Andrea Klonschinski

(c) privat

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Auf die Idee eines Philosophiestudiums wäre ich von allein wohl nie gekommen, aber zum Glück lernte ich im ersten Semester meines Magisterstudiums (einer hier nicht näher zu nennenden und aus heutiger Sicht etwas absurd anmutenden Fächerkombination) an der Universität Leipzig Kommilitoninnen kennen, die im Hauptfach Philosophie studierten. Und was sie erzählten, klang überaus interessant: Umgang mit Texten und vielfältige Themen einerseits, dabei analytisches Denken und logisches Argumentieren andererseits – das war mein Fach. Hatte ich mich doch nach Deutsch und Mathe Leistungskurs nicht für die eine oder die andere Richtung entscheiden können und meine derzeitige Fächerkombination eher aus Verlegenheit gewählt. In der Philosophie gab es das Beste aus beiden Welten – was mich bis heute fasziniert.

Eher durch Zufall wählte ich Volkswirtschaftslehre als Nebenfach dazu, noch nicht ahnen könnend, dass dadurch die Grundlage für einen meiner Forschungs- und Interessenschwerpunkte (Philosophy of Economics) sowie für die Themen meiner Magisterarbeit (Die Konstitutionelle Ökonomik James M. Buchanans. Zur Rationalen Begründbarkeit politischer Institutionen) und später der Doktorarbeit (The Economics of Resource Allocation in Health Care: Social Value, Utility, and Fairness) gelegt war. Auch auf die Idee einer Promotion in Philosophie wäre ich, nebenbei bemerkt, vermutlich nicht gekommen, hätte ein damaliger Dozent mich nicht dazu ermuntert.

Für die Promotion folgte ich Prof. Weyma Lübbe nach Abschluss meines Studiums 2009 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universität Regensburg, wo ich die Gelegenheit bekam, in der interdisziplinären DFG-Forschergruppe 655 „Priorisierung in der Medizin“ mitzuarbeiten. In diesem Kontext entstand auch meine Dissertation, die, anknüpfend an die Arbeit von Weyma Lübbe, eine konsequentialismuskritische und dogmengeschichtlich informierte Analyse gesundheitsökonomischer Evaluationen, also verschiedener Formen der Kosten-Nutzen-Bewertung im Gesundheitswesen, liefert. Genauer gesagt beschäftige ich mich in der Arbeit mit Versuchen der Gesundheitsökonomen, Gerechtigkeitsprobleme zu beheben, die bei der einfachen Maximierung von Gesundheit, gemessen in Form von quality adjusted life-years (QALYs), auftreten und versuche zu zeigen, dass diese Lösungsversuche scheitern müssen, da der konsequentialistische Rahmen von Kosten-Nutzen-Bewertungen non-konsequentialistische Gerechtigkeitserwägungen wie Chancengleichheit oder das Gebot der Nichtdiskriminierung nicht angemessen erfassen kann.

Obwohl das Thema sehr speziell klingt, thematisiert die Arbeit ganz grundlegende moralphilosophische und wirtschaftswissenschaftliche Fragen, etwa nach den Grenzen konsequentialistischer Theorien, dem Wert von Gesundheit, dem Nutzenbegriff, dem in der Ökonomik und insbesondere der angewandten Wohlfahrtsökonomik vorausgesetzten Entscheidungsmodell sowie die Frage, welche Rolle empirische Befragungen hinsichtlich der Lösung normativ-ethischer Probleme spielen können, um nur einige Beispiele zu nennen. In der Auseinandersetzung mit den in der Forschergruppe versammelten Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Fächern (insbesondere mit den Gesundheitsökonom*innen) habe ich in dieser Phase zum einen gelernt, wie schwer echtes interdisziplinäres Arbeiten tatsächlich ist, zum anderen aber auch, welch wichtige Funktion die Philosophie hier übernehmen kann, indem sie etwa Diskurse ordnet, Begriffe präzisiert, implizite Prämissen herausarbeitet und hinterfragt.

Im Jahr 2016 wechselte ich dann quer durch die Republik von Regensburg nach Kiel, wo ich derzeit (Februar 2019) bei Prof. Ludger Heidbrink als wissenschaftliche Assistentin tätig bin. Insofern ein wesentlicher Teil meiner Aufgaben darin besteht, gemeinsam mit einem Kollegen den Masterstudiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ zu koordinieren und entsprechende Lehrveranstaltungen anzubieten, bin ich wirtschaftsphilosophischen Fragen und Themen der politischen Philosophie sowie der angewandten Ethik auch weiterhin treu geblieben. Als weiterer Schwerpunkt in Forschung und Lehre ist zudem die Feministische Philosophie hinzugetreten.

Konkreter interessieren mich aktuell insbesondere zwei Themenbereiche. Der erste umfasst die Auseinandersetzung mit der normativen Relevanz von Gruppenungleichheiten, was etwa die Auseinandersetzung mit den Begriffen „Diskriminierung“ und „Diversität“ sowie die normativ-ethische Bewertung dieser Phänomene umfasst. Was ist eigentlich Diskriminierung und was ist daran moralisch falsch? Welche Rolle spielen implizite Biases und Stereotype dabei und wie sind entsprechende Handlungen moralisch zu bewerten? Welche Antidiskriminierungsmaßnahmen, etwa Quotenlösungen, sind gerechtfertigt?

Der andere Interessenschwerpunkt lässt sich mit der Überschrift „Epistemologie und Ethik“ versehen und umfasst die Themen epistemische Ungerechtigkeit sowie die normative Betrachtung von Nichtwissen. Eine Frage, die mich –, anknüpfend an die Auseinandersetzung mit empirischer Ethik im Rahmen der Doktorarbeit – umtreibt, liegt im Schnittbereich der genannten Felder und wird in der Literatur unter dem Stichwort Social Moral Epistemology behandelt. Dabei geht es darum, wer eigentlich wie akademische Moralphilosophie betreibt bzw. betreiben sollte, um zu gut begründetem „moralischem Wissen“ zu gelangen. Muss die akademische Philosophie aus ethischen und/oder aus epistemischen Gründen „diverser“ werden? Was genau heißt das überhaupt? Welche Gruppen müssen hier berücksichtigt werden? Wie lässt sich bei einer derartigen Forderung eine Essentialisierung verschiedener Denkstile („Frauen denken so und Männer so“) vermeiden? (Einige Gedanken zum Thema Frauen in der akademischen Philosophie habe ich hier formuliert: https://www.praefaktisch.de/metoo/metoo-und-frauen-in-der-akademischen-philosophie-der-perfekte-sturm/)

Insgesamt würde ich mich als Anhängerin (und hoffentlich manchmal auch als „Betreiberin“) einer analytischen, grundlagentheoretisch fundierten und empirisch informierten angewandten praktischen Philosophie bezeichnen. Von der Überzeugung, dass die akademische Philosophie gesellschaftlich relevant ist bzw. sein sollte, ist auch mein „philosophisches Hobby“, die Filmreihe „Filmisches Philosophieren“ getragen, die ich, jeweils mit Unterstützung des Instituts für Philosophie bzw. des Philosophischen Seminars, von 2012-2016 in Regensburg und seit 2017 in Kiel organisiere und moderiere. Dabei werden pro Semester etwa drei Filme in einem Programmkino gezeigt, auf den Film folgt jeweils ein Impulsreferat einer Referentin oder eines Referenten, das die philosophisch interessanten Aspekte des Films heraushebt und schließlich wird mit dem Publikum diskutiert (ausführlicher dazu und mit Beispielen für Filme, Themen und Referent*innen: https://www.praefaktisch.de/populaere-philosophie/philosophie-im-kinosessel/).

Für weitere Informationen besuchen Sie/besucht meine Homepage bei der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel https://www.philsem.uni-kiel.de/de/lehrstuehle/praktische-philosophie/klonschinski und/oder kontaktieren Sie/kontaktiert mich gerne persönlich!

Almut Kristine von Wedelstaedt

(c) privat

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Ich gehöre zu den Leuten, die früh in ihrem Leben angefangen haben, Philosophie zu lesen, und dann eigentlich nie etwas anderes machen wollten. Insofern bin ich sehr froh, dass ich immer noch Philosophie mache und beruflich machen darf, auch wenn ich seit diesen frühen Anfängen eine philosophische Kehrtwende gemacht habe. Angefangen habe ich nämlich, wie wahrscheinlich viele beginnen, mit Sartre, de Beauvoir, Camus, Nietzsche und Heidegger und deshalb wollte ich unbedingt irgendwo studieren, wo man sich mit Existentialismus beschäftigen kann. Da passt meine Heimatstadt Bielefeld wirklich gar nicht. Wegen eines leicht verspäteten, weil externen Abiturs konnte ich aus terminlichen Gründen allerdings nur in Bielefeld beginnen und da ich auf keinen Fall ein Semester warten wollte, habe ich trotzdem in Bielefeld angefangen. Am ersten Tag meines Studiums bin ich dann in eine HIT-Veranstaltung bei Eike von Savigny geraten. HIT stand für „Hausarbeit in individuell betreuten Teilschritten“ und war – man verzeihe mir den Kalauer – tatsächlich ein Hit. Ich habe gefühlt nie wieder in so kurzer Zeit so viel gelernt wie in dieser Veranstaltung, in der man neben den normalen Seminarsitzungen sechs Mal im Semester Texte abgab, die sechs Mal in einer halbstündigen Einzelbesprechung diskutiert wurden, und aus denen sich am Ende die Hausarbeit zusammensetzte. Wie nebenbei kam ich völlig ab von allem, was ich vorher gelesen hatte, und beschäftigte mich fortan hauptsächlich mit genuin analytischer Philosophie, im Studium insbesondere Wittgenstein. Bis heute bin ich hauptsächlich in der analytischen Philosophie unterwegs, vermeide aber möglichst jede Art von Dogmatismus oder Schulbildung.

Dieser Anfang ist für mich nicht nur wichtig, weil es halt mein Anfang ist, sondern auch, weil ich an diesem Anfang ein Bild von Philosophie gewonnen habe, an dem ich festhalte. Philosophie ist demnach etwas, was man lernen und lehren kann. Es ist überhaupt nicht leicht zu erklären, was genau Menschen tun, die philosophieren, aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzusehen, dann kann man einiges darüber herausbekommen und das kann man auch vermitteln. Dieses Bild von Philosophie ist für mich deshalb so wichtig, weil meine jetzige Aufgabe an der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld als Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung viel damit zu tun hat. Ich denke im Rahmen dieses Jobs viel darüber nach, was gutes Philosophieren ist und wie man das in einem Philosophiestudium gelingend vermitteln kann. In diesem Zusammenhang interessiert mich unter anderem, wie man Diversität in der Philosophie ermöglichen und damit umgehen kann. Aus diesem Interesse resultiert auch mein Engagement für SWIP.

In meiner Forschung beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit Fragen der Moralbegründung. Das ist etwas ganz anderes als ich in meiner Dissertation gemacht habe, die von philosophischen Theorien narrativer Identität handelte und die Frage stellte, ob das überhaupt überzeugende Theorien personaler Identität sein könnten (ganz kurz: nein). Jetzt interessiert mich vor allem die Frage, ob es möglich ist, eine Begründung von Moral zu geben, die moralische Forderungen für alle Menschen verpflichtend macht, einfach weil sie Menschen sind. Zu diesem Zweck versuche ich ein Verständnis von menschlicher Natur fruchtbar zu machen, das allerdings nicht essentialistisch ist, weil menschliche Natur demnach historisch kontingent und sozial konstruiert ist. Eine solche Konzeption sehe ich etwa in Peter Strawsons Überlegungen in „Freedom and Resentment“ angelegt. Vom Ansatz her gibt es bei meinen Überlegungen Ähnlichkeiten zu den neoaristotelischen Moralkonzeptionen Philippa Foots und Rosalind Hursthouses, ohne dass ich mich auf ein tugendethisches Moralverständnis festlegen will. Aber deren Blick auf die menschliche Natur und ihre Gelassenheit gegenüber dem Begründungsproblem der Moral scheint mir sehr hilfreich.

Außerdem beschäftigen mich in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder Themen der Philosophie der Sexualität. Jetzt gerade ist das insbesondere die Frage, ob Zustimmung allein ausreichend ist für die moralische Güte einer sexuellen Handlung. Meines Erachtens ist sie es nicht. Stattdessen kann man mehr über die moralische Qualität von sexuellen Handlungen sagen, wenn man in Betracht zieht, dass es ein Idealbild von sexuellen Begegnungen gibt, das damit zu tun hat, dass sich die Partner auf Augenhöhe begegnen.

Obwohl ich zwar gern allein am Schreibtisch sitze und an meinen verschiedenen Aufgaben und Themen arbeite, schätze ich den Austausch mit anderen sehr und profitiere davon in ganz verschiedenen Hinsichten sehr, inhaltlich philosophisch ohnehin, aber auch was meine persönliche Entwicklung als Lehrende, Forschende und an der Hochschule Tätige angeht. In diesen Hinsichten den Austausch mit anderen zu nutzen und auch bspw. Mentoring-Angebote zu nutzen, dazu kann ich nur ermutigen. Ich erlebe es beispielsweise oft als eine Herausforderung, die Anforderungen des akademischen Philosophierens mit denen einer kleinen Familie – ich habe einen zweijährigen Sohn – unter einen Hut zu bekommen. Dabei hilft der Austausch mit anderen ungemein.

Dr. Almut Kristine v. Wedelstaedt Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung, Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld

Andrea Reichenberger

(c) Universität Paderborn

(c) Universität Paderborn

I am currently a research associate at the Center for the History of Women Philosophers and Scientists (HWPS), Paderborn University. It is a project under the direction of Ruth Hagengruber (Paderborn) financially supported by the Ministry of Innovation, Science and Research of North Rhine-Westphalia, Germany.

Research into the history of women philosophers and scientists has long been neglected. Especially, the historiography of the 19th and 20th century has tended to exclude, marginalize and trivialize women’s contribution to scientific issues, problems and developments. There is currently a movement toward correcting this historical bias.

My aim is to approach this task by rethinking the questions through which the history of science has been structured up to the present day. My conviction is that closing the gender gap requires rewriting and reforming the history and historiography of science by integrating women into it.

In order to reach this goal, it is essential to go beyond a mere biographical narration. Archival research is the basis for serious and well-founded historiographical studies, but it is not sufficient for a successful and sustainable integration of women’s contributions into recent trends and discussions regarding the epistemological and methodological status of the philosophy of science. In my opinion, a problem-oriented contextualization is necessary.

I try to show what such a contextualization can look like, by using case studies in my research and teaching practice. For example, in my book Émilie Du Châtelets „Institutions physiques“. Über die Rolle von Prinzipien und Hypothesen in der Physik, Springer 2016, I have investigated Émilie Du Châtelet’s sophisticated translation and interpretation of the laws of motion. I came to the result that Du Châtelet opened the door to the unification of the concept of force as cause for changing the state of motion and to a clear differentiation between the inertial state of motion (preserving the state of motion or rest) and the conservation of a physical quantity (energy and momentum).

A second example deals with a “relativized” Kantian interpretation of Einstein’s theory given by Ilse Rosenthal Schneider (1891–1990). In her book Das Raum-Zeit-Problem bei Kant und Einstein (1921), Schneider argued that Einstein’s theory of relativity did not refute Kant, although it was only Einstein who recognized and formulated the dependence of space-time metric with the gravitational field in the language of tensor analysis. The central thesis of her work was as follows: Firstly, Kant’s concept of space and time was not like Newton’s. His concept did not refer to a physical object with respect to which motion can be defined, but to a formal principle. Secondly, Kant contemplated an interdependence of geometry and matter long before Einstein was able to describe gravity as the bending of space-time geometry. I will discuss this argument against the background of Ilse Rosenthal Schneider’s correspondence with Albert Einstein, Max von Laue and Max Planck and against the background of Hans Reichenbach’s and Moritz Schlick’s unfair criticism of her book. A third example refers to Grete Hermann’s distinction of predictability and causality in quantum mechanics and her discussion of space and time from a Neo-Kanitan perspective.

These, and other case studies are part of my habilitation project. In this project, I aim to demonstrate that the standard view on the history of the space-time problem from Newton and Leibniz over Kant to Einstein needs to be reevaluated. The result of this study is that the old dispute between absolutism/substantialism vs. relationalism did not lead to the victory of one or the other position, but to the integration of invariance and symmetry principles into physics. Women’s contributions played a decisive and interesting role in this process of knowledge transformation and consolidation.

Additionally, I have started investigating the history of female German logicians from the late 19th till the early 20th century. Currently, I am editing two Special Issues on the Work of Women in Sciences and Philosophy, namely for Transversal: International Journal for the Historiography of Science (together with Moema Vergara, Museum of Astronomy – Mast, Rio de Janeiro, Brazil), and for Almagest. International Journal for the History of Scientific Ideas (together with Ruth Hagengruber (Paderborn University, Germany) and George Vlahakis (Hellenic Open University, Greece)). Together with Ruth Hagengruber, I am also preparing a conference volume on Époque Émilienne. Philosophy and Science 1700-1750.

Everyone is welcome to contact me: andrea.reichenberger (at) uni-paderborn.de

For further information see also: https://historyofwomenphilosophers.org/

http://dgphil.de/verbaende-und-ags/arbeitsgemeinschaften/ag-frauen-in-der-geschichte-der-philosophie/

https://kw.uni-paderborn.de/fach-philosophie/reichenberger/

https://zenmem.academia.edu/AndreaReichenberger

Anna Leuschner

AL

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Ich habe in Bielefeld Philosophie und Geschichte studiert und wurde 2011 in Bielefeld mit einer Arbeit zur Glaubwürdigkeit politisch relevanter Wissenschaften am Beispiel der Klimaforschung promoviert. Im Anschluss war ich ein Jahr Assistentin in Bielefeld und wechselte dann nach Karlsruhe, wo ich von 2012 bis 2015 als Postdoc am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gearbeitet habe. Seit Oktober 2015 bin ich Postdoc im DFG-Graduiertenkolleg “Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research” an der Leibniz Universität Hannover.
Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Wissenschaftstheorie und der sozialen Erkenntnistheorie. Mich interessiert, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisverfahren beeinflussen. Konkret erforsche ich derzeit die epistemischen Möglichkeiten und Grenzen von sozialer Pluralität.
Es ist unstrittig, dass bestimmte Formen wissenschaftlicher (methodischer und theoretischer) Pluralität epistemisch fruchtbar sind. Darunter fallen beispielsweise beobachtungsprozedurale und instrumentelle Pluralität: Verschiedene experimentelle und messtechnische Verfahren können unabhängig voneinander Hypothesen bestätigen oder falsifizieren. Auch können sie verschiedene Eigenschaften eines Phänomens erst erkennbar machen, wodurch eine Hypothese entsprechend verfeinert werden kann.
Das zeigt sich besonders deutlich in Bereichen der Forschung, die sehr komplexe Forschungsgegenstände untersuchen. Hier werden die besten Ergebnisse dadurch erzielt, dass Daten und Forschungsergebnisse aus verschiedenen, teils auch interdisziplinären Forschungsbereichen zusammengeführt werden. Wo einzelne, lokal und temporär begrenzte Messreihen und Experimente wenig aussagekräftig bleiben, können durch Vergleiche und Kombinationsverfahren vieler solcher Untersuchungen oft dennoch verlässliche Ergebnisse erzielt werden.
Unklar ist jedoch, inwiefern für die Bereitstellung hinreichender wissenschaftlicher Pluralität soziale Pluralität erforderlich ist. Soziale PluralistInnen argumentieren, dass die im Entdeckungskontext liegenden sozialen und psychischen Umstände einer wissenschaftlichen Entdeckung nicht eindeutig von den im Rechtfertigungskontext liegenden kognitiven Geltungsansprüchen zu trennen sind: Objektivität im Sinne individueller Werteneutralität könne es nicht geben, da jeder einzelne Mensch zwangsläufig eine bestimmte, kontextabhängige Perspektive auf die Welt habe, geprägt von sozialem Status, Bildung, Nationalität, Geschlecht, individuellen Erfahrungen usw.
Diese perspektivische Gebundenheit beeinflusse die Forschung einzelner WissenschaftlerInnen durch sogenannte Hintergrundannahmen, was bedeutet, dass nicht-epistemische (z.B. moralische, politische, ökonomische) Werte im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang vorausgesetzt werden. Daher sei eine Eliminierung nicht-epistemischer Werte aus den wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen nicht möglich; soziale PluralistInnen fordern deshalb, nicht-epistemische Vorurteile in der Wissenschaft – wenn sie sich schon nicht eliminieren lassen – durch Kultivieren sozialer Wertevielfalt zu kontrollieren.
Allerdings ist das nicht ganz einfach. So müssen sich VerfechterInnen von sozialem Pluralismus der Herausforderung stellen, dass soziale Pluralität auch erkenntnishemmend sein kann, wenn nämlich unqualifizierte Beiträge Eingang in wissenschaftliche Diskussionen finden. So wichtig soziale Pluralität also aus epistemischen Gründen sein mag, sie bedeutet zugleich eine besondere Herausforderung an die wissenschaftliche Qualitätssicherungspraxis. Mit Hilfe bestimmter Qualitätsstandards (in der Wissenschaftstheorie werden klassischerweise Listen methodologischer Werte vorgebracht, wie z.B. Einfachheit, Fruchtbarkeit, Konsistenz, etc.) müssen unqualifizierte Beiträge aus den wissenschaftlichen Diskussionen ausgeschlossen werden. Doch müssen solche Standards im konkreten Fall interpretiert und gewichtet werden, was die für wissenschaftlichen Fortschritt erforderliche Pluralität in der Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Dabei können wieder nicht-epistemische Werte entscheidend sein. Um dennoch zu einer Einigung zu gelangen, sind daher bestimmte theoretische, konzeptuelle und methodische Annahmen entscheidend, die innerhalb einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits etabliert sind. Das führt jedoch dazu, dass diese Annahmen selbst nicht zum Gegenstand von Kritik werden können, weil Kritik an ihnen von vornherein ausgeschlossen wird.
Das zeigt sich beispielsweise am peer review-Verfahren. Hier können von GutachterInnen, KonferenzorganisatorInnen oder ZeitschriftenherausgeberInnen angenommene Standards bereits Vorurteile enthalten oder durch Vorurteile verzerrt interpretiert werden, so dass systematisch Beiträge bestimmter Personengruppen ausgeschlossen werden. Dies birgt die Gefahr, dass das eigentliche Ziel – die Sicherung wissenschaftlicher Objektivität – verfehlt wird, wenn innovative Beiträge aus den Diskussionen ausgeschlossen werden, weil sie etablierten Annahmen nicht genügen. Ich gehe hier der Frage nach, wie die sozialpluralistischen Einsichten umgesetzt werden können, ohne die Einhaltung wissenschaftlicher Standards einem konstruktivistischen Relativismus zu opfern.
Ein zweites Problem für sozialen Pluralismus ist, dass bestimmte Beiträge in wissenschaftlichen Debatten offenbar epistemisch schädlich sind. Dies habe ich mit meinem Kollegen Justin Biddle vom Georgia Institute of Technology anhand von Fällen untersucht, die die historische und soziologische Wissenschaftsforschung unter dem Stichwort „Agnotology“ aufgedeckt hat: Interessengruppen versuchen, durch Diskreditierung von WissenschaftlerInnen, gezielte Selektion von Daten und Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Besonders stark sind Gesundheits- und Umweltwissenschaften betroffen; so wird beispielsweise von Seiten der Tabakindustrie versucht, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Frage zu stellen, Medikamententests werden in von Pharmakonzernen finanzierten Testreihen manipuliert, um Medikamente schneller auf den Markt bringen zu können, und der anthropogene Klimawandel wird durch lobbyistischen Einfluss der Kohle- und Ölindustrie bezweifelt.
Während von KlimaskeptikerInnen behauptet wird, ihre Aktivitäten seien epistemisch nützlich, da sie unabhängige Kritik und Kontrolle der etablierten Wissenschaft hervorbrächten, gibt es starke Indizien (zum einen Aussagen von ForscherInnen, zum anderen empirische Untersuchungen), dass KlimaforscherInnen Daten zu optimistisch interpretieren, um nicht von KlimaskeptikerInnen angefeindet und diskreditiert zu werden. Dies zeigt, dass die Einflussnahme der Industrie auf die Klimaforschung durch das Protegieren von klimaskeptischen Aktivitäten die wissenschaftliche Diskussion in epistemisch schädlicher Weise behindert und unausgewogene Ergebnisse durch eine Neigung zu falsch-negativen Fehlern begünstigt.
Allgemein gesprochen sind folglich, wie Justin und ich gezeigt haben, solche Beiträge epistemisch schädlich, die Voreingenommenheiten in der Wissenschaft fördern, wenn durch ihren Einfluss beispielsweise systematisch bestimmte Interpretationsweisen von Daten bevorzugt oder bestimmte Hypothesen vernachlässigt werden.
Eine Liste meiner Publikationen und Vorträge findet sich unter https://annaleuschner.wordpress.com/

Lena Ljucovic

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Seit März 2015 bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Begonnen habe ich mein Philosophiestudium im Rahmen eines Lehramtsstudiums, ergänzt um das Fach Englisch, an der TU Dortmund. Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu einem Studienaufenthalt an der University of Liverpool (Erasmus) und die Möglichkeit, für einige Jahre als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie tätig zu sein. Vor allem in den späteren Semestern wurde mir bewusst, dass ich an einer Fortsetzung und Vertiefung des Philosophiestudiums interessiert war. So entschloss ich mich nach meinem Studium, das ich 2011 mit einer Staatsarbeit zum Thema der Selbstkonstitution abschloss, nicht ins Referendariat zu gehen und stattdessen Logi Gunnarsson für eine Promotion an die Universität Potsdam zu folgen.  In Potsdam angekommen, hatte ich das Glück, für drei Jahre als Stipendiatin und kollegiatische Sprecherin im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen, Lebenswissen“, bestehend aus Literaturwissenschaftler_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Philosoph_innen, an meinem Dissertationsprojekt arbeiten zu können. Das Promotionsstipendium ermöglichte mir, neben der Organisation und dem Besuch mehrerer internationaler Tagungen, ein Semester als Visiting Fellow an der Harvard University zu verbringen. Nach Ablauf dieser drei Jahre (November 2014) wurde ich bis zum Antritt der aktuellen Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin durch ein Abschlussstipendium der Potsdam Graduate School gefördert. An der Universität Potsdam biete ich unter anderem Seminare an, die über mein Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Themen der feministischen Philosophie.   In meiner Doktorarbeit, die von Logi Gunnarsson (Potsdam) und Richard Moran (Harvard) betreut wird, beschäftige ich mich unter dem Arbeitstitel „Self-Knowledge Extended“ mit dem Thema des Selbstwissens. Meine Dissertation nimmt eine Alternative zu dem klassischen Wahrnehmungsmodel des Selbstwissens in den Blick: Der sogenannten Transparenztheorie zufolge ist uns unser Geist nicht insofern transparent, als dass unser inneres Auge auf unfehlbare, direkte Weise die eigenen Zustände wahrnimmt (Descartes), sondern vielmehr insofern, als dass wir die Frage nach unseren eigenen mentalen Zuständen mit einem auf die Sachverhalte in der Welt gerichteten Blick beantworten können. Ich folge in meiner Arbeit Richard Moran, der die Asymmetrie zwischen erster und dritter Person auf unser praktisches Selbstverhältnis hin versteht und insofern eine bestimmte, als Festlegungstheorie beschreibbare, Variante der Transparenztheorie vertritt. Der zentrale Gedanke ist hier, dass ich durchaus etwas über andere Personen oder mich selbst herausfinden kann, aber das Besondere am Selbstwissen daher rührt, dass ich mich festlege. Transparenz ist demnach weniger eine verlässliche Methode als eine Bedingung: Eine Überzeugung beispielsweise wäre nicht das, was sie ist, wenn mein Überzeugtsein von p nicht in dem Fürwahrhalten von p bestehen würde. Wenn ich gefragt werde, was ich glaube, dann expliziere ich, was ich glaube, und drücke in meiner Selbstzuschreibung „Ich glaube, dass p“ meine Überzeugung aus.  Aus offensichtlichen Gründen ist der Einwand, die Festlegungstheorie könne nur auf Überzeugungen und nicht auf andere mentale Zustände angewendet werden, einer der häufigsten Einwände gegen diese Theorie. Wir scheinen uns beispielsweise nicht auf unsere Emotionen festzulegen. Was aber diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, vorauszusetzen scheinen ist, dass Emotionen (und andere mentale Zustände) auf Überzeugungen reduzierbar sein müssten, um von der Transparenztheorie eingefangen werden zu können. Ich denke, dass das nicht stimmt.   Um den Einwand zu entkräften, werde ich unter anderem auf die Unterschiede zwischen Emotionen und Überzeugungen eingehen und solchen Theorien folgen, die Emotionen als mentale Zustände einer eigenen Art, aber als analog zu Wahrnehmungen, verstehen. Ein Ergebnis meiner Überlegungen wird sein, dass wir von unseren Emotionen nicht in derselben Weise wissen wie von unseren Überzeugungen, dieses Wissen aber dennoch im Rahmen einer Transparenztheorie erklärt werden kann. Stark vereinfacht gesprochen: Ich werde zunächst die These verteidigen, dass meine Emotionserfahrung in meinem Bewusstsein des Objekts als so-oder-so seiend, als die emotionsspezifischen Eigenschaften repräsentierend, besteht und dann in einem zweiten Schritt argumentieren, dass das besondere Wissen, das ich von dem Gegenstand meiner Emotion habe, mein Wissen um meine eigene Emotion ist. Ein Wissen, das ich reflektierend explizit machen kann, wenn ich danach gefragt werde. Meine Selbstzuschreibungen von Emotionen genießen erstpersonale Autorität, nicht weil das Deliberieren über die Gründe für meine Emotion konstitutiv ist, und auch nicht, weil meine Überzeugung, dass ich diese Person liebe, insofern Wissen ausdrückt, als dass sie darauf fußt, dass meine Emotion „erster Ordnung“ auf eine bestimmte Weise hervorgebracht wird, sondern weil ich meinen Blick in der Beantwortung der Frage, ob ich diese Person liebe, auf die Person richte.   Der Forschungsbeitrag meiner Dissertation wird also größtenteils darin bestehen, eine Tranzparenztheorie des Selbstwissens zu verteidigen, die die verschiedenen mentalen Zustände in ihrer Varietät berücksichtigt (hier bin ich nur auf die Emotionen eingegangen, aber meine Dissertation widmet sich ebenso den Stimmungen, Wünschen und Wahrnehmungen). Außerdem möchte in meiner Dissertation eine Brücke vom Selbstwissen zum Wissen vom Selbst schlagen. Hier werde ich unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich die Transparenztheorie auch auf Selbstzuschreibungen vergangener mentaler Zustände ausweiten lässt.
Bei SWIP Germany bin ich als Botschafterin aktiv.

Christine Bratu

imageCBAktuell bin ich wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophie IV der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Davor war ich seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin, zuerst am Geschwister-Scholl-Institut für politische Wissenschaft der LMU und seit 2009 an meiner jetzigen Fakultät. 2011 wurde ich mit einer Arbeit zu den Grenzen staatlicher Legitimität promoviert, die von Julian Nida-Rümelin und Elif Özmen betreut wurde. Seit 2010 bin ich Frauenbeauftragte der Fakultät, und seit dem Sommersemester 2013 organisieren meine Kollegin Mara-Daria Cojocaru von der Hochschule für Philosophie und ich gemeinsam die Werkstattgespräche Frauen in der Philosophie. Zweck dieser Veranstaltungsreihe ist es, den Studierenden unserer Hochschulen zu zeigen, dass auch Frauen erfolgreich Philosophie betreiben. Während Studium und Promotion wurde ich durch die Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert und 2012 erhielt ich von den Studierenden meiner Fakultät den Preis für gute Lehre in der Kategorie Nicht-Habilitierte.

Mein Themenschwerpunkt liegt in der praktischen Philosophie und hier insbesondere in der politischen Philosophie und Ethik. Eine Frage aus der politischen Philosophie, die mir besonders am Herzen liegt, ist die nach der Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus bzw. gerechtfertigtem Dissens hinsichtlich normativer Überzeugungen. Ist es möglich, dass zwei Personen zu einer normativen Frage – etwa der, was das gute Leben für den Menschen ausmacht – unterschiedlicher Überzeugung sind, ohne dass sich dabei eine von beiden irrt (oder beide)? Meiner Ansicht nach kann dies der Fall sein. Denn zum einen dürfen wir nicht ausgehend von einem externen Standpunkt beurteilen, ob eine Person in einer normativen Überzeugung gerechtfertigt ist. Stattdessen müssen wir uns deren epistemischen Standpunkt zu eigen machen und überprüfen, ob sie selbst über gute Gründe für die fragliche Überzeugung verfügt. Zum anderen gibt es normative Überzeugungen, die sich wechselseitig ausschließen. Das gute Leben für den Menschen kann bspw. nicht gleichermaßen im Müßiggang und darin bestehen, die eigenen Talente zu perfektionieren. Zusammen führen diese beiden Annahmen dazu, dass normative Überzeugungen pfadabhängig sind. Denn mit welchen normativen Überzeugungen eine Person startet, bedingt, an welchen weiteren normativen Überzeugungen sie gerechtfertigterweise festhalten darf. Pfadabhängigkeit wiederum ermöglicht gerechtfertigten Dissens: Wenn zwei Personen mit unterschiedlichen normativen Überzeugungen starten, werden sie im Folgenden in unterschiedlichen normativen Überzeugungen gerechtfertigt sein.

Die Möglichkeit von gerechtfertigtem Dissens ist wichtig für viele weitere Forschungsfragen, die mich interessieren. Auf der Grundlage dieses Ergebnisses konnte ich bspw. in meiner Dissertationsschrift den Hauptunterschied zwischen zwei großen Theorielagern der zeitgenössischen politischen Philosophie herausarbeiten, nämlich zwischen (Rechtfertigungs-)Liberalismus und Perfektionismus. Prima facie unterscheiden sich diese Theorien darin, wo sie die Grenzen legitimen staatlichen Handelns ziehen: Gemäß dem Perfektionismus darf der Staat versuchen, die Bürger*innen zu einem guten Leben zu bewegen; dem Liberalismus zufolge muss sich der Staat dagegen aus Fragen des individuellen Lebensvollzugs heraushalten. Der Grund für diesen Unterschied ist aber nicht, dass Perfektionismus und Liberalismus verschiedene Kriterien staatlicher Legitimität anlegen. Denn beide sind sich darin einig, dass ein legitimer Staat nur solche Handlungen vollziehen darf, die vor den Bürger*innen gerechtfertigt werden können. Aber während der Perfektionismus an der Möglichkeit von gerechtfertigtem Dissens zweifelt und annimmt, eine Auffassung vom guten Leben sei vor allen Bürger*innen zu rechtfertigen, glaubt der Perfektionismus an gerechtfertigten Pluralismus und plädiert deswegen für staatliche Neutralität.

Und auch in der Debatte um personale Autonomie spielt die Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus eine große Rolle. Für viele Autor*innen ist ein autonomes Leben eines, das die Person an ihren eigenen Gründen ausrichtet und damit selbst bestimmt. Aber kann man von allen möglichen Lebenswegen annehmen, dass sie von denjenigen, die sie beschreiten, in diesem Sinne selbst bestimmt wurden? Wie steht es bspw. mit Menschen in unterdrückerischen Verhältnissen, die diese hinnehmen und ihre Spielregeln internalisieren? Haben solche Personen nicht eigentlich Grund dazu, sich gegen ihre Situation zu wehren? Doch wenn ihr konformistisches Leben nicht gerechtfertigt ist, wie kann dieses dann als autonom bezeichnet werden? Akzeptiert man wie ich die Möglichkeit gerechtfertigten Dissenses, muss man mit diesem letzten Verdacht vorsichtig sein. Denn um zu beurteilen, ob das Leben einer Person an ihren eigenen Gründen ausgerichtet und damit autonom ist, muss man sich deren epistemischen Standpunkt zu eigen machen und darf nicht ausgehend von den eigenen Gründen schließen. Die Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus legt daher ein prozedurales und kein substantielles Verständnis von Autonomie nahe.

Wie wir mit unterdrückerischen Verhältnissen umgehen sollten, ist auch ein Gegenstand der Habilitationsschrift, an der ich gegenwärtig arbeite. Diese dreht sich um die Frage, ob wir uns selbst Respekt schulden, warum dies der Fall ist und was dies konkret bedeutet. Ich möchte damit die Kantische Denkfigur der Pflichten gegenüber sich selbst wiederbeleben, wenngleich mit anderen Inhalten. Dabei will ich deutlich machen, dass wir uns nicht deswegen selbst respektieren sollten, weil wir dadurch bestimmte  Werte realisieren. Denn eine solche Begründung würde zwar den instrumentellen Wert von, aber keine individuelle Pflicht zum Selbstrespekt etablieren. Stattdessen werde ich argumentieren, dass wir uns deswegen selbst ernst nehmen sollten, weil wir uns selbst gegenüber in einer besonderen Beziehung, einer Beziehung der Intimität stehen, aus welcher besondere Pflichten resultieren, wie etwa die zum Selbstrespekt.

Dagmar Comtesse

Foto_DCDas Jahr an der Sciences-Po in Paris war die einzige örtliche Ausnahme meines in Frankfurt am Main verbrachtem Studium der Geschichtswissenschaften, der französischen Sprache (beides mit Abschluss des Staatsexamens 2004) und der Philosophie (Abschluss Magister 2006). Nach einem spannenden Jahr als Mentoring-Beauftragte des Fachbereichs, in welchem ich zwar erreichte, dass ein akademisches Förderprogramm nur für weibliche Absolventinnen eingerichtet wurde, aber leider auch dessen Abschaffung – mit dem Grund der Benachteiligung von männlichen Absolventen – im darauffolgenden Jahr erleben musste, konnte ich 2008 im Exzellenzcluster „Normative Orders“ – im disziplinären Spannungsfeld von Geschichtswissenschaften und Philosophie verbleibend – eine Mitarbeiterstelle annehmen, die am Lehrstuhl „Wissenschaftsgeschichte“ von Prof. Moritz Epple angesiedelt ist. Die mehrfache Doppelung von Geschichtswissenschaften und Philosophie während meiner akademischen Ausbildung hat sich nachhaltig auf mein Denken ausgewirkt: Der Einblick in die irreduzible Historizität von Epistemologien einerseits und in die auf keine Gesetzmäßigkeit zurückführbare Vielfalt der Geschichte andererseits führten zum Bruch mit allen Letztbegründungsansprüchen. Die Annahme, dass Begründungen immer kontingent zu denken sind – contingent foundations, wie es Judith Butler ausdrückt -, steht allerdings in Spannung zu meinen Überlegungen über den Zusammenhang von Anthropologie und politischer Philosophie, die gegenwärtig mein Hauptinteresse bilden. Die Vereinbarkeit von Kontingenz und (politischer) Anthropologie ist also meine derzeitige Denkaufgabe, der ich mich ansatzweise in der Überarbeitung meiner Doktorarbeit über die politische Philosophie Rousseaus widme, die jedoch auch die Grundlage eines nächsten Forschungsprojektes bildet.

Meine Dissertation, die den Titel „Postnationale Volkssouveränität. Eine Aktualisierung Rousseaus“ trägt und die ich bei Prof. Rahel Jaeggi in Berlin und Prof. Axel Honneth in Frankfurt schreiben konnte, geht von der politischen Motivation aus, die kontingente Verbindung von Volkssouveränität und Nationalstaat lösen zu wollen und eine postnational konzipierte Volkssouveränität in den juridisch dominierten Diskurs über die Europäische Union zu bringen. Diese Motivation ergibt sich aus meiner Empörung über die offene Angst vor den Massen, die viele und vor allem maßgebliche TheoretikerInnen des EU-Diskurses hegen und dabei skrupellos die Governance-Struktur der EU als rationale Zähmung des immer zum „ethnischen Exzess“ neigenden Volkes (Joseph H.H. Weiler, Harvard 1995) verteidigen. Mein Festhalten am Begriff der Volkssouveränität gründet sich auf dem radikaldemokratischen Potential, das ich in der Rousseau’schen Fassung der Volkssouveränität sehe. Dieses besteht jedoch nicht in erster Linie in der direkten Demokratie, die meist mit Rousseau assoziiert wird, sondern im umfassenden Herrschaftsanspruch des Volkes, der am besten als Politisierung und Demokratisierung der Subjektivierungsmächte zu fassen ist. In der Tat lässt sich Rousseaus politische Philosophie auch im Hinblick auf die Zentralität des Konfliktes in den gegenwärtigen Diskurs der radikalen Demokratietheorie einordnen. Dies mag überraschen, da Rousseau vielen als Inbegriff eines Konsens- und Homogenitätsdenkers gilt. Doch geht Rousseau von einem fundamentalen und notwendigen Konflikt zwischen legislativ-konstituierender und exekutiver Macht aus und konzipiert bei genauer Lektüre auch die kollektive Willensbildung als einen Prozess des durchaus kontroversen Meinungsaustausches und einer starken subjektiven Urteilskraft. Problematisch ist dagegen Rousseaus Anthropologie für das Kontingenzdenken der (post)modernen Radikaldemokraten. Allerdings sehe ich im Anschluss an Frederick Neuhousers Rousseau-Interpretation (auf dt: Pathologien der Selbstliebe, Berlin 2013) gerade in der Sozialanthropologie Rousseaus ein explanatorisches und normatives Potential, das für eine politische Philosophie höchst fruchtbar sein kann. Es ist für mich eine offene Frage, inwieweit die ontologischen Annahmen der heutigen Radikaldemokraten von einer solchen Anthropologie nicht ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Die Überlegungen über den Zusammenhang von politischer Philosophie und Anthropologie werden durch meine Projektarbeit verstärkt, in der ich mich mit dem Sensualismus und Materialismus der französischen Aufklärer beschäftige. Während das Projekt allgemein auf die Übersetzung und Kommentierung der theoretischen Grundierung der Encyclopédie abzielt, die Jean le Rond d’Alembert 1759 nach dem Verlassen des Encyclopédie-Projektes in seinem Essai sur les Elements de Philosophie zum Ausdruck gebracht hat, geht es mir im Speziellen um die Frage, ob man von einer politischen Philosophie der Encyclopédie sprechen kann. Dabei verstehe ich unter einer politischen Philosophie – gerade in Abgrenzung zu einer bloßen Theorie – die Verbindung von ontologischer und ontischer Ebene (Mouffe, Frankfurt 2007) bzw. von anthropologischen oder epistemologischen Voraussetzungen mit institutionellen Überlegungen oder phänomenologischen Diagnosen. Anhaltspunkte dafür finden sich zum einen in den Texten d’Alemberts, zu denen auch der berühmte Discours Préliminaire gehört. Zum anderen kann man die Strategie der Enzyklopädisten, die darin besteht, revolutionäre politische Positionen – oftmals durch Verweise verdeckt – im Rahmen des epochalen Gesamtwerkes in die sich etablierende bürgerliche Öffentlichkeit einzuschleusen, als Beleg für eine wissensbasierte Transformationstheorie ansehen. Zentral für die These einer politischen Philosophie der Encyclopédie ist die sensualistisch-materialistische Epistemologie der Enzyklopädisten, die bestimmte moralisch-politische Positionen – bspw. die Gleichheit aller Menschen oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse – impliziert. Auch wenn die These der politischen Wirkung der Encyclopédie unbestritten ist (z.B. J. Israel, Oxford 2006) und der Nachweis einer politischen Philosophie bei d’Alembert gelingen mag (ansatzweise Comtesse, 2012: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/24284/Wissensordnung_als_Kritik_final.pdf), stellen sich hier die Probleme eines fast unüberschaubaren Autorenkollektivs und eines schwer eingrenzbaren Textkorpus.

Mein Forschungsschwerpunkt der politischen Philosophie umfasst neben dieser Fokussierung auf das 18. Jahrhundert auch die aktuelle Debatte um Postdemokratie (Comtesse/ Meyer, Zeitschrift für pol. Theorie, 2/ 2011 und 1/2012), die Ideen- und Begriffsgeschichte des Republikanismus und den spezifischen Beitrag feministischer Theorien zur Kritik und Erweiterung politischer Philosophie. Weiter Informationen und die Möglichkeit des – immer erwünschten – Kontaktes:
http://www.normativeorders.net/de/organisation/mitarbeiter-a-z?view=person&id=34

Hilkje Hänel

Hilkje HänelIch bin seit dem Sommersemester 2012 Doktorandin bei Mari Mikkola an der HU Berlin. Meine Arbeit schreibe ich über den Begriff der Vergewaltigung. Mein Forschungsschwerpunkt liegt dementsprechend in der analytisch feministischen Philosophie – insbesondere bei den Themen Vergewaltigung und Haslangers “ameliorative projects”. Des Weiteren interessiere ich mich für Wittgensteins Familienähnlichkeitstheorie (und andere “cluster concepts”), partikularistische Positionen in der Moral, Sozialphilosophie und Kritische Theorie.

Ich habe zunächst ein Jahr am European College of Liberal Arts (mittlerweile umbenannt zu Bard College Berlin) in Berlin studiert (2006-2007), wobei vor allem die Philosophie sowie die Literatur- und Politikwissenschaften mein Interesse geweckt haben. Danach habe ich meinen Bachelor in Philosophie und Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen gemacht (2007-2010) und bin dann für meinen Master in Philosophie an die Universität Sheffield (2010-2011) gegangen. Nun bin ich wieder in Berlin und promoviere, wobei ich das Glück hatte zunächst Stipendiatin der Carl und Max Schneider Stiftung zur Förderung der Philosophie zu sein und mittlerweile zum Stipendiatinnen- und Stipendiaten-Kreis der Friedrich Ebert Stiftung zu gehören.

Meine Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem, eine allgemein-gültige Definition für den Begriff ‘Vergewaltigung’ zu finden. Die Arbeit befasst sich also sowohl mit Bereichen der praktischen Moralphilosophie als auch mit Bereichen der theoretischen analytischen Philosophie.
Die Arbeit baut dabei auf Thesen von Eric Reitan über den Begriff der Vergewaltigung auf. Diese haben eine gewisse intuitive Attraktivität. Knapp zusammengefasst argumentiert Reitan, dass der Begriff der Vergewaltigung normative Signifikanz besitzt und daher für mögliche Diskurse offen bleiben muss – wir sollten den Begriff als essentiell umstritten verstehen. Die Attraktivität des Projekts rührt, meiner Meinung nach, daraus, keine allgemein-gültige Definition (eine Definition mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen) zu geben. Wir brauchen beispielsweise nur die rechtliche Definition von Vergewaltigung mit diversen Bild-Zeitungs-Artikeln zum Thema zu vergleichen, um konträre Positionen zu erkennen. Auch unsere eigenen Intuitionen divergieren wahrscheinlich mit den eben genannten Quellen. Angelehnt an Reitans Überlegungen bin ich also der Auffassung, dass es keine allgemein-gültige Definition für den Begriff ‘Vergewaltigung’ geben kann. Allerdings verfolge ich eine andere Ausbuchstabierung als die von Reitan vorgeschlagene. Wittgensteins Familienähnlichkeitstheorie oder eine andere Art von “cluster concept” für eine philosophische Abhandlung über den Begriff ‘Vergewaltigung’ zu benutzen scheint vielversprechender zu sein. Des Weiteren beschäftigt sich die Arbeit mit Sally Haslangers Ausarbeitungen über philosophische Begriffsanalysen. Haslanger unterscheidet dabei zwischen drei verschiedenen Projekten: dem begrifflichen Projekt (Was ist unser Begriff von X?), dem deskriptiven Projekt (Welche objektiven Arten markiert unsere Benutzung von X?) und dem ameliorativen Projekt (Welchen Begriff von X sollten wir benutzen?). Obwohl die Abwesenheit einer allgemein-gültigen Definition philosophisch die beste Theorie aufwirft, brauchen wir zumindest im rechtlichen Rahmen eine Definition. Diese zu finden ist ein amelioratives Projekt.

Abgesehen von den Untersuchungen zu meinem Promotionsprojekt arbeite ich außerdem an der Frage, inwieweit Sally Haslangers Arbeit zu ameliorativen Projekten helfen könnte, das Problem “Frauen in der Philosophie” besser zu verstehen. Weiterhin bin ich gerade, zusammen mit Katharine Jenkins (Universität Sheffield), dabei, einen Aufsatz zu der Relation von Freundschaften und romantischen (Zweier-)Beziehungen zu verfassen.

Fragen und Anregungen (oder auch einfach Diskussionen) zu meiner Arbeit oder meinen Interessen nehme ich gern entgegen: hilkje [dot] haenel [at] nitedogs-mail [dot] de.

Johanna M. Mueller

Johanna M. MuellerSeit Oktober 2012 bin ich Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Verfassung jenseits des Staates“ an der HU Berlin. Dort arbeite ich in einem interdisziplinären Zusammenhang, bestehend aus JuristInnen, Politik- und GeschichtswissenschaftlerInnen und Philosoph-Innen an meinem Dissertationsprojekt über Kosmopolitismus und Globalgeschichte. Meine Dissertation wird von Prof. Rahel Jaeggi betreut, deren Colloquium zu Sozialphilosophie ich seit 2010 angehöre.

Begonnen habe ich mein Philosophiestudium, ergänzt um die Fächer Soziologie und Psychoanalyse, in Frankfurt am Main, weil ich mich für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule interessierte, und dieses Forschungsinteresse ist mir nach meinem baldigen Wechsel nach Berlin an die Freie Universität erhalten geblieben.

Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu Studienaufenthalten an der Karls Universität Prag, der Georgetown Universität in Washington D.C. und der Universität Tel Aviv, wo ich Einblick in andere Forschungslandschaften und Bereiche wie Internationale Beziehungen und Ökonomie- und Rechtstheorie gewinnen konnte. Mitgenommen habe ich die Neugier auf andere Disziplinen und ihre Forschungsmethoden. Mein Dissertationsprojekt hat mich im Wintersemester 2013/14 als Visiting Fellow an das Center for the Studies of Developing Societies (CSDS) in Delhi geführt, um von den dortigen Debatten um eine postkolonial informierte Sozialtheorie zu profitieren.

Mein sozialphilosophisches Hauptinteresse dreht sich um die Frage, wie sich, vor dem Hintergrund kultureller und gesellschaftlicher Pluralität und Machtförmigkeit, Kritik an Praktiken, Normen und Lebensformen auch über westlich-liberale Gesellschaften hinaus begründen lässt. Diese Frage, die für mich auch die nach den normativen Grundlagen der künftigen rechtlichen und politischen Verfasstheit der Weltgesellschaft beinhaltet, lässt sich, so auch der Ausgangspunkt meiner Dissertation, in der Dichotomie von „the West and the Rest“ nicht adressieren.

Wenn wir heute im Übergang vom klassischen internationalen, auf der Souveränität von Staaten basierenden, Recht, hin zu einem kosmopoliten Recht, das auf dem Recht von Individuen basiert, über die leitenden Werte eines solchen Prozesses nachdenken, ist es daher meiner Meinung nach ratsam, dies vor dem Hintergrund einer Verflechtungsgeschichte der modernen Welt zu tun. Im Zentrum dieser globalen Geschichtsschreibung stehen Transaktionen zwischen den „westlichen“ und „restlichen“ Regionen. Dadurch wird ersichtlich, dass von einer Geschichte wechselseitiger Formierung ausgegangen werden kann. Eine solche Verflechtung, so meine leitende These, lässt sich auch im Bezug auf Normen plausibilisieren.

Von der sozialphilosophischen Systematisierung einer globalen Verflechtungsgeschichte verspreche ich mir, den Kosmopolitismus aus der festgefahrenen Debatte zwischen kontextualistischem Relativismus auf der einen und abstraktem Universalismus auf der anderen Seite herauszulösen. Der Kantische Kosmopolitismus krankt an der ungeklärten Frage nach der Herkunft der Rechte. Beantwortet man diese Frage damit, dass Rechte sich in einer Bewegung von unten nach oben, durch Praktiken, Kommunikationen und Interaktionen bilden, führt dies zu einem veränderten, bottom-up-Verständnis von Politik im Arendtschen Sinne. Ein solches kontextuelles Politikverständnis benötigt allerdings eine sozialtheoretische und verflechtungsgeschichtliche Einordnung, um plausibel machen zu können, wie kulturell gefärbte kontextuelle politisch-soziale Praktiken überkontextuell anknüpfbare Normen generieren.

Das Thema meiner Doktorarbeit ist nicht zuletzt auch aus meinem anhaltenden Interesse an geschichtswissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung entstanden, vor allem dort wo diese parallel zu sozialphilosophischen Debatten verlaufen. Fragen wie ‚Wodurch zeichnet sich sozialer Wandel aus, wie lässt sich eine geschichtliche Sequenz oder eine longue durée verstehen, worin besteht die Stabilität von Strukturen?’ standen daher auch im Hintergrund des Seminars zu Geschichtsphilosophie, das ich zusammen mit Eva von Redecker im Sommersemester 2013 gegeben habe.

In den letzten Jahren habe ich mich auch immer wieder mit feministischer Theorie und darin intensiver mit dem Konzept der Intersektionalität beschäftigt. Die Frage, wie die Tatsache, dass Kategorien sozialer Ungleichheit (wie race, class, gender) in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, methodisch und sozialtheoretisch zu fassen sei, brachte die zwei klassischen Stränge feministischer Theorieproduktion von Gerechtigkeitsdenken und Normierungskritik wieder in Opposition. Während das Gerechtigkeitsdenken anhand des normativen Leitbegriffs der Gerechtigkeit bestehende Ungerechtigkeiten benennen, kritisieren und damit abschaffen will, hegt die Normierungskritik gerade gegenüber normativen Leitbegriffen Misstrauen und legt ihren Schwerpunkt auf die Untersuchung von Normierungsprozessen, also darauf, welche Rolle Normen bei der Durchsetzung, Reproduktion und Naturalisierung gesellschaftlicher Macht spielen. Diese beiden Komponenten benannt und sowohl politisch als auch sozial- und rechtstheoretisch adressiert zu haben, ist für mich ein Verdienst feministischer Kritik.

Mari Mikkola

Mari MikkolaIch bin seit dem Wintersemester 2010 Juniorprofessorin für Praktische Philosophie an der HU Berlin mit systematisch feministischer Philosophie als Forschungsschwerpunkt (insbesondere zu den Themen Gender und Pornographie). Zudem habe ich auch Forschungsinteressen in Sozialphilosophie und -ontologie und dem Deutschen Idealismus. Ich bin relativ neu in der deutschen Philosophie: Meine Staatsangehörigkeit ist finnisch, und akademisch bin ich in Großbritannien „aufgewachsen“. Sowohl die deutsche Gesellschaft als auch der akademische Betrieb (und darüber hinaus auch die deutsche Sprache) waren für mich bei meinem Dienstantritt somit größtenteils neu. Ich habe Philosophie und Politik (1997-2000) an der Universität York studiert. Danach promovierte ich 2005 in Philosophie an der Universität Sheffield mit einer Arbeit über analytische feministische Philosophie. Nach meiner Promotion war ich drei Jahre als Philosophie-Lecturer an der Universität Stirling (GB) tätig und hatte für zwei Jahre eine Lecturer-Position an der Universität Lancaster (GB) inne.

Feministische Philosophie als Teil der Philosophie ist in Deutschland relativ unbekannt. Dies trifft besonders auf die Art von feministischer Philosophie zu, die analytische Methodik anwendet. Obwohl meine akademischen Interessen breit gefächert sind und philosophische Grenzen überschreiten, ist meine Forschungsmethodik doch eindeutig systematisch orientiert, und ich verwende typische analytische Methoden wie etwa Begriffsanalyse. Während analytisch geprägte feministische Philosophie in Deutschland kaum zu finden ist, wurde sie in den letzten zwei Jahrzehnten im englischsprachigen Raum als eigenständiger Philosophiebereich etabliert und anerkannt. Ich verstehe solche Philosophie folgendermaßen: Sie kombiniert (1) die praktische Orientierung des Feminismus, verstanden als eine politische Bewegung zur Beendigung der Ungerechtigkeiten auf Grund der Gruppenzugehörigkeit bzgl. Sex (biologisches Geschlecht) oder Gender, und (2) die typische theoretische Methodik der Philosophie, in meinem Falle besonders die Methodik der analytischen Philosophie. Meiner Ansicht nach bezweckt feministische Philosophie einerseits, mit Hilfe typisch philosophischer Werkzeuge allgemeine sexistische Sozialarrangements zu kritisieren, und anderseits, ‚Mainstream’-Philosophie auf Basis feministischer politischer Einsichten mitzugestalten. Feministische Philosophie stellt herkömmliche philosophische Einsichten in Frage und verwendet philosophische Methoden, um politisch wichtige Begriffe auszubuchstabieren und näher zu erläutern. Feministische Philosophie, so meine ich, heißt politisch informierte philosophische Untersuchung.

Meine philosophische Forschung zum Thema Gender habe ich schon mit meiner Doktorarbeit begonnen, deren Leitfragen lauteten: Wie können wir Gender-Begriffe in einer politisch wirksamen Weise verstehen? Wie sollten wir die soziale Kategoriezugehörigkeit von Frauen begreifen? Viele feministische Philosoph_innen halten diese Fragen für politisch entscheidend: Wenn wir sie nicht beantworten können, fehlt dem Feminismus sein Gegenstand, und wenn wir den Gegenstand von Feminismus nicht begreifen können, dann verlieren wir die notwendigen politischen Grundlagen zur Rechtfertigung feministischer Ansprüche. Meine Doktorarbeit thematisierte diese sprachphilosophischen und metaphysischen Themenkomplexe in Bezug auf das Problem von Gender. Allerdings hat sich mein Denken über Gender-Themen seitdem in eine andere Richtung entwickelt. Ich halte es nun nicht mehr für entscheidend, eine Antwort auf das Gender-Problem zu geben. Vielmehr (so denke ich jetzt) ist es relativ unwichtig für wirksame feministische Politik, ob wir einen inhaltlich substantiellen Begriff von Frau ausbuchstabieren können. Eine solche Fokussierung auf Begriffe von Gender und Frauen kann meiner Ansicht nach nicht die notwendige normative Grundlage für den Feminismus liefern; deshalb muss diese Grundlage anders untermauert werden. Ich schlage in diesem Zusammenhang den Begriff der Entmenschlichung als normative Basis vor, und ich bin der Ansicht, dass feministische Politik und Ethik mit Bezug auf diesen Begriff neu ausgerichtet werden sollten. Dies ist eine Hauptthese meines Buches The Wrong of Injustice: Dehumanisation and its Role in Feminist Philosophy (in Arbeit).

Auch schließe ich mit meiner Arbeit an die langjährige Debatte über die Unterdrückung und das Zum-Schweigen-Bringen (silencing) von Frauen durch Pornographie an. In meinem jüngsten Forschungsvorhaben stelle ich dar, dass aktuelle Diskussionen, die oft auf die Arbeit von Catharine MacKinnon und Rae Langton verweisen, das Wesen von Pornographie missverstehen. Unter anderem wird in der philosophischen Behandlung des Themas oft nicht ernst genommen, eine wie große Industrie Pornographie mittlerweile geworden ist. Philosophische Diskussionen ignorieren ebenfalls oft die (sogenannte) ‚alternative Pornographie’, die aus feministischer Perspektive produziert wird und industrielle Pornographie zu zersetzen versucht. Viele Antworten zu den Problemen rund um Pornographie fehlen noch – nicht nur auf politischer, sondern auch auf konzeptueller Ebene. Daher veranstaltete ich im September 2013 mit Cathrin Höfs und Hilkje Hänel die Tagung Feminist Philosophy and Pornography.

Weitere Details zu meinen Aufsätzen (und Links zu Abstracts) finden sich auf meiner Website (LINK). Dort finden sich auch Informationen zu der Symposiumreihe Feminist Philosophy and…, im Rahmen derer ich schon mehrere internationale Tagungen veranstaltet habe. Für weitere Veranstaltungen, watch that space!