Annett Wienmeister

Photo AWSeit dem Wintersemester 2012/13 arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wo ich bei Christian Illies promoviere. Zuvor habe ich in Jena, Chambéry (Frankreich) und Omaha (USA) Philosophie, Biologische Anthropologie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert. Die Wahl dieser interdisziplinär ausgerichteten Studienkombination beruht auf der für mich bis heute geltenden Überzeugung, dass in verschiedenen Wissenschaften sinnvolle und sich ergänzende Antworten auf die Frage gefunden werden können, was der Mensch sei.

Nach meinem Studium habe ich in Jena am Lehrstuhl von Wolfgang Welsch gearbeitet und mich mit dem Zusammenhang der Begriffe des Lebendigen, der Subjektivität und der Intentionalität beschäftigt, wie er in Nachfolge von Maturana und Varela in der gegenwärtigen Autopoiesis-Schule hergestellt wird. Ausgehend von deren plausibler These, dass die konstitutiven Leistungen kognitiver Akteure bei der intentionalen Bezugnahme auf die Welt immer zu berücksichtigen sind, war es mein Anliegen, die daraus abgeleiteten konstruktivistischen Schlussfolgerungen zu entkräften. Denn aus der faktischen Unhintergehbarkeit bestimmter erkenntniskonstitutiver Formen folgt deren epistemische Subjektivität per se nicht, was zudem auch nicht ohne Weiteres mit einer biologisch-naturwissenschaftlichen Perspektive, aus der dieser Ansatz seine grundlegenden Argumente gewinnt, in Einklang zu bringen ist.

In meiner Promotion beschäftige ich mich weiterhin mit einer erkenntnistheoretischen Fragestellung: Welche Rolle spielt empirische Erfahrung für unser begriffliches Denken bzw. für unser Erkennen und wie ist das Verhältnis zwischen diesen beiden kognitiven Fähigkeiten zu bestimmen? Hierfür untersuche ich den Konzeptualismus der Erfahrung, wie er von John McDowell entwickelt wurde. Dieser vertritt die These, dass schon in unserer sinnlichen Erfahrung begriffliche Fähigkeiten passiv zur Anwendung kommen, die auch für unser aktives Denken konstitutiv sind. Mit seinem Ansatz möchte McDowell eine ‚quietistische‘ Antwort zu einem Problem der modernen Erkenntnistheorie geben, das er als ein stetiges Oszillieren zwischen den zwei Extremen eines Kohärentismus des begrifflichen Denkens und dem Mythos des Gegeben der nichtbegrifflichen Erfahrung beschreibt. Nur wenn wir Erfahrungen nicht mehr lediglich als reines Kausalgeschehen begreifen, sondern auch als durch begriffliche Fähigkeiten vermittelt, wird deren epistemische Relevanz für das Denken und Erkennen verständlich und ein minimaler Empirismus möglich.

Was den McDowellschen Ansatz meines Erachtens so interessant macht, ist seine Problemdiagnose für das oszillierende Moment in der Erkenntnistheorie, das er in einem Dualismus von Natur und Vernunft begründet sieht. Ausgehend von dieser Analyse ergibt sich allerdings die Frage, inwiefern sich der Erfahrungsbegriff mittels einer begrifflichen Aufwertung aus der dualistischen Zwickmühle befreien lässt. Vielversprechend erscheint es mir hier, den Fokus vom Aspekt des Begrifflichen auf den Aspekt der Fähigkeit zu verschieben. Eine Fähigkeit zu entwickeln und auszuüben impliziert mehr als eine Disposition zu haben (wie etwa auf bestimmte kausale Einflüsse differentiell zu reagieren). Ich möchte fragen, inwiefern wir den Begriff der Fähigkeit auf Elemente der Erfahrung anwenden können, die noch nicht begrifflicher Natur im anspruchsvollen Sinne sind, die aber dennoch normative und reflexive Aspekte aufweisen und somit über eine rein kausale Determinierung hinausgehen. Wenn dieser Ansatz gelingt, dann kann ein Erfahrungsbegriff gewonnen werden, der einige der Voraussetzungen beinhaltet, welche auch für abstrakt-begriffliches Denken und Erkenntnis konstitutiv sind.

Die Frage, inwiefern wir über ein dualistisches Weltbild hinausgelangen können, beschäftigt mich auch mit Blick auf die Ethik. In einem Workshop zum Thema „Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles: Natur als Entstehungsrahmen von Moral“, den ich im Februar gemeinsam mit meinen Bamberger Kollegen organisiere, fragen wir, inwiefern der Aristotelische Naturbegriff der physis die Möglichkeit eröffnet, den Menschen sowohl als natürliches als auch als moralisches Wesen zu begreifen, ohne hierbei die moralische Dimension auf Naturvorgänge zu reduzieren. Ziel ist es dabei zu prüfen, inwiefern die Konzeption der physis als möglicher Lösungsansatz für die Disparität zwischen Ethik und Evolutionstheorie fungieren kann.

Seit einigen Jahren richtet sich mein persönliches Interesse auch auf die ostasiatische Philosophie. Ich war in der glücklichen Lage, auf einer Reise in den Himalaya in buddhistische Klöster einzukehren, und konnte mich dort mit einigen der philosophischen Ansätze und religiösen Praktiken vertraut machen. Besonders interessiert mich derzeit der Begriff des sunyata, gewöhnlich mit „Leere“ übersetzt, der aber vielmehr für die vielfältigen wechselseitigen Bedingungsverhältnisse steht, die als konstitutiv für alles Seiende betrachtet werden. Welche Möglichkeiten und Grenzen diese Perspektive für unser Selbstverständnis als handelnde Subjekte birgt, ist eine herausfordernde Frage. So ist hier möglicherweise eine theoretische Grundlage für die derzeit viel gepriesene Gelassenheit zu finden. Ob und inwiefern wir diesen Ansatz mit der in der westlichen Tradition stark verankerten Subjektphilosophie fruchtbringend in Beziehung setzen können, möchte ich gern untersuchen.

„La philosophie, c’est comprendre ce qu’on vit” – dieser Satz, den mir meine Dozentin Eliane Burnet während meines Auslandsjahres in Frankreich in den Kopf gesetzt hat, begleitet mich seither. Philosophie möchte ich nicht ausschließlich als theoretische akademische Disziplin betrachten, sondern sie auch als hilfreiches Werkzeug sehen, das uns ein besseres Selbst- und Weltverständnis ermöglicht. Vor diesem Hintergrund bin ich bemüht, philosophisches Denken auch in den öffentlichen Raum zu bringen, etwa durch die Organisation von Veranstaltungen im Rahmen der Fränkischen Gesellschaft für Philosophie und des Forums Theoretische Philosophie oder durch Mitwirkung bei Projekten der durch den gemeinnützigen Verein Aktive Mitte e.V. in Bamberg veranstalteten Reihe „Kultur im Leerstand“.

Für weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten: www.uni-bamberg.de/?id=67465

Barbara Vetter

Barbara VetterIch bin Juniorprofessorin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studiert habe ich zunächst zwei Jahre an der Universität Erlangen und dann an der Universität Oxford, wo ich auch 2010 promoviert habe. Für ein Semester war ich Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und in dieser Zeit auch Geschäftsführerin der Gesellschaft für analytische Philosophie (GAP), bevor ich im Oktober 2010 meine jetzige Stelle an der Humboldt-Universität angetreten habe.

Im Zentrum meiner Forschungsinteressen steht der Begriff des Vermögens – also solcher Eigenschaften, die dafür sorgen, dass Individuen sich auf bestimmte Weise verhalten können. Zu den Vermögen gehören so unterschiedliche Eigenschaften wie meine Fähigkeit, Englisch zu sprechen, aber auch die Zerbrechlichkeit eines Glases oder die Tendenz eines Elektrons, andere negativ geladene Teilchen abzustoßen. Die Rede von Vermögen gehörte in der aristotelischen Tradition lange zum Standardrepertoire philosophischer Theorien, geriet in der frühen Neuzeit und insbesondere in den eher empiristisch orientierten Tendenzen der Philosophie aus der Mode, was auch zu einer gewissen Skepsis in der empiristisch geprägten analytischen Philosophie führte. In den letzten Jahren erleben Vermögen aber eine philosophische Renaissance, die sich zum Teil aus traditionell aristotelisch geprägten Richtungen, zum Teil aber auch aus der Wissenschaftstheorie speist. Meine eigene Forschungsarbeit ist Teil dieser Renaissance und bewegt sich in den Bereichen der Metaphysik, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie sowie neuerdings auch der Handlungs- und Erkenntnistheorie.

In der Metaphysik vertrete ich eine Theorie von Modalität – also Möglichkeit und Notwendigkeit -, die auf Vermögen basiert. Vermögen unterscheiden sich von Möglichkeiten zunächst einmal darin, dass ein Vermögen immer das Vermögen von etwas oder jemandem ist. Die Möglichkeit, dass dies oder jenes der Fall ist, gehört dagegen zu keinem bestimmten Individuum. (Vermögen sind Eigenschaften, Möglichkeiten nicht.) Das macht es auch leichter, Möglichkeiten, wie es in der zeitgenössischen Philosophie üblich ist, über mögliche Welten zu verstehen, deren Verhältnis zu den Individuen unserer Welt mindestens ungeklärt ist. Meine ursprüngliche Motivation für eine vermögensbasierte Theorie von Möglichkeit und Notwendigkeit war dann auch ein grundsätzliches Unbehagen an der Redeweise von möglichen Welten und der Tatsache, dass Debatten über Möglichkeit und Notwendigkeit zu Debatten darüber geworden sind, wie wir mögliche Welten verstehen sollen: als konkrete Paralleluniversen, abstrakte mengentheoretische Konstruktionen, Fiktionen, oder … Mit dem Phänomen, das uns ursprünglich interessiert, wenn wir uns fragen, was wir tun können oder was geschehen kann, schien mir das alles wenig zu tun zu haben. Mein eigener Vorschlag besagt, dass Möglichkeiten – und zwar im allgemeinsten Sinn von “metaphysischen Möglichkeiten” – weder mit Paralleluniversen noch mit mengentheoretischen Konstruktionen, sondern mit den Fähigkeiten, Dispositionen und Tendenzen von Dingen in dieser, unserer Welt zu tun haben. Eine solche Auffassung hat eine lange Tradition in der (aristotelisch geprägten, also v.a. mittelalterlichen) Philosophie. Mein Anliegen ist es aber, sie in der zeitgenössischen Philosophie gangbar zu machen. Dazu gehört unter anderem, dass die großartigen Fortschritte und Einsichten in der Logik  der Modalität sowie unser Verständnis der sprachlichen Ausdrücke für Möglichkeiten und Notwendigkeiten (in der Philosophie und Linguistik) berücksichtigt werden. Das habe ich zunächst in meiner Dissertation (die hier frei zugänglich ist) versucht und dann noch einmal in größerer Detailtiefe in einem Buch, das demnächst bei Oxford University Press erscheinen wird.

In der Sprachphilosophie vertrete ich die dazu passende Auffassung, dass wir mit modalen Ausdrücken wie “kann” oder “muss” tatsächlich nichts anderes tun, als Vermögen zuzuschreiben – dass wir also auch hier ohne die längst gängige Rede von möglichen Welten auskommen. (Details gibt es hier.) In letzter Zeit beschäftige ich mich mit empirischen Untersuchungen aus der Linguistik, z.B. der historischen Linguistik, die – wie mir scheint – für meine These sprechen. Und in der Wissenschaftstheorie habe ich mich mit Versuchen beschäftigt, mit Hilfe von Vermögen eine Theorie von Naturgesetzen zu formulieren.

Aktuell interessiere ich mich besonders für eine (vielleicht nicht ganz scharf abgrenzbare) Unterklasse der Vermögen: die Fähigkeiten von handelnden Wesen wie uns selbst. Anders als so genannte passive Vermögen oder “Dispositionen”, etwa die Zerbrechlichkeit eines Glases, scheinen Fähigkeiten in irgendeinem Sinn “aktiv” zu sein und uns eine gewisse Kontrolle über ihre Ausübung zu ermöglichen. Wie genau sich dieser Unterschied zwischen passiven Dispositionen und aktiven Fähigkeiten fassen lässt, scheint mir eine wichtige und ungelöste Frage zu sein. Fähigkeiten spielen eine wichtige Rolle in der Handlungstheorie, in vielen Theorien zur Willensfreiheit und auch in der Erkenntnistheorie. Dort basiert die so genannte “Tugenderkenntnistheorie” auf der Idee, dass Wissen mit der Ausübung von bestimmten Vermögen zu tun hat, die manchmal als Tugenden, oft aber auch als Fähigkeiten bezeichnet werden. Diese Idee soll unter anderem erklären, inwiefern Wissen wertvoller ist als bloße wahre Überzeugung und in welchem Sinne unser Wissen uns jeweils auf besondere Weise selbst zuzurechnen ist als etwas, das wir leisten, nicht etwas, das uns nur zustößt. Die Frage, ob der Fähigkeitsbegriff das leisten kann – insbesondere, wenn wir ihn klar vom Begriff einer Tugend trennen -, lässt sich, so meine ich, erst beantworten, wenn wir genauer geklärt haben, wie Fähigkeiten selbst zu verstehen sind; und daran arbeite ich im Moment.

Weitere Details und Links zu meinen Veröffentlichungen finden sich auf meiner HU-Webseite:
http://www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/theorie/mitarbeiter/prof-barbara-vetter/.