Andrea Klonschinski

(c) privat

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Auf die Idee eines Philosophiestudiums wäre ich von allein wohl nie gekommen, aber zum Glück lernte ich im ersten Semester meines Magisterstudiums (einer hier nicht näher zu nennenden und aus heutiger Sicht etwas absurd anmutenden Fächerkombination) an der Universität Leipzig Kommilitoninnen kennen, die im Hauptfach Philosophie studierten. Und was sie erzählten, klang überaus interessant: Umgang mit Texten und vielfältige Themen einerseits, dabei analytisches Denken und logisches Argumentieren andererseits – das war mein Fach. Hatte ich mich doch nach Deutsch und Mathe Leistungskurs nicht für die eine oder die andere Richtung entscheiden können und meine derzeitige Fächerkombination eher aus Verlegenheit gewählt. In der Philosophie gab es das Beste aus beiden Welten – was mich bis heute fasziniert.

Eher durch Zufall wählte ich Volkswirtschaftslehre als Nebenfach dazu, noch nicht ahnen könnend, dass dadurch die Grundlage für einen meiner Forschungs- und Interessenschwerpunkte (Philosophy of Economics) sowie für die Themen meiner Magisterarbeit (Die Konstitutionelle Ökonomik James M. Buchanans. Zur Rationalen Begründbarkeit politischer Institutionen) und später der Doktorarbeit (The Economics of Resource Allocation in Health Care: Social Value, Utility, and Fairness) gelegt war. Auch auf die Idee einer Promotion in Philosophie wäre ich, nebenbei bemerkt, vermutlich nicht gekommen, hätte ein damaliger Dozent mich nicht dazu ermuntert.

Für die Promotion folgte ich Prof. Weyma Lübbe nach Abschluss meines Studiums 2009 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Universität Regensburg, wo ich die Gelegenheit bekam, in der interdisziplinären DFG-Forschergruppe 655 „Priorisierung in der Medizin“ mitzuarbeiten. In diesem Kontext entstand auch meine Dissertation, die, anknüpfend an die Arbeit von Weyma Lübbe, eine konsequentialismuskritische und dogmengeschichtlich informierte Analyse gesundheitsökonomischer Evaluationen, also verschiedener Formen der Kosten-Nutzen-Bewertung im Gesundheitswesen, liefert. Genauer gesagt beschäftige ich mich in der Arbeit mit Versuchen der Gesundheitsökonomen, Gerechtigkeitsprobleme zu beheben, die bei der einfachen Maximierung von Gesundheit, gemessen in Form von quality adjusted life-years (QALYs), auftreten und versuche zu zeigen, dass diese Lösungsversuche scheitern müssen, da der konsequentialistische Rahmen von Kosten-Nutzen-Bewertungen non-konsequentialistische Gerechtigkeitserwägungen wie Chancengleichheit oder das Gebot der Nichtdiskriminierung nicht angemessen erfassen kann.

Obwohl das Thema sehr speziell klingt, thematisiert die Arbeit ganz grundlegende moralphilosophische und wirtschaftswissenschaftliche Fragen, etwa nach den Grenzen konsequentialistischer Theorien, dem Wert von Gesundheit, dem Nutzenbegriff, dem in der Ökonomik und insbesondere der angewandten Wohlfahrtsökonomik vorausgesetzten Entscheidungsmodell sowie die Frage, welche Rolle empirische Befragungen hinsichtlich der Lösung normativ-ethischer Probleme spielen können, um nur einige Beispiele zu nennen. In der Auseinandersetzung mit den in der Forschergruppe versammelten Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Fächern (insbesondere mit den Gesundheitsökonom*innen) habe ich in dieser Phase zum einen gelernt, wie schwer echtes interdisziplinäres Arbeiten tatsächlich ist, zum anderen aber auch, welch wichtige Funktion die Philosophie hier übernehmen kann, indem sie etwa Diskurse ordnet, Begriffe präzisiert, implizite Prämissen herausarbeitet und hinterfragt.

Im Jahr 2016 wechselte ich dann quer durch die Republik von Regensburg nach Kiel, wo ich derzeit (Februar 2019) bei Prof. Ludger Heidbrink als wissenschaftliche Assistentin tätig bin. Insofern ein wesentlicher Teil meiner Aufgaben darin besteht, gemeinsam mit einem Kollegen den Masterstudiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ zu koordinieren und entsprechende Lehrveranstaltungen anzubieten, bin ich wirtschaftsphilosophischen Fragen und Themen der politischen Philosophie sowie der angewandten Ethik auch weiterhin treu geblieben. Als weiterer Schwerpunkt in Forschung und Lehre ist zudem die Feministische Philosophie hinzugetreten.

Konkreter interessieren mich aktuell insbesondere zwei Themenbereiche. Der erste umfasst die Auseinandersetzung mit der normativen Relevanz von Gruppenungleichheiten, was etwa die Auseinandersetzung mit den Begriffen „Diskriminierung“ und „Diversität“ sowie die normativ-ethische Bewertung dieser Phänomene umfasst. Was ist eigentlich Diskriminierung und was ist daran moralisch falsch? Welche Rolle spielen implizite Biases und Stereotype dabei und wie sind entsprechende Handlungen moralisch zu bewerten? Welche Antidiskriminierungsmaßnahmen, etwa Quotenlösungen, sind gerechtfertigt?

Der andere Interessenschwerpunkt lässt sich mit der Überschrift „Epistemologie und Ethik“ versehen und umfasst die Themen epistemische Ungerechtigkeit sowie die normative Betrachtung von Nichtwissen. Eine Frage, die mich –, anknüpfend an die Auseinandersetzung mit empirischer Ethik im Rahmen der Doktorarbeit – umtreibt, liegt im Schnittbereich der genannten Felder und wird in der Literatur unter dem Stichwort Social Moral Epistemology behandelt. Dabei geht es darum, wer eigentlich wie akademische Moralphilosophie betreibt bzw. betreiben sollte, um zu gut begründetem „moralischem Wissen“ zu gelangen. Muss die akademische Philosophie aus ethischen und/oder aus epistemischen Gründen „diverser“ werden? Was genau heißt das überhaupt? Welche Gruppen müssen hier berücksichtigt werden? Wie lässt sich bei einer derartigen Forderung eine Essentialisierung verschiedener Denkstile („Frauen denken so und Männer so“) vermeiden? (Einige Gedanken zum Thema Frauen in der akademischen Philosophie habe ich hier formuliert: https://www.praefaktisch.de/metoo/metoo-und-frauen-in-der-akademischen-philosophie-der-perfekte-sturm/)

Insgesamt würde ich mich als Anhängerin (und hoffentlich manchmal auch als „Betreiberin“) einer analytischen, grundlagentheoretisch fundierten und empirisch informierten angewandten praktischen Philosophie bezeichnen. Von der Überzeugung, dass die akademische Philosophie gesellschaftlich relevant ist bzw. sein sollte, ist auch mein „philosophisches Hobby“, die Filmreihe „Filmisches Philosophieren“ getragen, die ich, jeweils mit Unterstützung des Instituts für Philosophie bzw. des Philosophischen Seminars, von 2012-2016 in Regensburg und seit 2017 in Kiel organisiere und moderiere. Dabei werden pro Semester etwa drei Filme in einem Programmkino gezeigt, auf den Film folgt jeweils ein Impulsreferat einer Referentin oder eines Referenten, das die philosophisch interessanten Aspekte des Films heraushebt und schließlich wird mit dem Publikum diskutiert (ausführlicher dazu und mit Beispielen für Filme, Themen und Referent*innen: https://www.praefaktisch.de/populaere-philosophie/philosophie-im-kinosessel/).

Für weitere Informationen besuchen Sie/besucht meine Homepage bei der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel https://www.philsem.uni-kiel.de/de/lehrstuehle/praktische-philosophie/klonschinski und/oder kontaktieren Sie/kontaktiert mich gerne persönlich!

Sandra Frey

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Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

Sarah Bianchi

Foto: Nada Quenzel

Foto: Nada Quenzel

Hallo aus dem Zug! Gerade bin ich auf der Rückfahrt von Frankfurt am Main. Dort arbeite ich in diesem Semester als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialphilosophie bei Prof. Dr. Martin Saar an der Goethe-Universität. Meine Forschungsinteressen liegen systematisch im Bereich der Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie und historisch im Bereich des Deutschen Idealismus (v.a. Kant) sowie der Romantik (Nietzsche) und der Postmoderne (Foucault). Was mich vor allem interessiert, sind die anderen Philosophiegeschichten, die jenseits der gängigen Interpretationen liegen. Nietzsche etwa ist nur zu oft dem Vorwurf ausgesetzt, dass er bloß den Weg in eine Aristokratie ebnet. Ich glaube auch, dass an dem Vorwurf etwas dran ist, nur bin ich auch davon überzeugt, dass es auch noch einen anderen Nietzsche gibt. Dieser Nietzsche spricht etwa von Freundschaften fernab elitärer Beziehungsgeflechte. Einen Vorschlag, wie solche Formen von Inklusions- und Exklusionsmechanismen im ganzen Leben – von Selbstverhältnissen, über ethische, ästhetische, rechtliche und politische Bereiche – zusammengedacht werden könnten, habe ich mit meiner Doktorarbeit „Einander nötig sein. Existentielle Anerkennung bei Nietzsche“ an der Humboldt-Universität zu Berlin angeboten. An der Princeton University habe ich die Publikation meiner Doktorarbeit (Fink 2016) abgeschlossen.

Schon während meines Studiums hat mich das Problem von Exklusionsformen beschäftigt. Studiert habe ich die Fächer Neuere/Neueste Geschichte, Philosophie und Französische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der École Normale Supérieure de Cachan/Paris sowie an der Universität Potsdam. Die Möglichkeit, einen Bachelorabschluss an der ENS Cachan zu machen, habe ich aufgrund eines Arbeitsangebots vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) abgelehnt. Zudem stand schon recht früh für mich fest, dass ich meine Magisterarbeit zur Dreyfus-Affäre in Berlin schreiben wollte. Dieses Fallbeispiel hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, weil es die diffuse Verwobenheit von Inklusions- und Exklusionsformen zeigt. 2012 wurde die Arbeit in dem Verlag Peter Lang veröffentlicht.

Gerade bin ich dabei, das Buchmanuskript unter dem Titel „Governing Oneself: Critical Aesthetics of Enhancement“ abzuschließen. Darin fasse ich die Ergebnisse zusammen, die ich während meiner Zeit als Postdoc in dem „The Enhancing Life Project“ der Universität Chicago an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Stanford University sowie an der Princeton University gewonnen habe. Gemeinsam mit 35 anderen Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt haben wir uns der Frage gestellt, ob die neuesten technologischen Entwicklungen, die unter dem Modewort „Enhancement“ gefasst werden, eigentlich wirklich das Leben verbessern, so wie sie es immerhin zu versprechen scheinen. In diesem Buchprojekt nehme ich den Faden der Inklusions- und Exklusionsmechanismen weiter auf: Nun geht es mir darum, die Wirkungsverhältnisse im Feld von Enhancementtechnologien zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang habe ich insbesondere in Kalifornien eine amerikanisch-deutsche Kollaboration mitgeleitet. Hier sind wir der Frage nachgegangen, was Enhancement-Strategien eigentlich am Beginn des Lebens machen, und zwar nicht nur mit uns, sondern auch mit möglichen zukünftigen Generationen. An der Ostküste habe ich anschließend weiter das Handwerkszeug gelernt, den Bereich der Ästhetik in einem weiten Sinn zu verstehen: als tatsächlichen Bezug zu unserer Existenz. Erste Schritte auf dem Weg hin zu dem amerikanischen Postdoc-Projekt habe ich als Fellow am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar machen können. In der letzten Woche ist der von mir herausgegebene Band drei „Auf Nietzsches Balkon III“ erschienen. Er versammelt die Texte der Stipendiat_innen, die ganz wortwörtlich auf Nietzsches Balkon in der Villa Silberblick entstanden sind.

Mögliche Rückfragen oder Kommentare können gern an mich gemailt werden: S.Bianchi (at) em.uni-frankfurt.de

Weitere Informationen sind auf meinem Profil bei academia: http://uni-frankfurt.academia.edu/SarahBianchi

Elif Özmen

Elif Oezmen

(c) Elif Özmen

“Ich bin ein vor Hochmut trunkenes und durchsichtiges wahres Nichts… Daher will ich die Welt besitzen.” Es sind Sätze wie dieser, die mich als junge Frau zur Philosophie gebracht haben, denn was Jean Paul Sartre in seinem Tagebuch formulierte, traf meine damalige Unrast und Neugierde auf den jugendlichen Kopf. Ich begann ein Studium der Philosophie (in dem Sartre bis heute übrigens keine Rolle spielt), Politikwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Deutschen Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen, das ich nach einem kurzen Zwischenspiel in Frankfurt 1999 abschloss.
Früh – und letztlich unerklärlich – waren es Fragen der praktischen Philosophie, zunächst der theoretischen Ethik, dann der politischen Philosophie und gegenwärtig auch der Anthropologie, die mich in besonderer Weise intellektuell angezogen haben. Das mag nicht nur, aber eben auch, bestimmten Personen geschuldet sein – Günther Patzig und sein gerade angetretener Nachfolger Julian Nida-Rümelin waren grundverschiedene und sich herrlich ergänzende starke Köpfe der Göttinger Philosophie, gleiches gilt für Konrad Cramer und Wolfgang Carl, an dessen legendärem Freitagabend-Kolloquium ich teilnehmen (und scharfe, nahezu brutale Kritik aushalten lernen) durfte. Meine Göttinger Zeit hat mich für das Leben geprägt, u.a. habe ich hier die vom Aussterben bedrohte Lebensform des hochgebildeten Ordinarius kennengelernt (die man heute lächerlich finden mag, weil sie keine Drittmittel und auch keine „Forschungsprojekte“ verfolgte, sondern schlicht und einfach der Philosophie als einer Geisteswissenschaft nachging, welche Geist und Wissen sowie Witz, in beiderlei Sinn des Wortes, erforderte).
Meine Promotionszeit habe ich an der Humboldt Universität zu Berlin verbracht, mit einem Stipendium der Studienstiftung, welches Glück und Problem zugleich darstellte. Zum einen musste ich für meinen Lebensunterhalt nicht arbeiten, sondern konnte mich vollständig auf mein Thema einlassen (die neuere Diskussion um das gelungene Leben, die mit den Namen von Bernard Williams, Susan Wolf, Philippa Foot, Martha Nussbaum verbunden ist und eine dezidierte Kritik an einem rationalistischen Verständnis von normativer Rechtfertigung und Moral-Theorie formuliert, veröffentlicht bei Mentis 2005: „Moral, Rationalität und gelungenes Leben“). Zum anderen hatte ich aber keine institutionelle Einbettung, keine äußeren Pflichten, keinen Chef, keinen geregelten Tagesablauf. Diese Spannung zwischen Einsamkeit, Freiheit und Verantwortung war durchaus belastend, aber ich bin nicht sicher, ob ich es anders geschafft hätte, meine Gedanken zu bündeln und schlussendlich promoviert zu werden.
Im Anschluss konnte ich das andere Extrem erleben – mit einer vollen Assistentinnen-Stelle in München (2004-2011), zahlreichen Lehr- und Administrationspflichten, einem anspruchsvollen Chef und einem Tagesablauf, der so dicht gefügt war, dass die Habilitation sich immer irgendwie dazwischen quetschen lassen musste. 2010 erhielt ich die Venia für Philosophie für eine Arbeit, die sich begründungstheoretischen Problemen der Philosophie des Liberalismus, mithin den Wahrheitsansprüchen der freiheitlichen Demokratie, widmete („Wahrheit und Rechtfertigung. Zur politischen Philosophie des Liberalismus“, unveröffentlicht).
2011 und 2012 konnte ich eine Professur an der Universität Hamburg vertreten und habe dann den Ruf auf eine W2-Professur für praktische Philosophie in Regenburg angenommen. Seit Oktober 2016 bin ich Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophie mit den Schwerpunkten theoretische Ethik und politische Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Meine derzeitigen Forschungsinteressen haben mit dem Menschlichen und dem Unmenschlichen zu tun. Über das Menschliche reflektiere ich im Sinne der anthropologischen Voraussetzungen normativer Theorien. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in der internationalen Debatte die Rede von einem anthropological turn etabliert. Anlass hierzu waren sowohl philosophie-interne Entwicklungen (etwa das Entstehen der Neurophilosophie) als auch bahnbrechende Entwicklungen in empirischen Disziplinen (Evolutionstheorie, Neurowissenschaft, Verhaltensforschung, KI). Durch die Frage nach den Unterschiedenen und Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier/Computer/Roboter wird die – genuin anthropologische – Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen (wieder) gestellt und dezidiert nicht-essentialistische Reflexionen unternommen, die auf die „charakteristische menschliche Lebensform“, die „conditio humana“, die „Natur des Menschen“ und andere anthropologische Topoi Bezug nehmen. Mein gegenwärtiges Interesse an dieser Debatte betrifft einen Komplex metaphilosophischer Fragen, deren Analyse die Offenlegung des anthropologischen Ausgangs- und Bezugspunktes unserer Normenbildung intendiert.
Das Unmenschliche interessiert mich im Zusammenhang mit der Frage nach der Theoretisierbarkeit von Ungerechtigkeit. Die humanitären Katastrophen der beiden Weltkriege, der Totalitarismus und die völkermörderischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit markieren einen tiefen historischen und systematischen Einschnitt, auch für die praktische Philosophie. Neben einer Selbstkritik, die die ideengeschichtlichen Voraussetzungen totalitärer Herrschaft und menschenrechtlicher Aporien reflektierte, wurde ab den 1950er Jahren ein Demokratie-Paradigma entwickelt, demzufolge die (freiheitliche) Demokratie die am wenigsten schlechte Herrschaftsform darstellt. Für die Position der normativen Alternativlosigkeit der Demokratie habe ich in den letzten Jahren im Sinne einer objektivistischen Theorie der Gerechtigkeit vielfältig argumentiert und publiziert. Nunmehr wende ich mich der Frage der Ungerechtigkeit, Unmoral und Unmenschlichkeit (dem „Bösen“) zu, gewissermaßen in Anknüpfung an die historische Situation, aus der heraus das moderne Demokratie- und Menschenrechtsparadigma entwickelt und etabliert wurde. Mich interessiert zum einen, ob und wie sich diese normative Semantik einfügen lässt in die bekannten Konzepte des Rechten und Guten (und die für die liberale Demokratie-Theorie charakteristische Priorisierung des Rechten). Zum anderen möchte ich untersuchen, wie weit man argumentativ im Ausgang von einer rein dystopischen Werttheorie kommt. Schließlich könnte sich herausstellen (wie es Judith Shklar in ihrem Liberalism of Fear andeutet), dass diejenigen moralischen Urteile, die allgemeine Verbindlichkeit, mithin objektive Geltung beanspruchen können, nur dasjenige betreffen, wovor jeder Mensch guten Grund hat, sich zu fürchten.
Mehr zu meiner Arbeit und Person findet sich auf meiner Homepage.

Catherine Herfeld

(c)

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I am currently assistant professor of Social Theory and Philosophy of the Social Sciences at the University of Zurich. I work in philosophy and history of the social sciences, focusing on economics and with an emphasis on methodological questions. I also have an interest in sociology of science and social theory. Before coming to Zurich in March 2017, I was a postdoctoral fellow and assistant professor at the Munich Center for Mathematical Philosophy at Ludwig-Maximilians-University Munich (LMU Munich). I completed my doctoral studies at Witten/Herdecke University in 2013 and while writing my dissertation, I spent some time at Columbia University, the Max-Planck Institute for the History of Science in Berlin, and the Center for the History of Political Economy at Duke University. I developed my interest in philosophy of the social science after receiving a degree in economics and working in the Ecuadorian rainforest.
Currently, I am finishing two books that are concerned with the epistemic status of rational choice theories in economics (hereafter RCTs). RCTs are among the most prominent approaches to human behavior in the social sciences. But upon closer inspection, they prove hard to ‘define’; specific instances include Expected Utility Theory, Gary Becker’s ‘Economic Approach to Human Behavior,’ Revealed Preference Theory, or Ordinal Consumer Choice Theory. What those approaches have in common is that they conceptualize human behaviour as rational behaviour (albeit understood differently in each of them). The empirical value of RCTs has been the subject of intense debate. On the one hand, scholars have defended RCTs as the best theories of human behaviour that we currently have in the social sciences and argued for their use until a better alternative comes along. On the other hand, scholars critical of RCTs have attacked them vigorously as psychologically or behaviourally unrealistic, as failing to offer adequate explanations of actual behaviour and as making predictions that are contradicted by empirical evidence. Those shortcomings have sometimes been identified by some as major causes for more substantial empirical difficulties that economic theories and models are said to confront.
My motivation is to support a more nuanced critique of RCTs. First, one thing I try to do in both books – albeit in distinct ways – is to sensitize critics to the fact that there is no such thing as a unified ‘rational choice theory’. Rather, I argue that the label of ‘rational choice’ refers to a set of different approaches that share a set of characteristics but that are conceptually and methodologically distinct and have been developed for very different problems. To better assess RCTs, their critique should therefore pursue what I refer to as a ‘local’ perspective (adopting a term that Michael Weisberg has attributed to Philip Kitcher’s approach in Philosophy of Biology). Such a local critique should consider what I label the ‘epistemic context’ within which a specific framework is developed and applied. Arguably, what ‘epistemic context’ means has to be further specified and to this end I take the history of economics to be of fundamental importance. If we consider the intellectual traditions from which the various RCTs behaviour have emerged, the problems they were originally meant to address, the larger theoretical frameworks they were often part of, and the justifications given by practitioners for their use, then we come to see not only how exactly they differ, but also what their scope of application is and should be.
In the first book, entitled The Many Faces of Rational Choice Theory, I offer an epistemologically enriched historical account of RCTs in economics that enables such a local critique. Furthermore, I show that throughout the history of economics, economists have argued that conceptualizing the human agent as a rational agent would indeed not help them to explain actual behaviour but might allow them instead – in different ways – to theoretically cope with better understanding larger economic systems, which they considered to be extremely complex. Those systems cannot be easily understood with a psychologically, behaviourally or even neurologically realistic account of human behaviour as long as the so-called aggregation problem, i.e., the problem of how economists could aggregate the behaviour of individuals in such a way that it is analytically tractable and at the same time leading to properties characterise of those systems. Thus, one lesson we can draw from the work of earlier thinkers, I think, is that instead of focusing too much on how to conceptualize the individual agent, economics could benefit from applying methods from computational social sciences that allow for detailed descriptions of social interaction processes that bring about social phenomena. It is against this background that the question of how realistic an account of human behaviour has to be should be answered.
The other book that I am working on takes a different approach towards tackling those issues. Entitled Conversations on Rational Choice Theory, it contains interviews I have conducted over the past years with economists, psychologists, and philosophers who have contributed to the development and application of RCTs or have been engaged in the debates regarding their empirical usefulness. By exposing practicing scientists and philosophers to each other’s arguments and engaging with their positions, those interviews allow for addressing a number of important but as yet neglected issues in the debate, such as clarifying the object under discussion, viz. RCT, understanding how practitioners justify rational choice theory for their various purposes, and where they take their empirical usefulness to be limited.
Besides those two larger projects, I investigate in a side project the historical context within which RCTs emerged in the 1940s and 1950s. Those three projects are the outcome of my time as a doctoral and postdoctoral researcher.
Much of my work is interdisciplinary, mainly regarding the methods I use. I combine traditional philosophical approaches – such as case studies – with quantitative-empirical methods in history and philosophy of the social sciences. I do archival research in my historical research and use historical case studies in philosophy; and conducting interviews allows me to get into closer contact with scientific practitioners. For example, in my new habilitation project, I take a sociological, a historical, and a systematic perspective to address the question of how knowledge in general and scientific innovations in particular spread within and across (interdisciplinary) contexts. Together with my colleague Chiara Lisciandra (University of Groningen), I am currently editing a Special Issue for Studies in History and Philosophy of Science: Part A, which addresses questions about knowledge transfer from an interdisciplinary viewpoint. The goal is to distinguish between different kinds of knowledge transfer and examine whether it is possible find commonalities among them; maybe even beyond a specific field or discipline. Another example is a project in which, together with psychologists and sociologists, we research the gender gap in academic philosophy as well as whether female-only events can have a positive effect on female students continue to pursue an academic career.
For more on those and other projects as well as for contacting me, see my website: http://catherineherfeld.weebly.com

Mara-Daria Cojocaru

(c) Gesa Koch-Weser

(c) Gesa Koch-Weser

Ich bin im Oktober 2016 von einem 15-monatigen Forschungsaufenthalt in England zurückgekehrt an die Hochschule für Philosophie in München und freue mich über die Gelegenheit, etwas über meine Interessen erzählen zu dürfen, die sich in dem Zeitraum naturgemäß (jedenfalls teilweise) neu verortet haben.
Ich hatte mir die University of Sheffield ausgesucht, um dort in der Arbeit mit und im Umfeld von Christopher Hookway meine Überlegungen zu pragmatistischen Emotionstheorien zu vertiefen. Mir war aufgefallen, dass Dewey und Peirce was die erkenntnistheoretische Rolle von affektiven Zuständen betrifft eigentlich mehr verbindet als die Entwicklung der pragmatistischen Forschungslandschaft vermuten lässt, insofern Dewey mit James gerne auf eine (anti-realistische) Seite des Pragmatismus geschoben wird und Peirce auf die andere (realistische) Seite. Ganz besonders prominent ist diese Gemeinsamkeit von Dewey und Peirce mit Blick auf den Zweifel und ich habe diesbezüglich nachgezeichnet, wie sich Dewey und Peirce wechselseitig gut ergänzen, und entwickelt, was das für andere affektive Zustände bedeuten könnte; das insbesondere auch wenn es um solche geht, die uns zunächst einmal erkenntnisfeindlich erscheinen – wie etwa Wut. Gerade bei Peirce findet sich nämlich eine sehr spannende Emotionstheorie, die, in Verbindung mit seiner Zeichentheorie, erlaubt, Emotionen als dynamische Erfahrungen zu verstehen, so dass es mit einer einfachen Interpretation bestimmter vermeintlich eindeutiger Charakteristika von so etwas wie ‚Angst‘ oder ‚Wut‘ oder ‚Freude‘ nicht getan ist. Damit eng verbunden ist die normative Idee, dass Emotionen so zu regulieren sind, dass unsere individuelle Erfahrung dazu, wie die Welt tatsächlich ist, auch passt. Entscheidend dabei ist für mich der Gedanke, dass es bei Emotionen gerade nicht um mich allein und meine subjektive Einstellung zu irgendetwas geht, sondern dass sie wichtige Informationen für uns und andere darüber sind, wie es um bestimmte Werte, über die wir uns einig sein bzw. werden müssen, bestellt ist. Bei all dem hat sich dann gezeigt, dass mich die sozialen Faktoren in der Erkenntnis viel mehr interessieren als die metaethischen Debatten, auf die ich vorgehabt hatte, meine pragmatistischen Einsichten anzuwenden. Insgesamt bin ich damit vielleicht noch stärker ins Peirce’sche Lager gewechselt, auch wenn ich wichtig finde, zu betonen, dass die Lager-Mentalität dem pragmatistischen Denken eigentlich fremd ist und wenn es doch durchbricht, meiner Meinung nach nicht gut tut.
Insofern bemühe ich mich auch darum, in nicht klar erkennbar pragmatistischen Zusammenhängen auszuweisen, was eine pragmatistische Herangehensweise leisten kann. Am produktivsten erscheinen mir hier die Verbindungen zur Frage nach Tugenden in der Erkenntnis – hier vertrete ich die These, dass man (in Analogie dazu, was Peirce ‚logische Sentimente‘ nennt) bestimmte dispositionale Emotionen als Tugenden verstehen kann. Mit Blick auf Probleme der praktischen Philosophie, insbesondere was tiefe Wertkonflikte betrifft, interessiere ich mich weiterhin für die Rolle von Wut. Genauer dienen mir all die Probleme und zum teil ja hoch emotionalen Konflikte rund ums Thema Mensch-Tier-Beziehungen in meiner Arbeit typischerweise zugleich als Ausgangspunkt und Prüfstein meiner Überlegungen. Als Pragmatistin ist man zwar, entgegen anti-intellektualistischer Vorurteile, nicht darauf festgelegt, nur Philosophie mit unmittelbarem Anwendungscharakter (was immer das sein mag) zu machen. Ich komme aber nicht nur aus der praktischen bzw. politischen Philosophie (meine Doktorarbeit habe ich bei Julian Nida-Rümelin zur „Geschichte von der guten Stadt“ geschrieben) und suche entsprechend nach Brücken oder Trampelpfaden zwischen meinen neuen und meinen alten Forschungsgebieten; mir liegt das Thema Mensch-Tier-Beziehungen auch genuin am Herzen (deswegen bin ich bspw. auch Mitglied bei Minding Animals Germany). Ich bin überzeugt davon, dass sich sowohl intellektueller als auch moralischer Fortschritt daran festmachen lassen, dass wir unsere Sensibilitäten gegenüber dem Leiden und den Bedürfnissen von nicht-menschlichen Tiere so realistisch wie nötig ausbilden und mit so viel Kreativität und sozialer Intelligenz wie möglich in neue Formen des gelingenden Miteinanders (oder auch respektvollen Nebeneinanders) übersetzen. Dazu gehört dann an erster Stelle, gut pragmatistisch, an all den unhinterfragten Praktiken systematisch die Form von Zweifel anzumelden, die dadurch qualifiziert ist, dass sie auf echte Probleme reagiert und auch die sozialen Mechanismen aufzudecken, die dazu führen, dass wir sie gewohnheitsmäßig nicht (oder nicht mehr) sehen. Wie diese Scheuklappen genau funktionieren und welche Rolle Gewissen und starke Emotionen in Situationen moralischen Lernens im Bereich nicht-menschliche Tiere und Umwelt funktionieren und besser funktionieren können – dieser Problemzusammenhang steht im Zentrum meines Anschlussprojektes, das ich gerade vorbereite. Teil dieses Projekts wird auch eine methodologische Diskussion sein, um besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen Philosophie in der Rückbesinnung auf intellektuelle Kritik eigentlich wirklich eine gesellschaftlich produktive Funktion haben kann. In dem Zusammenhang habe ich neben meinen akademischen Projekten auch ein großes Interesse an unterschiedlichen Formaten von public philosophy und probiere verschiedene Strategien aus, um Ideen und Probleme im öffentlichen Diskurs zu artikulieren – dabei spielt für mich jedenfalls nicht zuletzt die Literatur eine wichtige Rolle. Mehr über meine verschiedenen Projekte findet sich hier: www.maradariacojocaru.weebly.com.

Janina Loh

Janina Loh (c) Nana Thurner

Janina Loh (c) Nana Thurner

Ich bin seit April 2016 Universitätsassistentin in der Technik- und Medienphilosophie bei Mark Coeckelbergh an der Universität Wien. Neben meiner Habilitation zu den Posthumanistischen Elementen in Hannah Arendts Werk und Denken (Arbeitstitel) arbeite ich gerade vorrangig an einer Einführung in den Trans- und Posthumanismus, die im Frühjahr 2018 bei Junius erscheinen wird.
Ich habe 2009 mein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zum Verantwortungskonzept bei Hannah Arendt abgeschlossen. Arendt hat mich vom ersten bewussten Lesen während des Studiums an tief bewegt und mein Denken nachhaltig geprägt. In meiner Masterarbeit, die in überarbeiteter Form im Archiv für Begriffsgeschichte publiziert wird, vertrete ich die These, dass man Arendts Werk mit dem Interpretationsmoment der Verantwortung regelrecht ‚aufschließen‘ kann. Überraschenderweise wurde bislang noch keine umfassende Studie zur Verantwortung bei Arendt angestellt – diejenigen unter den Arendt-Forscher_innen, die sich diesem Phänomen bislang explizit zugewandt haben, betrachten zumeist nur einzelne Ausschnitte aus ihrem Werk. In meiner Arbeit werden chronologisch über 25 Jahre alle wesentlichen Texte und Textstellen betrachtet, in denen Arendt wörtlich von Verantwortung spricht. Diese vornehmlich philologische Textarbeit stellt die Grundlage für eine philosophische Diskussion dar, die in dem Artikel nur angerissen werden kann, indem das jeweilige Verantwortungskonzept auf Kohärenzen mit den anderen Texten kritisch reflektiert wird. Insbesondere Arendts Ausführungen in der Vita activa sind für mein Konzept der doppelten Daseinsverantwortung, das ich später in meiner Dissertation entwickelt habe, von großer Relevanz.
Von 2009 bis 2013 habe ich im Rahmen des Graduiertenkollegs Verfassung jenseits des Staates: Von der europäischen zur globalen Rechtsgemeinschaft? an der HU promoviert, betreut durch Volker Gerhardt und Rahel Jaeggi. In meiner Dissertation – Verantwortung als Begriff, Fähigkeit, Aufgabe. Eine Drei-Ebenen-Analyse (Springer 2014) – geht es darum, aus einer etymologischen Minimaldefinition von Verantwortung alle Merkmale zu einer Begriffsbestimmung abzuleiten. Nur in den Kontexten, in denen alle Relationselemente der Verantwortung voll definiert sind, ist klar, was Verantwortung heißt. Eine reine Auseinandersetzung mit dem Wort ist jedoch nicht hinreichend für ein Verständnis von Verantwortung in einem gegebenen Moment. Das Phänomen ist im Ganzen als Begriff, als Fähigkeit und als Aufgabe zu erfassen. Vor diesem Programmhintergrund lautet die zentrale Frage meiner Dissertation: Wie kann das Konglomerat aus Begriff und Begriffsgebrauch, dem Wissen über verantwortliches Handeln und über die Funktion von Rollen sowie der direkten Anschauung einer Situation und dem spontanen Handeln aus dieser Situation heraus, in der nach Verantwortung gefragt wird, uns zur Identifizierung der Kontexte dienlich sein, in denen es Sinn macht, von Verantwortung zu sprechen?
Nach meiner Verteidigung im Februar 2013 bin ich im April desselben Jahres an die Christian-Albrechts-Universität Kiel zu Ludger Heidbrink gelangt. Mit ihm und Claus Langbehn publiziere ich gerade das Handbuch Verantwortung bei Springer. Doch durch meine zeitgleiche Zusammenarbeit mit Catrin Misselhorn an der Universität Stuttgart konnte ich die noch recht junge philosophische Bereichsdisziplin der Roboterethik für mich entdecken und hierüber den weiteren Horizont der Technikphilosophie.
Für Verantwortung interessiere ich mich immer noch sehr – v.a. im Bereich der Technik wie bspw. in unserem Umgang mit den neuen Medien und in der Mensch-Maschine-Interaktion. Ich denke, dass sich unser traditionelles Verständnis von Verantwortung gegenwärtig vor einige Herausforderungen gestellt sieht – u.a. deshalb, da mit dem vergangenen Jahrhundert neue potenzielle Anwärter_innen in die Arena der zur Verantwortung potenziell angesprochenen Wesen traten: Roboter. Daher schreibe ich gerade viel zur Verantwortung und Roboterethik und plane mit Catrin Misselhorn ein Kompendium zur Roboterethik bei Metzler.
Mich faszinieren Vervollkommnungs- und Überwindungstheorien des Menschen, was meine Auseinandersetzung mit den Strömungen des Trans- und Posthumanismus erklärt. Es handelt sich dabei um zwei (bzw. drei) Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Diskurse aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften, Informatik und KI-Forschung vereinen und sich an der Grenze von philosophischer Anthropologie und Technikphilosophie verorten lassen. Der Transhumanismus will den Menschen optimieren. Der technologische Posthumanismus hingegen zielt auf eine Überwindung des Menschen in der Erschaffung einer artifiziellen Alterität. Der kritische Posthumanismus schließlich bricht durch die Hinterfragung traditioneller Kategorien mit unserem humanistischen Verständnis vom Menschen. Ich sehe insbesondere den Transhumanismus mit seinen kapitalistischen Besitz- und Kontrollbestrebungen sowie den technologischen Posthumanismus eines Ray Kurzweil mit seinem cartesianischen Geist-Körper-Dualismus und seiner Leibverachtung ausnehmend kritisch, was ich bereits in einigen kleineren Publikationen diskutiert habe.
Ich verstehe mich als kritische Posthumanistin in der Tradition von Haraway, Barad, Wolfe, Braidotti und Latour, wobei man hier mit guten Gründen nur schwer von einer einheitlichen Schule sprechen kann. In meiner Einführung in den Trans- und Posthumanismus arbeite ich gegenwärtig die Elemente des ausnehmend heterogenen Denkens kritischer Posthumanist_innen heraus. Diese Publikation lässt sich als eine Vorstudie zu meinem Habilitationsprojekt begreifen, in dem ich eine eigene Theorie kritisch posthumanistischer Reflexion vorstellen und damit an Arendt, die selbst keine Posthumanistin ist, zweierlei zeigen möchte: zum einen, dass einige für ihr Schaffen fundamentalen Aspekte auch für den kritischen Posthumanismus treibende Momente darstellen und zum anderen, dass Arendt auf einige Herausforderungen, mit denen kritische Posthumanist_innen ringen, eine Antwort geben kann.
Für weitere Informationen: http://philtech.univie.ac.at/team/janina-loh-nee-sombetzki/ und https://univie.academia.edu/JaninaSombetzki
Für Kontakt und Rückfragen: janina.loh@univie.ac.at

Joulia Smortchkova

(c) privat

(c) privat

I am currently a postdoctoral researcher at the Ruhr University Bochum for the Volkswagen Foundation project “Situated Cognition: Perceiving the World and Understanding Others”. In my work I connect debates in philosophy of mind with empirical research in cognitive science.
My first encounter with philosophy happened during my high school years: In Italy (I’m Russian-Italian) every “liceo” has three years of mandatory history of philosophy. Among all the subjects, philosophy was for sure the most challenging one, but also the most rewarding.
I did my BA in Bologna, Italy, where I had a well-rounded education, ranging from esthetics to logics, but I was mostly interested in history and philosophy of science. I wrote my first BA thesis on history of logic, and took some advanced classes in history, logic and philosophy of science at Paris I – Sorbonne, where I spent a year thanks to the Erasmus program. At the same time, I was a scholarship student at Collegio Superiore in Bologna – an institution that offered housing and funding to outstanding students, in exchange for a complementary interdisciplinary training in a variety of subjects that we could freely choose.
After the Erasmus, I stayed in Paris for six more years, thanks to a scholarship from the Ecole Normale Supérieure that offered me the opportunity to pursue my studies in an intellectually vibrant and interdisciplinary atmosphere. I finished two master degrees: one in history and philosophy of science with a thesis on naturalistic approaches to mathematics, and another in cognitive science with a thesis on consciousness, attention, and mental demonstration. A stay at NYU was a turning point in my studies, and after years of oscillating among different topics, I settled for empirically oriented philosophy of mind. From 2010 to 2014 I did a PhD at the Institut Jean Nicod in Paris with a thesis on the social contents of visual experiences, under the supervision of Pierre Jacob.
In my PhD dissertation, I explore social perception, an area of research between philosophy of perception and social cognition. I claim that we can perceive some social properties in others, in particular we can perceive others as agents (and not as inanimate objects), we can perceive their goal-directed actions, and even some of their mental states, such as their emotional expressions. I argue that social perception, rather than an alternative to mindreading and to cognitive ways of understanding others, is a complementary mechanism, that works in automatic ways and is connected to core systems in development. My interest in this topic stems from an old skeptical philosophical problem: the ‘other minds problem’. It arises from the (epistemic) asymmetry between the direct way we access our mental states and the indirect way we access the mental states of others, which are, for us, opaque and elusive. The skeptic draws on this fact to challenge our certainty that others have inner lives similar to ours. While social perception per se is not a reply to the skeptical problem, I think that it shows that there is an innate and basic psychological mechanism that gives us a sense of the inner lives of others.
In general, social perception challenges some of the received views in philosophy and cognitive science about the contents of perception, the divide between perception and cognition, and the way we understand each other. It is also an empirically grounded claim, because much of recent research in cognitive neuroscience, cognitive psychology, and developmental psychology bears on the issue.
My current projects concern the exploration of the role of the body in perceiving social properties; the explanatory role of mental representations in cognitive science, and a collaborative work with Michael Murez and Brent Strickland on mental files and singular thought.
Concerning the first project, I am mostly interested in a theory that would allow for a proper embodiment of emotional states, in order to answer a worry about the claim that we perceive emotions. According to this worry, we do not access the emotional mental states, but merely their behavioral manifestations (because mental states are not visible and outwardly manifest). The second project stems from my interest in developmental psychology and in the role of mental representations in scientific explanations. In particular, I focus on the debate about the non conceptual format of representations. This debate often appeals to infants’ mental states as paradigmatic examples of states with non conceptual format, but seldom looks at empirical evidence. I think that a fruitful discussion about non conceptual format cannot abstract from a closer look at the empirical evidence from developmental psychology.
For more information and for contacting me please visit my personal page: https://jouliasmortchkova.wordpress.com

Ulla Wessels

 Ulla Wessels © Evelin Frerk

Ulla Wessels © Evelin Frerk

Praktische Vernunft, Wohler­gehen und der Begriff des Wollens, die Lo­gik des Sollens, die Begründung und die Währung der Moral, die Gerechtig­keit von Vertei­lun­gen, der Sinn und der Wert des Lebens; die Rechtfertigbarkeit politischer Ge­walt, die Funktion und der Status von Rechten, Handlungsgründe – dies sind Themen, zu denen ich forsche und lehre. Ich arbeite an der Universität des Saarlandes, wo ich, zusammen mit Christoph Fehige, die Professur für Praktische Philosophie innehabe.
Mein Studium habe ich in Münster und in Saarbrücken absolviert, und in Saarbrücken habe ich 1993 auch mit einer Arbeit über den Wert des Lebens promoviert. Habilitiert habe ich mich 2002 in Leipzig mit einer Arbeit über Supererogation. Über viele Jahre hinweg bin ich von Georg Meggle gefördert worden, zunächst als eine seiner wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, später dann als eine seiner wissenschaftlichen AssistentInnen. Ich verdanke ihm viel – auch dass ich „am Ball“ geblieben bin, als ich einmal drauf und dran war, die Philosophie aufzugeben. 1998 bin ich, mit einem Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt Stiftung, an die University of California in Berkeley gegangen; später hat es mich mehrfach zu Forschungsaufenthalten an die Australien National University in Canberra verschlagen. Bevor ich 2006 auf die Professur für Sozialphilosophie an die Universität Bayreuth berufen worden bin, habe ich verschiedene Professuren vertreten, unter anderem an der Georg-August-Universität in Göttingen. In Bayreuth bin ich geblieben, bis ich 2008 auf die Professur für Praktische Philosophie an die Universität des Saarlandes berufen worden bin.
Philosophisch bin ich in der Analytischen Philosophie zu Hause; ich schätze vor allem das Ringen um begriffliche Klarheit und rationale Argumentation und halte, quer durch alle Disziplinen der Philosophie, den Einsatz formallogischer Methoden für gewinnbringend. Nicht zuletzt deshalb engagiere ich mich auch in der Gesellschaft für Analytische Philosophie, die sich die Förderung und Vermittlung der Analytischen Philosophie zum Ziel gesetzt hat. Ich gehöre zu ihren Gründungsmitgliedern und bin heute eine ihrer VizepräsidentInnen.
Zu dem Wenigen, von dem ich einigermaßen fast überzeugt bin, gehört dies: Eine Welt ist umso besser, je besser es den Individuen in dieser Welt geht, und den Individuen geht es umso besser, je wohler sie sich fühlen und je mehr oder je stärkere ihrer Wünsche erfüllt sind. In meinem Buch Das Gute versuche ich, diese beiden Thesen zu entfalten und zu verteidigen. Sie bilden den harten Kern von Ethiken, die ich „Glück-Wunsch-Ethiken“ nenne, „Glück-Wunsch-Ethiken“ deshalb, weil sie hedonisches Glück und die Erfüllung von Wünschen in den Mittelpunkt rücken. In Das Gute spüre ich insbesondere dem Begriff des Wünschens nach und der Rolle, die er in Glück-Wunsch-Ethiken spielt. Mein Augenmerk richte ich auf verschiedene Typen von Wünschen, darunter ir­rationale, externe, asynchrone, angepasste und bloß potentielle.
Glück-Wunsch-Ethiken gehören zur großen Klasse der Wohlfahrtsethiken. In vielen Hinsichten können sich Wohlfahrtsethiken noch voneinander unterscheiden – außer in ihrem Verständnis von Wohlfahrt z. B. auch darin, dass sie den Wert verschiedener Verteilung von Wohlfahrt verschieden bestimmen. Wie sie ihn bestimmen sollten, ist eine der Fragen, mit denen ich mich in Zukunft beschäftigen möchte.
Unabhängig davon, wie die Antwort auf die Frage letztlich ausfallen mag: Eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, in jeder Situation das Bestmögliche zu tun. Doch das Bestmögliche zu tun heißt oft, Opfer zu bringen, und zwar Opfern, die vielleicht größer sind als die, die zu erbringen intuitiv moralisch geboten erscheint. Dies führt zu einer ganz anderen Frage: Verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus, nicht zu viel von uns, so dass wir uns nach Alternativen zumindest zu dieser Standardform umsehen sollten?
In meiner Habilitationsschrift setze ich mich kritisch mit Theorien auseinander, die mit einem Schwellenwert operieren und so etwas sagen wie: Es gibt in jeder Situation eine Menge an Gutem, die zu realisieren moralisch geboten ist, und zu realisieren, was über diese Menge hinaus geht, also besser ist, ist supererogatorisch. Solche Theorien übersehen, dass im Reich dessen, was in Richtung des Besseren über das Mindestgebotene hinausgeht, nicht immer freie Wahl herrscht, dass es dort bedingte Gebote gibt. Für Theorien, die dies anerkennen, schlage ich ein Format vor, d. h. einen formalen Rahmen, in dem sich diese Theorien zu bewegen hätten. Eine solche Theorie genauer auszubuchstabieren ist eine weitere Aufgabe, der ich mich in Zukunft widmen möchte.
Wer mehr über mich, meine Projekte und deren Fortgang erfahren möchte, möge auf meine Homepage schauen.

Lisa Herzog

 Lisa Herzog

Lisa Herzog

Hallo aus Kalifornien! Dieses Jahr bin ich Postdoctoral Fellow am Center for Ethics in Society, in einem großartigen Programm für politische Philosophie, das besonders für Leute mit Interesse an interdisziplinären Fragestellungen spannend ist. Von Haus aus bin ich Ökonomin und Philosophin, mit einer Promotion in politischer Theorie, und in letzter Zeit zunehmend soziologischen Interessen.

Ich habe in München und Oxford studiert und anschließend in Oxford als Rhodesscholar promoviert. Anschließend habe ich an der TU München und der Universität St. Gallen gearbeitet, mit einem kurzen Aufenthalt an der KU Leuven. Seit 2013 arbeite ich an der Uni Frankfurt an einem Projekt, das am Exzellenzcluster “Normative Ordnungen” und am Institut für Sozialforschung angesiedelt ist, und zu dem ich nach dem Aufenthalt in Stanford zurückkehren werde.

Mich haben immer schon Fragen sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Ordnungen interessiert – vielleicht, weil ich an der deutsch-tschechischen Grenze aufgewachsen bin und nach dem Mauerfall einen nachhaltigen Eindruck davon bekommen habe, wie stark unterschiedliche Wirtschaftssysteme Länder prägen können. Daher lag ein Studium der Volkswirtschaft und Philosophie nahe, obwohl ich auch mit Physik geliebäugelt hatte. Während des Studiums habe ich lange damit gekämpft, wie die abstrakten Modelle der Ökonomie sich jemals mit den Fragen nach Gerechtigkeit oder Freiheit zusammenbringen lassen könnten – sie schienen vollkommen unterschiedliche „Sprachen“, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Paradigmen, zu sprechen. Schließlich entdeckte ich die Geschichte des ökonomischen Denkens als Ausweg. Sie half mir nicht nur, zu verstehen, wo die heute verwendeten ökonomischen Modelle herkommen und wie verschiedene blinde Flecken entstanden sind, z.B. in Bezug auf ungleiche wirtschaftliche Macht. Die Geschichte ökonomischen Denkens ist auch auf höchst interessante Weise mit der Geschichte politischen und philosophischen Denkens verwoben. Meine Doktorarbeit schrieb ich schließlich über Smith und Hegel und ihr Verständnis des Marktes. Ich diskutiere darin, wie verschiedene Bilder des Marktes sich zu zentralen Fragen der politischen Philosophie wie Gerechtigkeit, Freiheit oder dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft verhalten.

Allerdings hat mich während meiner während der Doktorarbeit immer wieder die Frage umgetrieben, wie Philosophie sich mit Fragen der Gerechtigkeit im sogenannten “echten Leben” beschäftigen kann, und wie sie vielleicht auch etwas zur Verbesserung beitragen kann. Ich hatte überlegt, später im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten, aber mehrere Praktika (in Argentinien und Marokko) haben mich davon überzeugt, dass an vielen Stellen auch theoretische Arbeit sinnvoll und nötig ist und ich mich dort besser einbringen kann. Nach Abschluss der Promotion, die 2013 bei OUP erschienen ist Inventing the Market. Smith, Hegel, and Political Theory), habe ich meine Forschung in zwei Bereichen ausgeweitet. Zum einen habe ich mich systematischen Fragen zur Rolle von Märkten zugewandt. Es war ein Glücksfall, in das Projekt in Frankfurt einsteigen zu können, in dem es um “Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt” geht. Seit ca. zwei Jahren beschäftige ich mich mit Fragen nach der Struktur von Finanzmärkten, den Möglichkeiten ethischen Bankings, und der Verantwortung von Individuen und Firmen. Durch den Praxispartner des Projekts, eine Bank im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, kann ich auch meine empirische Neugier weiter befriedigen.

Zum anderen hat mich das Nachdenken über Märkte davon überzeugt, dass nicht alle moralischen Probleme, die wir derzeit im Wirtschaftssystem sehen, an Märkten liegen. Ein zweites Problem ist, das die Akteure in Märkten oft Individuen in Organisationen sind, die dort nicht frei nach ihren moralischen Prinzipien handeln können, sondern als die berüchtigten “Rädchen im System” agieren. Ich fing an, mir Fragen nach individuellen Pflichten in beruflichen Rollen zu stellen. Und da ich selbst nur sehr kursorische Erfahrungen mit Organisationen gemacht hatte, begann ich, andere Leute nach ihren Erfahrungen zu befragen. Ich führte über dreißig qualitative Interviews durch, und las mich in soziologische, psychologische und ökonomische Theorien über Organisationen ein. Derzeit arbeite ich daran, dieses Material in einer Monographie über “Ethisches Handeln in Organisationen” zu verarbeiten. Dieses Feld hat die praktische Philosophie bislang ziemlich vernachlässigt, was wahrscheinlich daran liegt, dass es genau in die Kluft zwischen politischer Philosophie und Moralphilosophie fällt. Von daher gibt es in diesem Bereich viele theoretisch spannende und gleichzeitig lebensnahe Fragen zu bearbeiten.

Außerdem schreibe ich regelmäßig für ein breiteres Publikum, u.a. mit dem Buch Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus (C.H.Beck, 2014). Ich sehe den Dialog mit Nicht-Philosoph*innen als wichtigen Bestandteil praktischer Philosophie. Für genauso wichtig halte ich, dass praktische Philosophie mit den Sozialwissenschaften zusammenarbeitet. In letzter Zeit interessiert mich besonders, wie interpretative Methoden uns neue Einsichten über die Strukturen von Moral und Gerechtigkeit liefern können. Hinter dieser Überzeugung stehen meine links-hegelianischen Überzeugungen darüber, dass ethische Normen in konkreten Institutionen und Praktiken gelebt werden. Das heißt nicht, dass nicht auch abstrakte, konzeptionelle Arbeit nötig wäre, nicht zuletzt, um eine kritische Perspektive auf existierende Praktiken beibehalten zu können – das ist meine eher kantische (bzw. hegel-kantisch-gelesene) Seite. Der Trend hin zu „nicht-idealer“ Theoriebildung in der angelsächsischen politischen Philosophie knüpft, ohne sich immer dessen bewusst sein, an ältere Ideen zum Zusammenhang von Philosophie und Sozialwissenschaften aus der Frankfurter Tradition an. Nicht zuletzt deshalb freue ich mich, in diesen verschiedenen Kontexten arbeiten zu können.