Inga Bones

(c) privat

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Ich habe im Februar 2018 meine Promotion abgeschlossen und arbeite zurzeit am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ab dem Wintersemester 2018/19 werde ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Arbeitsbereich Naturphilosophie und Philosophische Anthropologie des Karlsruher Instituts für Technologie wechseln.

Dass ich einmal auf dem besten Weg zur „hauptberuflichen Philosophin“ sein werde, hätte ich mir mit Anfang zwanzig nur schwer vorstellen können—trotz meines schon damals ausgeprägten Interesses an philosophischen Fragen. Ich bin eine Studierende erster Generation und habe mein Abitur im Anschluss an eine Berufsausbildung auf dem zweiten Bildungsweg erworben. Von den Anforderungen eines Hochschulstudiums im Allgemeinen und meiner Studienfächer Germanistik und Philosophie im Besonderen hatte ich deshalb eine bestenfalls vage Vorstellung, als ich im Herbst 2005 mein Studium an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aufnahm. Und ich war in gleichem Maße beeindruckt wie befremdet von der Selbstverständlichkeit, mit der sich einige meiner Kommilitonen mit der akademischen Welt identifizierten.

Meine anfängliche Ambivalenz angesichts der Perspektive einer akademischen Laufbahn hat mich zwar nie ganz verlassen, wurde aber schon bald von der Begeisterung für —zunächst vor allem— Fragen der Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie in den Hintergrund gedrängt.

Mit einem Wechsel an die Universität Stuttgart beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium hat sich mein philosophischer Interessenschwerpunkt hin zur Sprachphilosophie verschoben. Um ein zentrales Thema der Sprachphilosophie, sprachliche Vagheit, geht es auch in meiner Dissertation, deren Inhalt ich im Folgenden kurz zusammenfassen möchte. Grob gesagt ist ein sprachlicher Ausdruck genau dann vage, wenn sein Anwendungsbereich nicht scharf begrenzt zu sein scheint. Ein Paradebeispiel eines solchen Ausdrucks ist das Prädikat „Haufen“, für dessen Anwendbarkeit kompetente Sprecher keinen präzisen Schwellenwert—etwa 99.000, 100.000 oder 250.000 Sandkörner (oder mehr)—angeben können. Dem Prädikat „Haufen“ verdankt auch ein hartnäckiges Paradox, das in engem Zusammenhang mit sprachlicher Vagheit steht, seinen Namen: das Sorites- oder Haufenparadox.

Das Sorites-Paradox lässt sich als die Kombination dreier Überzeugungen verstehen:

i. Ein Sandkorn ist kein Haufen.

ii. Eine Million Sandkörner sind ein Haufen.

iii. Sofern zwei Ansammlungen von Sandkörnern sich lediglich darin unterscheiden, dass eine von ihnen ein Sandkorn weniger als die andere aufweist, sind entweder beide Ansammlungen ein Haufen oder keine von beiden.

Überzeugung (iii) ist plausibel, weil wir vage Prädikate wie „Haufen“ für tolerant halten. Kleine Veränderungen des Gegenstands, von dem sie prädiziert werden, können ihrer Anwendbarkeit „nichts anhaben“—meinen wir. Ausgehend von Überzeugung (ii) erlaubt uns die wiederholte Anwendung des Toleranzprinzips (iii) allerdings die Ableitung des Satzes, dass auch ein einzelnes Sandkorn ein Haufen ist, was im Widerspruch zu (i) steht.

Obwohl im Verlauf der vergangenen rund vierzig Jahre eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu Vagheit und dem assoziierten Haufenparadox erschienen ist, ist es bislang keinem Lösungsversuch—keiner „Theorie der Vagheit“—gelungen, breiten Rückhalt zu finden. Statt eines stetigen Erkenntnisfortschritts scheint die Vagheitsforschung eine Tendenz zur Fragmentierung erkennen zu lassen. Diese einigermaßen ernüchternde Bestandsaufnahme bildet den Ausgangspunkt meiner Untersuchung, in deren Verlauf ich zunächst einige prominente Theorien der Vagheit vor- und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen herausstelle. Ich zeige, dass der Konstruktion und Bewertung solcher Theorien eine gemeinsame Methode zugrunde liegt: die Methode des (weiten) Überlegungsgleichgewichts. Ich argumentiere, dass es angesichts dieser Tatsache nicht überraschend ist, dass bisher keine Theorie der Vagheit breite Zustimmung gewinnen konnte. Zudem identifiziere ich eine Reihe von Metaphern und Vergleichsobjekten, die eine gewisse Tendenz zur Abschwächung von Toleranzintuitionen—und damit die Ablehnung oder zumindest die Einschränkung von Prinzip (iii)—mit sich bringen. Weil Vagheitstheoretiker, so meine These, naheliegende Analogien zwischen der natürlichen Sprache und formalen, kalkülartigen Sprachen überdehnen, neigen sie dazu, eine bestimmte Möglichkeit zur Auflösung des Haufenparadoxons vorschnell abzulehnen. Dieser Möglichkeit der Auflösung von Sorites-Paradoxien widme ich mich im letzten Kapitel meiner Arbeit. Ich verteidige die These, dass vage Prädikate ihrer Natur nach „grenzenlos“—und damit tatsächlich tolerant—sind. Zuletzt zeige ich auf, welche Konsequenzen diese These zum „Wesen von Vagheit“ für das Paradox selbst, für unseren Begriff der Gültigkeit und mit Bezug auf den Begriff des Grenzfalls mit sich bringt.

In Zukunft möchte ich mich einerseits der metaphysischen Seite von Vagheit widmen. Hinter der Rede von „Vagheit in der Welt“ verbirgt sich eine Reihe von Rätseln zur Natur der Identitätsrelation und zur Individuation und Persistenz von Gegenständen. Daneben interessiert mich aber auch die praktische Seite von Sprache, etwa Fragen nach der Funktionsweise von Beleidigungen oder Hate Speech: Inwiefern können sprachliche Handlungen Menschen einschränken, verletzen oder unterdrücken?

Hier geht es zu meiner Website.

Andrea Reichenberger

(c) Universität Paderborn

(c) Universität Paderborn

I am currently a research associate at the Center for the History of Women Philosophers and Scientists (HWPS), Paderborn University. It is a project under the direction of Ruth Hagengruber (Paderborn) financially supported by the Ministry of Innovation, Science and Research of North Rhine-Westphalia, Germany.

Research into the history of women philosophers and scientists has long been neglected. Especially, the historiography of the 19th and 20th century has tended to exclude, marginalize and trivialize women’s contribution to scientific issues, problems and developments. There is currently a movement toward correcting this historical bias.

My aim is to approach this task by rethinking the questions through which the history of science has been structured up to the present day. My conviction is that closing the gender gap requires rewriting and reforming the history and historiography of science by integrating women into it.

In order to reach this goal, it is essential to go beyond a mere biographical narration. Archival research is the basis for serious and well-founded historiographical studies, but it is not sufficient for a successful and sustainable integration of women’s contributions into recent trends and discussions regarding the epistemological and methodological status of the philosophy of science. In my opinion, a problem-oriented contextualization is necessary.

I try to show what such a contextualization can look like, by using case studies in my research and teaching practice. For example, in my book Émilie Du Châtelets „Institutions physiques“. Über die Rolle von Prinzipien und Hypothesen in der Physik, Springer 2016, I have investigated Émilie Du Châtelet’s sophisticated translation and interpretation of the laws of motion. I came to the result that Du Châtelet opened the door to the unification of the concept of force as cause for changing the state of motion and to a clear differentiation between the inertial state of motion (preserving the state of motion or rest) and the conservation of a physical quantity (energy and momentum).

A second example deals with a “relativized” Kantian interpretation of Einstein’s theory given by Ilse Rosenthal Schneider (1891–1990). In her book Das Raum-Zeit-Problem bei Kant und Einstein (1921), Schneider argued that Einstein’s theory of relativity did not refute Kant, although it was only Einstein who recognized and formulated the dependence of space-time metric with the gravitational field in the language of tensor analysis. The central thesis of her work was as follows: Firstly, Kant’s concept of space and time was not like Newton’s. His concept did not refer to a physical object with respect to which motion can be defined, but to a formal principle. Secondly, Kant contemplated an interdependence of geometry and matter long before Einstein was able to describe gravity as the bending of space-time geometry. I will discuss this argument against the background of Ilse Rosenthal Schneider’s correspondence with Albert Einstein, Max von Laue and Max Planck and against the background of Hans Reichenbach’s and Moritz Schlick’s unfair criticism of her book. A third example refers to Grete Hermann’s distinction of predictability and causality in quantum mechanics and her discussion of space and time from a Neo-Kanitan perspective.

These, and other case studies are part of my habilitation project. In this project, I aim to demonstrate that the standard view on the history of the space-time problem from Newton and Leibniz over Kant to Einstein needs to be reevaluated. The result of this study is that the old dispute between absolutism/substantialism vs. relationalism did not lead to the victory of one or the other position, but to the integration of invariance and symmetry principles into physics. Women’s contributions played a decisive and interesting role in this process of knowledge transformation and consolidation.

Additionally, I have started investigating the history of female German logicians from the late 19th till the early 20th century. Currently, I am editing two Special Issues on the Work of Women in Sciences and Philosophy, namely for Transversal: International Journal for the Historiography of Science (together with Moema Vergara, Museum of Astronomy – Mast, Rio de Janeiro, Brazil), and for Almagest. International Journal for the History of Scientific Ideas (together with Ruth Hagengruber (Paderborn University, Germany) and George Vlahakis (Hellenic Open University, Greece)). Together with Ruth Hagengruber, I am also preparing a conference volume on Époque Émilienne. Philosophy and Science 1700-1750.

Everyone is welcome to contact me: andrea.reichenberger (at) uni-paderborn.de

For further information see also: https://historyofwomenphilosophers.org/

http://dgphil.de/verbaende-und-ags/arbeitsgemeinschaften/ag-frauen-in-der-geschichte-der-philosophie/

https://kw.uni-paderborn.de/fach-philosophie/reichenberger/

https://zenmem.academia.edu/AndreaReichenberger

Dunja Šešelja

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I am a post-doctoral researcher at the Institute of Philosophy II at Ruhr-University Bochum (RUB), Germany, and I am also currently a visiting professor at Ghent University. My research topics include epistemic and methodological aspects of scientific inquiry, with a special emphasis on the context of scientific diversity. While my PhD research focused on the assessment of pursuit worthiness of scientific theories, during my post-doctoral research I have tackled issues concerning methodological and epistemic aspects of scientific disagreements, the impact of inconsistencies on the assessment of scientific theories, and formal modelling of scientific inquiry.
I graduated Philosophy at the University of Novi Sad, Serbia, and subsequently worked as a teaching assistant at the same department. Upon receiving a BOF (Bijzonder Onderzoeksfonds) grant by Ghent University, Belgium for students from developing countries, I continued my postgraduate education at Ghent University, where I completed the Postgraduate Studies in Logic, History and Philosophy of Science. Subsequently, I obtained a BOF grant for PhD studies at Ghent University as well, completing them with the dissertation: “Epistemic Evaluation in the Context of Pursuit and in the Argumentative Approach to Methodology”. I was then employed as a BOF post-doctoral researcher at the Centre for Logic and Philosophy of Science at Ghent University, and subsequently as a post-doctoral researcher at the Ruhr-University Bochum, where I am currently working at the Institute for Philosophy II.
My main areas of interest are philosophy of science, methodology of science, social epistemology, formal modelling of scientific inquiry, argumentation, and science policy. My research lies at the intersection of integrated history and philosophy of science, social epistemology, and formal approaches to scientific inquiry. On the one hand, I am interested in normative aspects of scientific inquiry, such as the question of warranted assessments of scientific theories. On the other hand, my work on these questions is essentially informed by historical case studies. More recently, I have investigated formal models of scientific inquiry (especially, agent-based models) and their fruitfulness in addressing certain methodological and socio-epistemological issues.
Throughout my research I have always strived to engage in collaborations with colleagues. In contrast to the old image of a (white male) philosopher writing in isolation from society and as a sole author of his manuscripts, my academic experience at Ghent University and Ruhr-University Bochum has taught me that collaborating with others is often the most fruitful method of conducting philosophical research. My most recent collaborative project, which is not only multi-authored but also interdisciplinary concerns an argumentative approach to agent-based modelling of scientific inquiry. Members of this team, formed as a part of the Research Group for Non-Monotonic Logic and Formal Argumentation (http://homepages.ruhr-uni-bochum.de/defeasible-reasoning/), have a background in philosophy of science, social epistemology, logic, argumentation theory, artificial intelligence and economics. The project aims at developing a highly modular agent-based model, fruitful for facilitating our understanding and explanation of various methodological and socio-epistemological aspects of scientific inquiry.
I am also a member of the steering committee of the research network ”Logical and Methodological Analysis of Scientific Reasoning Processes” (http://www.lmasrp.ugent.be/).
Website: https://rub.academia.edu/DunjaSeselja. Contact: Dunja Šešelja, post-doctoral researcher, Institute for Philosophy II, Ruhr-University Bochum.

Julia Zakkou

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Ich bin seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied der Emmy-Noether-Forschungsgruppe Ontologie nach Quine. Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Mitglied der DFG-Gruppe Metametaphysik. Nach Abschluss meines Studiums der Philosophie und Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war ich für ein Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für theoretische Philosophie am Seminar in Heidelberg. Meine Doktorarbeit im Bereich der Sprachphilosophie an der HU-Berlin habe ich im Dezember 2014 eingereicht und im Dezember 2015 verteidigt. Während meines Studiums und meiner Promotionszeit war ich für mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland: am King’s College der University of Cambridge, bei LOGOS in Barcelona, Arche in St Andrews und dem Northern Institute of Philosophy in Aberdeen. Bis Dezember 2016 bin ich Gast am Institut Jean Nicod in Paris.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachphilosophie und angrenzenden Bereichen der Linguistik.
In meiner Doktorarbeit mit dem Titel Tasty Contextualism habe ich mich mit fehlerfreien Meinungsverschiedenheiten befasst. Eine solche Meinungsverschiedenheit liegt z.B. dann vor, wenn zwei Personen ihre unterschiedlichen Geschmacksvorlieben zum Ausdruck bringen, indem die eine Person sagt „Lakritze ist lecker“ und die andere erwidert „Stimmt gar nicht. Lakritze ist widerlich!“ Der vorherrschenden Meinung zufolge können orthodoxe semantische Theorien dieses Phänomen nicht erklären. Nur der sog. Relativismus könne das. Er besagt, dass „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ Propositionen ausdrücken, die nur relativ zu einem Geschmacksparameter einen Wahrheitswert haben. In meiner Doktorarbeit verteidige ich die orthodoxe Semantik. Ich argumentiere für den sog. Kontextualismus, demzufolge „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ indexikalischen Sätzen ähneln (d.h. Sätzen wie „Ich heiße Julia“ und „Heute scheint die Sonne“) und die ausgedrückten Propositionen somit einen absoluten Wahrheitswert haben. Anders als herkömmliche Ausformulierungen erweitere ich den Kontextualismus um eine pragmatische These. Sie besagt, dass mit den fraglichen Urteilen eine Präsupposition der Überlegenheit des eigenen Standards oder Standpunktes verbunden ist.
In weiteren Aufsätzen beschäftige ich mich mit allgemeineren Fragen aus dem Bereich der Semantik und Pragmatik. Auf Seiten der Semantik interessiere ich mich für Indexikalia und Demonstrativa (wie „ich“, „heute“, „hier“ einerseits und „da“ und „dort“ andererseits) sowie weitere Arten kontext-abhängiger Ausdrücke. Auf Seiten der Pragmatik (im weiten Sinn) interessieren mich besonders Implikaturen und Präsuppositionen. Klassischen Bespiele für Implikaturen liefern die Sätze „Er hat eine schöne Handschrift“ und „Sie ist nach Hause gefahren und hat ein Bier getrunken“: Als Teil eines Philosophie-Empfehlungsschreibens wird mit dem ersten Satz implikiert, dass die fragliche Person philosophisch nicht besonders begabt ist. Als Teil eines Zeugenberichts bei der Polizei implikiert der zweite Satz, dass die fragliche Person erst nach Hause gefahren ist und dann ein Bier getrunken hat. Ein klassisches Beispiel für eine Präsupposition liefern Kennzeichnungen wie „meine Schwester“: Mit dem Satz „Meine Schwester ist die Beste“ präsupponiere ich, dass ich eine Schwester habe. Durch meine Arbeit in zwei Forschungsprojekten zur Metaontologie und Metametaphysik habe ich außerdem ein großes Interesse an Fragen aus dem Schnittbereich aus Sprachphilosophie und Ontologie entwickelt, etwa nach der Semantik und Pragmatik von metaphysischem Schlüsselvokabular wie Zahlausdrücken.
In meiner Habilitation mit dem Arbeitstitel In a Roundabout Way – Tests for Indirect Communication gehe ich der Frage nach, wie wir herausfinden können, auf welche Weise eine Person das, was sie meint, kommuniziert — ob sie es z.B. semantisch ausdrückt, implikiert oder präsupponiert. Tests zur Unterscheidung dieser verschiedenen Kommunikationsformen sind nicht nur für die Sprachphilosophie und Linguistik von großem Interesse. Sie gewinnen auch in anderen Bereichen der Philosophie, wie der Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik, zunehmend an Bedeutung.
Daneben habe ich zwei „kleine“ Nebenprojekte:
Im ersten geht es um eine besondere Art von subjunktiven Konditionalsätzen, nämlich um Anderson Conditionals. Das wohl bekannteste Beispiel für einen solchen Konditionalsatz stammt von Alan Anderson und lautet „If Jones had taken arsenic, he would have shown the same symptoms he actually shows“. Der vorherrschenden Meinung zufolge zeigen solcherlei Sätze, dass kontrafaktische Konditionalsätze nicht die Falschheit des Antezedens präsupponieren. Genauer: Sie übertragen diese Annahme von non-past subjunctive conditionals (wie z.B. „If Jones came to the party, he would bring flowers“, manchmal auch Potentialis-Sätze genannt) auf past subjuntive conditionals (wie den genannten Anderson-Satz oder z.B. auch „If Jones had come to the party, he would have brought flowers“, manchmal auch als Irrealis-Sätze bezeichnet). Ich argumentiere dafür, dass dieses Argument viel schwächer ist als bislang angenommen. Denn anders als man vielleicht vermuten mag, sprechen verschiedene sprachphilosophische und linguistische Tests dafür, dass auch Anderson Conditionals die Falschheit des Antezedens präsupponieren.
Im zweiten Projekt geht es ebenfalls um Konditionalsätze, diesmal aber um eine bestimmte Art von indikativischen Konditionalsätzen, nämlich um Biscuit Conditionals. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für solch einen Satz stammt von John Austin und lautet „If you want some, there are biscuits on the sideboard“. Der gängigen Auffassung zufolge liefern solcherlei Sätze Aufschluss darüber, welchen Beitrag das konditionale „then“ (bzw. „dann“) leistet. D.h. sie leisten Aufschluss darüber, wodurch sich z.B. der Satz „If you are hungry, I will buy you some biscuits“ vom Satz „If you are hungry, then I will buy you some biscuits“ unterscheidet. Denn in Biscuit Conditionals, so die These, kann „then“ nicht auftauchen. Ich argumentiere dafür, dass diese These falsch ist: Es gibt Biscuit Conditionals mit konditionalem „then“. Die Semantik und Pragmatik von „then“ scheint also komplizierter als bislang angenommen.
Weitere Informationen finden sich hier: juliazakkou.net

Christiana Werner

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Ich bin seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften (GSGG) an der Georg-August-Universität Göttingen und Mitglied der Nachwuchsgruppe „Sprache, Kognition und Text“. Promoviert habe ich 2012 als assoziiertes Mitglied des DFG-Projekts „Wissen und Bedeutung in der Literatur“ an der Universität Regensburg. Meine Betreuer / Gutachter waren Prof. Dr. Hans Rott (Regensburg) und Prof. Dr. Mark Textor (King‘s College London). Davor war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen, wo ich – abgesehen von einem Ausflug an die Universität Turin – auch studiert habe.
In meiner Dissertation habe ich mich mit der sprachphilosophischen Frage beschäftigt, wie fiktionales Erzählen mithilfe sprechakttheoretischer Terminologie beschrieben und erklärt werden kann. Dabei habe ich sowohl gegen John Searle argumentiert, der behauptet, fiktionales Erzählen sei ein So-tun-als-ob-Handeln, als auch gegen die weitverbreitete These, fiktionale Äußerungen müssten als Aufforderung an die Leser_innen, sich das Erzählte vorzustellen, verstanden werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass fiktionales Erzählen als Vollzug illokutionärer Akte eines eigenen Typs zu verstehen ist. Dafür spricht, u.a. dass diese sprachliche Tätigkeit nicht nur negativ, in Abgrenzung zu behauptenden Äußerungen, zu bestimmen ist, denn es lassen sich speziell für diese sprachliche Handlung Regeln und Konventionen benennen. Dies wird auch von Vertretern der Aufforderungsthese behauptet. Im Gegensatz zu dieser Position argumentiere ich aber dafür, dass fiktionales Erzählen der Vollzug deklarativer illokutionärer Akte ist. Gemäß Searles Typologie illokutionärer Akte können Sprecher_innen mit Deklarationen soziale Tatsachen erschaffen. So wird es beispielsweise durch den Vollzug einer Taufe der Fall, dass ein Schiff fortan einen bestimmten Namen trägt. Die Handlung der Autor_innen fiktionaler Texte sind, so nehme ich an, ähnlich zu beschreiben, wie das Erschaffen sozialer Tatsachen. Indem sie erzählen, erschaffen Autor_innen fiktionaler Texte fiktive Figuren. Ich argumentiere für eine ontologische Annahme, nämlich, dass fiktive Figuren als Rollen zu verstehen sind, die typischerweise in der realen Welt keinen Träger haben. Indem sie fiktional erzählen, erschaffen Autor_innen diese Rollen und legen deren Eigenschaften fest.
Obwohl mein aktuelles Postdoc-Projekt auch mit Fiktion zu tun hat, ist es im Bereich der Philosophie des Geistes anzusiedeln, denn ich beschäftige mich mit den emotionalen Reaktionen, die wir häufig haben, wenn wir fiktionale Medien rezipieren: Wir fürchten uns vor dem weißen Hai, freuen uns, wenn Harry Potters Mannschaft im Quidditch gewinnt, und manche von uns haben Mitleid mit Anna Karenina. Häufig werden diese Reaktionen unter dem Label „Fiktionsparadox“ diskutiert. Vielleicht gibt es keine andere philosophische Debatte, über die so häufig geschrieben wird, dass sie uninteressant und überflüssig ist. Ich glaube aber, dass unsere emotionalen Reaktionen auf Fiktion („fiktionale Emotionen“) eine Reihe von Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für eine allgemeine Theorie der Emotionen relevant ist. Außerdem stellen sich interessanterweise auch in Bezug auf unsere empathischen Reaktionen mit unseren Mitmenschen zum Teil die gleichen Fragen, die auch für fiktionale Emotionen geklärt werden müssen: Sind diese Reaktionen „echte“ Emotionen? Oder sollten sie z.B. aufgrund der Rolle, die die Imagination in diesen Fällen spielt als „unechte“ oder „Quasi-Emotionen“ (K. Walton) deklariert werden? Haben wir aufgrund von fiktionalen Emotionen Tendenzen zu handeln oder sind diese eventuell nicht vorhandenen Handlungstendenzen ein relevantes Unterscheidungskriterium?
Ich vertrete in diesen Fragen die Position, dass die Rolle der Imagination kein geeignetes Kriterium ist, um „echte“ von „unechten“ Emotionen zu unterscheiden, da die Imagination in vielen Fällen eine relevante Rolle spielt. Dies gilt auch für das Fehlen von Handlungstendenzen. Einerseits zeige ich, dass die z.B. von K. Walton vertretene These, fiktionale Emotionen hätten keine Handlungstendenzen, so nicht haltbar ist. Es sind nur sehr bestimmte Handlungen, die wir typischerweise nicht ausführen (oder nicht dazu tendieren, sie auszuführen), wenn wir emotional auf Fiktion reagieren und auch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal fiktionaler Emotionen. Diese Beobachtungen sprechen dafür, die Unterscheidung von „echten“ und „unechten“ Emotionen aufzugeben. Eine allgemeine Theorie der Emotionen muss stattdessen der Vielfalt emotionaler Reaktionen Rechnung tragen, was dazu führt, dass die Rolle der Imagination in die Überlegungen mit einbezogen werden muss. Die Beobachtungen legen außerdem nahe, dass Handlungen oder Tendenzen zu Handlungen nur in sehr eingeschränkter Weise zur Individuierung einzelner Emotionstypen im Rahmen einer Theorie herangezogen werden können.
In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Emotionen und Empathie für Verstehensprozesse spielen, dabei interessiert mich insbesondere das Verstehen anderer Menschen und Kunstverstehen. In diesem Zusammenhang organisiere ich zusammen mit Prof. Dr. Tilmann Köppe und Dr. Daniele Panizza eine interdisziplinäre VW-Sommerschule „The Role of Empathy and Emotion in Understanding Fiction“, die im März 2017 in Göttingen stattfinden wird.
Für weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/447250.html

Elke Brendel

Elke Brendel © Dörthe Boxberg

Elke Brendel © Dörthe Boxberg

Seit dem Wintersemester 2009/2010 bin ich Professorin für Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und dort Inhaberin des Lehrstuhls für Logik und Grundlagenforschung. Ich habe Philosophie zunächst an meinem Geburtsort Frankfurt am Main studiert. Dort war ich bei Wilhelm Essler am Lehrstuhl für Logik und Wissenschaftstheorie u. a. als wissenschaftliche Assistentin tätig. Ein Promotionsstipendium des DAAD ermöglichte mir zwischenzeitlich einen Forschungsaufenthalt an der Stanford University, und dann habe ich in Frankfurt am Main mit einer Arbeit über logische und semantische Paradoxien promoviert. Danach bin ich als wissenschaftliche Assistentin bei Holm Tetens an die FU Berlin gewechselt, wo ich mich 1998 habilitierte. In meiner Habilitationsschrift beschäftigte ich mich vor allem mit der Frage, welche Konzeption von Wahrheit dem Begriff des Wissens zugrunde liegt (bzw. zugrunde liegen sollte). Nach einer Vertretungsprofessur am Institut für Logik und Wissenschaftstheorie der Universität Leipzig habe ich einen Ruf an die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz auf eine Professur mit Schwerpunkt Logik und Wissenschaftstheorie angenommen, wo ich fast zehn Jahre bis zu meinem Wechsel an die Universität Bonn blieb. Während eines Forschungssemesters war ich 2003–2004 Adjunct Professor an der Northern Illinios University, und 2011–2012 war ich zudem Fellow am Lichtenberg-Kolleg der Georg-August-Universität Göttingen. Während meiner bisherigen akademischen Laufbahn habe ich verschiedene akademische Funktionen und Ämter übernommen, wie etwa als Mitglied in Auswahlkommissionen des DAAD, als Vertrauensdozentin der Deutschen Studienstiftung oder als Mitglied im Erweiterten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Zurzeit bin ich auch Vizepräsidentin der Gesellschaft für Analytische Philosophie und Fachkollegiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Geprägt wurde mein philosophisches Denken vor allem durch die analytische Philosophie und deren Methoden der logischen Analyse und des präzisen Argumentierens. Mein besonderer „philosophischer Held“ ist u. a. David Hume. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der Erkenntnis- und Sprachphilosophie sowie der Logik, Argumentationstheorie und Metaphilosophie. Nicht nur aus akademisch-philosophischen, sondern auch aus persönlichen Gründen interessiere ich mich zudem für Fragen der Tierethik.

Bereits seit vielen Jahren faszinieren mich logische und semantische Paradoxien. Bereits in meiner Dissertation und in einigen Fachartikeln habe ich eine an Überlegungen von Alfred Tarski orientierte „Partielle-Welten-Semantik“ zur Lösung von Paradoxien vorgeschlagen. Derzeit interessiere ich mich auch für parakonsistente bzw. dialetheistische Logiken und deren Auffassungen von Wahrheit und Widerspruch.

Im Bereich der Metaphilosophie arbeite ich zu Fragen der Funktion und Legitimität philosophischer Gedankenexperimente und untersuche die Möglichkeiten und Grenzen intuitionenbasierter Methoden in der Philosophie. Insbesondere beschäftige ich mich mit der erkenntnistheoretischen Bedeutung und Relevanz empirischer Studien zu epistemischen Intuitionen im Rahmen der experimentellen Philosophie.

Im Bereich der Erkenntnistheorie befasse ich mich schon seit einiger Zeit mit philosophischen  Konzeptionen des Wissens. Mein besonderes Interesse gilt hier dem Problem des Wissensskeptizismus und der Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Zufall. In meinem Buch „Grundthemen der Philosophie – Wissen“ (2013) argumentiere ich für einen Ansatz, in dem Wissen als eine bestimmte wahre Überzeugung ausgezeichnet wird, die auf einer epistemisch sicheren Methode beruht.

Ein weiteres meiner Forschungsgebiete, das an der Nahtstelle zwischen Erkenntnis- und Sprachphilosophie angesiedelt ist, betrifft den Kontextualismus und Relativismus. Zunächst habe ich das Augenmerk auf unterschiedliche Formen des epistemischen Kontextualismus und Relativismus gelegt. In einigen Schriften habe ich versucht zu zeigen, dass kontextualistische und relativistische Positionen in Bezug auf den Wissensbegriff unhaltbar sind, da sie sich in logische Selbstwidersprüche verstricken. Derzeit untersuche ich kontextualistische und relativistische Semantiken allgemeiner. Offensichtlich können  Faktoren des Äußerungskontextes den Wahrheitswert einer Aussage bestimmen. Ob ein Satz wahr oder falsch ist, kann z. B. von der Sprecherin, dem Zeitpunkt oder dem Ort der Satzäußerung abhängen. Zudem scheinen manchmal verschiedene subjektive bzw. kultur- oder gesellschaftsabhängige Standards und Werte die Bedeutung von Begriffen sowie die semantischen Gehalte von Aussagen zu beeinflussen. Ein wichtiger Aspekt bei der Analyse dieser Formen der Kontextabhängigkeit und Relativität liegt in der Beantwortung der Frage, wie Dissense zwischen konkurrierenden Positionen trotz sprachlicher Relativierungen aufrechterhalten werden können. In diesem Zusammenhang untersuche ich daher derzeit den Begriff des Dissenses und gehe insbesondere den Fragen nach, welche Formen von Dissensen es gibt, wie sich echte Dissense von bloßen verbalen Disputen unterscheiden und ob sogenannte fehlerfreie Dissense möglich sind. Ein wichtiges Ziel meiner Untersuchungen besteht darin, Kriterien zum Erkennen genuiner Dissense zu entwickeln und Wege zum rationalen Umgang mit Dissensen aufzuzeigen.

Weitere Details und eine Liste meiner Veröffentlichungen finden sich auf meiner Webseite:
http://www.philosophie.uni-bonn.de/personen/professoren/prof.-dr.-elke-brendel

Kristina Musholt

kristinamusholt_bwIch bin seit 2013 Juniorprofessorin für Neurophilosophie am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg. Mich hat schon immer interessiert, welche Antworten unterschiedliche Disziplinen auf die Frage nach dem Wesen des Menschen geben können. Entsprechend habe ich Humanbiologie, Neurowissenschaften und Philosophie zuerst in Marburg, dann in Magdeburg und Neapel studiert. Anschließend habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin School of Mind and Brain promoviert. Dabei habe ich allerdings die Hälfte meiner Promotionszeit als Gaststudentin am Department of Linguistics and Philosophy am MIT (USA) verbracht. Nach meiner Promotion war ich von 2010 bis 2013 als Fellow am Department for Philosophy, Logic and Scientific Method an der London School of Economics tätig. Gleichzeitig war ich dort stellvertretende Direktorin des Forum for European Philosophy.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der analytischen Philosophie des Geistes und der Philosophie der Kognitionswissenschaften, ich interessiere mich aber auch für die Sprachphilosophie sowie für phänomenologische Ansätze und für den deutschen Idealismus. Im Zentrum meiner Forschung stand bislang vor allem das Thema Selbstbewusstsein, verstanden als die Fähigkeit, sich seiner selbst gewahr werden zu können. In meiner Dissertation habe ich mich kritisch mit Theorien des sogenannten nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins auseinander gesetzt. Ausgehend von dem Problem, dass traditionelle Theorien des Selbstbewusstseins dem Vorwurf der Zirkularität ausgesetzt sind, versuchen Theorien des nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins zu zeigen, dass bereits die Gehalte einfacher Wahrnehmungen eine Form von Selbstbewusstsein beinhalten, die dann die Grundlage für komplexere Formen von Selbstbewusstsein bilden können. Dabei verweisen sie bespielsweise auf die Perspektivität der Wahrnehmung. Aufbauend auf Überlegungen aus der Philosophie des Geistes, der Sprachphilosophie und teilweise auch der Phänomenologie argumentiere ich in meinen Arbeiten gegen eine solche Position. Kurz zusammengefasst könnte man meine These dabei so beschreiben, dass wir zwischen dem Haben einer Perspektive einerseits, und dem Wissen darum, dass wir eine Perspektive haben andererseits unterscheiden sollten. Erst letzteres bezeichnet meiner Ansicht nach die Fähigkeit zum Selbstbewusstsein.

Dabei spielt meiner Ansicht nach auch die soziale Kognition eine wesentliche Rolle für das Verständnis des Phänomens des Selbstbewusstseins. Wir werden uns unserer eigenen Perspektive auf die Welt nämlich erst als solcher gewahr (und somit selbstbewusst), wenn wir in der Lage dazu sind, sie mit der Perspektive eines Anderen zu kontrastieren. Selbstbewusstsein und Intersubjektivität sind somit gleichsam zwei Seiten einer Medaille. Ausgehend von dieser Überlegung versuche ich – aufbauend auf Erkenntnissen aus den empirischen Wissenschaften – ein Stufenmodell der Entwicklung von Selbstbewusstsein und sozialer Kognition zu entwerfen.

Auch unabhängig von der Frage nach ihrer Bedeutung für unser Selbstverständnis als selbstbewusste Wesen interessiert mich die Philosophie der sozialen Kognition. Derzeit beschäftige ich mich vor allem mit der Entwicklung von Alternativen zu den klassischen Erklärungsmodellen unserer Fähigkeiten zur sozialen Interaktion. Letztere legen unseren Fähigkeiten zur sozialen Interaktion in der Regel sehr anspruchsvolle begriffliche Fähigkeiten zugrunde, die der Vielfalt der Formen sozialer Kognition nicht angemessen gerecht werden. Ich plädiere daher für einen Pluralismus der Erklärungen unserer sozial-kognitiven Fähigkeiten, der auch nicht-begriffliche Fähigkeiten mit einbezieht.

Allgemein halte ich die Frage, wie nicht-begriffliche Fähigkeiten der Repräsentation zu verstehen und zu charakterisieren sind, für eine spannende Forschungsfrage. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei, dass gute Gründe dafür sprechen, dass es solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten gibt (auch wenn ich Theorien nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins kritisch gegenüber stehe). So zeigen etwa Kleinkinder und Tiere Fähigkeiten, die deutlich über das Vorhandensein reiner Reiz-Reaktions-Schemata hinausgehen, und die ein gewisses Maß an Normativität und Rationalität implizieren, die aber dennoch nicht die Komplexität und Generalisierbarkeit begrifflicher Fähigkeiten aufweisen. Doch wie genau sind solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten zu verstehen? Mein Ansatzpunkt bei der Beantwortung dieser Frage ist, dass es sich hierbei um Formen des “Wissens-wie” handelt. Erst wenn wir diese besser verstehen, können wir sowohl Fragen nach der Entwicklung spezifisch menschlicher Fähigkeiten als auch Fragen nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen menschlichen und tierischen Fähigkeiten beantworten.

Als Neurophilosophin interessiert mich schließlich auch die etwas übergreifendere Frage, ob und inwiefern die Neurowissenschaften zu einem besseren Verständnis menschlicher Fähigkeiten (wie etwa der Fähigkeit zum Selbstbewusstsein) und deren Beeinträchtigungen (wie wir sie beispielsweise in psychopathologischen Störungen beobachten können) beitragen können. Grundsätzlich bin ich dabei skeptisch gegenüber reduktionistischen Ansätzen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass philosophische Theorien offen gegenüber den Erkenntissen der empirischen Wissenschaften sein sollten (und umgekehrt). Deshalb möchte ich in Zukunft – u.a. anhand von konkreten Beispielen, etwa aus der Philosophie der Psychiatrie – vor allem der Frage des meiner Meinung nach noch weitgehend ungeklärten Verhältnisses von personalen und subpersonalen Erklärungsebenen nachgehen.

Neben der philosophischen und interdisziplinären Forschung interessiert mich auch die Frage, wie man Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und als Wissenschaftler in einen Dialog mit der Gesellschaft treten kann. Im Rahmen meiner Tätigkeit für das Forum for European Philosophy in London habe ich zu diesem Zweck regelmäßig öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit verschiedenen Formaten organisiert; ähnliches versuchen wir – in kleinerem Rahmen – auch in Magdeburg. Meine Erfahrung dabei ist, dass ein großer Bedarf nach der Beschäftigung mit philosophischen Fragen besteht – unser Fach ist also keineswegs dabei (wie häufig befürchtet wird) an Relevanz zu verlieren; ganz im Gegenteil!

Für weitere Informationen: www.kristinamusholt.wordpress.com

Katja Crone

Foto KCSeit 2014 bin ich Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Geistes an der TU Dortmund. Studiert habe ich die Fächer Philosophie und Literaturwissenschaften in Montpellier und Hamburg. Nach einem Forschungsaufenthalt in London habe ich 2004 an der Universität Hamburg promoviert. Danach war ich zunächst für viereinhalb Jahre als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Nationalen Ethikrates beschäftigt, später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle, an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Berlin School of Mind and Brain und zuletzt an der Universität Mannheim.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes (vorrangige Themen sind: Selbstbewusstsein, personale Identität, phänomenales Bewusstsein), in der Erkenntnistheorie und in der Philosophiegeschichte (Kant und Fichte). Darüber hinaus interessiere ich mich für Themen der Sprachphilosophie und der Anthropologie.

Vor und während meiner Promotion habe ich mich hauptsächlich mit philosophiehistorischen Themen beschäftigt, insbesondere mit der theoretischen Philosophie Kants und Fichtes, aber auch mit Descartes’ Erkenntnistheorie. Im Rahmen meiner Doktorarbeit über Fichtes Theorie der Subjektivität (erschienen 2005) haben mich vor allem Argumente interessiert, die sich in gegenwärtige systematische Debatten einbringen lassen. Dies betrifft beispielsweise die von Fichte vertretene Auffassung, dass die Fähigkeit zu Selbstbewusstsein ein nichtreflektiertes Selbsterleben eines empfindenden Organismus voraussetzt – eine Argumentation, die sich sowohl in neueren analytischen und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen (z.B. bei Bermúdez) als auch in phänomenologischen Ansätzen (z.B. bei Zahavi, Gallagher) wiederfindet. Die praktische Fundierung von Selbstbewusstsein, für die Fichte argumentiert, ermöglicht weitere interessante Bezüge etwa zu zeitgenössischen Theorien personaler Autonomie und Selbstevaluationen (z.B. Frankfurt, Bratman).
Nach meiner Promotion habe ich mich vor allem systematischen Themen der Philosophie des Geistes zugewendet. Meine Habilitationsschrift (erscheint 2015) befasst sich mit einem psychischen Phänomen, das ich das “biographische Selbstverständnis von Personen” nenne. Gemeint ist die Fähigkeit von Personen, sich Persönlichkeitseigenschaften wie “schüchtern”, “gesellig” oder “ängstlich” zuzuschreiben, wobei die Personen diese Selbstzuschreibungen begründen, indem sie sich auf Episoden ihres Lebens beziehen. Personen bilden Repräsentationen von eigenen früheren Verhaltensweisen, die sie als typisch betrachten und in ihr Selbstbild integrieren. Dieses Phänomen ist bislang von Theorien so genannter narrativer Identität untersucht worden, welche die beschriebenen Selbstbezugnahmen auf die Konstruktion von Selbst-Narrationen zurückführen (z.B. Carr, Schechtman, Bruner). Meine These ist, dass diese Theorien nur unzureichend erfassen, wie das biographische Selbstverständnis von Personen beschaffen ist. Denn die Eigenschaften von Selbst-Narrationen (z.B. episodische Einheit, Kohärenz, Unterstellung von Rationalität, soziale Einbettung etc.) klären meiner Argumentation zufolge nur einen Teil des Zielphänomens. Explanatorisch relevant sind darüber hinaus strukturelle und epistemische Eigenschaften des Selbstbewusstseins, worüber beispielsweise gezeigt werden kann, warum man mit solchen Selbstzuschreibungen einen besonderen epistemischen Anspruch erhebt (der zumeist allerdings nicht berechtigt ist). Auch wird in vielen existierenden Debatten der Begriff der Identität – in der Bedeutung von “Persönlichkeit” oder “Persönlichkeitskern” – uneindeutig verwendet und oft mit dem Begriff der numerischen Identität über die Zeit hinweg verwechselt. Ich mache in meinem Buch einen Klärungsvorschlag und zeige zudem, inwiefern das Bewusstsein, als numerisch identisches Subjekt über die Zeit hinweg zu existieren, die Bedingung für ein biographisches Selbstverständnis ist. In methodologischer Hinsicht verwende ich einen integrativen Ansatz, der sprach- und begriffsanalytische, phänomenologische und empirische Perspektiven miteinander verbindet.
In nächster Zeit möchte ich mich mit dem Thema “Intersubjektivität” im weitesten Sinn beschäftigen. Für besonders relevant und bislang noch wenig untersucht halte ich den Zusammenhang von sozialer Kognition (Bedingungen für das Verstehen und Wahrnehmen anderer Personen) und der Natur und Struktur eines “Wir”- oder Gruppen-Bewusstseins.

Magdalena Balcerak Jackson

PhotoMBJIch bin seit August 2015 Assistant Professor am Department of Philosophy der University of Miami. Zuvor war ich Research Fellow am Zukunftskolleg und am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz und Ko-Direktorin einer DFG Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“. Ich arbeite vor allem in Philosophie des Geistes und Erkenntnistheorie, habe aber auch ernsthaftes Interesse an Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie und Phänomenologie. Ich habe bisher über folgende Themen geforscht und publiziert: Intentionalismus in der Philosophie des Geistes, die Anwendung der zwei-dimensionalen Semantik auf Theorien des Gehalts bewusster Erlebnisse, Begriffsanalyse, Sprachverstehen, apriorisches Wissen, Gedankenexperimente und rationales Überlegen.

Mein derzeitiges Hauptprojekt beschäftigt sich mit der Imagination (oder Vorstellungskraft). Das erste, woran die meisten von uns im Zusammenhang mit Imagination denken, ist unsere Fähigkeit fantastische und oft ästhetisch wertvolle fiktionale Charaktere, Szenarien und Geschichten zu erschaffen. Aber Imagination spielt auch eine wichtige Rolle beim Erwerb von Wissen: Wenn wir uns entscheiden, wie wir handeln sollen, wenn wir die Gedanken und Emotionen unserer Mitmenschen lesen, wenn wir Gedankenexperimente betreiben, machen wir von unserer Fähigkeit uns nicht-aktuale Szenarien vorzustellen Gebrauch. Diese Rolle der Imagination hat in der analytischen Philosophie bisher wenig Beachtung gefunden. Die entscheidende Frage, der ich nachgehe, ist die Frage, ob die Rolle der Imagination in diesen kognitiven Projekten tatsächlich eine epistemische Rolle ist. Ist Imagination tatsächlich eine Quelle von Rechtfertigung und nicht bloß eine heuristische Hilfskapazität? Die Orthodoxie in der neueren philosophischen Tradition seit Wittgenstein und Sartre ist der Ansicht, dass Imagination keine rechtfertigende Rolle spielen kann, weil wann wir uns etwas vorstellen und was wir uns vorstellen, unter unserer Kontrolle ist, und weil das Reich der Imagination, anders als unsere Realität, unbegrenzt ist. Ich versuche zu zeigen, dass diese Orthodoxie wichtige Merkmale der Imagination übersieht.

Manche Philosophen behaupten, dass Imagination uns zwar nicht sagen kann, was tatsächlich der Fall ist, dass Imagination aber ein guter Wegweiser dazu ist, was (metaphysisch) möglich ist. Das Problem ist, dass es in dieser modalen Erkenntnistheorie komplett mysteriös bleibt, warum und wodurch Imagination uns über den Bereich des Möglichen unterrichten könnte. Mein Ansatz ist es, die erkenntnistheoretischen Fragen über die Imagination auf der Grundlage einer detaillierten Erforschung der Imagination als einer psychologisch realisierten kognitiven Kapazität zu thematisieren. Dem Wesen nach ist Imagination eine Simulationsfähigkeit. Wenn wir uns vorstellen, eine rote Kirsche zu sehen, dann versetzen wir uns in die Perspektive eines möglichen Subjektes, das eine Wahrnehmungserfahrung einer roten Kirsche hat. Ich entwickele und verteidige eine spezifische Simulationstheorie der Imagination und erkläre, wie diese Theorie uns erklären kann, dass Imagination uns Rechtfertigung für interessante Überzeugungen über die Struktur unserer Erfahrung und über die Struktur unserer Welt gibt.

Ich glaube, dass diese Untersuchung der Imagination aus der Perspektive der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie zugleich uns interessante und überraschende Tatsachen über diese faszinierende kognitive Kapazität erschließt, wie die beiden folgenden: Obwohl Imagination ihrem Wesen nach mentale Erfahrungen wie Wahrnehmungen simuliert, kann Imagination uns apriorische Rechtfertigung liefern. Und, obwohl wir in Imagination die Perspektive anderer Subjekte annehmen können, indem wir uns etwa vorstellen, Napoleon zu sein, bleibt jeder Imaginationsakt immer egozentrisch.

Es gibt auch ein zweites Projekt, das mich derzeit viel beschäftigt: Ich untersuche die Psychologie und die Erkenntnistheorie unserer Fähigkeit des rationalen Überlegens. Ich versuche zu zeigen, daß rationales Überlegen nicht nur Rechtfertigung von den Prämissen auf die Schlußfolgerung überträgt, sondern auch neue Rechtfertigung generiert. Allgemeiner glaube ich, dass wir eine ganze Reihe von kognitiven Kapazitäten besitzen, die es uns erlauben, basale Information zu interpretieren – bzw. zu erkennen, was aus was folgt – und dass diese kognitiven Kapazitäten eine Dimension unserer Rationalität ausmachen, die in der Erkenntnistheorie mehr Beachtung finden sollte.

Ich bin gebürtige Polin, bin 1988 – also knapp vor der Wende – mit meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland immigriert und im Rheinland aufgewachsen. Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Bonn. Promoviert habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Universität zu Köln, wobei ich den Großteil meiner Promotionszeit nicht in Deutschland, sondern an der Australian National University in Canberra und an der University of California in Davis, USA verbracht habe. Nach einer einjährigen Tätigkeit als Lecturer an der UC Davis und einem Post-Doc an der Australian University kehrte ich 2009 nach Deutschland zurück, um zusammen mit meinem Kollegen und Partner Brendan Balcerak Jackson eine durch die DFG bewilligte Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“ an der Universität zu Köln aufzubauen. 2013 zogen wir mit unserer Gruppe an die Universität Konstanz, um zusätzlich neue individuelle Projekte am interdisziplinären Zukunftskolleg zu verfolgen. In meinem Fall ist dies das Projekt über „Imagination und Reasoning“.

Ich bin nicht nur Philosophin, sondern auch Mutter einer tollen einjährigen Tochter, Leseratte, passionierte Weltbereiserin, und Yoga-Schülerin. Mehr über mich als Philosophin und viele meiner Arbeiten findet man aber unter:
http://www.mbalcerakjackson.net

Louise Röska-Hardy

dr.-louise-röska-hardyIch bin research fellow am Kulturwissenschaft-lichen Institut Essen und widme ich mich zurzeit interdisziplinären Fragen zum Phänomen des menschlichen Selbst. Die Frage nach dem Selbst hat Hochkonjunktur in den Neuro- und Kognitionswissenschaften, in der empirisch forschenden Psychologie und in den konstruktivistischen Sozialwissenschaften. Es werden Erklärungsansprüche hinsichtlich des menschlichen Selbst erhoben, aber das Explanandum ist alles andere als klar. Tradierte philosophische Konzeptionen des Selbst – als eine immaterielle oder eine materielle Substanz, als eine transzendentale Entität oder eine transzendentale Struktur der Erfahrung und des Erkennens – helfen hier nur bedingt weiter. Gefragt ist eine begrifflich überzeugende und empirisch informierte philosophische Analyse, die nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften steht.

Meine Forschung gilt den Fragen einer weit verstandenen philosophischen Anthropologie, unter systematischer Berücksichtigung natur-, kognitions- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Hierzu gehören Fragen aus der analytischen Philosophie des Geistes, der Philosophie der Sprache, der Handlungstheorie und der Sozialontologie, aber auch Fragen über die soziale Kognition, insb. die Theory of Mind-Fähigkeit, die Differenz zwischen Menschen und anderen Tieren und den Erstspracherwerb. Seit der griechischen Philosophie der Antike haben PhilosophInnen die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt in historischer wie in systematischer Hinsicht gestellt. Heute erfolgt der Blick auf die Spezifik des Menschen disziplinübergreifend. Eine angemessene philosophische Deutung des Menschen hat die Ergebnisse empirisch forschender Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen wie auch die philosophiehistorischen Wurzeln der anthropologischen Frage zu berücksichtigen.

Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Antike, Altphilologie und Linguistik studierte ich als undergraduate in Atlanta mit SchülerInnen von A.N. Whitehead und Raphael Demos (B.A. 1972). Danach nahm ich ein Promotionsstudium in Philosophie an der Universität von North Carolina-Chapel Hill auf, wo Jay Rosenberg und Paul Ziff meine Auffassung von philosophischer Methode und Praxis maßgeblich beeinflussten. Meine Fachsozialisation fand in Chapel Hill statt und blieb bis heute prägend. Nach dem M.A. 1975 ergab sich die Gelegenheit, die sog. „continental philosophy“ kennenzulernen. Beurlaubt vom Studium in Chapel Hill, kam ich nach Frankfurt am Main, um zeitgenössische deutsche Philosophie zu hören und etwas über die Frankfurter Schule zu erfahren. Was als begrenzter Auslandsaufenthalt konzipiert war, wandelte sich zu einem neuen Wohnsitz. Ich begann ein Promotionsstudium der Philosophie, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, setzte es zeitweilig in Heidelberg fort und promovierte mit einer Arbeit zur Bedeutung in natürlichen Sprachen 1985 in Frankfurt. Während meines Studiums und danach waren die Arbeiten von Donald Davidson zur Philosophie des Geistes, zur Sprachphilosophie und zur Handlungstheorie für mich sehr wichtig.

Nach der Promotion übernahm ich Lehraufträge in der Philosophie und in der Linguistik, weil sie sich mit einer wachsenden Familie vereinbaren ließen. Es folgte Lehrtätigkeit in Darmstadt, Frankfurt am Main, Heidelberg und Bern, eine Gastprofessur in Atlanta und Forschungsaufenthalte in St. Louis 1999 und in New York 2001. Anschließend war ich an interdisziplinären Studien- und Forschergruppen beteiligt: ‚Was macht eine Lebensform human?’ (2002-2003), ‚Was ist der Mensch? Kultur-Sprache-Natur‘ (2004-2007), und ‚Wissen und Können‘ (2008). Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke (2008-2010), bevor ich die Vertretung einer W2-Professur für praktische Philosophie an der TU-Dortmund (2010-2013) übernahm.

Was macht den Mensch zum Menschen? Bereits in der Antike galt die syntaktisch komplexe Sprache als auszeichnendes Merkmal des Menschen. Heute wird die voll entwickelte Theory of Mind-Fähigkeit (ToM) – die Fähigkeit, sich selbst und anderen als geistbegabte Handelnde zu begreifen, als zweites, spezifisch menschliches Merkmal betrachtet. Als ein zentraler Zugang zur Beantwortung der anthropologischen Frage bietet sich die Modellierung der Wechselbeziehungen zwischen dem Erstspracherwerb und der Entwicklung der Theory of Mind-Fähigkeit. Vor dem Hintergrund empirischer Forschungsergebnisse und theoretischer Überlegungen argumentiere ich für ein integriertes Modell des ToM-Erwerbs, das die Beziehung zwischen Sprache und der ToM-Fähigkeit als eine dialektische, wechselseitig bedingte Entwicklung abbildet. Demnach sind die Einflussfaktoren zwischen Sprache und ToM-Fähigkeit im interaktionsbasierten Erwerbsprozess bidirektional, ohne dass sich diese wechselseitig determinieren. Diese Modellierung bezieht Position gegen nativistische und gegen radikal konstruktivistische Erklärungsansätze, schreibt aber dem Sprachvermögen eine Schlüsselrolle bei der Einordnung des Menschen in die Welt zu. Darüber hinaus bedingt dieser Ansatz externalistische Positionen in der Philosophie des Geistes und in der Sprachphilosophie und zeichnet Positionen in der Sozialepistemologie und der Handlungstheorie vor. Er ebnet auch den Weg für eine differenzierte Betrachtung des menschlichen Selbst, welche dessen Entstehung im Zusammenwirken von biologischer Ausstattung, Umwelt und sozialer Erfahrung verortet. Es gilt die mehrschichtigen Facetten des Selbst-Phänomens zu analysieren, um eine philosophische Konzeption des Menschen und dessen natürlicher Vermögen zu entfalten, in der wir uns und unsere „Selbst“-Bestimmung als Teil der natürlichen Welt erkennen können.

Weitere Details und Links zu ausgewählten Veröffentlichungen finden sich auf der KWI-Webseite:
http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-lroeskahardy.html