Kristina Musholt

kristinamusholt_bwIch bin seit 2013 Juniorprofessorin für Neurophilosophie am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg. Mich hat schon immer interessiert, welche Antworten unterschiedliche Disziplinen auf die Frage nach dem Wesen des Menschen geben können. Entsprechend habe ich Humanbiologie, Neurowissenschaften und Philosophie zuerst in Marburg, dann in Magdeburg und Neapel studiert. Anschließend habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin School of Mind and Brain promoviert. Dabei habe ich allerdings die Hälfte meiner Promotionszeit als Gaststudentin am Department of Linguistics and Philosophy am MIT (USA) verbracht. Nach meiner Promotion war ich von 2010 bis 2013 als Fellow am Department for Philosophy, Logic and Scientific Method an der London School of Economics tätig. Gleichzeitig war ich dort stellvertretende Direktorin des Forum for European Philosophy.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der analytischen Philosophie des Geistes und der Philosophie der Kognitionswissenschaften, ich interessiere mich aber auch für die Sprachphilosophie sowie für phänomenologische Ansätze und für den deutschen Idealismus. Im Zentrum meiner Forschung stand bislang vor allem das Thema Selbstbewusstsein, verstanden als die Fähigkeit, sich seiner selbst gewahr werden zu können. In meiner Dissertation habe ich mich kritisch mit Theorien des sogenannten nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins auseinander gesetzt. Ausgehend von dem Problem, dass traditionelle Theorien des Selbstbewusstseins dem Vorwurf der Zirkularität ausgesetzt sind, versuchen Theorien des nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins zu zeigen, dass bereits die Gehalte einfacher Wahrnehmungen eine Form von Selbstbewusstsein beinhalten, die dann die Grundlage für komplexere Formen von Selbstbewusstsein bilden können. Dabei verweisen sie bespielsweise auf die Perspektivität der Wahrnehmung. Aufbauend auf Überlegungen aus der Philosophie des Geistes, der Sprachphilosophie und teilweise auch der Phänomenologie argumentiere ich in meinen Arbeiten gegen eine solche Position. Kurz zusammengefasst könnte man meine These dabei so beschreiben, dass wir zwischen dem Haben einer Perspektive einerseits, und dem Wissen darum, dass wir eine Perspektive haben andererseits unterscheiden sollten. Erst letzteres bezeichnet meiner Ansicht nach die Fähigkeit zum Selbstbewusstsein.

Dabei spielt meiner Ansicht nach auch die soziale Kognition eine wesentliche Rolle für das Verständnis des Phänomens des Selbstbewusstseins. Wir werden uns unserer eigenen Perspektive auf die Welt nämlich erst als solcher gewahr (und somit selbstbewusst), wenn wir in der Lage dazu sind, sie mit der Perspektive eines Anderen zu kontrastieren. Selbstbewusstsein und Intersubjektivität sind somit gleichsam zwei Seiten einer Medaille. Ausgehend von dieser Überlegung versuche ich – aufbauend auf Erkenntnissen aus den empirischen Wissenschaften – ein Stufenmodell der Entwicklung von Selbstbewusstsein und sozialer Kognition zu entwerfen.

Auch unabhängig von der Frage nach ihrer Bedeutung für unser Selbstverständnis als selbstbewusste Wesen interessiert mich die Philosophie der sozialen Kognition. Derzeit beschäftige ich mich vor allem mit der Entwicklung von Alternativen zu den klassischen Erklärungsmodellen unserer Fähigkeiten zur sozialen Interaktion. Letztere legen unseren Fähigkeiten zur sozialen Interaktion in der Regel sehr anspruchsvolle begriffliche Fähigkeiten zugrunde, die der Vielfalt der Formen sozialer Kognition nicht angemessen gerecht werden. Ich plädiere daher für einen Pluralismus der Erklärungen unserer sozial-kognitiven Fähigkeiten, der auch nicht-begriffliche Fähigkeiten mit einbezieht.

Allgemein halte ich die Frage, wie nicht-begriffliche Fähigkeiten der Repräsentation zu verstehen und zu charakterisieren sind, für eine spannende Forschungsfrage. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei, dass gute Gründe dafür sprechen, dass es solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten gibt (auch wenn ich Theorien nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins kritisch gegenüber stehe). So zeigen etwa Kleinkinder und Tiere Fähigkeiten, die deutlich über das Vorhandensein reiner Reiz-Reaktions-Schemata hinausgehen, und die ein gewisses Maß an Normativität und Rationalität implizieren, die aber dennoch nicht die Komplexität und Generalisierbarkeit begrifflicher Fähigkeiten aufweisen. Doch wie genau sind solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten zu verstehen? Mein Ansatzpunkt bei der Beantwortung dieser Frage ist, dass es sich hierbei um Formen des “Wissens-wie” handelt. Erst wenn wir diese besser verstehen, können wir sowohl Fragen nach der Entwicklung spezifisch menschlicher Fähigkeiten als auch Fragen nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen menschlichen und tierischen Fähigkeiten beantworten.

Als Neurophilosophin interessiert mich schließlich auch die etwas übergreifendere Frage, ob und inwiefern die Neurowissenschaften zu einem besseren Verständnis menschlicher Fähigkeiten (wie etwa der Fähigkeit zum Selbstbewusstsein) und deren Beeinträchtigungen (wie wir sie beispielsweise in psychopathologischen Störungen beobachten können) beitragen können. Grundsätzlich bin ich dabei skeptisch gegenüber reduktionistischen Ansätzen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass philosophische Theorien offen gegenüber den Erkenntissen der empirischen Wissenschaften sein sollten (und umgekehrt). Deshalb möchte ich in Zukunft – u.a. anhand von konkreten Beispielen, etwa aus der Philosophie der Psychiatrie – vor allem der Frage des meiner Meinung nach noch weitgehend ungeklärten Verhältnisses von personalen und subpersonalen Erklärungsebenen nachgehen.

Neben der philosophischen und interdisziplinären Forschung interessiert mich auch die Frage, wie man Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und als Wissenschaftler in einen Dialog mit der Gesellschaft treten kann. Im Rahmen meiner Tätigkeit für das Forum for European Philosophy in London habe ich zu diesem Zweck regelmäßig öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit verschiedenen Formaten organisiert; ähnliches versuchen wir – in kleinerem Rahmen – auch in Magdeburg. Meine Erfahrung dabei ist, dass ein großer Bedarf nach der Beschäftigung mit philosophischen Fragen besteht – unser Fach ist also keineswegs dabei (wie häufig befürchtet wird) an Relevanz zu verlieren; ganz im Gegenteil!

Für weitere Informationen: www.kristinamusholt.wordpress.com

Christine Bratu

imageCBAktuell bin ich wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophie IV der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Davor war ich seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin, zuerst am Geschwister-Scholl-Institut für politische Wissenschaft der LMU und seit 2009 an meiner jetzigen Fakultät. 2011 wurde ich mit einer Arbeit zu den Grenzen staatlicher Legitimität promoviert, die von Julian Nida-Rümelin und Elif Özmen betreut wurde. Seit 2010 bin ich Frauenbeauftragte der Fakultät, und seit dem Sommersemester 2013 organisieren meine Kollegin Mara-Daria Cojocaru von der Hochschule für Philosophie und ich gemeinsam die Werkstattgespräche Frauen in der Philosophie. Zweck dieser Veranstaltungsreihe ist es, den Studierenden unserer Hochschulen zu zeigen, dass auch Frauen erfolgreich Philosophie betreiben. Während Studium und Promotion wurde ich durch die Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert und 2012 erhielt ich von den Studierenden meiner Fakultät den Preis für gute Lehre in der Kategorie Nicht-Habilitierte.

Mein Themenschwerpunkt liegt in der praktischen Philosophie und hier insbesondere in der politischen Philosophie und Ethik. Eine Frage aus der politischen Philosophie, die mir besonders am Herzen liegt, ist die nach der Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus bzw. gerechtfertigtem Dissens hinsichtlich normativer Überzeugungen. Ist es möglich, dass zwei Personen zu einer normativen Frage – etwa der, was das gute Leben für den Menschen ausmacht – unterschiedlicher Überzeugung sind, ohne dass sich dabei eine von beiden irrt (oder beide)? Meiner Ansicht nach kann dies der Fall sein. Denn zum einen dürfen wir nicht ausgehend von einem externen Standpunkt beurteilen, ob eine Person in einer normativen Überzeugung gerechtfertigt ist. Stattdessen müssen wir uns deren epistemischen Standpunkt zu eigen machen und überprüfen, ob sie selbst über gute Gründe für die fragliche Überzeugung verfügt. Zum anderen gibt es normative Überzeugungen, die sich wechselseitig ausschließen. Das gute Leben für den Menschen kann bspw. nicht gleichermaßen im Müßiggang und darin bestehen, die eigenen Talente zu perfektionieren. Zusammen führen diese beiden Annahmen dazu, dass normative Überzeugungen pfadabhängig sind. Denn mit welchen normativen Überzeugungen eine Person startet, bedingt, an welchen weiteren normativen Überzeugungen sie gerechtfertigterweise festhalten darf. Pfadabhängigkeit wiederum ermöglicht gerechtfertigten Dissens: Wenn zwei Personen mit unterschiedlichen normativen Überzeugungen starten, werden sie im Folgenden in unterschiedlichen normativen Überzeugungen gerechtfertigt sein.

Die Möglichkeit von gerechtfertigtem Dissens ist wichtig für viele weitere Forschungsfragen, die mich interessieren. Auf der Grundlage dieses Ergebnisses konnte ich bspw. in meiner Dissertationsschrift den Hauptunterschied zwischen zwei großen Theorielagern der zeitgenössischen politischen Philosophie herausarbeiten, nämlich zwischen (Rechtfertigungs-)Liberalismus und Perfektionismus. Prima facie unterscheiden sich diese Theorien darin, wo sie die Grenzen legitimen staatlichen Handelns ziehen: Gemäß dem Perfektionismus darf der Staat versuchen, die Bürger*innen zu einem guten Leben zu bewegen; dem Liberalismus zufolge muss sich der Staat dagegen aus Fragen des individuellen Lebensvollzugs heraushalten. Der Grund für diesen Unterschied ist aber nicht, dass Perfektionismus und Liberalismus verschiedene Kriterien staatlicher Legitimität anlegen. Denn beide sind sich darin einig, dass ein legitimer Staat nur solche Handlungen vollziehen darf, die vor den Bürger*innen gerechtfertigt werden können. Aber während der Perfektionismus an der Möglichkeit von gerechtfertigtem Dissens zweifelt und annimmt, eine Auffassung vom guten Leben sei vor allen Bürger*innen zu rechtfertigen, glaubt der Perfektionismus an gerechtfertigten Pluralismus und plädiert deswegen für staatliche Neutralität.

Und auch in der Debatte um personale Autonomie spielt die Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus eine große Rolle. Für viele Autor*innen ist ein autonomes Leben eines, das die Person an ihren eigenen Gründen ausrichtet und damit selbst bestimmt. Aber kann man von allen möglichen Lebenswegen annehmen, dass sie von denjenigen, die sie beschreiten, in diesem Sinne selbst bestimmt wurden? Wie steht es bspw. mit Menschen in unterdrückerischen Verhältnissen, die diese hinnehmen und ihre Spielregeln internalisieren? Haben solche Personen nicht eigentlich Grund dazu, sich gegen ihre Situation zu wehren? Doch wenn ihr konformistisches Leben nicht gerechtfertigt ist, wie kann dieses dann als autonom bezeichnet werden? Akzeptiert man wie ich die Möglichkeit gerechtfertigten Dissenses, muss man mit diesem letzten Verdacht vorsichtig sein. Denn um zu beurteilen, ob das Leben einer Person an ihren eigenen Gründen ausgerichtet und damit autonom ist, muss man sich deren epistemischen Standpunkt zu eigen machen und darf nicht ausgehend von den eigenen Gründen schließen. Die Möglichkeit von gerechtfertigtem Pluralismus legt daher ein prozedurales und kein substantielles Verständnis von Autonomie nahe.

Wie wir mit unterdrückerischen Verhältnissen umgehen sollten, ist auch ein Gegenstand der Habilitationsschrift, an der ich gegenwärtig arbeite. Diese dreht sich um die Frage, ob wir uns selbst Respekt schulden, warum dies der Fall ist und was dies konkret bedeutet. Ich möchte damit die Kantische Denkfigur der Pflichten gegenüber sich selbst wiederbeleben, wenngleich mit anderen Inhalten. Dabei will ich deutlich machen, dass wir uns nicht deswegen selbst respektieren sollten, weil wir dadurch bestimmte  Werte realisieren. Denn eine solche Begründung würde zwar den instrumentellen Wert von, aber keine individuelle Pflicht zum Selbstrespekt etablieren. Stattdessen werde ich argumentieren, dass wir uns deswegen selbst ernst nehmen sollten, weil wir uns selbst gegenüber in einer besonderen Beziehung, einer Beziehung der Intimität stehen, aus welcher besondere Pflichten resultieren, wie etwa die zum Selbstrespekt.