Sandra Frey

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Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

Almut Kristine von Wedelstaedt

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Ich gehöre zu den Leuten, die früh in ihrem Leben angefangen haben, Philosophie zu lesen, und dann eigentlich nie etwas anderes machen wollten. Insofern bin ich sehr froh, dass ich immer noch Philosophie mache und beruflich machen darf, auch wenn ich seit diesen frühen Anfängen eine philosophische Kehrtwende gemacht habe. Angefangen habe ich nämlich, wie wahrscheinlich viele beginnen, mit Sartre, de Beauvoir, Camus, Nietzsche und Heidegger und deshalb wollte ich unbedingt irgendwo studieren, wo man sich mit Existentialismus beschäftigen kann. Da passt meine Heimatstadt Bielefeld wirklich gar nicht. Wegen eines leicht verspäteten, weil externen Abiturs konnte ich aus terminlichen Gründen allerdings nur in Bielefeld beginnen und da ich auf keinen Fall ein Semester warten wollte, habe ich trotzdem in Bielefeld angefangen. Am ersten Tag meines Studiums bin ich dann in eine HIT-Veranstaltung bei Eike von Savigny geraten. HIT stand für „Hausarbeit in individuell betreuten Teilschritten“ und war – man verzeihe mir den Kalauer – tatsächlich ein Hit. Ich habe gefühlt nie wieder in so kurzer Zeit so viel gelernt wie in dieser Veranstaltung, in der man neben den normalen Seminarsitzungen sechs Mal im Semester Texte abgab, die sechs Mal in einer halbstündigen Einzelbesprechung diskutiert wurden, und aus denen sich am Ende die Hausarbeit zusammensetzte. Wie nebenbei kam ich völlig ab von allem, was ich vorher gelesen hatte, und beschäftigte mich fortan hauptsächlich mit genuin analytischer Philosophie, im Studium insbesondere Wittgenstein. Bis heute bin ich hauptsächlich in der analytischen Philosophie unterwegs, vermeide aber möglichst jede Art von Dogmatismus oder Schulbildung.

Dieser Anfang ist für mich nicht nur wichtig, weil es halt mein Anfang ist, sondern auch, weil ich an diesem Anfang ein Bild von Philosophie gewonnen habe, an dem ich festhalte. Philosophie ist demnach etwas, was man lernen und lehren kann. Es ist überhaupt nicht leicht zu erklären, was genau Menschen tun, die philosophieren, aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzusehen, dann kann man einiges darüber herausbekommen und das kann man auch vermitteln. Dieses Bild von Philosophie ist für mich deshalb so wichtig, weil meine jetzige Aufgabe an der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld als Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung viel damit zu tun hat. Ich denke im Rahmen dieses Jobs viel darüber nach, was gutes Philosophieren ist und wie man das in einem Philosophiestudium gelingend vermitteln kann. In diesem Zusammenhang interessiert mich unter anderem, wie man Diversität in der Philosophie ermöglichen und damit umgehen kann. Aus diesem Interesse resultiert auch mein Engagement für SWIP.

In meiner Forschung beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit Fragen der Moralbegründung. Das ist etwas ganz anderes als ich in meiner Dissertation gemacht habe, die von philosophischen Theorien narrativer Identität handelte und die Frage stellte, ob das überhaupt überzeugende Theorien personaler Identität sein könnten (ganz kurz: nein). Jetzt interessiert mich vor allem die Frage, ob es möglich ist, eine Begründung von Moral zu geben, die moralische Forderungen für alle Menschen verpflichtend macht, einfach weil sie Menschen sind. Zu diesem Zweck versuche ich ein Verständnis von menschlicher Natur fruchtbar zu machen, das allerdings nicht essentialistisch ist, weil menschliche Natur demnach historisch kontingent und sozial konstruiert ist. Eine solche Konzeption sehe ich etwa in Peter Strawsons Überlegungen in „Freedom and Resentment“ angelegt. Vom Ansatz her gibt es bei meinen Überlegungen Ähnlichkeiten zu den neoaristotelischen Moralkonzeptionen Philippa Foots und Rosalind Hursthouses, ohne dass ich mich auf ein tugendethisches Moralverständnis festlegen will. Aber deren Blick auf die menschliche Natur und ihre Gelassenheit gegenüber dem Begründungsproblem der Moral scheint mir sehr hilfreich.

Außerdem beschäftigen mich in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder Themen der Philosophie der Sexualität. Jetzt gerade ist das insbesondere die Frage, ob Zustimmung allein ausreichend ist für die moralische Güte einer sexuellen Handlung. Meines Erachtens ist sie es nicht. Stattdessen kann man mehr über die moralische Qualität von sexuellen Handlungen sagen, wenn man in Betracht zieht, dass es ein Idealbild von sexuellen Begegnungen gibt, das damit zu tun hat, dass sich die Partner auf Augenhöhe begegnen.

Obwohl ich zwar gern allein am Schreibtisch sitze und an meinen verschiedenen Aufgaben und Themen arbeite, schätze ich den Austausch mit anderen sehr und profitiere davon in ganz verschiedenen Hinsichten sehr, inhaltlich philosophisch ohnehin, aber auch was meine persönliche Entwicklung als Lehrende, Forschende und an der Hochschule Tätige angeht. In diesen Hinsichten den Austausch mit anderen zu nutzen und auch bspw. Mentoring-Angebote zu nutzen, dazu kann ich nur ermutigen. Ich erlebe es beispielsweise oft als eine Herausforderung, die Anforderungen des akademischen Philosophierens mit denen einer kleinen Familie – ich habe einen zweijährigen Sohn – unter einen Hut zu bekommen. Dabei hilft der Austausch mit anderen ungemein.

Dr. Almut Kristine v. Wedelstaedt Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung, Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld

Eva Schmidt

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Seit über zehn Jahren bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität des Saarlandes und vertrete dort aktuell die Professur für Philosophie des Geistes. Außerdem lehre ich seit einigen Jahren an der Université du Luxembourg. Promoviert habe ich zu Wahrnehmung und Begriffen; aktuell arbeite ich an meiner Habilitation zu epistemischen Gründen.
Meine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem: Epistemische Rechtfertigung und Gründe, Disjunktivismus, epistemologischer Evidentialismus, Handlungsgründe, Theorien der Wahrnehmung, mentale Inhalte, Begriffe. Gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne Mantel und mit Frank Hofmann (Luxembourg) organisiere ich im Juli die dritte SaarLux Joint Conference on Reasons and Rationality, dieses Mal werden wir gemeinsam mit Jonathan Dancy über sein bald erscheinendes Buch Practical Shape diskutieren.
Was hat es mit meinem Habilitationsthema auf sich? Ich denke, dass sich Epistemolog_innen neben den Klassikern Wissen und Rechtfertigung auch über epistemische Gründe Gedanken machen sollten. Immerhin reden wir alltäglich eher über Gründe dafür, dass jemand etwas glaubt oder glauben sollte, als über die Rechtfertigung unserer Überzeugungen. Ich vertrete einen „Reasons First“-Ansatz: Wir sollten epistemische Rechtfertigung generell mittels epistemischer Gründe verstehen, die unsere Überzeugungen stützen. Ich sehe hier erhellende Parallelen zur Philosophie der Handlung und zur Metaethik, speziell zu Ansätzen, die den normativen Status von Handlungen – z. B. dass wir sie ausführen sollen – auf normative Gründe zurückführen, die für oder gegen sie sprechen. Ich argumentiere zudem für einen umfassenden epistemologischen Disjunktivismus, also dafür, dass wir, wenn wir auf Basis wirklich bestehender guter Gründe etwas glauben, besonders starke Rechtfertigung für unsere Überzeugungen haben, dass Überzeugungen aufgrund nur scheinbar bestehender Gründe dagegen bedeutend schwächer gerechtfertigt sind.
Dieses Bild der Rechtfertigung muss an verschiedenen Stellen ausgearbeitet werden: Sind epistemische Gründe nichts anderes als Evidenzen? Basiert jegliche epistemische Rechtfertigung auf Gründen? Was heißt es, einen Grund zu haben? (Hierzu komme ich nun.)
Plausiblerweise tragen zur Rechtfertigung unserer Überzeugungen nur Gründe bei, die wir haben. Nehmen wir z. B. an, dass Zeus existiert. Dies ist ein exzellenter Grund zu glauben, dass es einen Gott gibt, aber solange eine Person zu diesem Grund keinen Zugang hat bzw. nicht über ihn verfügt, trägt er nichts zur Rechtfertigung ihrer Überzeugung bei.
Wir sollten epistemische Rechtfertigung also auf Gründe zurückführen, die wir haben. Zusätzlich scheint zu gelten, dass wir einen Grund nur dann haben, wenn wir gerechtfertigt sind zu glauben, dass er besteht. Wenn eine Person bloß aus einer Laune heraus glaubt, dass Zeus existiert, reicht das anscheinend nicht dafür aus, dass sie über einen rechtfertigenden Grund für ihre Überzeugung verfügt, dass es einen Gott gibt. Aber wenn das so ist, erläutert der „Reasons First“-Ansatz Rechtfertigung mit Hilfe von gehabten Gründen und zugleich das Haben von Gründen durch gerechtfertigte Überzeugungen. Dieser Zirkularität entgehe ich, indem ich argumentiere, dass sich letzten Endes der Besitz all unserer Gründe auf mentale Zustände wie Erinnerung oder Wahrnehmung zurückführen lässt, die selbst nicht weiter gerechtfertigt zu werden brauchen. (Diese nenne ich „PANINIS“, für „presentational attitudes not in need of justification“.) Ich vertrete damit ein rekursives Verständnis des Habens von Gründen. Leider ergeben sich für diesen Ansatz weitere Probleme mit den basalen visuellen Überzeugungen von blindsehenden Subjekten und mit Überzeugungen, die durch Implicit Bias beeinflusst sind. (Wenn Sie wissen möchten, wie ich mit diesen Problemen umgehe, schicke ich Ihnen gerne meinen Aufsatz „Possessing Reasons“. Kontakt s. u.)
In meiner Dissertation und meinem darauf basierenden Buch Modest Nonconceptualism: Epistemology, Phenomenology, and Content verteidige ich den Nonkonzeptualismus. „Bescheiden“ ist mein Nonkonzeptualismus, da er offenlässt, dass Wahrnehmungserlebnisse einen begrenzten Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern und in Teilen begrifflichen Inhalt haben, solange nur Wahrnehmung kein vollständiges begriffliches Erfassen des Wahrgenommenen erfordert und auch einen nichtbegrifflichen Inhalt hat.
Aktuell beschäftige ich mich mit folgender Sorge, die Nonkonzeptualist_innen und Konzeptualist_innen vereint: Ihre Kernthesen betreffen in erster Linie die Frage, ob wir, um einen bestimmten Aspekt unserer Umwelt wahrnehmen zu können, entsprechende begriffliche Fähigkeiten zum Einsatz bringen müssen. (Der Konzeptualismus bejaht, der Nonkonzeptualismus verneint dies.) Aber so, wie ich die Vertreter_innen dieser Positionen verstehe, wollen sie auch direkt etwas über die Natur des Inhalts der Wahrnehmung aussagen, darüber, ob dieser z. B. in Fregeschen Propositionen oder doch eher in Russellschen Propositionen besteht. Die meisten ihrer Argumente stehen jedoch in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt der Wahrnehmung, so dass dessen Natur unbestimmt bleibt. Diese Schwierigkeit ähnelt dem semantischen Unbestimmtheits-Problem der Teleosemantik.
Ich argumentiere, dass Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen zur Überwindung ihres Unbestimmtheits-Problems einen Pragmatismus bezüglich mentaler Inhalte akzeptieren und die folgende These vertreten sollten: Wahrnehmung hat einen Inhalt von genau der Natur, die am besten den gemeinsamen explanatorischen Zwecken von Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen dient. Diese versuchen unter anderem, den phänomenalen Charakter und die rechtfertigende Kraft der Wahrnehmung zu erklären. Mein pragmatistischer Ansatz zeitigt das für die Debattenteilnehmer_innen erfreuliche Ergebnis, dass Wahrnehmungsinhalte begrifflicher Natur sind, insofern Wahrnehmungserlebnisse den Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern, dass sie hingegen nichtbegrifflicher Natur sind, sofern Wahrnehmung keine begrifflichen Fähigkeiten voraussetzt.
Weitere Informationen zu meiner Person finden Sie unter http://www.uni-saarland.de/fachrichtung/philosophie/professuren/fuer-philosophie-des-geistes/dr-eva-schmidt.html
Kontakt: eva.schmidt@mx.uni-saarland.de

Mara-Daria Cojocaru

(c) Gesa Koch-Weser

(c) Gesa Koch-Weser

Ich bin im Oktober 2016 von einem 15-monatigen Forschungsaufenthalt in England zurückgekehrt an die Hochschule für Philosophie in München und freue mich über die Gelegenheit, etwas über meine Interessen erzählen zu dürfen, die sich in dem Zeitraum naturgemäß (jedenfalls teilweise) neu verortet haben.
Ich hatte mir die University of Sheffield ausgesucht, um dort in der Arbeit mit und im Umfeld von Christopher Hookway meine Überlegungen zu pragmatistischen Emotionstheorien zu vertiefen. Mir war aufgefallen, dass Dewey und Peirce was die erkenntnistheoretische Rolle von affektiven Zuständen betrifft eigentlich mehr verbindet als die Entwicklung der pragmatistischen Forschungslandschaft vermuten lässt, insofern Dewey mit James gerne auf eine (anti-realistische) Seite des Pragmatismus geschoben wird und Peirce auf die andere (realistische) Seite. Ganz besonders prominent ist diese Gemeinsamkeit von Dewey und Peirce mit Blick auf den Zweifel und ich habe diesbezüglich nachgezeichnet, wie sich Dewey und Peirce wechselseitig gut ergänzen, und entwickelt, was das für andere affektive Zustände bedeuten könnte; das insbesondere auch wenn es um solche geht, die uns zunächst einmal erkenntnisfeindlich erscheinen – wie etwa Wut. Gerade bei Peirce findet sich nämlich eine sehr spannende Emotionstheorie, die, in Verbindung mit seiner Zeichentheorie, erlaubt, Emotionen als dynamische Erfahrungen zu verstehen, so dass es mit einer einfachen Interpretation bestimmter vermeintlich eindeutiger Charakteristika von so etwas wie ‚Angst‘ oder ‚Wut‘ oder ‚Freude‘ nicht getan ist. Damit eng verbunden ist die normative Idee, dass Emotionen so zu regulieren sind, dass unsere individuelle Erfahrung dazu, wie die Welt tatsächlich ist, auch passt. Entscheidend dabei ist für mich der Gedanke, dass es bei Emotionen gerade nicht um mich allein und meine subjektive Einstellung zu irgendetwas geht, sondern dass sie wichtige Informationen für uns und andere darüber sind, wie es um bestimmte Werte, über die wir uns einig sein bzw. werden müssen, bestellt ist. Bei all dem hat sich dann gezeigt, dass mich die sozialen Faktoren in der Erkenntnis viel mehr interessieren als die metaethischen Debatten, auf die ich vorgehabt hatte, meine pragmatistischen Einsichten anzuwenden. Insgesamt bin ich damit vielleicht noch stärker ins Peirce’sche Lager gewechselt, auch wenn ich wichtig finde, zu betonen, dass die Lager-Mentalität dem pragmatistischen Denken eigentlich fremd ist und wenn es doch durchbricht, meiner Meinung nach nicht gut tut.
Insofern bemühe ich mich auch darum, in nicht klar erkennbar pragmatistischen Zusammenhängen auszuweisen, was eine pragmatistische Herangehensweise leisten kann. Am produktivsten erscheinen mir hier die Verbindungen zur Frage nach Tugenden in der Erkenntnis – hier vertrete ich die These, dass man (in Analogie dazu, was Peirce ‚logische Sentimente‘ nennt) bestimmte dispositionale Emotionen als Tugenden verstehen kann. Mit Blick auf Probleme der praktischen Philosophie, insbesondere was tiefe Wertkonflikte betrifft, interessiere ich mich weiterhin für die Rolle von Wut. Genauer dienen mir all die Probleme und zum teil ja hoch emotionalen Konflikte rund ums Thema Mensch-Tier-Beziehungen in meiner Arbeit typischerweise zugleich als Ausgangspunkt und Prüfstein meiner Überlegungen. Als Pragmatistin ist man zwar, entgegen anti-intellektualistischer Vorurteile, nicht darauf festgelegt, nur Philosophie mit unmittelbarem Anwendungscharakter (was immer das sein mag) zu machen. Ich komme aber nicht nur aus der praktischen bzw. politischen Philosophie (meine Doktorarbeit habe ich bei Julian Nida-Rümelin zur „Geschichte von der guten Stadt“ geschrieben) und suche entsprechend nach Brücken oder Trampelpfaden zwischen meinen neuen und meinen alten Forschungsgebieten; mir liegt das Thema Mensch-Tier-Beziehungen auch genuin am Herzen (deswegen bin ich bspw. auch Mitglied bei Minding Animals Germany). Ich bin überzeugt davon, dass sich sowohl intellektueller als auch moralischer Fortschritt daran festmachen lassen, dass wir unsere Sensibilitäten gegenüber dem Leiden und den Bedürfnissen von nicht-menschlichen Tiere so realistisch wie nötig ausbilden und mit so viel Kreativität und sozialer Intelligenz wie möglich in neue Formen des gelingenden Miteinanders (oder auch respektvollen Nebeneinanders) übersetzen. Dazu gehört dann an erster Stelle, gut pragmatistisch, an all den unhinterfragten Praktiken systematisch die Form von Zweifel anzumelden, die dadurch qualifiziert ist, dass sie auf echte Probleme reagiert und auch die sozialen Mechanismen aufzudecken, die dazu führen, dass wir sie gewohnheitsmäßig nicht (oder nicht mehr) sehen. Wie diese Scheuklappen genau funktionieren und welche Rolle Gewissen und starke Emotionen in Situationen moralischen Lernens im Bereich nicht-menschliche Tiere und Umwelt funktionieren und besser funktionieren können – dieser Problemzusammenhang steht im Zentrum meines Anschlussprojektes, das ich gerade vorbereite. Teil dieses Projekts wird auch eine methodologische Diskussion sein, um besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen Philosophie in der Rückbesinnung auf intellektuelle Kritik eigentlich wirklich eine gesellschaftlich produktive Funktion haben kann. In dem Zusammenhang habe ich neben meinen akademischen Projekten auch ein großes Interesse an unterschiedlichen Formaten von public philosophy und probiere verschiedene Strategien aus, um Ideen und Probleme im öffentlichen Diskurs zu artikulieren – dabei spielt für mich jedenfalls nicht zuletzt die Literatur eine wichtige Rolle. Mehr über meine verschiedenen Projekte findet sich hier: www.maradariacojocaru.weebly.com.

Lena Kästner

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Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2014 forsche ich hier in der Philosophie des Geistes und der Wissenschaftstheorie. Insbesondere widme ich mich wissenschaftlichen Erklärungen, Kausalität in den Spezialwissenschaften, unterschiedlichen Typen von Experimenten und dem Begriff des Phänomens. Ich unterrichte für den internationalen und interdisziplinären Masterstudiengang “Mind and Brain” Philosophie. Dies bereitet mir besonders deshalb große Freude, weil meine eigene akademische Laufbahn in einem ganz ähnlichen Umfeld begann.
Ab 2006 studierte ich Cognitive Science an der Universität Osnabrück. 2008 verbrachte ich ein Semester im Philosophy-Neuroscience-Psychology-Program an der Washington University in St. Louis, wo ich begann intensiv zur Geschichte der Kognitionswissenschaft und unterschiedlichen Theorien des Geistes zu arbeiten. 2009 wechselte ich an das University College London. Hier machte ich meinen Master in Cognitive Neuroscience und erforschte ich die kortikale Verarbeitung von Gebärdensprache. Meine philosophische Ausbildung war so von Anfang an eng mit der empirischen Erforschung des Gehirns gekoppelt.
Die Erfahrungen, die ich während der empirischen Arbeit gemacht habe, haben mein wissenschaftstheoretisches Interesse geweckt. Warum tun Wissenschaftler was sie tun? Wie kann man die Forschungspraxis verbessern? Und wie funktioniert das eigentlich, wenn Wissenschaftler kognitive Phänomene wie etwa Sprachverarbeitung oder Gedächtnis erklären? Letzteres sollte die Kernfrage meiner Dissertation werden.
Ich begann meine Promotion 2010 an der Ruhr-Universität Bochum unter der Betreuung von Albert Newen (Bochum). Während eines Auslandsaufenthaltes in den USA hatte ich das Glück auch mit Bill Bechtel (San Diego) und Carl Craver (St. Louis) zusammen zu arbeiten. Beide sind zentrale Figuren in der modernen Debatte um Erklärungen; von dem engen persönlichen Austausch mit ihnen profitiere ich noch heute.
Im Zentrum meiner Dissertation standen zwei philosophische Theorien, die sich beide an empirischer Forschungspraxis orientieren: die mechanistische Erklärungstheorie und der Interventionismus. Die mechanistische Erklärungstheorie besagt, dass Wissenschaftler Phänomene erklären, indem sie die ihnen zu Grunde liegenden Mechanismen identifizieren. Interventionsstudien sind dabei ein zentrales Instrument. Das sind Experimente, bei denen man einen Faktor X manipuliert um den Effekt auf einen anderen Faktor Y zu testen.
Zunächst scheint die Kombination von Mechanismen und Interventionen ein plausibles Bild experimenteller Forschung zu zeichnen. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch Missstände auf; zwei davon habe ich in meiner Arbeit eingehend diskutiert:
  1. Im Interventionismus sind Interventionen dazu gedacht, Kausalverbindung aufzudecken. In mechanistischen Erklärungen spielen aber auch andere Relationen eine Rolle, z.B. Teil-Ganzes Beziehungen. Und diese lassen sich per Definition nicht mittels Interventionen analysieren.
  2. Zweitens ist der Fokus auf Interventionen für das Verständnis wissenschaftlicher Praxis zu einseitig. Wissenschaftler nutzen eine ganze Reihe weiterer Strategien, wenn Sie Mechanismen erforschen. Ein simples Beispiel ist die Zellfärbung. Wissenschaftler tauchen Gewebeproben in Lösungen, um bestimmte Strukturen sichtbar zu machen. Hierbei handelt es sich zwar um eine Manipulation, aber keine Intervention im technischen Sinne. Das Baden in der Lösung färbt die Zellen, aber Ziel der Wissenschaftler ist nicht zu testen, ob sich die Zellen färben; das ist ja bereits bekannt. Vielmehr ist die Zellfärbung ein Werkzeug, die dazu dient, vorhandene Strukturen sichtbar zu machen, gerade weil das Bad ja bestimmte Strukturen färbt. Diese Art nicht-interventionistischer Manipulation nenne ich bloße Interaktion (mere interaction). Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung von Mechanismen bzw. deren Komponenten.
Nun wissen wir, dass unterschiedliche Experimente zu (mechanistischen) Erklärungen beitragen. Aber wie entscheiden Wissenschaftler, welche Experimente sie durchführen? In neueren Arbeiten zeige ich, dass die Wahl der Experimentalstrategie wesentlich davon gesteuert wird, welche Art von Phänomen erklärt werden soll. Geht es mir um die Stadien, die ein Prozess durchläuft? Will ich herausfinden, wie ein Endprodukt entstanden ist? Oder will ich verstehen, wie ein relativ stabiles Gleichgewicht reguliert wird? Diese Fragen setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte und zu ihrer Beantwortung bedarf es entsprechend unterschiedlicher Forschungs- und Erklärungsstrategien. Um das zu erkennen, müssen wir uns aber nicht nur mit Experimenten auseinandersetzten, sondern auch damit, was eigentlich die zu erklärenden „Phänomene“ sind.
Neben meiner Arbeit zu Experimenten widme ich mich aktuell der Philosophie der Psychiatrie. Insbesondere interessiert mich die Frage, welche Konzeptionen von Körper, Geist, Krankheit und Kausalität der klinischen Praxis zu Grunde liegen und wie sich das z.B. auf die Erforschung psychischer Krankheiten auswirkt.
Eine Theorie, die unser Verständnis psychischer Krankheiten verbessern soll ist Predicitve Coding. Die Grundidee ist, kurz gefasst, dass sämtliche zentralnervösen Prozesse auf Vorhersagen und deren Abgleich mit der Wirklichkeit basieren. Normalerweise triggern Vorhersagefehler Lernprozesse; aber wenn die Abweichungen zu groß sind, kann das zu Pathologien führen.
Predictive Coding soll nicht nur Psychopathologien erklären, es wirft auch neues Licht auf die grundsätzliche Rolle des Körpers für kognitive Prozesse. Verfechter führen außerdem an, dass Predictive Coding dank seines mathematischen Charakters die ganze Bandbreite kognitiver Prozesse abbilden kann. Somit soll Predictive Coding für die Neurowissenschaft etwa das sein, was für die Physik die Thermodynamik ist. Bei aller Euphorie bleibt jedoch zu bemerken, dass wesentliche Fragen bisher ungeklärt sind. Handelt es sich bei Predictive Coding überhaupt um eine Theorie im engeren Sinne? Kann man sie empirisch fundieren, und wenn ja, wie? Mit diesen Fragen setze ich mich derzeit kritisch auseinander.
Wenn ich Sie neugierig gemacht habe, besuchen Sie mich doch gern auf meiner Homepage (www.lenakaestner.de) oder kontaktieren Sie mich persönlich.

Christiana Werner

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Ich bin seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften (GSGG) an der Georg-August-Universität Göttingen und Mitglied der Nachwuchsgruppe „Sprache, Kognition und Text“. Promoviert habe ich 2012 als assoziiertes Mitglied des DFG-Projekts „Wissen und Bedeutung in der Literatur“ an der Universität Regensburg. Meine Betreuer / Gutachter waren Prof. Dr. Hans Rott (Regensburg) und Prof. Dr. Mark Textor (King‘s College London). Davor war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen, wo ich – abgesehen von einem Ausflug an die Universität Turin – auch studiert habe.
In meiner Dissertation habe ich mich mit der sprachphilosophischen Frage beschäftigt, wie fiktionales Erzählen mithilfe sprechakttheoretischer Terminologie beschrieben und erklärt werden kann. Dabei habe ich sowohl gegen John Searle argumentiert, der behauptet, fiktionales Erzählen sei ein So-tun-als-ob-Handeln, als auch gegen die weitverbreitete These, fiktionale Äußerungen müssten als Aufforderung an die Leser_innen, sich das Erzählte vorzustellen, verstanden werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass fiktionales Erzählen als Vollzug illokutionärer Akte eines eigenen Typs zu verstehen ist. Dafür spricht, u.a. dass diese sprachliche Tätigkeit nicht nur negativ, in Abgrenzung zu behauptenden Äußerungen, zu bestimmen ist, denn es lassen sich speziell für diese sprachliche Handlung Regeln und Konventionen benennen. Dies wird auch von Vertretern der Aufforderungsthese behauptet. Im Gegensatz zu dieser Position argumentiere ich aber dafür, dass fiktionales Erzählen der Vollzug deklarativer illokutionärer Akte ist. Gemäß Searles Typologie illokutionärer Akte können Sprecher_innen mit Deklarationen soziale Tatsachen erschaffen. So wird es beispielsweise durch den Vollzug einer Taufe der Fall, dass ein Schiff fortan einen bestimmten Namen trägt. Die Handlung der Autor_innen fiktionaler Texte sind, so nehme ich an, ähnlich zu beschreiben, wie das Erschaffen sozialer Tatsachen. Indem sie erzählen, erschaffen Autor_innen fiktionaler Texte fiktive Figuren. Ich argumentiere für eine ontologische Annahme, nämlich, dass fiktive Figuren als Rollen zu verstehen sind, die typischerweise in der realen Welt keinen Träger haben. Indem sie fiktional erzählen, erschaffen Autor_innen diese Rollen und legen deren Eigenschaften fest.
Obwohl mein aktuelles Postdoc-Projekt auch mit Fiktion zu tun hat, ist es im Bereich der Philosophie des Geistes anzusiedeln, denn ich beschäftige mich mit den emotionalen Reaktionen, die wir häufig haben, wenn wir fiktionale Medien rezipieren: Wir fürchten uns vor dem weißen Hai, freuen uns, wenn Harry Potters Mannschaft im Quidditch gewinnt, und manche von uns haben Mitleid mit Anna Karenina. Häufig werden diese Reaktionen unter dem Label „Fiktionsparadox“ diskutiert. Vielleicht gibt es keine andere philosophische Debatte, über die so häufig geschrieben wird, dass sie uninteressant und überflüssig ist. Ich glaube aber, dass unsere emotionalen Reaktionen auf Fiktion („fiktionale Emotionen“) eine Reihe von Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für eine allgemeine Theorie der Emotionen relevant ist. Außerdem stellen sich interessanterweise auch in Bezug auf unsere empathischen Reaktionen mit unseren Mitmenschen zum Teil die gleichen Fragen, die auch für fiktionale Emotionen geklärt werden müssen: Sind diese Reaktionen „echte“ Emotionen? Oder sollten sie z.B. aufgrund der Rolle, die die Imagination in diesen Fällen spielt als „unechte“ oder „Quasi-Emotionen“ (K. Walton) deklariert werden? Haben wir aufgrund von fiktionalen Emotionen Tendenzen zu handeln oder sind diese eventuell nicht vorhandenen Handlungstendenzen ein relevantes Unterscheidungskriterium?
Ich vertrete in diesen Fragen die Position, dass die Rolle der Imagination kein geeignetes Kriterium ist, um „echte“ von „unechten“ Emotionen zu unterscheiden, da die Imagination in vielen Fällen eine relevante Rolle spielt. Dies gilt auch für das Fehlen von Handlungstendenzen. Einerseits zeige ich, dass die z.B. von K. Walton vertretene These, fiktionale Emotionen hätten keine Handlungstendenzen, so nicht haltbar ist. Es sind nur sehr bestimmte Handlungen, die wir typischerweise nicht ausführen (oder nicht dazu tendieren, sie auszuführen), wenn wir emotional auf Fiktion reagieren und auch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal fiktionaler Emotionen. Diese Beobachtungen sprechen dafür, die Unterscheidung von „echten“ und „unechten“ Emotionen aufzugeben. Eine allgemeine Theorie der Emotionen muss stattdessen der Vielfalt emotionaler Reaktionen Rechnung tragen, was dazu führt, dass die Rolle der Imagination in die Überlegungen mit einbezogen werden muss. Die Beobachtungen legen außerdem nahe, dass Handlungen oder Tendenzen zu Handlungen nur in sehr eingeschränkter Weise zur Individuierung einzelner Emotionstypen im Rahmen einer Theorie herangezogen werden können.
In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Emotionen und Empathie für Verstehensprozesse spielen, dabei interessiert mich insbesondere das Verstehen anderer Menschen und Kunstverstehen. In diesem Zusammenhang organisiere ich zusammen mit Prof. Dr. Tilmann Köppe und Dr. Daniele Panizza eine interdisziplinäre VW-Sommerschule „The Role of Empathy and Emotion in Understanding Fiction“, die im März 2017 in Göttingen stattfinden wird.
Für weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/447250.html

Joulia Smortchkova

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I am currently a postdoctoral researcher at the Ruhr University Bochum for the Volkswagen Foundation project “Situated Cognition: Perceiving the World and Understanding Others”. In my work I connect debates in philosophy of mind with empirical research in cognitive science.
My first encounter with philosophy happened during my high school years: In Italy (I’m Russian-Italian) every “liceo” has three years of mandatory history of philosophy. Among all the subjects, philosophy was for sure the most challenging one, but also the most rewarding.
I did my BA in Bologna, Italy, where I had a well-rounded education, ranging from esthetics to logics, but I was mostly interested in history and philosophy of science. I wrote my first BA thesis on history of logic, and took some advanced classes in history, logic and philosophy of science at Paris I – Sorbonne, where I spent a year thanks to the Erasmus program. At the same time, I was a scholarship student at Collegio Superiore in Bologna – an institution that offered housing and funding to outstanding students, in exchange for a complementary interdisciplinary training in a variety of subjects that we could freely choose.
After the Erasmus, I stayed in Paris for six more years, thanks to a scholarship from the Ecole Normale Supérieure that offered me the opportunity to pursue my studies in an intellectually vibrant and interdisciplinary atmosphere. I finished two master degrees: one in history and philosophy of science with a thesis on naturalistic approaches to mathematics, and another in cognitive science with a thesis on consciousness, attention, and mental demonstration. A stay at NYU was a turning point in my studies, and after years of oscillating among different topics, I settled for empirically oriented philosophy of mind. From 2010 to 2014 I did a PhD at the Institut Jean Nicod in Paris with a thesis on the social contents of visual experiences, under the supervision of Pierre Jacob.
In my PhD dissertation, I explore social perception, an area of research between philosophy of perception and social cognition. I claim that we can perceive some social properties in others, in particular we can perceive others as agents (and not as inanimate objects), we can perceive their goal-directed actions, and even some of their mental states, such as their emotional expressions. I argue that social perception, rather than an alternative to mindreading and to cognitive ways of understanding others, is a complementary mechanism, that works in automatic ways and is connected to core systems in development. My interest in this topic stems from an old skeptical philosophical problem: the ‘other minds problem’. It arises from the (epistemic) asymmetry between the direct way we access our mental states and the indirect way we access the mental states of others, which are, for us, opaque and elusive. The skeptic draws on this fact to challenge our certainty that others have inner lives similar to ours. While social perception per se is not a reply to the skeptical problem, I think that it shows that there is an innate and basic psychological mechanism that gives us a sense of the inner lives of others.
In general, social perception challenges some of the received views in philosophy and cognitive science about the contents of perception, the divide between perception and cognition, and the way we understand each other. It is also an empirically grounded claim, because much of recent research in cognitive neuroscience, cognitive psychology, and developmental psychology bears on the issue.
My current projects concern the exploration of the role of the body in perceiving social properties; the explanatory role of mental representations in cognitive science, and a collaborative work with Michael Murez and Brent Strickland on mental files and singular thought.
Concerning the first project, I am mostly interested in a theory that would allow for a proper embodiment of emotional states, in order to answer a worry about the claim that we perceive emotions. According to this worry, we do not access the emotional mental states, but merely their behavioral manifestations (because mental states are not visible and outwardly manifest). The second project stems from my interest in developmental psychology and in the role of mental representations in scientific explanations. In particular, I focus on the debate about the non conceptual format of representations. This debate often appeals to infants’ mental states as paradigmatic examples of states with non conceptual format, but seldom looks at empirical evidence. I think that a fruitful discussion about non conceptual format cannot abstract from a closer look at the empirical evidence from developmental psychology.
For more information and for contacting me please visit my personal page: https://jouliasmortchkova.wordpress.com

Lena Ljucovic

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Seit März 2015 bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Begonnen habe ich mein Philosophiestudium im Rahmen eines Lehramtsstudiums, ergänzt um das Fach Englisch, an der TU Dortmund. Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu einem Studienaufenthalt an der University of Liverpool (Erasmus) und die Möglichkeit, für einige Jahre als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie tätig zu sein. Vor allem in den späteren Semestern wurde mir bewusst, dass ich an einer Fortsetzung und Vertiefung des Philosophiestudiums interessiert war. So entschloss ich mich nach meinem Studium, das ich 2011 mit einer Staatsarbeit zum Thema der Selbstkonstitution abschloss, nicht ins Referendariat zu gehen und stattdessen Logi Gunnarsson für eine Promotion an die Universität Potsdam zu folgen.  In Potsdam angekommen, hatte ich das Glück, für drei Jahre als Stipendiatin und kollegiatische Sprecherin im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen, Lebenswissen“, bestehend aus Literaturwissenschaftler_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Philosoph_innen, an meinem Dissertationsprojekt arbeiten zu können. Das Promotionsstipendium ermöglichte mir, neben der Organisation und dem Besuch mehrerer internationaler Tagungen, ein Semester als Visiting Fellow an der Harvard University zu verbringen. Nach Ablauf dieser drei Jahre (November 2014) wurde ich bis zum Antritt der aktuellen Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin durch ein Abschlussstipendium der Potsdam Graduate School gefördert. An der Universität Potsdam biete ich unter anderem Seminare an, die über mein Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Themen der feministischen Philosophie.   In meiner Doktorarbeit, die von Logi Gunnarsson (Potsdam) und Richard Moran (Harvard) betreut wird, beschäftige ich mich unter dem Arbeitstitel „Self-Knowledge Extended“ mit dem Thema des Selbstwissens. Meine Dissertation nimmt eine Alternative zu dem klassischen Wahrnehmungsmodel des Selbstwissens in den Blick: Der sogenannten Transparenztheorie zufolge ist uns unser Geist nicht insofern transparent, als dass unser inneres Auge auf unfehlbare, direkte Weise die eigenen Zustände wahrnimmt (Descartes), sondern vielmehr insofern, als dass wir die Frage nach unseren eigenen mentalen Zuständen mit einem auf die Sachverhalte in der Welt gerichteten Blick beantworten können. Ich folge in meiner Arbeit Richard Moran, der die Asymmetrie zwischen erster und dritter Person auf unser praktisches Selbstverhältnis hin versteht und insofern eine bestimmte, als Festlegungstheorie beschreibbare, Variante der Transparenztheorie vertritt. Der zentrale Gedanke ist hier, dass ich durchaus etwas über andere Personen oder mich selbst herausfinden kann, aber das Besondere am Selbstwissen daher rührt, dass ich mich festlege. Transparenz ist demnach weniger eine verlässliche Methode als eine Bedingung: Eine Überzeugung beispielsweise wäre nicht das, was sie ist, wenn mein Überzeugtsein von p nicht in dem Fürwahrhalten von p bestehen würde. Wenn ich gefragt werde, was ich glaube, dann expliziere ich, was ich glaube, und drücke in meiner Selbstzuschreibung „Ich glaube, dass p“ meine Überzeugung aus.  Aus offensichtlichen Gründen ist der Einwand, die Festlegungstheorie könne nur auf Überzeugungen und nicht auf andere mentale Zustände angewendet werden, einer der häufigsten Einwände gegen diese Theorie. Wir scheinen uns beispielsweise nicht auf unsere Emotionen festzulegen. Was aber diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, vorauszusetzen scheinen ist, dass Emotionen (und andere mentale Zustände) auf Überzeugungen reduzierbar sein müssten, um von der Transparenztheorie eingefangen werden zu können. Ich denke, dass das nicht stimmt.   Um den Einwand zu entkräften, werde ich unter anderem auf die Unterschiede zwischen Emotionen und Überzeugungen eingehen und solchen Theorien folgen, die Emotionen als mentale Zustände einer eigenen Art, aber als analog zu Wahrnehmungen, verstehen. Ein Ergebnis meiner Überlegungen wird sein, dass wir von unseren Emotionen nicht in derselben Weise wissen wie von unseren Überzeugungen, dieses Wissen aber dennoch im Rahmen einer Transparenztheorie erklärt werden kann. Stark vereinfacht gesprochen: Ich werde zunächst die These verteidigen, dass meine Emotionserfahrung in meinem Bewusstsein des Objekts als so-oder-so seiend, als die emotionsspezifischen Eigenschaften repräsentierend, besteht und dann in einem zweiten Schritt argumentieren, dass das besondere Wissen, das ich von dem Gegenstand meiner Emotion habe, mein Wissen um meine eigene Emotion ist. Ein Wissen, das ich reflektierend explizit machen kann, wenn ich danach gefragt werde. Meine Selbstzuschreibungen von Emotionen genießen erstpersonale Autorität, nicht weil das Deliberieren über die Gründe für meine Emotion konstitutiv ist, und auch nicht, weil meine Überzeugung, dass ich diese Person liebe, insofern Wissen ausdrückt, als dass sie darauf fußt, dass meine Emotion „erster Ordnung“ auf eine bestimmte Weise hervorgebracht wird, sondern weil ich meinen Blick in der Beantwortung der Frage, ob ich diese Person liebe, auf die Person richte.   Der Forschungsbeitrag meiner Dissertation wird also größtenteils darin bestehen, eine Tranzparenztheorie des Selbstwissens zu verteidigen, die die verschiedenen mentalen Zustände in ihrer Varietät berücksichtigt (hier bin ich nur auf die Emotionen eingegangen, aber meine Dissertation widmet sich ebenso den Stimmungen, Wünschen und Wahrnehmungen). Außerdem möchte in meiner Dissertation eine Brücke vom Selbstwissen zum Wissen vom Selbst schlagen. Hier werde ich unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich die Transparenztheorie auch auf Selbstzuschreibungen vergangener mentaler Zustände ausweiten lässt.
Bei SWIP Germany bin ich als Botschafterin aktiv.

Beate Krickel

Beate Krickel  © privat

Beate Krickel © privat

Ich arbeite seit April 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Institut II der Ruhr-Universität Bochum. Promoviert habe ich bei Geert Keil an der HU Berlin, wo ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet habe. Meinen Bachelor habe ich an der Universität Osnabrück im Fach Cognitive Science gemacht; meinen Master in Philosophie an der WWU Münster.
Meine Forschungs- und akademischen Interessenschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes, der Wissenschaftstheorie (vor allem der Biologie und der Psychologie) und der Metaphysik. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem Begriff des biologischen Mechanismus beschäftigt. In meinem Habilitationsprojekt soll es um psychologische Erklärungen und die Rolle des Unbewussten gehen. Beide Projekte und deren Zusammenhang will ich kurz erläutern.
Die Metaphysik der (biologischen) Mechanismen
In meiner Doktorarbeit habe ich unter dem Titel „The Metaphysics of Mechanisms“ untersucht, was unter einem biologischen Mechanismus zu verstehen ist bzw. wie dieser Begriff verstanden werden sollte. Die sogenannten „neuen Mechanisten“ behaupten nämlich, dass eine Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften (besonders der Lebenswissenschaften) nicht ohne den Begriff des Mechanismus auskommen kann: Erklärungen, Vorhersagen, Modellierungen, Interventionen, Kausalität, Kontrafaktische Konditionale, usw. lassen sich nur adäquat philosophisch analysieren, wenn angenommen wird, dass es (biologische) Mechanismen in der Welt gibt, die die zu erklärenden Phänomene hervorbringen und die von Wissenschaftler_innen untersucht und beschrieben werden können. Es hat sich gezeigt, dass der neue mechanistische Ansatz eine brauchbare, deskriptiv-adäquate Analyse vieler Einzelwissenschaften bietet.
Mein Interesse an diesem Ansatz basierte vor allem auf der Tatsache, dass die neuen Mechanisten behaupten, in irgendeinem Sinne eine nicht-reduktive Analyse von biologischen und kognitiven Phänomenen zu liefern. Ich habe mich daher gefragt: Wenn die neuen Mechanisten recht haben und höherstufige Phänomene (wie biologische oder kognitive Phänomene) durch Mechanismen erklärt und von diesen hervorgebracht werden und diese Analyse gleichzeitig nicht-reduktiv sein soll – bieten sich hier neue Ressourcen für die Gehirn-Geist Debatte? Könnte man auf der Grundlage des neuen mechanistischen Ansatzes für einen nicht-reduktiven Physikalismus argumentieren?
Leider musste ich schnell feststellen, dass diese Fragen nicht ohne Weiteres beantwortbar sind. Viele Thesen der neuen Mechanisten sind zu vage, mehrdeutig oder gar inkonsistent um zu bestimmen, welches metaphysische Bild dieser Ansatz mit sich bringt. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie des biologischen Mechanismus entwickelt, die dieses Problem löst. Kurz zusammengefasst, klingt meine These in etwa so: Mechanismen sind regelmäßige oder rückwärts-regelmäßige Kausalketten, die aus organisierten Entitäten-involvierenden Okkurenten (EIOs) bestehen, die Phänomene entweder verursachen oder konstituieren, wobei letzteres bedeutet, dass die Bestandteile der Mechanismen (die EIOs) die zeitlichen Teile des Phänomens verursachen (wobei diese Phänomene ontologisch betrachtet auch EIOs sind). Die eigentliche Arbeit – die Konsequenzen für die Philosophie des Geistes zu untersuchen – kann nun also beginnen.
Psychologische Erklärungen und das Unbewusste
Ich stehe momentan am Anfang meines Habilitationsprojektes. In einem bestimmten Sinne soll es auch hier wieder um Mechanismen gehen – um psychologische Mechanismen bzw. psychologische Erklärungen, die sich auf solche Mechanismen beziehen. Psychologische Mechanismen scheinen  bestimmte bemerkenswerte Eigenschaften zu haben: Erstens spielen sie sich auf der personalen Ebene ab, d.h. wir können sie angemessen mit unserem alltagspsychologischen Vokabular beschreiben (mit Ausdrücken wie „Überzeugung“, „Wunsch“, „Gefühl“, etc.). Zweitens scheinen unbewusste Zustände eine Rolle zu spielen. Das psychologische Phänomen stereotype threat zum Beispiel könnte erklärt werden durch den Verweis auf eine unbewusste Angst, die sich einstellt, wenn man auf seine Zugehörigkeit zu einer stereotypsierten Gruppe geprimt wird. Ich werde Beispiele wie dieses (und ego defense mechanisms, terror management, implicit bias) untersuchen und analysieren, wann Psychologen von „psychologischen Mechanismen“ reden und was sie damit meinen. Zudem muss geklärt werden, was Psychologen unter „unbewussten Zuständen“ verstehen und wie man die philosophischen Redeweisen von „personal level“, „unconscious“, „mental“ und „psychological“ im Kontext tatsächlicher psychologischer Erklärungen analysieren sollte.
Weitere Informationen, Veröffentlichungen etc. gibt es hier: www.beatekrickel.com. Ich freue mich  über Kommentare, Anregungen, Fragen, usw.

Uljana Feest

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Ich bin seit März 2014 Professorin an der Leibniz-Universität Hannover und vertrete dort die Wissenschaftstheorie und Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Wie viele Wissenschaftstheoretiker/innen, bin ich auf dem Umweg des Studiums einer Einzelwissenschaft zur Philosophie gelangt: Mein erstes Studium (an der Goethe-Universität, Frankfurt) habe ich im Jahr 1994 im Fach Psychologie mit einem Diplom abgeschlossen. Allerdings wurde mir schon relativ am Anfang meines Studiums klar, dass mein eigentliches Interesse nicht irgendwelchen spezifischen psychologischen Fragestellungen oder Resultaten galt. Vielmehr wollte ich wissen, warum die wissenschaftliche Psychologie überhaupt so vorgeht wie sie vorgeht, wobei diese Frage für mich schon früh sowohl eine normative als auch eine historische Dimension hatte.
Die damals in Frankfurt gelehrte Wissenschaftsphilosophie hatte wenig mit real praktizierter Wissenschaft (geschweige denn mit Psychologie) zu tun, aber die Themen Bedeutungstheorie, wissenschaftlicher Realismus und Theoriebeladenheit der Beobachtung packten mich dennoch und boten erste Aufhänger für meine Fragen nach Status und Funktion psychologischer Begriffe in ihrem Verhältnis zu empirischen Daten. Parallel begann ich mich außerdem (im Zuge einer kognitionspsychologischen Diplomarbeit) für die Kognitionswissenschaften und die Philosophie des Geistes zu interessieren. Erst als ich 1997 (inzwischen hatte ich mein Studium beendet und zwei Jahre in einem techniksoziologischen Projekt gearbeitet) mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach Pittsburgh ging, erfuhr ich von der Existenz des Fachs History and Philosophy of Science (HPS). Zu meinem großen Glück nahm mich das Pittsburgher HPS Department nach Ablauf des Jahres als Doktorandin auf und in den folgenden Jahren erhielt ich dort eine akademische Heimat, die es mir erlaubte, meine inhaltlichen Fragestellungen zu artikulieren und mich zugleich methodisch innerhalb eines bestimmten Verständnisses von Wissenschaftstheorie zu situieren.
Mein primäres Forschungsinteresse kreist um das Ziel, ein philosophisches Verständnis der Dynamiken von Forschungsprozessen zu entwickeln – vor allen Dingen (aber nicht nur) bezogen auf die experimentelle Psychologie. Damit befindet sich meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen der Wissenschaftstheorie der Psychologie und der Epistemologie des wissenschaftlichen Experiments. Die Perspektive der Wissenschaftlerin, so die meiner Herangehensweise zugrundeliegende These, ist von tiefer epistemischer Unsicherheit geprägt. Eine Herausforderung für Wissenschaftstheorie besteht daher darin, auf deskriptiv angemessene und dennoch normativ gehaltvolle Art und Weise nachzuvollziehen, wie konkrete Forschungsgegenstände im Komplex empirischer und theoretischer Erwägungen konturiert und erforscht werden, wobei bei meinem Ansatz die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden und methodologischen Debatten eine wichtige Rolle spielt. Dies lässt sich am Thema des „Operationalismus“ illustrieren, über das ich schon lange arbeite: Während operationale Definitionen in der Philosophie spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts kritisch gesehen werden, argumentiere ich, dass sie Teil eines dynamischen und iterativen Forschungsprozesses sind, bei dem begriffliche Arbeit und empirische Datenproduktion aufs Engste verknüpft sind. Hieraus ergeben sich wichtige Einsichten über den Forschungsprozess.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich außerdem mit der Rolle introspektiver Auskünften – speziell Auskünften bzgl. des phänomenalen Bewusstseins – in der Forschungspraxis. Auch hier geht es mir darum, die engen Verzahnung methodischer und ontologischer Entscheidungen und Annahmen in der Forschung aufzuzeigen, der wir mit traditionellen wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten (etwa der Unterscheidung zwischen Empirie und Theorie) nicht gerecht werden. Im Zusammenhang mit der Frage nach Status und Reichweite von Introspektion interessiert mich auch die Frage, ob es mentale Prozesse und Zustände gibt, die sich einem introspektiven Zugriff grundsätzlich entziehen, so dass andere Methoden ihrer empirischen Messung entwickelt werden müssen. Hier sein zum Beispiel an die zurzeit viel diskutierten so genannten „impliziten“ Prozessen oder Zustände erinnert. Eins meiner gegenwärtigen Forschungsinteressen thematisiert die Frage nach Kriterien der Operationalisier- und Messbarkeit solcher impliziter kognitiver Prozesse.
Aus Perspektive der Philosophie der Sozialwissenschaften sind implizite Prozesse sozialer Kognition natürlich besonders spannend, da sie fundamentale Fragen nach dem Verhältnis individueller Kognition und gesellschaftlichen Normen und Praktiken aufwerfen und außerdem dazu anregen, philosophische Fragen nach Begriffen von Praxis, Know-How, Kompetenz, oder stillem Wissen neu zu analysieren. In den vergangenen beiden Semestern habe ich an der Leibniz-Universität zwei Seminare zu diesem Themenkomplex angeboten, und es ist nicht auszuschließen, dass sich hieraus ein größeres neues Projekt entwickeln wird.
Nach meiner Dissertation war ich drei Jahre lang am MPI für Wissenschaftsgeschichte (Berlin), und dann fünf Jahre lang an der TU Berlin tätig (letzteres im Rahmen einer vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft finanzierten Stelle „Kulturgeschichte des Wissens und der Wissenschaften“). Diesen glücklichen Umständen verdanke ich es, dass ich in der Lage war, immer auch philosophie- und psychologiehistorischen Interessen nachzugehen. Meine philosophischen Fragestellungen und Analysemethoden sind oft entscheidend durch die Auseinandersetzung mit historischem Material inspiriert und geprägt. Während psychologische und wissenschaftstheoretische Diskurse heute weitgehend getrennt voneinander stattfinden, war dies in den Anfängen der experimentellen Psychologie nicht der Fall, und so findet sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine philosophisch anspruchsvolle Literatur, in der oft der enge Zusammenhang methodologischer und metaphysischer Fragen reflektiert wird. Diese Texte bieten reichhaltige Quellen, mit deren Hilfe ich versuche, zu Themen und Debatten der gegenwärtigen Philosophie der Psychologie beizutragen, diese zugleich aber auch ein wenig gegen den Strich zu lesen.
Mehr Informationen finden sich hier:
http://www.philos.uni-hannover.de/feest.html
https://uni-hannover.academia.edu/UljanaFeest