Stefania Maffeis

col_sqIch bin seit 2010 im Rahmen einer von der DFG finanzierten „Eigenen Stelle“ am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.

Dort arbeite ich an einem Habilitationsprojekt über die transnationale Zirkulation von politischen Ideen im Werk und in der Rezeption Hannah Arendts zwischen Deutschland und den USA von den 1940er Jahren bis Mitte der 2000er Jahre. Hauptsächlich konzentriere ich mich auf die Debatten um den Totalitarismus und den Eichmann-Prozess. Insbesondere analysiere ich, auf welche Art und Weise Arendts Konzept des „Politischen“ und die intellektuelle Figur „Hannah Arendt“ performativ hervorgebracht, anerkannt und abgelehnt, universalisiert und partikularisiert, zwischen unterschiedlichen historischen, sozialen und nationalen Räumen übersetzt und transformiert wurden.

Bei meiner Untersuchung verfolge ich zwei Hauptinteressen. Zum einen betrachte ich das Philosophieren und Theoriebilden als besondere soziale Praxis, die unter bestimmten historischen, politischen und ökonomischen Bedingungen stattfindet, von einer Kollektivität von unterschiedlich positionierten Agent_innen öffentlich praktiziert wird, implizite wie explizite Wissenselemente mobilisiert, soziale und symbolische Effekte ausübt. Methodisch und theoretisch stütze ich mich auf wissenssoziologische und wissenschaftsphilosophische Ansätze, insbesondere auf die Praxeologie und Feldanalyse Pierre Bourdieus sowie auf weitere Autor_innen wie Michel Foucault, Judith Butler, Luc Boltanski, und Bruno Latour.

Mein zweites Interesse gilt zum anderen der transnationalen Ideenzirkulation, die ich als eine besondere theoretische Praxis und als Forschungsperspektive auffasse. Als Prozess der Theoriebildung analysiere ich die Übertragung von Ideen zwischen unterschiedlichen nationalen Kontexten, um inhaltliche Sinnverschiebungen, soziale wie epistemische Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen, Konstituierungen und Reorganisierungen von sozialen Räumen und Philosophieverständnissen zu erfassen. Als Forschungsperspektive ermöglicht mir die transnationale Dimension, die Sozialität und geopolitische Situiertheit der Philosophie in prägnanter Weise zu erhellen. Die Spezifizität bestimmter lokaler und nationaler „Denkstile“, die in philosophischen Schriften meistens nicht explizit und nicht unmittelbar ersichtlich sind, wird durch die Arbeit an ihrer Übersetzung und Übertragung oft erst reflektierbar.
Bei dieser Frage berücksichtige ich Studien und Ansätzen aus den Translation Studies, der Entangled History und der postkolonialen Philosophie.

Mein Forschungsprogramm sehe ich als hermeneutischen, ideologiekritischen und metaphilosophischen Beitrag zur Philosophie selbst. Theoriebildung als soziale Praxis zu betrachten heißt, ein komplexeres und adäquateres Verständnis philosophischer Schriften im Bezug auf ihre Entstehungs- und Rezeptionskontexte zu erschließen. Indem sie reflektiert, wie Theorien „gemacht“ werden, kann meine Analyse außerdem Universalisierungen partikularer Standpunkte sowie soziale Kategorisierungen sichtbar machen und korrigieren, die in philosophische Texte und Vorträge unkontrolliert einfließen. Schließlich versuche ich, eine neue Methodologie der Philosophieforschung am Fallbeispiel „Hannah Arendt“ zu erproben, die auch anhand anderer Theorien und Beispiele weiterentwickelt werden könnte.
Meine ersten Arbeitshypothesen und Ergebnisse wurden in dem Aufsatz „Eine Feldanalyse der Philosophie am Beispiel von Performing ‚Hannah Arendt’: methodologische Betrachtungen“ veröffentlicht.

Ich habe Philosophie und Geisteswissenschaften an der Universität Parma mit Schwerpunkt auf deutscher Hermeneutik studiert. Zur Zeit meines Studiums entwickelte ich ein spezifisch politisches Interesse für Theorien im Rahmen von feministischen Lesekreisen, bildungspolitischen Veranstaltungen und politischen Aktionen an der Frauenuniversität in Verona und Brescia. 1998 kam ich zum ersten Mal dank eines Erasmus-Stipendiums und mit sehr rudimentären Deutschkenntnissen nach Berlin. Mein Studium schloss ich 2000 in Parma mit einer Magisterarbeit über die soziologische und die ontologische Hermeneutik von Pierre Bourdieu und Hans Georg Gadamer ab.

Im Jahr 2001 verlegte ich meinen ständigen Wohnsitz nach Berlin, diesmal mit dem Ziel einer Promotion, die ich 2005 an der Freien Universität Berlin unter Hauptbetreuung von Prof. Gunter Gebauer und dank eines Promotionsstipendiums im Rahmen des Berliner Nachwuchsförderungsgesetzes (NaFöG) abgeschlossen habe.

Meine Migrationserfahrung veränderte auf radikale Weise nicht nur meine Lebenssituation, sondern auch meine Art zu philosophieren. Das Problem der Beziehung zwischen Theorie und Praxis, Wahrheit und Geschichte, Erkenntnis und Weltsprachen stellte sich mir in seiner Dringlichkeit dar. Erstaunt über die rasche und endgültige Verdrängung einer philosophischen Tradition und Denkweise im Prozess der deutschen Wiedervereinigung entschied ich mich für eine Promotionsarbeit über die Philosophie in der DDR. Ich untersuchte die Verflechtungen zwischen Philosophie und Politik und ihre Transformationsprozesse von der Nachkriegszeit bis zur Zeit der deutschen Einigung. Insbesondere verfolgte ich den Diskurs um Friedrich Nietzsche. Ich führte Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen DDR-Philosoph_innen, stützte mich auf philosophie- und sozialhistorische Studien, auf Archivmaterialien verschiedener DDR-Institutionen und auf philosophische Texte. Die Arbeit wurde 2007 im Campus Verlag mit dem Titel Zwischen Wissenschaft und Politik. Transformationen der DDR-Philosophie 1945-1993 veröffentlicht.

Nach der Promotion und bis zur Bewilligung des DFG-Projekts war ich als Lehrbeauftragte für Philosophie, sowie als Sprachdozentin und Übersetzerin in Berlin tätig. Durch den Kontakt mit der transdisziplinären und transnationalen Forschergruppe ESSE (Espace des Sciences Sociales Européennes), die im Anschluss an Pierre Bourdieu zur transnationalen Ideenzirkulation arbeitete, begann ich, mein aktuelles Forschungsthema zu konzipieren.

Ich bin seit 2010 Vertrauensdozentin der Rosa Luxemburg Stiftung. Dabei engagiere ich mich in den Auswahlausschüssen für die Vergabe von Studiums- und Promotionsstipendien sowie in den Bewerbungsgesprächen mit Kandidat_innen.

Im Rahmen meiner Stelle biete ich regelmäßig Seminare zur politischen Philosophie an, die auch über mein spezifisches Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Theorien der politischen Gewalt, Staatsbürgerschaft, Kritik und Praxis, Exil und Migration.

Im Herbstsemester 2013 war ich DAAD-Stipendiatin und als research fellow am Hannah Arendt Center for Politics and the Humanities am Bard College in New York tätig.

Für weitere Informationen: http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we01/institut/mitarbeiter/drittmittel/maffeis/index.html

Monika Betzler

BetzlerIch bin derzeit Ordentliche Professorin für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Bern/Schweiz. Mein erstes Hauptinteresse gilt Themen, die mit unserer eigenen Lebensführung zu tun haben. Es geht mir hierbei um ein Verständnis derjenigen Probleme und Zusammenhänge, die unser Handeln über die Zeit hinweg aus unserer erstpersonalen Perspektive betreffen.

Dazu gehören Fragen der Autonomie, des Wohlergehens, Formen praktischer Irrationalität (wie etwa Willensschwäche und inverse Akrasie), des Wertens, der Rationalität, des diachronen Handelns sowie der Normativität. Ich habe mich auch mit praktischen Konflikten und der normativen Rolle von Emotionen, insbesondere von Bedauern, beschäftigt. So denke ich etwa, dass Bedauern, das sich auf vergangene Entscheidungen richtet, rational sein kann. Dies liegt daran, dass das, was wir einst wertgeschätzt haben und aufgrund eines Konflikts nicht mehr verfolgen können, Gründe generiert, es in bedauernder Form weiter zu schätzen.

In den letzten Jahren galt mein Interesse insbesondere der normativen Bedeutung von persönlichen Projekten. In meinem Buchmanuskript „Why Personal Projects Matter“ zeige ich neben einer Definition von persönlichen Projekten, warum diese eine distinkte Kategorie praktischer Vernunft sind und warum wir persönliche Projekte verfolgen „sollen“. Zum einen geben uns persönliche Projekte, etwa im Gegensatz zu anderen Kategorien praktischer Vernunft, wie Wünsche, Ideale oder Pläne, besondere Gründe: Sie generieren Gründe, sie über Zeit um ihrer selbst willen wertzuschätzen. Zum andern sind persönliche Projekte Ausdruck einer besonderen Art der Bindung („commitment“). Bindungen unterscheiden sich von anderen normativen Kategorien, wie Gründen und rationalen Erfordernissen, dadurch, dass sie modal stringent, aber pro tanto sind. D.h., wir haben in verschiedenen möglichen Welten Grund, unsere persönlichen Projekte weiterzuverfolgen – auch dann, wenn die Gründe, die für diese sprechen, verloren gehen. Dies liegt u.a. daran, dass persönliche Projekte Ausdruck unserer normativen Identität sind. Dies impliziert jedoch nicht, dass wir niemals Grund haben, unsere persönlichen Projekte aufzugeben. Wir haben nur sehr gewichtige Gründe, sie nicht so leicht zu hinterfragen.

Ein zweites Hauptinteresse gilt Themen aus dem Bereich der Sozialphilosophie und der normativen Ethik. Dazu gehören kollektives Handeln, moralische Verantwortung und Formen unmoralischen Handelns, die Reichweite und Grenzen deontologischer Ethik und die Möglichkeit der Integration deontologischer Intuitionen im Rahmen einer konsequentialistischen Moraltheorie, sowie die Familienethik.

Persönliche Beziehungen, Parteilichkeit sowie Rechte und Pflichten von Eltern und Kindern sind Gebiete, zu denen ich in den letzten Jahren verschiedene Forschungsprojekte (zusammen mit mehreren Postdocs – Barbara Bleisch, Magdalena Hoffmann und Jörg Löschke) verfolgt habe.

Hierbei habe ich u.a. versucht zu zeigen, dass Nahbeziehungen besondere Gründe für gemeinsames Handeln konstituieren. Gemeinsame Handlungen, die Beziehungen ausdrücken, lassen sich jedoch nicht über wechselseitige einzelne Absichten analysieren, sondern nur über den Wert der Beziehung selbst. Darüber hinaus glaube ich, dass sich spezielle Pflichten nicht konsequentialistisch rekonstruieren (und auch nicht konsequentialisieren) lassen. Meine Analyse von persönlichen Projekten hat mich dazu motiviert auszuführen, dass die Erziehung zur Autonomie, die Eltern ihren Kindern schulden, über das Wertschätzen von Proto-Projekten erfolgen muss.

Ich habe Philosophie, Literaturwissenschaften sowie Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (M.A. 1988; Dr. phil. 1992) studiert (mit einem vom DAAD finanzierten Auslandsstudium an der Université Lyon II sowie dank der Promotionsförderung durch die Studienstiftung des deutschen Volkes). Während meines Münchner Studiums widmete ich mich zunächst der Geschichte der Philosophie, insbesondere der klassischen deutschen Philosophie. Dies hat mein Interesse an unserem Selbstverhältnis massgeblich beeinflusst.

Nach der Promotion war es mir ein Anliegen, die Welt außerhalb der Universität kennenzulernen und philosophische Themen praktisch anzuwenden. Ich hatte das Glück, ein Traineeship an der „Cellule de Prospective“, einem Think Tank an der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, zu erhalten. So war ich (1992-1993) in Brüssel tätig und beschäftigte mich mit politischer Philosophie, insbesondere mit Fragen zu europäischer Staatsbürgerschaft. Zugleich erkannte ich, dass meine Leidenschaft dem philosophischen Nachdenken gilt, und nahm eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin (später dann als wissenschaftliche Assistentin) an der Georg-August-Universität in Göttingen am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin (1993-2004) an.

Während meiner Assistentinnenzeit verbrachte ich mehrere Jahre in den USA. Ein McCloy Scholarschip der Studienstiftung erlaubte mir zum einen, meine nach wie vor vorhandenen Interessen an der praktischen Umsetzung philosophischer Fragen zu verfolgen. Zum andern war es mir auf diese Weise möglich geworden, die angloamerikanische Philosophie genau kennenzulernen. So absolvierte ich an der Kennedy School of Government der Harvard University ein erneutes Masterstudium der Public Administration und studierte zugleich Philosophie u.a. bei Hilary Putnam, Derek Parfit und Amartya Sen (1994-1996). Es folgte ein weiteres Jahr als Visiting Scholar am Philosophy Department der Harvard University.

Als Feodor-Lynen-Stipendiatin der Humboldtstiftung verbrachte ich schliesslich ein gutes Jahr an der University of California at Berkeley bei Jay Wallace und Samuel Scheffler, die mein Nachdenken über persönliche Projekte maßgeblich beeinflussten (2002-2003).

2005 habilitierte ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wohin ich Julian Nida-Rümelin gefolgt war (2004-2006). Nach einer kurzen Zeit der Oberassistenz erhielt ich zwei Rufe und entschied mich, in die Schweiz zu gehen.

2012-2013 nahm ich ein Visiting Professorship dank eines Fellowships des Murphy Institute am Center for Ethics and Public Affairs an der Tulane University in New Orleans wahr. Seit 2012 bin ich Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Bioethik im Außerhumanbereich.

Für weitere Informationen: http://www.philosophie.unibe.ch/content/ueber_uns/team/mitarbeitende/betzler/index_ger.html