Monika Betzler

BetzlerIch bin derzeit Ordentliche Professorin für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Bern/Schweiz. Mein erstes Hauptinteresse gilt Themen, die mit unserer eigenen Lebensführung zu tun haben. Es geht mir hierbei um ein Verständnis derjenigen Probleme und Zusammenhänge, die unser Handeln über die Zeit hinweg aus unserer erstpersonalen Perspektive betreffen.

Dazu gehören Fragen der Autonomie, des Wohlergehens, Formen praktischer Irrationalität (wie etwa Willensschwäche und inverse Akrasie), des Wertens, der Rationalität, des diachronen Handelns sowie der Normativität. Ich habe mich auch mit praktischen Konflikten und der normativen Rolle von Emotionen, insbesondere von Bedauern, beschäftigt. So denke ich etwa, dass Bedauern, das sich auf vergangene Entscheidungen richtet, rational sein kann. Dies liegt daran, dass das, was wir einst wertgeschätzt haben und aufgrund eines Konflikts nicht mehr verfolgen können, Gründe generiert, es in bedauernder Form weiter zu schätzen.

In den letzten Jahren galt mein Interesse insbesondere der normativen Bedeutung von persönlichen Projekten. In meinem Buchmanuskript „Why Personal Projects Matter“ zeige ich neben einer Definition von persönlichen Projekten, warum diese eine distinkte Kategorie praktischer Vernunft sind und warum wir persönliche Projekte verfolgen „sollen“. Zum einen geben uns persönliche Projekte, etwa im Gegensatz zu anderen Kategorien praktischer Vernunft, wie Wünsche, Ideale oder Pläne, besondere Gründe: Sie generieren Gründe, sie über Zeit um ihrer selbst willen wertzuschätzen. Zum andern sind persönliche Projekte Ausdruck einer besonderen Art der Bindung („commitment“). Bindungen unterscheiden sich von anderen normativen Kategorien, wie Gründen und rationalen Erfordernissen, dadurch, dass sie modal stringent, aber pro tanto sind. D.h., wir haben in verschiedenen möglichen Welten Grund, unsere persönlichen Projekte weiterzuverfolgen – auch dann, wenn die Gründe, die für diese sprechen, verloren gehen. Dies liegt u.a. daran, dass persönliche Projekte Ausdruck unserer normativen Identität sind. Dies impliziert jedoch nicht, dass wir niemals Grund haben, unsere persönlichen Projekte aufzugeben. Wir haben nur sehr gewichtige Gründe, sie nicht so leicht zu hinterfragen.

Ein zweites Hauptinteresse gilt Themen aus dem Bereich der Sozialphilosophie und der normativen Ethik. Dazu gehören kollektives Handeln, moralische Verantwortung und Formen unmoralischen Handelns, die Reichweite und Grenzen deontologischer Ethik und die Möglichkeit der Integration deontologischer Intuitionen im Rahmen einer konsequentialistischen Moraltheorie, sowie die Familienethik.

Persönliche Beziehungen, Parteilichkeit sowie Rechte und Pflichten von Eltern und Kindern sind Gebiete, zu denen ich in den letzten Jahren verschiedene Forschungsprojekte (zusammen mit mehreren Postdocs – Barbara Bleisch, Magdalena Hoffmann und Jörg Löschke) verfolgt habe.

Hierbei habe ich u.a. versucht zu zeigen, dass Nahbeziehungen besondere Gründe für gemeinsames Handeln konstituieren. Gemeinsame Handlungen, die Beziehungen ausdrücken, lassen sich jedoch nicht über wechselseitige einzelne Absichten analysieren, sondern nur über den Wert der Beziehung selbst. Darüber hinaus glaube ich, dass sich spezielle Pflichten nicht konsequentialistisch rekonstruieren (und auch nicht konsequentialisieren) lassen. Meine Analyse von persönlichen Projekten hat mich dazu motiviert auszuführen, dass die Erziehung zur Autonomie, die Eltern ihren Kindern schulden, über das Wertschätzen von Proto-Projekten erfolgen muss.

Ich habe Philosophie, Literaturwissenschaften sowie Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (M.A. 1988; Dr. phil. 1992) studiert (mit einem vom DAAD finanzierten Auslandsstudium an der Université Lyon II sowie dank der Promotionsförderung durch die Studienstiftung des deutschen Volkes). Während meines Münchner Studiums widmete ich mich zunächst der Geschichte der Philosophie, insbesondere der klassischen deutschen Philosophie. Dies hat mein Interesse an unserem Selbstverhältnis massgeblich beeinflusst.

Nach der Promotion war es mir ein Anliegen, die Welt außerhalb der Universität kennenzulernen und philosophische Themen praktisch anzuwenden. Ich hatte das Glück, ein Traineeship an der „Cellule de Prospective“, einem Think Tank an der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, zu erhalten. So war ich (1992-1993) in Brüssel tätig und beschäftigte mich mit politischer Philosophie, insbesondere mit Fragen zu europäischer Staatsbürgerschaft. Zugleich erkannte ich, dass meine Leidenschaft dem philosophischen Nachdenken gilt, und nahm eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin (später dann als wissenschaftliche Assistentin) an der Georg-August-Universität in Göttingen am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin (1993-2004) an.

Während meiner Assistentinnenzeit verbrachte ich mehrere Jahre in den USA. Ein McCloy Scholarschip der Studienstiftung erlaubte mir zum einen, meine nach wie vor vorhandenen Interessen an der praktischen Umsetzung philosophischer Fragen zu verfolgen. Zum andern war es mir auf diese Weise möglich geworden, die angloamerikanische Philosophie genau kennenzulernen. So absolvierte ich an der Kennedy School of Government der Harvard University ein erneutes Masterstudium der Public Administration und studierte zugleich Philosophie u.a. bei Hilary Putnam, Derek Parfit und Amartya Sen (1994-1996). Es folgte ein weiteres Jahr als Visiting Scholar am Philosophy Department der Harvard University.

Als Feodor-Lynen-Stipendiatin der Humboldtstiftung verbrachte ich schliesslich ein gutes Jahr an der University of California at Berkeley bei Jay Wallace und Samuel Scheffler, die mein Nachdenken über persönliche Projekte maßgeblich beeinflussten (2002-2003).

2005 habilitierte ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wohin ich Julian Nida-Rümelin gefolgt war (2004-2006). Nach einer kurzen Zeit der Oberassistenz erhielt ich zwei Rufe und entschied mich, in die Schweiz zu gehen.

2012-2013 nahm ich ein Visiting Professorship dank eines Fellowships des Murphy Institute am Center for Ethics and Public Affairs an der Tulane University in New Orleans wahr. Seit 2012 bin ich Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Bioethik im Außerhumanbereich.

Für weitere Informationen: http://www.philosophie.unibe.ch/content/ueber_uns/team/mitarbeitende/betzler/index_ger.html