Inga Bones

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Ich habe im Februar 2018 meine Promotion abgeschlossen und arbeite zurzeit am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ab dem Wintersemester 2018/19 werde ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Arbeitsbereich Naturphilosophie und Philosophische Anthropologie des Karlsruher Instituts für Technologie wechseln.

Dass ich einmal auf dem besten Weg zur „hauptberuflichen Philosophin“ sein werde, hätte ich mir mit Anfang zwanzig nur schwer vorstellen können—trotz meines schon damals ausgeprägten Interesses an philosophischen Fragen. Ich bin eine Studierende erster Generation und habe mein Abitur im Anschluss an eine Berufsausbildung auf dem zweiten Bildungsweg erworben. Von den Anforderungen eines Hochschulstudiums im Allgemeinen und meiner Studienfächer Germanistik und Philosophie im Besonderen hatte ich deshalb eine bestenfalls vage Vorstellung, als ich im Herbst 2005 mein Studium an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aufnahm. Und ich war in gleichem Maße beeindruckt wie befremdet von der Selbstverständlichkeit, mit der sich einige meiner Kommilitonen mit der akademischen Welt identifizierten.

Meine anfängliche Ambivalenz angesichts der Perspektive einer akademischen Laufbahn hat mich zwar nie ganz verlassen, wurde aber schon bald von der Begeisterung für —zunächst vor allem— Fragen der Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie in den Hintergrund gedrängt.

Mit einem Wechsel an die Universität Stuttgart beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium hat sich mein philosophischer Interessenschwerpunkt hin zur Sprachphilosophie verschoben. Um ein zentrales Thema der Sprachphilosophie, sprachliche Vagheit, geht es auch in meiner Dissertation, deren Inhalt ich im Folgenden kurz zusammenfassen möchte. Grob gesagt ist ein sprachlicher Ausdruck genau dann vage, wenn sein Anwendungsbereich nicht scharf begrenzt zu sein scheint. Ein Paradebeispiel eines solchen Ausdrucks ist das Prädikat „Haufen“, für dessen Anwendbarkeit kompetente Sprecher keinen präzisen Schwellenwert—etwa 99.000, 100.000 oder 250.000 Sandkörner (oder mehr)—angeben können. Dem Prädikat „Haufen“ verdankt auch ein hartnäckiges Paradox, das in engem Zusammenhang mit sprachlicher Vagheit steht, seinen Namen: das Sorites- oder Haufenparadox.

Das Sorites-Paradox lässt sich als die Kombination dreier Überzeugungen verstehen:

i. Ein Sandkorn ist kein Haufen.

ii. Eine Million Sandkörner sind ein Haufen.

iii. Sofern zwei Ansammlungen von Sandkörnern sich lediglich darin unterscheiden, dass eine von ihnen ein Sandkorn weniger als die andere aufweist, sind entweder beide Ansammlungen ein Haufen oder keine von beiden.

Überzeugung (iii) ist plausibel, weil wir vage Prädikate wie „Haufen“ für tolerant halten. Kleine Veränderungen des Gegenstands, von dem sie prädiziert werden, können ihrer Anwendbarkeit „nichts anhaben“—meinen wir. Ausgehend von Überzeugung (ii) erlaubt uns die wiederholte Anwendung des Toleranzprinzips (iii) allerdings die Ableitung des Satzes, dass auch ein einzelnes Sandkorn ein Haufen ist, was im Widerspruch zu (i) steht.

Obwohl im Verlauf der vergangenen rund vierzig Jahre eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu Vagheit und dem assoziierten Haufenparadox erschienen ist, ist es bislang keinem Lösungsversuch—keiner „Theorie der Vagheit“—gelungen, breiten Rückhalt zu finden. Statt eines stetigen Erkenntnisfortschritts scheint die Vagheitsforschung eine Tendenz zur Fragmentierung erkennen zu lassen. Diese einigermaßen ernüchternde Bestandsaufnahme bildet den Ausgangspunkt meiner Untersuchung, in deren Verlauf ich zunächst einige prominente Theorien der Vagheit vor- und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen herausstelle. Ich zeige, dass der Konstruktion und Bewertung solcher Theorien eine gemeinsame Methode zugrunde liegt: die Methode des (weiten) Überlegungsgleichgewichts. Ich argumentiere, dass es angesichts dieser Tatsache nicht überraschend ist, dass bisher keine Theorie der Vagheit breite Zustimmung gewinnen konnte. Zudem identifiziere ich eine Reihe von Metaphern und Vergleichsobjekten, die eine gewisse Tendenz zur Abschwächung von Toleranzintuitionen—und damit die Ablehnung oder zumindest die Einschränkung von Prinzip (iii)—mit sich bringen. Weil Vagheitstheoretiker, so meine These, naheliegende Analogien zwischen der natürlichen Sprache und formalen, kalkülartigen Sprachen überdehnen, neigen sie dazu, eine bestimmte Möglichkeit zur Auflösung des Haufenparadoxons vorschnell abzulehnen. Dieser Möglichkeit der Auflösung von Sorites-Paradoxien widme ich mich im letzten Kapitel meiner Arbeit. Ich verteidige die These, dass vage Prädikate ihrer Natur nach „grenzenlos“—und damit tatsächlich tolerant—sind. Zuletzt zeige ich auf, welche Konsequenzen diese These zum „Wesen von Vagheit“ für das Paradox selbst, für unseren Begriff der Gültigkeit und mit Bezug auf den Begriff des Grenzfalls mit sich bringt.

In Zukunft möchte ich mich einerseits der metaphysischen Seite von Vagheit widmen. Hinter der Rede von „Vagheit in der Welt“ verbirgt sich eine Reihe von Rätseln zur Natur der Identitätsrelation und zur Individuation und Persistenz von Gegenständen. Daneben interessiert mich aber auch die praktische Seite von Sprache, etwa Fragen nach der Funktionsweise von Beleidigungen oder Hate Speech: Inwiefern können sprachliche Handlungen Menschen einschränken, verletzen oder unterdrücken?

Hier geht es zu meiner Website.

Julia Zakkou

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Ich bin seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied der Emmy-Noether-Forschungsgruppe Ontologie nach Quine. Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Mitglied der DFG-Gruppe Metametaphysik. Nach Abschluss meines Studiums der Philosophie und Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war ich für ein Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für theoretische Philosophie am Seminar in Heidelberg. Meine Doktorarbeit im Bereich der Sprachphilosophie an der HU-Berlin habe ich im Dezember 2014 eingereicht und im Dezember 2015 verteidigt. Während meines Studiums und meiner Promotionszeit war ich für mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland: am King’s College der University of Cambridge, bei LOGOS in Barcelona, Arche in St Andrews und dem Northern Institute of Philosophy in Aberdeen. Bis Dezember 2016 bin ich Gast am Institut Jean Nicod in Paris.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachphilosophie und angrenzenden Bereichen der Linguistik.
In meiner Doktorarbeit mit dem Titel Tasty Contextualism habe ich mich mit fehlerfreien Meinungsverschiedenheiten befasst. Eine solche Meinungsverschiedenheit liegt z.B. dann vor, wenn zwei Personen ihre unterschiedlichen Geschmacksvorlieben zum Ausdruck bringen, indem die eine Person sagt „Lakritze ist lecker“ und die andere erwidert „Stimmt gar nicht. Lakritze ist widerlich!“ Der vorherrschenden Meinung zufolge können orthodoxe semantische Theorien dieses Phänomen nicht erklären. Nur der sog. Relativismus könne das. Er besagt, dass „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ Propositionen ausdrücken, die nur relativ zu einem Geschmacksparameter einen Wahrheitswert haben. In meiner Doktorarbeit verteidige ich die orthodoxe Semantik. Ich argumentiere für den sog. Kontextualismus, demzufolge „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ indexikalischen Sätzen ähneln (d.h. Sätzen wie „Ich heiße Julia“ und „Heute scheint die Sonne“) und die ausgedrückten Propositionen somit einen absoluten Wahrheitswert haben. Anders als herkömmliche Ausformulierungen erweitere ich den Kontextualismus um eine pragmatische These. Sie besagt, dass mit den fraglichen Urteilen eine Präsupposition der Überlegenheit des eigenen Standards oder Standpunktes verbunden ist.
In weiteren Aufsätzen beschäftige ich mich mit allgemeineren Fragen aus dem Bereich der Semantik und Pragmatik. Auf Seiten der Semantik interessiere ich mich für Indexikalia und Demonstrativa (wie „ich“, „heute“, „hier“ einerseits und „da“ und „dort“ andererseits) sowie weitere Arten kontext-abhängiger Ausdrücke. Auf Seiten der Pragmatik (im weiten Sinn) interessieren mich besonders Implikaturen und Präsuppositionen. Klassischen Bespiele für Implikaturen liefern die Sätze „Er hat eine schöne Handschrift“ und „Sie ist nach Hause gefahren und hat ein Bier getrunken“: Als Teil eines Philosophie-Empfehlungsschreibens wird mit dem ersten Satz implikiert, dass die fragliche Person philosophisch nicht besonders begabt ist. Als Teil eines Zeugenberichts bei der Polizei implikiert der zweite Satz, dass die fragliche Person erst nach Hause gefahren ist und dann ein Bier getrunken hat. Ein klassisches Beispiel für eine Präsupposition liefern Kennzeichnungen wie „meine Schwester“: Mit dem Satz „Meine Schwester ist die Beste“ präsupponiere ich, dass ich eine Schwester habe. Durch meine Arbeit in zwei Forschungsprojekten zur Metaontologie und Metametaphysik habe ich außerdem ein großes Interesse an Fragen aus dem Schnittbereich aus Sprachphilosophie und Ontologie entwickelt, etwa nach der Semantik und Pragmatik von metaphysischem Schlüsselvokabular wie Zahlausdrücken.
In meiner Habilitation mit dem Arbeitstitel In a Roundabout Way – Tests for Indirect Communication gehe ich der Frage nach, wie wir herausfinden können, auf welche Weise eine Person das, was sie meint, kommuniziert — ob sie es z.B. semantisch ausdrückt, implikiert oder präsupponiert. Tests zur Unterscheidung dieser verschiedenen Kommunikationsformen sind nicht nur für die Sprachphilosophie und Linguistik von großem Interesse. Sie gewinnen auch in anderen Bereichen der Philosophie, wie der Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik, zunehmend an Bedeutung.
Daneben habe ich zwei „kleine“ Nebenprojekte:
Im ersten geht es um eine besondere Art von subjunktiven Konditionalsätzen, nämlich um Anderson Conditionals. Das wohl bekannteste Beispiel für einen solchen Konditionalsatz stammt von Alan Anderson und lautet „If Jones had taken arsenic, he would have shown the same symptoms he actually shows“. Der vorherrschenden Meinung zufolge zeigen solcherlei Sätze, dass kontrafaktische Konditionalsätze nicht die Falschheit des Antezedens präsupponieren. Genauer: Sie übertragen diese Annahme von non-past subjunctive conditionals (wie z.B. „If Jones came to the party, he would bring flowers“, manchmal auch Potentialis-Sätze genannt) auf past subjuntive conditionals (wie den genannten Anderson-Satz oder z.B. auch „If Jones had come to the party, he would have brought flowers“, manchmal auch als Irrealis-Sätze bezeichnet). Ich argumentiere dafür, dass dieses Argument viel schwächer ist als bislang angenommen. Denn anders als man vielleicht vermuten mag, sprechen verschiedene sprachphilosophische und linguistische Tests dafür, dass auch Anderson Conditionals die Falschheit des Antezedens präsupponieren.
Im zweiten Projekt geht es ebenfalls um Konditionalsätze, diesmal aber um eine bestimmte Art von indikativischen Konditionalsätzen, nämlich um Biscuit Conditionals. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für solch einen Satz stammt von John Austin und lautet „If you want some, there are biscuits on the sideboard“. Der gängigen Auffassung zufolge liefern solcherlei Sätze Aufschluss darüber, welchen Beitrag das konditionale „then“ (bzw. „dann“) leistet. D.h. sie leisten Aufschluss darüber, wodurch sich z.B. der Satz „If you are hungry, I will buy you some biscuits“ vom Satz „If you are hungry, then I will buy you some biscuits“ unterscheidet. Denn in Biscuit Conditionals, so die These, kann „then“ nicht auftauchen. Ich argumentiere dafür, dass diese These falsch ist: Es gibt Biscuit Conditionals mit konditionalem „then“. Die Semantik und Pragmatik von „then“ scheint also komplizierter als bislang angenommen.
Weitere Informationen finden sich hier: juliazakkou.net

Christiana Werner

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Ich bin seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften (GSGG) an der Georg-August-Universität Göttingen und Mitglied der Nachwuchsgruppe „Sprache, Kognition und Text“. Promoviert habe ich 2012 als assoziiertes Mitglied des DFG-Projekts „Wissen und Bedeutung in der Literatur“ an der Universität Regensburg. Meine Betreuer / Gutachter waren Prof. Dr. Hans Rott (Regensburg) und Prof. Dr. Mark Textor (King‘s College London). Davor war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen, wo ich – abgesehen von einem Ausflug an die Universität Turin – auch studiert habe.
In meiner Dissertation habe ich mich mit der sprachphilosophischen Frage beschäftigt, wie fiktionales Erzählen mithilfe sprechakttheoretischer Terminologie beschrieben und erklärt werden kann. Dabei habe ich sowohl gegen John Searle argumentiert, der behauptet, fiktionales Erzählen sei ein So-tun-als-ob-Handeln, als auch gegen die weitverbreitete These, fiktionale Äußerungen müssten als Aufforderung an die Leser_innen, sich das Erzählte vorzustellen, verstanden werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass fiktionales Erzählen als Vollzug illokutionärer Akte eines eigenen Typs zu verstehen ist. Dafür spricht, u.a. dass diese sprachliche Tätigkeit nicht nur negativ, in Abgrenzung zu behauptenden Äußerungen, zu bestimmen ist, denn es lassen sich speziell für diese sprachliche Handlung Regeln und Konventionen benennen. Dies wird auch von Vertretern der Aufforderungsthese behauptet. Im Gegensatz zu dieser Position argumentiere ich aber dafür, dass fiktionales Erzählen der Vollzug deklarativer illokutionärer Akte ist. Gemäß Searles Typologie illokutionärer Akte können Sprecher_innen mit Deklarationen soziale Tatsachen erschaffen. So wird es beispielsweise durch den Vollzug einer Taufe der Fall, dass ein Schiff fortan einen bestimmten Namen trägt. Die Handlung der Autor_innen fiktionaler Texte sind, so nehme ich an, ähnlich zu beschreiben, wie das Erschaffen sozialer Tatsachen. Indem sie erzählen, erschaffen Autor_innen fiktionaler Texte fiktive Figuren. Ich argumentiere für eine ontologische Annahme, nämlich, dass fiktive Figuren als Rollen zu verstehen sind, die typischerweise in der realen Welt keinen Träger haben. Indem sie fiktional erzählen, erschaffen Autor_innen diese Rollen und legen deren Eigenschaften fest.
Obwohl mein aktuelles Postdoc-Projekt auch mit Fiktion zu tun hat, ist es im Bereich der Philosophie des Geistes anzusiedeln, denn ich beschäftige mich mit den emotionalen Reaktionen, die wir häufig haben, wenn wir fiktionale Medien rezipieren: Wir fürchten uns vor dem weißen Hai, freuen uns, wenn Harry Potters Mannschaft im Quidditch gewinnt, und manche von uns haben Mitleid mit Anna Karenina. Häufig werden diese Reaktionen unter dem Label „Fiktionsparadox“ diskutiert. Vielleicht gibt es keine andere philosophische Debatte, über die so häufig geschrieben wird, dass sie uninteressant und überflüssig ist. Ich glaube aber, dass unsere emotionalen Reaktionen auf Fiktion („fiktionale Emotionen“) eine Reihe von Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für eine allgemeine Theorie der Emotionen relevant ist. Außerdem stellen sich interessanterweise auch in Bezug auf unsere empathischen Reaktionen mit unseren Mitmenschen zum Teil die gleichen Fragen, die auch für fiktionale Emotionen geklärt werden müssen: Sind diese Reaktionen „echte“ Emotionen? Oder sollten sie z.B. aufgrund der Rolle, die die Imagination in diesen Fällen spielt als „unechte“ oder „Quasi-Emotionen“ (K. Walton) deklariert werden? Haben wir aufgrund von fiktionalen Emotionen Tendenzen zu handeln oder sind diese eventuell nicht vorhandenen Handlungstendenzen ein relevantes Unterscheidungskriterium?
Ich vertrete in diesen Fragen die Position, dass die Rolle der Imagination kein geeignetes Kriterium ist, um „echte“ von „unechten“ Emotionen zu unterscheiden, da die Imagination in vielen Fällen eine relevante Rolle spielt. Dies gilt auch für das Fehlen von Handlungstendenzen. Einerseits zeige ich, dass die z.B. von K. Walton vertretene These, fiktionale Emotionen hätten keine Handlungstendenzen, so nicht haltbar ist. Es sind nur sehr bestimmte Handlungen, die wir typischerweise nicht ausführen (oder nicht dazu tendieren, sie auszuführen), wenn wir emotional auf Fiktion reagieren und auch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal fiktionaler Emotionen. Diese Beobachtungen sprechen dafür, die Unterscheidung von „echten“ und „unechten“ Emotionen aufzugeben. Eine allgemeine Theorie der Emotionen muss stattdessen der Vielfalt emotionaler Reaktionen Rechnung tragen, was dazu führt, dass die Rolle der Imagination in die Überlegungen mit einbezogen werden muss. Die Beobachtungen legen außerdem nahe, dass Handlungen oder Tendenzen zu Handlungen nur in sehr eingeschränkter Weise zur Individuierung einzelner Emotionstypen im Rahmen einer Theorie herangezogen werden können.
In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Emotionen und Empathie für Verstehensprozesse spielen, dabei interessiert mich insbesondere das Verstehen anderer Menschen und Kunstverstehen. In diesem Zusammenhang organisiere ich zusammen mit Prof. Dr. Tilmann Köppe und Dr. Daniele Panizza eine interdisziplinäre VW-Sommerschule „The Role of Empathy and Emotion in Understanding Fiction“, die im März 2017 in Göttingen stattfinden wird.
Für weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/447250.html

Beate Krickel

Beate Krickel  © privat

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Ich arbeite seit April 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Institut II der Ruhr-Universität Bochum. Promoviert habe ich bei Geert Keil an der HU Berlin, wo ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet habe. Meinen Bachelor habe ich an der Universität Osnabrück im Fach Cognitive Science gemacht; meinen Master in Philosophie an der WWU Münster.
Meine Forschungs- und akademischen Interessenschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes, der Wissenschaftstheorie (vor allem der Biologie und der Psychologie) und der Metaphysik. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem Begriff des biologischen Mechanismus beschäftigt. In meinem Habilitationsprojekt soll es um psychologische Erklärungen und die Rolle des Unbewussten gehen. Beide Projekte und deren Zusammenhang will ich kurz erläutern.
Die Metaphysik der (biologischen) Mechanismen
In meiner Doktorarbeit habe ich unter dem Titel „The Metaphysics of Mechanisms“ untersucht, was unter einem biologischen Mechanismus zu verstehen ist bzw. wie dieser Begriff verstanden werden sollte. Die sogenannten „neuen Mechanisten“ behaupten nämlich, dass eine Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften (besonders der Lebenswissenschaften) nicht ohne den Begriff des Mechanismus auskommen kann: Erklärungen, Vorhersagen, Modellierungen, Interventionen, Kausalität, Kontrafaktische Konditionale, usw. lassen sich nur adäquat philosophisch analysieren, wenn angenommen wird, dass es (biologische) Mechanismen in der Welt gibt, die die zu erklärenden Phänomene hervorbringen und die von Wissenschaftler_innen untersucht und beschrieben werden können. Es hat sich gezeigt, dass der neue mechanistische Ansatz eine brauchbare, deskriptiv-adäquate Analyse vieler Einzelwissenschaften bietet.
Mein Interesse an diesem Ansatz basierte vor allem auf der Tatsache, dass die neuen Mechanisten behaupten, in irgendeinem Sinne eine nicht-reduktive Analyse von biologischen und kognitiven Phänomenen zu liefern. Ich habe mich daher gefragt: Wenn die neuen Mechanisten recht haben und höherstufige Phänomene (wie biologische oder kognitive Phänomene) durch Mechanismen erklärt und von diesen hervorgebracht werden und diese Analyse gleichzeitig nicht-reduktiv sein soll – bieten sich hier neue Ressourcen für die Gehirn-Geist Debatte? Könnte man auf der Grundlage des neuen mechanistischen Ansatzes für einen nicht-reduktiven Physikalismus argumentieren?
Leider musste ich schnell feststellen, dass diese Fragen nicht ohne Weiteres beantwortbar sind. Viele Thesen der neuen Mechanisten sind zu vage, mehrdeutig oder gar inkonsistent um zu bestimmen, welches metaphysische Bild dieser Ansatz mit sich bringt. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie des biologischen Mechanismus entwickelt, die dieses Problem löst. Kurz zusammengefasst, klingt meine These in etwa so: Mechanismen sind regelmäßige oder rückwärts-regelmäßige Kausalketten, die aus organisierten Entitäten-involvierenden Okkurenten (EIOs) bestehen, die Phänomene entweder verursachen oder konstituieren, wobei letzteres bedeutet, dass die Bestandteile der Mechanismen (die EIOs) die zeitlichen Teile des Phänomens verursachen (wobei diese Phänomene ontologisch betrachtet auch EIOs sind). Die eigentliche Arbeit – die Konsequenzen für die Philosophie des Geistes zu untersuchen – kann nun also beginnen.
Psychologische Erklärungen und das Unbewusste
Ich stehe momentan am Anfang meines Habilitationsprojektes. In einem bestimmten Sinne soll es auch hier wieder um Mechanismen gehen – um psychologische Mechanismen bzw. psychologische Erklärungen, die sich auf solche Mechanismen beziehen. Psychologische Mechanismen scheinen  bestimmte bemerkenswerte Eigenschaften zu haben: Erstens spielen sie sich auf der personalen Ebene ab, d.h. wir können sie angemessen mit unserem alltagspsychologischen Vokabular beschreiben (mit Ausdrücken wie „Überzeugung“, „Wunsch“, „Gefühl“, etc.). Zweitens scheinen unbewusste Zustände eine Rolle zu spielen. Das psychologische Phänomen stereotype threat zum Beispiel könnte erklärt werden durch den Verweis auf eine unbewusste Angst, die sich einstellt, wenn man auf seine Zugehörigkeit zu einer stereotypsierten Gruppe geprimt wird. Ich werde Beispiele wie dieses (und ego defense mechanisms, terror management, implicit bias) untersuchen und analysieren, wann Psychologen von „psychologischen Mechanismen“ reden und was sie damit meinen. Zudem muss geklärt werden, was Psychologen unter „unbewussten Zuständen“ verstehen und wie man die philosophischen Redeweisen von „personal level“, „unconscious“, „mental“ und „psychological“ im Kontext tatsächlicher psychologischer Erklärungen analysieren sollte.
Weitere Informationen, Veröffentlichungen etc. gibt es hier: www.beatekrickel.com. Ich freue mich  über Kommentare, Anregungen, Fragen, usw.

Vera Hoffmann-Kolss

Vera Hoffmann-Kolss © privat

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Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Köln. Meine philosophische Ausbildung habe ich mit einem Magisterstudium an der Universität Bonn und einem Studienjahr an der Universität Oxford begonnen. Die Promotionszeit hat mich dann an drei verschiedene Orte geführt: zunächst an die Universität Tübingen, anschließend an die Universität Lausanne und zuletzt wieder zurück nach Bonn, wo ich die Dissertation 2008 zum Abschluss gebracht habe. Anschließend war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, habe zwischenzeitlich ein Semester den Lehrstuhl Philosophie des Geistes (Albert Newen) an der Universität Bochum vertreten, und bin seit 2012 auf meiner derzeitigen Stelle an der Universität Köln tätig.
Meine Forschungsthemen liegen an der Schnittstelle zwischen Metaphysik, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie. Dabei interessiere ich mich für drei miteinander verwobene Themenbereiche. Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Begriff der Kausalität, also der Frage, unter welchen Bedingungen es angebracht ist, ein Ereignis als Ursache eines anderen Ereignisses anzusehen. Eine in der jüngeren Debatte viel beachtete Möglichkeit, sich dieser Frage anzunähern, sind so genannte modelltheoretische bzw. interventionistische Ansätze, die sich u.a. auf Erkenntnisse aus der modernen Statistik beziehen. Die Frage nach der Kausalität wird dann zu der Frage, unter welchen Bedingungen man von statistischen Korrelationen auf das Vorliegen von Kausalrelationen schließen kann. Mich interessiert insbesondere, was sich aus einer solchen – eher empirisch motivierten – Theorie der Kausalität im Hinblick auf die Metaphysik der Kausalrelation ableiten lässt. Ein kontroverser Punkt dabei ist, ob eine solche Theorie der Kausalität geeignet ist, mit höherstufigen Kausalrelationen umzugehen, etwa mit Kausalrelationen zwischen biologischen Ereignissen oder zwischen mentalen und physikalischen Ereignissen, und somit das traditionelle Problem der mentalen Verursachung lösen kann.
Diese Frage ist gleichzeitig Gegenstand des von mir geleiteten Teilprojekts eines deutsch-israelischen Kooperationsprojekts zum Thema Causation and Computation in Cognitive Neuroscience, das ich zusammen mit Jens Harbecke von der Universität Witten und Oron Shagrir von der Universität Jerusalem durchführe. Zudem bildet sie das Bindeglied zum zweiten meiner Interessensgebiete, dem Verhältnis zwischen mentalen und physikalischen Eigenschaften. Hier habe ich mich in der Vergangenheit vor allem mit dem Begriff der Supervenienz beschäftigt, einer formalen Relation, die es ermöglicht, die Abhängigkeit mentaler Eigenschaften von physikalischen Eigenschaften zu beschreiben, ohne auf eine Identitätstheorie oder einen Reduktionismus verpflichtet zu sein.
Mein drittes Interessensgebiet ist die Metaphysik von Eigenschaften. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie zur Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Eigenschaften entwickelt. Intrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, die einem Individuum aufgrund dessen zukommen, wie es selbst beschaffen ist, unabhängig davon, wie die Umgebung beschaffen ist, in der es sich befindet. Paradigmatische Beispiele sind die Eigenschaften eine Masse von 3 kg zu haben oder ein Würfel zu sein. Extrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, deren Instanziierung durch ein Individuum auch von Umgebungsfaktoren abhängig ist. Dies trifft auf Eigenschaften zu wie neben einem Würfel zu liegen oder in einem großen roten Haus zu leben. Anknüpfend an Resultate aus meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich in jüngerer Zeit mit Identitätskriterien für Eigenschaften, der Frage also, unter welchen Bedingungen Eigenschaften identisch sind. Diese Frage ist wiederum eng mit dem Begriff der Kausalität verknüpft, da mehrere vielversprechende Kriterien von Eigenschaftsindividuierung auf kausalen Begriffen beruhen.
Wenn man als analytische Philosophin an theoretischen Themen wie Eigenschaftsindividuierung oder Supervenienz arbeitet, stellt sich oftmals die Frage nach der Anwendbarkeit und Verwertbarkeit der erzielten Ergebnisse. Anders als etwa Themen aus der angewandten Ethik, die von direkter Relevanz für unser Leben und moralisches Handeln sind, zielt philosophische Forschung zu theoretischen Begriffen und Themen üblicherweise nicht primär auf Praxisrelevanz ab. Ich bin der Meinung, dass philosophische Forschung dieser Art trotzdem berechtigt und wichtig ist, weil sie Grundlagenforschung im besten Sinne ist, die sich an klaren Fragestellungen und Qualitätsstandards orientiert und im Hinblick auf diese Fragestellungen Fortschritte erzielen kann. Und natürlich hoffe ich, mit meiner eigenen Forschung zu diesem Prozess einen konstruktiven Beitrag leisten zu können.
Mehr Informationen zu meinem Lebenslauf, meinen Publikationen und sonstigen philosophischen Aktivitäten finden sich hier: www.hoffmann-kolss.de.

Tatjana Schönwälder-Kuntze

tskIch studiere seit über 25 Jahren Philosophie und obwohl mir die Akademia manchmal fast die Lust daran genommen hat, hat die Leidenschaft doch bis heute immer wieder gewonnen. Was mich seit jeher interessiert, ist die Frage, wie wir Menschen ‚funktionieren‘, warum wir so und nicht anders denken und handeln – wobei ich zu Beginn noch ziemlich naiv davon ausgegangen war, dass die europäischen philosophischen Positionen, die ich kennen lernte, universelle Wahrheiten präsentierten. Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Spanien habe ich in München zu studieren begonnen: Philosophie, Psychologie und Logik & Wissenschaftstheorie. Das hieß zunächst zahlreiche Seminare über Descartes und Hegel zu besuchen. So hatte ich wenigstens die notwendige Basis, um Sartres Bewusstseinsphilosophie lesen und verstehen zu können – wozu ich dann die Magisterarbeit geschrieben habe. Nach einem dreijährigen Ausflug in die ‚freie‘ Wirtschaft als rechte Hand der Chefredaktion einer Computerfachzeitschrift und nach der Geburt unserer Kinder konnte ich es aber nicht mehr aushalten: Ich musste zurück in die Philosophie. So habe ich mich weiter mit Sartre befasst, aber diesmal mit der Frage, ob und wie seine ‚phänomenologische Ontologie‘ eine Ethik begründen könnte – daraus ist mithilfe eines Graduiertenstipendiums die Dissertation entstanden.

Auf meine immer noch virulente grundlegende Frage fand ich hier einige Antworten: Denn nach Sartre kommen wir Menschen nicht mit einem gegebenen Set an Eigenschaften zur Welt, sondern wir werden zu dem, was wir dann darstellen oder darstellen wollen, weil wir uns unaufhörlich selbst entwerfen und uns zugleich von anderen spiegeln lassen, wer wir zu sein haben, weil wir in bestimmte sozio-kulturell-historische Situationen hineingeboren werden, an denen wir uns orientieren, die uns prägen, ohne uns zu determinieren, weil wir uns zu ihnen immer auch kritisch-reflexiv verhalten können. So war alles wieder offen und vor allem: relativiert hin auf die Geschichte, die Kultur, den Augenblick des Auftauchens in der Menschengemeinschaft. Da ich für das Rigorosum in Logik & Wissenschaftstheorie u.a. feministische Wissenschaftstheorie gewählt hatte, schienen mir nach der Promotion zwei Einsichten unabweisbar: zum einen, dass das ‚Geschlecht‘ zu weiten Teilen bestimmt, wie Menschen andere Menschen sehen und worauf sie sie festlegen; und zum anderen, dass für die Variabilität des menschlichen Denkens und Handelns die ökonomischen Bedingungen eine wesentliche Rolle spielen. Deshalb war es ein echter Glücksfall, dass Ende der 1990er Jahre Karl Homann in München einen Lehrstuhl für Philosophie und Ökonomik ins Leben gerufen und besetzt hat. Dort war ich erst zwei Jahre mit einem Post-doc-Stipendium wissenschaftliche Mitarbeiterin und dann sechs Jahre Hochschulassistentin.

Im Laufe dieser Zeit habe ich mein ‚philosophisches Spektrum‘ vor allem in drei Richtungen erweitert, die sich stichpunktartig so benennen lassen: Kant und seine kritische Aufklärung; Foucault, Luhmann, Derrida, Spivak u.a. und ihre (dekonstruktive) Aufklärungskritik; sowie last but not least Judith Butler und ihre Kritik an (binär codierter) Normativität – wobei diese Einteilung natürlich nicht trennscharf zu verstehen ist! Umklammert wurde diese Erweiterung von langjährigen Studien zur ziemlich abstrakten, protologischen und semiotischen Differenztheorie G. Spencer Browns, durch die ich vor allem begriffen habe, dass die Art und Weise, in der wir ‚Erkenntnisse‘ darstellen, d.h. letztlich im weitesten Sinne die Theoriebildung selbst, das ist, was den springenden Punkt ausmacht: Indem wir die ‚Wirklichkeit‘ beschreiben, machen wir sie – und als eine Folge auch uns selbst.

Das ist bis heute mein Thema: Theoriebildung in der Praktischen Philosophie, wobei damit erkenntnistheoretische Analysen ebenso miteinbezogen sind wie (sozial-)ontologische. D.h. zum einen zu fragen, welche Effekte die sozio-historisch-ökonomischen Umstände und Praxen, in die wir hineingeboren werden, auf unser Denken und Handeln haben. Zum anderen bedeutet es aber auch zu fragen, wie sich das in den Theorien spiegelt, die wiederum darauf Einfluss haben, welches Selbstverhältnis bzw. -verständnis wir generieren, welche Auffassungen die Menschen über sich haben und kolportieren. Allerdings gibt es wohl trotz aller Variabilität doch so etwas wie ein proto-anthropologisches Netz aus Bedingungsmomenten, ohne die kein Mensch werden könnte. An der Grundlegung so eines post-kantischen Ethik-Modells arbeite ich u.a. auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der DFG derzeit noch als Fellow am Institut für Sozialforschung in Frankfurt – es hat mich auch ein halbes Jahr nach Berkeley gebracht, um im Rahmen des critical theory program zu forschen und zu lehren.

Meine wichtigsten Publikationen: Authentische Freiheit. FfM: Campus 2001; Störfall Gender. Grenzdiskussionen in und zwischen den Wissenschaften. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003 (zus. mit Katrin Wille u.a.); George Spencer Brown. Eine Einführung in die Laws of Form. Wiesbaden: VS 2004/20092 (zus. mit Katrin Wille u.a.); Freiheit als Norm. Moderne Theoriebildung und der Effekt Kantischer Moralphilosophie. Bielefeld: transcript 2010.

Louise Röska-Hardy

dr.-louise-röska-hardyIch bin research fellow am Kulturwissenschaft-lichen Institut Essen und widme ich mich zurzeit interdisziplinären Fragen zum Phänomen des menschlichen Selbst. Die Frage nach dem Selbst hat Hochkonjunktur in den Neuro- und Kognitionswissenschaften, in der empirisch forschenden Psychologie und in den konstruktivistischen Sozialwissenschaften. Es werden Erklärungsansprüche hinsichtlich des menschlichen Selbst erhoben, aber das Explanandum ist alles andere als klar. Tradierte philosophische Konzeptionen des Selbst – als eine immaterielle oder eine materielle Substanz, als eine transzendentale Entität oder eine transzendentale Struktur der Erfahrung und des Erkennens – helfen hier nur bedingt weiter. Gefragt ist eine begrifflich überzeugende und empirisch informierte philosophische Analyse, die nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften steht.

Meine Forschung gilt den Fragen einer weit verstandenen philosophischen Anthropologie, unter systematischer Berücksichtigung natur-, kognitions- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Hierzu gehören Fragen aus der analytischen Philosophie des Geistes, der Philosophie der Sprache, der Handlungstheorie und der Sozialontologie, aber auch Fragen über die soziale Kognition, insb. die Theory of Mind-Fähigkeit, die Differenz zwischen Menschen und anderen Tieren und den Erstspracherwerb. Seit der griechischen Philosophie der Antike haben PhilosophInnen die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt in historischer wie in systematischer Hinsicht gestellt. Heute erfolgt der Blick auf die Spezifik des Menschen disziplinübergreifend. Eine angemessene philosophische Deutung des Menschen hat die Ergebnisse empirisch forschender Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen wie auch die philosophiehistorischen Wurzeln der anthropologischen Frage zu berücksichtigen.

Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Antike, Altphilologie und Linguistik studierte ich als undergraduate in Atlanta mit SchülerInnen von A.N. Whitehead und Raphael Demos (B.A. 1972). Danach nahm ich ein Promotionsstudium in Philosophie an der Universität von North Carolina-Chapel Hill auf, wo Jay Rosenberg und Paul Ziff meine Auffassung von philosophischer Methode und Praxis maßgeblich beeinflussten. Meine Fachsozialisation fand in Chapel Hill statt und blieb bis heute prägend. Nach dem M.A. 1975 ergab sich die Gelegenheit, die sog. „continental philosophy“ kennenzulernen. Beurlaubt vom Studium in Chapel Hill, kam ich nach Frankfurt am Main, um zeitgenössische deutsche Philosophie zu hören und etwas über die Frankfurter Schule zu erfahren. Was als begrenzter Auslandsaufenthalt konzipiert war, wandelte sich zu einem neuen Wohnsitz. Ich begann ein Promotionsstudium der Philosophie, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, setzte es zeitweilig in Heidelberg fort und promovierte mit einer Arbeit zur Bedeutung in natürlichen Sprachen 1985 in Frankfurt. Während meines Studiums und danach waren die Arbeiten von Donald Davidson zur Philosophie des Geistes, zur Sprachphilosophie und zur Handlungstheorie für mich sehr wichtig.

Nach der Promotion übernahm ich Lehraufträge in der Philosophie und in der Linguistik, weil sie sich mit einer wachsenden Familie vereinbaren ließen. Es folgte Lehrtätigkeit in Darmstadt, Frankfurt am Main, Heidelberg und Bern, eine Gastprofessur in Atlanta und Forschungsaufenthalte in St. Louis 1999 und in New York 2001. Anschließend war ich an interdisziplinären Studien- und Forschergruppen beteiligt: ‚Was macht eine Lebensform human?’ (2002-2003), ‚Was ist der Mensch? Kultur-Sprache-Natur‘ (2004-2007), und ‚Wissen und Können‘ (2008). Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke (2008-2010), bevor ich die Vertretung einer W2-Professur für praktische Philosophie an der TU-Dortmund (2010-2013) übernahm.

Was macht den Mensch zum Menschen? Bereits in der Antike galt die syntaktisch komplexe Sprache als auszeichnendes Merkmal des Menschen. Heute wird die voll entwickelte Theory of Mind-Fähigkeit (ToM) – die Fähigkeit, sich selbst und anderen als geistbegabte Handelnde zu begreifen, als zweites, spezifisch menschliches Merkmal betrachtet. Als ein zentraler Zugang zur Beantwortung der anthropologischen Frage bietet sich die Modellierung der Wechselbeziehungen zwischen dem Erstspracherwerb und der Entwicklung der Theory of Mind-Fähigkeit. Vor dem Hintergrund empirischer Forschungsergebnisse und theoretischer Überlegungen argumentiere ich für ein integriertes Modell des ToM-Erwerbs, das die Beziehung zwischen Sprache und der ToM-Fähigkeit als eine dialektische, wechselseitig bedingte Entwicklung abbildet. Demnach sind die Einflussfaktoren zwischen Sprache und ToM-Fähigkeit im interaktionsbasierten Erwerbsprozess bidirektional, ohne dass sich diese wechselseitig determinieren. Diese Modellierung bezieht Position gegen nativistische und gegen radikal konstruktivistische Erklärungsansätze, schreibt aber dem Sprachvermögen eine Schlüsselrolle bei der Einordnung des Menschen in die Welt zu. Darüber hinaus bedingt dieser Ansatz externalistische Positionen in der Philosophie des Geistes und in der Sprachphilosophie und zeichnet Positionen in der Sozialepistemologie und der Handlungstheorie vor. Er ebnet auch den Weg für eine differenzierte Betrachtung des menschlichen Selbst, welche dessen Entstehung im Zusammenwirken von biologischer Ausstattung, Umwelt und sozialer Erfahrung verortet. Es gilt die mehrschichtigen Facetten des Selbst-Phänomens zu analysieren, um eine philosophische Konzeption des Menschen und dessen natürlicher Vermögen zu entfalten, in der wir uns und unsere „Selbst“-Bestimmung als Teil der natürlichen Welt erkennen können.

Weitere Details und Links zu ausgewählten Veröffentlichungen finden sich auf der KWI-Webseite:
http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-lroeskahardy.html

Barbara Vetter

Barbara VetterIch bin Juniorprofessorin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studiert habe ich zunächst zwei Jahre an der Universität Erlangen und dann an der Universität Oxford, wo ich auch 2010 promoviert habe. Für ein Semester war ich Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und in dieser Zeit auch Geschäftsführerin der Gesellschaft für analytische Philosophie (GAP), bevor ich im Oktober 2010 meine jetzige Stelle an der Humboldt-Universität angetreten habe.

Im Zentrum meiner Forschungsinteressen steht der Begriff des Vermögens – also solcher Eigenschaften, die dafür sorgen, dass Individuen sich auf bestimmte Weise verhalten können. Zu den Vermögen gehören so unterschiedliche Eigenschaften wie meine Fähigkeit, Englisch zu sprechen, aber auch die Zerbrechlichkeit eines Glases oder die Tendenz eines Elektrons, andere negativ geladene Teilchen abzustoßen. Die Rede von Vermögen gehörte in der aristotelischen Tradition lange zum Standardrepertoire philosophischer Theorien, geriet in der frühen Neuzeit und insbesondere in den eher empiristisch orientierten Tendenzen der Philosophie aus der Mode, was auch zu einer gewissen Skepsis in der empiristisch geprägten analytischen Philosophie führte. In den letzten Jahren erleben Vermögen aber eine philosophische Renaissance, die sich zum Teil aus traditionell aristotelisch geprägten Richtungen, zum Teil aber auch aus der Wissenschaftstheorie speist. Meine eigene Forschungsarbeit ist Teil dieser Renaissance und bewegt sich in den Bereichen der Metaphysik, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie sowie neuerdings auch der Handlungs- und Erkenntnistheorie.

In der Metaphysik vertrete ich eine Theorie von Modalität – also Möglichkeit und Notwendigkeit -, die auf Vermögen basiert. Vermögen unterscheiden sich von Möglichkeiten zunächst einmal darin, dass ein Vermögen immer das Vermögen von etwas oder jemandem ist. Die Möglichkeit, dass dies oder jenes der Fall ist, gehört dagegen zu keinem bestimmten Individuum. (Vermögen sind Eigenschaften, Möglichkeiten nicht.) Das macht es auch leichter, Möglichkeiten, wie es in der zeitgenössischen Philosophie üblich ist, über mögliche Welten zu verstehen, deren Verhältnis zu den Individuen unserer Welt mindestens ungeklärt ist. Meine ursprüngliche Motivation für eine vermögensbasierte Theorie von Möglichkeit und Notwendigkeit war dann auch ein grundsätzliches Unbehagen an der Redeweise von möglichen Welten und der Tatsache, dass Debatten über Möglichkeit und Notwendigkeit zu Debatten darüber geworden sind, wie wir mögliche Welten verstehen sollen: als konkrete Paralleluniversen, abstrakte mengentheoretische Konstruktionen, Fiktionen, oder … Mit dem Phänomen, das uns ursprünglich interessiert, wenn wir uns fragen, was wir tun können oder was geschehen kann, schien mir das alles wenig zu tun zu haben. Mein eigener Vorschlag besagt, dass Möglichkeiten – und zwar im allgemeinsten Sinn von “metaphysischen Möglichkeiten” – weder mit Paralleluniversen noch mit mengentheoretischen Konstruktionen, sondern mit den Fähigkeiten, Dispositionen und Tendenzen von Dingen in dieser, unserer Welt zu tun haben. Eine solche Auffassung hat eine lange Tradition in der (aristotelisch geprägten, also v.a. mittelalterlichen) Philosophie. Mein Anliegen ist es aber, sie in der zeitgenössischen Philosophie gangbar zu machen. Dazu gehört unter anderem, dass die großartigen Fortschritte und Einsichten in der Logik  der Modalität sowie unser Verständnis der sprachlichen Ausdrücke für Möglichkeiten und Notwendigkeiten (in der Philosophie und Linguistik) berücksichtigt werden. Das habe ich zunächst in meiner Dissertation (die hier frei zugänglich ist) versucht und dann noch einmal in größerer Detailtiefe in einem Buch, das demnächst bei Oxford University Press erscheinen wird.

In der Sprachphilosophie vertrete ich die dazu passende Auffassung, dass wir mit modalen Ausdrücken wie “kann” oder “muss” tatsächlich nichts anderes tun, als Vermögen zuzuschreiben – dass wir also auch hier ohne die längst gängige Rede von möglichen Welten auskommen. (Details gibt es hier.) In letzter Zeit beschäftige ich mich mit empirischen Untersuchungen aus der Linguistik, z.B. der historischen Linguistik, die – wie mir scheint – für meine These sprechen. Und in der Wissenschaftstheorie habe ich mich mit Versuchen beschäftigt, mit Hilfe von Vermögen eine Theorie von Naturgesetzen zu formulieren.

Aktuell interessiere ich mich besonders für eine (vielleicht nicht ganz scharf abgrenzbare) Unterklasse der Vermögen: die Fähigkeiten von handelnden Wesen wie uns selbst. Anders als so genannte passive Vermögen oder “Dispositionen”, etwa die Zerbrechlichkeit eines Glases, scheinen Fähigkeiten in irgendeinem Sinn “aktiv” zu sein und uns eine gewisse Kontrolle über ihre Ausübung zu ermöglichen. Wie genau sich dieser Unterschied zwischen passiven Dispositionen und aktiven Fähigkeiten fassen lässt, scheint mir eine wichtige und ungelöste Frage zu sein. Fähigkeiten spielen eine wichtige Rolle in der Handlungstheorie, in vielen Theorien zur Willensfreiheit und auch in der Erkenntnistheorie. Dort basiert die so genannte “Tugenderkenntnistheorie” auf der Idee, dass Wissen mit der Ausübung von bestimmten Vermögen zu tun hat, die manchmal als Tugenden, oft aber auch als Fähigkeiten bezeichnet werden. Diese Idee soll unter anderem erklären, inwiefern Wissen wertvoller ist als bloße wahre Überzeugung und in welchem Sinne unser Wissen uns jeweils auf besondere Weise selbst zuzurechnen ist als etwas, das wir leisten, nicht etwas, das uns nur zustößt. Die Frage, ob der Fähigkeitsbegriff das leisten kann – insbesondere, wenn wir ihn klar vom Begriff einer Tugend trennen -, lässt sich, so meine ich, erst beantworten, wenn wir genauer geklärt haben, wie Fähigkeiten selbst zu verstehen sind; und daran arbeite ich im Moment.

Weitere Details und Links zu meinen Veröffentlichungen finden sich auf meiner HU-Webseite:
http://www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/theorie/mitarbeiter/prof-barbara-vetter/.

Mari Mikkola

Mari MikkolaIch bin seit dem Wintersemester 2010 Juniorprofessorin für Praktische Philosophie an der HU Berlin mit systematisch feministischer Philosophie als Forschungsschwerpunkt (insbesondere zu den Themen Gender und Pornographie). Zudem habe ich auch Forschungsinteressen in Sozialphilosophie und -ontologie und dem Deutschen Idealismus. Ich bin relativ neu in der deutschen Philosophie: Meine Staatsangehörigkeit ist finnisch, und akademisch bin ich in Großbritannien „aufgewachsen“. Sowohl die deutsche Gesellschaft als auch der akademische Betrieb (und darüber hinaus auch die deutsche Sprache) waren für mich bei meinem Dienstantritt somit größtenteils neu. Ich habe Philosophie und Politik (1997-2000) an der Universität York studiert. Danach promovierte ich 2005 in Philosophie an der Universität Sheffield mit einer Arbeit über analytische feministische Philosophie. Nach meiner Promotion war ich drei Jahre als Philosophie-Lecturer an der Universität Stirling (GB) tätig und hatte für zwei Jahre eine Lecturer-Position an der Universität Lancaster (GB) inne.

Feministische Philosophie als Teil der Philosophie ist in Deutschland relativ unbekannt. Dies trifft besonders auf die Art von feministischer Philosophie zu, die analytische Methodik anwendet. Obwohl meine akademischen Interessen breit gefächert sind und philosophische Grenzen überschreiten, ist meine Forschungsmethodik doch eindeutig systematisch orientiert, und ich verwende typische analytische Methoden wie etwa Begriffsanalyse. Während analytisch geprägte feministische Philosophie in Deutschland kaum zu finden ist, wurde sie in den letzten zwei Jahrzehnten im englischsprachigen Raum als eigenständiger Philosophiebereich etabliert und anerkannt. Ich verstehe solche Philosophie folgendermaßen: Sie kombiniert (1) die praktische Orientierung des Feminismus, verstanden als eine politische Bewegung zur Beendigung der Ungerechtigkeiten auf Grund der Gruppenzugehörigkeit bzgl. Sex (biologisches Geschlecht) oder Gender, und (2) die typische theoretische Methodik der Philosophie, in meinem Falle besonders die Methodik der analytischen Philosophie. Meiner Ansicht nach bezweckt feministische Philosophie einerseits, mit Hilfe typisch philosophischer Werkzeuge allgemeine sexistische Sozialarrangements zu kritisieren, und anderseits, ‚Mainstream’-Philosophie auf Basis feministischer politischer Einsichten mitzugestalten. Feministische Philosophie stellt herkömmliche philosophische Einsichten in Frage und verwendet philosophische Methoden, um politisch wichtige Begriffe auszubuchstabieren und näher zu erläutern. Feministische Philosophie, so meine ich, heißt politisch informierte philosophische Untersuchung.

Meine philosophische Forschung zum Thema Gender habe ich schon mit meiner Doktorarbeit begonnen, deren Leitfragen lauteten: Wie können wir Gender-Begriffe in einer politisch wirksamen Weise verstehen? Wie sollten wir die soziale Kategoriezugehörigkeit von Frauen begreifen? Viele feministische Philosoph_innen halten diese Fragen für politisch entscheidend: Wenn wir sie nicht beantworten können, fehlt dem Feminismus sein Gegenstand, und wenn wir den Gegenstand von Feminismus nicht begreifen können, dann verlieren wir die notwendigen politischen Grundlagen zur Rechtfertigung feministischer Ansprüche. Meine Doktorarbeit thematisierte diese sprachphilosophischen und metaphysischen Themenkomplexe in Bezug auf das Problem von Gender. Allerdings hat sich mein Denken über Gender-Themen seitdem in eine andere Richtung entwickelt. Ich halte es nun nicht mehr für entscheidend, eine Antwort auf das Gender-Problem zu geben. Vielmehr (so denke ich jetzt) ist es relativ unwichtig für wirksame feministische Politik, ob wir einen inhaltlich substantiellen Begriff von Frau ausbuchstabieren können. Eine solche Fokussierung auf Begriffe von Gender und Frauen kann meiner Ansicht nach nicht die notwendige normative Grundlage für den Feminismus liefern; deshalb muss diese Grundlage anders untermauert werden. Ich schlage in diesem Zusammenhang den Begriff der Entmenschlichung als normative Basis vor, und ich bin der Ansicht, dass feministische Politik und Ethik mit Bezug auf diesen Begriff neu ausgerichtet werden sollten. Dies ist eine Hauptthese meines Buches The Wrong of Injustice: Dehumanisation and its Role in Feminist Philosophy (in Arbeit).

Auch schließe ich mit meiner Arbeit an die langjährige Debatte über die Unterdrückung und das Zum-Schweigen-Bringen (silencing) von Frauen durch Pornographie an. In meinem jüngsten Forschungsvorhaben stelle ich dar, dass aktuelle Diskussionen, die oft auf die Arbeit von Catharine MacKinnon und Rae Langton verweisen, das Wesen von Pornographie missverstehen. Unter anderem wird in der philosophischen Behandlung des Themas oft nicht ernst genommen, eine wie große Industrie Pornographie mittlerweile geworden ist. Philosophische Diskussionen ignorieren ebenfalls oft die (sogenannte) ‚alternative Pornographie’, die aus feministischer Perspektive produziert wird und industrielle Pornographie zu zersetzen versucht. Viele Antworten zu den Problemen rund um Pornographie fehlen noch – nicht nur auf politischer, sondern auch auf konzeptueller Ebene. Daher veranstaltete ich im September 2013 mit Cathrin Höfs und Hilkje Hänel die Tagung Feminist Philosophy and Pornography.

Weitere Details zu meinen Aufsätzen (und Links zu Abstracts) finden sich auf meiner Website (LINK). Dort finden sich auch Informationen zu der Symposiumreihe Feminist Philosophy and…, im Rahmen derer ich schon mehrere internationale Tagungen veranstaltet habe. Für weitere Veranstaltungen, watch that space!