SW*IP Germany – Verein zur Förderung von FLINTA* in der Philosophie

Lehre & Betreuung

Die Lehre ist der Ort, an dem konkret philosophische Ausbildung stattfindet, häufig aber auch aufgrund von Stereotypisierung Mitglieder von unterrepräsentierten Gruppen weniger gesehen und gefördert werden als andere Studierende. So hat eine Studie an der FU Berlin Frauen dazu befragt, was sie an einer regen Beteiligung in Seminaren hindert und dabei folgende Problemfelder ausgemacht:

  • Allgemeines Gefühl von Unsicherheit (Bachelor-Studierende führen es auf ihren persönlichen Mangel an Kompetenz zurück, Master-Studierende hingegen auf strukturelle Bedingungen) / Unsicherheit u.a. wegen gefühlter beruflicher Perspektivlosigkeit.

  • Eindruck, dass eigene Redebeiträge keine Wertschätzung erfahren.

  • Eindruck, dass es im Seminar mehr um Performance/Profilieren als um Textarbeit geht.

  • Herausbildung eines exklusiven „Inner Circle“; eine bestimmte Gruppe von meist männlichen Studierenden, die von den Lehrpersonen auch namentlich angesprochen werden, redet besonders viel und dominant in den Seminaren.

Die hier angesprochene männliche Dominanz kann dabei in vier Aspekte unterteilt werden:

  • Männliche Personen sind in Räumen der Philosophie am sichtbarsten.

  • Es werden überwiegend männliche Autoren gelesen.

  • Männlichkeit wird als Norm wahrgenommen; z.B. ist der abstrakte „Leser“ oder „Akteur“ in Gedankenexperimenten und Beispielen meist männlich.

  • Assoziative Verknüpfung von „guten“ philosophischen Attributen mit Männlichkeit.

In der Studie wird vermutet, dass vielen dieser Tendenzen implizite Vorurteile der Beteiligten oder das Phänomen des stereotype threat als Wirkmechanismen zugrunde liegen.

In diese Richtung weist auch eine Studie der Georgia State University. Die groß angelegte Studie, durchgeführt von Eddy Nahmias, Toni Adleberg und Morgan Thompson, zeigt: obwohl sich männliche und weibliche Studierende für Einführungskurse in der Philosophie einschreiben, belegen mehr weibliche Studierende nach diesen Kursen keine weiteren Philosophiekurse (Adleberg, Thompson, Nahmias 2014). Die Einführungskurse werden von den männlichen und weiblichen Studierenden als sehr unterschiedlich erlebt. Studentinnen fanden die Kurse generell weniger befriedigend und das verwendete Material weniger interessant und weniger relevant für ihre eigenen Lebensrealitäten. Außerdem berichteten Studentinnen von weniger erlebten Gemeinsamkeiten mit ihren Dozent*innen und einem Gefühl von potenziellem Misserfolg in Philosophie. Um diese Barrieren abzubauen, schlagen wir im Folgenden für die Bereiche Seminarmethoden, Moderationsleistung und Literatur konkrete Strategien vor.

Seminarmethoden

Es ist wünschenswert, dass Dozierende Methoden zum Erlernen der Namen anbieten, sodass sich alle beim Namen kennen. Falls die Seminargröße dies nicht zulässt, ist es vorteilhaft, wenn niemand beim Namen genannt wird.

Die Unsicherheiten der Studierenden können durch eine methodische Vielfalt aufgefangen werden, die an unterschiedlichen Bedürfnissen orientiert ist. Alternativ zur offenen Diskussion im Plenum bieten sich beispielsweise die folgenden didaktischen Methoden an:

  • Stille Diskussionen: statt verbal finden die Diskussionen an aufgehängten Plakaten statt.

  • Diskussionen in Kleingruppen: bevor es in die offene Diskussion geht, wird in Kleingruppen thematisch vordiskutiert.

  • Sehr textnahes Arbeiten: die Diskussionen haben durchgängig Rückbezug zum Text.

  • Strukturierung der Diskussion anhand von studentisch ausgearbeiteten Lektürefragen: einzelne Antworten der vorher ausgearbeiteten Lektürefragen bilden die Diskussionsgrundlage.

Insbesondere letztere Methode ermöglicht einen gezielten Eingriff in die Diskussionskultur im Seminar: Lehrende wählen zur Besprechung im Seminar Lektürenotizen/Aufsätze von Studierenden aus, die sonst Schwierigkeiten bei der Beteiligung haben, und stellen sie als gelungene Beispiele vor.

Des Weiteren können Lehrende in Seminaren aktiv auf studentische Stellen, universitäre Strukturen und Konferenzen hinweisen und die Kriterien für eine gute Bewerbung erläutern und so gleichermaßen alle Seminarteilnehmer*innen ansprechen und nicht nur einen „Inner Circle“.

Moderationsleitung

Es ist wünschenswert, dass Lehrende Wertschätzung von Beiträgen zeigen und konstruktives Feedback geben, z.B. in Form von klärenden Rückfragen besonders gegenüber Studierenden, die sich nicht oft einbringen.

Lehrende können hinterfragen, was sie von guten Philosophiestudierenden erwarten. Sie können sich dabei selbst auf implizite, ungerechtfertigte Aufwertungen „typisch männlicher“ Attribute (wie z.B. „angriffsfreudiges Diskussionsverhalten“) bzw. auf Abwertungen „typisch weiblicher“ (wie z.B. „schüchterne Zurückhaltung“) Attribute überprüfen und dies eventuell auch sichtbar machen.

Es ist weiterhin wünschenswert, dass Lehrende eingreifen, wenn Studierende sich in Diskussionen aggressiv gegenüber ihren Mitstudierenden verhalten statt konstruktiv miteinander zu arbeiten.

Literaturauswahl

Es ist wünschenswert, dass Dozierende bei der Auswahl der Seminarlektüre auch die Vielfalt zu einem Auswahlkriterium machen und im Vorfeld selbständig recherchieren, welche einschlägigen Texte von Frauen und anderen unterrepräsentierten Gruppen in der entsprechenden Debatte seminartauglich wären. Seminare, in denen ausschließlich Texte weißer männlicher Autoren behandelt werden, sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Die jeweilige Recherche hierfür sollte von den Dozierenden selbst erbracht und nicht zur Aufgabe betroffener Personengruppen gemacht werden.

Gedankenexperimente und Beispiele haben vielfältige und wichtige Funktionen in der Philosophie. Sie haben aber häufig auch eine gewisse Tendenz zur unreflektierten Reproduktion von Stereotypen, etwa in Bezug auf die vermittelten Bilder von Geschlechtsidentität oder den Status von Behinderten. Dozierende sollten sich nach Möglichkeit bemühen, Literatur auszuwählen, die auch auf der Gedankenexperiment- bzw. Beispielebene Männlichkeit, Weißsein und Gesundsein nicht als Norm setzt, oder sie können es dort explizit als Problem thematisieren, wo dies der Fall ist.

Benotung

Es wäre allgemein wünschenswert, wenn die Bewertungskriterien für zu benotende Leistungen im Vorhinein festgelegt und transparent gemacht/kommuniziert werden. Es kann dann Feedback anhand der Kriterien erfolgen. Wenn möglich, sollte sich dieses durch Transparenz und konstruktive Kritik auszeichnen.

Anonymisierung von zu korrigierenden Arbeiten ist natürlich nicht überall möglich. Generell ist sie aber wünschenswert, da sie das sicherste Mittel zur Ausschaltung aller Arten impliziter Vorurteile darstellt. Wenn möglich, können Hausarbeiten und Klausuren über die Immatrikulationsnummer anstelle des Namens identifiziert werden. Oder das Sekretariat kann die Arbeiten vorweg anonymisieren, sodass die Lehrenden ohne mögliche Vorannahmen korrigieren können. Im Nachhinein sollte bzw. kann die Benotung unter Umständen je nach Semesteranzahl / Nebenfach-Hauptfach etc. angeglichen werden.

Überflüssige Angaben zu Geschlecht und Herkunft in Klausuren sollten vermieden werden.

Betreuungsverhältnis

Auch im Betreuungsverhältnis (zum Beispiel zu Doktorandinnen) können die oben genannten Problemfelder eine Rolle spielen. So bekommen häufig männliche Studierende mehr Aufmerksamkeit, der Zugang zu Netzwerken ist ungleich verteilt. Um Ungleichbehandlung zu vermeiden, kann zu Beginn des Betreuungsverhältnisses ein Vertrag ausgearbeitet werden, der zum Beispiel festhält, was für eine Art von Betreuung der*die Promovierende/Studierende wünscht und was von Seiten der Betreuungsperson erwartet wird. Hier können auch Kriterien dafür, was in der Doktorarbeit verlangt wird, ausgearbeitet und erklärt werden. Darüber hinaus ist Aufmerksamkeit und konstruktives Feedback in der Betreuung von in der Philosophie marginalisierten Gruppen besonders wichtig.

Auch in der Betreuung ist es wichtig, Augenmerk darauf zu legen, dass auch beim Feierabend-Bier noch Hierarchien bestehen, die es gerade marginalisierten Gruppen unter Umständen erschweren können, freundschaftliche Verhältnisse einzugehen. Des Weiteren kann hier berücksichtigt werden, dass nicht alle Studierenden an solchen Arbeitstreffen teilhaben können; Abendveranstaltung können beispielsweise der Vereinbarkeit mit familiären Verpflichtungen im Wege stehen.

SHK sollten prinzipiell gleich behandelt und in gleicher Weise mit Arbeit belastet und gefördert werden. So ist es etwa wünschenswert, wenn bei Tagungen das Kaffeekochen und das Bereitstellen von Verpflegung nicht nur von Studentinnen übernommen wird. Die Aufgaben bei Tagungen sollten möglichst so verteilt sein, dass alle Studierenden gleichermaßen am wissenschaftlichen Austausch teilhaben können.