Sandra Frey

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Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

Eva Schmidt

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Seit über zehn Jahren bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität des Saarlandes und vertrete dort aktuell die Professur für Philosophie des Geistes. Außerdem lehre ich seit einigen Jahren an der Université du Luxembourg. Promoviert habe ich zu Wahrnehmung und Begriffen; aktuell arbeite ich an meiner Habilitation zu epistemischen Gründen.
Meine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem: Epistemische Rechtfertigung und Gründe, Disjunktivismus, epistemologischer Evidentialismus, Handlungsgründe, Theorien der Wahrnehmung, mentale Inhalte, Begriffe. Gemeinsam mit meiner Kollegin Susanne Mantel und mit Frank Hofmann (Luxembourg) organisiere ich im Juli die dritte SaarLux Joint Conference on Reasons and Rationality, dieses Mal werden wir gemeinsam mit Jonathan Dancy über sein bald erscheinendes Buch Practical Shape diskutieren.
Was hat es mit meinem Habilitationsthema auf sich? Ich denke, dass sich Epistemolog_innen neben den Klassikern Wissen und Rechtfertigung auch über epistemische Gründe Gedanken machen sollten. Immerhin reden wir alltäglich eher über Gründe dafür, dass jemand etwas glaubt oder glauben sollte, als über die Rechtfertigung unserer Überzeugungen. Ich vertrete einen „Reasons First“-Ansatz: Wir sollten epistemische Rechtfertigung generell mittels epistemischer Gründe verstehen, die unsere Überzeugungen stützen. Ich sehe hier erhellende Parallelen zur Philosophie der Handlung und zur Metaethik, speziell zu Ansätzen, die den normativen Status von Handlungen – z. B. dass wir sie ausführen sollen – auf normative Gründe zurückführen, die für oder gegen sie sprechen. Ich argumentiere zudem für einen umfassenden epistemologischen Disjunktivismus, also dafür, dass wir, wenn wir auf Basis wirklich bestehender guter Gründe etwas glauben, besonders starke Rechtfertigung für unsere Überzeugungen haben, dass Überzeugungen aufgrund nur scheinbar bestehender Gründe dagegen bedeutend schwächer gerechtfertigt sind.
Dieses Bild der Rechtfertigung muss an verschiedenen Stellen ausgearbeitet werden: Sind epistemische Gründe nichts anderes als Evidenzen? Basiert jegliche epistemische Rechtfertigung auf Gründen? Was heißt es, einen Grund zu haben? (Hierzu komme ich nun.)
Plausiblerweise tragen zur Rechtfertigung unserer Überzeugungen nur Gründe bei, die wir haben. Nehmen wir z. B. an, dass Zeus existiert. Dies ist ein exzellenter Grund zu glauben, dass es einen Gott gibt, aber solange eine Person zu diesem Grund keinen Zugang hat bzw. nicht über ihn verfügt, trägt er nichts zur Rechtfertigung ihrer Überzeugung bei.
Wir sollten epistemische Rechtfertigung also auf Gründe zurückführen, die wir haben. Zusätzlich scheint zu gelten, dass wir einen Grund nur dann haben, wenn wir gerechtfertigt sind zu glauben, dass er besteht. Wenn eine Person bloß aus einer Laune heraus glaubt, dass Zeus existiert, reicht das anscheinend nicht dafür aus, dass sie über einen rechtfertigenden Grund für ihre Überzeugung verfügt, dass es einen Gott gibt. Aber wenn das so ist, erläutert der „Reasons First“-Ansatz Rechtfertigung mit Hilfe von gehabten Gründen und zugleich das Haben von Gründen durch gerechtfertigte Überzeugungen. Dieser Zirkularität entgehe ich, indem ich argumentiere, dass sich letzten Endes der Besitz all unserer Gründe auf mentale Zustände wie Erinnerung oder Wahrnehmung zurückführen lässt, die selbst nicht weiter gerechtfertigt zu werden brauchen. (Diese nenne ich „PANINIS“, für „presentational attitudes not in need of justification“.) Ich vertrete damit ein rekursives Verständnis des Habens von Gründen. Leider ergeben sich für diesen Ansatz weitere Probleme mit den basalen visuellen Überzeugungen von blindsehenden Subjekten und mit Überzeugungen, die durch Implicit Bias beeinflusst sind. (Wenn Sie wissen möchten, wie ich mit diesen Problemen umgehe, schicke ich Ihnen gerne meinen Aufsatz „Possessing Reasons“. Kontakt s. u.)
In meiner Dissertation und meinem darauf basierenden Buch Modest Nonconceptualism: Epistemology, Phenomenology, and Content verteidige ich den Nonkonzeptualismus. „Bescheiden“ ist mein Nonkonzeptualismus, da er offenlässt, dass Wahrnehmungserlebnisse einen begrenzten Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern und in Teilen begrifflichen Inhalt haben, solange nur Wahrnehmung kein vollständiges begriffliches Erfassen des Wahrgenommenen erfordert und auch einen nichtbegrifflichen Inhalt hat.
Aktuell beschäftige ich mich mit folgender Sorge, die Nonkonzeptualist_innen und Konzeptualist_innen vereint: Ihre Kernthesen betreffen in erster Linie die Frage, ob wir, um einen bestimmten Aspekt unserer Umwelt wahrnehmen zu können, entsprechende begriffliche Fähigkeiten zum Einsatz bringen müssen. (Der Konzeptualismus bejaht, der Nonkonzeptualismus verneint dies.) Aber so, wie ich die Vertreter_innen dieser Positionen verstehe, wollen sie auch direkt etwas über die Natur des Inhalts der Wahrnehmung aussagen, darüber, ob dieser z. B. in Fregeschen Propositionen oder doch eher in Russellschen Propositionen besteht. Die meisten ihrer Argumente stehen jedoch in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt der Wahrnehmung, so dass dessen Natur unbestimmt bleibt. Diese Schwierigkeit ähnelt dem semantischen Unbestimmtheits-Problem der Teleosemantik.
Ich argumentiere, dass Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen zur Überwindung ihres Unbestimmtheits-Problems einen Pragmatismus bezüglich mentaler Inhalte akzeptieren und die folgende These vertreten sollten: Wahrnehmung hat einen Inhalt von genau der Natur, die am besten den gemeinsamen explanatorischen Zwecken von Konzeptualist_innen und Nonkonzeptualist_innen dient. Diese versuchen unter anderem, den phänomenalen Charakter und die rechtfertigende Kraft der Wahrnehmung zu erklären. Mein pragmatistischer Ansatz zeitigt das für die Debattenteilnehmer_innen erfreuliche Ergebnis, dass Wahrnehmungsinhalte begrifflicher Natur sind, insofern Wahrnehmungserlebnisse den Einsatz von begrifflichen Fähigkeiten erfordern, dass sie hingegen nichtbegrifflicher Natur sind, sofern Wahrnehmung keine begrifflichen Fähigkeiten voraussetzt.
Weitere Informationen zu meiner Person finden Sie unter http://www.uni-saarland.de/fachrichtung/philosophie/professuren/fuer-philosophie-des-geistes/dr-eva-schmidt.html
Kontakt: eva.schmidt@mx.uni-saarland.de

Dunja Šešelja

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I am a post-doctoral researcher at the Institute of Philosophy II at Ruhr-University Bochum (RUB), Germany, and I am also currently a visiting professor at Ghent University. My research topics include epistemic and methodological aspects of scientific inquiry, with a special emphasis on the context of scientific diversity. While my PhD research focused on the assessment of pursuit worthiness of scientific theories, during my post-doctoral research I have tackled issues concerning methodological and epistemic aspects of scientific disagreements, the impact of inconsistencies on the assessment of scientific theories, and formal modelling of scientific inquiry.
I graduated Philosophy at the University of Novi Sad, Serbia, and subsequently worked as a teaching assistant at the same department. Upon receiving a BOF (Bijzonder Onderzoeksfonds) grant by Ghent University, Belgium for students from developing countries, I continued my postgraduate education at Ghent University, where I completed the Postgraduate Studies in Logic, History and Philosophy of Science. Subsequently, I obtained a BOF grant for PhD studies at Ghent University as well, completing them with the dissertation: “Epistemic Evaluation in the Context of Pursuit and in the Argumentative Approach to Methodology”. I was then employed as a BOF post-doctoral researcher at the Centre for Logic and Philosophy of Science at Ghent University, and subsequently as a post-doctoral researcher at the Ruhr-University Bochum, where I am currently working at the Institute for Philosophy II.
My main areas of interest are philosophy of science, methodology of science, social epistemology, formal modelling of scientific inquiry, argumentation, and science policy. My research lies at the intersection of integrated history and philosophy of science, social epistemology, and formal approaches to scientific inquiry. On the one hand, I am interested in normative aspects of scientific inquiry, such as the question of warranted assessments of scientific theories. On the other hand, my work on these questions is essentially informed by historical case studies. More recently, I have investigated formal models of scientific inquiry (especially, agent-based models) and their fruitfulness in addressing certain methodological and socio-epistemological issues.
Throughout my research I have always strived to engage in collaborations with colleagues. In contrast to the old image of a (white male) philosopher writing in isolation from society and as a sole author of his manuscripts, my academic experience at Ghent University and Ruhr-University Bochum has taught me that collaborating with others is often the most fruitful method of conducting philosophical research. My most recent collaborative project, which is not only multi-authored but also interdisciplinary concerns an argumentative approach to agent-based modelling of scientific inquiry. Members of this team, formed as a part of the Research Group for Non-Monotonic Logic and Formal Argumentation (http://homepages.ruhr-uni-bochum.de/defeasible-reasoning/), have a background in philosophy of science, social epistemology, logic, argumentation theory, artificial intelligence and economics. The project aims at developing a highly modular agent-based model, fruitful for facilitating our understanding and explanation of various methodological and socio-epistemological aspects of scientific inquiry.
I am also a member of the steering committee of the research network ”Logical and Methodological Analysis of Scientific Reasoning Processes” (http://www.lmasrp.ugent.be/).
Website: https://rub.academia.edu/DunjaSeselja. Contact: Dunja Šešelja, post-doctoral researcher, Institute for Philosophy II, Ruhr-University Bochum.

Anna Leuschner

AL

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Ich habe in Bielefeld Philosophie und Geschichte studiert und wurde 2011 in Bielefeld mit einer Arbeit zur Glaubwürdigkeit politisch relevanter Wissenschaften am Beispiel der Klimaforschung promoviert. Im Anschluss war ich ein Jahr Assistentin in Bielefeld und wechselte dann nach Karlsruhe, wo ich von 2012 bis 2015 als Postdoc am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gearbeitet habe. Seit Oktober 2015 bin ich Postdoc im DFG-Graduiertenkolleg “Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research” an der Leibniz Universität Hannover.
Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Wissenschaftstheorie und der sozialen Erkenntnistheorie. Mich interessiert, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisverfahren beeinflussen. Konkret erforsche ich derzeit die epistemischen Möglichkeiten und Grenzen von sozialer Pluralität.
Es ist unstrittig, dass bestimmte Formen wissenschaftlicher (methodischer und theoretischer) Pluralität epistemisch fruchtbar sind. Darunter fallen beispielsweise beobachtungsprozedurale und instrumentelle Pluralität: Verschiedene experimentelle und messtechnische Verfahren können unabhängig voneinander Hypothesen bestätigen oder falsifizieren. Auch können sie verschiedene Eigenschaften eines Phänomens erst erkennbar machen, wodurch eine Hypothese entsprechend verfeinert werden kann.
Das zeigt sich besonders deutlich in Bereichen der Forschung, die sehr komplexe Forschungsgegenstände untersuchen. Hier werden die besten Ergebnisse dadurch erzielt, dass Daten und Forschungsergebnisse aus verschiedenen, teils auch interdisziplinären Forschungsbereichen zusammengeführt werden. Wo einzelne, lokal und temporär begrenzte Messreihen und Experimente wenig aussagekräftig bleiben, können durch Vergleiche und Kombinationsverfahren vieler solcher Untersuchungen oft dennoch verlässliche Ergebnisse erzielt werden.
Unklar ist jedoch, inwiefern für die Bereitstellung hinreichender wissenschaftlicher Pluralität soziale Pluralität erforderlich ist. Soziale PluralistInnen argumentieren, dass die im Entdeckungskontext liegenden sozialen und psychischen Umstände einer wissenschaftlichen Entdeckung nicht eindeutig von den im Rechtfertigungskontext liegenden kognitiven Geltungsansprüchen zu trennen sind: Objektivität im Sinne individueller Werteneutralität könne es nicht geben, da jeder einzelne Mensch zwangsläufig eine bestimmte, kontextabhängige Perspektive auf die Welt habe, geprägt von sozialem Status, Bildung, Nationalität, Geschlecht, individuellen Erfahrungen usw.
Diese perspektivische Gebundenheit beeinflusse die Forschung einzelner WissenschaftlerInnen durch sogenannte Hintergrundannahmen, was bedeutet, dass nicht-epistemische (z.B. moralische, politische, ökonomische) Werte im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang vorausgesetzt werden. Daher sei eine Eliminierung nicht-epistemischer Werte aus den wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen nicht möglich; soziale PluralistInnen fordern deshalb, nicht-epistemische Vorurteile in der Wissenschaft – wenn sie sich schon nicht eliminieren lassen – durch Kultivieren sozialer Wertevielfalt zu kontrollieren.
Allerdings ist das nicht ganz einfach. So müssen sich VerfechterInnen von sozialem Pluralismus der Herausforderung stellen, dass soziale Pluralität auch erkenntnishemmend sein kann, wenn nämlich unqualifizierte Beiträge Eingang in wissenschaftliche Diskussionen finden. So wichtig soziale Pluralität also aus epistemischen Gründen sein mag, sie bedeutet zugleich eine besondere Herausforderung an die wissenschaftliche Qualitätssicherungspraxis. Mit Hilfe bestimmter Qualitätsstandards (in der Wissenschaftstheorie werden klassischerweise Listen methodologischer Werte vorgebracht, wie z.B. Einfachheit, Fruchtbarkeit, Konsistenz, etc.) müssen unqualifizierte Beiträge aus den wissenschaftlichen Diskussionen ausgeschlossen werden. Doch müssen solche Standards im konkreten Fall interpretiert und gewichtet werden, was die für wissenschaftlichen Fortschritt erforderliche Pluralität in der Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Dabei können wieder nicht-epistemische Werte entscheidend sein. Um dennoch zu einer Einigung zu gelangen, sind daher bestimmte theoretische, konzeptuelle und methodische Annahmen entscheidend, die innerhalb einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits etabliert sind. Das führt jedoch dazu, dass diese Annahmen selbst nicht zum Gegenstand von Kritik werden können, weil Kritik an ihnen von vornherein ausgeschlossen wird.
Das zeigt sich beispielsweise am peer review-Verfahren. Hier können von GutachterInnen, KonferenzorganisatorInnen oder ZeitschriftenherausgeberInnen angenommene Standards bereits Vorurteile enthalten oder durch Vorurteile verzerrt interpretiert werden, so dass systematisch Beiträge bestimmter Personengruppen ausgeschlossen werden. Dies birgt die Gefahr, dass das eigentliche Ziel – die Sicherung wissenschaftlicher Objektivität – verfehlt wird, wenn innovative Beiträge aus den Diskussionen ausgeschlossen werden, weil sie etablierten Annahmen nicht genügen. Ich gehe hier der Frage nach, wie die sozialpluralistischen Einsichten umgesetzt werden können, ohne die Einhaltung wissenschaftlicher Standards einem konstruktivistischen Relativismus zu opfern.
Ein zweites Problem für sozialen Pluralismus ist, dass bestimmte Beiträge in wissenschaftlichen Debatten offenbar epistemisch schädlich sind. Dies habe ich mit meinem Kollegen Justin Biddle vom Georgia Institute of Technology anhand von Fällen untersucht, die die historische und soziologische Wissenschaftsforschung unter dem Stichwort „Agnotology“ aufgedeckt hat: Interessengruppen versuchen, durch Diskreditierung von WissenschaftlerInnen, gezielte Selektion von Daten und Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Besonders stark sind Gesundheits- und Umweltwissenschaften betroffen; so wird beispielsweise von Seiten der Tabakindustrie versucht, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Frage zu stellen, Medikamententests werden in von Pharmakonzernen finanzierten Testreihen manipuliert, um Medikamente schneller auf den Markt bringen zu können, und der anthropogene Klimawandel wird durch lobbyistischen Einfluss der Kohle- und Ölindustrie bezweifelt.
Während von KlimaskeptikerInnen behauptet wird, ihre Aktivitäten seien epistemisch nützlich, da sie unabhängige Kritik und Kontrolle der etablierten Wissenschaft hervorbrächten, gibt es starke Indizien (zum einen Aussagen von ForscherInnen, zum anderen empirische Untersuchungen), dass KlimaforscherInnen Daten zu optimistisch interpretieren, um nicht von KlimaskeptikerInnen angefeindet und diskreditiert zu werden. Dies zeigt, dass die Einflussnahme der Industrie auf die Klimaforschung durch das Protegieren von klimaskeptischen Aktivitäten die wissenschaftliche Diskussion in epistemisch schädlicher Weise behindert und unausgewogene Ergebnisse durch eine Neigung zu falsch-negativen Fehlern begünstigt.
Allgemein gesprochen sind folglich, wie Justin und ich gezeigt haben, solche Beiträge epistemisch schädlich, die Voreingenommenheiten in der Wissenschaft fördern, wenn durch ihren Einfluss beispielsweise systematisch bestimmte Interpretationsweisen von Daten bevorzugt oder bestimmte Hypothesen vernachlässigt werden.
Eine Liste meiner Publikationen und Vorträge findet sich unter https://annaleuschner.wordpress.com/

Anna-Maria Asunta Eder

Anna_Maria_EderZurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „A Study in Explanatory Power“ an der Universität Duisburg-Essen. Ab September 2016 forsche ich als Schrödinger Fellow in den USA. Das mehrjährige und großzügig dotierte Schrödinger Fellowship (FWF) habe ich zur Durchführung meines Forschungsprojekts Higher-Order Evidence erhalten. Im Rahmen des Fellowships kann ich für zwei Jahre an der Rutgers University in New Brunswick forschen und im Anschluss daran für ein Jahr an der Universität Salzburg.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Erkenntnistheorie, der allgemeinen Wissenschaftstheorie und der Metaphilosophie. Innerhalb der Erkenntnistheorie forsche ich zur epistemischen Normativität, zu Theorien des Wissens und der Rechtfertigung, zu Evidenz höherer Ordnung und zu Meinungsverschiedenheiten im Allgemeinen. In der Wissenschaftstheorie befasse ich mich mit der Beziehung zwischen Erklärung und Verstehen, der Rolle von Forschungszielen und dem Umgang mit Meinungsverschiedenheiten in den Wissenschaften. Innerhalb der Metaphilosophie interessiere ich mich insbesondere für die Methoden zur Klärung philosophischer Begriffe und der Rolle formaler Methoden in der Philosophie. Des Weiteren habe ich Forschungsinteressen in der Geschichte der analytischen Philosophie, in der praktischen Philosophie (insbesondere Entscheidungstheorie und Metaethik) und in der philosophischen Logik. Einige meiner Forschungsergebnisse sind bereits in Zeitschriften wie Erkenntnis, Philosophy and Phenomenological Research und Synthese erschienen. Eine Übersicht über meine Veröffentlichungen findet man hier und dort.
Nach meinem Schulabschluss in Österreich und einem fast einjährigem Aufenthalt in Bolivien, meiner zweiten Heimat, begann ich das Studium der Philosophie am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Ich hatte das Glück, dass der Fachbereich eine exzellente Ausbildung in der analytischen Philosophie bietet. Der Schwerpunkt lag und liegt noch immer auf der Vermittlung wichtiger philosophischer Methoden der analytischen Philosophie als auch der Vermittlung der Einsicht, dass präzise Begriffs- und Theorienbildung für philosophischen Fortschritt notwendig ist. Diese Ausbildung prägt bis heute meine Tätigkeit als Philosophin in der Forschung und in der Lehre. Das Diplomstudium der Philosophie an der Universität Salzburg schloss ich mit einer Arbeit zu Systemen der Leeren Logik ab. (Die Leere Logik ist eine Variante der existenzannahmenfreien Logik, die einen leeren Gegenstandsbereich annimmt.) Nach dem Diplomstudium nahm ich zunächst eine Forschungsstelle im Formal Epistemology Project an der KU Leuven, Belgien, an. Kurz darauf wurde mir an der Universität Konstanz eine Stelle als akademische Mitarbeiterin angeboten, die ich annahm. Ich habe zudem an international renommierten Universitäten als Gastwissenschaftlerin geforscht; so zum Beispiel an der University of California in Berkeley (USA), am Munich Center for Mathematical Philosophy an der LMU München und am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Mein Doktoratsstudium schloss ich vor Kurzem an der Universität Konstanz ab.
In meiner Doktorarbeit A Study on the Foundations of Theories of Epistemic Rationality untersuche ich die normativen Grundlagen von epistemischen Rationalitätstheorien. Meine Doktorarbeit ist der Metaerkenntnistheorie und normativen Erkenntnistheorie zuzuordnen und behandelt Themen der traditionellen als auch formalen Erkenntnistheorie. Teile der darin erzielten Forschungsarbeiten erschienen bereits in Form von Artikeln, weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung. In meiner Doktorarbeit argumentiere ich, dass eine adäquate (epistemische) Rationalitätstheorie aus drei Kernbestandteilen besteht: (i) der Charakterisierung von Rationalität bzw. rationalem Glauben (ii) der Spezifizierung des normativen Status von Rationalität und (iii) dem Zweck der jeweiligen Rationalitätstheorie. Ich schlage vor, dass der erste Kernbestandteil durch eine Explikation des Rationalitätsbegriffs und nicht, wie üblich, durch eine Begriffsanalyse gewonnen werden soll. Eine solche Explikation sollte dann die zwei anderen Kernbestandteile berücksichtigen. Ich zeige, dass dieser Ansatz sich als sehr fruchtbar in Bezug auf gegenwärtige Debatten in der Erkenntnistheorie erweist; zum Beispiel in Bezug auf die Internalismus/Externalismus- und die Evidentialismus/Reliabilismus-Kontroverse und in Bezug auf Debatten zum epistemischen Konsequentialismus.
Mein zukünftiges Forschungsprojekt Higher-Order Evidence beschäftigt sich, wie der Titel verrät, mit Evidenz höherer Ordnung (EHO). Gewöhnliche Evidenz, bzw. Evidenz erster Ordnung, ist Evidenz, die etwas direkt über die Welt aussagt. Im Gegensatz dazu informiert EHO über Evidenz niederer Ordnung. Evidenz über Meinungsverschiedenheit oder über die Unzuverlässigkeit menschlichen Räsonierens in Bezug auf deduktives Schließen werden in der einschlägigen Literatur oft als Beispiele für EHO präsentiert. Es stellt sich bei dieser Evidenz die Frage, inwiefern sie den Rechtfertigungsstatus einer gewöhnlichen Meinung über die Welt beeinflusst. Trotz der großen Bedeutung von EHO, gibt es keine allgemein akzeptierte Charakterisierung und auch keine Einteilung unterschiedlicher Arten von EHO. Daher gibt es auch keine solide Grundlage, um den Einfluss von EHO auf den Rechtfertigungsstatus einer Meinung zu diskutieren. Hauptziel meines Forschungsprojektes ist es, eine Theorie von EHO zu entwickeln und deren Rolle für rationales Räsonieren darzulegen. Das Projekt besteht dabei aus drei Teilprojekten, die sich jeweils mit folgenden Themenbereichen beschäftigen: (i) Charakterisierung und Taxonomie von EHO, (ii) EHO und Meinungsverschiedenheit und (iii) EHO und deduktives Schließen.
Mehr Informationen zu meiner Person, meiner Forschung und meinen sonstigen wissenschaftlichen Aktivitäten kann man hier finden.

Lena Ljucovic

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Seit März 2015 bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Begonnen habe ich mein Philosophiestudium im Rahmen eines Lehramtsstudiums, ergänzt um das Fach Englisch, an der TU Dortmund. Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu einem Studienaufenthalt an der University of Liverpool (Erasmus) und die Möglichkeit, für einige Jahre als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie tätig zu sein. Vor allem in den späteren Semestern wurde mir bewusst, dass ich an einer Fortsetzung und Vertiefung des Philosophiestudiums interessiert war. So entschloss ich mich nach meinem Studium, das ich 2011 mit einer Staatsarbeit zum Thema der Selbstkonstitution abschloss, nicht ins Referendariat zu gehen und stattdessen Logi Gunnarsson für eine Promotion an die Universität Potsdam zu folgen.  In Potsdam angekommen, hatte ich das Glück, für drei Jahre als Stipendiatin und kollegiatische Sprecherin im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen, Lebenswissen“, bestehend aus Literaturwissenschaftler_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Philosoph_innen, an meinem Dissertationsprojekt arbeiten zu können. Das Promotionsstipendium ermöglichte mir, neben der Organisation und dem Besuch mehrerer internationaler Tagungen, ein Semester als Visiting Fellow an der Harvard University zu verbringen. Nach Ablauf dieser drei Jahre (November 2014) wurde ich bis zum Antritt der aktuellen Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin durch ein Abschlussstipendium der Potsdam Graduate School gefördert. An der Universität Potsdam biete ich unter anderem Seminare an, die über mein Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Themen der feministischen Philosophie.   In meiner Doktorarbeit, die von Logi Gunnarsson (Potsdam) und Richard Moran (Harvard) betreut wird, beschäftige ich mich unter dem Arbeitstitel „Self-Knowledge Extended“ mit dem Thema des Selbstwissens. Meine Dissertation nimmt eine Alternative zu dem klassischen Wahrnehmungsmodel des Selbstwissens in den Blick: Der sogenannten Transparenztheorie zufolge ist uns unser Geist nicht insofern transparent, als dass unser inneres Auge auf unfehlbare, direkte Weise die eigenen Zustände wahrnimmt (Descartes), sondern vielmehr insofern, als dass wir die Frage nach unseren eigenen mentalen Zuständen mit einem auf die Sachverhalte in der Welt gerichteten Blick beantworten können. Ich folge in meiner Arbeit Richard Moran, der die Asymmetrie zwischen erster und dritter Person auf unser praktisches Selbstverhältnis hin versteht und insofern eine bestimmte, als Festlegungstheorie beschreibbare, Variante der Transparenztheorie vertritt. Der zentrale Gedanke ist hier, dass ich durchaus etwas über andere Personen oder mich selbst herausfinden kann, aber das Besondere am Selbstwissen daher rührt, dass ich mich festlege. Transparenz ist demnach weniger eine verlässliche Methode als eine Bedingung: Eine Überzeugung beispielsweise wäre nicht das, was sie ist, wenn mein Überzeugtsein von p nicht in dem Fürwahrhalten von p bestehen würde. Wenn ich gefragt werde, was ich glaube, dann expliziere ich, was ich glaube, und drücke in meiner Selbstzuschreibung „Ich glaube, dass p“ meine Überzeugung aus.  Aus offensichtlichen Gründen ist der Einwand, die Festlegungstheorie könne nur auf Überzeugungen und nicht auf andere mentale Zustände angewendet werden, einer der häufigsten Einwände gegen diese Theorie. Wir scheinen uns beispielsweise nicht auf unsere Emotionen festzulegen. Was aber diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, vorauszusetzen scheinen ist, dass Emotionen (und andere mentale Zustände) auf Überzeugungen reduzierbar sein müssten, um von der Transparenztheorie eingefangen werden zu können. Ich denke, dass das nicht stimmt.   Um den Einwand zu entkräften, werde ich unter anderem auf die Unterschiede zwischen Emotionen und Überzeugungen eingehen und solchen Theorien folgen, die Emotionen als mentale Zustände einer eigenen Art, aber als analog zu Wahrnehmungen, verstehen. Ein Ergebnis meiner Überlegungen wird sein, dass wir von unseren Emotionen nicht in derselben Weise wissen wie von unseren Überzeugungen, dieses Wissen aber dennoch im Rahmen einer Transparenztheorie erklärt werden kann. Stark vereinfacht gesprochen: Ich werde zunächst die These verteidigen, dass meine Emotionserfahrung in meinem Bewusstsein des Objekts als so-oder-so seiend, als die emotionsspezifischen Eigenschaften repräsentierend, besteht und dann in einem zweiten Schritt argumentieren, dass das besondere Wissen, das ich von dem Gegenstand meiner Emotion habe, mein Wissen um meine eigene Emotion ist. Ein Wissen, das ich reflektierend explizit machen kann, wenn ich danach gefragt werde. Meine Selbstzuschreibungen von Emotionen genießen erstpersonale Autorität, nicht weil das Deliberieren über die Gründe für meine Emotion konstitutiv ist, und auch nicht, weil meine Überzeugung, dass ich diese Person liebe, insofern Wissen ausdrückt, als dass sie darauf fußt, dass meine Emotion „erster Ordnung“ auf eine bestimmte Weise hervorgebracht wird, sondern weil ich meinen Blick in der Beantwortung der Frage, ob ich diese Person liebe, auf die Person richte.   Der Forschungsbeitrag meiner Dissertation wird also größtenteils darin bestehen, eine Tranzparenztheorie des Selbstwissens zu verteidigen, die die verschiedenen mentalen Zustände in ihrer Varietät berücksichtigt (hier bin ich nur auf die Emotionen eingegangen, aber meine Dissertation widmet sich ebenso den Stimmungen, Wünschen und Wahrnehmungen). Außerdem möchte in meiner Dissertation eine Brücke vom Selbstwissen zum Wissen vom Selbst schlagen. Hier werde ich unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich die Transparenztheorie auch auf Selbstzuschreibungen vergangener mentaler Zustände ausweiten lässt.
Bei SWIP Germany bin ich als Botschafterin aktiv.

Elke Brendel

Elke Brendel © Dörthe Boxberg

Elke Brendel © Dörthe Boxberg

Seit dem Wintersemester 2009/2010 bin ich Professorin für Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und dort Inhaberin des Lehrstuhls für Logik und Grundlagenforschung. Ich habe Philosophie zunächst an meinem Geburtsort Frankfurt am Main studiert. Dort war ich bei Wilhelm Essler am Lehrstuhl für Logik und Wissenschaftstheorie u. a. als wissenschaftliche Assistentin tätig. Ein Promotionsstipendium des DAAD ermöglichte mir zwischenzeitlich einen Forschungsaufenthalt an der Stanford University, und dann habe ich in Frankfurt am Main mit einer Arbeit über logische und semantische Paradoxien promoviert. Danach bin ich als wissenschaftliche Assistentin bei Holm Tetens an die FU Berlin gewechselt, wo ich mich 1998 habilitierte. In meiner Habilitationsschrift beschäftigte ich mich vor allem mit der Frage, welche Konzeption von Wahrheit dem Begriff des Wissens zugrunde liegt (bzw. zugrunde liegen sollte). Nach einer Vertretungsprofessur am Institut für Logik und Wissenschaftstheorie der Universität Leipzig habe ich einen Ruf an die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz auf eine Professur mit Schwerpunkt Logik und Wissenschaftstheorie angenommen, wo ich fast zehn Jahre bis zu meinem Wechsel an die Universität Bonn blieb. Während eines Forschungssemesters war ich 2003–2004 Adjunct Professor an der Northern Illinios University, und 2011–2012 war ich zudem Fellow am Lichtenberg-Kolleg der Georg-August-Universität Göttingen. Während meiner bisherigen akademischen Laufbahn habe ich verschiedene akademische Funktionen und Ämter übernommen, wie etwa als Mitglied in Auswahlkommissionen des DAAD, als Vertrauensdozentin der Deutschen Studienstiftung oder als Mitglied im Erweiterten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Zurzeit bin ich auch Vizepräsidentin der Gesellschaft für Analytische Philosophie und Fachkollegiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Geprägt wurde mein philosophisches Denken vor allem durch die analytische Philosophie und deren Methoden der logischen Analyse und des präzisen Argumentierens. Mein besonderer „philosophischer Held“ ist u. a. David Hume. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der Erkenntnis- und Sprachphilosophie sowie der Logik, Argumentationstheorie und Metaphilosophie. Nicht nur aus akademisch-philosophischen, sondern auch aus persönlichen Gründen interessiere ich mich zudem für Fragen der Tierethik.

Bereits seit vielen Jahren faszinieren mich logische und semantische Paradoxien. Bereits in meiner Dissertation und in einigen Fachartikeln habe ich eine an Überlegungen von Alfred Tarski orientierte „Partielle-Welten-Semantik“ zur Lösung von Paradoxien vorgeschlagen. Derzeit interessiere ich mich auch für parakonsistente bzw. dialetheistische Logiken und deren Auffassungen von Wahrheit und Widerspruch.

Im Bereich der Metaphilosophie arbeite ich zu Fragen der Funktion und Legitimität philosophischer Gedankenexperimente und untersuche die Möglichkeiten und Grenzen intuitionenbasierter Methoden in der Philosophie. Insbesondere beschäftige ich mich mit der erkenntnistheoretischen Bedeutung und Relevanz empirischer Studien zu epistemischen Intuitionen im Rahmen der experimentellen Philosophie.

Im Bereich der Erkenntnistheorie befasse ich mich schon seit einiger Zeit mit philosophischen  Konzeptionen des Wissens. Mein besonderes Interesse gilt hier dem Problem des Wissensskeptizismus und der Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Zufall. In meinem Buch „Grundthemen der Philosophie – Wissen“ (2013) argumentiere ich für einen Ansatz, in dem Wissen als eine bestimmte wahre Überzeugung ausgezeichnet wird, die auf einer epistemisch sicheren Methode beruht.

Ein weiteres meiner Forschungsgebiete, das an der Nahtstelle zwischen Erkenntnis- und Sprachphilosophie angesiedelt ist, betrifft den Kontextualismus und Relativismus. Zunächst habe ich das Augenmerk auf unterschiedliche Formen des epistemischen Kontextualismus und Relativismus gelegt. In einigen Schriften habe ich versucht zu zeigen, dass kontextualistische und relativistische Positionen in Bezug auf den Wissensbegriff unhaltbar sind, da sie sich in logische Selbstwidersprüche verstricken. Derzeit untersuche ich kontextualistische und relativistische Semantiken allgemeiner. Offensichtlich können  Faktoren des Äußerungskontextes den Wahrheitswert einer Aussage bestimmen. Ob ein Satz wahr oder falsch ist, kann z. B. von der Sprecherin, dem Zeitpunkt oder dem Ort der Satzäußerung abhängen. Zudem scheinen manchmal verschiedene subjektive bzw. kultur- oder gesellschaftsabhängige Standards und Werte die Bedeutung von Begriffen sowie die semantischen Gehalte von Aussagen zu beeinflussen. Ein wichtiger Aspekt bei der Analyse dieser Formen der Kontextabhängigkeit und Relativität liegt in der Beantwortung der Frage, wie Dissense zwischen konkurrierenden Positionen trotz sprachlicher Relativierungen aufrechterhalten werden können. In diesem Zusammenhang untersuche ich daher derzeit den Begriff des Dissenses und gehe insbesondere den Fragen nach, welche Formen von Dissensen es gibt, wie sich echte Dissense von bloßen verbalen Disputen unterscheiden und ob sogenannte fehlerfreie Dissense möglich sind. Ein wichtiges Ziel meiner Untersuchungen besteht darin, Kriterien zum Erkennen genuiner Dissense zu entwickeln und Wege zum rationalen Umgang mit Dissensen aufzuzeigen.

Weitere Details und eine Liste meiner Veröffentlichungen finden sich auf meiner Webseite:
http://www.philosophie.uni-bonn.de/personen/professoren/prof.-dr.-elke-brendel

Katja Crone

Foto KCSeit 2014 bin ich Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Geistes an der TU Dortmund. Studiert habe ich die Fächer Philosophie und Literaturwissenschaften in Montpellier und Hamburg. Nach einem Forschungsaufenthalt in London habe ich 2004 an der Universität Hamburg promoviert. Danach war ich zunächst für viereinhalb Jahre als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Nationalen Ethikrates beschäftigt, später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle, an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Berlin School of Mind and Brain und zuletzt an der Universität Mannheim.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes (vorrangige Themen sind: Selbstbewusstsein, personale Identität, phänomenales Bewusstsein), in der Erkenntnistheorie und in der Philosophiegeschichte (Kant und Fichte). Darüber hinaus interessiere ich mich für Themen der Sprachphilosophie und der Anthropologie.

Vor und während meiner Promotion habe ich mich hauptsächlich mit philosophiehistorischen Themen beschäftigt, insbesondere mit der theoretischen Philosophie Kants und Fichtes, aber auch mit Descartes’ Erkenntnistheorie. Im Rahmen meiner Doktorarbeit über Fichtes Theorie der Subjektivität (erschienen 2005) haben mich vor allem Argumente interessiert, die sich in gegenwärtige systematische Debatten einbringen lassen. Dies betrifft beispielsweise die von Fichte vertretene Auffassung, dass die Fähigkeit zu Selbstbewusstsein ein nichtreflektiertes Selbsterleben eines empfindenden Organismus voraussetzt – eine Argumentation, die sich sowohl in neueren analytischen und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen (z.B. bei Bermúdez) als auch in phänomenologischen Ansätzen (z.B. bei Zahavi, Gallagher) wiederfindet. Die praktische Fundierung von Selbstbewusstsein, für die Fichte argumentiert, ermöglicht weitere interessante Bezüge etwa zu zeitgenössischen Theorien personaler Autonomie und Selbstevaluationen (z.B. Frankfurt, Bratman).
Nach meiner Promotion habe ich mich vor allem systematischen Themen der Philosophie des Geistes zugewendet. Meine Habilitationsschrift (erscheint 2015) befasst sich mit einem psychischen Phänomen, das ich das “biographische Selbstverständnis von Personen” nenne. Gemeint ist die Fähigkeit von Personen, sich Persönlichkeitseigenschaften wie “schüchtern”, “gesellig” oder “ängstlich” zuzuschreiben, wobei die Personen diese Selbstzuschreibungen begründen, indem sie sich auf Episoden ihres Lebens beziehen. Personen bilden Repräsentationen von eigenen früheren Verhaltensweisen, die sie als typisch betrachten und in ihr Selbstbild integrieren. Dieses Phänomen ist bislang von Theorien so genannter narrativer Identität untersucht worden, welche die beschriebenen Selbstbezugnahmen auf die Konstruktion von Selbst-Narrationen zurückführen (z.B. Carr, Schechtman, Bruner). Meine These ist, dass diese Theorien nur unzureichend erfassen, wie das biographische Selbstverständnis von Personen beschaffen ist. Denn die Eigenschaften von Selbst-Narrationen (z.B. episodische Einheit, Kohärenz, Unterstellung von Rationalität, soziale Einbettung etc.) klären meiner Argumentation zufolge nur einen Teil des Zielphänomens. Explanatorisch relevant sind darüber hinaus strukturelle und epistemische Eigenschaften des Selbstbewusstseins, worüber beispielsweise gezeigt werden kann, warum man mit solchen Selbstzuschreibungen einen besonderen epistemischen Anspruch erhebt (der zumeist allerdings nicht berechtigt ist). Auch wird in vielen existierenden Debatten der Begriff der Identität – in der Bedeutung von “Persönlichkeit” oder “Persönlichkeitskern” – uneindeutig verwendet und oft mit dem Begriff der numerischen Identität über die Zeit hinweg verwechselt. Ich mache in meinem Buch einen Klärungsvorschlag und zeige zudem, inwiefern das Bewusstsein, als numerisch identisches Subjekt über die Zeit hinweg zu existieren, die Bedingung für ein biographisches Selbstverständnis ist. In methodologischer Hinsicht verwende ich einen integrativen Ansatz, der sprach- und begriffsanalytische, phänomenologische und empirische Perspektiven miteinander verbindet.
In nächster Zeit möchte ich mich mit dem Thema “Intersubjektivität” im weitesten Sinn beschäftigen. Für besonders relevant und bislang noch wenig untersucht halte ich den Zusammenhang von sozialer Kognition (Bedingungen für das Verstehen und Wahrnehmen anderer Personen) und der Natur und Struktur eines “Wir”- oder Gruppen-Bewusstseins.

Magdalena Balcerak Jackson

PhotoMBJIch bin seit August 2015 Assistant Professor am Department of Philosophy der University of Miami. Zuvor war ich Research Fellow am Zukunftskolleg und am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz und Ko-Direktorin einer DFG Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“. Ich arbeite vor allem in Philosophie des Geistes und Erkenntnistheorie, habe aber auch ernsthaftes Interesse an Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie und Phänomenologie. Ich habe bisher über folgende Themen geforscht und publiziert: Intentionalismus in der Philosophie des Geistes, die Anwendung der zwei-dimensionalen Semantik auf Theorien des Gehalts bewusster Erlebnisse, Begriffsanalyse, Sprachverstehen, apriorisches Wissen, Gedankenexperimente und rationales Überlegen.

Mein derzeitiges Hauptprojekt beschäftigt sich mit der Imagination (oder Vorstellungskraft). Das erste, woran die meisten von uns im Zusammenhang mit Imagination denken, ist unsere Fähigkeit fantastische und oft ästhetisch wertvolle fiktionale Charaktere, Szenarien und Geschichten zu erschaffen. Aber Imagination spielt auch eine wichtige Rolle beim Erwerb von Wissen: Wenn wir uns entscheiden, wie wir handeln sollen, wenn wir die Gedanken und Emotionen unserer Mitmenschen lesen, wenn wir Gedankenexperimente betreiben, machen wir von unserer Fähigkeit uns nicht-aktuale Szenarien vorzustellen Gebrauch. Diese Rolle der Imagination hat in der analytischen Philosophie bisher wenig Beachtung gefunden. Die entscheidende Frage, der ich nachgehe, ist die Frage, ob die Rolle der Imagination in diesen kognitiven Projekten tatsächlich eine epistemische Rolle ist. Ist Imagination tatsächlich eine Quelle von Rechtfertigung und nicht bloß eine heuristische Hilfskapazität? Die Orthodoxie in der neueren philosophischen Tradition seit Wittgenstein und Sartre ist der Ansicht, dass Imagination keine rechtfertigende Rolle spielen kann, weil wann wir uns etwas vorstellen und was wir uns vorstellen, unter unserer Kontrolle ist, und weil das Reich der Imagination, anders als unsere Realität, unbegrenzt ist. Ich versuche zu zeigen, dass diese Orthodoxie wichtige Merkmale der Imagination übersieht.

Manche Philosophen behaupten, dass Imagination uns zwar nicht sagen kann, was tatsächlich der Fall ist, dass Imagination aber ein guter Wegweiser dazu ist, was (metaphysisch) möglich ist. Das Problem ist, dass es in dieser modalen Erkenntnistheorie komplett mysteriös bleibt, warum und wodurch Imagination uns über den Bereich des Möglichen unterrichten könnte. Mein Ansatz ist es, die erkenntnistheoretischen Fragen über die Imagination auf der Grundlage einer detaillierten Erforschung der Imagination als einer psychologisch realisierten kognitiven Kapazität zu thematisieren. Dem Wesen nach ist Imagination eine Simulationsfähigkeit. Wenn wir uns vorstellen, eine rote Kirsche zu sehen, dann versetzen wir uns in die Perspektive eines möglichen Subjektes, das eine Wahrnehmungserfahrung einer roten Kirsche hat. Ich entwickele und verteidige eine spezifische Simulationstheorie der Imagination und erkläre, wie diese Theorie uns erklären kann, dass Imagination uns Rechtfertigung für interessante Überzeugungen über die Struktur unserer Erfahrung und über die Struktur unserer Welt gibt.

Ich glaube, dass diese Untersuchung der Imagination aus der Perspektive der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie zugleich uns interessante und überraschende Tatsachen über diese faszinierende kognitive Kapazität erschließt, wie die beiden folgenden: Obwohl Imagination ihrem Wesen nach mentale Erfahrungen wie Wahrnehmungen simuliert, kann Imagination uns apriorische Rechtfertigung liefern. Und, obwohl wir in Imagination die Perspektive anderer Subjekte annehmen können, indem wir uns etwa vorstellen, Napoleon zu sein, bleibt jeder Imaginationsakt immer egozentrisch.

Es gibt auch ein zweites Projekt, das mich derzeit viel beschäftigt: Ich untersuche die Psychologie und die Erkenntnistheorie unserer Fähigkeit des rationalen Überlegens. Ich versuche zu zeigen, daß rationales Überlegen nicht nur Rechtfertigung von den Prämissen auf die Schlußfolgerung überträgt, sondern auch neue Rechtfertigung generiert. Allgemeiner glaube ich, dass wir eine ganze Reihe von kognitiven Kapazitäten besitzen, die es uns erlauben, basale Information zu interpretieren – bzw. zu erkennen, was aus was folgt – und dass diese kognitiven Kapazitäten eine Dimension unserer Rationalität ausmachen, die in der Erkenntnistheorie mehr Beachtung finden sollte.

Ich bin gebürtige Polin, bin 1988 – also knapp vor der Wende – mit meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland immigriert und im Rheinland aufgewachsen. Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Bonn. Promoviert habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Universität zu Köln, wobei ich den Großteil meiner Promotionszeit nicht in Deutschland, sondern an der Australian National University in Canberra und an der University of California in Davis, USA verbracht habe. Nach einer einjährigen Tätigkeit als Lecturer an der UC Davis und einem Post-Doc an der Australian University kehrte ich 2009 nach Deutschland zurück, um zusammen mit meinem Kollegen und Partner Brendan Balcerak Jackson eine durch die DFG bewilligte Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“ an der Universität zu Köln aufzubauen. 2013 zogen wir mit unserer Gruppe an die Universität Konstanz, um zusätzlich neue individuelle Projekte am interdisziplinären Zukunftskolleg zu verfolgen. In meinem Fall ist dies das Projekt über „Imagination und Reasoning“.

Ich bin nicht nur Philosophin, sondern auch Mutter einer tollen einjährigen Tochter, Leseratte, passionierte Weltbereiserin, und Yoga-Schülerin. Mehr über mich als Philosophin und viele meiner Arbeiten findet man aber unter:
http://www.mbalcerakjackson.net

Annett Wienmeister

Photo AWSeit dem Wintersemester 2012/13 arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wo ich bei Christian Illies promoviere. Zuvor habe ich in Jena, Chambéry (Frankreich) und Omaha (USA) Philosophie, Biologische Anthropologie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert. Die Wahl dieser interdisziplinär ausgerichteten Studienkombination beruht auf der für mich bis heute geltenden Überzeugung, dass in verschiedenen Wissenschaften sinnvolle und sich ergänzende Antworten auf die Frage gefunden werden können, was der Mensch sei.

Nach meinem Studium habe ich in Jena am Lehrstuhl von Wolfgang Welsch gearbeitet und mich mit dem Zusammenhang der Begriffe des Lebendigen, der Subjektivität und der Intentionalität beschäftigt, wie er in Nachfolge von Maturana und Varela in der gegenwärtigen Autopoiesis-Schule hergestellt wird. Ausgehend von deren plausibler These, dass die konstitutiven Leistungen kognitiver Akteure bei der intentionalen Bezugnahme auf die Welt immer zu berücksichtigen sind, war es mein Anliegen, die daraus abgeleiteten konstruktivistischen Schlussfolgerungen zu entkräften. Denn aus der faktischen Unhintergehbarkeit bestimmter erkenntniskonstitutiver Formen folgt deren epistemische Subjektivität per se nicht, was zudem auch nicht ohne Weiteres mit einer biologisch-naturwissenschaftlichen Perspektive, aus der dieser Ansatz seine grundlegenden Argumente gewinnt, in Einklang zu bringen ist.

In meiner Promotion beschäftige ich mich weiterhin mit einer erkenntnistheoretischen Fragestellung: Welche Rolle spielt empirische Erfahrung für unser begriffliches Denken bzw. für unser Erkennen und wie ist das Verhältnis zwischen diesen beiden kognitiven Fähigkeiten zu bestimmen? Hierfür untersuche ich den Konzeptualismus der Erfahrung, wie er von John McDowell entwickelt wurde. Dieser vertritt die These, dass schon in unserer sinnlichen Erfahrung begriffliche Fähigkeiten passiv zur Anwendung kommen, die auch für unser aktives Denken konstitutiv sind. Mit seinem Ansatz möchte McDowell eine ‚quietistische‘ Antwort zu einem Problem der modernen Erkenntnistheorie geben, das er als ein stetiges Oszillieren zwischen den zwei Extremen eines Kohärentismus des begrifflichen Denkens und dem Mythos des Gegeben der nichtbegrifflichen Erfahrung beschreibt. Nur wenn wir Erfahrungen nicht mehr lediglich als reines Kausalgeschehen begreifen, sondern auch als durch begriffliche Fähigkeiten vermittelt, wird deren epistemische Relevanz für das Denken und Erkennen verständlich und ein minimaler Empirismus möglich.

Was den McDowellschen Ansatz meines Erachtens so interessant macht, ist seine Problemdiagnose für das oszillierende Moment in der Erkenntnistheorie, das er in einem Dualismus von Natur und Vernunft begründet sieht. Ausgehend von dieser Analyse ergibt sich allerdings die Frage, inwiefern sich der Erfahrungsbegriff mittels einer begrifflichen Aufwertung aus der dualistischen Zwickmühle befreien lässt. Vielversprechend erscheint es mir hier, den Fokus vom Aspekt des Begrifflichen auf den Aspekt der Fähigkeit zu verschieben. Eine Fähigkeit zu entwickeln und auszuüben impliziert mehr als eine Disposition zu haben (wie etwa auf bestimmte kausale Einflüsse differentiell zu reagieren). Ich möchte fragen, inwiefern wir den Begriff der Fähigkeit auf Elemente der Erfahrung anwenden können, die noch nicht begrifflicher Natur im anspruchsvollen Sinne sind, die aber dennoch normative und reflexive Aspekte aufweisen und somit über eine rein kausale Determinierung hinausgehen. Wenn dieser Ansatz gelingt, dann kann ein Erfahrungsbegriff gewonnen werden, der einige der Voraussetzungen beinhaltet, welche auch für abstrakt-begriffliches Denken und Erkenntnis konstitutiv sind.

Die Frage, inwiefern wir über ein dualistisches Weltbild hinausgelangen können, beschäftigt mich auch mit Blick auf die Ethik. In einem Workshop zum Thema „Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles: Natur als Entstehungsrahmen von Moral“, den ich im Februar gemeinsam mit meinen Bamberger Kollegen organisiere, fragen wir, inwiefern der Aristotelische Naturbegriff der physis die Möglichkeit eröffnet, den Menschen sowohl als natürliches als auch als moralisches Wesen zu begreifen, ohne hierbei die moralische Dimension auf Naturvorgänge zu reduzieren. Ziel ist es dabei zu prüfen, inwiefern die Konzeption der physis als möglicher Lösungsansatz für die Disparität zwischen Ethik und Evolutionstheorie fungieren kann.

Seit einigen Jahren richtet sich mein persönliches Interesse auch auf die ostasiatische Philosophie. Ich war in der glücklichen Lage, auf einer Reise in den Himalaya in buddhistische Klöster einzukehren, und konnte mich dort mit einigen der philosophischen Ansätze und religiösen Praktiken vertraut machen. Besonders interessiert mich derzeit der Begriff des sunyata, gewöhnlich mit „Leere“ übersetzt, der aber vielmehr für die vielfältigen wechselseitigen Bedingungsverhältnisse steht, die als konstitutiv für alles Seiende betrachtet werden. Welche Möglichkeiten und Grenzen diese Perspektive für unser Selbstverständnis als handelnde Subjekte birgt, ist eine herausfordernde Frage. So ist hier möglicherweise eine theoretische Grundlage für die derzeit viel gepriesene Gelassenheit zu finden. Ob und inwiefern wir diesen Ansatz mit der in der westlichen Tradition stark verankerten Subjektphilosophie fruchtbringend in Beziehung setzen können, möchte ich gern untersuchen.

„La philosophie, c’est comprendre ce qu’on vit” – dieser Satz, den mir meine Dozentin Eliane Burnet während meines Auslandsjahres in Frankreich in den Kopf gesetzt hat, begleitet mich seither. Philosophie möchte ich nicht ausschließlich als theoretische akademische Disziplin betrachten, sondern sie auch als hilfreiches Werkzeug sehen, das uns ein besseres Selbst- und Weltverständnis ermöglicht. Vor diesem Hintergrund bin ich bemüht, philosophisches Denken auch in den öffentlichen Raum zu bringen, etwa durch die Organisation von Veranstaltungen im Rahmen der Fränkischen Gesellschaft für Philosophie und des Forums Theoretische Philosophie oder durch Mitwirkung bei Projekten der durch den gemeinnützigen Verein Aktive Mitte e.V. in Bamberg veranstalteten Reihe „Kultur im Leerstand“.

Für weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten: www.uni-bamberg.de/?id=67465