswirtschaftslehre als Nebenfach dazu, noch nicht ahnen könnend, dass dadurch die Grundlage für einen meiner Forschungs- und Interessenschwerpunkte (Philosophy of Economics) sowie für die Themen meiner Magisterarbeit (Die Konstitutionelle Ökonomik James M. Buchanans. Zur Rationalen Begründbarkeit politischer Institutionen) und später der Doktorarbeit (The Economics of Resource Allocation in Health Care: Social Value, Utility, and Fairness) gelegt war. Auch auf die Idee einer Promotion in Philosophie wäre ich, nebenbei bemerkt, vermutlich nicht gekommen, hätte ein damaliger Dozent mich nicht dazu ermuntert.

Für die Promotion folgte ich Prof. Weyma Lübbe nach Abschluss meines Studiums 2009 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universität Regensburg, wo ich die Gelegenheit bekam, in der interdisziplinären DFG-Forschergruppe 655 „Priorisierung in der Medizin“ mitzuarbeiten. In diesem Kontext entstand auch meine Dissertation, die, anknüpfend an die Arbeit von Weyma Lübbe, eine konsequentialismuskritische und dogmengeschichtlich informierte Analyse gesundheitsökonomischer Evaluationen, also verschiedener Formen der Kosten-Nutzen-Bewertung im Gesundheitswesen, liefert. Genauer gesagt beschäftige ich mich in der Arbeit mit Versuchen der Gesundheitsökonomen, Gerechtigkeitsprobleme zu beheben, die bei der einfachen Maximierung von Gesundheit, gemessen in Form von quality adjusted life-years (QALYs), auftreten und versuche zu zeigen, dass diese Lösungsversuche scheitern müssen, da der konsequentialistische Rahmen von Kosten-Nutzen-Bewertungen non-konsequentialistische Gerechtigkeitserwägungen wie Chancengleichheit oder das Gebot der Nichtdiskriminierung nicht angemessen erfassen kann.

Obwohl das Thema sehr speziell klingt, thematisiert die Arbeit ganz grundlegende moralphilosophische und wirtschaftswissenschaftliche Fragen, etwa nach den Grenzen konsequentialistischer Theorien, dem Wert von Gesundheit, dem Nutzenbegriff, dem in der Ökonomik und insbesondere der angewandten Wohlfahrtsökonomik vorausgesetzten Entscheidungsmodell sowie die Frage, welche Rolle empirische Befragungen hinsichtlich der Lösung normativ-ethischer Probleme spielen können, um nur einige Beispiele zu nennen. In der Auseinandersetzung mit den in der Forschergruppe versammelten Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Fächern (insbesondere mit den Gesundheitsökonom*innen) habe ich in dieser Phase zum einen gelernt, wie schwer echtes interdisziplinäres Arbeiten tatsächlich ist, zum anderen aber auch, welch wichtige Funktion die Philosophie hier übernehmen kann, indem sie etwa Diskurse ordnet, Begriffe präzisiert, implizite Prämissen herausarbeitet und hinterfragt.

Im Jahr 2016 wechselte ich dann quer durch die Republik von Regensburg nach Kiel, wo ich derzeit (Februar 2019) bei Prof. Ludger Heidbrink als wissenschaftliche Assistentin tätig bin. Insofern ein wesentlicher Teil meiner Aufgaben darin besteht, gemeinsam mit einem Kollegen den Masterstudiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ zu koordinieren und entsprechende Lehrveranstaltungen anzubieten, bin ich wirtschaftsphilosophischen Fragen und Themen der politischen Philosophie sowie der angewandten Ethik auch weiterhin treu geblieben. Als weiterer Schwerpunkt in Forschung und Lehre ist zudem die Feministische Philosophie hinzugetreten.

Konkreter interessieren mich aktuell insbesondere zwei Themenbereiche. Der erste umfasst die Auseinandersetzung mit der normativen Relevanz von Gruppenungleichheiten, was etwa die Auseinandersetzung mit den Begriffen „Diskriminierung“ und „Diversität“ sowie die normativ-ethische Bewertung dieser Phänomene umfasst. Was ist eigentlich Diskriminierung und was ist daran moralisch falsch? Welche Rolle spielen implizite Biases und Stereotype dabei und wie sind entsprechende Handlungen moralisch zu bewerten? Welche Antidiskriminierungsmaßnahmen, etwa Quotenlösungen, sind gerechtfertigt?

Der andere Interessenschwerpunkt lässt sich mit der Überschrift „Epistemologie und Ethik“ versehen und umfasst die Themen epistemische Ungerechtigkeit sowie die normative Betrachtung von Nichtwissen. Eine Frage, die mich –, anknüpfend an die Auseinandersetzung mit empirischer Ethik im Rahmen der Doktorarbeit – umtreibt, liegt im Schnittbereich der genannten Felder und wird in der Literatur unter dem Stichwort Social Moral Epistemology behandelt. Dabei geht es darum, wer eigentlich wie akademische Moralphilosophie betreibt bzw. betreiben sollte, um zu gut begründetem „moralischem Wissen“ zu gelangen. Muss die akademische Philosophie aus ethischen und/oder aus epistemischen Gründen „diverser“ werden? Was genau heißt das überhaupt? Welche Gruppen müssen hier berücksichtigt werden? Wie lässt sich bei einer derartigen Forderung eine Essentialisierung verschiedener Denkstile („Frauen denken so und Männer so“) vermeiden? (Einige Gedanken zum Thema Frauen in der akademischen Philosophie habe ich hier formuliert: https://www.praefaktisch.de/metoo/metoo-und-frauen-in-der-akademischen-philosophie-der-perfekte-sturm/)

Insgesamt würde ich mich als Anhängerin (und hoffentlich manchmal auch als „Betreiberin“) einer analytischen, grundlagentheoretisch fundierten und empirisch informierten angewandten praktischen Philosophie bezeichnen. Von der Überzeugung, dass die akademische Philosophie gesellschaftlich relevant ist bzw. sein sollte, ist auch mein „philosophisches Hobby“, die Filmreihe „Filmisches Philosophieren“ getragen, die ich, jeweils mit Unterstützung des Instituts für Philosophie bzw. des Philosophischen Seminars, von 2012-2016 in Regensburg und seit 2017 in Kiel organisiere und moderiere. Dabei werden pro Semester etwa drei Filme in einem Programmkino gezeigt, auf den Film folgt jeweils ein Impulsreferat einer Referentin oder eines Referenten, das die philosophisch interessanten Aspekte des Films heraushebt und schließlich wird mit dem Publikum diskutiert (ausführlicher dazu und mit Beispielen für Filme, Themen und Referent*innen: https://www.praefaktisch.de/populaere-philosophie/philosophie-im-kinosessel/).

Für weitere Informationen besuchen Sie/besucht meine Homepage bei der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel https://www.philsem.uni-kiel.de/de/lehrstuehle/praktische-philosophie/klonschinski und/oder kontaktieren Sie/kontaktiert mich gerne persönlich!

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
07.02.2019

Sandra Frey

Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

Sozialphilosophie Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Fachdidaktik und Bildungsphilosophie
15.12.2018

Sarah Bianchi

Foto: Nada Quenzel

Hallo aus dem Zug! Gerade bin ich auf der Rückfahrt von Frankfurt am Main. Dort arbeite ich in diesem Semester als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialphilosophie bei Prof. Dr. Martin Saar an der Goethe-Universität. Meine Forschungsinteressen liegen systematisch im Bereich der Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie und historisch im Bereich des Deutschen Idealismus (v.a. Kant) sowie der Romantik (Nietzsche) und der Postmoderne (Foucault). Was mich vor allem interessiert, sind die anderen Philosophiegeschichten, die jenseits der gängigen Interpretationen liegen. Nietzsche etwa ist nur zu oft dem Vorwurf ausgesetzt, dass er bloß den Weg in eine Aristokratie ebnet. Ich glaube auch, dass an dem Vorwurf etwas dran ist, nur bin ich auch davon überzeugt, dass es auch noch einen anderen Nietzsche gibt. Dieser Nietzsche spricht etwa von Freundschaften fernab elitärer Beziehungsgeflechte. Einen Vorschlag, wie solche Formen von Inklusions- und Exklusionsmechanismen im ganzen Leben – von Selbstverhältnissen, über ethische, ästhetische, rechtliche und politische Bereiche – zusammengedacht werden könnten, habe ich mit meiner Doktorarbeit „Einander nötig sein. Existentielle Anerkennung bei Nietzsche“ an der Humboldt-Universität zu Berlin angeboten. An der Princeton University habe ich die Publikation meiner Doktorarbeit (Fink 2016) abgeschlossen.

Schon während meines Studiums hat mich das Problem von Exklusionsformen beschäftigt. Studiert habe ich die Fächer Neuere/Neueste Geschichte, Philosophie und Französische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der École Normale Supérieure de Cachan/Paris sowie an der Universität Potsdam. Die Möglichkeit, einen Bachelorabschluss an der ENS Cachan zu machen, habe ich aufgrund eines Arbeitsangebots vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) abgelehnt. Zudem stand schon recht früh für mich fest, dass ich meine Magisterarbeit zur Dreyfus-Affäre in Berlin schreiben wollte. Dieses Fallbeispiel hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, weil es die diffuse Verwobenheit von Inklusions- und Exklusionsformen zeigt. 2012 wurde die Arbeit in dem Verlag Peter Lang veröffentlicht.

Gerade bin ich dabei, das Buchmanuskript unter dem Titel „Governing Oneself: Critical Aesthetics of Enhancement“ abzuschließen. Darin fasse ich die Ergebnisse zusammen, die ich während meiner Zeit als Postdoc in dem „The Enhancing Life Project“ der Universität Chicago an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Stanford University sowie an der Princeton University gewonnen habe. Gemeinsam mit 35 anderen Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt haben wir uns der Frage gestellt, ob die neuesten technologischen Entwicklungen, die unter dem Modewort „Enhancement“ gefasst werden, eigentlich wirklich das Leben verbessern, so wie sie es immerhin zu versprechen scheinen. In diesem Buchprojekt nehme ich den Faden der Inklusions- und Exklusionsmechanismen weiter auf: Nun geht es mir darum, die Wirkungsverhältnisse im Feld von Enhancementtechnologien zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang habe ich insbesondere in Kalifornien eine amerikanisch-deutsche Kollaboration mitgeleitet. Hier sind wir der Frage nachgegangen, was Enhancement-Strategien eigentlich am Beginn des Lebens machen, und zwar nicht nur mit uns, sondern auch mit möglichen zukünftigen Generationen. An der Ostküste habe ich anschließend weiter das Handwerkszeug gelernt, den Bereich der Ästhetik in einem weiten Sinn zu verstehen: als tatsächlichen Bezug zu unserer Existenz. Erste Schritte auf dem Weg hin zu dem amerikanischen Postdoc-Projekt habe ich als Fellow am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar machen können. In der letzten Woche ist der von mir herausgegebene Band drei „Auf Nietzsches Balkon III“ erschienen. Er versammelt die Texte der Stipendiat_innen, die ganz wortwörtlich auf Nietzsches Balkon in der Villa Silberblick entstanden sind.

Mögliche Rückfragen oder Kommentare können gern an mich gemailt werden: S.Bianchi (at) em.uni-frankfurt.de

Weitere Informationen sind auf meinem Profil bei academia: http://uni-frankfurt.academia.edu/SarahBianchi

Ästhetik Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
08.10.2018

Almut Kristine von Wedelstaedt

Ich gehöre zu den Leuten, die früh in ihrem Leben angefangen haben, Philosophie zu lesen, und dann eigentlich nie etwas anderes machen wollten. Insofern bin ich sehr froh, dass ich immer noch Philosophie mache und beruflich machen darf, auch wenn ich seit diesen frühen Anfängen eine philosophische Kehrtwende gemacht habe. Angefangen habe ich nämlich, wie wahrscheinlich viele beginnen, mit Sartre, de Beauvoir, Camus, Nietzsche und Heidegger und deshalb wollte ich unbedingt irgendwo studieren, wo man sich mit Existentialismus beschäftigen kann. Da passt meine Heimatstadt Bielefeld wirklich gar nicht. Wegen eines leicht verspäteten, weil externen Abiturs konnte ich aus terminlichen Gründen allerdings nur in Bielefeld beginnen und da ich auf keinen Fall ein Semester warten wollte, habe ich trotzdem in Bielefeld angefangen. Am ersten Tag meines Studiums bin ich dann in eine HIT-Veranstaltung bei Eike von Savigny geraten. HIT stand für „Hausarbeit in individuell betreuten Teilschritten“ und war – man verzeihe mir den Kalauer – tatsächlich ein Hit. Ich habe gefühlt nie wieder in so kurzer Zeit so viel gelernt wie in dieser Veranstaltung, in der man neben den normalen Seminarsitzungen sechs Mal im Semester Texte abgab, die sechs Mal in einer halbstündigen Einzelbesprechung diskutiert wurden, und aus denen sich am Ende die Hausarbeit zusammensetzte. Wie nebenbei kam ich völlig ab von allem, was ich vorher gelesen hatte, und beschäftigte mich fortan hauptsächlich mit genuin analytischer Philosophie, im Studium insbesondere Wittgenstein. Bis heute bin ich hauptsächlich in der analytischen Philosophie unterwegs, vermeide aber möglichst jede Art von Dogmatismus oder Schulbildung.

Dieser Anfang ist für mich nicht nur wichtig, weil es halt mein Anfang ist, sondern auch, weil ich an diesem Anfang ein Bild von Philosophie gewonnen habe, an dem ich festhalte. Philosophie ist demnach etwas, was man lernen und lehren kann. Es ist überhaupt nicht leicht zu erklären, was genau Menschen tun, die philosophieren, aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzusehen, dann kann man einiges darüber herausbekommen und das kann man auch vermitteln. Dieses Bild von Philosophie ist für mich deshalb so wichtig, weil meine jetzige Aufgabe an der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld als Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung viel damit zu tun hat. Ich denke im Rahmen dieses Jobs viel darüber nach, was gutes Philosophieren ist und wie man das in einem Philosophiestudium gelingend vermitteln kann. In diesem Zusammenhang interessiert mich unter anderem, wie man Diversität in der Philosophie ermöglichen und damit umgehen kann. Aus diesem Interesse resultiert auch mein Engagement für SWIP.

In meiner Forschung beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit Fragen der Moralbegründung. Das ist etwas ganz anderes als ich in meiner Dissertation gemacht habe, die von philosophischen Theorien narrativer Identität handelte und die Frage stellte, ob das überhaupt überzeugende Theorien personaler Identität sein könnten (ganz kurz: nein). Jetzt interessiert mich vor allem die Frage, ob es möglich ist, eine Begründung von Moral zu geben, die moralische Forderungen für alle Menschen verpflichtend macht, einfach weil sie Menschen sind. Zu diesem Zweck versuche ich ein Verständnis von menschlicher Natur fruchtbar zu machen, das allerdings nicht essentialistisch ist, weil menschliche Natur demnach historisch kontingent und sozial konstruiert ist. Eine solche Konzeption sehe ich etwa in Peter Strawsons Überlegungen in „Freedom and Resentment“ angelegt. Vom Ansatz her gibt es bei meinen Überlegungen Ähnlichkeiten zu den neoaristotelischen Moralkonzeptionen Philippa Foots und Rosalind Hursthouses, ohne dass ich mich auf ein tugendethisches Moralverständnis festlegen will. Aber deren Blick auf die menschliche Natur und ihre Gelassenheit gegenüber dem Begründungsproblem der Moral scheint mir sehr hilfreich.

Außerdem beschäftigen mich in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder Themen der Philosophie der Sexualität. Jetzt gerade ist das insbesondere die Frage, ob Zustimmung allein ausreichend ist für die moralische Güte einer sexuellen Handlung. Meines Erachtens ist sie es nicht. Stattdessen kann man mehr über die moralische Qualität von sexuellen Handlungen sagen, wenn man in Betracht zieht, dass es ein Idealbild von sexuellen Begegnungen gibt, das damit zu tun hat, dass sich die Partner auf Augenhöhe begegnen.

Obwohl ich zwar gern allein am Schreibtisch sitze und an meinen verschiedenen Aufgaben und Themen arbeite, schätze ich den Austausch mit anderen sehr und profitiere davon in ganz verschiedenen Hinsichten sehr, inhaltlich philosophisch ohnehin, aber auch was meine persönliche Entwicklung als Lehrende, Forschende und an der Hochschule Tätige angeht. In diesen Hinsichten den Austausch mit anderen zu nutzen und auch bspw. Mentoring-Angebote zu nutzen, dazu kann ich nur ermutigen. Ich erlebe es beispielsweise oft als eine Herausforderung, die Anforderungen des akademischen Philosophierens mit denen einer kleinen Familie – ich habe einen zweijährigen Sohn – unter einen Hut zu bekommen. Dabei hilft der Austausch mit anderen ungemein.

Dr. Almut Kristine v. Wedelstaedt
Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung, Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld

Feministische Philosophie Philosophie des Geistes Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
05.09.2018

Inga Bones

Ich habe im Februar 2018 meine Promotion abgeschlossen und arbeite zurzeit am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ab dem Wintersemester 2018/19 werde ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Arbeitsbereich Naturphilosophie und Philosophische Anthropologie des Karlsruher Instituts für Technologie wechseln.

Dass ich einmal auf dem besten Weg zur „hauptberuflichen Philosophin“ sein werde, hätte ich mir mit Anfang zwanzig nur schwer vorstellen können—trotz meines schon damals ausgeprägten Interesses an philosophischen Fragen. Ich bin eine Studierende erster Generation und habe mein Abitur im Anschluss an eine Berufsausbildung auf dem zweiten Bildungsweg erworben. Von den Anforderungen eines Hochschulstudiums im Allgemeinen und meiner Studienfächer Germanistik und Philosophie im Besonderen hatte ich deshalb eine bestenfalls vage Vorstellung, als ich im Herbst 2005 mein Studium an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aufnahm. Und ich war in gleichem Maße beeindruckt wie befremdet von der Selbstverständlichkeit, mit der sich einige meiner Kommilitonen mit der akademischen Welt identifizierten.

Meine anfängliche Ambivalenz angesichts der Perspektive einer akademischen Laufbahn hat mich zwar nie ganz verlassen, wurde aber schon bald von der Begeisterung für —zunächst vor allem— Fragen der Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie in den Hintergrund gedrängt.

Mit einem Wechsel an die Universität Stuttgart beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium hat sich mein philosophischer Interessenschwerpunkt hin zur Sprachphilosophie verschoben. Um ein zentrales Thema der Sprachphilosophie, sprachliche Vagheit, geht es auch in meiner Dissertation, deren Inhalt ich im Folgenden kurz zusammenfassen möchte. Grob gesagt ist ein sprachlicher Ausdruck genau dann vage, wenn sein Anwendungsbereich nicht scharf begrenzt zu sein scheint. Ein Paradebeispiel eines solchen Ausdrucks ist das Prädikat „Haufen“, für dessen Anwendbarkeit kompetente Sprecher keinen präzisen Schwellenwert—etwa 99.000, 100.000 oder 250.000 Sandkörner (oder mehr)—angeben können. Dem Prädikat „Haufen“ verdankt auch ein hartnäckiges Paradox, das in engem Zusammenhang mit sprachlicher Vagheit steht, seinen Namen: das Sorites- oder Haufenparadox.

Das Sorites-Paradox lässt sich als die Kombination dreier Überzeugungen verstehen:

  1. Ein Sandkorn ist kein Haufen.

  2. Eine Million Sandkörner sind ein Haufen.

  3. Sofern zwei Ansammlungen von Sandkörnern sich lediglich darin unterscheiden, dass eine von ihnen ein Sandkorn weniger als die andere aufweist, sind entweder beide Ansammlungen ein Haufen oder keine von beiden.

Überzeugung (3) ist plausibel, weil wir vage Prädikate wie „Haufen“ für tolerant halten. Kleine Veränderungen des Gegenstands, von dem sie prädiziert werden, können ihrer Anwendbarkeit „nichts anhaben“—meinen wir. Ausgehend von Überzeugung (2) erlaubt uns die wiederholte Anwendung des Toleranzprinzips (3) allerdings die Ableitung des Satzes, dass auch ein einzelnes Sandkorn ein Haufen ist, was im Widerspruch zu (1) steht.

Obwohl im Verlauf der vergangenen rund vierzig Jahre eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu Vagheit und dem assoziierten Haufenparadox erschienen ist, ist es bislang keinem Lösungsversuch—keiner „Theorie der Vagheit“—gelungen, breiten Rückhalt zu finden. Statt eines stetigen Erkenntnisfortschritts scheint die Vagheitsforschung eine Tendenz zur Fragmentierung erkennen zu lassen. Diese einigermaßen ernüchternde Bestandsaufnahme bildet den Ausgangspunkt meiner Untersuchung, in deren Verlauf ich zunächst einige prominente Theorien der Vagheit vor- und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen herausstelle. Ich zeige, dass der Konstruktion und Bewertung solcher Theorien eine gemeinsame Methode zugrunde liegt: die Methode des (weiten) Überlegungsgleichgewichts. Ich argumentiere, dass es angesichts dieser Tatsache nicht überraschend ist, dass bisher keine Theorie der Vagheit breite Zustimmung gewinnen konnte. Zudem identifiziere ich eine Reihe von Metaphern und Vergleichsobjekten, die eine gewisse Tendenz zur Abschwächung von Toleranzintuitionen—und damit die Ablehnung oder zumindest die Einschränkung von Prinzip (iii)—mit sich bringen. Weil Vagheitstheoretiker, so meine These, naheliegende Analogien zwischen der natürlichen Sprache und formalen, kalkülartigen Sprachen überdehnen, neigen sie dazu, eine bestimmte Möglichkeit zur Auflösung des Haufenparadoxons vorschnell abzulehnen. Dieser Möglichkeit der Auflösung von Sorites-Paradoxien widme ich mich im letzten Kapitel meiner Arbeit. Ich verteidige die These, dass vage Prädikate ihrer Natur nach „grenzenlos“—und damit tatsächlich tolerant—sind. Zuletzt zeige ich auf, welche Konsequenzen diese These zum „Wesen von Vagheit“ für das Paradox selbst, für unseren Begriff der Gültigkeit und mit Bezug auf den Begriff des Grenzfalls mit sich bringt.

In Zukunft möchte ich mich einerseits der metaphysischen Seite von Vagheit widmen. Hinter der Rede von „Vagheit in der Welt“ verbirgt sich eine Reihe von Rätseln zur Natur der Identitätsrelation und zur Individuation und Persistenz von Gegenständen. Daneben interessiert mich aber auch die praktische Seite von Sprache, etwa Fragen nach der Funktionsweise von Beleidigungen oder Hate Speech: Inwiefern können sprachliche Handlungen Menschen einschränken, verletzen oder unterdrücken?

Hier geht es zu meiner Website.

Logik Sprachphilosophie Metaphysik/Ontologie
19.06.2018

Andrea Reichenberger

Foto: Andreas Heddergott / TUM

Andrea Reichenberger ist Wissenschaftsphilosophin und Wissenschaftshistorikerin. Sie ist spezialisiert auf die Erforschung von Frauen und Geschlechterfragen an der Schnittstelle von Physik, Mathematik, Informatik und KI. Ihre Hauptmotivation für Lehre und Forschung ist die Förderung einer nachhaltigen Zukunft durch die Erforschung der Geschichte von Wissenschaft und Technologie. Derzeit ist sie Leiterin eines DFG-Projekts an der TUM, das sich mit Frauen in der Geschichte der Quantenphysik beschäftigt. Sie hat an der Universität Paderborn in Technikphilosophie promoviert, war Forschungsgruppenleiterin am Department Mathematik der Universität Siegen und Vertretungsprofessorin für Technikgeschichte am STS Department an der TUM. Reichenberger hat ein Buch über die französische Mathematikerin, Physikerin und Philosophin Émilie du Châtelet geschrieben (Springer, 2016) und über 50 Artikel veröffentlicht, darunter mehr als 20 peer-reviewed Artikel in Zeitschriften wie Physics Today, dem British Journal for the History of MathematicsHistory and Philosophy of Logic und Language and Communication.

Feministische Philosophie Logik Sprachphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Wissenschaftstheorie
21.03.2018

Elif Özmen

(c) Elif Özmen

„Ich bin ein vor Hochmut trunkenes und durchsichtiges wahres Nichts… Daher will ich die Welt besitzen.“ Es sind Sätze wie dieser, die mich als junge Frau zur Philosophie gebracht haben, denn was Jean Paul Sartre in seinem Tagebuch formulierte, traf meine damalige Unrast und Neugierde auf den jugendlichen Kopf. Ich begann ein Studium der Philosophie (in dem Sartre bis heute übrigens keine Rolle spielt), Politikwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Deutschen Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen, das ich nach einem kurzen Zwischenspiel in Frankfurt 1999 abschloss.

Früh – und letztlich unerklärlich – waren es Fragen der praktischen Philosophie, zunächst der theoretischen Ethik, dann der politischen Philosophie und gegenwärtig auch der Anthropologie, die mich in besonderer Weise intellektuell angezogen haben. Das mag nicht nur, aber eben auch, bestimmten Personen geschuldet sein – Günther Patzig und sein gerade angetretener Nachfolger Julian Nida-Rümelin waren grundverschiedene und sich herrlich ergänzende starke Köpfe der Göttinger Philosophie, gleiches gilt für Konrad Cramer und Wolfgang Carl, an dessen legendärem Freitagabend-Kolloquium ich teilnehmen (und scharfe, nahezu brutale Kritik aushalten lernen) durfte. Meine Göttinger Zeit hat mich für das Leben geprägt, u.a. habe ich hier die vom Aussterben bedrohte Lebensform des hochgebildeten Ordinarius kennengelernt (die man heute lächerlich finden mag, weil sie keine Drittmittel und auch keine „Forschungsprojekte“ verfolgte, sondern schlicht und einfach der Philosophie als einer Geisteswissenschaft nachging, welche Geist und Wissen sowie Witz, in beiderlei Sinn des Wortes, erforderte).

Meine Promotionszeit habe ich an der Humboldt Universität zu Berlin verbracht, mit einem Stipendium der Studienstiftung, welches Glück und Problem zugleich darstellte. Zum einen musste ich für meinen Lebensunterhalt nicht arbeiten, sondern konnte mich vollständig auf mein Thema einlassen (die neuere Diskussion um das gelungene Leben, die mit den Namen von Bernard Williams, Susan Wolf, Philippa Foot, Martha Nussbaum verbunden ist und eine dezidierte Kritik an einem rationalistischen Verständnis von normativer Rechtfertigung und Moral-Theorie formuliert, veröffentlicht bei Mentis 2005: „Moral, Rationalität und gelungenes Leben“). Zum anderen hatte ich aber keine institutionelle Einbettung, keine äußeren Pflichten, keinen Chef, keinen geregelten Tagesablauf. Diese Spannung zwischen Einsamkeit, Freiheit und Verantwortung war durchaus belastend, aber ich bin nicht sicher, ob ich es anders geschafft hätte, meine Gedanken zu bündeln und schlussendlich promoviert zu werden.

Im Anschluss konnte ich das andere Extrem erleben – mit einer vollen Assistentinnen-Stelle in München (2004-2011), zahlreichen Lehr- und Administrationspflichten, einem anspruchsvollen Chef und einem Tagesablauf, der so dicht gefügt war, dass die Habilitation sich immer irgendwie dazwischen quetschen lassen musste. 2010 erhielt ich die Venia für Philosophie für eine Arbeit, die sich begründungstheoretischen Problemen der Philosophie des Liberalismus, mithin den Wahrheitsansprüchen der freiheitlichen Demokratie, widmete („Wahrheit und Rechtfertigung. Zur politischen Philosophie des Liberalismus“, unveröffentlicht).

2011 und 2012 konnte ich eine Professur an der Universität Hamburg vertreten und habe dann den Ruf auf eine W2-Professur für praktische Philosophie in Regenburg angenommen. Seit Oktober 2016 bin ich Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophie mit den Schwerpunkten theoretische Ethik und politische Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Meine derzeitigen Forschungsinteressen haben mit dem Menschlichen und dem Unmenschlichen zu tun. Über das Menschliche reflektiere ich im Sinne der anthropologischen Voraussetzungen normativer Theorien. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in der internationalen Debatte die Rede von einem anthropological turn etabliert. Anlass hierzu waren sowohl philosophie-interne Entwicklungen (etwa das Entstehen der Neurophilosophie) als auch bahnbrechende Entwicklungen in empirischen Disziplinen (Evolutionstheorie, Neurowissenschaft, Verhaltensforschung, KI). Durch die Frage nach den Unterschiedenen und Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier/Computer/Roboter wird die – genuin anthropologische – Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen (wieder) gestellt und dezidiert nicht-essentialistische Reflexionen unternommen, die auf die „charakteristische menschliche Lebensform“, die „conditio humana“, die „Natur des Menschen“ und andere anthropologische Topoi Bezug nehmen. Mein gegenwärtiges Interesse an dieser Debatte betrifft einen Komplex metaphilosophischer Fragen, deren Analyse die Offenlegung des anthropologischen Ausgangs- und Bezugspunktes unserer Normenbildung intendiert.

Das Unmenschliche interessiert mich im Zusammenhang mit der Frage nach der Theoretisierbarkeit von Ungerechtigkeit. Die humanitären Katastrophen der beiden Weltkriege, der Totalitarismus und die völkermörderischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit markieren einen tiefen historischen und systematischen Einschnitt, auch für die praktische Philosophie. Neben einer Selbstkritik, die die ideengeschichtlichen Voraussetzungen totalitärer Herrschaft und menschenrechtlicher Aporien reflektierte, wurde ab den 1950er Jahren ein Demokratie-Paradigma entwickelt, demzufolge die (freiheitliche) Demokratie die am wenigsten schlechte Herrschaftsform darstellt. Für die Position der normativen Alternativlosigkeit der Demokratie habe ich in den letzten Jahren im Sinne einer objektivistischen Theorie der Gerechtigkeit vielfältig argumentiert und publiziert. Nunmehr wende ich mich der Frage der Ungerechtigkeit, Unmoral und Unmenschlichkeit (dem „Bösen“) zu, gewissermaßen in Anknüpfung an die historische Situation, aus der heraus das moderne Demokratie- und Menschenrechtsparadigma entwickelt und etabliert wurde. Mich interessiert zum einen, ob und wie sich diese normative Semantik einfügen lässt in die bekannten Konzepte des Rechten und Guten (und die für die liberale Demokratie-Theorie charakteristische Priorisierung des Rechten). Zum anderen möchte ich untersuchen, wie weit man argumentativ im Ausgang von einer rein dystopischen Werttheorie kommt. Schließlich könnte sich herausstellen (wie es Judith Shklar in ihrem Liberalism of Fear andeutet), dass diejenigen moralischen Urteile, die allgemeine Verbindlichkeit, mithin objektive Geltung beanspruchen können, nur dasjenige betreffen, wovor jeder Mensch guten Grund hat, sich zu fürchten.

Mehr zu meiner Arbeit und Person findet sich auf meiner Homepage.

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Anthropologie Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
07.08.2017

Catherine Herfeld

I am currently assistant professor of Social Theory and Philosophy of the Social Sciences at the University of Zurich. I work in philosophy and history of the social sciences, focusing on economics and with an emphasis on methodological questions. I also have an interest in sociology of science and social theory. Before coming to Zurich in March 2017, I was a postdoctoral fellow and assistant professor at the Munich Center for Mathematical Philosophy at Ludwig-Maximilians-University Munich (LMU Munich). I completed my doctoral studies at Witten/Herdecke University in 2013 and while writing my dissertation, I spent some time at Columbia University, the Max-Planck Institute for the History of Science in Berlin, and the Center for the History of Political Economy at Duke University. I developed my interest in philosophy of the social science after receiving a degree in economics and working in the Ecuadorian rainforest.

Currently, I am finishing two books that are concerned with the epistemic status of rational choice theories in economics (hereafter RCTs). RCTs are among the most prominent approaches to human behavior in the social sciences. But upon closer inspection, they prove hard to ‘define’; specific instances include Expected Utility Theory, Gary Becker’s ‘Economic Approach to Human Behavior,’ Revealed Preference Theory, or Ordinal Consumer Choice Theory. What those approaches have in common is that they conceptualize human behaviour as rational behaviour (albeit understood differently in each of them). The empirical value of RCTs has been the subject of intense debate. On the one hand, scholars have defended RCTs as the best theories of human behaviour that we currently have in the social sciences and argued for their use until a better alternative comes along. On the other hand, scholars critical of RCTs have attacked them vigorously as psychologically or behaviourally unrealistic, as failing to offer adequate explanations of actual behaviour and as making predictions that are contradicted by empirical evidence. Those shortcomings have sometimes been identified by some as major causes for more substantial empirical difficulties that economic theories and models are said to confront.

My motivation is to support a more nuanced critique of RCTs. First, one thing I try to do in both books – albeit in distinct ways – is to sensitize critics to the fact that there is no such thing as a unified ‘rational choice theory’. Rather, I argue that the label of ‘rational choice’ refers to a set of different approaches that share a set of characteristics but that are conceptually and methodologically distinct and have been developed for very different problems. To better assess RCTs, their critique should therefore pursue what I refer to as a ‘local’ perspective (adopting a term that Michael Weisberg has attributed to Philip Kitcher’s approach in Philosophy of Biology). Such a local critique should consider what I label the ‘epistemic context’ within which a specific framework is developed and applied. Arguably, what ‘epistemic context’ means has to be further specified and to this end I take the history of economics to be of fundamental importance. If we consider the intellectual traditions from which the various RCTs behaviour have emerged, the problems they were originally meant to address, the larger theoretical frameworks they were often part of, and the justifications given by practitioners for their use, then we come to see not only how exactly they differ, but also what their scope of application is and should be.

In the first book, entitled The Many Faces of Rational Choice Theory, I offer an epistemologically enriched historical account of RCTs in economics that enables such a local critique. Furthermore, I show that throughout the history of economics, economists have argued that conceptualizing the human agent as a rational agent would indeed not help them to explain actual behaviour but might allow them instead – in different ways – to theoretically cope with better understanding larger economic systems, which they considered to be extremely complex. Those systems cannot be easily understood with a psychologically, behaviourally or even neurologically realistic account of human behaviour as long as the so-called aggregation problem, i.e., the problem of how economists could aggregate the behaviour of individuals in such a way that it is analytically tractable and at the same time leading to properties characterise of those systems. Thus, one lesson we can draw from the work of earlier thinkers, I think, is that instead of focusing too much on how to conceptualize the individual agent, economics could benefit from applying methods from computational social sciences that allow for detailed descriptions of social interaction processes that bring about social phenomena. It is against this background that the question of how realistic an account of human behaviour has to be should be answered.

The other book that I am working on takes a different approach towards tackling those issues. Entitled Conversations on Rational Choice Theory, it contains interviews I have conducted over the past years with economists, psychologists, and philosophers who have contributed to the development and application of RCTs or have been engaged in the debates regarding their empirical usefulness. By exposing practicing scientists and philosophers to each other’s arguments and engaging with their positions, those interviews allow for addressing a number of important but as yet neglected issues in the debate, such as clarifying the object under discussion, viz. RCT, understanding how practitioners justify rational choice theory for their various purposes, and where they take their empirical usefulness to be limited.

Besides those two larger projects, I investigate in a side project the historical context within which RCTs emerged in the 1940s and 1950s. Those three projects are the outcome of my time as a doctoral and postdoctoral researcher.

Much of my work is interdisciplinary, mainly regarding the methods I use. I combine traditional philosophical approaches – such as case studies – with quantitative-empirical methods in history and philosophy of the social sciences. I do archival research in my historical research and use historical case studies in philosophy; and conducting interviews allows me to get into closer contact with scientific practitioners. For example, in my new habilitation project, I take a sociological, a historical, and a systematic perspective to address the question of how knowledge in general and scientific innovations in particular spread within and across (interdisciplinary) contexts. Together with my colleague Chiara Lisciandra (University of Groningen), I am currently editing a Special Issue for Studies in History and Philosophy of Science: Part A, which addresses questions about knowledge transfer from an interdisciplinary viewpoint. The goal is to distinguish between different kinds of knowledge transfer and examine whether it is possible find commonalities among them; maybe even beyond a specific field or discipline. Another example is a project in which, together with psychologists and sociologists, we research the gender gap in academic philosophy as well as whether female-only events can have a positive effect on female students continue to pursue an academic career.

For more on those and other projects as well as for contacting me, see my website: http://catherineherfeld.weebly.com

Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Wissenschaftstheorie
31.05.2017

Eva Schmidt

Seit über zehn Jahren bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität des Saarlandes und vertrete dort aktuell die Professur für Philosophie des Geistes. Außerdem lehre ich seit einigen Jahren an der Université du Luxembourg. Promoviert habe ich zu Wahrnehmung und Begriffen; aktuell arbeite ich an meiner Habilitation zu epistemischen Gründen.

Meine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem: Epistemische Rechtfertigung und Gründe, Disjunktivismus, epistemologischer Evidentialismus, Handlungsgründe, Theorien der Wahrnehmung, mentale Inhalte, Begriffe. Gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne Mantel und mit Frank Hofmann (Luxembourg) organisiere ich im Juli die dritte SaarLux Joint Conference on Reasons and Rationality, dieses Mal werden wir gemeinsam mit Jonathan Dancy über sein bald erscheinendes Buch Practical Shape diskutieren.

Was hat es mit meinem Habilitationsthema auf sich? Ich denke, dass sich Epistemolog_innen neben den Klassikern Wissen und Rechtfertigung auch über epistemische Gründe Gedanken machen sollten. Immerhin reden wir alltäglich eher über Gründe dafür, dass jemand etwas glaubt oder glauben sollte, als über die Rechtfertigung unserer Überzeugungen. Ich vertrete einen „Reasons First“-Ansatz: Wir sollten epistemische Rechtfertigung generell mittels epistemischer Gründe verstehen, die unsere Überzeugungen stützen. Ich sehe hier erhellende Parallelen zur Philosophie der Handlung und zur Metaethik, speziell zu Ansätzen, die den normativen Status von Handlungen – z. B. dass wir sie ausführen sollen – auf normative Gründe zurückführen, die für oder gegen sie sprechen. Ich argumentiere zudem für einen umfassenden epistemologischen Disjunktivismus, also dafür, dass wir, wenn wir auf Basis wirklich bestehender guter Gründe etwas glauben, besonders starke Rechtfertigung für unsere Überzeugungen haben, dass Überzeugungen aufgrund nur scheinbar bestehender Gründe dagegen bedeutend schwächer gerechtfertigt sind.
Dieses Bild der Rechtfertigung muss an verschiedenen Stellen ausgearbeitet werden: Sind epistemische Gründe nichts anderes als Evidenzen? Basiert jegliche epistemische Rechtfertigung auf Gründen? Was heißt es, einen Grund zu haben? (Hierzu komme ich nun.)
Plausiblerweise tragen zur Rechtfertigung unserer Überzeugungen nur Gründe bei, die wir haben. Nehmen wir z. B. an, dass Zeus existiert. Dies ist ein exzellenter Grund zu glauben, dass es einen Gott gibt, aber solange eine Person zu diesem Grund keinen Zugang hat bzw. nicht über ihn verfügt, trägt er nichts zur Rechtfertigung ihrer Überzeugung bei.
Wir sollten epistemische Rechtfertigung also auf Gründe zurückführen, die wir haben. Zusätzlich scheint zu gelten, dass wir einen Grund nur dann haben, wenn wir gerechtfertigt sind zu glauben, dass er besteht. Wenn eine Person bloß aus einer Laune heraus glaubt, dass Zeus existiert, reicht das anscheinend nicht dafür aus, dass sie über einen rechtfertigenden Grund für ihre Überzeugung verfügt, dass es einen Gott gibt. Aber wenn das so ist, erläutert der „Reasons First“-Ansatz Rechtfertigung mit Hilfe von gehabten Gründen und zugleich das Haben von Gründen durch gerechtfertigte Überzeugungen. Dieser Zirkularität entgehe ich, indem ich argumentiere, dass sich letzten Endes der Besitz all unserer Gründe auf mentale Zustände wie Erinnerung oder Wahrnehmung zurückführen lässt, die selbst nicht weiter gerechtfertigt zu werden brauchen. (Diese nenne ich „PANINIS“, für „presentational attitudes not in need of justification“.) Ich vertrete damit ein rekursives Verständnis des Habens von Gründen. Leider ergeben sich für diesen Ansatz weitere Probleme mit den basalen visuellen Überzeugungen von blindsehenden Subjekten und mit Überzeugungen, die durch Implicit Bias beeinflusst sind. (Wenn Sie wissen möchten, wie ich mit diesen Problemen umgehe, schicke ich Ihnen gerne meinen Aufsatz „Possessing Reasons“. Kontakt s. u.)

In meiner Dissertation und meinem darauf basierenden Buch Modest Nonconceptualism: Epistemology, Phenomenology, and Content verteidige ich den Nonkonzeptualismus. „Bescheiden“ ist mein Nonkonzeptualismus, da er offenlässt, dass Wahrnehmungserlebnisse einen begrenzten Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern und in Teilen begrifflichen Inhalt haben, solange nur Wahrnehmung kein vollständiges begriffliches Erfassen des Wahrgenommenen erfordert und auch einen nichtbegrifflichen Inhalt hat.
Aktuell beschäftige ich mich mit folgender Sorge, die Nonkonzeptualist_innen und Konzeptualist_innen vereint: Ihre Kernthesen betreffen in erster Linie die Frage, ob wir, um einen bestimmten Aspekt unserer Umwelt wahrnehmen zu können, entsprechende begriffliche Fähigkeiten zum Einsatz bringen müssen. (Der Konzeptualismus bejaht, der Nonkonzeptualismus verneint dies.) Aber so, wie ich die Vertreter_innen dieser Positionen verstehe, wollen sie auch direkt etwas über die Natur des Inhalts der Wahrnehmung aussagen, darüber, ob dieser z. B. in Fregeschen Propositionen oder doch eher in Russellschen Propositionen besteht. Die meisten ihrer Argumente stehen jedoch in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt der Wahrnehmung, so dass dessen Natur unbestimmt bleibt. Diese Schwierigkeit ähnelt dem semantischen Unbestimmtheits-Problem der Teleosemantik.
Ich argumentiere, dass Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen zur Überwindung ihres Unbestimmtheits-Problems einen Pragmatismus bezüglich mentaler Inhalte akzeptieren und die folgende These vertreten sollten: Wahrnehmung hat einen Inhalt von genau der Natur, die am besten den gemeinsamen explanatorischen Zwecken von Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen dient. Diese versuchen unter anderem, den phänomenalen Charakter und die rechtfertigende Kraft der Wahrnehmung zu erklären. Mein pragmatistischer Ansatz zeitigt das für die Debattenteilnehmer_innen erfreuliche Ergebnis, dass Wahrnehmungsinhalte begrifflicher Natur sind, insofern Wahrnehmungserlebnisse den Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern, dass sie hingegen nichtbegrifflicher Natur sind, sofern Wahrnehmung keine begrifflichen Fähigkeiten voraussetzt.

Weitere Informationen zu meiner Person finden Sie unter http://www.uni-saarland.de/fachrichtung/philosophie/professuren/fuer-philosophie-des-geistes/dr-eva-schmidt.html


Kontakt: eva.schmidt@mx.uni-saarland.de

Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes
26.04.2017

Mara-Daria Cojocaru

(c) Gesa Koch-Weser

Ich bin im Oktober 2016 von einem 15-monatigen Forschungsaufenthalt in England zurückgekehrt an die Hochschule für Philosophie in München und freue mich über die Gelegenheit, etwas über meine Interessen erzählen zu dürfen, die sich in dem Zeitraum naturgemäß (jedenfalls teilweise) neu verortet haben.

Ich hatte mir die University of Sheffield ausgesucht, um dort in der Arbeit mit und im Umfeld von Christopher Hookway meine Überlegungen zu pragmatistischen Emotionstheorien zu vertiefen. Mir war aufgefallen, dass Dewey und Peirce was die erkenntnistheoretische Rolle von affektiven Zuständen betrifft eigentlich mehr verbindet als die Entwicklung der pragmatistischen Forschungslandschaft vermuten lässt, insofern Dewey mit James gerne auf eine (anti-realistische) Seite des Pragmatismus geschoben wird und Peirce auf die andere (realistische) Seite. Ganz besonders prominent ist diese Gemeinsamkeit von Dewey und Peirce mit Blick auf den Zweifel und ich habe diesbezüglich nachgezeichnet, wie sich Dewey und Peirce wechselseitig gut ergänzen, und entwickelt, was das für andere affektive Zustände bedeuten könnte; das insbesondere auch wenn es um solche geht, die uns zunächst einmal erkenntnisfeindlich erscheinen – wie etwa Wut. Gerade bei Peirce findet sich nämlich eine sehr spannende Emotionstheorie, die, in Verbindung mit seiner Zeichentheorie, erlaubt, Emotionen als dynamische Erfahrungen zu verstehen, so dass es mit einer einfachen Interpretation bestimmter vermeintlich eindeutiger Charakteristika von so etwas wie ‚Angst‘ oder ‚Wut‘ oder ‚Freude‘ nicht getan ist. Damit eng verbunden ist die normative Idee, dass Emotionen so zu regulieren sind, dass unsere individuelle Erfahrung dazu, wie die Welt tatsächlich ist, auch passt. Entscheidend dabei ist für mich der Gedanke, dass es bei Emotionen gerade nicht um mich allein und meine subjektive Einstellung zu irgendetwas geht, sondern dass sie wichtige Informationen für uns und andere darüber sind, wie es um bestimmte Werte, über die wir uns einig sein bzw. werden müssen, bestellt ist. Bei all dem hat sich dann gezeigt, dass mich die sozialen Faktoren in der Erkenntnis viel mehr interessieren als die metaethischen Debatten, auf die ich vorgehabt hatte, meine pragmatistischen Einsichten anzuwenden. Insgesamt bin ich damit vielleicht noch stärker ins Peirce’sche Lager gewechselt, auch wenn ich wichtig finde, zu betonen, dass die Lager-Mentalität dem pragmatistischen Denken eigentlich fremd ist und wenn es doch durchbricht, meiner Meinung nach nicht gut tut.

Insofern bemühe ich mich auch darum, in nicht klar erkennbar pragmatistischen Zusammenhängen auszuweisen, was eine pragmatistische Herangehensweise leisten kann. Am produktivsten erscheinen mir hier die Verbindungen zur Frage nach Tugenden in der Erkenntnis – hier vertrete ich die These, dass man (in Analogie dazu, was Peirce ‚logische Sentimente‘ nennt) bestimmte dispositionale Emotionen als Tugenden verstehen kann. Mit Blick auf Probleme der praktischen Philosophie, insbesondere was tiefe Wertkonflikte betrifft, interessiere ich mich weiterhin für die Rolle von Wut. Genauer dienen mir all die Probleme und zum teil ja hoch emotionalen Konflikte rund ums Thema Mensch-Tier-Beziehungen in meiner Arbeit typischerweise zugleich als Ausgangspunkt und Prüfstein meiner Überlegungen. Als Pragmatistin ist man zwar, entgegen anti-intellektualistischer Vorurteile, nicht darauf festgelegt, nur Philosophie mit unmittelbarem Anwendungscharakter (was immer das sein mag) zu machen. Ich komme aber nicht nur aus der praktischen bzw. politischen Philosophie (meine Doktorarbeit habe ich bei Julian Nida-Rümelin zur „Geschichte von der guten Stadt“ geschrieben) und suche entsprechend nach Brücken oder Trampelpfaden zwischen meinen neuen und meinen alten Forschungsgebieten; mir liegt das Thema Mensch-Tier-Beziehungen auch genuin am Herzen (deswegen bin ich bspw. auch Mitglied bei Minding Animals Germany). Ich bin überzeugt davon, dass sich sowohl intellektueller als auch moralischer Fortschritt daran festmachen lassen, dass wir unsere Sensibilitäten gegenüber dem Leiden und den Bedürfnissen von nicht-menschlichen Tiere so realistisch wie nötig ausbilden und mit so viel Kreativität und sozialer Intelligenz wie möglich in neue Formen des gelingenden Miteinanders (oder auch respektvollen Nebeneinanders) übersetzen. Dazu gehört dann an erster Stelle, gut pragmatistisch, an all den unhinterfragten Praktiken systematisch die Form von Zweifel anzumelden, die dadurch qualifiziert ist, dass sie auf echte Probleme reagiert und auch die sozialen Mechanismen aufzudecken, die dazu führen, dass wir sie gewohnheitsmäßig nicht (oder nicht mehr) sehen. Wie diese Scheuklappen genau funktionieren und welche Rolle Gewissen und starke Emotionen in Situationen moralischen Lernens im Bereich nicht-menschliche Tiere und Umwelt funktionieren und besser funktionieren können – dieser Problemzusammenhang steht im Zentrum meines Anschlussprojektes, das ich gerade vorbereite. Teil dieses Projekts wird auch eine methodologische Diskussion sein, um besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen Philosophie in der Rückbesinnung auf intellektuelle Kritik eigentlich wirklich eine gesellschaftlich produktive Funktion haben kann. In dem Zusammenhang habe ich neben meinen akademischen Projekten auch ein großes Interesse an unterschiedlichen Formaten von public philosophy und probiere verschiedene Strategien aus, um Ideen und Probleme im öffentlichen Diskurs zu artikulieren – dabei spielt für mich jedenfalls nicht zuletzt die Literatur eine wichtige Rolle. Mehr über meine verschiedenen Projekte findet sich hier: www.maradariacojocaru.weebly.com.

Sozialphilosophie Philosophie des Geistes Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
11.04.2017

Dunja Šešelja

I am a post-doctoral researcher at the Institute of Philosophy II at Ruhr-University Bochum (RUB), Germany, and I am also currently a visiting professor at Ghent University. My research topics include epistemic and methodological aspects of scientific inquiry, with a special emphasis on the context of scientific diversity. While my PhD research focused on the assessment of pursuit worthiness of scientific theories, during my post-doctoral research I have tackled issues concerning methodological and epistemic aspects of scientific disagreements, the impact of inconsistencies on the assessment of scientific theories, and formal modelling of scientific inquiry.

I graduated Philosophy at the University of Novi Sad, Serbia, and subsequently worked as a teaching assistant at the same department. Upon receiving a BOF (Bijzonder Onderzoeksfonds) grant by Ghent University, Belgium for students from developing countries, I continued my postgraduate education at Ghent University, where I completed the Postgraduate Studies in Logic, History and Philosophy of Science. Subsequently, I obtained a BOF grant for PhD studies at Ghent University as well, completing them with the dissertation: „Epistemic Evaluation in the Context of Pursuit and in the Argumentative Approach to Methodology“. I was then employed as a BOF post-doctoral researcher at the Centre for Logic and Philosophy of Science at Ghent University, and subsequently as a post-doctoral researcher at the Ruhr-University Bochum, where I am currently working at the Institute for Philosophy II.

My main areas of interest are philosophy of science, methodology of science, social epistemology, formal modelling of scientific inquiry, argumentation, and science policy. My research lies at the intersection of integrated history and philosophy of science, social epistemology, and formal approaches to scientific inquiry. On the one hand, I am interested in normative aspects of scientific inquiry, such as the question of warranted assessments of scientific theories. On the other hand, my work on these questions is essentially informed by historical case studies. More recently, I have investigated formal models of scientific inquiry (especially, agent-based models) and their fruitfulness in addressing certain methodological and socio-epistemological issues.

Throughout my research I have always strived to engage in collaborations with colleagues. In contrast to the old image of a (white male) philosopher writing in isolation from society and as a sole author of his manuscripts, my academic experience at Ghent University and Ruhr-University Bochum has taught me that collaborating with others is often the most fruitful method of conducting philosophical research. My most recent collaborative project, which is not only multi-authored but also interdisciplinary concerns an argumentative approach to agent-based modelling of scientific inquiry. Members of this team, formed as a part of the Research Group for Non-Monotonic Logic and Formal Argumentation (http://homepages.ruhr-uni-bochum.de/defeasible-reasoning/), have a background in philosophy of science, social epistemology, logic, argumentation theory, artificial intelligence and economics. The project aims at developing a highly modular agent-based model, fruitful for facilitating our understanding and explanation of various methodological and socio-epistemological aspects of scientific inquiry.

I am also a member of the steering committee of the research network „Logical and Methodological Analysis of Scientific Reasoning Processes“ (http://www.lmasrp.ugent.be/).

Website: https://rub.academia.edu/DunjaSeselja. Contact: Dunja Šešelja, post-doctoral researcher, Institute for Philosophy II, Ruhr-University Bochum.

Logik Erkenntnistheorie Sprachphilosophie Wissenschaftstheorie
19.03.2017

Lena Kästner

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2014 forsche ich hier in der Philosophie des Geistes und der Wissenschaftstheorie. Insbesondere widme ich mich wissenschaftlichen Erklärungen, Kausalität in den Spezialwissenschaften, unterschiedlichen Typen von Experimenten und dem Begriff des Phänomens. Ich unterrichte für den internationalen und interdisziplinären Masterstudiengang “Mind and Brain” Philosophie. Dies bereitet mir besonders deshalb große Freude, weil meine eigene akademische Laufbahn in einem ganz ähnlichen Umfeld begann.

Ab 2006 studierte ich Cognitive Science an der Universität Osnabrück. 2008 verbrachte ich ein Semester im Philosophy-Neuroscience-Psychology-Program an der Washington University in St. Louis, wo ich begann intensiv zur Geschichte der Kognitionswissenschaft und unterschiedlichen Theorien des Geistes zu arbeiten. 2009 wechselte ich an das University College London. Hier machte ich meinen Master in Cognitive Neuroscience und erforschte ich die kortikale Verarbeitung von Gebärdensprache. Meine philosophische Ausbildung war so von Anfang an eng mit der empirischen Erforschung des Gehirns gekoppelt.

Die Erfahrungen, die ich während der empirischen Arbeit gemacht habe, haben mein wissenschaftstheoretisches Interesse geweckt. Warum tun Wissenschaftler was sie tun? Wie kann man die Forschungspraxis verbessern? Und wie funktioniert das eigentlich, wenn Wissenschaftler kognitive Phänomene wie etwa Sprachverarbeitung oder Gedächtnis erklären? Letzteres sollte die Kernfrage meiner Dissertation werden.

Ich begann meine Promotion 2010 an der Ruhr-Universität Bochum unter der Betreuung von Albert Newen (Bochum). Während eines Auslandsaufenthaltes in den USA hatte ich das Glück auch mit Bill Bechtel (San Diego) und Carl Craver (St. Louis) zusammen zu arbeiten. Beide sind zentrale Figuren in der modernen Debatte um Erklärungen; von dem engen persönlichen Austausch mit ihnen profitiere ich noch heute.

Im Zentrum meiner Dissertation standen zwei philosophische Theorien, die sich beide an empirischer Forschungspraxis orientieren: die mechanistische Erklärungstheorie und der Interventionismus. Die mechanistische Erklärungstheorie besagt, dass Wissenschaftler Phänomene erklären, indem sie die ihnen zu Grunde liegenden Mechanismen identifizieren. Interventionsstudien sind dabei ein zentrales Instrument. Das sind Experimente, bei denen man einen Faktor X manipuliert um den Effekt auf einen anderen Faktor Y zu testen.

Zunächst scheint die Kombination von Mechanismen und Interventionen ein plausibles Bild experimenteller Forschung zu zeichnen. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch Missstände auf; zwei davon habe ich in meiner Arbeit eingehend diskutiert:

  1. Im Interventionismus sind Interventionen dazu gedacht, Kausalverbindung aufzudecken. In mechanistischen Erklärungen spielen aber auch andere Relationen eine Rolle, z.B. Teil-Ganzes Beziehungen. Und diese lassen sich per Definition nicht mittels Interventionen analysieren.

  2. Zweitens ist der Fokus auf Interventionen für das Verständnis wissenschaftlicher Praxis zu einseitig. Wissenschaftler nutzen eine ganze Reihe weiterer Strategien, wenn Sie Mechanismen erforschen. Ein simples Beispiel ist die Zellfärbung. Wissenschaftler tauchen Gewebeproben in Lösungen, um bestimmte Strukturen sichtbar zu machen. Hierbei handelt es sich zwar um eine Manipulation, aber keine Intervention im technischen Sinne. Das Baden in der Lösung färbt die Zellen, aber Ziel der Wissenschaftler ist nicht zu testen, ob sich die Zellen färben; das ist ja bereits bekannt. Vielmehr ist die Zellfärbung ein Werkzeug, die dazu dient, vorhandene Strukturen sichtbar zu machen, gerade weil das Bad ja bestimmte Strukturen färbt. Diese Art nicht-interventionistischer Manipulation nenne ich bloße Interaktion (mere interaction). Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung von Mechanismen bzw. deren Komponenten.

Nun wissen wir, dass unterschiedliche Experimente zu (mechanistischen) Erklärungen beitragen. Aber wie entscheiden Wissenschaftler, welche Experimente sie durchführen? In neueren Arbeiten zeige ich, dass die Wahl der Experimentalstrategie wesentlich davon gesteuert wird, welche Art von Phänomen erklärt werden soll. Geht es mir um die Stadien, die ein Prozess durchläuft? Will ich herausfinden, wie ein Endprodukt entstanden ist? Oder will ich verstehen, wie ein relativ stabiles Gleichgewicht reguliert wird? Diese Fragen setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte und zu ihrer Beantwortung bedarf es entsprechend unterschiedlicher Forschungs- und Erklärungsstrategien. Um das zu erkennen, müssen wir uns aber nicht nur mit Experimenten auseinandersetzten, sondern auch damit, was eigentlich die zu erklärenden „Phänomene“ sind.

Neben meiner Arbeit zu Experimenten widme ich mich aktuell der Philosophie der Psychiatrie. Insbesondere interessiert mich die Frage, welche Konzeptionen von Körper, Geist, Krankheit und Kausalität der klinischen Praxis zu Grunde liegen und wie sich das z.B. auf die Erforschung psychischer Krankheiten auswirkt.

Eine Theorie, die unser Verständnis psychischer Krankheiten verbessern soll ist Predicitve Coding. Die Grundidee ist, kurz gefasst, dass sämtliche zentralnervösen Prozesse auf Vorhersagen und deren Abgleich mit der Wirklichkeit basieren. Normalerweise triggern Vorhersagefehler Lernprozesse; aber wenn die Abweichungen zu groß sind, kann das zu Pathologien führen.

Predictive Coding soll nicht nur Psychopathologien erklären, es wirft auch neues Licht auf die grundsätzliche Rolle des Körpers für kognitive Prozesse. Verfechter führen außerdem an, dass Predictive Coding dank seines mathematischen Charakters die ganze Bandbreite kognitiver Prozesse abbilden kann. Somit soll Predictive Coding für die Neurowissenschaft etwa das sein, was für die Physik die Thermodynamik ist. Bei aller Euphorie bleibt jedoch zu bemerken, dass wesentliche Fragen bisher ungeklärt sind. Handelt es sich bei Predictive Coding überhaupt um eine Theorie im engeren Sinne? Kann man sie empirisch fundieren, und wenn ja, wie? Mit diesen Fragen setze ich mich derzeit kritisch auseinander.

Wenn ich Sie neugierig gemacht habe, besuchen Sie mich doch gern auf meiner Homepage (www.lenakaestner.de) oder kontaktieren Sie mich persönlich.

Philosophie des Geistes Wissenschaftstheorie
10.10.2016

Janina Loh

(c) Nana Thurner

Ich bin seit April 2016 Universitätsassistentin in der Technik- und Medienphilosophie bei Mark Coeckelbergh an der Universität Wien. Neben meiner Habilitation zu den Posthumanistischen Elementen in Hannah Arendts Werk und Denken (Arbeitstitel) arbeite ich gerade vorrangig an einer Einführung in den Trans- und Posthumanismus, die im Frühjahr 2018 bei Junius erscheinen wird.

Ich habe 2009 mein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zum Verantwortungskonzept bei Hannah Arendt abgeschlossen. Arendt hat mich vom ersten bewussten Lesen während des Studiums an tief bewegt und mein Denken nachhaltig geprägt. In meiner Masterarbeit, die in überarbeiteter Form im Archiv für Begriffsgeschichte publiziert wird, vertrete ich die These, dass man Arendts Werk mit dem Interpretationsmoment der Verantwortung regelrecht ‚aufschließen‘ kann. Überraschenderweise wurde bislang noch keine umfassende Studie zur Verantwortung bei Arendt angestellt – diejenigen unter den Arendt-Forscher_innen, die sich diesem Phänomen bislang explizit zugewandt haben, betrachten zumeist nur einzelne Ausschnitte aus ihrem Werk. In meiner Arbeit werden chronologisch über 25 Jahre alle wesentlichen Texte und Textstellen betrachtet, in denen Arendt wörtlich von Verantwortung spricht. Diese vornehmlich philologische Textarbeit stellt die Grundlage für eine philosophische Diskussion dar, die in dem Artikel nur angerissen werden kann, indem das jeweilige Verantwortungskonzept auf Kohärenzen mit den anderen Texten kritisch reflektiert wird. Insbesondere Arendts Ausführungen in der Vita activa sind für mein Konzept der doppelten Daseinsverantwortung, das ich später in meiner Dissertation entwickelt habe, von großer Relevanz.

Von 2009 bis 2013 habe ich im Rahmen des Graduiertenkollegs Verfassung jenseits des Staates: Von der europäischen zur globalen Rechtsgemeinschaft? an der HU promoviert, betreut durch Volker Gerhardt und Rahel Jaeggi. In meiner Dissertation – Verantwortung als Begriff, Fähigkeit, Aufgabe. Eine Drei-Ebenen-Analyse (Springer 2014) – geht es darum, aus einer etymologischen Minimaldefinition von Verantwortung alle Merkmale zu einer Begriffsbestimmung abzuleiten. Nur in den Kontexten, in denen alle Relationselemente der Verantwortung voll definiert sind, ist klar, was Verantwortung heißt. Eine reine Auseinandersetzung mit dem Wort ist jedoch nicht hinreichend für ein Verständnis von Verantwortung in einem gegebenen Moment. Das Phänomen ist im Ganzen als Begriff, als Fähigkeit und als Aufgabe zu erfassen. Vor diesem Programmhintergrund lautet die zentrale Frage meiner Dissertation: Wie kann das Konglomerat aus Begriff und Begriffsgebrauch, dem Wissen über verantwortliches Handeln und über die Funktion von Rollen sowie der direkten Anschauung einer Situation und dem spontanen Handeln aus dieser Situation heraus, in der nach Verantwortung gefragt wird, uns zur Identifizierung der Kontexte dienlich sein, in denen es Sinn macht, von Verantwortung zu sprechen?

Nach meiner Verteidigung im Februar 2013 bin ich im April desselben Jahres an die Christian-Albrechts-Universität Kiel zu Ludger Heidbrink gelangt. Mit ihm und Claus Langbehn publiziere ich gerade das Handbuch Verantwortung bei Springer. Doch durch meine zeitgleiche Zusammenarbeit mit Catrin Misselhorn an der Universität Stuttgart konnte ich die noch recht junge philosophische Bereichsdisziplin der Roboterethik für mich entdecken und hierüber den weiteren Horizont der Technikphilosophie.

Für Verantwortung interessiere ich mich immer noch sehr – v.a. im Bereich der Technik wie bspw. in unserem Umgang mit den neuen Medien und in der Mensch-Maschine-Interaktion. Ich denke, dass sich unser traditionelles Verständnis von Verantwortung gegenwärtig vor einige Herausforderungen gestellt sieht – u.a. deshalb, da mit dem vergangenen Jahrhundert neue potenzielle Anwärter_innen in die Arena der zur Verantwortung potenziell angesprochenen Wesen traten: Roboter. Daher schreibe ich gerade viel zur Verantwortung und Roboterethik und plane mit Catrin Misselhorn ein Kompendium zur Roboterethik bei Metzler.

Mich faszinieren Vervollkommnungs- und Überwindungstheorien des Menschen, was meine Auseinandersetzung mit den Strömungen des Trans- und Posthumanismus erklärt. Es handelt sich dabei um zwei (bzw. drei) Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Diskurse aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften, Informatik und KI-Forschung vereinen und sich an der Grenze von philosophischer Anthropologie und Technikphilosophie verorten lassen. Der Transhumanismus will den Menschen optimieren. Der technologische Posthumanismus hingegen zielt auf eine Überwindung des Menschen in der Erschaffung einer artifiziellen Alterität. Der kritische Posthumanismus schließlich bricht durch die Hinterfragung traditioneller Kategorien mit unserem humanistischen Verständnis vom Menschen. Ich sehe insbesondere den Transhumanismus mit seinen kapitalistischen Besitz- und Kontrollbestrebungen sowie den technologischen Posthumanismus eines Ray Kurzweil mit seinem cartesianischen Geist-Körper-Dualismus und seiner Leibverachtung ausnehmend kritisch, was ich bereits in einigen kleineren Publikationen diskutiert habe.

Ich verstehe mich als kritische Posthumanistin in der Tradition von Haraway, Barad, Wolfe, Braidotti und Latour, wobei man hier mit guten Gründen nur schwer von einer einheitlichen Schule sprechen kann. In meiner Einführung in den Trans- und Posthumanismus arbeite ich gegenwärtig die Elemente des ausnehmend heterogenen Denkens kritischer Posthumanist_innen heraus. Diese Publikation lässt sich als eine Vorstudie zu meinem Habilitationsprojekt begreifen, in dem ich eine eigene Theorie kritisch posthumanistischer Reflexion vorstellen und damit an Arendt, die selbst keine Posthumanistin ist, zweierlei zeigen möchte: zum einen, dass einige für ihr Schaffen fundamentalen Aspekte auch für den kritischen Posthumanismus treibende Momente darstellen und zum anderen, dass Arendt auf einige Herausforderungen, mit denen kritische Posthumanist_innen ringen, eine Antwort geben kann.

Für weitere Informationen: http://philtech.univie.ac.at/team/janina-loh-nee-sombetzki/ und https://univie.academia.edu/JaninaSombetzki

Für Kontakt und Rückfragen: janina.loh@univie.ac.at

Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Metaethik Kultur-, Medien- und Technikphilosophie Allgemeine Ethik
27.09.2016

Anna Leuschner

Ich habe in Bielefeld Philosophie und Geschichte studiert und wurde 2011 in Bielefeld mit einer Arbeit zur Glaubwürdigkeit politisch relevanter Wissenschaften am Beispiel der Klimaforschung promoviert. Im Anschluss war ich ein Jahr Assistentin in Bielefeld und wechselte dann nach Karlsruhe, wo ich von 2012 bis 2015 als Postdoc am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gearbeitet habe. Seit Oktober 2015 bin ich Postdoc im DFG-Graduiertenkolleg „Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research“ an der Leibniz Universität Hannover.

Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Wissenschaftstheorie und der sozialen Erkenntnistheorie. Mich interessiert, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisverfahren beeinflussen. Konkret erforsche ich derzeit die epistemischen Möglichkeiten und Grenzen von sozialer Pluralität.

Es ist unstrittig, dass bestimmte Formen wissenschaftlicher (methodischer und theoretischer) Pluralität epistemisch fruchtbar sind. Darunter fallen beispielsweise beobachtungsprozedurale und instrumentelle Pluralität: Verschiedene experimentelle und messtechnische Verfahren können unabhängig voneinander Hypothesen bestätigen oder falsifizieren. Auch können sie verschiedene Eigenschaften eines Phänomens erst erkennbar machen, wodurch eine Hypothese entsprechend verfeinert werden kann.

Das zeigt sich besonders deutlich in Bereichen der Forschung, die sehr komplexe Forschungsgegenstände untersuchen. Hier werden die besten Ergebnisse dadurch erzielt, dass Daten und Forschungsergebnisse aus verschiedenen, teils auch interdisziplinären Forschungsbereichen zusammengeführt werden. Wo einzelne, lokal und temporär begrenzte Messreihen und Experimente wenig aussagekräftig bleiben, können durch Vergleiche und Kombinationsverfahren vieler solcher Untersuchungen oft dennoch verlässliche Ergebnisse erzielt werden.

Unklar ist jedoch, inwiefern für die Bereitstellung hinreichender wissenschaftlicher Pluralität soziale Pluralität erforderlich ist. Soziale PluralistInnen argumentieren, dass die im Entdeckungskontext liegenden sozialen und psychischen Umstände einer wissenschaftlichen Entdeckung nicht eindeutig von den im Rechtfertigungskontext liegenden kognitiven Geltungsansprüchen zu trennen sind: Objektivität im Sinne individueller Werteneutralität könne es nicht geben, da jeder einzelne Mensch zwangsläufig eine bestimmte, kontextabhängige Perspektive auf die Welt habe, geprägt von sozialem Status, Bildung, Nationalität, Geschlecht, individuellen Erfahrungen usw.

Diese perspektivische Gebundenheit beeinflusse die Forschung einzelner WissenschaftlerInnen durch sogenannte Hintergrundannahmen, was bedeutet, dass nicht-epistemische (z.B. moralische, politische, ökonomische) Werte im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang vorausgesetzt werden. Daher sei eine Eliminierung nicht-epistemischer Werte aus den wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen nicht möglich; soziale PluralistInnen fordern deshalb, nicht-epistemische Vorurteile in der Wissenschaft – wenn sie sich schon nicht eliminieren lassen – durch Kultivieren sozialer Wertevielfalt zu kontrollieren.

Allerdings ist das nicht ganz einfach. So müssen sich VerfechterInnen von sozialem Pluralismus der Herausforderung stellen, dass soziale Pluralität auch erkenntnishemmend sein kann, wenn nämlich unqualifizierte Beiträge Eingang in wissenschaftliche Diskussionen finden. So wichtig soziale Pluralität also aus epistemischen Gründen sein mag, sie bedeutet zugleich eine besondere Herausforderung an die wissenschaftliche Qualitätssicherungspraxis. Mit Hilfe bestimmter Qualitätsstandards (in der Wissenschaftstheorie werden klassischerweise Listen methodologischer Werte vorgebracht, wie z.B. Einfachheit, Fruchtbarkeit, Konsistenz, etc.) müssen unqualifizierte Beiträge aus den wissenschaftlichen Diskussionen ausgeschlossen werden. Doch müssen solche Standards im konkreten Fall interpretiert und gewichtet werden, was die für wissenschaftlichen Fortschritt erforderliche Pluralität in der Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Dabei können wieder nicht-epistemische Werte entscheidend sein. Um dennoch zu einer Einigung zu gelangen, sind daher bestimmte theoretische, konzeptuelle und methodische Annahmen entscheidend, die innerhalb einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits etabliert sind. Das führt jedoch dazu, dass diese Annahmen selbst nicht zum Gegenstand von Kritik werden können, weil Kritik an ihnen von vornherein ausgeschlossen wird.

Das zeigt sich beispielsweise am peer review-Verfahren. Hier können von GutachterInnen, KonferenzorganisatorInnen oder ZeitschriftenherausgeberInnen angenommene Standards bereits Vorurteile enthalten oder durch Vorurteile verzerrt interpretiert werden, so dass systematisch Beiträge bestimmter Personengruppen ausgeschlossen werden. Dies birgt die Gefahr, dass das eigentliche Ziel – die Sicherung wissenschaftlicher Objektivität – verfehlt wird, wenn innovative Beiträge aus den Diskussionen ausgeschlossen werden, weil sie etablierten Annahmen nicht genügen. Ich gehe hier der Frage nach, wie die sozialpluralistischen Einsichten umgesetzt werden können, ohne die Einhaltung wissenschaftlicher Standards einem konstruktivistischen Relativismus zu opfern.

Ein zweites Problem für sozialen Pluralismus ist, dass bestimmte Beiträge in wissenschaftlichen Debatten offenbar epistemisch schädlich sind. Dies habe ich mit meinem Kollegen Justin Biddle vom Georgia Institute of Technology anhand von Fällen untersucht, die die historische und soziologische Wissenschaftsforschung unter dem Stichwort „Agnotology“ aufgedeckt hat: Interessengruppen versuchen, durch Diskreditierung von WissenschaftlerInnen, gezielte Selektion von Daten und Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen zu beeinflussen.

Besonders stark sind Gesundheits- und Umweltwissenschaften betroffen; so wird beispielsweise von Seiten der Tabakindustrie versucht, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Frage zu stellen, Medikamententests werden in von Pharmakonzernen finanzierten Testreihen manipuliert, um Medikamente schneller auf den Markt bringen zu können, und der anthropogene Klimawandel wird durch lobbyistischen Einfluss der Kohle- und Ölindustrie bezweifelt.

Während von KlimaskeptikerInnen behauptet wird, ihre Aktivitäten seien epistemisch nützlich, da sie unabhängige Kritik und Kontrolle der etablierten Wissenschaft hervorbrächten, gibt es starke Indizien (zum einen Aussagen von ForscherInnen, zum anderen empirische Untersuchungen), dass KlimaforscherInnen Daten zu optimistisch interpretieren, um nicht von KlimaskeptikerInnen angefeindet und diskreditiert zu werden. Dies zeigt, dass die Einflussnahme der Industrie auf die Klimaforschung durch das Protegieren von klimaskeptischen Aktivitäten die wissenschaftliche Diskussion in epistemisch schädlicher Weise behindert und unausgewogene Ergebnisse durch eine Neigung zu falsch-negativen Fehlern begünstigt.

Allgemein gesprochen sind folglich, wie Justin und ich gezeigt haben, solche Beiträge epistemisch schädlich, die Voreingenommenheiten in der Wissenschaft fördern, wenn durch ihren Einfluss beispielsweise systematisch bestimmte Interpretationsweisen von Daten bevorzugt oder bestimmte Hypothesen vernachlässigt werden.

Eine Liste meiner Publikationen und Vorträge findet sich unter https://annaleuschner.wordpress.com/

Feministische Philosophie Erkenntnistheorie Wissenschaftstheorie
23.09.2016

Joulia Smortchkova

I am currently a postdoctoral researcher at the Ruhr University Bochum for the Volkswagen Foundation project “Situated Cognition: Perceiving the World and Understanding Others”. In my work I connect debates in philosophy of mind with empirical research in cognitive science.

My first encounter with philosophy happened during my high school years: In Italy (I’m Russian-Italian) every “liceo” has three years of mandatory history of philosophy. Among all the subjects, philosophy was for sure the most challenging one, but also the most rewarding.

I did my BA in Bologna, Italy, where I had a well-rounded education, ranging from esthetics to logics, but I was mostly interested in history and philosophy of science. I wrote my first BA thesis on history of logic, and took some advanced classes in history, logic and philosophy of science at Paris I – Sorbonne, where I spent a year thanks to the Erasmus program. At the same time, I was a scholarship student at Collegio Superiore in Bologna – an institution that offered housing and funding to outstanding students, in exchange for a complementary interdisciplinary training in a variety of subjects that we could freely choose.

After the Erasmus, I stayed in Paris for six more years, thanks to a scholarship from the Ecole Normale Supérieure that offered me the opportunity to pursue my studies in an intellectually vibrant and interdisciplinary atmosphere. I finished two master degrees: one in history and philosophy of science with a thesis on naturalistic approaches to mathematics, and another in cognitive science with a thesis on consciousness, attention, and mental demonstration. A stay at NYU was a turning point in my studies, and after years of oscillating among different topics, I settled for empirically oriented philosophy of mind. From 2010 to 2014 I did a PhD at the Institut Jean Nicod in Paris with a thesis on the social contents of visual experiences, under the supervision of Pierre Jacob.

In my PhD dissertation, I explore social perception, an area of research between philosophy of perception and social cognition. I claim that we can perceive some social properties in others, in particular we can perceive others as agents (and not as inanimate objects), we can perceive their goal-directed actions, and even some of their mental states, such as their emotional expressions. I argue that social perception, rather than an alternative to mindreading and to cognitive ways of understanding others, is a complementary mechanism, that works in automatic ways and is connected to core systems in development. My interest in this topic stems from an old skeptical philosophical problem: the ‘other minds problem’. It arises from the (epistemic) asymmetry between the direct way we access our mental states and the indirect way we access the mental states of others, which are, for us, opaque and elusive. The skeptic draws on this fact to challenge our certainty that others have inner lives similar to ours. While social perception per se is not a reply to the skeptical problem, I think that it shows that there is an innate and basic psychological mechanism that gives us a sense of the inner lives of others.

In general, social perception challenges some of the received views in philosophy and cognitive science about the contents of perception, the divide between perception and cognition, and the way we understand each other. It is also an empirically grounded claim, because much of recent research in cognitive neuroscience, cognitive psychology, and developmental psychology bears on the issue.

My current projects concern the exploration of the role of the body in perceiving social properties; the explanatory role of mental representations in cognitive science, and a collaborative work with Michael Murez and Brent Strickland on mental files and singular thought.

Concerning the first project, I am mostly interested in a theory that would allow for a proper embodiment of emotional states, in order to answer a worry about the claim that we perceive emotions. According to this worry, we do not access the emotional mental states, but merely their behavioral manifestations (because mental states are not visible and outwardly manifest). The second project stems from my interest in developmental psychology and in the role of mental representations in scientific explanations. In particular, I focus on the debate about the non conceptual format of representations. This debate often appeals to infants’ mental states as paradigmatic examples of states with non conceptual format, but seldom looks at empirical evidence. I think that a fruitful discussion about non conceptual format cannot abstract from a closer look at the empirical evidence from developmental psychology.

For more information and for contacting me please visit my personal page: https://jouliasmortchkova.wordpress.com

Sozialphilosophie Philosophie des Geistes Politische Philosophie
23.06.2016

Anna-Maria Asunta Eder

Zurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „A Study in Explanatory Power“ an der Universität Duisburg-Essen. Ab September 2016 forsche ich als Schrödinger Fellow in den USA. Das mehrjährige und großzügig dotierte Schrödinger Fellowship (FWF) habe ich zur Durchführung meines Forschungsprojekts Higher-Order Evidence erhalten. Im Rahmen des Fellowships kann ich für zwei Jahre an der Rutgers University in New Brunswick forschen und im Anschluss daran für ein Jahr an der Universität Salzburg.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Erkenntnistheorie, der allgemeinen Wissenschaftstheorie und der Metaphilosophie. Innerhalb der Erkenntnistheorie forsche ich zur epistemischen Normativität, zu Theorien des Wissens und der Rechtfertigung, zu Evidenz höherer Ordnung und zu Meinungsverschiedenheiten im Allgemeinen. In der Wissenschaftstheorie befasse ich mich mit der Beziehung zwischen Erklärung und Verstehen, der Rolle von Forschungszielen und dem Umgang mit Meinungsverschiedenheiten in den Wissenschaften. Innerhalb der Metaphilosophie interessiere ich mich insbesondere für die Methoden zur Klärung philosophischer Begriffe und der Rolle formaler Methoden in der Philosophie. Des Weiteren habe ich Forschungsinteressen in der Geschichte der analytischen Philosophie, in der praktischen Philosophie (insbesondere Entscheidungstheorie und Metaethik) und in der philosophischen Logik. Einige meiner Forschungsergebnisse sind bereits in Zeitschriften wie Erkenntnis, Philosophy and Phenomenological Research und Synthese erschienen. Eine Übersicht über meine Veröffentlichungen findet man hier und dort.

Nach meinem Schulabschluss in Österreich und einem fast einjährigem Aufenthalt in Bolivien, meiner zweiten Heimat, begann ich das Studium der Philosophie am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Ich hatte das Glück, dass der Fachbereich eine exzellente Ausbildung in der analytischen Philosophie bietet. Der Schwerpunkt lag und liegt noch immer auf der Vermittlung wichtiger philosophischer Methoden der analytischen Philosophie als auch der Vermittlung der Einsicht, dass präzise Begriffs- und Theorienbildung für philosophischen Fortschritt notwendig ist. Diese Ausbildung prägt bis heute meine Tätigkeit als Philosophin in der Forschung und in der Lehre. Das Diplomstudium der Philosophie an der Universität Salzburg schloss ich mit einer Arbeit zu Systemen der Leeren Logik ab. (Die Leere Logik ist eine Variante der existenzannahmenfreien Logik, die einen leeren Gegenstandsbereich annimmt.) Nach dem Diplomstudium nahm ich zunächst eine Forschungsstelle im Formal Epistemology Project an der KU Leuven, Belgien, an. Kurz darauf wurde mir an der Universität Konstanz eine Stelle als akademische Mitarbeiterin angeboten, die ich annahm. Ich habe zudem an international renommierten Universitäten als Gastwissenschaftlerin geforscht; so zum Beispiel an der University of California in Berkeley (USA), am Munich Center for Mathematical Philosophy an der LMU München und am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Mein Doktoratsstudium schloss ich vor Kurzem an der Universität Konstanz ab.

In meiner Doktorarbeit A Study on the Foundations of Theories of Epistemic Rationality untersuche ich die normativen Grundlagen von epistemischen Rationalitätstheorien. Meine Doktorarbeit ist der Metaerkenntnistheorie und normativen Erkenntnistheorie zuzuordnen und behandelt Themen der traditionellen als auch formalen Erkenntnistheorie. Teile der darin erzielten Forschungsarbeiten erschienen bereits in Form von Artikeln, weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung. In meiner Doktorarbeit argumentiere ich, dass eine adäquate (epistemische) Rationalitätstheorie aus drei Kernbestandteilen besteht: (i) der Charakterisierung von Rationalität bzw. rationalem Glauben (ii) der Spezifizierung des normativen Status von Rationalität und (iii) dem Zweck der jeweiligen Rationalitätstheorie. Ich schlage vor, dass der erste Kernbestandteil durch eine Explikation des Rationalitätsbegriffs und nicht, wie üblich, durch eine Begriffsanalyse gewonnen werden soll. Eine solche Explikation sollte dann die zwei anderen Kernbestandteile berücksichtigen. Ich zeige, dass dieser Ansatz sich als sehr fruchtbar in Bezug auf gegenwärtige Debatten in der Erkenntnistheorie erweist; zum Beispiel in Bezug auf die Internalismus/Externalismus- und die Evidentialismus/Reliabilismus-Kontroverse und in Bezug auf Debatten zum epistemischen Konsequentialismus.

Mein zukünftiges Forschungsprojekt Higher-Order Evidence beschäftigt sich, wie der Titel verrät, mit Evidenz höherer Ordnung (EHO). Gewöhnliche Evidenz, bzw. Evidenz erster Ordnung, ist Evidenz, die etwas direkt über die Welt aussagt. Im Gegensatz dazu informiert EHO über Evidenz niederer Ordnung. Evidenz über Meinungsverschiedenheit oder über die Unzuverlässigkeit menschlichen Räsonierens in Bezug auf deduktives Schließen werden in der einschlägigen Literatur oft als Beispiele für EHO präsentiert. Es stellt sich bei dieser Evidenz die Frage, inwiefern sie den Rechtfertigungsstatus einer gewöhnlichen Meinung über die Welt beeinflusst. Trotz der großen Bedeutung von EHO, gibt es keine allgemein akzeptierte Charakterisierung und auch keine Einteilung unterschiedlicher Arten von EHO. Daher gibt es auch keine solide Grundlage, um den Einfluss von EHO auf den Rechtfertigungsstatus einer Meinung zu diskutieren. Hauptziel meines Forschungsprojektes ist es, eine Theorie von EHO zu entwickeln und deren Rolle für rationales Räsonieren darzulegen. Das Projekt besteht dabei aus drei Teilprojekten, die sich jeweils mit folgenden Themenbereichen beschäftigen: (i) Charakterisierung und Taxonomie von EHO, (ii) EHO und Meinungsverschiedenheit und (iii) EHO und deduktives Schließen.

Mehr Informationen zu meiner Person, meiner Forschung und meinen sonstigen wissenschaftlichen Aktivitäten kann man hier finden.

Erkenntnistheorie Metaphilosophie Wissenschaftstheorie
18.05.2016

Julia Zakkou

Ich bin seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied der Emmy-Noether-Forschungsgruppe Ontologie nach Quine. Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Mitglied der DFG-Gruppe Metametaphysik. Nach Abschluss meines Studiums der Philosophie und Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war ich für ein Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für theoretische Philosophie am Seminar in Heidelberg. Meine Doktorarbeit im Bereich der Sprachphilosophie an der HU-Berlin habe ich im Dezember 2014 eingereicht und im Dezember 2015 verteidigt. Während meines Studiums und meiner Promotionszeit war ich für mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland: am King’s College der University of Cambridge, bei LOGOS in Barcelona, Arche in St Andrews und dem Northern Institute of Philosophy in Aberdeen. Bis Dezember 2016 bin ich Gast am Institut Jean Nicod in Paris.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachphilosophie und angrenzenden Bereichen der Linguistik.

In meiner Doktorarbeit mit dem Titel Tasty Contextualism habe ich mich mit fehlerfreien Meinungsverschiedenheiten befasst. Eine solche Meinungsverschiedenheit liegt z.B. dann vor, wenn zwei Personen ihre unterschiedlichen Geschmacksvorlieben zum Ausdruck bringen, indem die eine Person sagt „Lakritze ist lecker“ und die andere erwidert „Stimmt gar nicht. Lakritze ist widerlich!“ Der vorherrschenden Meinung zufolge können orthodoxe semantische Theorien dieses Phänomen nicht erklären. Nur der sog. Relativismus könne das. Er besagt, dass „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ Propositionen ausdrücken, die nur relativ zu einem Geschmacksparameter einen Wahrheitswert haben. In meiner Doktorarbeit verteidige ich die orthodoxe Semantik. Ich argumentiere für den sog. Kontextualismus, demzufolge „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ indexikalischen Sätzen ähneln (d.h. Sätzen wie „Ich heiße Julia“ und „Heute scheint die Sonne“) und die ausgedrückten Propositionen somit einen absoluten Wahrheitswert haben. Anders als herkömmliche Ausformulierungen erweitere ich den Kontextualismus um eine pragmatische These. Sie besagt, dass mit den fraglichen Urteilen eine Präsupposition der Überlegenheit des eigenen Standards oder Standpunktes verbunden ist.

In weiteren Aufsätzen beschäftige ich mich mit allgemeineren Fragen aus dem Bereich der Semantik und Pragmatik. Auf Seiten der Semantik interessiere ich mich für Indexikalia und Demonstrativa (wie „ich“, „heute“, „hier“ einerseits und „da“ und „dort“ andererseits) sowie weitere Arten kontext-abhängiger Ausdrücke. Auf Seiten der Pragmatik (im weiten Sinn) interessieren mich besonders Implikaturen und Präsuppositionen. Klassischen Bespiele für Implikaturen liefern die Sätze „Er hat eine schöne Handschrift“ und „Sie ist nach Hause gefahren und hat ein Bier getrunken“: Als Teil eines Philosophie-Empfehlungsschreibens wird mit dem ersten Satz implikiert, dass die fragliche Person philosophisch nicht besonders begabt ist. Als Teil eines Zeugenberichts bei der Polizei implikiert der zweite Satz, dass die fragliche Person erst nach Hause gefahren ist und dann ein Bier getrunken hat. Ein klassisches Beispiel für eine Präsupposition liefern Kennzeichnungen wie „meine Schwester“: Mit dem Satz „Meine Schwester ist die Beste“ präsupponiere ich, dass ich eine Schwester habe. Durch meine Arbeit in zwei Forschungsprojekten zur Metaontologie und Metametaphysik habe ich außerdem ein großes Interesse an Fragen aus dem Schnittbereich aus Sprachphilosophie und Ontologie entwickelt, etwa nach der Semantik und Pragmatik von metaphysischem Schlüsselvokabular wie Zahlausdrücken.

In meiner Habilitation mit dem Arbeitstitel In a Roundabout Way – Tests for Indirect Communication gehe ich der Frage nach, wie wir herausfinden können, auf welche Weise eine Person das, was sie meint, kommuniziert — ob sie es z.B. semantisch ausdrückt, implikiert oder präsupponiert. Tests zur Unterscheidung dieser verschiedenen Kommunikationsformen sind nicht nur für die Sprachphilosophie und Linguistik von großem Interesse. Sie gewinnen auch in anderen Bereichen der Philosophie, wie der Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik, zunehmend an Bedeutung.

Daneben habe ich zwei „kleine“ Nebenprojekte:

  • Im ersten geht es um eine besondere Art von subjunktiven Konditionalsätzen, nämlich um Anderson Conditionals. Das wohl bekannteste Beispiel für einen solchen Konditionalsatz stammt von Alan Anderson und lautet „If Jones had taken arsenic, he would have shown the same symptoms he actually shows“. Der vorherrschenden Meinung zufolge zeigen solcherlei Sätze, dass kontrafaktische Konditionalsätze nicht die Falschheit des Antezedens präsupponieren. Genauer: Sie übertragen diese Annahme von non-past subjunctive conditionals (wie z.B. „If Jones came to the party, he would bring flowers“, manchmal auch Potentialis-Sätze genannt) auf past subjuntive conditionals (wie den genannten Anderson-Satz oder z.B. auch „If Jones had come to the party, he would have brought flowers“, manchmal auch als Irrealis-Sätze bezeichnet). Ich argumentiere dafür, dass dieses Argument viel schwächer ist als bislang angenommen. Denn anders als man vielleicht vermuten mag, sprechen verschiedene sprachphilosophische und linguistische Tests dafür, dass auch Anderson Conditionals die Falschheit des Antezedens präsupponieren.

  • Im zweiten Projekt geht es ebenfalls um Konditionalsätze, diesmal aber um eine bestimmte Art von indikativischen Konditionalsätzen, nämlich um Biscuit Conditionals. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für solch einen Satz stammt von John Austin und lautet „If you want some, there are biscuits on the sideboard“. Der gängigen Auffassung zufolge liefern solcherlei Sätze Aufschluss darüber, welchen Beitrag das konditionale „then“ (bzw. „dann“) leistet. D.h. sie leisten Aufschluss darüber, wodurch sich z.B. der Satz „If you are hungry, I will buy you some biscuits“ vom Satz „If you are hungry, then I will buy you some biscuits“ unterscheidet. Denn in Biscuit Conditionals, so die These, kann „then“ nicht auftauchen. Ich argumentiere dafür, dass diese These falsch ist: Es gibt Biscuit Conditionals mit konditionalem „then“. Die Semantik und Pragmatik von „then“ scheint also komplizierter als bislang angenommen.

Weitere Informationen finden sich hier: juliazakkou.net

Logik Sprachphilosophie Metaphysik/Ontologie
19.03.2016

Lena Ljucovic

© Klaus Heymach

Seit März 2015 bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Begonnen habe ich mein Philosophiestudium im Rahmen eines Lehramtsstudiums, ergänzt um das Fach Englisch, an der TU Dortmund. Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu einem Studienaufenthalt an der University of Liverpool (Erasmus) und die Möglichkeit, für einige Jahre als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie tätig zu sein. Vor allem in den späteren Semestern wurde mir bewusst, dass ich an einer Fortsetzung und Vertiefung des Philosophiestudiums interessiert war. So entschloss ich mich nach meinem Studium, das ich 2011 mit einer Staatsarbeit zum Thema der Selbstkonstitution abschloss, nicht ins Referendariat zu gehen und stattdessen Logi Gunnarsson für eine Promotion an die Universität Potsdam zu folgen.  In Potsdam angekommen, hatte ich das Glück, für drei Jahre als Stipendiatin und kollegiatische Sprecherin im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen, Lebenswissen“, bestehend aus Literaturwissenschaftler_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Philosoph_innen, an meinem Dissertationsprojekt arbeiten zu können. Das Promotionsstipendium ermöglichte mir, neben der Organisation und dem Besuch mehrerer internationaler Tagungen, ein Semester als Visiting Fellow an der Harvard University zu verbringen. Nach Ablauf dieser drei Jahre (November 2014) wurde ich bis zum Antritt der aktuellen Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin durch ein Abschlussstipendium der Potsdam Graduate School gefördert. An der Universität Potsdam biete ich unter anderem Seminare an, die über mein Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Themen der feministischen Philosophie.   In meiner Doktorarbeit, die von Logi Gunnarsson (Potsdam) und Richard Moran (Harvard) betreut wird, beschäftige ich mich unter dem Arbeitstitel „Self-Knowledge Extended“ mit dem Thema des Selbstwissens. Meine Dissertation nimmt eine Alternative zu dem klassischen Wahrnehmungsmodel des Selbstwissens in den Blick: Der sogenannten Transparenztheorie zufolge ist uns unser Geist nicht insofern transparent, als dass unser inneres Auge auf unfehlbare, direkte Weise die eigenen Zustände wahrnimmt (Descartes), sondern vielmehr insofern, als dass wir die Frage nach unseren eigenen mentalen Zuständen mit einem auf die Sachverhalte in der Welt gerichteten Blick beantworten können. Ich folge in meiner Arbeit Richard Moran, der die Asymmetrie zwischen erster und dritter Person auf unser praktisches Selbstverhältnis hin versteht und insofern eine bestimmte, als Festlegungstheorie beschreibbare, Variante der Transparenztheorie vertritt. Der zentrale Gedanke ist hier, dass ich durchaus etwas über andere Personen oder mich selbst herausfinden kann, aber das Besondere am Selbstwissen daher rührt, dass ich mich festlege. Transparenz ist demnach weniger eine verlässliche Methode als eine Bedingung: Eine Überzeugung beispielsweise wäre nicht das, was sie ist, wenn mein Überzeugtsein von p nicht in dem Fürwahrhalten von p bestehen würde. Wenn ich gefragt werde, was ich glaube, dann expliziere ich, was ich glaube, und drücke in meiner Selbstzuschreibung „Ich glaube, dass p“ meine Überzeugung aus.  Aus offensichtlichen Gründen ist der Einwand, die Festlegungstheorie könne nur auf Überzeugungen und nicht auf andere mentale Zustände angewendet werden, einer der häufigsten Einwände gegen diese Theorie. Wir scheinen uns beispielsweise nicht auf unsere Emotionen festzulegen. Was aber diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, vorauszusetzen scheinen ist, dass Emotionen (und andere mentale Zustände) auf Überzeugungen reduzierbar sein müssten, um von der Transparenztheorie eingefangen werden zu können. Ich denke, dass das nicht stimmt.   Um den Einwand zu entkräften, werde ich unter anderem auf die Unterschiede zwischen Emotionen und Überzeugungen eingehen und solchen Theorien folgen, die Emotionen als mentale Zustände einer eigenen Art, aber als analog zu Wahrnehmungen, verstehen. Ein Ergebnis meiner Überlegungen wird sein, dass wir von unseren Emotionen nicht in derselben Weise wissen wie von unseren Überzeugungen, dieses Wissen aber dennoch im Rahmen einer Transparenztheorie erklärt werden kann. Stark vereinfacht gesprochen: Ich werde zunächst die These verteidigen, dass meine Emotionserfahrung in meinem Bewusstsein des Objekts als so-oder-so seiend, als die emotionsspezifischen Eigenschaften repräsentierend, besteht und dann in einem zweiten Schritt argumentieren, dass das besondere Wissen, das ich von dem Gegenstand meiner Emotion habe, mein Wissen um meine eigene Emotion ist. Ein Wissen, das ich reflektierend explizit machen kann, wenn ich danach gefragt werde. Meine Selbstzuschreibungen von Emotionen genießen erstpersonale Autorität, nicht weil das Deliberieren über die Gründe für meine Emotion konstitutiv ist, und auch nicht, weil meine Überzeugung, dass ich diese Person liebe, insofern Wissen ausdrückt, als dass sie darauf fußt, dass meine Emotion „erster Ordnung“ auf eine bestimmte Weise hervorgebracht wird, sondern weil ich meinen Blick in der Beantwortung der Frage, ob ich diese Person liebe, auf die Person richte.   Der Forschungsbeitrag meiner Dissertation wird also größtenteils darin bestehen, eine Tranzparenztheorie des Selbstwissens zu verteidigen, die die verschiedenen mentalen Zustände in ihrer Varietät berücksichtigt (hier bin ich nur auf die Emotionen eingegangen, aber meine Dissertation widmet sich ebenso den Stimmungen, Wünschen und Wahrnehmungen). Außerdem möchte in meiner Dissertation eine Brücke vom Selbstwissen zum Wissen vom Selbst schlagen. Hier werde ich unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich die Transparenztheorie auch auf Selbstzuschreibungen vergangener mentaler Zustände ausweiten lässt.

Bei SWIP Germany bin ich als Botschafterin aktiv.

Feministische Philosophie Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes
09.11.2015

Birgit Benzing

Derzeit bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel und promoviere in einem interdisziplinären Projekt zur Mensch-Tier-Beziehung. Meine Dissertation befasst sich mit Methoden und Methodologien der Tierwohlforschung. Ich untersuche zunächst, mit welchen Methoden das tierliche Wohlbefinden erfasst und interpretiert wird und wie sich methodische Veränderungen entwickeln. In einem zweiten Teil analysiere ich, welche Konzepte über das emotionale Vermögen von Tieren zum Einsatz kommen. Und schließlich interessiert mich, welche methodologische Vorannahmen über die wissenschaftliche Zugänglichkeit emotionaler Zustände bei Tieren der Methodenwahl zugrunde liegen. Damit bewege ich mich einerseits in der Nutztierethologie – einem angewandten Forschungsfeld, das Auswirkungen auf das Leben zahlreicher Nutztiere in unserer Gesellschaft hat; andererseits in der Philosophie der Biologie und Biophilosophie.

Dieses interdisziplinäre Forschungsinteresse spiegelt sich in meiner Ausbildung wieder. Zunächst habe ich Biologie mit dem Schwerpunkt Verhaltensforschung in Konstanz und Bielefeld studiert. Meine Diplomarbeit befasste sich mit der Raumökologie der Nachtigall. Anschließend habe ich mehrere Jahre im internationalen Artenschutz gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführerin einer Stiftung. Parallel dazu führte ich das Studium der Philosophie mit den Schwerpunkten Naturschutzethik und Wissenschaftstheorie fort, ebenfalls an der Universität Bielefeld. In meiner Magisterarbeit untersuchte ich die Frage, ob sich Zoologische Gärten über ihre Artenschutzaktivitäten legitimieren können.

Nach Abschluss des Philosophiestudiums habe ich die berufliche Praxis verlassen und bin in die universitäre Forschung gewechselt. Als Akademische Angestellte an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen wirkte ich an einem Gutachten für das Bundesamt für Naturschutz mit, das die Bedeutung von Gerechtigkeitsfragen für den Naturschutz auslotete; die zugehörige Publikation erschien im Jahr 2013. Nach einer Fortbildung an der Universität Perugia (Italien) begann ich 2014 mit meiner oben kurz dargestellten Promotion.

Als ich vor beinahe 15 Jahren anfing, Philosophie und Biologie miteinander zu kombinieren, galt das als ziemlich ungewöhnlich und ich wurde oft gefragt, was die beiden Forschungsbereiche denn miteinander zu tun hätten. Kurz danach gab es einen „Boom“ in der interdisziplinären Forschung im Allgemeinen und dieser Kombination im Besonderen. Persönlich habe ich in meiner ethologischen Forschung und in meiner Naturschutztätigkeit enorm von philosophischen Überlegungen profitiert, beispielsweise die Argumente und Konzepte kritisch zu durchleuchten. Ebenso bin ich davon überzeugt, wer sich mit philosophischen Fragen zu lebensweltlichen oder wissenschaftstheoretischen Themen auseinandersetzt, tut gut daran, die lebensweltliche und Forschungs-Praxis zu kennen.

Mein bisheriger beruflicher Weg entspricht vielleicht nicht dem Standard, da ich den Weg von der Universität in die Praxis und zurück an die Universität gegangen bin. Manchmal – öfters – werde darauf hingewiesen, dass ich mit Mitte 30 für eine Forschungslaufbahn eigentlich bereits zu alt sei. Und die Jahre der Berufspraxis in meinem CV rufen zuweilen Stirnrunzeln hervor. Ich habe jedoch von Philosophen und anderen Wissenschaftlern außerhalb Deutschlands positive Rückmeldung erfahren und auch meine Dozenten haben mich stets unterstützt. Nicht zuletzt habe ich meine Forschungsstellen auch und gerade wegen meiner inter- und transdisziplinären Kenntnisse erhalten und die Projekte erfolgreich umsetzen können. Ich möchte jede angehende Philosoph_in ermuntern, sich nicht von Altersgrenzen bei der Stipendienvergabe und ähnlichen Beschränkungen beeindrucken zu lassen, wenn sie bei der Beschäftigung mit philosophischen Fragen Feuer gefangen hat!

Bei SWIP Germany bin ich im Vorstand aktiv und betreue den Arbeitskreis Botschafterinnen und den in Entstehung befindlichen Arbeitskreis Philosophinnen in der Lebenswelt.

Veröffentlichung

Eser, U; Benzing, B. & Müller, A. (2013): Gerechtigkeitsfragen im Naturschutz. Was sie bedeuten und warum sie wichtig sind. Reihe: Naturschutz und Biologische Vielfalt [NaBiV] Nr. 130, Hrsg.: Bundesamt für Naturschutz (BfN), Landwirtschaftsverlag, Münster

Angewandte Ethik Metaethik Wissenschaftstheorie Allgemeine Ethik
20.06.2015

Beate Krickel

Ich arbeite seit April 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Institut II der Ruhr-Universität Bochum. Promoviert habe ich bei Geert Keil an der HU Berlin, wo ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet habe. Meinen Bachelor habe ich an der Universität Osnabrück im Fach Cognitive Science gemacht; meinen Master in Philosophie an der WWU Münster.

Meine Forschungs- und akademischen Interessenschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes, der Wissenschaftstheorie (vor allem der Biologie und der Psychologie) und der Metaphysik. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem Begriff des biologischen Mechanismus beschäftigt. In meinem Habilitationsprojekt soll es um psychologische Erklärungen und die Rolle des Unbewussten gehen. Beide Projekte und deren Zusammenhang will ich kurz erläutern.

Die Metaphysik der (biologischen) Mechanismen

In meiner Doktorarbeit habe ich unter dem Titel „The Metaphysics of Mechanisms“ untersucht, was unter einem biologischen Mechanismus zu verstehen ist bzw. wie dieser Begriff verstanden werden sollte. Die sogenannten „neuen Mechanisten“ behaupten nämlich, dass eine Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften (besonders der Lebenswissenschaften) nicht ohne den Begriff des Mechanismus auskommen kann: Erklärungen, Vorhersagen, Modellierungen, Interventionen, Kausalität, Kontrafaktische Konditionale, usw. lassen sich nur adäquat philosophisch analysieren, wenn angenommen wird, dass es (biologische) Mechanismen in der Welt gibt, die die zu erklärenden Phänomene hervorbringen und die von Wissenschaftler_innen untersucht und beschrieben werden können. Es hat sich gezeigt, dass der neue mechanistische Ansatz eine brauchbare, deskriptiv-adäquate Analyse vieler Einzelwissenschaften bietet.

Mein Interesse an diesem Ansatz basierte vor allem auf der Tatsache, dass die neuen Mechanisten behaupten, in irgendeinem Sinne eine nicht-reduktive Analyse von biologischen und kognitiven Phänomenen zu liefern. Ich habe mich daher gefragt: Wenn die neuen Mechanisten recht haben und höherstufige Phänomene (wie biologische oder kognitive Phänomene) durch Mechanismen erklärt und von diesen hervorgebracht werden und diese Analyse gleichzeitig nicht-reduktiv sein soll – bieten sich hier neue Ressourcen für die Gehirn-Geist Debatte? Könnte man auf der Grundlage des neuen mechanistischen Ansatzes für einen nicht-reduktiven Physikalismus argumentieren?

Leider musste ich schnell feststellen, dass diese Fragen nicht ohne Weiteres beantwortbar sind. Viele Thesen der neuen Mechanisten sind zu vage, mehrdeutig oder gar inkonsistent um zu bestimmen, welches metaphysische Bild dieser Ansatz mit sich bringt. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie des biologischen Mechanismus entwickelt, die dieses Problem löst. Kurz zusammengefasst, klingt meine These in etwa so: Mechanismen sind regelmäßige oder rückwärts-regelmäßige Kausalketten, die aus organisierten Entitäten-involvierenden Okkurenten (EIOs) bestehen, die Phänomene entweder verursachen oder konstituieren, wobei letzteres bedeutet, dass die Bestandteile der Mechanismen (die EIOs) die zeitlichen Teile des Phänomens verursachen (wobei diese Phänomene ontologisch betrachtet auch EIOs sind). Die eigentliche Arbeit – die Konsequenzen für die Philosophie des Geistes zu untersuchen – kann nun also beginnen.

Psychologische Erklärungen und das Unbewusste

Ich stehe momentan am Anfang meines Habilitationsprojektes. In einem bestimmten Sinne soll es auch hier wieder um Mechanismen gehen – um psychologische Mechanismen bzw. psychologische Erklärungen, die sich auf solche Mechanismen beziehen. Psychologische Mechanismen scheinen  bestimmte bemerkenswerte Eigenschaften zu haben: Erstens spielen sie sich auf der personalen Ebene ab, d.h. wir können sie angemessen mit unserem alltagspsychologischen Vokabular beschreiben (mit Ausdrücken wie „Überzeugung“, „Wunsch“, „Gefühl“, etc.). Zweitens scheinen unbewusste Zustände eine Rolle zu spielen. Das psychologische Phänomen stereotype threat zum Beispiel könnte erklärt werden durch den Verweis auf eine unbewusste Angst, die sich einstellt, wenn man auf seine Zugehörigkeit zu einer stereotypsierten Gruppe geprimt wird. Ich werde Beispiele wie dieses (und ego defense mechanisms, terror management, implicit bias) untersuchen und analysieren, wann Psychologen von „psychologischen Mechanismen“ reden und was sie damit meinen. Zudem muss geklärt werden, was Psychologen unter „unbewussten Zuständen“ verstehen und wie man die philosophischen Redeweisen von „personal level“, „unconscious“, „mental“ und „psychological“ im Kontext tatsächlicher psychologischer Erklärungen analysieren sollte.

Weitere Informationen, Veröffentlichungen etc. gibt es hier: www.beatekrickel.com. Ich freue mich  über Kommentare, Anregungen, Fragen, usw.

Philosophie des Geistes Metaphysik/Ontologie Wissenschaftstheorie
05.06.2015

Uljana Feest

© Lennard Schwarz

Ich bin seit März 2014 Professorin an der Leibniz-Universität Hannover und vertrete dort die Wissenschaftstheorie und Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Wie viele Wissenschaftstheoretiker/innen, bin ich auf dem Umweg des Studiums einer Einzelwissenschaft zur Philosophie gelangt: Mein erstes Studium (an der Goethe-Universität, Frankfurt) habe ich im Jahr 1994 im Fach Psychologie mit einem Diplom abgeschlossen. Allerdings wurde mir schon relativ am Anfang meines Studiums klar, dass mein eigentliches Interesse nicht irgendwelchen spezifischen psychologischen Fragestellungen oder Resultaten galt. Vielmehr wollte ich wissen, warum die wissenschaftliche Psychologie überhaupt so vorgeht wie sie vorgeht, wobei diese Frage für mich schon früh sowohl eine normative als auch eine historische Dimension hatte.

Die damals in Frankfurt gelehrte Wissenschaftsphilosophie hatte wenig mit real praktizierter Wissenschaft (geschweige denn mit Psychologie) zu tun, aber die Themen Bedeutungstheorie, wissenschaftlicher Realismus und Theoriebeladenheit der Beobachtung packten mich dennoch und boten erste Aufhänger für meine Fragen nach Status und Funktion psychologischer Begriffe in ihrem Verhältnis zu empirischen Daten. Parallel begann ich mich außerdem (im Zuge einer kognitionspsychologischen Diplomarbeit) für die Kognitionswissenschaften und die Philosophie des Geistes zu interessieren. Erst als ich 1997 (inzwischen hatte ich mein Studium beendet und zwei Jahre in einem techniksoziologischen Projekt gearbeitet) mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach Pittsburgh ging, erfuhr ich von der Existenz des Fachs History and Philosophy of Science (HPS). Zu meinem großen Glück nahm mich das Pittsburgher HPS Department nach Ablauf des Jahres als Doktorandin auf und in den folgenden Jahren erhielt ich dort eine akademische Heimat, die es mir erlaubte, meine inhaltlichen Fragestellungen zu artikulieren und mich zugleich methodisch innerhalb eines bestimmten Verständnisses von Wissenschaftstheorie zu situieren.

Mein primäres Forschungsinteresse kreist um das Ziel, ein philosophisches Verständnis der Dynamiken von Forschungsprozessen zu entwickeln – vor allen Dingen (aber nicht nur) bezogen auf die experimentelle Psychologie. Damit befindet sich meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen der Wissenschaftstheorie der Psychologie und der Epistemologie des wissenschaftlichen Experiments. Die Perspektive der Wissenschaftlerin, so die meiner Herangehensweise zugrundeliegende These, ist von tiefer epistemischer Unsicherheit geprägt. Eine Herausforderung für Wissenschaftstheorie besteht daher darin, auf deskriptiv angemessene und dennoch normativ gehaltvolle Art und Weise nachzuvollziehen, wie konkrete Forschungsgegenstände im Komplex empirischer und theoretischer Erwägungen konturiert und erforscht werden, wobei bei meinem Ansatz die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden und methodologischen Debatten eine wichtige Rolle spielt. Dies lässt sich am Thema des „Operationalismus“ illustrieren, über das ich schon lange arbeite: Während operationale Definitionen in der Philosophie spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts kritisch gesehen werden, argumentiere ich, dass sie Teil eines dynamischen und iterativen Forschungsprozesses sind, bei dem begriffliche Arbeit und empirische Datenproduktion aufs Engste verknüpft sind. Hieraus ergeben sich wichtige Einsichten über den Forschungsprozess.

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich außerdem mit der Rolle introspektiver Auskünften – speziell Auskünften bzgl. des phänomenalen Bewusstseins – in der Forschungspraxis. Auch hier geht es mir darum, die engen Verzahnung methodischer und ontologischer Entscheidungen und Annahmen in der Forschung aufzuzeigen, der wir mit traditionellen wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten (etwa der Unterscheidung zwischen Empirie und Theorie) nicht gerecht werden. Im Zusammenhang mit der Frage nach Status und Reichweite von Introspektion interessiert mich auch die Frage, ob es mentale Prozesse und Zustände gibt, die sich einem introspektiven Zugriff grundsätzlich entziehen, so dass andere Methoden ihrer empirischen Messung entwickelt werden müssen. Hier sein zum Beispiel an die zurzeit viel diskutierten so genannten „impliziten“ Prozessen oder Zustände erinnert. Eins meiner gegenwärtigen Forschungsinteressen thematisiert die Frage nach Kriterien der Operationalisier- und Messbarkeit solcher impliziter kognitiver Prozesse.

Aus Perspektive der Philosophie der Sozialwissenschaften sind implizite Prozesse sozialer Kognition natürlich besonders spannend, da sie fundamentale Fragen nach dem Verhältnis individueller Kognition und gesellschaftlichen Normen und Praktiken aufwerfen und außerdem dazu anregen, philosophische Fragen nach Begriffen von Praxis, Know-How, Kompetenz, oder stillem Wissen neu zu analysieren. In den vergangenen beiden Semestern habe ich an der Leibniz-Universität zwei Seminare zu diesem Themenkomplex angeboten, und es ist nicht auszuschließen, dass sich hieraus ein größeres neues Projekt entwickeln wird.

Nach meiner Dissertation war ich drei Jahre lang am MPI für Wissenschaftsgeschichte (Berlin), und dann fünf Jahre lang an der TU Berlin tätig (letzteres im Rahmen einer vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft finanzierten Stelle „Kulturgeschichte des Wissens und der Wissenschaften“). Diesen glücklichen Umständen verdanke ich es, dass ich in der Lage war, immer auch philosophie- und psychologiehistorischen Interessen nachzugehen. Meine philosophischen Fragestellungen und Analysemethoden sind oft entscheidend durch die Auseinandersetzung mit historischem Material inspiriert und geprägt. Während psychologische und wissenschaftstheoretische Diskurse heute weitgehend getrennt voneinander stattfinden, war dies in den Anfängen der experimentellen Psychologie nicht der Fall, und so findet sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine philosophisch anspruchsvolle Literatur, in der oft der enge Zusammenhang methodologischer und metaphysischer Fragen reflektiert wird. Diese Texte bieten reichhaltige Quellen, mit deren Hilfe ich versuche, zu Themen und Debatten der gegenwärtigen Philosophie der Psychologie beizutragen, diese zugleich aber auch ein wenig gegen den Strich zu lesen.

Mehr Informationen finden sich hier:
http://www.philos.uni-hannover.de/feest.html
https://uni-hannover.academia.edu/UljanaFeest

Philosophie des Geistes Wissenschaftstheorie
20.05.2015

Vera Hoffmann-Kolss

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Köln. Meine philosophische Ausbildung habe ich mit einem Magisterstudium an der Universität Bonn und einem Studienjahr an der Universität Oxford begonnen. Die Promotionszeit hat mich dann an drei verschiedene Orte geführt: zunächst an die Universität Tübingen, anschließend an die Universität Lausanne und zuletzt wieder zurück nach Bonn, wo ich die Dissertation 2008 zum Abschluss gebracht habe. Anschließend war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, habe zwischenzeitlich ein Semester den Lehrstuhl Philosophie des Geistes (Albert Newen) an der Universität Bochum vertreten, und bin seit 2012 auf meiner derzeitigen Stelle an der Universität Köln tätig.

Meine Forschungsthemen liegen an der Schnittstelle zwischen Metaphysik, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie. Dabei interessiere ich mich für drei miteinander verwobene Themenbereiche. Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Begriff der Kausalität, also der Frage, unter welchen Bedingungen es angebracht ist, ein Ereignis als Ursache eines anderen Ereignisses anzusehen. Eine in der jüngeren Debatte viel beachtete Möglichkeit, sich dieser Frage anzunähern, sind so genannte modelltheoretische bzw. interventionistische Ansätze, die sich u.a. auf Erkenntnisse aus der modernen Statistik beziehen. Die Frage nach der Kausalität wird dann zu der Frage, unter welchen Bedingungen man von statistischen Korrelationen auf das Vorliegen von Kausalrelationen schließen kann. Mich interessiert insbesondere, was sich aus einer solchen – eher empirisch motivierten – Theorie der Kausalität im Hinblick auf die Metaphysik der Kausalrelation ableiten lässt. Ein kontroverser Punkt dabei ist, ob eine solche Theorie der Kausalität geeignet ist, mit höherstufigen Kausalrelationen umzugehen, etwa mit Kausalrelationen zwischen biologischen Ereignissen oder zwischen mentalen und physikalischen Ereignissen, und somit das traditionelle Problem der mentalen Verursachung lösen kann.

Diese Frage ist gleichzeitig Gegenstand des von mir geleiteten Teilprojekts eines deutsch-israelischen Kooperationsprojekts zum Thema Causation and Computation in Cognitive Neuroscience, das ich zusammen mit Jens Harbecke von der Universität Witten und Oron Shagrir von der Universität Jerusalem durchführe. Zudem bildet sie das Bindeglied zum zweiten meiner Interessensgebiete, dem Verhältnis zwischen mentalen und physikalischen Eigenschaften. Hier habe ich mich in der Vergangenheit vor allem mit dem Begriff der Supervenienz beschäftigt, einer formalen Relation, die es ermöglicht, die Abhängigkeit mentaler Eigenschaften von physikalischen Eigenschaften zu beschreiben, ohne auf eine Identitätstheorie oder einen Reduktionismus verpflichtet zu sein.

Mein drittes Interessensgebiet ist die Metaphysik von Eigenschaften. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie zur Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Eigenschaften entwickelt. Intrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, die einem Individuum aufgrund dessen zukommen, wie es selbst beschaffen ist, unabhängig davon, wie die Umgebung beschaffen ist, in der es sich befindet. Paradigmatische Beispiele sind die Eigenschaften eine Masse von 3 kg zu haben oder ein Würfel zu sein. Extrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, deren Instanziierung durch ein Individuum auch von Umgebungsfaktoren abhängig ist. Dies trifft auf Eigenschaften zu wie neben einem Würfel zu liegen oder in einem großen roten Haus zu leben. Anknüpfend an Resultate aus meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich in jüngerer Zeit mit Identitätskriterien für Eigenschaften, der Frage also, unter welchen Bedingungen Eigenschaften identisch sind. Diese Frage ist wiederum eng mit dem Begriff der Kausalität verknüpft, da mehrere vielversprechende Kriterien von Eigenschaftsindividuierung auf kausalen Begriffen beruhen.

Wenn man als analytische Philosophin an theoretischen Themen wie Eigenschaftsindividuierung oder Supervenienz arbeitet, stellt sich oftmals die Frage nach der Anwendbarkeit und Verwertbarkeit der erzielten Ergebnisse. Anders als etwa Themen aus der angewandten Ethik, die von direkter Relevanz für unser Leben und moralisches Handeln sind, zielt philosophische Forschung zu theoretischen Begriffen und Themen üblicherweise nicht primär auf Praxisrelevanz ab. Ich bin der Meinung, dass philosophische Forschung dieser Art trotzdem berechtigt und wichtig ist, weil sie Grundlagenforschung im besten Sinne ist, die sich an klaren Fragestellungen und Qualitätsstandards orientiert und im Hinblick auf diese Fragestellungen Fortschritte erzielen kann. Und natürlich hoffe ich, mit meiner eigenen Forschung zu diesem Prozess einen konstruktiven Beitrag leisten zu können.

Mehr Informationen zu meinem Lebenslauf, meinen Publikationen und sonstigen philosophischen Aktivitäten finden sich hier: www.hoffmann-kolss.de.

Philosophie des Geistes Metaphysik/Ontologie Wissenschaftstheorie
05.05.2015

Ulla Wessels

© Evelin Frerk

Praktische Vernunft, Wohler­gehen und der Begriff des Wollens, die Lo­gik des Sollens, die Begründung und die Währung der Moral, die Gerechtig­keit von Vertei­lun­gen, der Sinn und der Wert des Lebens; die Rechtfertigbarkeit politischer Ge­walt, die Funktion und der Status von Rechten, Handlungsgründe – dies sind Themen, zu denen ich forsche und lehre. Ich arbeite an der Universität des Saarlandes, wo ich, zusammen mit Christoph Fehige, die Professur für Praktische Philosophie innehabe.

Mein Studium habe ich in Münster und in Saarbrücken absolviert, und in Saarbrücken habe ich 1993 auch mit einer Arbeit über den Wert des Lebens promoviert. Habilitiert habe ich mich 2002 in Leipzig mit einer Arbeit über Supererogation. Über viele Jahre hinweg bin ich von Georg Meggle gefördert worden, zunächst als eine seiner wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, später dann als eine seiner wissenschaftlichen AssistentInnen. Ich verdanke ihm viel – auch dass ich „am Ball“ geblieben bin, als ich einmal drauf und dran war, die Philosophie aufzugeben. 1998 bin ich, mit einem Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt Stiftung, an die University of California in Berkeley gegangen; später hat es mich mehrfach zu Forschungsaufenthalten an die Australien National University in Canberra verschlagen. Bevor ich 2006 auf die Professur für Sozialphilosophie an die Universität Bayreuth berufen worden bin, habe ich verschiedene Professuren vertreten, unter anderem an der Georg-August-Universität in Göttingen. In Bayreuth bin ich geblieben, bis ich 2008 auf die Professur für Praktische Philosophie an die Universität des Saarlandes berufen worden bin.

Philosophisch bin ich in der Analytischen Philosophie zu Hause; ich schätze vor allem das Ringen um begriffliche Klarheit und rationale Argumentation und halte, quer durch alle Disziplinen der Philosophie, den Einsatz formallogischer Methoden für gewinnbringend. Nicht zuletzt deshalb engagiere ich mich auch in der Gesellschaft für Analytische Philosophie, die sich die Förderung und Vermittlung der Analytischen Philosophie zum Ziel gesetzt hat. Ich gehöre zu ihren Gründungsmitgliedern und bin heute eine ihrer VizepräsidentInnen.

Zu dem Wenigen, von dem ich einigermaßen fast überzeugt bin, gehört dies: Eine Welt ist umso besser, je besser es den Individuen in dieser Welt geht, und den Individuen geht es umso besser, je wohler sie sich fühlen und je mehr oder je stärkere ihrer Wünsche erfüllt sind. In meinem Buch Das Gute versuche ich, diese beiden Thesen zu entfalten und zu verteidigen. Sie bilden den harten Kern von Ethiken, die ich „Glück-Wunsch-Ethiken“ nenne, „Glück-Wunsch-Ethiken“ deshalb, weil sie hedonisches Glück und die Erfüllung von Wünschen in den Mittelpunkt rücken. In Das Gute spüre ich insbesondere dem Begriff des Wünschens nach und der Rolle, die er in Glück-Wunsch-Ethiken spielt. Mein Augenmerk richte ich auf verschiedene Typen von Wünschen, darunter ir­rationale, externe, asynchrone, angepasste und bloß potentielle.

Glück-Wunsch-Ethiken gehören zur großen Klasse der Wohlfahrtsethiken. In vielen Hinsichten können sich Wohlfahrtsethiken noch voneinander unterscheiden – außer in ihrem Verständnis von Wohlfahrt z. B. auch darin, dass sie den Wert verschiedener Verteilung von Wohlfahrt verschieden bestimmen. Wie sie ihn bestimmen sollten, ist eine der Fragen, mit denen ich mich in Zukunft beschäftigen möchte.

Unabhängig davon, wie die Antwort auf die Frage letztlich ausfallen mag: Eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, in jeder Situation das Bestmögliche zu tun. Doch das Bestmögliche zu tun heißt oft, Opfer zu bringen, und zwar Opfern, die vielleicht größer sind als die, die zu erbringen intuitiv moralisch geboten erscheint. Dies führt zu einer ganz anderen Frage: Verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus, nicht zu viel von uns, so dass wir uns nach Alternativen zumindest zu dieser Standardform umsehen sollten?

In meiner Habilitationsschrift setze ich mich kritisch mit Theorien auseinander, die mit einem Schwellenwert operieren und so etwas sagen wie: Es gibt in jeder Situation eine Menge an Gutem, die zu realisieren moralisch geboten ist, und zu realisieren, was über diese Menge hinaus geht, also besser ist, ist supererogatorisch. Solche Theorien übersehen, dass im Reich dessen, was in Richtung des Besseren über das Mindestgebotene hinausgeht, nicht immer freie Wahl herrscht, dass es dort bedingte Gebote gibt. Für Theorien, die dies anerkennen, schlage ich ein Format vor, d. h. einen formalen Rahmen, in dem sich diese Theorien zu bewegen hätten. Eine solche Theorie genauer auszubuchstabieren ist eine weitere Aufgabe, der ich mich in Zukunft widmen möchte.

Wer mehr über mich, meine Projekte und deren Fortgang erfahren möchte, möge auf meine Homepage schauen.

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
15.04.2015

Lisa Herzog

Hallo aus Kalifornien! Dieses Jahr bin ich Postdoctoral Fellow am Center for Ethics in Society, in einem großartigen Programm für politische Philosophie, das besonders für Leute mit Interesse an interdisziplinären Fragestellungen spannend ist. Von Haus aus bin ich Ökonomin und Philosophin, mit einer Promotion in politischer Theorie, und in letzter Zeit zunehmend soziologischen Interessen.

Ich habe in München und Oxford studiert und anschließend in Oxford als Rhodesscholar promoviert. Anschließend habe ich an der TU München und der Universität St. Gallen gearbeitet, mit einem kurzen Aufenthalt an der KU Leuven. Seit 2013 arbeite ich an der Uni Frankfurt an einem Projekt, das am Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ und am Institut für Sozialforschung angesiedelt ist, und zu dem ich nach dem Aufenthalt in Stanford zurückkehren werde.

Mich haben immer schon Fragen sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Ordnungen interessiert – vielleicht, weil ich an der deutsch-tschechischen Grenze aufgewachsen bin und nach dem Mauerfall einen nachhaltigen Eindruck davon bekommen habe, wie stark unterschiedliche Wirtschaftssysteme Länder prägen können. Daher lag ein Studium der Volkswirtschaft und Philosophie nahe, obwohl ich auch mit Physik geliebäugelt hatte. Während des Studiums habe ich lange damit gekämpft, wie die abstrakten Modelle der Ökonomie sich jemals mit den Fragen nach Gerechtigkeit oder Freiheit zusammenbringen lassen könnten – sie schienen vollkommen unterschiedliche „Sprachen“, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Paradigmen, zu sprechen. Schließlich entdeckte ich die Geschichte des ökonomischen Denkens als Ausweg. Sie half mir nicht nur, zu verstehen, wo die heute verwendeten ökonomischen Modelle herkommen und wie verschiedene blinde Flecken entstanden sind, z.B. in Bezug auf ungleiche wirtschaftliche Macht. Die Geschichte ökonomischen Denkens ist auch auf höchst interessante Weise mit der Geschichte politischen und philosophischen Denkens verwoben. Meine Doktorarbeit schrieb ich schließlich über Smith und Hegel und ihr Verständnis des Marktes. Ich diskutiere darin, wie verschiedene Bilder des Marktes sich zu zentralen Fragen der politischen Philosophie wie Gerechtigkeit, Freiheit oder dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft verhalten.

Allerdings hat mich während meiner während der Doktorarbeit immer wieder die Frage umgetrieben, wie Philosophie sich mit Fragen der Gerechtigkeit im sogenannten „echten Leben“ beschäftigen kann, und wie sie vielleicht auch etwas zur Verbesserung beitragen kann. Ich hatte überlegt, später im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten, aber mehrere Praktika (in Argentinien und Marokko) haben mich davon überzeugt, dass an vielen Stellen auch theoretische Arbeit sinnvoll und nötig ist und ich mich dort besser einbringen kann. Nach Abschluss der Promotion, die 2013 bei OUP erschienen ist Inventing the Market. Smith, Hegel, and Political Theory), habe ich meine Forschung in zwei Bereichen ausgeweitet. Zum einen habe ich mich systematischen Fragen zur Rolle von Märkten zugewandt. Es war ein Glücksfall, in das Projekt in Frankfurt einsteigen zu können, in dem es um „Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt“ geht. Seit ca. zwei Jahren beschäftige ich mich mit Fragen nach der Struktur von Finanzmärkten, den Möglichkeiten ethischen Bankings, und der Verantwortung von Individuen und Firmen. Durch den Praxispartner des Projekts, eine Bank im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, kann ich auch meine empirische Neugier weiter befriedigen.

Zum anderen hat mich das Nachdenken über Märkte davon überzeugt, dass nicht alle moralischen Probleme, die wir derzeit im Wirtschaftssystem sehen, an Märkten liegen. Ein zweites Problem ist, das die Akteure in Märkten oft Individuen in Organisationen sind, die dort nicht frei nach ihren moralischen Prinzipien handeln können, sondern als die berüchtigten „Rädchen im System“ agieren. Ich fing an, mir Fragen nach individuellen Pflichten in beruflichen Rollen zu stellen. Und da ich selbst nur sehr kursorische Erfahrungen mit Organisationen gemacht hatte, begann ich, andere Leute nach ihren Erfahrungen zu befragen. Ich führte über dreißig qualitative Interviews durch, und las mich in soziologische, psychologische und ökonomische Theorien über Organisationen ein. Derzeit arbeite ich daran, dieses Material in einer Monographie über „Ethisches Handeln in Organisationen“ zu verarbeiten. Dieses Feld hat die praktische Philosophie bislang ziemlich vernachlässigt, was wahrscheinlich daran liegt, dass es genau in die Kluft zwischen politischer Philosophie und Moralphilosophie fällt. Von daher gibt es in diesem Bereich viele theoretisch spannende und gleichzeitig lebensnahe Fragen zu bearbeiten.

Außerdem schreibe ich regelmäßig für ein breiteres Publikum, u.a. mit dem Buch Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus (C.H.Beck, 2014). Ich sehe den Dialog mit Nicht-Philosoph*innen als wichtigen Bestandteil praktischer Philosophie. Für genauso wichtig halte ich, dass praktische Philosophie mit den Sozialwissenschaften zusammenarbeitet. In letzter Zeit interessiert mich besonders, wie interpretative Methoden uns neue Einsichten über die Strukturen von Moral und Gerechtigkeit liefern können. Hinter dieser Überzeugung stehen meine links-hegelianischen Überzeugungen darüber, dass ethische Normen in konkreten Institutionen und Praktiken gelebt werden. Das heißt nicht, dass nicht auch abstrakte, konzeptionelle Arbeit nötig wäre, nicht zuletzt, um eine kritische Perspektive auf existierende Praktiken beibehalten zu können – das ist meine eher kantische (bzw. hegel-kantisch-gelesene) Seite. Der Trend hin zu „nicht-idealer“ Theoriebildung in der angelsächsischen politischen Philosophie knüpft, ohne sich immer dessen bewusst sein, an ältere Ideen zum Zusammenhang von Philosophie und Sozialwissenschaften aus der Frankfurter Tradition an. Nicht zuletzt deshalb freue ich mich, in diesen verschiedenen Kontexten arbeiten zu können.

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
04.03.2015

Simone Heinemann

Zurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum – Arbeitsbereich Angewandte Ethik und am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund – Lehrstuhl Praktische Philosophie. In Bochum koordiniere ich als Geschäftsführerin den interdisziplinären Masterstudiengang „EELP“, „Ethics – Economics, Law and Politics“.

Nach meinem Abitur habe ich zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau und danach etwa ein Jahr Praktika in den USA und Frankreich absolviert. Im Anschluss habe ich ein Bachelorstudium in Philosophie, Medienwissenschaft und ein Masterstudium in „Europäischer Kultur und Wirtschaft (ECUE)“ abgeschlossen. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Université Catholique de Louvain-la-Neuve (bei Phillipe van Parijs) habe ich 2013 an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich der Angewandten Ethik promoviert.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Wirtschaftsethik, insbesondere der Ethik der Finanzmärkte, in der Risikoethik und der politischen Philosophie.

Während meiner Promotion habe ich versucht, eine Risikoethik für den Finanzmarkt zu entwickeln und mich dazu speziell mit den Risiken beim Handel mit Finanzderivaten beschäftigt. Finanzderivate können sehr nützlich für wirtschaftliches Handeln sein, sie können aber auch gefährliche Mechanismen zur Risikoübertragung und -verteilung auf Finanzmärkten darstellen, wie sich u.a. vor und während der Finanzmarktkrise 2007-08 gezeigt hat. Ausgangspunkt meiner Arbeit war die Beobachtung, dass sich Finanzakteure, insbesondere die Entscheidungsträger in den Finanzinstitutionen, immer mehr mit Fragen der moralischen Verantwortbarkeit ihres Handelns und den damit verbundenen Risiken auseinandersetzen müssen, sei es, dass sie sich selbst solche Fragen stellen, sei es, dass sie von einer kritischer werdenden Öffentlichkeit dazu gezwungen werden. Ich habe anhand der beiden Hauptansätze der normativen Ethik, dem Utilitarismus und den rechtebasierten Theorien, Kriterien für einen moralisch akzeptablen Umgang mit Finanzmarktrisiken erarbeiten können. Aus ethischer Sicht sind dazu nicht nur die bereits eingetretenen Schäden durch risikobehaftete Produkte und Handlungen auf Finanzmärkten von Bedeutung. Vielmehr gilt es schon im Hinblick auf den Umgang mit Finanzmarktrisiken selbst, d.h. ex ante, danach zu fragen, ob bereits das Eingehen der Risiken moralisch gerechtfertigt werden kann: Welchen Finanzrisiken dürfen wir andere Personen aussetzen? Von welchen Faktoren hängt die Akzeptabilität der Risiken und der Risikoübertragungen ab? Wie können Risikoübertragungen ex ante angemessen reguliert werden? Meine Dissertation wurde 2014 unter dem Titel „Ethik der Finanzmarktrisiken am Beispiel des Finanzderivatehandels“ im Mentis Verlag veröffentlicht.

Nach meiner Promotion habe ich mich weiterhin im Bereich der Wirtschaftsethik mit dem Begriff der Spekulation im Verhältnis zum Begriff des Spiels, mit finanzmarktpolitischer Regulierung von Finanzderivaten und dem Problem der Staatsverschuldung aus ethischer Sicht auseinander gesetzt.

Im Moment arbeite ich an einem neuen Projekt, das sich mit den ethischen Dimensionen von Big Data, d.h. großen und komplexen Datenmengen, sowie deren Speicherung und Verwertung beschäftigt. Neue Technologien ermöglichen zunehmend Einblicke in persönliche Informationen, die in vielen Fällen preisgegeben werden, ohne dass die Anwender darüber informiert sind, z.B. während der Recherche im Internet. Kaufgewohnheiten, Interessen, finanzieller Status etc. werden von Webseiten aufgezeichnet und verwendet, um dem Anwender individualisierte Werbung zukommen zu lassen („consumer profiling“). Das Projekt soll der Frage nachgehen, ob es ein Recht auf die eigenen Daten gibt, und wenn ja, wie ein solches Recht begründet werden kann und welche Pflichten seitens der datensammelnden Konzerne bestehen. Mich interessiert dabei besonders das Verhältnis zwischen einem solchen Recht auf persönliche Informationen und dem Schutz der Freiheits- und Privatsphäre.

Weitere Infos und eine Liste meiner Veröffentlichungen finden sich auf meiner Webseite.

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
18.02.2015

Federica Gregoratto

© Gregoratto

Seit Juli 2013 bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Meine Forschung und Lehre bewegen sich im Bereich Sozial- und politischer Philosophie.

Ich wurde 1983 im Nordosten Italiens geboren und außer kurzen Aufenthalten im Ausland (Paris, Berlin, Frankfurt) habe ich meine ganze universitäre Ausbildung in Italien durchlaufen. Ich habe BA, MA und Promotion für Arbeiten über Autoren und Themen der Kritischen Theorie erhalten. In meiner BA-Arbeit (2006) habe ich mich mit Adornos Theorie der Mimesis als begrifflichem Vorbild der Intersubjektivität beschäftigt, während die MA-Arbeit (2008) einer Auseinandersetzung zwischen Adorno und Habermas gewidmet war. In meiner im Jahr 2012 an der Ca’ Foscari-Universität Venedig abgeschlossenen und verteidigten Promotionsarbeit habe ich mich noch weiter mit Habermas sozialkritischem Projekt auseinandergesetzt, das ich in seinem ganzen Werk analysiert habe.

Die in der MA-Arbeit skizzierte Idee einer Adornianischen Deutung von Habermas bleibt die Grundintuition der Dissertation, die 2013 mit dem Titel „Il doppio volto della comunicazione“ („Das Doppelgesicht der Kommunikation“) beim Verlag Mimesis (Mailand) veröffentlicht wurde. Ich habe dort die These verteidigt, dass sich die rationale kommunikative Praxis, die Habermas zufolge die normative Grundlage der Gesellschaftskritik bildet und das von Adorno ausgearbeitete „Dilemma“ der immanenten Kritik auflöst, in der Tat als ambivalent oder sogar dialektisch erweist. Wie sich leicht am frühen Werk aber auch teils am späteren rekonstruieren lässt, besteht die Habermassche kommunikative Vernunft in einem Geflecht von Macht und Gültigkeit, Herrschaft und Emanzipation, Gewalt und Freiheit. Die idealisierenden Voraussetzungen des kommunikativen und diskursiven Handelns sind also nicht als normative Kriterien der Gesellschaftskritik unmittelbar anzusehen, da solche Kriterien in bestimmten sozialen und diskursiven Praktiken neu auftauchen und aber auch immer wieder in Frage gestellt werden. Das kontrafaktische Gerüst der Kommunikation hat aber die Funktion, innerhalb der Faktizität des Sozialen eine Kluft zwischen Idealem und Realem zu öffnen, die der Möglichkeit der emanzipatorischen und transformativen Praxis entspricht.

Nach einem Jahr als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophiegeschichte an der Universität Venedig (2012-2013), habe ich meine aktuelle Stelle in Frankfurt angetreten. Obwohl die Goethe-Universität nicht komplett neu für mich ist, da ich schon während der Promotion ein paar Semester als Gastwissenschaftlerin in Frankfurt verbracht hatte, hat mit dieser Stelle eine neue Phase meiner wissenschaftlichen Arbeit angefangen. Wenn während meiner Ausbildung die Hauptfrage, die mich am meisten beschäftigte, etwa „Wie ist Gesellschaftskritik möglich“ lautete, interessiert mich zurzeit eher die ontologische und immanent normative Konstitution von konkreten einzelnen sozialen Verhältnissen.

In meinem aktuellen Projekt versuche ich hauptsächlich zu verstehen, was Liebe als soziale Beziehung ist und warum Macht als konstitutiver Bestandteil einer solchen Beziehung zu betrachten ist. Anhand von psychoanalytisch informierten Anerkennungstheorien (insb. Melanie Klein, Jessica Benjamin und Axel Honneth) beschreibe ich Liebe als ein Interdependenzverhältnis, das in einem Prozess besteht, in dem die Liebenden ihre Wünsche, Bedürfnisse, Zwecke, Projekte und Identitäten gegenseitig und gemeinsam herstellen, verändern und befriedigen. Nach dem prozessualen Begriff der Interdependenz, den ich entwickeln will, sind die Liebenden gegenseitig voneinander abhängig; zugleich versuchen sie immer wieder, sich als unabhängig zu behaupten. Eine wichtige Rolle in dieser Konstellation spielt für mich die Idee von „care-work“.

Eine vielfältige Machtkonzeption möchte ich an dieser Stelle herausarbeiten, um eine solche Liebesbeziehung besser zu begreifen. Ich schlage vor, Macht als eine Mischung von power to und power over zu verstehen, die eine Ambivalenz zwischen ausbeuterischen und empowering Potentialen ausmacht (vor allem sind die Machtüberlegungen von Amy Allen und Rainer Forst hier inspirierend.) Ich versuche damit eine Theorie der Liebe zu entwerfen, die es vermag, erstens, die feministischen Zweifel an der Anerkennungstheorie aufzunehmen und, zweitens, im Gegensatz zu manchen feministisch-queeren Kritiken, die Idee der Liebe als Form des guten Lebens zu bewahren.

Ein wichtiger Teil dieses Projekts besteht in der sowohl empirischen als auch begrifflichen Analyse von „intimate femicide“ (oder „feminicide“): ein Phänomen nämlich, das überzeugend zeigt, wie unter Bedingungen der andauernden Geschlechtsherrschaft und Heteronormativität die Machtdynamiken der Liebe zu extremen Formen der Gewalt führen (können).

Nach einer allgemein akzeptierten Definition bedeutet femicide „die Ermordung einer ‚Frau’, weil sie eine ‚Frau’ ist.“ Aus dieser Definition entstehen einige begriffliche Probleme, vor allem die in der Geschlechtsforschung grundlegendende und höchst umstrittene Frage nach der „Natur“ des Geschlechts. Was ist eine ‚Frau’ (oder ein ‚Mann’)? Worin besteht das Geschlecht? Ich möchte diese Frage in Bezug auf die aktuellen „material feminism“-Debatten und mit Hilfe eines von Hegel und Dewey inspirierten Naturalismus untersuchen: Mein Ziel ist etwa zu zeigen, wie sich ‚Geschlechter’ aus einer dialektischen Interdependenz zwischen der „ersten“ und der „zweiten“ Natur ergeben.

Mein Interesse für Machttheorien erschöpft sich nicht nur in den Untersuchungen über Liebe und Geschlecht; ich habe auch vor, jene die aktuelle Phase des Kapitalismus bestimmenden Interdependenzverhältnisse, nämlich die Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse, anhand von Nietzsche, Marx und Deleuze als Machtbeziehungen zu begreifen.

Ich interessiere mich auch sehr für Filme und manchmal schreibe ich kleine, wenig anspruchsvolle, philosophische Filmrezensionen. Ich habe bisher z.B. über Lars von Trier, Batman und vor allem Bernardo Bertolucci geschrieben.

Hier findet ihr meine Kontaktdaten und hier meine Arbeiten.

Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie
03.02.2015

Elke Brendel

© Dörthe Boxberg

Seit dem Wintersemester 2009/2010 bin ich Professorin für Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und dort Inhaberin des Lehrstuhls für Logik und Grundlagenforschung. Ich habe Philosophie zunächst an meinem Geburtsort Frankfurt am Main studiert. Dort war ich bei Wilhelm Essler am Lehrstuhl für Logik und Wissenschaftstheorie u. a. als wissenschaftliche Assistentin tätig. Ein Promotionsstipendium des DAAD ermöglichte mir zwischenzeitlich einen Forschungsaufenthalt an der Stanford University, und dann habe ich in Frankfurt am Main mit einer Arbeit über logische und semantische Paradoxien promoviert. Danach bin ich als wissenschaftliche Assistentin bei Holm Tetens an die FU Berlin gewechselt, wo ich mich 1998 habilitierte. In meiner Habilitationsschrift beschäftigte ich mich vor allem mit der Frage, welche Konzeption von Wahrheit dem Begriff des Wissens zugrunde liegt (bzw. zugrunde liegen sollte). Nach einer Vertretungsprofessur am Institut für Logik und Wissenschaftstheorie der Universität Leipzig habe ich einen Ruf an die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz auf eine Professur mit Schwerpunkt Logik und Wissenschaftstheorie angenommen, wo ich fast zehn Jahre bis zu meinem Wechsel an die Universität Bonn blieb. Während eines Forschungssemesters war ich 2003–2004 Adjunct Professor an der Northern Illinios University, und 2011–2012 war ich zudem Fellow am Lichtenberg-Kolleg der Georg-August-Universität Göttingen. Während meiner bisherigen akademischen Laufbahn habe ich verschiedene akademische Funktionen und Ämter übernommen, wie etwa als Mitglied in Auswahlkommissionen des DAAD, als Vertrauensdozentin der Deutschen Studienstiftung oder als Mitglied im Erweiterten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Zurzeit bin ich auch Vizepräsidentin der Gesellschaft für Analytische Philosophie und Fachkollegiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Geprägt wurde mein philosophisches Denken vor allem durch die analytische Philosophie und deren Methoden der logischen Analyse und des präzisen Argumentierens. Mein besonderer „philosophischer Held“ ist u. a. David Hume. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der Erkenntnis- und Sprachphilosophie sowie der Logik, Argumentationstheorie und Metaphilosophie. Nicht nur aus akademisch-philosophischen, sondern auch aus persönlichen Gründen interessiere ich mich zudem für Fragen der Tierethik.

Bereits seit vielen Jahren faszinieren mich logische und semantische Paradoxien. Bereits in meiner Dissertation und in einigen Fachartikeln habe ich eine an Überlegungen von Alfred Tarski orientierte „Partielle-Welten-Semantik“ zur Lösung von Paradoxien vorgeschlagen. Derzeit interessiere ich mich auch für parakonsistente bzw. dialetheistische Logiken und deren Auffassungen von Wahrheit und Widerspruch.

Im Bereich der Metaphilosophie arbeite ich zu Fragen der Funktion und Legitimität philosophischer Gedankenexperimente und untersuche die Möglichkeiten und Grenzen intuitionenbasierter Methoden in der Philosophie. Insbesondere beschäftige ich mich mit der erkenntnistheoretischen Bedeutung und Relevanz empirischer Studien zu epistemischen Intuitionen im Rahmen der experimentellen Philosophie.

Im Bereich der Erkenntnistheorie befasse ich mich schon seit einiger Zeit mit philosophischen  Konzeptionen des Wissens. Mein besonderes Interesse gilt hier dem Problem des Wissensskeptizismus und der Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Zufall. In meinem Buch „Grundthemen der Philosophie – Wissen“ (2013) argumentiere ich für einen Ansatz, in dem Wissen als eine bestimmte wahre Überzeugung ausgezeichnet wird, die auf einer epistemisch sicheren Methode beruht.

Ein weiteres meiner Forschungsgebiete, das an der Nahtstelle zwischen Erkenntnis- und Sprachphilosophie angesiedelt ist, betrifft den Kontextualismus und Relativismus. Zunächst habe ich das Augenmerk auf unterschiedliche Formen des epistemischen Kontextualismus und Relativismus gelegt. In einigen Schriften habe ich versucht zu zeigen, dass kontextualistische und relativistische Positionen in Bezug auf den Wissensbegriff unhaltbar sind, da sie sich in logische Selbstwidersprüche verstricken. Derzeit untersuche ich kontextualistische und relativistische Semantiken allgemeiner. Offensichtlich können  Faktoren des Äußerungskontextes den Wahrheitswert einer Aussage bestimmen. Ob ein Satz wahr oder falsch ist, kann z. B. von der Sprecherin, dem Zeitpunkt oder dem Ort der Satzäußerung abhängen. Zudem scheinen manchmal verschiedene subjektive bzw. kultur- oder gesellschaftsabhängige Standards und Werte die Bedeutung von Begriffen sowie die semantischen Gehalte von Aussagen zu beeinflussen. Ein wichtiger Aspekt bei der Analyse dieser Formen der Kontextabhängigkeit und Relativität liegt in der Beantwortung der Frage, wie Dissense zwischen konkurrierenden Positionen trotz sprachlicher Relativierungen aufrechterhalten werden können. In diesem Zusammenhang untersuche ich daher derzeit den Begriff des Dissenses und gehe insbesondere den Fragen nach, welche Formen von Dissensen es gibt, wie sich echte Dissense von bloßen verbalen Disputen unterscheiden und ob sogenannte fehlerfreie Dissense möglich sind. Ein wichtiges Ziel meiner Untersuchungen besteht darin, Kriterien zum Erkennen genuiner Dissense zu entwickeln und Wege zum rationalen Umgang mit Dissensen aufzuzeigen.

Weitere Details und eine Liste meiner Veröffentlichungen finden sich auf meiner Webseite:
http://www.philosophie.uni-bonn.de/personen/professoren/prof.-dr.-elke-brendel

Erkenntnistheorie Sprachphilosophie Metaphilosophie
06.01.2015

Maria Kronfeldner

© Lukas Einsele

Ich arbeite vor allem zur Philosophie der Lebens- und Sozialwissenschaften, ein Bereich, der Wissenschaftsphilosophie, philosophische Anthropologie, Philosophie des Geistes und politische Philosophie verbindet. Meine Forschungsthemen sind Kreativität, Evolution, Kulturbegriff, die menschliche Natur, die Natur/Kultur-Unterscheidung, Personenbegriff, Kausalität, Erklärung, Komplexität, Einheit und Vielfalt der Wissenschaften, Wissenschaften und Werte.

Seit September 2014 bin ich an der Central European University (Budapest) als Associate Professor tätig. Zuvor war ich Juniorprofessorin an der Universität Bielefeld, Gastwissenschaftlerin an zahlreichen Instituten im Ausland und Karl-Schädler-Postdoctoral-Fellow am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin).

Nach einem Studium der Philosophie und Religionswissenschaft an der Universität Regensburg, das ich 2001 mit einer Magisterarbeit „Zur Kreativität des Denkens“ abschloss, promovierte ich an der gleichen Universität, betreut von Prof. Dr. Hans Rott, mit einer Arbeit zu „Darwinism, Memes, and Creativity.“ Die Postdoc-Zeit am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte gab mir die Gelegenheit, meine Arbeit in Richtung Geschichte des Kulturbegriffs im Kontext evolutionären Denkens fortzusetzen. Mich interessierte, wie es dazu kam, dass Kultur und Natur im Rahmen der Schule um den Anthropologen Franz Boas in Opposition zueinander gesetzt wurden. Interessanterweise war es gerade Wissen aus der biologischen Vererbungsforschung, das dem Boas Schüler Alfred L. Kroeber half, Kultur als kausal unabhängig von Natur zu definieren.

Geleitet von der Einsicht, dass Wissen in der Regel mehr (auf jeden Fall nicht weniger) wird, wenn es geteilt wird, gilt seitdem mein Interesse dem Austausch von Begriffen, Theorien und Methoden über Grenzen einzelner Wissenschaften hinweg (insbesondere auch in Bezug auf die sog. ‚zwei Kulturen’ der Wissenschaften) und auch über die Grenze hinweg, die zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gezogen wird. Damit sind diese Grenzen selbst auch Gegenstand meiner philosophischen Arbeit geworden und werden im Hinblick auf den Themenkomplex Einheit und Spezialisierung der Wissenschaften und in Hinblick auf den Themenkomplex Wissenschaft und Gesellschaft in Aufsätzen analysiert.

Ein weiterer Bereich, zu dem ich arbeite, betrifft den Bereich Kausalität und Erklärung. Es interessiert mich dabei v.a. die Pragmatik der Kausalität: wie die Erfahrung von Verantwortung, Schuld und Macht sowie die kulturellen und juristischen Annahmen über diese Angelegenheiten, die Vorstellungen von Kausalität und Erklärung beeinflussen.

Derzeit beschäftige ich mich v.a. mit dem Begriff der menschlichen Natur als Begriff zwischen Wissenschaft, Philosophie und Politik. Wenn von einer Natur (insbesondere, der Natur des Menschen) die Rede ist, dann wird damit meist nicht nur deskriptiv bzw. erklärend auf typische Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen von Menschen verwiesen. Der Begriff einer Natur transportiert mehr. Durch die Verwendung des Begriffs der menschlichen Natur werden meist bestimmte Verhaltensweisen als ‚natürlich’, ‚wesentlich’ und ‚normal’ ausgewiesen. Im Zuge dessen findet meist auch eine politische Bewertung der Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen statt. Wegen dieser zusätzlichen Konnotationen wurde der Begriff im 20. Jahrhundert einer harschen wissenschaftlichen wie politischen Kritik unterzogen. Ein Darwinistisches Menschenbild, das auf Variation, Veränderung und Genealogie setzt, habe keinen Platz für den Begriff der menschlichen Natur, so die wissenschaftliche Kritik. Zudem, so die politische Kritik, hat die Verwendung des Begriffs im Sozialen erheblichen Schaden verursacht, da er zu sozialer Ausgrenzung bestimmter Personengruppen mit abweichenden Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen beiträgt. Diese Kritik versuche ich in einem Buchprojekt zu systematisieren, zu kontextualisieren und zu präzisieren. Indem analysiert wird, wie Menschen Identitäten zuweisen, wird auch der Begriff der Person bzw. des Individuums zum Gegenstand der Untersuchung. Ziel der Arbeit ist, philosophisch genauer zu verstehen, was den Reiz des Begriffs einer menschlichen Natur trotz der oben erwähnten problematischen Aspekte ausmacht bzw. ausmachte. Daher versuche ich letztendlich der wissenschaftlichen und politischen Kritik einen post-essentialistischen, pluralistisch-pragmatischen und damit positiven Zugang zum Begriff der menschlichen Natur entgegenzusetzen.

Philosophie ist für mich die minimalistischste Kunst, die es gibt. Wie die Kunst möchte sie Substanzielles ausdrücken, aber mit reduzierten Mitteln, ohne Staffage wie im Theater, ohne Farben und Formen wie in der Malerei oder der Fotografie, ohne Stimme und Ton wie in der Musik, und ohne Narration wie in der Literatur. Sie hat nur die in Beziehung stehenden Gedanken und Sachverhalte selbst. Philosophie ist für mich zudem weder durch einen speziellen Gegenstandsbereich spezifiziert noch durch die traditionellen Fragen. Abstraktion, Analyse, Objektivität, Kritik und Reflexion, Einfachheit und Genauigkeit sind die Maximen, die für mich eine philosophische Zugangsweise charakterisieren. Der Bezug meiner Forschung zu Fragen des menschlichen Lebens sichert für mich die Relevanz der Philosophie für die praktischen Probleme, denen sich Menschen in ihrem Leben bzw. in Gesellschaften gegenüber sehen.

Meine Veröffentlichungen sind zu finden unter:

Sozialphilosophie Philosophie des Geistes Anthropologie Politische Philosophie Wissenschaftstheorie
01.12.2014

Eva Weber-Guskar

Seit Dezember 2019 bin ich Heisenbergprofessorin für Ethik und Philosophie der Emotionen an der Universität Bochum. Dort kann ich die Fäden meiner bisherigen Forschung zusammen- und in neue Richtungen weiterführen. Die Thematik des guten Lebens verfolge ich nun einerseits mit meinem Projekt zu zeitlichen Aspekten einer gelungenen Lebensführung und andererseits im Bereich der Ethik der Digitalisierung, in dem ich mir vor allem die neuen emotionalen Verhältnisse ansehe, in die wir vermittelt durch sowie direkt mit digitalen Systemen und insbesondere solchen der Künstlichen Intelligenz geraten.

Nach Studium und Promotion in Berlin war ich in meiner Post-Doc-Phase akademisch an der Universität Göttingen zu Hause. Dort hat mir, nach einer Mitarbeiterstelle bei Prof. Holmer Steinfath und nach einem Jahr im Ausland an der New York University, ein Stipendium des Dorothea Schlözer-Programms die Möglichkeit gegeben, meine Habilitation zu beenden. Danach hatte ich Gast- und Vertretungsprofessuren in Berlin an der HU und FU, in Wien, Zürich und Erlangen, außerdem Fellowships an der Kollegforschergruppe zu Medizinethik und Biopolitik in Münster, an der Digital Society Initiative Zürich und am Weizenbaum Institut Berlin.

Meine Forschungsthemen liegen hauptsächlich in der Philosophie der Gefühle, der Moralphilosophie und der Ästhetik.

Mit Fragen aus dem Bereich der Philosophie der Gefühle habe ich mich am ausführlichsten in meiner Dissertation beschäftigt („Die Klarheit der Gefühle. Was es heißt, Emotionen zu verstehen“. Walter de Gruyter, 2009). Dafür habe ich zum einen eine Position dazu erarbeitet, was Emotionen, als spezifischer gefasste Gefühle, überhaupt sind. Zum anderen habe ich untersucht, was es heißt, solche Emotionen zu verstehen – und zwar sowohl bei anderen Personen als auch bei sich selbst. Daher bewegte ich mich mit dieser Arbeit auch in der Philosophie des Geistes, in Debatten um Fremdverstehen und Selbstverstehen. Für meine Herangehensweise war dabei wichtig, die Debatten der sogenannten analytischen Philosophie zusammen zu bringen mit Einsichten aus der Hermeneutik und vor allem einer phänomenologisch inspirierten Methode. Davon ausgehend habe ich einzelne affektive Phänomene untersucht, die nicht selbstverständlich in den Rahmen von bekannten Emotionstheorien passen, wie etwa Rauschzustände oder Trost.

Ein Bezug zu Emotionen findet sich auch oft in der Weise, wie ich Themen in der Ästhetik oder auch in der Religionsphilosophie zuschneide. Mich beschäftigt etwa die Frage, inwieweit man die besondere Erkenntnisart bei Kunst in emotionalen Kategorien beschreiben kann – es ist interessant, wie verschieden sich darüber diskutieren lässt mit Studierenden der Philosophie in Göttingen einerseits und der Universität der Künste in Berlin andererseits;  oder die Frage, ob religiöse Gefühle „nur“ besondere Varianten von säkularen Emotionen sind oder von ganz eigener Art – worüber ich unter anderem mit einer internationale Lesegruppe ein halbes Jahr lang über google hangout gesprochen.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit nach der Promotion lag im Bereich der Moralphilosophie, mit allen drei Unterdisziplinen: Metaethik, normative und angewandte Ethik.

Während meines Jahres als Visiting Scholar an der New York University habe ich beispielsweise über Werttheorien geforscht, insbesondere zu den metaethischen Debatten zwischen Sentimentalisten und Kognitivisten und zwischen Vertretern eines grundsätzlichen Wert-Konstruktivismus oder –realismus, wobei es mir (wiederum) wichtig ist, die Rolle der Emotionen für ein angemessenes Verständnis unserer Praxis des moralischen und ästhetischen Wertens zu betonen. In der angewandten Ethik habe ich mich unter anderem mit Fragen des genetischen Enhancements auseinandergesetzt oder auch der allgemeineren, wie weit prospektive, vorausschauende Ethik zu rechtfertigen ist, wie sie oft in diesem Bereich betrieben wird.

Das Thema meines größten Projekts, meiner Habilitationsschrift, berührt alle drei Bereiche der Ethik: Der Begriff der Menschenwürde.

Seit der Einführung des Begriffs der Würde des Menschen in Rechtstexte nach 1945 dominieren Erläuterungen, die Menschenwürde als einen Wert, einen Status oder einen Anspruch verstehen, wovon Normen oder sogar Rechte abgeleitet werden. Daneben ging eine andere Sicht fast verloren, nach der es sich bei Würde um eine Art und Weise zu leben handelt, eine wertvolle Verfassung, die Menschen anstreben und verteidigen. An diesem Verständnis gilt es meiner Ansicht nach anzuknüpfen.

Das Hauptproblem der dominierenden Ansätze zum Begriff der Menschenwürde besteht darin, dass fast alle mit einer impliziten Doppeldeutigkeit des Würdebegriffs operieren. Einerseits wird unter Würde etwas wie der besondere Wert eines Menschen verstanden, der bestimmte Normen begründen könne. Andererseits wird unter Würde die Verfassung eines Menschen verstanden, in der er sich befinde, wenn er gemäß den eben genannten Normen behandelt werde – sodass er eben in Würde leben könne. Wo diese Doppeldeutigkeit vermieden wird, ergibt sich wiederum eine Erläuterung, die den Begriff der Menschenwürde in moralischen Diskussionen systematisch überflüssig macht. Denn in diesen Fällen wird Würde in der Regel als der moralische Status verstanden, den jeder Mensch hat. Die Würde des Menschen zu achten, heißt dann, ihn in seinem moralischen Status anzuerkennen. So aber wäre es kein genuin bedeutsamen Begriff, der eine eigene Rolle in moralischen Diskussionen spielen würde.

Angesichts dieser Schwierigkeiten liegt es nahe, Würde grundsätzlich im zweiten Sinn zu verstehen: Als die Verfassung, in der sich ein Mensch befindet, wenn er in Würde lebt. Diese Idee ist bisher wenn, dann im Sinne gewisser Formen von Selbstachtung erläutert worden. Ich zeige, wie Würde, in loser Anknüpfung an den aristotelischen Begriff der hexis, als eine Haltung zu entwickeln ist.

Dieses Projekt dreht einen wichtigen Zusammenhang um: Würde ist sie selbst nichts Normatives, woraus sich Pflichten ergeben würden. Stattdessen kann sie das Ziel von Handlungen sein, deren Geboten-Sein mit anderen normativen Ressourcen begründet werden muss. Um für einen grundsätzlichen moralischen Anspruch darauf, nicht daran gehindert zu werden, in Würde zu leben, zu argumentieren, muss gezeigt werden, inwiefern Würde nicht ein beliebiges Ideal unter anderen, individuell möglichen ist, sondern eines, das für alle wichtig ist. Auch das ist möglich, indem man verdeutlicht, inwiefern Würde als Haltung ein wesentliches Element eines guten Lebens darstellt.

Ästhetik Philosophie des Geistes Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
13.11.2014

Rebekka Hufendiek

Ich habe zur Zeit eine Postdoc-Stelle an der Uni Basel in einem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Projekt zum Thema „Biosemantik und Normativer Pragmatismus“, das am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie angesiedelt ist. Die Themen, die uns dort umtreiben, umfassen Überlegungen zu einem weiten und nicht reduktionistisch verstandenen Naturalismus, zu Biosemantik, Philosophie der Verkörperung, Tierphilosophie sowie Emotions-, Selbstbewusstseins- und Begriffstheorien.

Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaft in Bielefeld und Berlin. Vor lauter Begeisterung über Berlin und das philosophische Institut an der Humboldt-Universität bin ich dort geblieben, um meine Doktorarbeit bei Dominik Perler zu schreiben. Während dieser Zeit war ich in der Kolleg-Forschergruppe „Bildakt und Verkörperung“ tätig. Dort habe ich mich zum einen intensiv mit der Embodied-Cognition-Debatte beschäftigt und zum anderen mit Kunsthistorikern und Kunsthistorikerinnen die Zusammenhänge von Kunstwerken, ästhetischer Erfahrung und Verkörperung diskutiert. Der Austausch zwischen Philosophie des Geistes und Kunstgeschichte ist äußerst ungewöhnlich. Völlig zu Unrecht, wie unsere gemeinsamen Arbeiten, etwa zu Bildbetrachtung als Affordance-Wahrnehmung oder Zeichnen als kognitiver Praxis im Sinne des Extended-Mind-Gedanken, belegen.

In meiner Doktorarbeit entwickle ich eine Theorie, in der ich Emotionen als verkörperte, handlungsbezogene Repräsentationen beschreibe. Dabei argumentiere ich auf der Grundlage psychophysiologischer Studien, dass Emotionen durch Muster körperlicher Reaktionen konstituiert werden, die evolutionär angelegt sind. Diese Muster sind jedoch in hohem Maße plastisch. Sie bilden sich erst in der sozialen Interaktion zwischen Kleinkind und Bezugspersonen aus und bleiben auch später noch zu einem gewissen Grad änderbar. Emotionen sind demzufolge in der Anlage natürlich; alle Menschen kennen Grundgefühle wie Angst, Ekel und Wut. Die für diese Emotionen konstitutiven Körperkomponenten wie Adrenalinausstoß, angewiderter Gesichtsausdruck oder angespannte Muskeln teilen wir auch mit einigen nichtmenschlichen Tieren, sie entstammen einer evolutionären Geschichte. Diese Geschichte lässt sich aber nicht einfach auf Blut, Schweiß und Tränen reduzieren, sondern muss die semantische und soziale Dimension von Emotionen miterklären können. Emotionen konstituieren eine bestimmte Art der Welterfahrung und die ist fundamental sozial: Emotionen haben eine Bedeutung, sie repräsentieren bestimmte Eigenschaften in der Welt. Angst repräsentiert ein Objekt als gefährlich und Schuld repräsentiert, dass das repräsentierende Subjekt mit einer bestimmten Tat einen sozialen Regelverstoß begangen hat. Das Besondere an diesen Repräsentationen, so meine These, ist, dass sie durch körperliche Reaktionen konstituiert werden: Es handelt sich bei Emotionen um vorbegriffliche Formen bedeutungsvoller Repräsentationen. Die Fähigkeit, durch körperliche Reaktionen Bedeutsames zu erfassen, entstammt in ihrer Grundform der Evolutionsgeschichte, sie erfüllt eine Funktion für den Organismus. Um handlungsbezogene Repräsentationen handelt es sich bei Emotionen insofern, als ihr Gehalt nicht einfach bestimmte Werteigenschaften wie „gefährlich sein“ abbildet, sondern immer gleichzeitig auch eine Handlungsanweisung beinhaltet. Sprachlich formuliert repräsentiert Angst also genaugenommen nicht einfach ein Objekt als gefährlich, sondern etwas als eine zu-vermeidende-Gefahr und Schuld einen wiedergutzumachenden Regelverstoß. Diese recht komplexen und normativ aufgeladenen Gehalte von Emotionen möchte ich aber als Teil unserer sozialen Umwelt, genauer als Affordances im Gibsonschen Sinne verstehen, das heißt als Dinge in der Umwelt eines Organismus, die ihm gewisse Arten von Handlungen ganz unmittelbar anbieten. Wir nehmen Dinge unmittelbar als begehbar, bekletterbar oder essbar wahr, weil sie das tatsächlich sind, zumindest in Relation zu uns. Analog dazu vertrete ich im Bezug auf die Gehalte von Emotionen die ontologische Annahme, dass „gefährlich sein“ und „ein Regelverstoß sein“ r Eigenschaften sind, die bestimmte Objekte in Relation zu uns haben. Wir sind durch eine teilweise evolutionäre und teilweise soziale Lerngeschichte darauf ausgerichtet auf solche Affordances emotional zu reagieren und zwar mit und durch den ganzen Körper. Im Detail entwickle ich diese Theorie in meinem Buch Embodied Emotions. A Naturalist Approach to a Normative Phenomenon (in Arbeit).

Aktuell beschäftige ich mich mit genealogischen Erklärungen im Zusammenhang mit naturalistischen Theorien. Genealogische Erklärungen erklären bestimmte Phänomene oder Begriffe wie gut und schlecht, Gerechtigkeit oder Eigentum aufgrund von Herkunftsgeschichten. Die Evolutionsbiologie erzählt ebenfalls Herkunftsgeschichten, um zu erklären, warum wir über bestimmte Merkmale verfügen. In letzter Zeit sind zahlreiche Theorien erschienen, die zwischen Philosophie, Kognitionswissenschaften und Evolutionsbiologie angesiedelt sind und die kognitiven und moralischen Vermögen des Menschen evolutionär zu begründen suchen (Für eine Auseinandersetzung mit naturalistischen Ansätzen in der Metaethik siehe meine Sammelrezension in der Zeitschrift für philosophische Forschung Das Muttertier am Ursprung der Moral). Mich interessiert an diesen Ansätzen speziell die Frage, welche Rolle genealogische Erklärungen für sie spielen, wie es bei genealogischen Erklärungen um das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion bestellt ist und welche Rolle die Zuschreibung von Funktionen für diese Theorien spielt.

Philosophin ist eine durch und durch merkwürdige Profession. Man könnte meinen, dass sie wesentlich das Unnütze mit dem Unangenehmen verbindet, insofern sie dazu anhält anwendungsferne abstrakte Theorien in zahllosen schlecht bezahlten Überstunden auszubrüten. Genauso gut kann man aber auch behaupten, dass eine Philosophin das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, denn bei genauerer Betrachtung wirken philosophische Gedanken bis in den Ethikrat, die Computerlinguistik und die Robotik hinein, was sehr nützlich ist. Als notorische Dilettantin in allen Bereichen hat man als Philosophin gewissermaßen einen Freifahrtschein sich mit Fragen zu beschäftigen, die Ethik, Linguistik, Robotik und vieles mehr mit einbeziehen, was sehr angenehm, um nicht zu sagen großartig ist. Philosophie, so verstanden, ist eine theoretische Tätigkeit, die am allerbesten ist, wenn sie einen Dinge neu, anders oder mindestens klarer sehen lässt als vorher – ohne dabei unnötig kompliziert zu sein, denn das sind die Dinge selbst ja schon genug.

Ein solches Erlebnis des neu, anders und klarer Sehens hatte ich das erste Mal, als ich als Schülerin die ersten Kapitel aus Marx’ Kapital gelesen habe. Wert und Ware sind danach nie mehr so normal gewesen wie vorher. Ganz ähnlich hat die Lektüre von De Beauvoirs Das Andere Geschlecht mit einem Schlag die Normalität des Mannseins als komplexes und lang tradiertes gesellschaftliches Konstrukt sichtbar gemacht und damit auch als etwas, das man verändern kann.

Mehr Informationen unter: https://philsem.unibas.ch/en/seminar/personen/hufendiek/

Ästhetik Philosophie des Geistes Angewandte Ethik Metaethik Wissenschaftstheorie Allgemeine Ethik
28.10.2014

Kristina Musholt

Ich bin seit 2013 Juniorprofessorin für Neurophilosophie am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg. Mich hat schon immer interessiert, welche Antworten unterschiedliche Disziplinen auf die Frage nach dem Wesen des Menschen geben können. Entsprechend habe ich Humanbiologie, Neurowissenschaften und Philosophie zuerst in Marburg, dann in Magdeburg und Neapel studiert. Anschließend habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin School of Mind and Brain promoviert. Dabei habe ich allerdings die Hälfte meiner Promotionszeit als Gaststudentin am Department of Linguistics and Philosophy am MIT (USA) verbracht. Nach meiner Promotion war ich von 2010 bis 2013 als Fellow am Department for Philosophy, Logic and Scientific Method an der London School of Economics tätig. Gleichzeitig war ich dort stellvertretende Direktorin des Forum for European Philosophy.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der analytischen Philosophie des Geistes und der Philosophie der Kognitionswissenschaften, ich interessiere mich aber auch für die Sprachphilosophie sowie für phänomenologische Ansätze und für den deutschen Idealismus. Im Zentrum meiner Forschung stand bislang vor allem das Thema Selbstbewusstsein, verstanden als die Fähigkeit, sich seiner selbst gewahr werden zu können. In meiner Dissertation habe ich mich kritisch mit Theorien des sogenannten nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins auseinander gesetzt. Ausgehend von dem Problem, dass traditionelle Theorien des Selbstbewusstseins dem Vorwurf der Zirkularität ausgesetzt sind, versuchen Theorien des nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins zu zeigen, dass bereits die Gehalte einfacher Wahrnehmungen eine Form von Selbstbewusstsein beinhalten, die dann die Grundlage für komplexere Formen von Selbstbewusstsein bilden können. Dabei verweisen sie bespielsweise auf die Perspektivität der Wahrnehmung. Aufbauend auf Überlegungen aus der Philosophie des Geistes, der Sprachphilosophie und teilweise auch der Phänomenologie argumentiere ich in meinen Arbeiten gegen eine solche Position. Kurz zusammengefasst könnte man meine These dabei so beschreiben, dass wir zwischen dem Haben einer Perspektive einerseits, und dem Wissen darum, dass wir eine Perspektive haben andererseits unterscheiden sollten. Erst letzteres bezeichnet meiner Ansicht nach die Fähigkeit zum Selbstbewusstsein.

Dabei spielt meiner Ansicht nach auch die soziale Kognition eine wesentliche Rolle für das Verständnis des Phänomens des Selbstbewusstseins. Wir werden uns unserer eigenen Perspektive auf die Welt nämlich erst als solcher gewahr (und somit selbstbewusst), wenn wir in der Lage dazu sind, sie mit der Perspektive eines Anderen zu kontrastieren. Selbstbewusstsein und Intersubjektivität sind somit gleichsam zwei Seiten einer Medaille. Ausgehend von dieser Überlegung versuche ich – aufbauend auf Erkenntnissen aus den empirischen Wissenschaften – ein Stufenmodell der Entwicklung von Selbstbewusstsein und sozialer Kognition zu entwerfen.

Auch unabhängig von der Frage nach ihrer Bedeutung für unser Selbstverständnis als selbstbewusste Wesen interessiert mich die Philosophie der sozialen Kognition. Derzeit beschäftige ich mich vor allem mit der Entwicklung von Alternativen zu den klassischen Erklärungsmodellen unserer Fähigkeiten zur sozialen Interaktion. Letztere legen unseren Fähigkeiten zur sozialen Interaktion in der Regel sehr anspruchsvolle begriffliche Fähigkeiten zugrunde, die der Vielfalt der Formen sozialer Kognition nicht angemessen gerecht werden. Ich plädiere daher für einen Pluralismus der Erklärungen unserer sozial-kognitiven Fähigkeiten, der auch nicht-begriffliche Fähigkeiten mit einbezieht.

Allgemein halte ich die Frage, wie nicht-begriffliche Fähigkeiten der Repräsentation zu verstehen und zu charakterisieren sind, für eine spannende Forschungsfrage. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei, dass gute Gründe dafür sprechen, dass es solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten gibt (auch wenn ich Theorien nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins kritisch gegenüber stehe). So zeigen etwa Kleinkinder und Tiere Fähigkeiten, die deutlich über das Vorhandensein reiner Reiz-Reaktions-Schemata hinausgehen, und die ein gewisses Maß an Normativität und Rationalität implizieren, die aber dennoch nicht die Komplexität und Generalisierbarkeit begrifflicher Fähigkeiten aufweisen. Doch wie genau sind solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten zu verstehen? Mein Ansatzpunkt bei der Beantwortung dieser Frage ist, dass es sich hierbei um Formen des “Wissens-wie” handelt. Erst wenn wir diese besser verstehen, können wir sowohl Fragen nach der Entwicklung spezifisch menschlicher Fähigkeiten als auch Fragen nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen menschlichen und tierischen Fähigkeiten beantworten.

Als Neurophilosophin interessiert mich schließlich auch die etwas übergreifendere Frage, ob und inwiefern die Neurowissenschaften zu einem besseren Verständnis menschlicher Fähigkeiten (wie etwa der Fähigkeit zum Selbstbewusstsein) und deren Beeinträchtigungen (wie wir sie beispielsweise in psychopathologischen Störungen beobachten können) beitragen können. Grundsätzlich bin ich dabei skeptisch gegenüber reduktionistischen Ansätzen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass philosophische Theorien offen gegenüber den Erkenntissen der empirischen Wissenschaften sein sollten (und umgekehrt). Deshalb möchte ich in Zukunft – u.a. anhand von konkreten Beispielen, etwa aus der Philosophie der Psychiatrie – vor allem der Frage des meiner Meinung nach noch weitgehend ungeklärten Verhältnisses von personalen und subpersonalen Erklärungsebenen nachgehen.

Neben der philosophischen und interdisziplinären Forschung interessiert mich auch die Frage, wie man Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und als Wissenschaftler in einen Dialog mit der Gesellschaft treten kann. Im Rahmen meiner Tätigkeit für das Forum for European Philosophy in London habe ich zu diesem Zweck regelmäßig öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit verschiedenen Formaten organisiert; ähnliches versuchen wir – in kleinerem Rahmen – auch in Magdeburg. Meine Erfahrung dabei ist, dass ein großer Bedarf nach der Beschäftigung mit philosophischen Fragen besteht – unser Fach ist also keineswegs dabei (wie häufig befürchtet wird) an Relevanz zu verlieren; ganz im Gegenteil!

Für weitere Informationen: www.kristinamusholt.wordpress.com

Logik Philosophie des Geistes Sprachphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Wissenschaftstheorie
16.09.2014

Christine Bratu

Aktuell bin ich wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophie IV der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Davor war ich seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin, zuerst am Geschwister-Scholl-Institut für politische Wissenschaft der LMU und seit 2009 an meiner jetzigen Fakultät. 2011 wurde ich mit einer Arbeit zu den Grenzen staatlicher Legitimität promoviert, die von Julian Nida-Rümelin und Elif Özmen betreut wurde. Seit 2010 bin ich Frauenbeauftragte der Fakultät, und seit dem Sommersemester 2013 organisieren meine Kollegin Mara-Daria Cojocaru von der Hochschule für Philosophie und ich gemeinsam die Werkstattgespräche Frauen in der Philosophie. Zweck dieser Veranstaltungsreihe ist es, den Studierenden unserer Hochschulen zu zeigen, dass auch Frauen erfolgreich Philosophie betreiben. Während Studium und Promotion wurde ich durch die Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert und 2012 erhielt ich von den Studierenden meiner Fakultät den Preis für gute Lehre in der Kategorie Nicht-Habilitierte.

Mein Themenschwerpunkt liegt in der praktischen Philosophie und hier insbesondere in der politischen Philosophie und Ethik. Eine Frage aus der politischen Philosophie, die mir besonders am Herzen liegt, ist die nach der Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus bzw. gerechtfertigtem Dissens hinsichtlich normativer Überzeugungen. Ist es möglich, dass zwei Personen zu einer normativen Frage – etwa der, was das gute Leben für den Menschen ausmacht – unterschiedlicher Überzeugung sind, ohne dass sich dabei eine von beiden irrt (oder beide)? Meiner Ansicht nach kann dies der Fall sein. Denn zum einen dürfen wir nicht ausgehend von einem externen Standpunkt beurteilen, ob eine Person in einer normativen Überzeugung gerechtfertigt ist. Stattdessen müssen wir uns deren epistemischen Standpunkt zu eigen machen und überprüfen, ob sie selbst über gute Gründe für die fragliche Überzeugung verfügt. Zum anderen gibt es normative Überzeugungen, die sich wechselseitig ausschließen. Das gute Leben für den Menschen kann bspw. nicht gleichermaßen im Müßiggang und darin bestehen, die eigenen Talente zu perfektionieren. Zusammen führen diese beiden Annahmen dazu, dass normative Überzeugungen pfadabhängig sind. Denn mit welchen normativen Überzeugungen eine Person startet, bedingt, an welchen weiteren normativen Überzeugungen sie gerechtfertigterweise festhalten darf. Pfadabhängigkeit wiederum ermöglicht gerechtfertigten Dissens: Wenn zwei Personen mit unterschiedlichen normativen Überzeugungen starten, werden sie im Folgenden in unterschiedlichen normativen Überzeugungen gerechtfertigt sein.

Die Möglichkeit von gerechtfertigtem Dissens ist wichtig für viele weitere Forschungsfragen, die mich interessieren. Auf der Grundlage dieses Ergebnisses konnte ich bspw. in meiner Dissertationsschrift den Hauptunterschied zwischen zwei großen Theorielagern der zeitgenössischen politischen Philosophie herausarbeiten, nämlich zwischen (Rechtfertigungs-)Liberalismus und Perfektionismus. Prima facie unterscheiden sich diese Theorien darin, wo sie die Grenzen legitimen staatlichen Handelns ziehen: Gemäß dem Perfektionismus darf der Staat versuchen, die Bürger*innen zu einem guten Leben zu bewegen; dem Liberalismus zufolge muss sich der Staat dagegen aus Fragen des individuellen Lebensvollzugs heraushalten. Der Grund für diesen Unterschied ist aber nicht, dass Perfektionismus und Liberalismus verschiedene Kriterien staatlicher Legitimität anlegen. Denn beide sind sich darin einig, dass ein legitimer Staat nur solche Handlungen vollziehen darf, die vor den Bürger*innen gerechtfertigt werden können. Aber während der Perfektionismus an der Möglichkeit von gerechtfertigtem Dissens zweifelt und annimmt, eine Auffassung vom guten Leben sei vor allen Bürger*innen zu rechtfertigen, glaubt der Perfektionismus an gerechtfertigten Pluralismus und plädiert deswegen für staatliche Neutralität.

Und auch in der Debatte um personale Autonomie spielt die Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus eine große Rolle. Für viele Autor*innen ist ein autonomes Leben eines, das die Person an ihren eigenen Gründen ausrichtet und damit selbst bestimmt. Aber kann man von allen möglichen Lebenswegen annehmen, dass sie von denjenigen, die sie beschreiten, in diesem Sinne selbst bestimmt wurden? Wie steht es bspw. mit Menschen in unterdrückerischen Verhältnissen, die diese hinnehmen und ihre Spielregeln internalisieren? Haben solche Personen nicht eigentlich Grund dazu, sich gegen ihre Situation zu wehren? Doch wenn ihr konformistisches Leben nicht gerechtfertigt ist, wie kann dieses dann als autonom bezeichnet werden? Akzeptiert man wie ich die Möglichkeit gerechtfertigten Dissenses, muss man mit diesem letzten Verdacht vorsichtig sein. Denn um zu beurteilen, ob das Leben einer Person an ihren eigenen Gründen ausgerichtet und damit autonom ist, muss man sich deren epistemischen Standpunkt zu eigen machen und darf nicht ausgehend von den eigenen Gründen schließen. Die Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus legt daher ein prozedurales und kein substantielles Verständnis von Autonomie nahe.

Wie wir mit unterdrückerischen Verhältnissen umgehen sollten, ist auch ein Gegenstand der Habilitationsschrift, an der ich gegenwärtig arbeite. Diese dreht sich um die Frage, ob wir uns selbst Respekt schulden, warum dies der Fall ist und was dies konkret bedeutet. Ich möchte damit die Kantische Denkfigur der Pflichten gegenüber sich selbst wiederbeleben, wenngleich mit anderen Inhalten. Dabei will ich deutlich machen, dass wir uns nicht deswegen selbst respektieren sollten, weil wir dadurch bestimmte  Werte realisieren. Denn eine solche Begründung würde zwar den instrumentellen Wert von, aber keine individuelle Pflicht zum Selbstrespekt etablieren. Stattdessen werde ich argumentieren, dass wir uns deswegen selbst ernst nehmen sollten, weil wir uns selbst gegenüber in einer besonderen Beziehung, einer Beziehung der Intimität stehen, aus welcher besondere Pflichten resultieren, wie etwa die zum Selbstrespekt.

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
03.09.2014

Katja Crone

Seit 2014 bin ich Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Geistes an der TU Dortmund. Studiert habe ich die Fächer Philosophie und Literaturwissenschaften in Montpellier und Hamburg. Nach einem Forschungsaufenthalt in London habe ich 2004 an der Universität Hamburg promoviert. Danach war ich zunächst für viereinhalb Jahre als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Nationalen Ethikrates beschäftigt, später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle, an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Berlin School of Mind and Brain und zuletzt an der Universität Mannheim.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes (vorrangige Themen sind: Selbstbewusstsein, personale Identität, phänomenales Bewusstsein), in der Erkenntnistheorie und in der Philosophiegeschichte (Kant und Fichte). Darüber hinaus interessiere ich mich für Themen der Sprachphilosophie und der Anthropologie.

Vor und während meiner Promotion habe ich mich hauptsächlich mit philosophiehistorischen Themen beschäftigt, insbesondere mit der theoretischen Philosophie Kants und Fichtes, aber auch mit Descartes‘ Erkenntnistheorie. Im Rahmen meiner Doktorarbeit über Fichtes Theorie der Subjektivität (erschienen 2005) haben mich vor allem Argumente interessiert, die sich in gegenwärtige systematische Debatten einbringen lassen. Dies betrifft beispielsweise die von Fichte vertretene Auffassung, dass die Fähigkeit zu Selbstbewusstsein ein nichtreflektiertes Selbsterleben eines empfindenden Organismus voraussetzt – eine Argumentation, die sich sowohl in neueren analytischen und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen (z.B. bei Bermúdez) als auch in phänomenologischen Ansätzen (z.B. bei Zahavi, Gallagher) wiederfindet. Die praktische Fundierung von Selbstbewusstsein, für die Fichte argumentiert, ermöglicht weitere interessante Bezüge etwa zu zeitgenössischen Theorien personaler Autonomie und Selbstevaluationen (z.B. Frankfurt, Bratman).

Nach meiner Promotion habe ich mich vor allem systematischen Themen der Philosophie des Geistes zugewendet. Meine Habilitationsschrift (erscheint 2015) befasst sich mit einem psychischen Phänomen, das ich das „biographische Selbstverständnis von Personen“ nenne. Gemeint ist die Fähigkeit von Personen, sich Persönlichkeitseigenschaften wie „schüchtern“, „gesellig“ oder „ängstlich“ zuzuschreiben, wobei die Personen diese Selbstzuschreibungen begründen, indem sie sich auf Episoden ihres Lebens beziehen. Personen bilden Repräsentationen von eigenen früheren Verhaltensweisen, die sie als typisch betrachten und in ihr Selbstbild integrieren. Dieses Phänomen ist bislang von Theorien so genannter narrativer Identität untersucht worden, welche die beschriebenen Selbstbezugnahmen auf die Konstruktion von Selbst-Narrationen zurückführen (z.B. Carr, Schechtman, Bruner). Meine These ist, dass diese Theorien nur unzureichend erfassen, wie das biographische Selbstverständnis von Personen beschaffen ist. Denn die Eigenschaften von Selbst-Narrationen (z.B. episodische Einheit, Kohärenz, Unterstellung von Rationalität, soziale Einbettung etc.) klären meiner Argumentation zufolge nur einen Teil des Zielphänomens. Explanatorisch relevant sind darüber hinaus strukturelle und epistemische Eigenschaften des Selbstbewusstseins, worüber beispielsweise gezeigt werden kann, warum man mit solchen Selbstzuschreibungen einen besonderen epistemischen Anspruch erhebt (der zumeist allerdings nicht berechtigt ist). Auch wird in vielen existierenden Debatten der Begriff der Identität – in der Bedeutung von „Persönlichkeit“ oder „Persönlichkeitskern“ – uneindeutig verwendet und oft mit dem Begriff der numerischen Identität über die Zeit hinweg verwechselt. Ich mache in meinem Buch einen Klärungsvorschlag und zeige zudem, inwiefern das Bewusstsein, als numerisch identisches Subjekt über die Zeit hinweg zu existieren, die Bedingung für ein biographisches Selbstverständnis ist. In methodologischer Hinsicht verwende ich einen integrativen Ansatz, der sprach- und begriffsanalytische, phänomenologische und empirische Perspektiven miteinander verbindet.

In nächster Zeit möchte ich mich mit dem Thema „Intersubjektivität“ im weitesten Sinn beschäftigen. Für besonders relevant und bislang noch wenig untersucht halte ich den Zusammenhang von sozialer Kognition (Bedingungen für das Verstehen und Wahrnehmen anderer Personen) und der Natur und Struktur eines „Wir“- oder Gruppen-Bewusstseins.

Logik Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Sprachphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus
20.08.2014

Tatjana Schönwälder-Kuntze

Ich studiere seit über 25 Jahren Philosophie und obwohl mir die Akademia manchmal fast die Lust daran genommen hat, hat die Leidenschaft doch bis heute immer wieder gewonnen. Was mich seit jeher interessiert, ist die Frage, wie wir Menschen ‚funktionieren‘, warum wir so und nicht anders denken und handeln – wobei ich zu Beginn noch ziemlich naiv davon ausgegangen war, dass die europäischen philosophischen Positionen, die ich kennen lernte, universelle Wahrheiten präsentierten. Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Spanien habe ich in München zu studieren begonnen: Philosophie, Psychologie und Logik & Wissenschaftstheorie. Das hieß zunächst zahlreiche Seminare über Descartes und Hegel zu besuchen. So hatte ich wenigstens die notwendige Basis, um Sartres Bewusstseinsphilosophie lesen und verstehen zu können – wozu ich dann die Magisterarbeit geschrieben habe. Nach einem dreijährigen Ausflug in die ‚freie‘ Wirtschaft als rechte Hand der Chefredaktion einer Computerfachzeitschrift und nach der Geburt unserer Kinder konnte ich es aber nicht mehr aushalten: Ich musste zurück in die Philosophie. So habe ich mich weiter mit Sartre befasst, aber diesmal mit der Frage, ob und wie seine ‚phänomenologische Ontologie‘ eine Ethik begründen könnte – daraus ist mithilfe eines Graduiertenstipendiums die Dissertation entstanden.

Auf meine immer noch virulente grundlegende Frage fand ich hier einige Antworten: Denn nach Sartre kommen wir Menschen nicht mit einem gegebenen Set an Eigenschaften zur Welt, sondern wir werden zu dem, was wir dann darstellen oder darstellen wollen, weil wir uns unaufhörlich selbst entwerfen und uns zugleich von anderen spiegeln lassen, wer wir zu sein haben, weil wir in bestimmte sozio-kulturell-historische Situationen hineingeboren werden, an denen wir uns orientieren, die uns prägen, ohne uns zu determinieren, weil wir uns zu ihnen immer auch kritisch-reflexiv verhalten können. So war alles wieder offen und vor allem: relativiert hin auf die Geschichte, die Kultur, den Augenblick des Auftauchens in der Menschengemeinschaft. Da ich für das Rigorosum in Logik & Wissenschaftstheorie u.a. feministische Wissenschaftstheorie gewählt hatte, schienen mir nach der Promotion zwei Einsichten unabweisbar: zum einen, dass das ‚Geschlecht‘ zu weiten Teilen bestimmt, wie Menschen andere Menschen sehen und worauf sie sie festlegen; und zum anderen, dass für die Variabilität des menschlichen Denkens und Handelns die ökonomischen Bedingungen eine wesentliche Rolle spielen. Deshalb war es ein echter Glücksfall, dass Ende der 1990er Jahre Karl Homann in München einen Lehrstuhl für Philosophie und Ökonomik ins Leben gerufen und besetzt hat. Dort war ich erst zwei Jahre mit einem Post-doc-Stipendium wissenschaftliche Mitarbeiterin und dann sechs Jahre Hochschulassistentin.

Im Laufe dieser Zeit habe ich mein ‚philosophisches Spektrum‘ vor allem in drei Richtungen erweitert, die sich stichpunktartig so benennen lassen: Kant und seine kritische Aufklärung; Foucault, Luhmann, Derrida, Spivak u.a. und ihre (dekonstruktive) Aufklärungskritik; sowie last but not least Judith Butler und ihre Kritik an (binär codierter) Normativität – wobei diese Einteilung natürlich nicht trennscharf zu verstehen ist! Umklammert wurde diese Erweiterung von langjährigen Studien zur ziemlich abstrakten, protologischen und semiotischen Differenztheorie G. Spencer Browns, durch die ich vor allem begriffen habe, dass die Art und Weise, in der wir ‚Erkenntnisse‘ darstellen, d.h. letztlich im weitesten Sinne die Theoriebildung selbst, das ist, was den springenden Punkt ausmacht: Indem wir die ‚Wirklichkeit‘ beschreiben, machen wir sie – und als eine Folge auch uns selbst.

Das ist bis heute mein Thema: Theoriebildung in der Praktischen Philosophie, wobei damit erkenntnistheoretische Analysen ebenso miteinbezogen sind wie (sozial-)ontologische. D.h. zum einen zu fragen, welche Effekte die sozio-historisch-ökonomischen Umstände und Praxen, in die wir hineingeboren werden, auf unser Denken und Handeln haben. Zum anderen bedeutet es aber auch zu fragen, wie sich das in den Theorien spiegelt, die wiederum darauf Einfluss haben, welches Selbstverhältnis bzw. -verständnis wir generieren, welche Auffassungen die Menschen über sich haben und kolportieren. Allerdings gibt es wohl trotz aller Variabilität doch so etwas wie ein proto-anthropologisches Netz aus Bedingungsmomenten, ohne die kein Mensch werden könnte. An der Grundlegung so eines post-kantischen Ethik-Modells arbeite ich u.a. auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der DFG derzeit noch als Fellow am Institut für Sozialforschung in Frankfurt – es hat mich auch ein halbes Jahr nach Berkeley gebracht, um im Rahmen des critical theory program zu forschen und zu lehren.

Meine wichtigsten Publikationen:

  • Authentische Freiheit. FfM: Campus 2001; Störfall Gender. Grenzdiskussionen in und zwischen den Wissenschaften. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003 (zus. mit Katrin Wille u.a.);

  • George Spencer Brown. Eine Einführung in die Laws of Form. Wiesbaden: VS 2004/20092 (zus. mit Katrin Wille u.a.);

  • Freiheit als Norm. Moderne Theoriebildung und der Effekt Kantischer Moralphilosophie. Bielefeld: transcript 2010.

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Metaphysik/Ontologie Wissenschaftstheorie Allgemeine Ethik
06.08.2014

Dagmar Comtesse

Das Jahr an der Sciences-Po in Paris war die einzige örtliche Ausnahme meines in Frankfurt am Main verbrachtem Studium der Geschichtswissenschaften, der französischen Sprache (beides mit Abschluss des Staatsexamens 2004) und der Philosophie (Abschluss Magister 2006). Nach einem spannenden Jahr als Mentoring-Beauftragte des Fachbereichs, in welchem ich zwar erreichte, dass ein akademisches Förderprogramm nur für weibliche Absolventinnen eingerichtet wurde, aber leider auch dessen Abschaffung – mit dem Grund der Benachteiligung von männlichen Absolventen – im darauffolgenden Jahr erleben musste, konnte ich 2008 im Exzellenzcluster „Normative Orders“ – im disziplinären Spannungsfeld von Geschichtswissenschaften und Philosophie verbleibend – eine Mitarbeiterstelle annehmen, die am Lehrstuhl „Wissenschaftsgeschichte“ von Prof. Moritz Epple angesiedelt ist. Die mehrfache Doppelung von Geschichtswissenschaften und Philosophie während meiner akademischen Ausbildung hat sich nachhaltig auf mein Denken ausgewirkt: Der Einblick in die irreduzible Historizität von Epistemologien einerseits und in die auf keine Gesetzmäßigkeit zurückführbare Vielfalt der Geschichte andererseits führten zum Bruch mit allen Letztbegründungsansprüchen. Die Annahme, dass Begründungen immer kontingent zu denken sind – contingent foundations, wie es Judith Butler ausdrückt -, steht allerdings in Spannung zu meinen Überlegungen über den Zusammenhang von Anthropologie und politischer Philosophie, die gegenwärtig mein Hauptinteresse bilden. Die Vereinbarkeit von Kontingenz und (politischer) Anthropologie ist also meine derzeitige Denkaufgabe, der ich mich ansatzweise in der Überarbeitung meiner Doktorarbeit über die politische Philosophie Rousseaus widme, die jedoch auch die Grundlage eines nächsten Forschungsprojektes bildet.

Meine Dissertation, die den Titel „Postnationale Volkssouveränität. Eine Aktualisierung Rousseaus“ trägt und die ich bei Prof. Rahel Jaeggi in Berlin und Prof. Axel Honneth in Frankfurt schreiben konnte, geht von der politischen Motivation aus, die kontingente Verbindung von Volkssouveränität und Nationalstaat lösen zu wollen und eine postnational konzipierte Volkssouveränität in den juridisch dominierten Diskurs über die Europäische Union zu bringen. Diese Motivation ergibt sich aus meiner Empörung über die offene Angst vor den Massen, die viele und vor allem maßgebliche TheoretikerInnen des EU-Diskurses hegen und dabei skrupellos die Governance-Struktur der EU als rationale Zähmung des immer zum „ethnischen Exzess“ neigenden Volkes (Joseph H.H. Weiler, Harvard 1995) verteidigen. Mein Festhalten am Begriff der Volkssouveränität gründet sich auf dem radikaldemokratischen Potential, das ich in der Rousseau’schen Fassung der Volkssouveränität sehe. Dieses besteht jedoch nicht in erster Linie in der direkten Demokratie, die meist mit Rousseau assoziiert wird, sondern im umfassenden Herrschaftsanspruch des Volkes, der am besten als Politisierung und Demokratisierung der Subjektivierungsmächte zu fassen ist. In der Tat lässt sich Rousseaus politische Philosophie auch im Hinblick auf die Zentralität des Konfliktes in den gegenwärtigen Diskurs der radikalen Demokratietheorie einordnen. Dies mag überraschen, da Rousseau vielen als Inbegriff eines Konsens- und Homogenitätsdenkers gilt. Doch geht Rousseau von einem fundamentalen und notwendigen Konflikt zwischen legislativ-konstituierender und exekutiver Macht aus und konzipiert bei genauer Lektüre auch die kollektive Willensbildung als einen Prozess des durchaus kontroversen Meinungsaustausches und einer starken subjektiven Urteilskraft. Problematisch ist dagegen Rousseaus Anthropologie für das Kontingenzdenken der (post)modernen Radikaldemokraten. Allerdings sehe ich im Anschluss an Frederick Neuhousers Rousseau-Interpretation (auf dt: Pathologien der Selbstliebe, Berlin 2013) gerade in der Sozialanthropologie Rousseaus ein explanatorisches und normatives Potential, das für eine politische Philosophie höchst fruchtbar sein kann. Es ist für mich eine offene Frage, inwieweit die ontologischen Annahmen der heutigen Radikaldemokraten von einer solchen Anthropologie nicht ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Die Überlegungen über den Zusammenhang von politischer Philosophie und Anthropologie werden durch meine Projektarbeit verstärkt, in der ich mich mit dem Sensualismus und Materialismus der französischen Aufklärer beschäftige. Während das Projekt allgemein auf die Übersetzung und Kommentierung der theoretischen Grundierung der Encyclopédie abzielt, die Jean le Rond d’Alembert 1759 nach dem Verlassen des Encyclopédie-Projektes in seinem Essai sur les Elements de Philosophie zum Ausdruck gebracht hat, geht es mir im Speziellen um die Frage, ob man von einer politischen Philosophie der Encyclopédie sprechen kann. Dabei verstehe ich unter einer politischen Philosophie – gerade in Abgrenzung zu einer bloßen Theorie – die Verbindung von ontologischer und ontischer Ebene (Mouffe, Frankfurt 2007) bzw. von anthropologischen oder epistemologischen Voraussetzungen mit institutionellen Überlegungen oder phänomenologischen Diagnosen. Anhaltspunkte dafür finden sich zum einen in den Texten d’Alemberts, zu denen auch der berühmte Discours Préliminaire gehört. Zum anderen kann man die Strategie der Enzyklopädisten, die darin besteht, revolutionäre politische Positionen – oftmals durch Verweise verdeckt – im Rahmen des epochalen Gesamtwerkes in die sich etablierende bürgerliche Öffentlichkeit einzuschleusen, als Beleg für eine wissensbasierte Transformationstheorie ansehen. Zentral für die These einer politischen Philosophie der Encyclopédie ist die sensualistisch-materialistische Epistemologie der Enzyklopädisten, die bestimmte moralisch-politische Positionen – bspw. die Gleichheit aller Menschen oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse – impliziert. Auch wenn die These der politischen Wirkung der Encyclopédie unbestritten ist (z.B. J. Israel, Oxford 2006) und der Nachweis einer politischen Philosophie bei d’Alembert gelingen mag (ansatzweise Comtesse, 2012: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/24284/Wissensordnung_als_Kritik_final.pdf), stellen sich hier die Probleme eines fast unüberschaubaren Autorenkollektivs und eines schwer eingrenzbaren Textkorpus.

Mein Forschungsschwerpunkt der politischen Philosophie umfasst neben dieser Fokussierung auf das 18. Jahrhundert auch die aktuelle Debatte um Postdemokratie (Comtesse/ Meyer, Zeitschrift für pol. Theorie, 2/ 2011 und 1/2012), die Ideen- und Begriffsgeschichte des Republikanismus und den spezifischen Beitrag feministischer Theorien zur Kritik und Erweiterung politischer Philosophie.

Weitere Informationen und die Möglichkeit des – immer erwünschten – Kontaktes:
http://www.normativeorders.net/de/organisation/mitarbeiter-a-z?view=person&id=34

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Anthropologie Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie
24.07.2014

Magdalena Balcerak Jackson

Ich bin seit August 2015 Assistant Professor am Department of Philosophy der University of Miami. Zuvor war ich Research Fellow am Zukunftskolleg und am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz und Ko-Direktorin einer DFG Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“. Ich arbeite vor allem in Philosophie des Geistes und Erkenntnistheorie, habe aber auch ernsthaftes Interesse an Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie und Phänomenologie. Ich habe bisher über folgende Themen geforscht und publiziert: Intentionalismus in der Philosophie des Geistes, die Anwendung der zwei-dimensionalen Semantik auf Theorien des Gehalts bewusster Erlebnisse, Begriffsanalyse, Sprachverstehen, apriorisches Wissen, Gedankenexperimente und rationales Überlegen.

Mein derzeitiges Hauptprojekt beschäftigt sich mit der Imagination (oder Vorstellungskraft). Das erste, woran die meisten von uns im Zusammenhang mit Imagination denken, ist unsere Fähigkeit fantastische und oft ästhetisch wertvolle fiktionale Charaktere, Szenarien und Geschichten zu erschaffen. Aber Imagination spielt auch eine wichtige Rolle beim Erwerb von Wissen: Wenn wir uns entscheiden, wie wir handeln sollen, wenn wir die Gedanken und Emotionen unserer Mitmenschen lesen, wenn wir Gedankenexperimente betreiben, machen wir von unserer Fähigkeit uns nicht-aktuale Szenarien vorzustellen Gebrauch. Diese Rolle der Imagination hat in der analytischen Philosophie bisher wenig Beachtung gefunden. Die entscheidende Frage, der ich nachgehe, ist die Frage, ob die Rolle der Imagination in diesen kognitiven Projekten tatsächlich eine epistemische Rolle ist. Ist Imagination tatsächlich eine Quelle von Rechtfertigung und nicht bloß eine heuristische Hilfskapazität? Die Orthodoxie in der neueren philosophischen Tradition seit Wittgenstein und Sartre ist der Ansicht, dass Imagination keine rechtfertigende Rolle spielen kann, weil wann wir uns etwas vorstellen und was wir uns vorstellen, unter unserer Kontrolle ist, und weil das Reich der Imagination, anders als unsere Realität, unbegrenzt ist. Ich versuche zu zeigen, dass diese Orthodoxie wichtige Merkmale der Imagination übersieht.

Manche Philosophen behaupten, dass Imagination uns zwar nicht sagen kann, was tatsächlich der Fall ist, dass Imagination aber ein guter Wegweiser dazu ist, was (metaphysisch) möglich ist. Das Problem ist, dass es in dieser modalen Erkenntnistheorie komplett mysteriös bleibt, warum und wodurch Imagination uns über den Bereich des Möglichen unterrichten könnte. Mein Ansatz ist es, die erkenntnistheoretischen Fragen über die Imagination auf der Grundlage einer detaillierten Erforschung der Imagination als einer psychologisch realisierten kognitiven Kapazität zu thematisieren. Dem Wesen nach ist Imagination eine Simulationsfähigkeit. Wenn wir uns vorstellen, eine rote Kirsche zu sehen, dann versetzen wir uns in die Perspektive eines möglichen Subjektes, das eine Wahrnehmungserfahrung einer roten Kirsche hat. Ich entwickele und verteidige eine spezifische Simulationstheorie der Imagination und erkläre, wie diese Theorie uns erklären kann, dass Imagination uns Rechtfertigung für interessante Überzeugungen über die Struktur unserer Erfahrung und über die Struktur unserer Welt gibt.

Ich glaube, dass diese Untersuchung der Imagination aus der Perspektive der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie zugleich uns interessante und überraschende Tatsachen über diese faszinierende kognitive Kapazität erschließt, wie die beiden folgenden: Obwohl Imagination ihrem Wesen nach mentale Erfahrungen wie Wahrnehmungen simuliert, kann Imagination uns apriorische Rechtfertigung liefern. Und, obwohl wir in Imagination die Perspektive anderer Subjekte annehmen können, indem wir uns etwa vorstellen, Napoleon zu sein, bleibt jeder Imaginationsakt immer egozentrisch.

Es gibt auch ein zweites Projekt, das mich derzeit viel beschäftigt: Ich untersuche die Psychologie und die Erkenntnistheorie unserer Fähigkeit des rationalen Überlegens. Ich versuche zu zeigen, daß rationales Überlegen nicht nur Rechtfertigung von den Prämissen auf die Schlußfolgerung überträgt, sondern auch neue Rechtfertigung generiert. Allgemeiner glaube ich, dass wir eine ganze Reihe von kognitiven Kapazitäten besitzen, die es uns erlauben, basale Information zu interpretieren – bzw. zu erkennen, was aus was folgt – und dass diese kognitiven Kapazitäten eine Dimension unserer Rationalität ausmachen, die in der Erkenntnistheorie mehr Beachtung finden sollte.

Ich bin gebürtige Polin, bin 1988 – also knapp vor der Wende – mit meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland immigriert und im Rheinland aufgewachsen. Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Bonn. Promoviert habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Universität zu Köln, wobei ich den Großteil meiner Promotionszeit nicht in Deutschland, sondern an der Australian National University in Canberra und an der University of California in Davis, USA verbracht habe. Nach einer einjährigen Tätigkeit als Lecturer an der UC Davis und einem Post-Doc an der Australian University kehrte ich 2009 nach Deutschland zurück, um zusammen mit meinem Kollegen und Partner Brendan Balcerak Jackson eine durch die DFG bewilligte Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“ an der Universität zu Köln aufzubauen. 2013 zogen wir mit unserer Gruppe an die Universität Konstanz, um zusätzlich neue individuelle Projekte am interdisziplinären Zukunftskolleg zu verfolgen. In meinem Fall ist dies das Projekt über „Imagination und Reasoning“.

Ich bin nicht nur Philosophin, sondern auch Mutter einer tollen einjährigen Tochter, Leseratte, passionierte Weltbereiserin, und Yoga-Schülerin. Mehr über mich als Philosophin und viele meiner Arbeiten findet man aber unter: http://www.mbalcerakjackson.net

Logik Erkenntnistheorie Philosophie des Geistes Sprachphilosophie Wissenschaftstheorie
08.07.2014

Stefania Maffeis

Ich bin seit 2010 im Rahmen einer von der DFG finanzierten „Eigenen Stelle“ am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.

Dort arbeite ich an einem Habilitationsprojekt über die transnationale Zirkulation von politischen Ideen im Werk und in der Rezeption Hannah Arendts zwischen Deutschland und den USA von den 1940er Jahren bis Mitte der 2000er Jahre. Hauptsächlich konzentriere ich mich auf die Debatten um den Totalitarismus und den Eichmann-Prozess. Insbesondere analysiere ich, auf welche Art und Weise Arendts Konzept des „Politischen“ und die intellektuelle Figur „Hannah Arendt“ performativ hervorgebracht, anerkannt und abgelehnt, universalisiert und partikularisiert, zwischen unterschiedlichen historischen, sozialen und nationalen Räumen übersetzt und transformiert wurden.

Bei meiner Untersuchung verfolge ich zwei Hauptinteressen. Zum einen betrachte ich das Philosophieren und Theoriebilden als besondere soziale Praxis, die unter bestimmten historischen, politischen und ökonomischen Bedingungen stattfindet, von einer Kollektivität von unterschiedlich positionierten Agent_innen öffentlich praktiziert wird, implizite wie explizite Wissenselemente mobilisiert, soziale und symbolische Effekte ausübt. Methodisch und theoretisch stütze ich mich auf wissenssoziologische und wissenschaftsphilosophische Ansätze, insbesondere auf die Praxeologie und Feldanalyse Pierre Bourdieus sowie auf weitere Autor_innen wie Michel Foucault, Judith Butler, Luc Boltanski, und Bruno Latour.

Mein zweites Interesse gilt zum anderen der transnationalen Ideenzirkulation, die ich als eine besondere theoretische Praxis und als Forschungsperspektive auffasse. Als Prozess der Theoriebildung analysiere ich die Übertragung von Ideen zwischen unterschiedlichen nationalen Kontexten, um inhaltliche Sinnverschiebungen, soziale wie epistemische Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen, Konstituierungen und Reorganisierungen von sozialen Räumen und Philosophieverständnissen zu erfassen. Als Forschungsperspektive ermöglicht mir die transnationale Dimension, die Sozialität und geopolitische Situiertheit der Philosophie in prägnanter Weise zu erhellen. Die Spezifizität bestimmter lokaler und nationaler „Denkstile“, die in philosophischen Schriften meistens nicht explizit und nicht unmittelbar ersichtlich sind, wird durch die Arbeit an ihrer Übersetzung und Übertragung oft erst reflektierbar.
Bei dieser Frage berücksichtige ich Studien und Ansätzen aus den Translation Studies, der Entangled History und der postkolonialen Philosophie.

Mein Forschungsprogramm sehe ich als hermeneutischen, ideologiekritischen und metaphilosophischen Beitrag zur Philosophie selbst. Theoriebildung als soziale Praxis zu betrachten heißt, ein komplexeres und adäquateres Verständnis philosophischer Schriften im Bezug auf ihre Entstehungs- und Rezeptionskontexte zu erschließen. Indem sie reflektiert, wie Theorien „gemacht“ werden, kann meine Analyse außerdem Universalisierungen partikularer Standpunkte sowie soziale Kategorisierungen sichtbar machen und korrigieren, die in philosophische Texte und Vorträge unkontrolliert einfließen. Schließlich versuche ich, eine neue Methodologie der Philosophieforschung am Fallbeispiel „Hannah Arendt“ zu erproben, die auch anhand anderer Theorien und Beispiele weiterentwickelt werden könnte.
Meine ersten Arbeitshypothesen und Ergebnisse wurden in dem Aufsatz „Eine Feldanalyse der Philosophie am Beispiel von Performing ‚Hannah Arendt’: methodologische Betrachtungen“ veröffentlicht.

Ich habe Philosophie und Geisteswissenschaften an der Universität Parma mit Schwerpunkt auf deutscher Hermeneutik studiert. Zur Zeit meines Studiums entwickelte ich ein spezifisch politisches Interesse für Theorien im Rahmen von feministischen Lesekreisen, bildungspolitischen Veranstaltungen und politischen Aktionen an der Frauenuniversität in Verona und Brescia. 1998 kam ich zum ersten Mal dank eines Erasmus-Stipendiums und mit sehr rudimentären Deutschkenntnissen nach Berlin. Mein Studium schloss ich 2000 in Parma mit einer Magisterarbeit über die soziologische und die ontologische Hermeneutik von Pierre Bourdieu und Hans Georg Gadamer ab.

Im Jahr 2001 verlegte ich meinen ständigen Wohnsitz nach Berlin, diesmal mit dem Ziel einer Promotion, die ich 2005 an der Freien Universität Berlin unter Hauptbetreuung von Prof. Gunter Gebauer und dank eines Promotionsstipendiums im Rahmen des Berliner Nachwuchsförderungsgesetzes (NaFöG) abgeschlossen habe.

Meine Migrationserfahrung veränderte auf radikale Weise nicht nur meine Lebenssituation, sondern auch meine Art zu philosophieren. Das Problem der Beziehung zwischen Theorie und Praxis, Wahrheit und Geschichte, Erkenntnis und Weltsprachen stellte sich mir in seiner Dringlichkeit dar. Erstaunt über die rasche und endgültige Verdrängung einer philosophischen Tradition und Denkweise im Prozess der deutschen Wiedervereinigung entschied ich mich für eine Promotionsarbeit über die Philosophie in der DDR. Ich untersuchte die Verflechtungen zwischen Philosophie und Politik und ihre Transformationsprozesse von der Nachkriegszeit bis zur Zeit der deutschen Einigung. Insbesondere verfolgte ich den Diskurs um Friedrich Nietzsche. Ich führte Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen DDR-Philosoph_innen, stützte mich auf philosophie- und sozialhistorische Studien, auf Archivmaterialien verschiedener DDR-Institutionen und auf philosophische Texte. Die Arbeit wurde 2007 im Campus Verlag mit dem Titel Zwischen Wissenschaft und Politik. Transformationen der DDR-Philosophie 1945-1993 veröffentlicht.

Nach der Promotion und bis zur Bewilligung des DFG-Projekts war ich als Lehrbeauftragte für Philosophie, sowie als Sprachdozentin und Übersetzerin in Berlin tätig. Durch den Kontakt mit der transdisziplinären und transnationalen Forschergruppe ESSE (Espace des Sciences Sociales Européennes), die im Anschluss an Pierre Bourdieu zur transnationalen Ideenzirkulation arbeitete, begann ich, mein aktuelles Forschungsthema zu konzipieren.

Ich bin seit 2010 Vertrauensdozentin der Rosa Luxemburg Stiftung. Dabei engagiere ich mich in den Auswahlausschüssen für die Vergabe von Studiums- und Promotionsstipendien sowie in den Bewerbungsgesprächen mit Kandidat_innen.

Im Rahmen meiner Stelle biete ich regelmäßig Seminare zur politischen Philosophie an, die auch über mein spezifisches Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Theorien der politischen Gewalt, Staatsbürgerschaft, Kritik und Praxis, Exil und Migration.

Im Herbstsemester 2013 war ich DAAD-Stipendiatin und als research fellow am Hannah Arendt Center for Politics and the Humanities am Bard College in New York tätig.

Für weitere Informationen: http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we01/institut/mitarbeiter/drittmittel/maffeis/index.html

Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Wissenschaftstheorie
28.05.2014

Monika Betzler

Ich bin derzeit Ordentliche Professorin für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Bern/Schweiz. Mein erstes Hauptinteresse gilt Themen, die mit unserer eigenen Lebensführung zu tun haben. Es geht mir hierbei um ein Verständnis derjenigen Probleme und Zusammenhänge, die unser Handeln über die Zeit hinweg aus unserer erstpersonalen Perspektive betreffen.

Dazu gehören Fragen der Autonomie, des Wohlergehens, Formen praktischer Irrationalität (wie etwa Willensschwäche und inverse Akrasie), des Wertens, der Rationalität, des diachronen Handelns sowie der Normativität. Ich habe mich auch mit praktischen Konflikten und der normativen Rolle von Emotionen, insbesondere von Bedauern, beschäftigt. So denke ich etwa, dass Bedauern, das sich auf vergangene Entscheidungen richtet, rational sein kann. Dies liegt daran, dass das, was wir einst wertgeschätzt haben und aufgrund eines Konflikts nicht mehr verfolgen können, Gründe generiert, es in bedauernder Form weiter zu schätzen.

In den letzten Jahren galt mein Interesse insbesondere der normativen Bedeutung von persönlichen Projekten. In meinem Buchmanuskript „Why Personal Projects Matter“ zeige ich neben einer Definition von persönlichen Projekten, warum diese eine distinkte Kategorie praktischer Vernunft sind und warum wir persönliche Projekte verfolgen „sollen“. Zum einen geben uns persönliche Projekte, etwa im Gegensatz zu anderen Kategorien praktischer Vernunft, wie Wünsche, Ideale oder Pläne, besondere Gründe: Sie generieren Gründe, sie über Zeit um ihrer selbst willen wertzuschätzen. Zum andern sind persönliche Projekte Ausdruck einer besonderen Art der Bindung („commitment“). Bindungen unterscheiden sich von anderen normativen Kategorien, wie Gründen und rationalen Erfordernissen, dadurch, dass sie modal stringent, aber pro tanto sind. D.h., wir haben in verschiedenen möglichen Welten Grund, unsere persönlichen Projekte weiterzuverfolgen – auch dann, wenn die Gründe, die für diese sprechen, verloren gehen. Dies liegt u.a. daran, dass persönliche Projekte Ausdruck unserer normativen Identität sind. Dies impliziert jedoch nicht, dass wir niemals Grund haben, unsere persönlichen Projekte aufzugeben. Wir haben nur sehr gewichtige Gründe, sie nicht so leicht zu hinterfragen.

Ein zweites Hauptinteresse gilt Themen aus dem Bereich der Sozialphilosophie und der normativen Ethik. Dazu gehören kollektives Handeln, moralische Verantwortung und Formen unmoralischen Handelns, die Reichweite und Grenzen deontologischer Ethik und die Möglichkeit der Integration deontologischer Intuitionen im Rahmen einer konsequentialistischen Moraltheorie, sowie die Familienethik.

Persönliche Beziehungen, Parteilichkeit sowie Rechte und Pflichten von Eltern und Kindern sind Gebiete, zu denen ich in den letzten Jahren verschiedene Forschungsprojekte (zusammen mit mehreren Postdocs – Barbara Bleisch, Magdalena Hoffmann und Jörg Löschke) verfolgt habe.

Hierbei habe ich u.a. versucht zu zeigen, dass Nahbeziehungen besondere Gründe für gemeinsames Handeln konstituieren. Gemeinsame Handlungen, die Beziehungen ausdrücken, lassen sich jedoch nicht über wechselseitige einzelne Absichten analysieren, sondern nur über den Wert der Beziehung selbst. Darüber hinaus glaube ich, dass sich spezielle Pflichten nicht konsequentialistisch rekonstruieren (und auch nicht konsequentialisieren) lassen. Meine Analyse von persönlichen Projekten hat mich dazu motiviert auszuführen, dass die Erziehung zur Autonomie, die Eltern ihren Kindern schulden, über das Wertschätzen von Proto-Projekten erfolgen muss.

Ich habe Philosophie, Literaturwissenschaften sowie Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (M.A. 1988; Dr. phil. 1992) studiert (mit einem vom DAAD finanzierten Auslandsstudium an der Université Lyon II sowie dank der Promotionsförderung durch die Studienstiftung des deutschen Volkes). Während meines Münchner Studiums widmete ich mich zunächst der Geschichte der Philosophie, insbesondere der klassischen deutschen Philosophie. Dies hat mein Interesse an unserem Selbstverhältnis massgeblich beeinflusst.

Nach der Promotion war es mir ein Anliegen, die Welt außerhalb der Universität kennenzulernen und philosophische Themen praktisch anzuwenden. Ich hatte das Glück, ein Traineeship an der „Cellule de Prospective“, einem Think Tank an der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, zu erhalten. So war ich (1992-1993) in Brüssel tätig und beschäftigte mich mit politischer Philosophie, insbesondere mit Fragen zu europäischer Staatsbürgerschaft. Zugleich erkannte ich, dass meine Leidenschaft dem philosophischen Nachdenken gilt, und nahm eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin (später dann als wissenschaftliche Assistentin) an der Georg-August-Universität in Göttingen am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin (1993-2004) an.

Während meiner Assistentinnenzeit verbrachte ich mehrere Jahre in den USA. Ein McCloy Scholarschip der Studienstiftung erlaubte mir zum einen, meine nach wie vor vorhandenen Interessen an der praktischen Umsetzung philosophischer Fragen zu verfolgen. Zum andern war es mir auf diese Weise möglich geworden, die angloamerikanische Philosophie genau kennenzulernen. So absolvierte ich an der Kennedy School of Government der Harvard University ein erneutes Masterstudium der Public Administration und studierte zugleich Philosophie u.a. bei Hilary Putnam, Derek Parfit und Amartya Sen (1994-1996). Es folgte ein weiteres Jahr als Visiting Scholar am Philosophy Department der Harvard University.

Als Feodor-Lynen-Stipendiatin der Humboldtstiftung verbrachte ich schliesslich ein gutes Jahr an der University of California at Berkeley bei Jay Wallace und Samuel Scheffler, die mein Nachdenken über persönliche Projekte maßgeblich beeinflussten (2002-2003).

2005 habilitierte ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wohin ich Julian Nida-Rümelin gefolgt war (2004-2006). Nach einer kurzen Zeit der Oberassistenz erhielt ich zwei Rufe und entschied mich, in die Schweiz zu gehen.

2012-2013 nahm ich ein Visiting Professorship dank eines Fellowships des Murphy Institute am Center for Ethics and Public Affairs an der Tulane University in New Orleans wahr. Seit 2012 bin ich Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Bioethik im Außerhumanbereich.

Für weitere Informationen: http://www.philosophie.unibe.ch/content/ueber_uns/team/mitarbeitende/betzler/index_ger.html

Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
07.05.2014

Louise Röska-Hardy

Ich bin research fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und widme ich mich zurzeit interdisziplinären Fragen zum Phänomen des menschlichen Selbst. Die Frage nach dem Selbst hat Hochkonjunktur in den Neuro- und Kognitionswissenschaften, in der empirisch forschenden Psychologie und in den konstruktivistischen Sozialwissenschaften. Es werden Erklärungsansprüche hinsichtlich des menschlichen Selbst erhoben, aber das Explanandum ist alles andere als klar. Tradierte philosophische Konzeptionen des Selbst – als eine immaterielle oder eine materielle Substanz, als eine transzendentale Entität oder eine transzendentale Struktur der Erfahrung und des Erkennens – helfen hier nur bedingt weiter. Gefragt ist eine begrifflich überzeugende und empirisch informierte philosophische Analyse, die nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften steht.

Meine Forschung gilt den Fragen einer weit verstandenen philosophischen Anthropologie, unter systematischer Berücksichtigung natur-, kognitions- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Hierzu gehören Fragen aus der analytischen Philosophie des Geistes, der Philosophie der Sprache, der Handlungstheorie und der Sozialontologie, aber auch Fragen über die soziale Kognition, insb. die Theory of Mind-Fähigkeit, die Differenz zwischen Menschen und anderen Tieren und den Erstspracherwerb. Seit der griechischen Philosophie der Antike haben PhilosophInnen die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt in historischer wie in systematischer Hinsicht gestellt. Heute erfolgt der Blick auf die Spezifik des Menschen disziplinübergreifend. Eine angemessene philosophische Deutung des Menschen hat die Ergebnisse empirisch forschender Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen wie auch die philosophiehistorischen Wurzeln der anthropologischen Frage zu berücksichtigen.

Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Antike, Altphilologie und Linguistik studierte ich als undergraduate in Atlanta mit SchülerInnen von A.N. Whitehead und Raphael Demos (B.A. 1972). Danach nahm ich ein Promotionsstudium in Philosophie an der Universität von North Carolina-Chapel Hill auf, wo Jay Rosenberg und Paul Ziff meine Auffassung von philosophischer Methode und Praxis maßgeblich beeinflussten. Meine Fachsozialisation fand in Chapel Hill statt und blieb bis heute prägend. Nach dem M.A. 1975 ergab sich die Gelegenheit, die sog. „continental philosophy“ kennenzulernen. Beurlaubt vom Studium in Chapel Hill, kam ich nach Frankfurt am Main, um zeitgenössische deutsche Philosophie zu hören und etwas über die Frankfurter Schule zu erfahren. Was als begrenzter Auslandsaufenthalt konzipiert war, wandelte sich zu einem neuen Wohnsitz. Ich begann ein Promotionsstudium der Philosophie, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, setzte es zeitweilig in Heidelberg fort und promovierte mit einer Arbeit zur Bedeutung in natürlichen Sprachen 1985 in Frankfurt. Während meines Studiums und danach waren die Arbeiten von Donald Davidson zur Philosophie des Geistes, zur Sprachphilosophie und zur Handlungstheorie für mich sehr wichtig.

Nach der Promotion übernahm ich Lehraufträge in der Philosophie und in der Linguistik, weil sie sich mit einer wachsenden Familie vereinbaren ließen. Es folgte Lehrtätigkeit in Darmstadt, Frankfurt am Main, Heidelberg und Bern, eine Gastprofessur in Atlanta und Forschungsaufenthalte in St. Louis 1999 und in New York 2001. Anschließend war ich an interdisziplinären Studien- und Forschergruppen beteiligt: ‚Was macht eine Lebensform human?’ (2002-2003), ‚Was ist der Mensch? Kultur-Sprache-Natur‘ (2004-2007), und ‚Wissen und Können‘ (2008). Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke (2008-2010), bevor ich die Vertretung einer W2-Professur für praktische Philosophie an der TU-Dortmund (2010-2013) übernahm.

Was macht den Mensch zum Menschen? Bereits in der Antike galt die syntaktisch komplexe Sprache als auszeichnendes Merkmal des Menschen. Heute wird die voll entwickelte Theory of Mind-Fähigkeit (ToM) – die Fähigkeit, sich selbst und anderen als geistbegabte Handelnde zu begreifen, als zweites, spezifisch menschliches Merkmal betrachtet. Als ein zentraler Zugang zur Beantwortung der anthropologischen Frage bietet sich die Modellierung der Wechselbeziehungen zwischen dem Erstspracherwerb und der Entwicklung der Theory of Mind-Fähigkeit. Vor dem Hintergrund empirischer Forschungsergebnisse und theoretischer Überlegungen argumentiere ich für ein integriertes Modell des ToM-Erwerbs, das die Beziehung zwischen Sprache und der ToM-Fähigkeit als eine dialektische, wechselseitig bedingte Entwicklung abbildet. Demnach sind die Einflussfaktoren zwischen Sprache und ToM-Fähigkeit im interaktionsbasierten Erwerbsprozess bidirektional, ohne dass sich diese wechselseitig determinieren. Diese Modellierung bezieht Position gegen nativistische und gegen radikal konstruktivistische Erklärungsansätze, schreibt aber dem Sprachvermögen eine Schlüsselrolle bei der Einordnung des Menschen in die Welt zu. Darüber hinaus bedingt dieser Ansatz externalistische Positionen in der Philosophie des Geistes und in der Sprachphilosophie und zeichnet Positionen in der Sozialepistemologie und der Handlungstheorie vor. Er ebnet auch den Weg für eine differenzierte Betrachtung des menschlichen Selbst, welche dessen Entstehung im Zusammenwirken von biologischer Ausstattung, Umwelt und sozialer Erfahrung verortet. Es gilt die mehrschichtigen Facetten des Selbst-Phänomens zu analysieren, um eine philosophische Konzeption des Menschen und dessen natürlicher Vermögen zu entfalten, in der wir uns und unsere „Selbst“-Bestimmung als Teil der natürlichen Welt erkennen können.

Weitere Details und Links zu ausgewählten Veröffentlichungen finden sich auf der KWI-Webseite:
http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-lroeskahardy.html

Logik Philosophie des Geistes Sprachphilosophie Anthropologie Metaphysik/Ontologie
19.03.2014

Annett Wienmeister

Seit dem Wintersemester 2012/13 arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wo ich bei Christian Illies promoviere. Zuvor habe ich in Jena, Chambéry (Frankreich) und Omaha (USA) Philosophie, Biologische Anthropologie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert. Die Wahl dieser interdisziplinär ausgerichteten Studienkombination beruht auf der für mich bis heute geltenden Überzeugung, dass in verschiedenen Wissenschaften sinnvolle und sich ergänzende Antworten auf die Frage gefunden werden können, was der Mensch sei.

Nach meinem Studium habe ich in Jena am Lehrstuhl von Wolfgang Welsch gearbeitet und mich mit dem Zusammenhang der Begriffe des Lebendigen, der Subjektivität und der Intentionalität beschäftigt, wie er in Nachfolge von Maturana und Varela in der gegenwärtigen Autopoiesis-Schule hergestellt wird. Ausgehend von deren plausibler These, dass die konstitutiven Leistungen kognitiver Akteure bei der intentionalen Bezugnahme auf die Welt immer zu berücksichtigen sind, war es mein Anliegen, die daraus abgeleiteten konstruktivistischen Schlussfolgerungen zu entkräften. Denn aus der faktischen Unhintergehbarkeit bestimmter erkenntniskonstitutiver Formen folgt deren epistemische Subjektivität per se nicht, was zudem auch nicht ohne Weiteres mit einer biologisch-naturwissenschaftlichen Perspektive, aus der dieser Ansatz seine grundlegenden Argumente gewinnt, in Einklang zu bringen ist.

In meiner Promotion beschäftige ich mich weiterhin mit einer erkenntnistheoretischen Fragestellung: Welche Rolle spielt empirische Erfahrung für unser begriffliches Denken bzw. für unser Erkennen und wie ist das Verhältnis zwischen diesen beiden kognitiven Fähigkeiten zu bestimmen? Hierfür untersuche ich den Konzeptualismus der Erfahrung, wie er von John McDowell entwickelt wurde. Dieser vertritt die These, dass schon in unserer sinnlichen Erfahrung begriffliche Fähigkeiten passiv zur Anwendung kommen, die auch für unser aktives Denken konstitutiv sind. Mit seinem Ansatz möchte McDowell eine ‚quietistische‘ Antwort zu einem Problem der modernen Erkenntnistheorie geben, das er als ein stetiges Oszillieren zwischen den zwei Extremen eines Kohärentismus des begrifflichen Denkens und dem Mythos des Gegeben der nichtbegrifflichen Erfahrung beschreibt. Nur wenn wir Erfahrungen nicht mehr lediglich als reines Kausalgeschehen begreifen, sondern auch als durch begriffliche Fähigkeiten vermittelt, wird deren epistemische Relevanz für das Denken und Erkennen verständlich und ein minimaler Empirismus möglich.

Was den McDowellschen Ansatz meines Erachtens so interessant macht, ist seine Problemdiagnose für das oszillierende Moment in der Erkenntnistheorie, das er in einem Dualismus von Natur und Vernunft begründet sieht. Ausgehend von dieser Analyse ergibt sich allerdings die Frage, inwiefern sich der Erfahrungsbegriff mittels einer begrifflichen Aufwertung aus der dualistischen Zwickmühle befreien lässt. Vielversprechend erscheint es mir hier, den Fokus vom Aspekt des Begrifflichen auf den Aspekt der Fähigkeit zu verschieben. Eine Fähigkeit zu entwickeln und auszuüben impliziert mehr als eine Disposition zu haben (wie etwa auf bestimmte kausale Einflüsse differentiell zu reagieren). Ich möchte fragen, inwiefern wir den Begriff der Fähigkeit auf Elemente der Erfahrung anwenden können, die noch nicht begrifflicher Natur im anspruchsvollen Sinne sind, die aber dennoch normative und reflexive Aspekte aufweisen und somit über eine rein kausale Determinierung hinausgehen. Wenn dieser Ansatz gelingt, dann kann ein Erfahrungsbegriff gewonnen werden, der einige der Voraussetzungen beinhaltet, welche auch für abstrakt-begriffliches Denken und Erkenntnis konstitutiv sind.

Die Frage, inwiefern wir über ein dualistisches Weltbild hinausgelangen können, beschäftigt mich auch mit Blick auf die Ethik. In einem Workshop zum Thema „Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles: Natur als Entstehungsrahmen von Moral“, den ich im Februar gemeinsam mit meinen Bamberger Kollegen organisiere, fragen wir, inwiefern der Aristotelische Naturbegriff der physis die Möglichkeit eröffnet, den Menschen sowohl als natürliches als auch als moralisches Wesen zu begreifen, ohne hierbei die moralische Dimension auf Naturvorgänge zu reduzieren. Ziel ist es dabei zu prüfen, inwiefern die Konzeption der physis als möglicher Lösungsansatz für die Disparität zwischen Ethik und Evolutionstheorie fungieren kann.

Seit einigen Jahren richtet sich mein persönliches Interesse auch auf die ostasiatische Philosophie. Ich war in der glücklichen Lage, auf einer Reise in den Himalaya in buddhistische Klöster einzukehren, und konnte mich dort mit einigen der philosophischen Ansätze und religiösen Praktiken vertraut machen. Besonders interessiert mich derzeit der Begriff des sunyata, gewöhnlich mit „Leere“ übersetzt, der aber vielmehr für die vielfältigen wechselseitigen Bedingungsverhältnisse steht, die als konstitutiv für alles Seiende betrachtet werden. Welche Möglichkeiten und Grenzen diese Perspektive für unser Selbstverständnis als handelnde Subjekte birgt, ist eine herausfordernde Frage. So ist hier möglicherweise eine theoretische Grundlage für die derzeit viel gepriesene Gelassenheit zu finden. Ob und inwiefern wir diesen Ansatz mit der in der westlichen Tradition stark verankerten Subjektphilosophie fruchtbringend in Beziehung setzen können, möchte ich gern untersuchen.

„La philosophie, c’est comprendre ce qu’on vit” – dieser Satz, den mir meine Dozentin Eliane Burnet während meines Auslandsjahres in Frankreich in den Kopf gesetzt hat, begleitet mich seither. Philosophie möchte ich nicht ausschließlich als theoretische akademische Disziplin betrachten, sondern sie auch als hilfreiches Werkzeug sehen, das uns ein besseres Selbst- und Weltverständnis ermöglicht. Vor diesem Hintergrund bin ich bemüht, philosophisches Denken auch in den öffentlichen Raum zu bringen, etwa durch die Organisation von Veranstaltungen im Rahmen der Fränkischen Gesellschaft für Philosophie und des Forums Theoretische Philosophie oder durch Mitwirkung bei Projekten der durch den gemeinnützigen Verein Aktive Mitte e.V. in Bamberg veranstalteten Reihe „Kultur im Leerstand“.

Für weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten: www.uni-bamberg.de/?id=67465

Erkenntnistheorie Angewandte Ethik Metaethik Allgemeine Ethik
23.02.2014

Barbara Vetter

Ich bin Juniorprofessorin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studiert habe ich zunächst zwei Jahre an der Universität Erlangen und dann an der Universität Oxford, wo ich auch 2010 promoviert habe. Für ein Semester war ich Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und in dieser Zeit auch Geschäftsführerin der Gesellschaft für analytische Philosophie (GAP), bevor ich im Oktober 2010 meine jetzige Stelle an der Humboldt-Universität angetreten habe.

Im Zentrum meiner Forschungsinteressen steht der Begriff des Vermögens – also solcher Eigenschaften, die dafür sorgen, dass Individuen sich auf bestimmte Weise verhalten können. Zu den Vermögen gehören so unterschiedliche Eigenschaften wie meine Fähigkeit, Englisch zu sprechen, aber auch die Zerbrechlichkeit eines Glases oder die Tendenz eines Elektrons, andere negativ geladene Teilchen abzustoßen. Die Rede von Vermögen gehörte in der aristotelischen Tradition lange zum Standardrepertoire philosophischer Theorien, geriet in der frühen Neuzeit und insbesondere in den eher empiristisch orientierten Tendenzen der Philosophie aus der Mode, was auch zu einer gewissen Skepsis in der empiristisch geprägten analytischen Philosophie führte. In den letzten Jahren erleben Vermögen aber eine philosophische Renaissance, die sich zum Teil aus traditionell aristotelisch geprägten Richtungen, zum Teil aber auch aus der Wissenschaftstheorie speist. Meine eigene Forschungsarbeit ist Teil dieser Renaissance und bewegt sich in den Bereichen der Metaphysik, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie sowie neuerdings auch der Handlungs- und Erkenntnistheorie.

In der Metaphysik vertrete ich eine Theorie von Modalität – also Möglichkeit und Notwendigkeit -, die auf Vermögen basiert. Vermögen unterscheiden sich von Möglichkeiten zunächst einmal darin, dass ein Vermögen immer das Vermögen von etwas oder jemandem ist. Die Möglichkeit, dass dies oder jenes der Fall ist, gehört dagegen zu keinem bestimmten Individuum. (Vermögen sind Eigenschaften, Möglichkeiten nicht.) Das macht es auch leichter, Möglichkeiten, wie es in der zeitgenössischen Philosophie üblich ist, über mögliche Welten zu verstehen, deren Verhältnis zu den Individuen unserer Welt mindestens ungeklärt ist. Meine ursprüngliche Motivation für eine vermögensbasierte Theorie von Möglichkeit und Notwendigkeit war dann auch ein grundsätzliches Unbehagen an der Redeweise von möglichen Welten und der Tatsache, dass Debatten über Möglichkeit und Notwendigkeit zu Debatten darüber geworden sind, wie wir mögliche Welten verstehen sollen: als konkrete Paralleluniversen, abstrakte mengentheoretische Konstruktionen, Fiktionen, oder … Mit dem Phänomen, das uns ursprünglich interessiert, wenn wir uns fragen, was wir tun können oder was geschehen kann, schien mir das alles wenig zu tun zu haben. Mein eigener Vorschlag besagt, dass Möglichkeiten – und zwar im allgemeinsten Sinn von “metaphysischen Möglichkeiten” – weder mit Paralleluniversen noch mit mengentheoretischen Konstruktionen, sondern mit den Fähigkeiten, Dispositionen und Tendenzen von Dingen in dieser, unserer Welt zu tun haben. Eine solche Auffassung hat eine lange Tradition in der (aristotelisch geprägten, also v.a. mittelalterlichen) Philosophie. Mein Anliegen ist es aber, sie in der zeitgenössischen Philosophie gangbar zu machen. Dazu gehört unter anderem, dass die großartigen Fortschritte und Einsichten in der Logik  der Modalität sowie unser Verständnis der sprachlichen Ausdrücke für Möglichkeiten und Notwendigkeiten (in der Philosophie und Linguistik) berücksichtigt werden. Das habe ich zunächst in meiner Dissertation (die hier frei zugänglich ist) versucht und dann noch einmal in größerer Detailtiefe in einem Buch, das demnächst bei Oxford University Press erscheinen wird.

In der Sprachphilosophie vertrete ich die dazu passende Auffassung, dass wir mit modalen Ausdrücken wie “kann” oder “muss” tatsächlich nichts anderes tun, als Vermögen zuzuschreiben – dass wir also auch hier ohne die längst gängige Rede von möglichen Welten auskommen. (Details gibt es hier.) In letzter Zeit beschäftige ich mich mit empirischen Untersuchungen aus der Linguistik, z.B. der historischen Linguistik, die – wie mir scheint – für meine These sprechen. Und in der Wissenschaftstheorie habe ich mich mit Versuchen beschäftigt, mit Hilfe von Vermögen eine Theorie von Naturgesetzen zu formulieren.

Aktuell interessiere ich mich besonders für eine (vielleicht nicht ganz scharf abgrenzbare) Unterklasse der Vermögen: die Fähigkeiten von handelnden Wesen wie uns selbst. Anders als so genannte passive Vermögen oder “Dispositionen”, etwa die Zerbrechlichkeit eines Glases, scheinen Fähigkeiten in irgendeinem Sinn “aktiv” zu sein und uns eine gewisse Kontrolle über ihre Ausübung zu ermöglichen. Wie genau sich dieser Unterschied zwischen passiven Dispositionen und aktiven Fähigkeiten fassen lässt, scheint mir eine wichtige und ungelöste Frage zu sein. Fähigkeiten spielen eine wichtige Rolle in der Handlungstheorie, in vielen Theorien zur Willensfreiheit und auch in der Erkenntnistheorie. Dort basiert die so genannte “Tugenderkenntnistheorie” auf der Idee, dass Wissen mit der Ausübung von bestimmten Vermögen zu tun hat, die manchmal als Tugenden, oft aber auch als Fähigkeiten bezeichnet werden. Diese Idee soll unter anderem erklären, inwiefern Wissen wertvoller ist als bloße wahre Überzeugung und in welchem Sinne unser Wissen uns jeweils auf besondere Weise selbst zuzurechnen ist als etwas, das wir leisten, nicht etwas, das uns nur zustößt. Die Frage, ob der Fähigkeitsbegriff das leisten kann – insbesondere, wenn wir ihn klar vom Begriff einer Tugend trennen -, lässt sich, so meine ich, erst beantworten, wenn wir genauer geklärt haben, wie Fähigkeiten selbst zu verstehen sind; und daran arbeite ich im Moment.

Weitere Details und Links zu meinen Veröffentlichungen finden sich auf meiner HU-Webseite:
http://www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/theorie/mitarbeiter/prof-barbara-vetter/.

Logik Sprachphilosophie Metaphysik/Ontologie Wissenschaftstheorie
05.02.2014

Hilkje Hänel

Ich bin seit dem Sommersemester 2012 Doktorandin bei Mari Mikkola an der HU Berlin. Meine Arbeit schreibe ich über den Begriff der Vergewaltigung. Mein Forschungsschwerpunkt liegt dementsprechend in der analytisch feministischen Philosophie – insbesondere bei den Themen Vergewaltigung und Haslangers „ameliorative projects“. Des Weiteren interessiere ich mich für Wittgensteins Familienähnlichkeitstheorie (und andere „cluster concepts“), partikularistische Positionen in der Moral, Sozialphilosophie und Kritische Theorie.

Ich habe zunächst ein Jahr am European College of Liberal Arts (mittlerweile umbenannt zu Bard College Berlin) in Berlin studiert (2006-2007), wobei vor allem die Philosophie sowie die Literatur- und Politikwissenschaften mein Interesse geweckt haben. Danach habe ich meinen Bachelor in Philosophie und Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen gemacht (2007-2010) und bin dann für meinen Master in Philosophie an die Universität Sheffield (2010-2011) gegangen. Nun bin ich wieder in Berlin und promoviere, wobei ich das Glück hatte zunächst Stipendiatin der Carl und Max Schneider Stiftung zur Förderung der Philosophie zu sein und mittlerweile zum Stipendiatinnen- und Stipendiaten-Kreis der Friedrich Ebert Stiftung zu gehören.

Meine Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem, eine allgemein-gültige Definition für den Begriff ‚Vergewaltigung‘ zu finden. Die Arbeit befasst sich also sowohl mit Bereichen der praktischen Moralphilosophie als auch mit Bereichen der theoretischen analytischen Philosophie.
Die Arbeit baut dabei auf Thesen von Eric Reitan über den Begriff der Vergewaltigung auf. Diese haben eine gewisse intuitive Attraktivität. Knapp zusammengefasst argumentiert Reitan, dass der Begriff der Vergewaltigung normative Signifikanz besitzt und daher für mögliche Diskurse offen bleiben muss – wir sollten den Begriff als essentiell umstritten verstehen. Die Attraktivität des Projekts rührt, meiner Meinung nach, daraus, keine allgemein-gültige Definition (eine Definition mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen) zu geben. Wir brauchen beispielsweise nur die rechtliche Definition von Vergewaltigung mit diversen Bild-Zeitungs-Artikeln zum Thema zu vergleichen, um konträre Positionen zu erkennen. Auch unsere eigenen Intuitionen divergieren wahrscheinlich mit den eben genannten Quellen. Angelehnt an Reitans Überlegungen bin ich also der Auffassung, dass es keine allgemein-gültige Definition für den Begriff ‚Vergewaltigung‘ geben kann. Allerdings verfolge ich eine andere Ausbuchstabierung als die von Reitan vorgeschlagene. Wittgensteins Familienähnlichkeitstheorie oder eine andere Art von „cluster concept“ für eine philosophische Abhandlung über den Begriff ‚Vergewaltigung‘ zu benutzen scheint vielversprechender zu sein. Des Weiteren beschäftigt sich die Arbeit mit Sally Haslangers Ausarbeitungen über philosophische Begriffsanalysen. Haslanger unterscheidet dabei zwischen drei verschiedenen Projekten: dem begrifflichen Projekt (Was ist unser Begriff von X?), dem deskriptiven Projekt (Welche objektiven Arten markiert unsere Benutzung von X?) und dem ameliorativen Projekt (Welchen Begriff von X sollten wir benutzen?). Obwohl die Abwesenheit einer allgemein-gültigen Definition philosophisch die beste Theorie aufwirft, brauchen wir zumindest im rechtlichen Rahmen eine Definition. Diese zu finden ist ein amelioratives Projekt.

Abgesehen von den Untersuchungen zu meinem Promotionsprojekt arbeite ich außerdem an der Frage, inwieweit Sally Haslangers Arbeit zu ameliorativen Projekten helfen könnte, das Problem „Frauen in der Philosophie“ besser zu verstehen. Weiterhin bin ich gerade, zusammen mit Katharine Jenkins (Universität Sheffield), dabei, einen Aufsatz zu der Relation von Freundschaften und romantischen (Zweier-)Beziehungen zu verfassen.

Fragen und Anregungen (oder auch einfach Diskussionen) zu meiner Arbeit oder meinen Interessen nehme ich gern entgegen: hilkje [dot] haenel [at] nitedogs-mail [dot] de.

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Angewandte Ethik Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
28.01.2014

Johanna M. Mueller

Seit Oktober 2012 bin ich Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Verfassung jenseits des Staates“ an der HU Berlin. Dort arbeite ich in einem interdisziplinären Zusammenhang, bestehend aus JuristInnen, Politik- und GeschichtswissenschaftlerInnen und Philosoph-Innen an meinem Dissertationsprojekt über Kosmopolitismus und Globalgeschichte. Meine Dissertation wird von Prof. Rahel Jaeggi betreut, deren Colloquium zu Sozialphilosophie ich seit 2010 angehöre.

Begonnen habe ich mein Philosophiestudium, ergänzt um die Fächer Soziologie und Psychoanalyse, in Frankfurt am Main, weil ich mich für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule interessierte, und dieses Forschungsinteresse ist mir nach meinem baldigen Wechsel nach Berlin an die Freie Universität erhalten geblieben.

Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu Studienaufenthalten an der Karls Universität Prag, der Georgetown Universität in Washington D.C. und der Universität Tel Aviv, wo ich Einblick in andere Forschungslandschaften und Bereiche wie Internationale Beziehungen und Ökonomie- und Rechtstheorie gewinnen konnte. Mitgenommen habe ich die Neugier auf andere Disziplinen und ihre Forschungsmethoden. Mein Dissertationsprojekt hat mich im Wintersemester 2013/14 als Visiting Fellow an das Center for the Studies of Developing Societies (CSDS) in Delhi geführt, um von den dortigen Debatten um eine postkolonial informierte Sozialtheorie zu profitieren.

Mein sozialphilosophisches Hauptinteresse dreht sich um die Frage, wie sich, vor dem Hintergrund kultureller und gesellschaftlicher Pluralität und Machtförmigkeit, Kritik an Praktiken, Normen und Lebensformen auch über westlich-liberale Gesellschaften hinaus begründen lässt. Diese Frage, die für mich auch die nach den normativen Grundlagen der künftigen rechtlichen und politischen Verfasstheit der Weltgesellschaft beinhaltet, lässt sich, so auch der Ausgangspunkt meiner Dissertation, in der Dichotomie von „the West and the Rest“ nicht adressieren.

Wenn wir heute im Übergang vom klassischen internationalen, auf der Souveränität von Staaten basierenden, Recht, hin zu einem kosmopoliten Recht, das auf dem Recht von Individuen basiert, über die leitenden Werte eines solchen Prozesses nachdenken, ist es daher meiner Meinung nach ratsam, dies vor dem Hintergrund einer Verflechtungsgeschichte der modernen Welt zu tun. Im Zentrum dieser globalen Geschichtsschreibung stehen Transaktionen zwischen den „westlichen“ und „restlichen“ Regionen. Dadurch wird ersichtlich, dass von einer Geschichte wechselseitiger Formierung ausgegangen werden kann. Eine solche Verflechtung, so meine leitende These, lässt sich auch im Bezug auf Normen plausibilisieren.

Von der sozialphilosophischen Systematisierung einer globalen Verflechtungsgeschichte verspreche ich mir, den Kosmopolitismus aus der festgefahrenen Debatte zwischen kontextualistischem Relativismus auf der einen und abstraktem Universalismus auf der anderen Seite herauszulösen. Der Kantische Kosmopolitismus krankt an der ungeklärten Frage nach der Herkunft der Rechte. Beantwortet man diese Frage damit, dass Rechte sich in einer Bewegung von unten nach oben, durch Praktiken, Kommunikationen und Interaktionen bilden, führt dies zu einem veränderten, bottom-up-Verständnis von Politik im Arendtschen Sinne. Ein solches kontextuelles Politikverständnis benötigt allerdings eine sozialtheoretische und verflechtungsgeschichtliche Einordnung, um plausibel machen zu können, wie kulturell gefärbte kontextuelle politisch-soziale Praktiken überkontextuell anknüpfbare Normen generieren.

Das Thema meiner Doktorarbeit ist nicht zuletzt auch aus meinem anhaltenden Interesse an geschichtswissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung entstanden, vor allem dort wo diese parallel zu sozialphilosophischen Debatten verlaufen. Fragen wie ‚Wodurch zeichnet sich sozialer Wandel aus, wie lässt sich eine geschichtliche Sequenz oder eine longue durée verstehen, worin besteht die Stabilität von Strukturen?’ standen daher auch im Hintergrund des Seminars zu Geschichtsphilosophie, das ich zusammen mit Eva von Redecker im Sommersemester 2013 gegeben habe.

In den letzten Jahren habe ich mich auch immer wieder mit feministischer Theorie und darin intensiver mit dem Konzept der Intersektionalität beschäftigt. Die Frage, wie die Tatsache, dass Kategorien sozialer Ungleichheit (wie race, class, gender) in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, methodisch und sozialtheoretisch zu fassen sei, brachte die zwei klassischen Stränge feministischer Theorieproduktion von Gerechtigkeitsdenken und Normierungskritik wieder in Opposition. Während das Gerechtigkeitsdenken anhand des normativen Leitbegriffs der Gerechtigkeit bestehende Ungerechtigkeiten benennen, kritisieren und damit abschaffen will, hegt die Normierungskritik gerade gegenüber normativen Leitbegriffen Misstrauen und legt ihren Schwerpunkt auf die Untersuchung von Normierungsprozessen, also darauf, welche Rolle Normen bei der Durchsetzung, Reproduktion und Naturalisierung gesellschaftlicher Macht spielen. Diese beiden Komponenten benannt und sowohl politisch als auch sozial- und rechtstheoretisch adressiert zu haben, ist für mich ein Verdienst feministischer Kritik.

Feministische Philosophie Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie
22.01.2014

Eva von Redecker

Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft an ziemlich vielen Orten (Kiel, Tübingen, Berlin, Cambridge, Potsdam) habe ich Ende 2009 bei Prof. Christoph Menke in Potsdam meinen Magister abgeschlossen.

Der Titel meiner Magisterarbeit, die mittlerweile in überarbeiteter Form im Lukas-Verlag veröffentlicht ist, lautete „Gravitation zum Guten. Hannah Arendts Moralphilosophie“. Ich habe darin einerseits die werkgeschichtliche These vertreten, dass Arendt in ihrem Spätwerk nicht, wie häufig angenommen, als Nachtrag zum Eichmann-Buch weiterhin die Natur des Bösen untersucht, sondern sozusagen neu ansetzt und nach ihrer Kritik des geläufigen Gewissensbegriffs versucht, die Bedingungen des guten Handelns aus einer Phänomenologie der Geistestätigkeiten (Denken, Wollen und Urteilen) abzuleiten. Andererseits war mein Anliegen, systematisch stark zu machen, wie Arendt diese Tendenz oder „Gravitation“ zum Guten konzipiert. Nämlich nicht, wie in der Forschungsdiskussion zumeist unterstellt, lediglich als Ergebnis des denkenden Selbstgesprächs, sondern als Verschränkung von Denken und Urteilen in der Vorstellungskraft.

Nach meinen Abschlussprüfungen hatte ich das Glück, eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Rahel Jaeggi am Lehrstuhl für Sozialphilosophie der Humboldt-Universität zu Berlin antreten zu können. Abgesehen von einem Urlaubssemester 2013/14 als visiting PhD student bei Prof. Raymond Geuss in Cambridge soll dies auch für die absehbare Zukunft meine akademische Heimat bleiben.

Ich habe auf der Stelle zunächst eine Einführung in das Werk von Judith Butler geschrieben, die 2011 im Verlag für Sozialwissenschaft erschien. Das Buch, Zur Aktualität von Judith Butler, hat den Anspruch, Butlers komplexe und z.T. disparate Positionen schlüssig und auch für Einsteiger_innen gut verständlich darzustellen, zudem geht es um einen ausgewogenen Werküberblick, in dem nicht nur die Performativität von Geschlecht, sondern auch die Theorie der melancholischen Subjektwerdung und die jüngeren Schriften zu einer Ethik der Enteignung zur Geltung kommen. Insgesamt versuche ich zu zeigen, inwiefern sich Butlers Gesamtwerk als eine Kritik der „Gewalt vor der Gewalt“ verstehen lässt, d.h. als eine Analyse der versteckten Möglichkeitsbedingungen und Entsprechungen von offener Gewalt.

Zur Zeit arbeite ich an meiner Dissertation, die für eine spezifische Revision des Revolutionsbegriffs argumentiert. Seit sich sowohl empirisch als auch theoretisch die marxistische Annahme der revolutionären Wirkung fortschreitender Produktivkraftentwicklung als zweifelhaft erwiesen hat, wurde in weiten Teilen der Sozialphilosophie von der Theoretisierung radikalen Wandels ganz Abstand genommen. Strukturalistische und poststrukturalistische Ansätze scheinen auf den ersten Blick eher die Beharrungskräfte des Bestehenden als seine Veränderbarkeit auszuweisen. Demgegenüber schlagen in der linken Theorieszene einige „Neo-Kommunisten“ vor, den Begriff des Ereignisses stärker zu betonen als Marx es selbst tat und Revolution als einen radikalen, singulären Bruch mit allem Bestehenden zu konzipieren. Beide Alternativen erscheinen mir problematisch. Deshalb interessiere ich mich für die relativ marginale Tradition prozessualer Auffassungen sozialen Wandels, die weder auf einer teleologischen Geschichtsphilosophie beruhen, noch den mit dem Revolutionsbegriff verknüpften Radikalitätsanspruch aufgeben. Fundorte für diese Vorstellungen sind z.B. das Selbstverständnis der Frauenbewegung und die Konzeptionen von Revolution als Exodus, die von deutsch-jüdischen Anarchisten wie Gustav Landauer und Martin Buber um die letzte Jahrhundertwende entwickelt wurden. In meiner Promotion versuche ich die philosophische Arbeit am Detail zu leisten, um diese Perspektive sozialtheoretisch plausibel zu machen; entscheidende Bausteine sind praxistheoretische Begriffe von Struktur und Handlung, ein performativitätstheoretischer Entwurf von lokaler Transformation und eine geschichtsphilosophische Perspektive auf Wandel als Kumulation und Kulmination diverser Einzelereignisse, die sich erst im Nachhinein so Zusammenschauen lassen, dass „Umschlagspunkte“ oder „Paradigmenwechsel“ erkennbar werden.

Mir selbst gefällt an dem Projekt nicht zuletzt, wie es bestimmten feministischen Einsichten entgegen kommt: Wenn wir Revolution als einen ausdauernden Prozess verstehen, in dem es zunächst darum geht, Alltagspraktiken zu ändern und neue Bezüge herzustellen, rücken bestimmte androzentrische Vorstellungen des heroischen und martialischen politischen Kampfes wie von selbst in den Hintergrund. (Diesen Gedanken führe ich in meinem Aufsatz „Feministische Strategie und Revolution“ weiter aus.)

Insgesamt würde ich sagen, dass ich in meiner philosophischen Arbeit versuche, Letztbegründungs-skeptische phänomenologische Methoden, wie sie etwa von Foucault, vom späten Wittgenstein und vom frühen Heidegger verfolgt werden, mit den Anliegen der klassischen, freudo-marxistischen Kritischen Theorie zusammenzubringen. (Ein gutes Beispiel für diese Synthese- und Sabotage-Arbeit ist mein Artikel „Marx’s Concept of Radical Needs in the Guise of Queer Desire“.)

Neben den bereits erwähnten bisherigen Kernthemen wie Geschichte, sozialer Wandel, Geschlecht und Gewalt spiele ich – wann immer ich mich mit zukünftiger von der gegenwärtigen Arbeit ablenken will – mit dem Gedanken einer Kritik des Eigentumsbegriffs.

Mich fasziniert und irritiert die in der Moderne selbstverständliche (und von Kant und Hegel sogar in ihrem Freiheitsbegriff festgeschriebene) Annahme, dass der Besitz eines Objekts dazu berechtigt, es nicht nur zu benutzen, sondern es auch auszubeuten und zu zerstören.

Über genealogische Forschung zum vormodernen Eigentumsrecht, in dem diverse Mischformen gang und gäbe waren, würde ich zunächst die Spezifität des modernen Begriffs akzentuieren wollen. Für die politische Debatte erschiene es mir bereits als eine Bereicherung, der starren Gegenüberstellung von Privateigentum einerseits und den vermeintlichen Zumutungen von Enteignung und Gemeineigentum andererseits diverse Zwischenstufen modifizierten und limitierten Besitzens beiseite stellen zu können.

Im zweiten Schritt würde ich dann versuchen, normative Potentiale dieser erweiterten Sichtweise auszumachen. Eine Problematisierung des modernen, „totalen“ Eigentumsbegriffs würde es einerseits erlauben, umweltschützerische Anliegen in die Kapitalismuskritik einzubeziehen, andererseits reizt mich das Phänomen aus intersektionaler Perspektive. Bezeichnenderweise handelt es sich sowohl beim Abolitionismus als auch beim Feminismus um Emanzipationsbewegungen, die für den Ausgang aus einem Besitztumsstatus kämpfen. Während in der Kritischen Theorie gegenwärtige sexistische und rassistische Phänomene oft mit dem Begriff der Verdinglichung theoretisiert werden, interessiert mich, welche Differenzierungen und Ergänzungen aus der Perspektive einer Kritik an Besitzergreifungstendenzen hinzugewonnen werden könnten.

Vollständige bibliografische Angaben zu den erwähnten Texten und einige weitere Informationen finden sich auf meiner HU-Homepage: http://www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/politik/jaeggi/mitarbeiter/redecker/eva

Sozialphilosophie Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts Angewandte Ethik Philosophie der Frühen Neuzeit Philosophie des Deutschen Idealismus Politische Philosophie Metaethik Allgemeine Ethik
22.01.2014

Anna Welpinghus

Ich bin Anna Welpinghus und arbeite als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum. Dort habe ich auch meine Dissertation geschrieben und im Sommer 2013 verteidigt. Davor habe ich an der Humboldt-Universität zu Berlin Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaften studiert. Mein erstes Studium war ein Bachelorstudium in „liberal arts and sciences“ an der Universität Maastricht. Dort konnte ich in viele akademische Fächer hineinschnuppern und dabei mein anhaltendes Interesse an der Philosophie entdecken.

In den letzten Jahren habe ich im Bereich der Philosophie des Geistes gearbeitet. Ich war an einem interdisziplinären Projekt zur Erkennung der Emotionen anderer beteiligt (Newen, Welpinghus & Juckel, im Erscheinen). Allerdings habe ich vor allem zur Frage nach der Natur und dem Ursprung der Emotionen gearbeitet, genauer gesagt zum Verhältnis evolutionärer und sozialkonstruktionistischer Emotionstheorien. Unsere ersten Ergebnisse zu diesem Thema sind in einem Paper von Albert Newen und mir (Welpinghus & Newen, 2012) dargestellt. Die Veröffentlichung meiner Dissertation ist in Arbeit; ein Schwerpunkt des Buchs wird das Verhältnis zwischen Eifersucht, normativen Überzeugungen und sozialen Normen zu romantischen Zweierbeziehungen sein.

Etwas ausführlicher darstellen möchte ich hier einen anderen Schwerpunkt der Dissertation, nämlich meinen Vorschlag dazu, wie der Begriff ’sozial konstruierte Emotion‘ zu verstehen ist. Ganz allgemein besagen sozialkonstruktionistische Theorien, dass Emotionen durch historisch kontingente soziale Faktoren entstanden sind. Dem gegenüber stehen evolutionäre Emotionstheorien, die besagen, dass viele Emotionen evolutionär alt sind und daher in allen menschlichen Gemeinschaften (und vielleicht bei weiteren Tieren) vorkommen.

Der Sozialkonstruktionismus ist gegenüber evolutionären Ansätzen in den letzten Jahren ins Hintertreffen geraten – teilweise durchaus zu Recht. Herkömmliche sozialkonstruktionistische Emotionstheorien konzentrieren sich zu sehr darauf, wie Menschen über Emotionen denken und wie sie Emotionen klassifizieren. Deshalb fordern sie evolutionäre Theorien nicht ernsthaft heraus. Die Beobachtung, dass die Klassifikationsweise des Alltags von kulturellen und sozialen Faktoren abhängt, ist nämlich völlig kompatibel mit der Theorie, dass die Emotionen, die es wirklich gibt, evolutionär alt und universell sind.

Wenn man wie ich den Sozialkonstruktionismus retten will, braucht man also eine neue Konzeption vom Begriff der sozial konstruierten Emotionen. Ich schlage vor, sie als soziale Arten zu betrachten. Dieser Vorschlag ist inspiriert von Sally Haslangers Arbeiten zur sozialen Konstruktion von gender und race.

Mein Vorschlag hat aber auch einiges mit Paul Griffiths‘ psychoevolutionärer Herangehensweise zur Individuierung von Emotionen gemein. Ich betrachte sozial konstruierte Emotionen als eine Sonderform natürlicher Arten. Die Emotionen, die zu derselben natürlichen Art gehören, werden durch mehr zusammen gehalten als durch unsere Klassifikation. Alle Vorkommen von Furcht sind sich ähnlich: Wer sich fürchtet, macht bestimmte physiologische Veränderungen durch, steuert seine Aufmerksamkeit in Richtung Gefahren, reißt die Augen auf, und so weiter. Wenn Furcht eine natürliche Art ist, muss es dafür einen Grund geben. Es muss eine Art kausalen Mechanismus geben, welcher dafür sorgt, dass die Eigenschaften einer natürlichen Art gebündelt auftreten (sowohl Griffiths als auch ich übernehmen hier Richard Boyds Konzeption von natürlichen Arten als homeostatische Eigenschaftsbündel).

Soziale Arten, so mein Vorschlag, sind Produkt eines sozialen Mechanismus. Ein sozialer Mechanismus besteht aus einem Zusammenspiel von Faktoren wie sozialen Praktiken, Normen und sozial reguliertem Zugang zu Ressourcen. Zusammen schaffen solche Faktoren bestimmte Rahmenbedingungen für Handlungen. Diese können eine Emotion mit einem Eigenschaftsbündel entstehen lassen, die es ohne den sozialen Mechanismus so nicht gäbe.
Ich glaube, dass eher wenige Emotionen tatsächlich soziale Arten sind. Jedoch spricht vieles dafür, dass es sie gibt und dass sich zudem das charakteristische Eigenschaftsbündel nicht für jede Emotion durch vererbte Mechanismen erklären lässt. An dieser Stelle widerspreche ich der psychoevolutionären Theorie von Griffiths.

Neben der Arbeit an den Desiderata meiner Dissertation suche ich derzeit nach neuen Projekten. Mich interessieren fruchtbare Verbindungen zwischen der Philosophie des Geistes und den Kognitionswissenschaften einerseits und normativen Zweigen der Philosophie, wie beispielsweise der politischen oder feministischen Philosophie, andererseits. Ich glaube, dass einige Debatten davon profitieren können, diese Perspektiven zusammenzubringen – ein Beispiel ist der Themenkomplex agency, personale Autonomie und Verantwortung.

Ich würde außerdem gerne Fragen nach der Natur sozialer Arten und sozialer Konstruktion unabhängig vom Anwendungsfall der Emotionen auf ein breiteres systematisches Fundament stellen – hier sind wissenschaftstheoretische Werkzeuge ebenso relevant wie sozialkritische Arbeiten.
Spannend finde ich auch philosophische Methoden: ich treibe nun seit einigen Jahren Philosophie, die durch empirische Wissenschaften informiert ist – und ich würde gern verstehen, was genau wir da tun.

Derzeit bin ich auf der Suche nach einer Stelle mit mehrjähriger Perspektive. Noch ist offen, wohin es mich in Zukunft verschlägt, sowohl geographisch als auch thematisch. Jobangebote, sowie Anmerkungen oder Fragen zu meiner Arbeit nehme ich gern entgegen: Anna [dot] Welpinghus [at] rub [dot] de .

Literatur

  • Newen, A. / Welpinghus, A. / Juckel, G. Emotion recognition as pattern recognition. Erscheint in Mind and Language.

  • Welpinghus, A. / Newen, A. (2012). Emotion und Kultur: Wie individuieren wir Emotionen und welche Rolle spielen kulturelle Faktoren dabei? Zeitschrift für philosophische Forschung 66(3): 367-392.

Sozialphilosophie Philosophie des Geistes Politische Philosophie
13.01.2014

Mari Mikkola

Ich bin seit dem Wintersemester 2010 Juniorprofessorin für Praktische Philosophie an der HU Berlin mit systematisch feministischer Philosophie als Forschungsschwerpunkt (insbesondere zu den Themen Gender und Pornographie). Zudem habe ich auch Forschungsinteressen in Sozialphilosophie und -ontologie und dem Deutschen Idealismus. Ich bin relativ neu in der deutschen Philosophie: Meine Staatsangehörigkeit ist finnisch, und akademisch bin ich in Großbritannien „aufgewachsen“. Sowohl die deutsche Gesellschaft als auch der akademische Betrieb (und darüber hinaus auch die deutsche Sprache) waren für mich bei meinem Dienstantritt somit größtenteils neu. Ich habe Philosophie und Politik (1997-2000) an der Universität York studiert. Danach promovierte ich 2005 in Philosophie an der Universität Sheffield mit einer Arbeit über analytische feministische Philosophie. Nach meiner Promotion war ich drei Jahre als Philosophie-Lecturer an der Universität Stirling (GB) tätig und hatte für zwei Jahre eine Lecturer-Position an der Universität Lancaster (GB) inne.

Feministische Philosophie als Teil der Philosophie ist in Deutschland relativ unbekannt. Dies trifft besonders auf die Art von feministischer Philosophie zu, die analytische Methodik anwendet. Obwohl meine akademischen Interessen breit gefächert sind und philosophische Grenzen überschreiten, ist meine Forschungsmethodik doch eindeutig systematisch orientiert, und ich verwende typische analytische Methoden wie etwa Begriffsanalyse. Während analytisch geprägte feministische Philosophie in Deutschland kaum zu finden ist, wurde sie in den letzten zwei Jahrzehnten im englischsprachigen Raum als eigenständiger Philosophiebereich etabliert und anerkannt. Ich verstehe solche Philosophie folgendermaßen: Sie kombiniert (1) die praktische Orientierung des Feminismus, verstanden als eine politische Bewegung zur Beendigung der Ungerechtigkeiten auf Grund der Gruppenzugehörigkeit bzgl. Sex (biologisches Geschlecht) oder Gender, und (2) die typische theoretische Methodik der Philosophie, in meinem Falle besonders die Methodik der analytischen Philosophie. Meiner Ansicht nach bezweckt feministische Philosophie einerseits, mit Hilfe typisch philosophischer Werkzeuge allgemeine sexistische Sozialarrangements zu kritisieren, und anderseits, ‚Mainstream’-Philosophie auf Basis feministischer politischer Einsichten mitzugestalten. Feministische Philosophie stellt herkömmliche philosophische Einsichten in Frage und verwendet philosophische Methoden, um politisch wichtige Begriffe auszubuchstabieren und näher zu erläutern. Feministische Philosophie, so meine ich, heißt politisch informierte philosophische Untersuchung.

Meine philosophische Forschung zum Thema Gender habe ich schon mit meiner Doktorarbeit begonnen, deren Leitfragen lauteten: Wie können wir Gender-Begriffe in einer politisch wirksamen Weise verstehen? Wie sollten wir die soziale Kategoriezugehörigkeit von Frauen begreifen? Viele feministische Philosoph_innen halten diese Fragen für politisch entscheidend: Wenn wir sie nicht beantworten können, fehlt dem Feminismus sein Gegenstand, und wenn wir den Gegenstand von Feminismus nicht begreifen können, dann verlieren wir die notwendigen politischen Grundlagen zur Rechtfertigung feministischer Ansprüche. Meine Doktorarbeit thematisierte diese sprachphilosophischen und metaphysischen Themenkomplexe in Bezug auf das Problem von Gender. Allerdings hat sich mein Denken über Gender-Themen seitdem in eine andere Richtung entwickelt. Ich halte es nun nicht mehr für entscheidend, eine Antwort auf das Gender-Problem zu geben. Vielmehr (so denke ich jetzt) ist es relativ unwichtig für wirksame feministische Politik, ob wir einen inhaltlich substantiellen Begriff von Frau ausbuchstabieren können. Eine solche Fokussierung auf Begriffe von Gender und Frauen kann meiner Ansicht nach nicht die notwendige normative Grundlage für den Feminismus liefern; deshalb muss diese Grundlage anders untermauert werden. Ich schlage in diesem Zusammenhang den Begriff der Entmenschlichung als normative Basis vor, und ich bin der Ansicht, dass feministische Politik und Ethik mit Bezug auf diesen Begriff neu ausgerichtet werden sollten. Dies ist eine Hauptthese meines Buches The Wrong of Injustice: Dehumanisation and its Role in Feminist Philosophy (in Arbeit).

Auch schließe ich mit meiner Arbeit an die langjährige Debatte über die Unterdrückung und das Zum-Schweigen-Bringen (silencing) von Frauen durch Pornographie an. In meinem jüngsten Forschungsvorhaben stelle ich dar, dass aktuelle Diskussionen, die oft auf die Arbeit von Catharine MacKinnon und Rae Langton verweisen, das Wesen von Pornographie missverstehen. Unter anderem wird in der philosophischen Behandlung des Themas oft nicht ernst genommen, eine wie große Industrie Pornographie mittlerweile geworden ist. Philosophische Diskussionen ignorieren ebenfalls oft die (sogenannte) ‚alternative Pornographie’, die aus feministischer Perspektive produziert wird und industrielle Pornographie zu zersetzen versucht. Viele Antworten zu den Problemen rund um Pornographie fehlen noch – nicht nur auf politischer, sondern auch auf konzeptueller Ebene. Daher veranstaltete ich im September 2013 mit Cathrin Höfs und Hilkje Hänel die Tagung Feminist Philosophy and Pornography.

Weitere Details zu meinen Aufsätzen (und Links zu Abstracts) finden sich auf meiner Website. Dort finden sich auch Informationen zu der Symposiumreihe Feminist Philosophy and…, im Rahmen derer ich schon mehrere internationale Tagungen veranstaltet habe. Für weitere Veranstaltungen, watch that space!

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11.01.2014