Julia Zakkou

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Ich bin seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied der Emmy-Noether-Forschungsgruppe Ontologie nach Quine. Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Mitglied der DFG-Gruppe Metametaphysik. Nach Abschluss meines Studiums der Philosophie und Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war ich für ein Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für theoretische Philosophie am Seminar in Heidelberg. Meine Doktorarbeit im Bereich der Sprachphilosophie an der HU-Berlin habe ich im Dezember 2014 eingereicht und im Dezember 2015 verteidigt. Während meines Studiums und meiner Promotionszeit war ich für mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland: am King’s College der University of Cambridge, bei LOGOS in Barcelona, Arche in St Andrews und dem Northern Institute of Philosophy in Aberdeen. Bis Dezember 2016 bin ich Gast am Institut Jean Nicod in Paris.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachphilosophie und angrenzenden Bereichen der Linguistik.
In meiner Doktorarbeit mit dem Titel Tasty Contextualism habe ich mich mit fehlerfreien Meinungsverschiedenheiten befasst. Eine solche Meinungsverschiedenheit liegt z.B. dann vor, wenn zwei Personen ihre unterschiedlichen Geschmacksvorlieben zum Ausdruck bringen, indem die eine Person sagt „Lakritze ist lecker“ und die andere erwidert „Stimmt gar nicht. Lakritze ist widerlich!“ Der vorherrschenden Meinung zufolge können orthodoxe semantische Theorien dieses Phänomen nicht erklären. Nur der sog. Relativismus könne das. Er besagt, dass „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ Propositionen ausdrücken, die nur relativ zu einem Geschmacksparameter einen Wahrheitswert haben. In meiner Doktorarbeit verteidige ich die orthodoxe Semantik. Ich argumentiere für den sog. Kontextualismus, demzufolge „Lakritze ist lecker“ und „Lakritze ist widerlich“ indexikalischen Sätzen ähneln (d.h. Sätzen wie „Ich heiße Julia“ und „Heute scheint die Sonne“) und die ausgedrückten Propositionen somit einen absoluten Wahrheitswert haben. Anders als herkömmliche Ausformulierungen erweitere ich den Kontextualismus um eine pragmatische These. Sie besagt, dass mit den fraglichen Urteilen eine Präsupposition der Überlegenheit des eigenen Standards oder Standpunktes verbunden ist.
In weiteren Aufsätzen beschäftige ich mich mit allgemeineren Fragen aus dem Bereich der Semantik und Pragmatik. Auf Seiten der Semantik interessiere ich mich für Indexikalia und Demonstrativa (wie „ich“, „heute“, „hier“ einerseits und „da“ und „dort“ andererseits) sowie weitere Arten kontext-abhängiger Ausdrücke. Auf Seiten der Pragmatik (im weiten Sinn) interessieren mich besonders Implikaturen und Präsuppositionen. Klassischen Bespiele für Implikaturen liefern die Sätze „Er hat eine schöne Handschrift“ und „Sie ist nach Hause gefahren und hat ein Bier getrunken“: Als Teil eines Philosophie-Empfehlungsschreibens wird mit dem ersten Satz implikiert, dass die fragliche Person philosophisch nicht besonders begabt ist. Als Teil eines Zeugenberichts bei der Polizei implikiert der zweite Satz, dass die fragliche Person erst nach Hause gefahren ist und dann ein Bier getrunken hat. Ein klassisches Beispiel für eine Präsupposition liefern Kennzeichnungen wie „meine Schwester“: Mit dem Satz „Meine Schwester ist die Beste“ präsupponiere ich, dass ich eine Schwester habe. Durch meine Arbeit in zwei Forschungsprojekten zur Metaontologie und Metametaphysik habe ich außerdem ein großes Interesse an Fragen aus dem Schnittbereich aus Sprachphilosophie und Ontologie entwickelt, etwa nach der Semantik und Pragmatik von metaphysischem Schlüsselvokabular wie Zahlausdrücken.
In meiner Habilitation mit dem Arbeitstitel In a Roundabout Way – Tests for Indirect Communication gehe ich der Frage nach, wie wir herausfinden können, auf welche Weise eine Person das, was sie meint, kommuniziert — ob sie es z.B. semantisch ausdrückt, implikiert oder präsupponiert. Tests zur Unterscheidung dieser verschiedenen Kommunikationsformen sind nicht nur für die Sprachphilosophie und Linguistik von großem Interesse. Sie gewinnen auch in anderen Bereichen der Philosophie, wie der Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik, zunehmend an Bedeutung.
Daneben habe ich zwei „kleine“ Nebenprojekte:
Im ersten geht es um eine besondere Art von subjunktiven Konditionalsätzen, nämlich um Anderson Conditionals. Das wohl bekannteste Beispiel für einen solchen Konditionalsatz stammt von Alan Anderson und lautet „If Jones had taken arsenic, he would have shown the same symptoms he actually shows“. Der vorherrschenden Meinung zufolge zeigen solcherlei Sätze, dass kontrafaktische Konditionalsätze nicht die Falschheit des Antezedens präsupponieren. Genauer: Sie übertragen diese Annahme von non-past subjunctive conditionals (wie z.B. „If Jones came to the party, he would bring flowers“, manchmal auch Potentialis-Sätze genannt) auf past subjuntive conditionals (wie den genannten Anderson-Satz oder z.B. auch „If Jones had come to the party, he would have brought flowers“, manchmal auch als Irrealis-Sätze bezeichnet). Ich argumentiere dafür, dass dieses Argument viel schwächer ist als bislang angenommen. Denn anders als man vielleicht vermuten mag, sprechen verschiedene sprachphilosophische und linguistische Tests dafür, dass auch Anderson Conditionals die Falschheit des Antezedens präsupponieren.
Im zweiten Projekt geht es ebenfalls um Konditionalsätze, diesmal aber um eine bestimmte Art von indikativischen Konditionalsätzen, nämlich um Biscuit Conditionals. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für solch einen Satz stammt von John Austin und lautet „If you want some, there are biscuits on the sideboard“. Der gängigen Auffassung zufolge liefern solcherlei Sätze Aufschluss darüber, welchen Beitrag das konditionale „then“ (bzw. „dann“) leistet. D.h. sie leisten Aufschluss darüber, wodurch sich z.B. der Satz „If you are hungry, I will buy you some biscuits“ vom Satz „If you are hungry, then I will buy you some biscuits“ unterscheidet. Denn in Biscuit Conditionals, so die These, kann „then“ nicht auftauchen. Ich argumentiere dafür, dass diese These falsch ist: Es gibt Biscuit Conditionals mit konditionalem „then“. Die Semantik und Pragmatik von „then“ scheint also komplizierter als bislang angenommen.
Weitere Informationen finden sich hier: juliazakkou.net

Lena Kästner

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Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2014 forsche ich hier in der Philosophie des Geistes und der Wissenschaftstheorie. Insbesondere widme ich mich wissenschaftlichen Erklärungen, Kausalität in den Spezialwissenschaften, unterschiedlichen Typen von Experimenten und dem Begriff des Phänomens. Ich unterrichte für den internationalen und interdisziplinären Masterstudiengang “Mind and Brain” Philosophie. Dies bereitet mir besonders deshalb große Freude, weil meine eigene akademische Laufbahn in einem ganz ähnlichen Umfeld begann.
Ab 2006 studierte ich Cognitive Science an der Universität Osnabrück. 2008 verbrachte ich ein Semester im Philosophy-Neuroscience-Psychology-Program an der Washington University in St. Louis, wo ich begann intensiv zur Geschichte der Kognitionswissenschaft und unterschiedlichen Theorien des Geistes zu arbeiten. 2009 wechselte ich an das University College London. Hier machte ich meinen Master in Cognitive Neuroscience und erforschte ich die kortikale Verarbeitung von Gebärdensprache. Meine philosophische Ausbildung war so von Anfang an eng mit der empirischen Erforschung des Gehirns gekoppelt.
Die Erfahrungen, die ich während der empirischen Arbeit gemacht habe, haben mein wissenschaftstheoretisches Interesse geweckt. Warum tun Wissenschaftler was sie tun? Wie kann man die Forschungspraxis verbessern? Und wie funktioniert das eigentlich, wenn Wissenschaftler kognitive Phänomene wie etwa Sprachverarbeitung oder Gedächtnis erklären? Letzteres sollte die Kernfrage meiner Dissertation werden.
Ich begann meine Promotion 2010 an der Ruhr-Universität Bochum unter der Betreuung von Albert Newen (Bochum). Während eines Auslandsaufenthaltes in den USA hatte ich das Glück auch mit Bill Bechtel (San Diego) und Carl Craver (St. Louis) zusammen zu arbeiten. Beide sind zentrale Figuren in der modernen Debatte um Erklärungen; von dem engen persönlichen Austausch mit ihnen profitiere ich noch heute.
Im Zentrum meiner Dissertation standen zwei philosophische Theorien, die sich beide an empirischer Forschungspraxis orientieren: die mechanistische Erklärungstheorie und der Interventionismus. Die mechanistische Erklärungstheorie besagt, dass Wissenschaftler Phänomene erklären, indem sie die ihnen zu Grunde liegenden Mechanismen identifizieren. Interventionsstudien sind dabei ein zentrales Instrument. Das sind Experimente, bei denen man einen Faktor X manipuliert um den Effekt auf einen anderen Faktor Y zu testen.
Zunächst scheint die Kombination von Mechanismen und Interventionen ein plausibles Bild experimenteller Forschung zu zeichnen. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch Missstände auf; zwei davon habe ich in meiner Arbeit eingehend diskutiert:
  1. Im Interventionismus sind Interventionen dazu gedacht, Kausalverbindung aufzudecken. In mechanistischen Erklärungen spielen aber auch andere Relationen eine Rolle, z.B. Teil-Ganzes Beziehungen. Und diese lassen sich per Definition nicht mittels Interventionen analysieren.
  2. Zweitens ist der Fokus auf Interventionen für das Verständnis wissenschaftlicher Praxis zu einseitig. Wissenschaftler nutzen eine ganze Reihe weiterer Strategien, wenn Sie Mechanismen erforschen. Ein simples Beispiel ist die Zellfärbung. Wissenschaftler tauchen Gewebeproben in Lösungen, um bestimmte Strukturen sichtbar zu machen. Hierbei handelt es sich zwar um eine Manipulation, aber keine Intervention im technischen Sinne. Das Baden in der Lösung färbt die Zellen, aber Ziel der Wissenschaftler ist nicht zu testen, ob sich die Zellen färben; das ist ja bereits bekannt. Vielmehr ist die Zellfärbung ein Werkzeug, die dazu dient, vorhandene Strukturen sichtbar zu machen, gerade weil das Bad ja bestimmte Strukturen färbt. Diese Art nicht-interventionistischer Manipulation nenne ich bloße Interaktion (mere interaction). Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung von Mechanismen bzw. deren Komponenten.
Nun wissen wir, dass unterschiedliche Experimente zu (mechanistischen) Erklärungen beitragen. Aber wie entscheiden Wissenschaftler, welche Experimente sie durchführen? In neueren Arbeiten zeige ich, dass die Wahl der Experimentalstrategie wesentlich davon gesteuert wird, welche Art von Phänomen erklärt werden soll. Geht es mir um die Stadien, die ein Prozess durchläuft? Will ich herausfinden, wie ein Endprodukt entstanden ist? Oder will ich verstehen, wie ein relativ stabiles Gleichgewicht reguliert wird? Diese Fragen setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte und zu ihrer Beantwortung bedarf es entsprechend unterschiedlicher Forschungs- und Erklärungsstrategien. Um das zu erkennen, müssen wir uns aber nicht nur mit Experimenten auseinandersetzten, sondern auch damit, was eigentlich die zu erklärenden „Phänomene“ sind.
Neben meiner Arbeit zu Experimenten widme ich mich aktuell der Philosophie der Psychiatrie. Insbesondere interessiert mich die Frage, welche Konzeptionen von Körper, Geist, Krankheit und Kausalität der klinischen Praxis zu Grunde liegen und wie sich das z.B. auf die Erforschung psychischer Krankheiten auswirkt.
Eine Theorie, die unser Verständnis psychischer Krankheiten verbessern soll ist Predicitve Coding. Die Grundidee ist, kurz gefasst, dass sämtliche zentralnervösen Prozesse auf Vorhersagen und deren Abgleich mit der Wirklichkeit basieren. Normalerweise triggern Vorhersagefehler Lernprozesse; aber wenn die Abweichungen zu groß sind, kann das zu Pathologien führen.
Predictive Coding soll nicht nur Psychopathologien erklären, es wirft auch neues Licht auf die grundsätzliche Rolle des Körpers für kognitive Prozesse. Verfechter führen außerdem an, dass Predictive Coding dank seines mathematischen Charakters die ganze Bandbreite kognitiver Prozesse abbilden kann. Somit soll Predictive Coding für die Neurowissenschaft etwa das sein, was für die Physik die Thermodynamik ist. Bei aller Euphorie bleibt jedoch zu bemerken, dass wesentliche Fragen bisher ungeklärt sind. Handelt es sich bei Predictive Coding überhaupt um eine Theorie im engeren Sinne? Kann man sie empirisch fundieren, und wenn ja, wie? Mit diesen Fragen setze ich mich derzeit kritisch auseinander.
Wenn ich Sie neugierig gemacht habe, besuchen Sie mich doch gern auf meiner Homepage (www.lenakaestner.de) oder kontaktieren Sie mich persönlich.