Sandra Frey

(c) privat

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Zur Philosophie kam ich eigentlich nur auf Umwegen und durch Zufall. Ursprünglich wollte ich Indologie studieren, hatte aber gleichzeitig die Idee nach Jena zu gehen, weit weg vom Elternhaus, um mich auszuprobieren. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena gab es aber das Angebot Indologie nicht, weshalb ich mich für Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft immatrikulierte. Die Informationsbroschüre des Instituts für Philosophie klang einfach interessant und für Psychologie und Politikwissenschaft interessierte ich mich während der Schulzeit schon. Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass ich in der Philosophie richtig bin (was ich nicht im gleichen Maße von den beiden anderen Fächern behaupten konnte). Um das Ganze nicht zu einseitig zu gestalten, habe ich mir zudem mein eigenes Studium Generale zusammengestellt – damals noch ganz ohne Credits und ohne irgendwelche Nachweise im Transcript of Records, welches es noch gar nicht gab. Ich besuchte also Lehrveranstaltungen in der Geschichte, Germanistik, Religionswissenschaft, evangelischen Theologie, Kulturgeschichte, Soziologie, lernte Finnisch für mein Studium an der University of Tampere und dann auch kurze Zeit Russisch. Was mich antrieb, waren – wie ich nach einer Weile feststellte – bestimmte Fragen zunächst zur Erkenntnistheorie, dann auch zunehmend zur Metaphysik, Anthropologie, Philosophie des Geistes sowie der politischen Philosophie und das insbesondere mit dem Fokus auf große Denker der Neuzeit – Berkeley, Hume, Locke, Descartes, Kant, später auch Schelling, Hegel, Kierkegaard und v.a. Spinoza. Mit der politischen Philosophie in verschiedenen Kontexten (Internationale Beziehungen, Demokratietheorien, Kultursoziologie und -philosophie) beschäftigte ich mich insbesondere in Finnland angedockt an einen damals dort etablierten MA-Studiengang. An der Universität Jena dagegen standen die anderen Dimensionen der Erkenntnistheorie, Metaphysik und Philosophie des Geistes im Vordergrund, zumal ich hier auch als studentische Hilfskraft viele Jahre in einem großen DFG-Teilprojekt zu „Skeptizismus – Realismus – Idealismus. Die Jenaer Skeptizismus-Debatte 1801 – 1806“ involviert war.

Über „Spinozas Konzept der intuitiven Erkenntnis im Gesamtzusammenhang der Ethik“ verfasste ich schließlich meine Magisterarbeit. Sie harrt noch der Überarbeitung und Veröffentlichung (irgendwie kommen immer andere Projekte dazwischen). Er ist einer der zwei Denker, von denen ich am meisten lernen konnte, die mich bis heute faszinieren und mit deren Philosophie ich nach wie vor ringe. Der andere ist Hegel. Beide verbinden auf unnachahmliche Weise, mit dem höchsten Anspruch, zudem äußerst konsistent und stringent fast alle Themenfelder, die mich fesseln.

In meiner Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wagte ich mich an einen systematischen Vergleich aller genannten Denker in Bezug auf das Körper-Geist-Problem und untersuchte den „begriffslogischen Diskursraum“ desselben. Anliegen ist, eine systematische Grundlegung und darauf aufbauend Systematisierung und Kategorisierung des Problems zu geben, um die Gründe für die ‚Strittigkeit und bis heute ausgeblie¬bene Bewältigung des Problems‘ aufzuzeigen. Der komplexe „Problembereich wird von allen Seiten nach seinen sich bietenden Konstellationen, tragenden Konzepten, praktizierten Herangehensweisen, historischen Vorkommensarten und intrinsischen Möglichkeiten befragt, um somit […] ein geschlossenes und vollständiges Panorama der Fehlerquellen, Potentiale, Regularitäten und Irregularitäten, Binnenverhältnisse und exemplarischen Positionen zu bieten“ – so die prägnante Zusammenfassung des Gutachters Prof. Schäfer.

Nunmehr und aufgrund der Stelle als LfbA im Bereich Fachdidaktik, die ich 2013-2018 an der Universität Bamberg inne hatte, haben sich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte in Richtung Kulturphilosophie, Philosophie der Bildung und darauf aufbauende fachdidaktische Konzepte verschoben, auch wenn die Disseration im Hintergrund nach wie vor eine Rolle spielt. Für die Habilitation arbeite ich an einer Untersuchung zu Selbstbewusstseinstheorien und deren fachdidaktischer Relevanz. Anliegen dieser Auseinandersetzung ist eine Vergleichsgrundlage herauszuarbeiten, die es erlaubt, die essentiellen Eigenschaften von Bewusstsein und Selbstbewusstsein darzulegen. So entstand die These der triadischen Struktur des (Selbst-)Bewusstseins, die erstmal nur besagt, dass jedes Bewusstseinsphänomen wesentlich aus drei Momenten besteht – Bewusstseinssubjekt, Bewusstseinsakt und bewusstseinsimmanentes Objekt. Zur Analyse dieser Struktur sind zudem erkenntnistheoretische und ontologische Modelle zu berücksichtigen, mit denen drei grundlegende Ebenen oder Hinsichten unterschieden werden können, auf denen bzw. in denen von Selbstbewusstsein überhaupt die Rede sein kann. Auf dieser Grundlage lässt sich sodann genauer bestimmen, was Selbstkompetenz für den Philosophieunterricht bedeutet und darüber hinaus eine lehrplanrelevante Unterrichtsplanung anfügen, wodurch sich weitere Sach- und angewandte Methodenkompetenzen verdeutlichen lassen.

Diese Studien fügen sich in ein Großprojekt zur Entwicklung einer modernen Philosophie der Bildung ein, zu dem weitere fachliche und fachdidaktische Baustellen gehören, u.a. die Entwicklung eines Methodenkompetenzmodells auf erkenntnistheoretischer Grundlage, die kulturtheoretische und bildungstheoretische Fundierung des Themenfeldes inter-/trans- und kulturelle Bildung sowie die ethische und politisch-philosophische Fundierung und Weiterentwicklung der großen Bildungsideale Humanität und Aufklärung.

Zum Herbstsemester 2018/19 wechselte ich an die Europa-Universität Flensburg, wo ich versuche, diese Forschungsinteressen mit meiner Lehrtätigkeit als Fachdidaktikerin zu verbinden und damit die Studierenden auf ihre schwierige berufliche Laufbahn vorzubereiten. Natürlich gehörten und gehören zu meinem Aufgabenspektrum als Fachdidaktikerin nicht nur Forschungsaufgaben und Lehre. Zusätzlich konnte ich an der Gestaltung verschiedener Lehramtsstudiengänge, Prüfungsordnungen (u.a. in Kooperation mit dem Bayerischen Kultusministerium) und nunmehr auch der Implementierung von Prakika mit wirken. Mit dem Wechsel nach Flensburg verschlug es mich vom südwestlichsten Zipfel Deutschlands, wo ich geboren wurde und aufwuchs, über verschiedene Stationen in den nordöstlichsten von einer Grenzregion in die nächste.

Kontakt und weitere Informationen unter: https://www.uni-flensburg.de/philosophie/wer-wir-sind/personen/dr-sandra-frey/

Sarah Bianchi

Foto: Nada Quenzel

Foto: Nada Quenzel

Hallo aus dem Zug! Gerade bin ich auf der Rückfahrt von Frankfurt am Main. Dort arbeite ich in diesem Semester als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialphilosophie bei Prof. Dr. Martin Saar an der Goethe-Universität. Meine Forschungsinteressen liegen systematisch im Bereich der Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie und historisch im Bereich des Deutschen Idealismus (v.a. Kant) sowie der Romantik (Nietzsche) und der Postmoderne (Foucault). Was mich vor allem interessiert, sind die anderen Philosophiegeschichten, die jenseits der gängigen Interpretationen liegen. Nietzsche etwa ist nur zu oft dem Vorwurf ausgesetzt, dass er bloß den Weg in eine Aristokratie ebnet. Ich glaube auch, dass an dem Vorwurf etwas dran ist, nur bin ich auch davon überzeugt, dass es auch noch einen anderen Nietzsche gibt. Dieser Nietzsche spricht etwa von Freundschaften fernab elitärer Beziehungsgeflechte. Einen Vorschlag, wie solche Formen von Inklusions- und Exklusionsmechanismen im ganzen Leben – von Selbstverhältnissen, über ethische, ästhetische, rechtliche und politische Bereiche – zusammengedacht werden könnten, habe ich mit meiner Doktorarbeit „Einander nötig sein. Existentielle Anerkennung bei Nietzsche“ an der Humboldt-Universität zu Berlin angeboten. An der Princeton University habe ich die Publikation meiner Doktorarbeit (Fink 2016) abgeschlossen.

Schon während meines Studiums hat mich das Problem von Exklusionsformen beschäftigt. Studiert habe ich die Fächer Neuere/Neueste Geschichte, Philosophie und Französische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der École Normale Supérieure de Cachan/Paris sowie an der Universität Potsdam. Die Möglichkeit, einen Bachelorabschluss an der ENS Cachan zu machen, habe ich aufgrund eines Arbeitsangebots vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) abgelehnt. Zudem stand schon recht früh für mich fest, dass ich meine Magisterarbeit zur Dreyfus-Affäre in Berlin schreiben wollte. Dieses Fallbeispiel hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, weil es die diffuse Verwobenheit von Inklusions- und Exklusionsformen zeigt. 2012 wurde die Arbeit in dem Verlag Peter Lang veröffentlicht.

Gerade bin ich dabei, das Buchmanuskript unter dem Titel „Governing Oneself: Critical Aesthetics of Enhancement“ abzuschließen. Darin fasse ich die Ergebnisse zusammen, die ich während meiner Zeit als Postdoc in dem „The Enhancing Life Project“ der Universität Chicago an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Stanford University sowie an der Princeton University gewonnen habe. Gemeinsam mit 35 anderen Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt haben wir uns der Frage gestellt, ob die neuesten technologischen Entwicklungen, die unter dem Modewort „Enhancement“ gefasst werden, eigentlich wirklich das Leben verbessern, so wie sie es immerhin zu versprechen scheinen. In diesem Buchprojekt nehme ich den Faden der Inklusions- und Exklusionsmechanismen weiter auf: Nun geht es mir darum, die Wirkungsverhältnisse im Feld von Enhancementtechnologien zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang habe ich insbesondere in Kalifornien eine amerikanisch-deutsche Kollaboration mitgeleitet. Hier sind wir der Frage nachgegangen, was Enhancement-Strategien eigentlich am Beginn des Lebens machen, und zwar nicht nur mit uns, sondern auch mit möglichen zukünftigen Generationen. An der Ostküste habe ich anschließend weiter das Handwerkszeug gelernt, den Bereich der Ästhetik in einem weiten Sinn zu verstehen: als tatsächlichen Bezug zu unserer Existenz. Erste Schritte auf dem Weg hin zu dem amerikanischen Postdoc-Projekt habe ich als Fellow am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar machen können. In der letzten Woche ist der von mir herausgegebene Band drei „Auf Nietzsches Balkon III“ erschienen. Er versammelt die Texte der Stipendiat_innen, die ganz wortwörtlich auf Nietzsches Balkon in der Villa Silberblick entstanden sind.

Mögliche Rückfragen oder Kommentare können gern an mich gemailt werden: S.Bianchi (at) em.uni-frankfurt.de

Weitere Informationen sind auf meinem Profil bei academia: http://uni-frankfurt.academia.edu/SarahBianchi

Andrea Reichenberger

(c) Universität Paderborn

(c) Universität Paderborn

I am currently a research associate at the Center for the History of Women Philosophers and Scientists (HWPS), Paderborn University. It is a project under the direction of Ruth Hagengruber (Paderborn) financially supported by the Ministry of Innovation, Science and Research of North Rhine-Westphalia, Germany.

Research into the history of women philosophers and scientists has long been neglected. Especially, the historiography of the 19th and 20th century has tended to exclude, marginalize and trivialize women’s contribution to scientific issues, problems and developments. There is currently a movement toward correcting this historical bias.

My aim is to approach this task by rethinking the questions through which the history of science has been structured up to the present day. My conviction is that closing the gender gap requires rewriting and reforming the history and historiography of science by integrating women into it.

In order to reach this goal, it is essential to go beyond a mere biographical narration. Archival research is the basis for serious and well-founded historiographical studies, but it is not sufficient for a successful and sustainable integration of women’s contributions into recent trends and discussions regarding the epistemological and methodological status of the philosophy of science. In my opinion, a problem-oriented contextualization is necessary.

I try to show what such a contextualization can look like, by using case studies in my research and teaching practice. For example, in my book Émilie Du Châtelets „Institutions physiques“. Über die Rolle von Prinzipien und Hypothesen in der Physik, Springer 2016, I have investigated Émilie Du Châtelet’s sophisticated translation and interpretation of the laws of motion. I came to the result that Du Châtelet opened the door to the unification of the concept of force as cause for changing the state of motion and to a clear differentiation between the inertial state of motion (preserving the state of motion or rest) and the conservation of a physical quantity (energy and momentum).

A second example deals with a “relativized” Kantian interpretation of Einstein’s theory given by Ilse Rosenthal Schneider (1891–1990). In her book Das Raum-Zeit-Problem bei Kant und Einstein (1921), Schneider argued that Einstein’s theory of relativity did not refute Kant, although it was only Einstein who recognized and formulated the dependence of space-time metric with the gravitational field in the language of tensor analysis. The central thesis of her work was as follows: Firstly, Kant’s concept of space and time was not like Newton’s. His concept did not refer to a physical object with respect to which motion can be defined, but to a formal principle. Secondly, Kant contemplated an interdependence of geometry and matter long before Einstein was able to describe gravity as the bending of space-time geometry. I will discuss this argument against the background of Ilse Rosenthal Schneider’s correspondence with Albert Einstein, Max von Laue and Max Planck and against the background of Hans Reichenbach’s and Moritz Schlick’s unfair criticism of her book. A third example refers to Grete Hermann’s distinction of predictability and causality in quantum mechanics and her discussion of space and time from a Neo-Kanitan perspective.

These, and other case studies are part of my habilitation project. In this project, I aim to demonstrate that the standard view on the history of the space-time problem from Newton and Leibniz over Kant to Einstein needs to be reevaluated. The result of this study is that the old dispute between absolutism/substantialism vs. relationalism did not lead to the victory of one or the other position, but to the integration of invariance and symmetry principles into physics. Women’s contributions played a decisive and interesting role in this process of knowledge transformation and consolidation.

Additionally, I have started investigating the history of female German logicians from the late 19th till the early 20th century. Currently, I am editing two Special Issues on the Work of Women in Sciences and Philosophy, namely for Transversal: International Journal for the Historiography of Science (together with Moema Vergara, Museum of Astronomy – Mast, Rio de Janeiro, Brazil), and for Almagest. International Journal for the History of Scientific Ideas (together with Ruth Hagengruber (Paderborn University, Germany) and George Vlahakis (Hellenic Open University, Greece)). Together with Ruth Hagengruber, I am also preparing a conference volume on Époque Émilienne. Philosophy and Science 1700-1750.

Everyone is welcome to contact me: andrea.reichenberger (at) uni-paderborn.de

For further information see also: https://historyofwomenphilosophers.org/

http://dgphil.de/verbaende-und-ags/arbeitsgemeinschaften/ag-frauen-in-der-geschichte-der-philosophie/

https://kw.uni-paderborn.de/fach-philosophie/reichenberger/

https://zenmem.academia.edu/AndreaReichenberger

Catherine Herfeld

(c)

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I am currently assistant professor of Social Theory and Philosophy of the Social Sciences at the University of Zurich. I work in philosophy and history of the social sciences, focusing on economics and with an emphasis on methodological questions. I also have an interest in sociology of science and social theory. Before coming to Zurich in March 2017, I was a postdoctoral fellow and assistant professor at the Munich Center for Mathematical Philosophy at Ludwig-Maximilians-University Munich (LMU Munich). I completed my doctoral studies at Witten/Herdecke University in 2013 and while writing my dissertation, I spent some time at Columbia University, the Max-Planck Institute for the History of Science in Berlin, and the Center for the History of Political Economy at Duke University. I developed my interest in philosophy of the social science after receiving a degree in economics and working in the Ecuadorian rainforest.
Currently, I am finishing two books that are concerned with the epistemic status of rational choice theories in economics (hereafter RCTs). RCTs are among the most prominent approaches to human behavior in the social sciences. But upon closer inspection, they prove hard to ‘define’; specific instances include Expected Utility Theory, Gary Becker’s ‘Economic Approach to Human Behavior,’ Revealed Preference Theory, or Ordinal Consumer Choice Theory. What those approaches have in common is that they conceptualize human behaviour as rational behaviour (albeit understood differently in each of them). The empirical value of RCTs has been the subject of intense debate. On the one hand, scholars have defended RCTs as the best theories of human behaviour that we currently have in the social sciences and argued for their use until a better alternative comes along. On the other hand, scholars critical of RCTs have attacked them vigorously as psychologically or behaviourally unrealistic, as failing to offer adequate explanations of actual behaviour and as making predictions that are contradicted by empirical evidence. Those shortcomings have sometimes been identified by some as major causes for more substantial empirical difficulties that economic theories and models are said to confront.
My motivation is to support a more nuanced critique of RCTs. First, one thing I try to do in both books – albeit in distinct ways – is to sensitize critics to the fact that there is no such thing as a unified ‘rational choice theory’. Rather, I argue that the label of ‘rational choice’ refers to a set of different approaches that share a set of characteristics but that are conceptually and methodologically distinct and have been developed for very different problems. To better assess RCTs, their critique should therefore pursue what I refer to as a ‘local’ perspective (adopting a term that Michael Weisberg has attributed to Philip Kitcher’s approach in Philosophy of Biology). Such a local critique should consider what I label the ‘epistemic context’ within which a specific framework is developed and applied. Arguably, what ‘epistemic context’ means has to be further specified and to this end I take the history of economics to be of fundamental importance. If we consider the intellectual traditions from which the various RCTs behaviour have emerged, the problems they were originally meant to address, the larger theoretical frameworks they were often part of, and the justifications given by practitioners for their use, then we come to see not only how exactly they differ, but also what their scope of application is and should be.
In the first book, entitled The Many Faces of Rational Choice Theory, I offer an epistemologically enriched historical account of RCTs in economics that enables such a local critique. Furthermore, I show that throughout the history of economics, economists have argued that conceptualizing the human agent as a rational agent would indeed not help them to explain actual behaviour but might allow them instead – in different ways – to theoretically cope with better understanding larger economic systems, which they considered to be extremely complex. Those systems cannot be easily understood with a psychologically, behaviourally or even neurologically realistic account of human behaviour as long as the so-called aggregation problem, i.e., the problem of how economists could aggregate the behaviour of individuals in such a way that it is analytically tractable and at the same time leading to properties characterise of those systems. Thus, one lesson we can draw from the work of earlier thinkers, I think, is that instead of focusing too much on how to conceptualize the individual agent, economics could benefit from applying methods from computational social sciences that allow for detailed descriptions of social interaction processes that bring about social phenomena. It is against this background that the question of how realistic an account of human behaviour has to be should be answered.
The other book that I am working on takes a different approach towards tackling those issues. Entitled Conversations on Rational Choice Theory, it contains interviews I have conducted over the past years with economists, psychologists, and philosophers who have contributed to the development and application of RCTs or have been engaged in the debates regarding their empirical usefulness. By exposing practicing scientists and philosophers to each other’s arguments and engaging with their positions, those interviews allow for addressing a number of important but as yet neglected issues in the debate, such as clarifying the object under discussion, viz. RCT, understanding how practitioners justify rational choice theory for their various purposes, and where they take their empirical usefulness to be limited.
Besides those two larger projects, I investigate in a side project the historical context within which RCTs emerged in the 1940s and 1950s. Those three projects are the outcome of my time as a doctoral and postdoctoral researcher.
Much of my work is interdisciplinary, mainly regarding the methods I use. I combine traditional philosophical approaches – such as case studies – with quantitative-empirical methods in history and philosophy of the social sciences. I do archival research in my historical research and use historical case studies in philosophy; and conducting interviews allows me to get into closer contact with scientific practitioners. For example, in my new habilitation project, I take a sociological, a historical, and a systematic perspective to address the question of how knowledge in general and scientific innovations in particular spread within and across (interdisciplinary) contexts. Together with my colleague Chiara Lisciandra (University of Groningen), I am currently editing a Special Issue for Studies in History and Philosophy of Science: Part A, which addresses questions about knowledge transfer from an interdisciplinary viewpoint. The goal is to distinguish between different kinds of knowledge transfer and examine whether it is possible find commonalities among them; maybe even beyond a specific field or discipline. Another example is a project in which, together with psychologists and sociologists, we research the gender gap in academic philosophy as well as whether female-only events can have a positive effect on female students continue to pursue an academic career.
For more on those and other projects as well as for contacting me, see my website: http://catherineherfeld.weebly.com

Mara-Daria Cojocaru

(c) Gesa Koch-Weser

(c) Gesa Koch-Weser

Ich bin im Oktober 2016 von einem 15-monatigen Forschungsaufenthalt in England zurückgekehrt an die Hochschule für Philosophie in München und freue mich über die Gelegenheit, etwas über meine Interessen erzählen zu dürfen, die sich in dem Zeitraum naturgemäß (jedenfalls teilweise) neu verortet haben.
Ich hatte mir die University of Sheffield ausgesucht, um dort in der Arbeit mit und im Umfeld von Christopher Hookway meine Überlegungen zu pragmatistischen Emotionstheorien zu vertiefen. Mir war aufgefallen, dass Dewey und Peirce was die erkenntnistheoretische Rolle von affektiven Zuständen betrifft eigentlich mehr verbindet als die Entwicklung der pragmatistischen Forschungslandschaft vermuten lässt, insofern Dewey mit James gerne auf eine (anti-realistische) Seite des Pragmatismus geschoben wird und Peirce auf die andere (realistische) Seite. Ganz besonders prominent ist diese Gemeinsamkeit von Dewey und Peirce mit Blick auf den Zweifel und ich habe diesbezüglich nachgezeichnet, wie sich Dewey und Peirce wechselseitig gut ergänzen, und entwickelt, was das für andere affektive Zustände bedeuten könnte; das insbesondere auch wenn es um solche geht, die uns zunächst einmal erkenntnisfeindlich erscheinen – wie etwa Wut. Gerade bei Peirce findet sich nämlich eine sehr spannende Emotionstheorie, die, in Verbindung mit seiner Zeichentheorie, erlaubt, Emotionen als dynamische Erfahrungen zu verstehen, so dass es mit einer einfachen Interpretation bestimmter vermeintlich eindeutiger Charakteristika von so etwas wie ‚Angst‘ oder ‚Wut‘ oder ‚Freude‘ nicht getan ist. Damit eng verbunden ist die normative Idee, dass Emotionen so zu regulieren sind, dass unsere individuelle Erfahrung dazu, wie die Welt tatsächlich ist, auch passt. Entscheidend dabei ist für mich der Gedanke, dass es bei Emotionen gerade nicht um mich allein und meine subjektive Einstellung zu irgendetwas geht, sondern dass sie wichtige Informationen für uns und andere darüber sind, wie es um bestimmte Werte, über die wir uns einig sein bzw. werden müssen, bestellt ist. Bei all dem hat sich dann gezeigt, dass mich die sozialen Faktoren in der Erkenntnis viel mehr interessieren als die metaethischen Debatten, auf die ich vorgehabt hatte, meine pragmatistischen Einsichten anzuwenden. Insgesamt bin ich damit vielleicht noch stärker ins Peirce’sche Lager gewechselt, auch wenn ich wichtig finde, zu betonen, dass die Lager-Mentalität dem pragmatistischen Denken eigentlich fremd ist und wenn es doch durchbricht, meiner Meinung nach nicht gut tut.
Insofern bemühe ich mich auch darum, in nicht klar erkennbar pragmatistischen Zusammenhängen auszuweisen, was eine pragmatistische Herangehensweise leisten kann. Am produktivsten erscheinen mir hier die Verbindungen zur Frage nach Tugenden in der Erkenntnis – hier vertrete ich die These, dass man (in Analogie dazu, was Peirce ‚logische Sentimente‘ nennt) bestimmte dispositionale Emotionen als Tugenden verstehen kann. Mit Blick auf Probleme der praktischen Philosophie, insbesondere was tiefe Wertkonflikte betrifft, interessiere ich mich weiterhin für die Rolle von Wut. Genauer dienen mir all die Probleme und zum teil ja hoch emotionalen Konflikte rund ums Thema Mensch-Tier-Beziehungen in meiner Arbeit typischerweise zugleich als Ausgangspunkt und Prüfstein meiner Überlegungen. Als Pragmatistin ist man zwar, entgegen anti-intellektualistischer Vorurteile, nicht darauf festgelegt, nur Philosophie mit unmittelbarem Anwendungscharakter (was immer das sein mag) zu machen. Ich komme aber nicht nur aus der praktischen bzw. politischen Philosophie (meine Doktorarbeit habe ich bei Julian Nida-Rümelin zur „Geschichte von der guten Stadt“ geschrieben) und suche entsprechend nach Brücken oder Trampelpfaden zwischen meinen neuen und meinen alten Forschungsgebieten; mir liegt das Thema Mensch-Tier-Beziehungen auch genuin am Herzen (deswegen bin ich bspw. auch Mitglied bei Minding Animals Germany). Ich bin überzeugt davon, dass sich sowohl intellektueller als auch moralischer Fortschritt daran festmachen lassen, dass wir unsere Sensibilitäten gegenüber dem Leiden und den Bedürfnissen von nicht-menschlichen Tiere so realistisch wie nötig ausbilden und mit so viel Kreativität und sozialer Intelligenz wie möglich in neue Formen des gelingenden Miteinanders (oder auch respektvollen Nebeneinanders) übersetzen. Dazu gehört dann an erster Stelle, gut pragmatistisch, an all den unhinterfragten Praktiken systematisch die Form von Zweifel anzumelden, die dadurch qualifiziert ist, dass sie auf echte Probleme reagiert und auch die sozialen Mechanismen aufzudecken, die dazu führen, dass wir sie gewohnheitsmäßig nicht (oder nicht mehr) sehen. Wie diese Scheuklappen genau funktionieren und welche Rolle Gewissen und starke Emotionen in Situationen moralischen Lernens im Bereich nicht-menschliche Tiere und Umwelt funktionieren und besser funktionieren können – dieser Problemzusammenhang steht im Zentrum meines Anschlussprojektes, das ich gerade vorbereite. Teil dieses Projekts wird auch eine methodologische Diskussion sein, um besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen Philosophie in der Rückbesinnung auf intellektuelle Kritik eigentlich wirklich eine gesellschaftlich produktive Funktion haben kann. In dem Zusammenhang habe ich neben meinen akademischen Projekten auch ein großes Interesse an unterschiedlichen Formaten von public philosophy und probiere verschiedene Strategien aus, um Ideen und Probleme im öffentlichen Diskurs zu artikulieren – dabei spielt für mich jedenfalls nicht zuletzt die Literatur eine wichtige Rolle. Mehr über meine verschiedenen Projekte findet sich hier: www.maradariacojocaru.weebly.com.

Janina Loh

Janina Loh (c) Nana Thurner

Janina Loh (c) Nana Thurner

Ich bin seit April 2016 Universitätsassistentin in der Technik- und Medienphilosophie bei Mark Coeckelbergh an der Universität Wien. Neben meiner Habilitation zu den Posthumanistischen Elementen in Hannah Arendts Werk und Denken (Arbeitstitel) arbeite ich gerade vorrangig an einer Einführung in den Trans- und Posthumanismus, die im Frühjahr 2018 bei Junius erscheinen wird.
Ich habe 2009 mein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zum Verantwortungskonzept bei Hannah Arendt abgeschlossen. Arendt hat mich vom ersten bewussten Lesen während des Studiums an tief bewegt und mein Denken nachhaltig geprägt. In meiner Masterarbeit, die in überarbeiteter Form im Archiv für Begriffsgeschichte publiziert wird, vertrete ich die These, dass man Arendts Werk mit dem Interpretationsmoment der Verantwortung regelrecht ‚aufschließen‘ kann. Überraschenderweise wurde bislang noch keine umfassende Studie zur Verantwortung bei Arendt angestellt – diejenigen unter den Arendt-Forscher_innen, die sich diesem Phänomen bislang explizit zugewandt haben, betrachten zumeist nur einzelne Ausschnitte aus ihrem Werk. In meiner Arbeit werden chronologisch über 25 Jahre alle wesentlichen Texte und Textstellen betrachtet, in denen Arendt wörtlich von Verantwortung spricht. Diese vornehmlich philologische Textarbeit stellt die Grundlage für eine philosophische Diskussion dar, die in dem Artikel nur angerissen werden kann, indem das jeweilige Verantwortungskonzept auf Kohärenzen mit den anderen Texten kritisch reflektiert wird. Insbesondere Arendts Ausführungen in der Vita activa sind für mein Konzept der doppelten Daseinsverantwortung, das ich später in meiner Dissertation entwickelt habe, von großer Relevanz.
Von 2009 bis 2013 habe ich im Rahmen des Graduiertenkollegs Verfassung jenseits des Staates: Von der europäischen zur globalen Rechtsgemeinschaft? an der HU promoviert, betreut durch Volker Gerhardt und Rahel Jaeggi. In meiner Dissertation – Verantwortung als Begriff, Fähigkeit, Aufgabe. Eine Drei-Ebenen-Analyse (Springer 2014) – geht es darum, aus einer etymologischen Minimaldefinition von Verantwortung alle Merkmale zu einer Begriffsbestimmung abzuleiten. Nur in den Kontexten, in denen alle Relationselemente der Verantwortung voll definiert sind, ist klar, was Verantwortung heißt. Eine reine Auseinandersetzung mit dem Wort ist jedoch nicht hinreichend für ein Verständnis von Verantwortung in einem gegebenen Moment. Das Phänomen ist im Ganzen als Begriff, als Fähigkeit und als Aufgabe zu erfassen. Vor diesem Programmhintergrund lautet die zentrale Frage meiner Dissertation: Wie kann das Konglomerat aus Begriff und Begriffsgebrauch, dem Wissen über verantwortliches Handeln und über die Funktion von Rollen sowie der direkten Anschauung einer Situation und dem spontanen Handeln aus dieser Situation heraus, in der nach Verantwortung gefragt wird, uns zur Identifizierung der Kontexte dienlich sein, in denen es Sinn macht, von Verantwortung zu sprechen?
Nach meiner Verteidigung im Februar 2013 bin ich im April desselben Jahres an die Christian-Albrechts-Universität Kiel zu Ludger Heidbrink gelangt. Mit ihm und Claus Langbehn publiziere ich gerade das Handbuch Verantwortung bei Springer. Doch durch meine zeitgleiche Zusammenarbeit mit Catrin Misselhorn an der Universität Stuttgart konnte ich die noch recht junge philosophische Bereichsdisziplin der Roboterethik für mich entdecken und hierüber den weiteren Horizont der Technikphilosophie.
Für Verantwortung interessiere ich mich immer noch sehr – v.a. im Bereich der Technik wie bspw. in unserem Umgang mit den neuen Medien und in der Mensch-Maschine-Interaktion. Ich denke, dass sich unser traditionelles Verständnis von Verantwortung gegenwärtig vor einige Herausforderungen gestellt sieht – u.a. deshalb, da mit dem vergangenen Jahrhundert neue potenzielle Anwärter_innen in die Arena der zur Verantwortung potenziell angesprochenen Wesen traten: Roboter. Daher schreibe ich gerade viel zur Verantwortung und Roboterethik und plane mit Catrin Misselhorn ein Kompendium zur Roboterethik bei Metzler.
Mich faszinieren Vervollkommnungs- und Überwindungstheorien des Menschen, was meine Auseinandersetzung mit den Strömungen des Trans- und Posthumanismus erklärt. Es handelt sich dabei um zwei (bzw. drei) Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Diskurse aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften, Informatik und KI-Forschung vereinen und sich an der Grenze von philosophischer Anthropologie und Technikphilosophie verorten lassen. Der Transhumanismus will den Menschen optimieren. Der technologische Posthumanismus hingegen zielt auf eine Überwindung des Menschen in der Erschaffung einer artifiziellen Alterität. Der kritische Posthumanismus schließlich bricht durch die Hinterfragung traditioneller Kategorien mit unserem humanistischen Verständnis vom Menschen. Ich sehe insbesondere den Transhumanismus mit seinen kapitalistischen Besitz- und Kontrollbestrebungen sowie den technologischen Posthumanismus eines Ray Kurzweil mit seinem cartesianischen Geist-Körper-Dualismus und seiner Leibverachtung ausnehmend kritisch, was ich bereits in einigen kleineren Publikationen diskutiert habe.
Ich verstehe mich als kritische Posthumanistin in der Tradition von Haraway, Barad, Wolfe, Braidotti und Latour, wobei man hier mit guten Gründen nur schwer von einer einheitlichen Schule sprechen kann. In meiner Einführung in den Trans- und Posthumanismus arbeite ich gegenwärtig die Elemente des ausnehmend heterogenen Denkens kritischer Posthumanist_innen heraus. Diese Publikation lässt sich als eine Vorstudie zu meinem Habilitationsprojekt begreifen, in dem ich eine eigene Theorie kritisch posthumanistischer Reflexion vorstellen und damit an Arendt, die selbst keine Posthumanistin ist, zweierlei zeigen möchte: zum einen, dass einige für ihr Schaffen fundamentalen Aspekte auch für den kritischen Posthumanismus treibende Momente darstellen und zum anderen, dass Arendt auf einige Herausforderungen, mit denen kritische Posthumanist_innen ringen, eine Antwort geben kann.
Für weitere Informationen: http://philtech.univie.ac.at/team/janina-loh-nee-sombetzki/ und https://univie.academia.edu/JaninaSombetzki
Für Kontakt und Rückfragen: janina.loh@univie.ac.at

Federica Gregoratto

Federica Gregoratto © gregoratto

Federica Gregoratto © gregoratto

Seit Juli 2013 bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Meine Forschung und Lehre bewegen sich im Bereich Sozial- und politischer Philosophie.

Ich wurde 1983 im Nordosten Italiens geboren und außer kurzen Aufenthalten im Ausland (Paris, Berlin, Frankfurt) habe ich meine ganze universitäre Ausbildung in Italien durchlaufen. Ich habe BA, MA und Promotion für Arbeiten über Autoren und Themen der Kritischen Theorie erhalten. In meiner BA-Arbeit (2006) habe ich mich mit Adornos Theorie der Mimesis als begrifflichem Vorbild der Intersubjektivität beschäftigt, während die MA-Arbeit (2008) einer Auseinandersetzung zwischen Adorno und Habermas gewidmet war. In meiner im Jahr 2012 an der Ca’ Foscari-Universität Venedig abgeschlossenen und verteidigten Promotionsarbeit habe ich mich noch weiter mit Habermas sozialkritischem Projekt auseinandergesetzt, das ich in seinem ganzen Werk analysiert habe.

Die in der MA-Arbeit skizzierte Idee einer Adornianischen Deutung von Habermas bleibt die Grundintuition der Dissertation, die 2013 mit dem Titel „Il doppio volto della comunicazione“ („Das Doppelgesicht der Kommunikation“) beim Verlag Mimesis (Mailand) veröffentlicht wurde. Ich habe dort die These verteidigt, dass sich die rationale kommunikative Praxis, die Habermas zufolge die normative Grundlage der Gesellschaftskritik bildet und das von Adorno ausgearbeitete „Dilemma“ der immanenten Kritik auflöst, in der Tat als ambivalent oder sogar dialektisch erweist. Wie sich leicht am frühen Werk aber auch teils am späteren rekonstruieren lässt, besteht die Habermassche kommunikative Vernunft in einem Geflecht von Macht und Gültigkeit, Herrschaft und Emanzipation, Gewalt und Freiheit. Die idealisierenden Voraussetzungen des kommunikativen und diskursiven Handelns sind also nicht als normative Kriterien der Gesellschaftskritik unmittelbar anzusehen, da solche Kriterien in bestimmten sozialen und diskursiven Praktiken neu auftauchen und aber auch immer wieder in Frage gestellt werden. Das kontrafaktische Gerüst der Kommunikation hat aber die Funktion, innerhalb der Faktizität des Sozialen eine Kluft zwischen Idealem und Realem zu öffnen, die der Möglichkeit der emanzipatorischen und transformativen Praxis entspricht.

Nach einem Jahr als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophiegeschichte an der Universität Venedig (2012-2013), habe ich meine aktuelle Stelle in Frankfurt angetreten. Obwohl die Goethe-Universität nicht komplett neu für mich ist, da ich schon während der Promotion ein paar Semester als Gastwissenschaftlerin in Frankfurt verbracht hatte, hat mit dieser Stelle eine neue Phase meiner wissenschaftlichen Arbeit angefangen. Wenn während meiner Ausbildung die Hauptfrage, die mich am meisten beschäftigte, etwa „Wie ist Gesellschaftskritik möglich“ lautete, interessiert mich zurzeit eher die ontologische und immanent normative Konstitution von konkreten einzelnen sozialen Verhältnissen.

In meinem aktuellen Projekt versuche ich hauptsächlich zu verstehen, was Liebe als soziale Beziehung ist und warum Macht als konstitutiver Bestandteil einer solchen Beziehung zu betrachten ist. Anhand von psychoanalytisch informierten Anerkennungstheorien (insb. Melanie Klein, Jessica Benjamin und Axel Honneth) beschreibe ich Liebe als ein Interdependenzverhältnis, das in einem Prozess besteht, in dem die Liebenden ihre Wünsche, Bedürfnisse, Zwecke, Projekte und Identitäten gegenseitig und gemeinsam herstellen, verändern und befriedigen. Nach dem prozessualen Begriff der Interdependenz, den ich entwickeln will, sind die Liebenden gegenseitig voneinander abhängig; zugleich versuchen sie immer wieder, sich als unabhängig zu behaupten. Eine wichtige Rolle in dieser Konstellation spielt für mich die Idee von „care-work“.

Eine vielfältige Machtkonzeption möchte ich an dieser Stelle herausarbeiten, um eine solche Liebesbeziehung besser zu begreifen. Ich schlage vor, Macht als eine Mischung von power to und power over zu verstehen, die eine Ambivalenz zwischen ausbeuterischen und empowering Potentialen ausmacht (vor allem sind die Machtüberlegungen von Amy Allen und Rainer Forst hier inspirierend.) Ich versuche damit eine Theorie der Liebe zu entwerfen, die es vermag, erstens, die feministischen Zweifel an der Anerkennungstheorie aufzunehmen und, zweitens, im Gegensatz zu manchen feministisch-queeren Kritiken, die Idee der Liebe als Form des guten Lebens zu bewahren.

Ein wichtiger Teil dieses Projekts besteht in der sowohl empirischen als auch begrifflichen Analyse von „intimate femicide“ (oder „feminicide“): ein Phänomen nämlich, das überzeugend zeigt, wie unter Bedingungen der andauernden Geschlechtsherrschaft und Heteronormativität die Machtdynamiken der Liebe zu extremen Formen der Gewalt führen (können).

Nach einer allgemein akzeptierten Definition bedeutet femicide „die Ermordung einer ‚Frau’, weil sie eine ‚Frau’ ist.“ Aus dieser Definition entstehen einige begriffliche Probleme, vor allem die in der Geschlechtsforschung grundlegendende und höchst umstrittene Frage nach der „Natur“ des Geschlechts. Was ist eine ‚Frau’ (oder ein ‚Mann’)? Worin besteht das Geschlecht? Ich möchte diese Frage in Bezug auf die aktuellen „material feminism“-Debatten und mit Hilfe eines von Hegel und Dewey inspirierten Naturalismus untersuchen: Mein Ziel ist etwa zu zeigen, wie sich ‚Geschlechter’ aus einer dialektischen Interdependenz zwischen der „ersten“ und der „zweiten“ Natur ergeben.

Mein Interesse für Machttheorien erschöpft sich nicht nur in den Untersuchungen über Liebe und Geschlecht; ich habe auch vor, jene die aktuelle Phase des Kapitalismus bestimmenden Interdependenzverhältnisse, nämlich die Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse, anhand von Nietzsche, Marx und Deleuze als Machtbeziehungen zu begreifen.

Ich interessiere mich auch sehr für Filme und manchmal schreibe ich kleine, wenig anspruchsvolle, philosophische Filmrezensionen. Ich habe bisher z.B. über Lars von Trier, Batman und vor allem Bernardo Bertolucci geschrieben.

Hier findet ihr meine Kontaktdaten und hier meine Arbeiten.

Kristina Musholt

kristinamusholt_bwIch bin seit 2013 Juniorprofessorin für Neurophilosophie am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg. Mich hat schon immer interessiert, welche Antworten unterschiedliche Disziplinen auf die Frage nach dem Wesen des Menschen geben können. Entsprechend habe ich Humanbiologie, Neurowissenschaften und Philosophie zuerst in Marburg, dann in Magdeburg und Neapel studiert. Anschließend habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin School of Mind and Brain promoviert. Dabei habe ich allerdings die Hälfte meiner Promotionszeit als Gaststudentin am Department of Linguistics and Philosophy am MIT (USA) verbracht. Nach meiner Promotion war ich von 2010 bis 2013 als Fellow am Department for Philosophy, Logic and Scientific Method an der London School of Economics tätig. Gleichzeitig war ich dort stellvertretende Direktorin des Forum for European Philosophy.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der analytischen Philosophie des Geistes und der Philosophie der Kognitionswissenschaften, ich interessiere mich aber auch für die Sprachphilosophie sowie für phänomenologische Ansätze und für den deutschen Idealismus. Im Zentrum meiner Forschung stand bislang vor allem das Thema Selbstbewusstsein, verstanden als die Fähigkeit, sich seiner selbst gewahr werden zu können. In meiner Dissertation habe ich mich kritisch mit Theorien des sogenannten nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins auseinander gesetzt. Ausgehend von dem Problem, dass traditionelle Theorien des Selbstbewusstseins dem Vorwurf der Zirkularität ausgesetzt sind, versuchen Theorien des nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins zu zeigen, dass bereits die Gehalte einfacher Wahrnehmungen eine Form von Selbstbewusstsein beinhalten, die dann die Grundlage für komplexere Formen von Selbstbewusstsein bilden können. Dabei verweisen sie bespielsweise auf die Perspektivität der Wahrnehmung. Aufbauend auf Überlegungen aus der Philosophie des Geistes, der Sprachphilosophie und teilweise auch der Phänomenologie argumentiere ich in meinen Arbeiten gegen eine solche Position. Kurz zusammengefasst könnte man meine These dabei so beschreiben, dass wir zwischen dem Haben einer Perspektive einerseits, und dem Wissen darum, dass wir eine Perspektive haben andererseits unterscheiden sollten. Erst letzteres bezeichnet meiner Ansicht nach die Fähigkeit zum Selbstbewusstsein.

Dabei spielt meiner Ansicht nach auch die soziale Kognition eine wesentliche Rolle für das Verständnis des Phänomens des Selbstbewusstseins. Wir werden uns unserer eigenen Perspektive auf die Welt nämlich erst als solcher gewahr (und somit selbstbewusst), wenn wir in der Lage dazu sind, sie mit der Perspektive eines Anderen zu kontrastieren. Selbstbewusstsein und Intersubjektivität sind somit gleichsam zwei Seiten einer Medaille. Ausgehend von dieser Überlegung versuche ich – aufbauend auf Erkenntnissen aus den empirischen Wissenschaften – ein Stufenmodell der Entwicklung von Selbstbewusstsein und sozialer Kognition zu entwerfen.

Auch unabhängig von der Frage nach ihrer Bedeutung für unser Selbstverständnis als selbstbewusste Wesen interessiert mich die Philosophie der sozialen Kognition. Derzeit beschäftige ich mich vor allem mit der Entwicklung von Alternativen zu den klassischen Erklärungsmodellen unserer Fähigkeiten zur sozialen Interaktion. Letztere legen unseren Fähigkeiten zur sozialen Interaktion in der Regel sehr anspruchsvolle begriffliche Fähigkeiten zugrunde, die der Vielfalt der Formen sozialer Kognition nicht angemessen gerecht werden. Ich plädiere daher für einen Pluralismus der Erklärungen unserer sozial-kognitiven Fähigkeiten, der auch nicht-begriffliche Fähigkeiten mit einbezieht.

Allgemein halte ich die Frage, wie nicht-begriffliche Fähigkeiten der Repräsentation zu verstehen und zu charakterisieren sind, für eine spannende Forschungsfrage. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei, dass gute Gründe dafür sprechen, dass es solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten gibt (auch wenn ich Theorien nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins kritisch gegenüber stehe). So zeigen etwa Kleinkinder und Tiere Fähigkeiten, die deutlich über das Vorhandensein reiner Reiz-Reaktions-Schemata hinausgehen, und die ein gewisses Maß an Normativität und Rationalität implizieren, die aber dennoch nicht die Komplexität und Generalisierbarkeit begrifflicher Fähigkeiten aufweisen. Doch wie genau sind solche nicht-begrifflichen Fähigkeiten zu verstehen? Mein Ansatzpunkt bei der Beantwortung dieser Frage ist, dass es sich hierbei um Formen des “Wissens-wie” handelt. Erst wenn wir diese besser verstehen, können wir sowohl Fragen nach der Entwicklung spezifisch menschlicher Fähigkeiten als auch Fragen nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen menschlichen und tierischen Fähigkeiten beantworten.

Als Neurophilosophin interessiert mich schließlich auch die etwas übergreifendere Frage, ob und inwiefern die Neurowissenschaften zu einem besseren Verständnis menschlicher Fähigkeiten (wie etwa der Fähigkeit zum Selbstbewusstsein) und deren Beeinträchtigungen (wie wir sie beispielsweise in psychopathologischen Störungen beobachten können) beitragen können. Grundsätzlich bin ich dabei skeptisch gegenüber reduktionistischen Ansätzen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass philosophische Theorien offen gegenüber den Erkenntissen der empirischen Wissenschaften sein sollten (und umgekehrt). Deshalb möchte ich in Zukunft – u.a. anhand von konkreten Beispielen, etwa aus der Philosophie der Psychiatrie – vor allem der Frage des meiner Meinung nach noch weitgehend ungeklärten Verhältnisses von personalen und subpersonalen Erklärungsebenen nachgehen.

Neben der philosophischen und interdisziplinären Forschung interessiert mich auch die Frage, wie man Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und als Wissenschaftler in einen Dialog mit der Gesellschaft treten kann. Im Rahmen meiner Tätigkeit für das Forum for European Philosophy in London habe ich zu diesem Zweck regelmäßig öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit verschiedenen Formaten organisiert; ähnliches versuchen wir – in kleinerem Rahmen – auch in Magdeburg. Meine Erfahrung dabei ist, dass ein großer Bedarf nach der Beschäftigung mit philosophischen Fragen besteht – unser Fach ist also keineswegs dabei (wie häufig befürchtet wird) an Relevanz zu verlieren; ganz im Gegenteil!

Für weitere Informationen: www.kristinamusholt.wordpress.com

Katja Crone

Foto KCSeit 2014 bin ich Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Geistes an der TU Dortmund. Studiert habe ich die Fächer Philosophie und Literaturwissenschaften in Montpellier und Hamburg. Nach einem Forschungsaufenthalt in London habe ich 2004 an der Universität Hamburg promoviert. Danach war ich zunächst für viereinhalb Jahre als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Nationalen Ethikrates beschäftigt, später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle, an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Berlin School of Mind and Brain und zuletzt an der Universität Mannheim.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes (vorrangige Themen sind: Selbstbewusstsein, personale Identität, phänomenales Bewusstsein), in der Erkenntnistheorie und in der Philosophiegeschichte (Kant und Fichte). Darüber hinaus interessiere ich mich für Themen der Sprachphilosophie und der Anthropologie.

Vor und während meiner Promotion habe ich mich hauptsächlich mit philosophiehistorischen Themen beschäftigt, insbesondere mit der theoretischen Philosophie Kants und Fichtes, aber auch mit Descartes’ Erkenntnistheorie. Im Rahmen meiner Doktorarbeit über Fichtes Theorie der Subjektivität (erschienen 2005) haben mich vor allem Argumente interessiert, die sich in gegenwärtige systematische Debatten einbringen lassen. Dies betrifft beispielsweise die von Fichte vertretene Auffassung, dass die Fähigkeit zu Selbstbewusstsein ein nichtreflektiertes Selbsterleben eines empfindenden Organismus voraussetzt – eine Argumentation, die sich sowohl in neueren analytischen und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen (z.B. bei Bermúdez) als auch in phänomenologischen Ansätzen (z.B. bei Zahavi, Gallagher) wiederfindet. Die praktische Fundierung von Selbstbewusstsein, für die Fichte argumentiert, ermöglicht weitere interessante Bezüge etwa zu zeitgenössischen Theorien personaler Autonomie und Selbstevaluationen (z.B. Frankfurt, Bratman).
Nach meiner Promotion habe ich mich vor allem systematischen Themen der Philosophie des Geistes zugewendet. Meine Habilitationsschrift (erscheint 2015) befasst sich mit einem psychischen Phänomen, das ich das “biographische Selbstverständnis von Personen” nenne. Gemeint ist die Fähigkeit von Personen, sich Persönlichkeitseigenschaften wie “schüchtern”, “gesellig” oder “ängstlich” zuzuschreiben, wobei die Personen diese Selbstzuschreibungen begründen, indem sie sich auf Episoden ihres Lebens beziehen. Personen bilden Repräsentationen von eigenen früheren Verhaltensweisen, die sie als typisch betrachten und in ihr Selbstbild integrieren. Dieses Phänomen ist bislang von Theorien so genannter narrativer Identität untersucht worden, welche die beschriebenen Selbstbezugnahmen auf die Konstruktion von Selbst-Narrationen zurückführen (z.B. Carr, Schechtman, Bruner). Meine These ist, dass diese Theorien nur unzureichend erfassen, wie das biographische Selbstverständnis von Personen beschaffen ist. Denn die Eigenschaften von Selbst-Narrationen (z.B. episodische Einheit, Kohärenz, Unterstellung von Rationalität, soziale Einbettung etc.) klären meiner Argumentation zufolge nur einen Teil des Zielphänomens. Explanatorisch relevant sind darüber hinaus strukturelle und epistemische Eigenschaften des Selbstbewusstseins, worüber beispielsweise gezeigt werden kann, warum man mit solchen Selbstzuschreibungen einen besonderen epistemischen Anspruch erhebt (der zumeist allerdings nicht berechtigt ist). Auch wird in vielen existierenden Debatten der Begriff der Identität – in der Bedeutung von “Persönlichkeit” oder “Persönlichkeitskern” – uneindeutig verwendet und oft mit dem Begriff der numerischen Identität über die Zeit hinweg verwechselt. Ich mache in meinem Buch einen Klärungsvorschlag und zeige zudem, inwiefern das Bewusstsein, als numerisch identisches Subjekt über die Zeit hinweg zu existieren, die Bedingung für ein biographisches Selbstverständnis ist. In methodologischer Hinsicht verwende ich einen integrativen Ansatz, der sprach- und begriffsanalytische, phänomenologische und empirische Perspektiven miteinander verbindet.
In nächster Zeit möchte ich mich mit dem Thema “Intersubjektivität” im weitesten Sinn beschäftigen. Für besonders relevant und bislang noch wenig untersucht halte ich den Zusammenhang von sozialer Kognition (Bedingungen für das Verstehen und Wahrnehmen anderer Personen) und der Natur und Struktur eines “Wir”- oder Gruppen-Bewusstseins.

Dagmar Comtesse

Foto_DCDas Jahr an der Sciences-Po in Paris war die einzige örtliche Ausnahme meines in Frankfurt am Main verbrachtem Studium der Geschichtswissenschaften, der französischen Sprache (beides mit Abschluss des Staatsexamens 2004) und der Philosophie (Abschluss Magister 2006). Nach einem spannenden Jahr als Mentoring-Beauftragte des Fachbereichs, in welchem ich zwar erreichte, dass ein akademisches Förderprogramm nur für weibliche Absolventinnen eingerichtet wurde, aber leider auch dessen Abschaffung – mit dem Grund der Benachteiligung von männlichen Absolventen – im darauffolgenden Jahr erleben musste, konnte ich 2008 im Exzellenzcluster „Normative Orders“ – im disziplinären Spannungsfeld von Geschichtswissenschaften und Philosophie verbleibend – eine Mitarbeiterstelle annehmen, die am Lehrstuhl „Wissenschaftsgeschichte“ von Prof. Moritz Epple angesiedelt ist. Die mehrfache Doppelung von Geschichtswissenschaften und Philosophie während meiner akademischen Ausbildung hat sich nachhaltig auf mein Denken ausgewirkt: Der Einblick in die irreduzible Historizität von Epistemologien einerseits und in die auf keine Gesetzmäßigkeit zurückführbare Vielfalt der Geschichte andererseits führten zum Bruch mit allen Letztbegründungsansprüchen. Die Annahme, dass Begründungen immer kontingent zu denken sind – contingent foundations, wie es Judith Butler ausdrückt -, steht allerdings in Spannung zu meinen Überlegungen über den Zusammenhang von Anthropologie und politischer Philosophie, die gegenwärtig mein Hauptinteresse bilden. Die Vereinbarkeit von Kontingenz und (politischer) Anthropologie ist also meine derzeitige Denkaufgabe, der ich mich ansatzweise in der Überarbeitung meiner Doktorarbeit über die politische Philosophie Rousseaus widme, die jedoch auch die Grundlage eines nächsten Forschungsprojektes bildet.

Meine Dissertation, die den Titel „Postnationale Volkssouveränität. Eine Aktualisierung Rousseaus“ trägt und die ich bei Prof. Rahel Jaeggi in Berlin und Prof. Axel Honneth in Frankfurt schreiben konnte, geht von der politischen Motivation aus, die kontingente Verbindung von Volkssouveränität und Nationalstaat lösen zu wollen und eine postnational konzipierte Volkssouveränität in den juridisch dominierten Diskurs über die Europäische Union zu bringen. Diese Motivation ergibt sich aus meiner Empörung über die offene Angst vor den Massen, die viele und vor allem maßgebliche TheoretikerInnen des EU-Diskurses hegen und dabei skrupellos die Governance-Struktur der EU als rationale Zähmung des immer zum „ethnischen Exzess“ neigenden Volkes (Joseph H.H. Weiler, Harvard 1995) verteidigen. Mein Festhalten am Begriff der Volkssouveränität gründet sich auf dem radikaldemokratischen Potential, das ich in der Rousseau’schen Fassung der Volkssouveränität sehe. Dieses besteht jedoch nicht in erster Linie in der direkten Demokratie, die meist mit Rousseau assoziiert wird, sondern im umfassenden Herrschaftsanspruch des Volkes, der am besten als Politisierung und Demokratisierung der Subjektivierungsmächte zu fassen ist. In der Tat lässt sich Rousseaus politische Philosophie auch im Hinblick auf die Zentralität des Konfliktes in den gegenwärtigen Diskurs der radikalen Demokratietheorie einordnen. Dies mag überraschen, da Rousseau vielen als Inbegriff eines Konsens- und Homogenitätsdenkers gilt. Doch geht Rousseau von einem fundamentalen und notwendigen Konflikt zwischen legislativ-konstituierender und exekutiver Macht aus und konzipiert bei genauer Lektüre auch die kollektive Willensbildung als einen Prozess des durchaus kontroversen Meinungsaustausches und einer starken subjektiven Urteilskraft. Problematisch ist dagegen Rousseaus Anthropologie für das Kontingenzdenken der (post)modernen Radikaldemokraten. Allerdings sehe ich im Anschluss an Frederick Neuhousers Rousseau-Interpretation (auf dt: Pathologien der Selbstliebe, Berlin 2013) gerade in der Sozialanthropologie Rousseaus ein explanatorisches und normatives Potential, das für eine politische Philosophie höchst fruchtbar sein kann. Es ist für mich eine offene Frage, inwieweit die ontologischen Annahmen der heutigen Radikaldemokraten von einer solchen Anthropologie nicht ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Die Überlegungen über den Zusammenhang von politischer Philosophie und Anthropologie werden durch meine Projektarbeit verstärkt, in der ich mich mit dem Sensualismus und Materialismus der französischen Aufklärer beschäftige. Während das Projekt allgemein auf die Übersetzung und Kommentierung der theoretischen Grundierung der Encyclopédie abzielt, die Jean le Rond d’Alembert 1759 nach dem Verlassen des Encyclopédie-Projektes in seinem Essai sur les Elements de Philosophie zum Ausdruck gebracht hat, geht es mir im Speziellen um die Frage, ob man von einer politischen Philosophie der Encyclopédie sprechen kann. Dabei verstehe ich unter einer politischen Philosophie – gerade in Abgrenzung zu einer bloßen Theorie – die Verbindung von ontologischer und ontischer Ebene (Mouffe, Frankfurt 2007) bzw. von anthropologischen oder epistemologischen Voraussetzungen mit institutionellen Überlegungen oder phänomenologischen Diagnosen. Anhaltspunkte dafür finden sich zum einen in den Texten d’Alemberts, zu denen auch der berühmte Discours Préliminaire gehört. Zum anderen kann man die Strategie der Enzyklopädisten, die darin besteht, revolutionäre politische Positionen – oftmals durch Verweise verdeckt – im Rahmen des epochalen Gesamtwerkes in die sich etablierende bürgerliche Öffentlichkeit einzuschleusen, als Beleg für eine wissensbasierte Transformationstheorie ansehen. Zentral für die These einer politischen Philosophie der Encyclopédie ist die sensualistisch-materialistische Epistemologie der Enzyklopädisten, die bestimmte moralisch-politische Positionen – bspw. die Gleichheit aller Menschen oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse – impliziert. Auch wenn die These der politischen Wirkung der Encyclopédie unbestritten ist (z.B. J. Israel, Oxford 2006) und der Nachweis einer politischen Philosophie bei d’Alembert gelingen mag (ansatzweise Comtesse, 2012: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/24284/Wissensordnung_als_Kritik_final.pdf), stellen sich hier die Probleme eines fast unüberschaubaren Autorenkollektivs und eines schwer eingrenzbaren Textkorpus.

Mein Forschungsschwerpunkt der politischen Philosophie umfasst neben dieser Fokussierung auf das 18. Jahrhundert auch die aktuelle Debatte um Postdemokratie (Comtesse/ Meyer, Zeitschrift für pol. Theorie, 2/ 2011 und 1/2012), die Ideen- und Begriffsgeschichte des Republikanismus und den spezifischen Beitrag feministischer Theorien zur Kritik und Erweiterung politischer Philosophie. Weiter Informationen und die Möglichkeit des – immer erwünschten – Kontaktes:
http://www.normativeorders.net/de/organisation/mitarbeiter-a-z?view=person&id=34