Andrea Klonschinski

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Auf die Idee eines Philosophiestudiums wäre ich von allein wohl nie gekommen, aber zum Glück lernte ich im ersten Semester meines Magisterstudiums (einer hier nicht näher zu nennenden und aus heutiger Sicht etwas absurd anmutenden Fächerkombination) an der Universität Leipzig Kommilitoninnen kennen, die im Hauptfach Philosophie studierten. Und was sie erzählten, klang überaus interessant: Umgang mit Texten und vielfältige Themen einerseits, dabei analytisches Denken und logisches Argumentieren andererseits – das war mein Fach. Hatte ich mich doch nach Deutsch und Mathe Leistungskurs nicht für die eine oder die andere Richtung entscheiden können und meine derzeitige Fächerkombination eher aus Verlegenheit gewählt. In der Philosophie gab es das Beste aus beiden Welten – was mich bis heute fasziniert.

Eher durch Zufall wählte ich Volkswirtschaftslehre als Nebenfach dazu, noch nicht ahnen könnend, dass dadurch die Grundlage für einen meiner Forschungs- und Interessenschwerpunkte (Philosophy of Economics) sowie für die Themen meiner Magisterarbeit (Die Konstitutionelle Ökonomik James M. Buchanans. Zur Rationalen Begründbarkeit politischer Institutionen) und später der Doktorarbeit (The Economics of Resource Allocation in Health Care: Social Value, Utility, and Fairness) gelegt war. Auch auf die Idee einer Promotion in Philosophie wäre ich, nebenbei bemerkt, vermutlich nicht gekommen, hätte ein damaliger Dozent mich nicht dazu ermuntert.

Für die Promotion folgte ich Prof. Weyma Lübbe nach Abschluss meines Studiums 2009 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universität Regensburg, wo ich die Gelegenheit bekam, in der interdisziplinären DFG-Forschergruppe 655 „Priorisierung in der Medizin“ mitzuarbeiten. In diesem Kontext entstand auch meine Dissertation, die, anknüpfend an die Arbeit von Weyma Lübbe, eine konsequentialismuskritische und dogmengeschichtlich informierte Analyse gesundheitsökonomischer Evaluationen, also verschiedener Formen der Kosten-Nutzen-Bewertung im Gesundheitswesen, liefert. Genauer gesagt beschäftige ich mich in der Arbeit mit Versuchen der Gesundheitsökonomen, Gerechtigkeitsprobleme zu beheben, die bei der einfachen Maximierung von Gesundheit, gemessen in Form von quality adjusted life-years (QALYs), auftreten und versuche zu zeigen, dass diese Lösungsversuche scheitern müssen, da der konsequentialistische Rahmen von Kosten-Nutzen-Bewertungen non-konsequentialistische Gerechtigkeitserwägungen wie Chancengleichheit oder das Gebot der Nichtdiskriminierung nicht angemessen erfassen kann.

Obwohl das Thema sehr speziell klingt, thematisiert die Arbeit ganz grundlegende moralphilosophische und wirtschaftswissenschaftliche Fragen, etwa nach den Grenzen konsequentialistischer Theorien, dem Wert von Gesundheit, dem Nutzenbegriff, dem in der Ökonomik und insbesondere der angewandten Wohlfahrtsökonomik vorausgesetzten Entscheidungsmodell sowie die Frage, welche Rolle empirische Befragungen hinsichtlich der Lösung normativ-ethischer Probleme spielen können, um nur einige Beispiele zu nennen. In der Auseinandersetzung mit den in der Forschergruppe versammelten Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Fächern (insbesondere mit den Gesundheitsökonom*innen) habe ich in dieser Phase zum einen gelernt, wie schwer echtes interdisziplinäres Arbeiten tatsächlich ist, zum anderen aber auch, welch wichtige Funktion die Philosophie hier übernehmen kann, indem sie etwa Diskurse ordnet, Begriffe präzisiert, implizite Prämissen herausarbeitet und hinterfragt.

Im Jahr 2016 wechselte ich dann quer durch die Republik von Regensburg nach Kiel, wo ich derzeit (Februar 2019) bei Prof. Ludger Heidbrink als wissenschaftliche Assistentin tätig bin. Insofern ein wesentlicher Teil meiner Aufgaben darin besteht, gemeinsam mit einem Kollegen den Masterstudiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ zu koordinieren und entsprechende Lehrveranstaltungen anzubieten, bin ich wirtschaftsphilosophischen Fragen und Themen der politischen Philosophie sowie der angewandten Ethik auch weiterhin treu geblieben. Als weiterer Schwerpunkt in Forschung und Lehre ist zudem die Feministische Philosophie hinzugetreten.

Konkreter interessieren mich aktuell insbesondere zwei Themenbereiche. Der erste umfasst die Auseinandersetzung mit der normativen Relevanz von Gruppenungleichheiten, was etwa die Auseinandersetzung mit den Begriffen „Diskriminierung“ und „Diversität“ sowie die normativ-ethische Bewertung dieser Phänomene umfasst. Was ist eigentlich Diskriminierung und was ist daran moralisch falsch? Welche Rolle spielen implizite Biases und Stereotype dabei und wie sind entsprechende Handlungen moralisch zu bewerten? Welche Antidiskriminierungsmaßnahmen, etwa Quotenlösungen, sind gerechtfertigt?

Der andere Interessenschwerpunkt lässt sich mit der Überschrift „Epistemologie und Ethik“ versehen und umfasst die Themen epistemische Ungerechtigkeit sowie die normative Betrachtung von Nichtwissen. Eine Frage, die mich –, anknüpfend an die Auseinandersetzung mit empirischer Ethik im Rahmen der Doktorarbeit – umtreibt, liegt im Schnittbereich der genannten Felder und wird in der Literatur unter dem Stichwort Social Moral Epistemology behandelt. Dabei geht es darum, wer eigentlich wie akademische Moralphilosophie betreibt bzw. betreiben sollte, um zu gut begründetem „moralischem Wissen“ zu gelangen. Muss die akademische Philosophie aus ethischen und/oder aus epistemischen Gründen „diverser“ werden? Was genau heißt das überhaupt? Welche Gruppen müssen hier berücksichtigt werden? Wie lässt sich bei einer derartigen Forderung eine Essentialisierung verschiedener Denkstile („Frauen denken so und Männer so“) vermeiden? (Einige Gedanken zum Thema Frauen in der akademischen Philosophie habe ich hier formuliert: https://www.praefaktisch.de/metoo/metoo-und-frauen-in-der-akademischen-philosophie-der-perfekte-sturm/)

Insgesamt würde ich mich als Anhängerin (und hoffentlich manchmal auch als „Betreiberin“) einer analytischen, grundlagentheoretisch fundierten und empirisch informierten angewandten praktischen Philosophie bezeichnen. Von der Überzeugung, dass die akademische Philosophie gesellschaftlich relevant ist bzw. sein sollte, ist auch mein „philosophisches Hobby“, die Filmreihe „Filmisches Philosophieren“ getragen, die ich, jeweils mit Unterstützung des Instituts für Philosophie bzw. des Philosophischen Seminars, von 2012-2016 in Regensburg und seit 2017 in Kiel organisiere und moderiere. Dabei werden pro Semester etwa drei Filme in einem Programmkino gezeigt, auf den Film folgt jeweils ein Impulsreferat einer Referentin oder eines Referenten, das die philosophisch interessanten Aspekte des Films heraushebt und schließlich wird mit dem Publikum diskutiert (ausführlicher dazu und mit Beispielen für Filme, Themen und Referent*innen: https://www.praefaktisch.de/populaere-philosophie/philosophie-im-kinosessel/).

Für weitere Informationen besuchen Sie/besucht meine Homepage bei der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel https://www.philsem.uni-kiel.de/de/lehrstuehle/praktische-philosophie/klonschinski und/oder kontaktieren Sie/kontaktiert mich gerne persönlich!

München

Sehr geehrte Damen,

am 28. Januar 2019 startet auch in München ein Philosophinnen* Kolloquium. Das Münchner Philosophinnen*Kolloquium richtet sich an Frauen aller Qualifikationsstufen – von der Studentin bis zur Professorin. Als Ort des philosophischen Debattierens und der akademischen Vernetzung dient es der Vorstellung von Abschlussarbeiten, Dissertations- und Habilitationsvorhaben sowie anderen Projektentwürfen.

Informationen zu Terminen und Vortragenden finden Sie auf der Website https://muenchnerphilosophinnenkolloquium.wordpress.com oder der Facebookseite https://www.facebook.com/PhilosophinnenKolloquiumMuenchen.

Wir freuen uns über rege Teilnahme und bitten Sie daher, an geeigneter Stelle auf das Kolloquium aufmerksam zu machen.

 

Vielen Dank und freundliche Grüße

 

Katharina Kaufmann (Justus-Liebig Universität Gießen) und Nejma Tamoudi (Hochschule für Philosophie München)

Berlin

Das Kolloquium in Berlin findet zur Zeit leider nicht statt.

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Mitglieder von SWIP und andere Philosophinnen arbeiten an einer Vielzahl von philosophischen Projekten; erkenntnistheoretische, sprachphilosophische, analytische, kontinentale, feministische, radikale, moraltheoretische, klassische, postmoderne, sozialtheoretische, spektakuläre, ungewöhnliche, und viele mehr. SWIP Germany lädt alle Philosoph_innen ein, bei einem monatlichen Jour Fixe zusammen zu kommen und diese  diversen philosophischen Projekte zu diskutieren. Die Jour Fixe Veranstaltung wird jeden dritten Freitag im Monat stattfinden und besteht aus zwei Teilen, die zusammen oder auch getrennt von einander besucht werden können.

Der erste Teil
Ein SWIP-Kolloquium indem eine Philosophin ihr derzeitiges Projekt als halbstündigen Vortrag vorstellt. Um Wissenshierarchien abzubauen, rufen wir außerdem alle Teilnehmerinnen zu Mut zum Unwissen auf. Der Vortrag sollte dementsprechend so aufbereitet sein, dass man auch ohne Vorwissen etwas lernen und Fragen stellen kann. Viel zu selten bekommen wir in der Philosophie die Gelegenheit, etwas über andere Forschungsbereiche zu lernen (ohne dabei so tun zu müssen, als wüssten wir alles schon). Das Kolloquium soll dann mit einer Diskussion abgeschlossen werden, sodass die vortragende Person Feedback zu ihrem Projekt bekommen kann.

Der zweite Teil
Nach dem Kolloquium geht es dann jeden Monat in eine Berliner Kneipe, wo der SWIP-Stammtisch stattfindet.

Stammtisch und Kolloquium sollen,

  • die Vernetzung von Philosophinnen in Berlin fördern;
  • die Möglichkeit zur Diskussion für Nachwuchswissenschaftlerinnen bieten;
  • den Abbau von Wissenshierarchien im akademischen Umfeld fördern;
  • das enorm große Feld, in dem Philosophinnen arbeiten, aufzeigen.

Spielregeln
Das Kolloquium kann von allen Interessierten besucht werden; das bedeutet, Personen jeglichen denkbaren und undenkbaren Geschlechts – sowohl SWIP-Mitglieder als auch nicht-SWIP-Mitglieder.

Das Kolloquium bedarf keiner Vorarbeit; die Vorträge sind so konzipiert, dass keine Vorlektüre notwendig ist.

Das Kolloquium ist nach dem Motto “Mut zum Unwissen” aufgebaut: wirklich alle Fragen sind willkommen; die mit Vorwissen und die ohne.

Obwohl alle Interessierten das Kolloquium besuchen können, ist es denen, die sich als Frau definieren, vorbehalten, in diesem Rahmen Vorträge zu halten. Wenn sich mehrere Interessierte für einen Vortrag anmelden, werden wir die Nachwuchswissenschaftlerinnen vorziehen.

Der anschließende Stammtisch kann in Kombination mit dem Kolloquium oder auch einfach so besucht werden. Der Stammtisch ist für SWIP-Mitglieder und nicht-Mitglieder offen, da er allerdings zum Austausch unter Philosophinnen betragen soll, ist der Stammtisch nur für diejenigen, die sich als Frau definieren.

Weil die Frage kam: ein Nachwort zur Exklusivität
SWIP Germany ist ein Verein zur Förderung von Frauen in der Philosophie. Wir begrüßen daher alle Themen, die in der Philosophie angesiedelt werden können und diskutieren nicht ausschließlich feministische Philosophie. Ein großer Bestandteil von der Förderung von Frauen in der Philosophie, ist der Austausch und das Netzwerken unter Philosophinnen. Wir betonen dies hier deshalb, weil es Teil der Erklärung ist, warum nur Philosophinnen beim Jour Fixe Vorträge halten und nur Philosophinnen am Stammtisch teilnehmen können.

Der Grund ist nicht, dass wir der Meinung sind, dass sich anders definierende Personen nicht genauso wertvolle und interessante Philosophie betreiben (eben deshalb sind wir im Kolloquium auch an einem Austausch mit allen interessiert), sondern, dass wir:

  1. der Meinung sind, dass Frauen in der Philosophie immer noch zu selten die Gelegenheit bekommen, ihre (noch nicht abgeschlossenen) Projekte vorzustellen und
  2. mit dem Stammtisch einen Raum bieten wollen, in dem die Möglichkeit besteht, sich über ähnliche Erfahrungen auszutauschen und in Ruhe Kontakte zu knüpfen.

Natürlich sind wir uns darüber im Klaren, dass es zu wenige Veranstaltungen zu feministischer Philosophie und für diejenigen gibt, die sich als feministisch, aber nicht als Frau definieren. Viele der Ziele von SWIP sind feministisch motiviert ebenso wie viele der Veranstaltungen und der Themen, die SWIP vertritt – SWIP ist aber in erster Linie ein Verein für Frauen und nicht für feministische Philosophie! Dies bedeutet nicht, dass sich Personen, die sich nicht als Frau definieren, sich nicht bei SWIP engagieren können, es bedeutet aber, dass sie keine ordentlichen Mitglieder sein können. Aber: Sollte es nicht manchmal ausreichen, feministische Solidarität zu zeigen, ohne dass man selbst davon profitiert?

Sandra Frey

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Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

6. SWIP Germany Jahrestagung

Solidarität

Daten: 23.-24.11.2018

Ort: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Rosensäle, Fürstengraben 27, 07743 Jena

Zum Plakat.

Der Ruf nach Solidarität hat insbesondere in öffentlichen Debatten immer wieder Konjunktur. Allerdings zeigen sich in der Verwendung des Begriffs durchaus Ambivalenzen: Einerseits meinen wir intuitiv zu wissen, was damit gemeint ist. Wir fordern sowohl in privaten als auch in politischen Kontexten voneinander Solidarität und kritisieren unsolidarisches Verhalten. Andererseits entzünden sich aber gerade an konkreten Fällen auch erbitterte Auseinandersetzungen. In der Regel wird darüber gestritten, welche Handlungen und Maßnahmen nun in Bezug auf Personen oder politische Gruppierungen tatsächlich als solidarisch zu werten sind. Das mag damit zu tun haben, dass über Solidarität vorrangig fallbezogen gesprochen wird, aber das damit verbundene normative Konzept selbst weitgehend unbestimmt bleibt. Eine begriffliche Aufklärung, deren Bestimmungen sich aber auch in den vielfältigen Kontexten ihrer Anwendung bewähren müssen, könnte Abhilfe schaffen und – so die Hoffnung der Tagung – vielleicht auch die Praxis weiterbringen.

Während des diesjährigen SWIP-Jahrestreffens möchten wir im Rahmen von Vorträgen und Workshops über Arbeitsgebiete, Traditionslinien und Statusgruppen hinweg den Begriff der Solidarität ins Zentrum stellen. Im gemeinsamen Gespräch wollen wir uns über (un)solidarische Praxen verständigen, die uns sowohl in der Universität als auch in unserer sonstigen Lebenswelt begegnen. Welche konkreten unsolidarischen Praktiken kennen wir? Welche Verhaltensmuster oder institutionell begünstige Machtverhältnisse lassen sich benennen, durch die Ausschlüsse produziert werden? Fördern womöglich schon traditionelle Besonderheiten der Philosophie selbst – etwa ihre “Streitkultur”, ihre Arbeitsweisen und Methoden, oder sogar der Duktus ihrer zentralen klassischen Texte – entzweiende, unsolidarische Haltungen zwischen den Philosophierenden? Begünstigen sie die Unterrepräsentanz von Frauen* in der akademischen Philosophie und betreffen insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs? Wie lassen sich demgegenüber wirksame Gegenmaßnahmen solidarischer Praxen etablieren? Wo hingegen liegen mitunter auch die Grenzen von Solidarität – wenn sich beispielsweise manche Philosoph*innen gar nicht vorrangig als einer bestimmten Gruppierung zugehörig positionieren wollen?

Die Veranstaltungen der SWIP verfolgen das Ziel des Austauschs, der Netzwerkbildung und des Empowerments insbesondere – aber keineswegs ausschließlich – von Frauen* in der Philosophie. Die Teilnahme an der Jahrestagung ist offen für alle Geschlechter und kostenlos, um Anmeldung wird jedoch gebeten (swip-tagung@uni-jena.de). Bei Bedarf einer Kinderbetreuung, die wir über JUni-Kinder anbieten können, melden Sie sich bitte bis 10.10.18 per E-Mail an die genannte Adresse.

Programm:

Freitag, 23. November
12.30-13.00 Eröffnung
13.00-14.30 Impulsreferate: Christine Abbt (Luzern), Franziska Dübgen (Koblenz-Landau) und Frauke Kurbacher (Münster)

14.30-15:00 Kaffeepause
15:00-17.30 Parallele Workshops:

A) Wie umgehen mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in klassischen Werken? (LS Praktische Phil., Jena)

B) Möglichkeiten solidarischer Praxis in der Philosphie (Christine Bratu, Mara-Daria Cojocaru (München) )

17:30-18:00 Kaffeepause
18:00-19.30 Abendvortrag von Beate Rössler (Amsterdam)
ab 19.30 gemeinsames, kostenloses Abendessen

Samstag, 24. November
9.30-12.00 Mitgliederversammlung und Vorstandswahl der SWIP

Organisation: Andrea M. Esser, Karolin-Sophie Stüber, sowie die Mitarbeiter*innen des Lehrstuhls für Praktische Philosophie in Jena.

Sarah Bianchi

Foto: Nada Quenzel

Foto: Nada Quenzel

Hallo aus dem Zug! Gerade bin ich auf der Rückfahrt von Frankfurt am Main. Dort arbeite ich in diesem Semester als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialphilosophie bei Prof. Dr. Martin Saar an der Goethe-Universität. Meine Forschungsinteressen liegen systematisch im Bereich der Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie und historisch im Bereich des Deutschen Idealismus (v.a. Kant) sowie der Romantik (Nietzsche) und der Postmoderne (Foucault). Was mich vor allem interessiert, sind die anderen Philosophiegeschichten, die jenseits der gängigen Interpretationen liegen. Nietzsche etwa ist nur zu oft dem Vorwurf ausgesetzt, dass er bloß den Weg in eine Aristokratie ebnet. Ich glaube auch, dass an dem Vorwurf etwas dran ist, nur bin ich auch davon überzeugt, dass es auch noch einen anderen Nietzsche gibt. Dieser Nietzsche spricht etwa von Freundschaften fernab elitärer Beziehungsgeflechte. Einen Vorschlag, wie solche Formen von Inklusions- und Exklusionsmechanismen im ganzen Leben – von Selbstverhältnissen, über ethische, ästhetische, rechtliche und politische Bereiche – zusammengedacht werden könnten, habe ich mit meiner Doktorarbeit „Einander nötig sein. Existentielle Anerkennung bei Nietzsche“ an der Humboldt-Universität zu Berlin angeboten. An der Princeton University habe ich die Publikation meiner Doktorarbeit (Fink 2016) abgeschlossen.

Schon während meines Studiums hat mich das Problem von Exklusionsformen beschäftigt. Studiert habe ich die Fächer Neuere/Neueste Geschichte, Philosophie und Französische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der École Normale Supérieure de Cachan/Paris sowie an der Universität Potsdam. Die Möglichkeit, einen Bachelorabschluss an der ENS Cachan zu machen, habe ich aufgrund eines Arbeitsangebots vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) abgelehnt. Zudem stand schon recht früh für mich fest, dass ich meine Magisterarbeit zur Dreyfus-Affäre in Berlin schreiben wollte. Dieses Fallbeispiel hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, weil es die diffuse Verwobenheit von Inklusions- und Exklusionsformen zeigt. 2012 wurde die Arbeit in dem Verlag Peter Lang veröffentlicht.

Gerade bin ich dabei, das Buchmanuskript unter dem Titel „Governing Oneself: Critical Aesthetics of Enhancement“ abzuschließen. Darin fasse ich die Ergebnisse zusammen, die ich während meiner Zeit als Postdoc in dem „The Enhancing Life Project“ der Universität Chicago an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Stanford University sowie an der Princeton University gewonnen habe. Gemeinsam mit 35 anderen Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt haben wir uns der Frage gestellt, ob die neuesten technologischen Entwicklungen, die unter dem Modewort „Enhancement“ gefasst werden, eigentlich wirklich das Leben verbessern, so wie sie es immerhin zu versprechen scheinen. In diesem Buchprojekt nehme ich den Faden der Inklusions- und Exklusionsmechanismen weiter auf: Nun geht es mir darum, die Wirkungsverhältnisse im Feld von Enhancementtechnologien zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang habe ich insbesondere in Kalifornien eine amerikanisch-deutsche Kollaboration mitgeleitet. Hier sind wir der Frage nachgegangen, was Enhancement-Strategien eigentlich am Beginn des Lebens machen, und zwar nicht nur mit uns, sondern auch mit möglichen zukünftigen Generationen. An der Ostküste habe ich anschließend weiter das Handwerkszeug gelernt, den Bereich der Ästhetik in einem weiten Sinn zu verstehen: als tatsächlichen Bezug zu unserer Existenz. Erste Schritte auf dem Weg hin zu dem amerikanischen Postdoc-Projekt habe ich als Fellow am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar machen können. In der letzten Woche ist der von mir herausgegebene Band drei „Auf Nietzsches Balkon III“ erschienen. Er versammelt die Texte der Stipendiat_innen, die ganz wortwörtlich auf Nietzsches Balkon in der Villa Silberblick entstanden sind.

Mögliche Rückfragen oder Kommentare können gern an mich gemailt werden: S.Bianchi (at) em.uni-frankfurt.de

Weitere Informationen sind auf meinem Profil bei academia: http://uni-frankfurt.academia.edu/SarahBianchi

Almut Kristine von Wedelstaedt

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Ich gehöre zu den Leuten, die früh in ihrem Leben angefangen haben, Philosophie zu lesen, und dann eigentlich nie etwas anderes machen wollten. Insofern bin ich sehr froh, dass ich immer noch Philosophie mache und beruflich machen darf, auch wenn ich seit diesen frühen Anfängen eine philosophische Kehrtwende gemacht habe. Angefangen habe ich nämlich, wie wahrscheinlich viele beginnen, mit Sartre, de Beauvoir, Camus, Nietzsche und Heidegger und deshalb wollte ich unbedingt irgendwo studieren, wo man sich mit Existentialismus beschäftigen kann. Da passt meine Heimatstadt Bielefeld wirklich gar nicht. Wegen eines leicht verspäteten, weil externen Abiturs konnte ich aus terminlichen Gründen allerdings nur in Bielefeld beginnen und da ich auf keinen Fall ein Semester warten wollte, habe ich trotzdem in Bielefeld angefangen. Am ersten Tag meines Studiums bin ich dann in eine HIT-Veranstaltung bei Eike von Savigny geraten. HIT stand für „Hausarbeit in individuell betreuten Teilschritten“ und war – man verzeihe mir den Kalauer – tatsächlich ein Hit. Ich habe gefühlt nie wieder in so kurzer Zeit so viel gelernt wie in dieser Veranstaltung, in der man neben den normalen Seminarsitzungen sechs Mal im Semester Texte abgab, die sechs Mal in einer halbstündigen Einzelbesprechung diskutiert wurden, und aus denen sich am Ende die Hausarbeit zusammensetzte. Wie nebenbei kam ich völlig ab von allem, was ich vorher gelesen hatte, und beschäftigte mich fortan hauptsächlich mit genuin analytischer Philosophie, im Studium insbesondere Wittgenstein. Bis heute bin ich hauptsächlich in der analytischen Philosophie unterwegs, vermeide aber möglichst jede Art von Dogmatismus oder Schulbildung.

Dieser Anfang ist für mich nicht nur wichtig, weil es halt mein Anfang ist, sondern auch, weil ich an diesem Anfang ein Bild von Philosophie gewonnen habe, an dem ich festhalte. Philosophie ist demnach etwas, was man lernen und lehren kann. Es ist überhaupt nicht leicht zu erklären, was genau Menschen tun, die philosophieren, aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzusehen, dann kann man einiges darüber herausbekommen und das kann man auch vermitteln. Dieses Bild von Philosophie ist für mich deshalb so wichtig, weil meine jetzige Aufgabe an der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld als Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung viel damit zu tun hat. Ich denke im Rahmen dieses Jobs viel darüber nach, was gutes Philosophieren ist und wie man das in einem Philosophiestudium gelingend vermitteln kann. In diesem Zusammenhang interessiert mich unter anderem, wie man Diversität in der Philosophie ermöglichen und damit umgehen kann. Aus diesem Interesse resultiert auch mein Engagement für SWIP.

In meiner Forschung beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit Fragen der Moralbegründung. Das ist etwas ganz anderes als ich in meiner Dissertation gemacht habe, die von philosophischen Theorien narrativer Identität handelte und die Frage stellte, ob das überhaupt überzeugende Theorien personaler Identität sein könnten (ganz kurz: nein). Jetzt interessiert mich vor allem die Frage, ob es möglich ist, eine Begründung von Moral zu geben, die moralische Forderungen für alle Menschen verpflichtend macht, einfach weil sie Menschen sind. Zu diesem Zweck versuche ich ein Verständnis von menschlicher Natur fruchtbar zu machen, das allerdings nicht essentialistisch ist, weil menschliche Natur demnach historisch kontingent und sozial konstruiert ist. Eine solche Konzeption sehe ich etwa in Peter Strawsons Überlegungen in „Freedom and Resentment“ angelegt. Vom Ansatz her gibt es bei meinen Überlegungen Ähnlichkeiten zu den neoaristotelischen Moralkonzeptionen Philippa Foots und Rosalind Hursthouses, ohne dass ich mich auf ein tugendethisches Moralverständnis festlegen will. Aber deren Blick auf die menschliche Natur und ihre Gelassenheit gegenüber dem Begründungsproblem der Moral scheint mir sehr hilfreich.

Außerdem beschäftigen mich in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder Themen der Philosophie der Sexualität. Jetzt gerade ist das insbesondere die Frage, ob Zustimmung allein ausreichend ist für die moralische Güte einer sexuellen Handlung. Meines Erachtens ist sie es nicht. Stattdessen kann man mehr über die moralische Qualität von sexuellen Handlungen sagen, wenn man in Betracht zieht, dass es ein Idealbild von sexuellen Begegnungen gibt, das damit zu tun hat, dass sich die Partner auf Augenhöhe begegnen.

Obwohl ich zwar gern allein am Schreibtisch sitze und an meinen verschiedenen Aufgaben und Themen arbeite, schätze ich den Austausch mit anderen sehr und profitiere davon in ganz verschiedenen Hinsichten sehr, inhaltlich philosophisch ohnehin, aber auch was meine persönliche Entwicklung als Lehrende, Forschende und an der Hochschule Tätige angeht. In diesen Hinsichten den Austausch mit anderen zu nutzen und auch bspw. Mentoring-Angebote zu nutzen, dazu kann ich nur ermutigen. Ich erlebe es beispielsweise oft als eine Herausforderung, die Anforderungen des akademischen Philosophierens mit denen einer kleinen Familie – ich habe einen zweijährigen Sohn – unter einen Hut zu bekommen. Dabei hilft der Austausch mit anderen ungemein.

Dr. Almut Kristine v. Wedelstaedt Koordinatorin für Qualitätsmanagement, Studienorganisation und Leitung, Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld