Sarah Bianchi

Foto: Nada Quenzel

Foto: Nada Quenzel

Hallo aus dem Zug! Gerade bin ich auf der Rückfahrt von Frankfurt am Main. Dort arbeite ich in diesem Semester als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialphilosophie bei Prof. Dr. Martin Saar an der Goethe-Universität. Meine Forschungsinteressen liegen systematisch im Bereich der Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie und historisch im Bereich des Deutschen Idealismus (v.a. Kant) sowie der Romantik (Nietzsche) und der Postmoderne (Foucault). Was mich vor allem interessiert, sind die anderen Philosophiegeschichten, die jenseits der gängigen Interpretationen liegen. Nietzsche etwa ist nur zu oft dem Vorwurf ausgesetzt, dass er bloß den Weg in eine Aristokratie ebnet. Ich glaube auch, dass an dem Vorwurf etwas dran ist, nur bin ich auch davon überzeugt, dass es auch noch einen anderen Nietzsche gibt. Dieser Nietzsche spricht etwa von Freundschaften fernab elitärer Beziehungsgeflechte. Einen Vorschlag, wie solche Formen von Inklusions- und Exklusionsmechanismen im ganzen Leben – von Selbstverhältnissen, über ethische, ästhetische, rechtliche und politische Bereiche – zusammengedacht werden könnten, habe ich mit meiner Doktorarbeit „Einander nötig sein. Existentielle Anerkennung bei Nietzsche“ an der Humboldt-Universität zu Berlin angeboten. An der Princeton University habe ich die Publikation meiner Doktorarbeit (Fink 2016) abgeschlossen.

Schon während meines Studiums hat mich das Problem von Exklusionsformen beschäftigt. Studiert habe ich die Fächer Neuere/Neueste Geschichte, Philosophie und Französische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der École Normale Supérieure de Cachan/Paris sowie an der Universität Potsdam. Die Möglichkeit, einen Bachelorabschluss an der ENS Cachan zu machen, habe ich aufgrund eines Arbeitsangebots vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) abgelehnt. Zudem stand schon recht früh für mich fest, dass ich meine Magisterarbeit zur Dreyfus-Affäre in Berlin schreiben wollte. Dieses Fallbeispiel hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, weil es die diffuse Verwobenheit von Inklusions- und Exklusionsformen zeigt. 2012 wurde die Arbeit in dem Verlag Peter Lang veröffentlicht.

Gerade bin ich dabei, das Buchmanuskript unter dem Titel „Governing Oneself: Critical Aesthetics of Enhancement“ abzuschließen. Darin fasse ich die Ergebnisse zusammen, die ich während meiner Zeit als Postdoc in dem „The Enhancing Life Project“ der Universität Chicago an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Stanford University sowie an der Princeton University gewonnen habe. Gemeinsam mit 35 anderen Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt haben wir uns der Frage gestellt, ob die neuesten technologischen Entwicklungen, die unter dem Modewort „Enhancement“ gefasst werden, eigentlich wirklich das Leben verbessern, so wie sie es immerhin zu versprechen scheinen. In diesem Buchprojekt nehme ich den Faden der Inklusions- und Exklusionsmechanismen weiter auf: Nun geht es mir darum, die Wirkungsverhältnisse im Feld von Enhancementtechnologien zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang habe ich insbesondere in Kalifornien eine amerikanisch-deutsche Kollaboration mitgeleitet. Hier sind wir der Frage nachgegangen, was Enhancement-Strategien eigentlich am Beginn des Lebens machen, und zwar nicht nur mit uns, sondern auch mit möglichen zukünftigen Generationen. An der Ostküste habe ich anschließend weiter das Handwerkszeug gelernt, den Bereich der Ästhetik in einem weiten Sinn zu verstehen: als tatsächlichen Bezug zu unserer Existenz. Erste Schritte auf dem Weg hin zu dem amerikanischen Postdoc-Projekt habe ich als Fellow am Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar machen können. In der letzten Woche ist der von mir herausgegebene Band drei „Auf Nietzsches Balkon III“ erschienen. Er versammelt die Texte der Stipendiat_innen, die ganz wortwörtlich auf Nietzsches Balkon in der Villa Silberblick entstanden sind.

Mögliche Rückfragen oder Kommentare können gern an mich gemailt werden: S.Bianchi (at) em.uni-frankfurt.de

Weitere Informationen sind auf meinem Profil bei academia: http://uni-frankfurt.academia.edu/SarahBianchi

Christiana Werner

(c) privat

(c) privat

Ich bin seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften (GSGG) an der Georg-August-Universität Göttingen und Mitglied der Nachwuchsgruppe „Sprache, Kognition und Text“. Promoviert habe ich 2012 als assoziiertes Mitglied des DFG-Projekts „Wissen und Bedeutung in der Literatur“ an der Universität Regensburg. Meine Betreuer / Gutachter waren Prof. Dr. Hans Rott (Regensburg) und Prof. Dr. Mark Textor (King‘s College London). Davor war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen, wo ich – abgesehen von einem Ausflug an die Universität Turin – auch studiert habe.
In meiner Dissertation habe ich mich mit der sprachphilosophischen Frage beschäftigt, wie fiktionales Erzählen mithilfe sprechakttheoretischer Terminologie beschrieben und erklärt werden kann. Dabei habe ich sowohl gegen John Searle argumentiert, der behauptet, fiktionales Erzählen sei ein So-tun-als-ob-Handeln, als auch gegen die weitverbreitete These, fiktionale Äußerungen müssten als Aufforderung an die Leser_innen, sich das Erzählte vorzustellen, verstanden werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass fiktionales Erzählen als Vollzug illokutionärer Akte eines eigenen Typs zu verstehen ist. Dafür spricht, u.a. dass diese sprachliche Tätigkeit nicht nur negativ, in Abgrenzung zu behauptenden Äußerungen, zu bestimmen ist, denn es lassen sich speziell für diese sprachliche Handlung Regeln und Konventionen benennen. Dies wird auch von Vertretern der Aufforderungsthese behauptet. Im Gegensatz zu dieser Position argumentiere ich aber dafür, dass fiktionales Erzählen der Vollzug deklarativer illokutionärer Akte ist. Gemäß Searles Typologie illokutionärer Akte können Sprecher_innen mit Deklarationen soziale Tatsachen erschaffen. So wird es beispielsweise durch den Vollzug einer Taufe der Fall, dass ein Schiff fortan einen bestimmten Namen trägt. Die Handlung der Autor_innen fiktionaler Texte sind, so nehme ich an, ähnlich zu beschreiben, wie das Erschaffen sozialer Tatsachen. Indem sie erzählen, erschaffen Autor_innen fiktionaler Texte fiktive Figuren. Ich argumentiere für eine ontologische Annahme, nämlich, dass fiktive Figuren als Rollen zu verstehen sind, die typischerweise in der realen Welt keinen Träger haben. Indem sie fiktional erzählen, erschaffen Autor_innen diese Rollen und legen deren Eigenschaften fest.
Obwohl mein aktuelles Postdoc-Projekt auch mit Fiktion zu tun hat, ist es im Bereich der Philosophie des Geistes anzusiedeln, denn ich beschäftige mich mit den emotionalen Reaktionen, die wir häufig haben, wenn wir fiktionale Medien rezipieren: Wir fürchten uns vor dem weißen Hai, freuen uns, wenn Harry Potters Mannschaft im Quidditch gewinnt, und manche von uns haben Mitleid mit Anna Karenina. Häufig werden diese Reaktionen unter dem Label „Fiktionsparadox“ diskutiert. Vielleicht gibt es keine andere philosophische Debatte, über die so häufig geschrieben wird, dass sie uninteressant und überflüssig ist. Ich glaube aber, dass unsere emotionalen Reaktionen auf Fiktion („fiktionale Emotionen“) eine Reihe von Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für eine allgemeine Theorie der Emotionen relevant ist. Außerdem stellen sich interessanterweise auch in Bezug auf unsere empathischen Reaktionen mit unseren Mitmenschen zum Teil die gleichen Fragen, die auch für fiktionale Emotionen geklärt werden müssen: Sind diese Reaktionen „echte“ Emotionen? Oder sollten sie z.B. aufgrund der Rolle, die die Imagination in diesen Fällen spielt als „unechte“ oder „Quasi-Emotionen“ (K. Walton) deklariert werden? Haben wir aufgrund von fiktionalen Emotionen Tendenzen zu handeln oder sind diese eventuell nicht vorhandenen Handlungstendenzen ein relevantes Unterscheidungskriterium?
Ich vertrete in diesen Fragen die Position, dass die Rolle der Imagination kein geeignetes Kriterium ist, um „echte“ von „unechten“ Emotionen zu unterscheiden, da die Imagination in vielen Fällen eine relevante Rolle spielt. Dies gilt auch für das Fehlen von Handlungstendenzen. Einerseits zeige ich, dass die z.B. von K. Walton vertretene These, fiktionale Emotionen hätten keine Handlungstendenzen, so nicht haltbar ist. Es sind nur sehr bestimmte Handlungen, die wir typischerweise nicht ausführen (oder nicht dazu tendieren, sie auszuführen), wenn wir emotional auf Fiktion reagieren und auch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal fiktionaler Emotionen. Diese Beobachtungen sprechen dafür, die Unterscheidung von „echten“ und „unechten“ Emotionen aufzugeben. Eine allgemeine Theorie der Emotionen muss stattdessen der Vielfalt emotionaler Reaktionen Rechnung tragen, was dazu führt, dass die Rolle der Imagination in die Überlegungen mit einbezogen werden muss. Die Beobachtungen legen außerdem nahe, dass Handlungen oder Tendenzen zu Handlungen nur in sehr eingeschränkter Weise zur Individuierung einzelner Emotionstypen im Rahmen einer Theorie herangezogen werden können.
In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Emotionen und Empathie für Verstehensprozesse spielen, dabei interessiert mich insbesondere das Verstehen anderer Menschen und Kunstverstehen. In diesem Zusammenhang organisiere ich zusammen mit Prof. Dr. Tilmann Köppe und Dr. Daniele Panizza eine interdisziplinäre VW-Sommerschule „The Role of Empathy and Emotion in Understanding Fiction“, die im März 2017 in Göttingen stattfinden wird.
Für weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/447250.html

Eva Weber-Guskar

Eva Weber-Guska 11.2014Nach Studium und Promotion in Berlin war ich in meiner Post-Doc-Phase akademisch an der Universität Göttingen zu Hause

Dort hat mir, nach einer Mitarbeiterstelle bei Prof. Holmer Steinfath und nach einem Jahr im Ausland an der New York University, ein Stipendium des Dorothea Schlözer-Programms die Möglichkeit gegeben, meine Habilitation zu beenden. Im Sommersemester 2015 hatte ich eine Gastprofessur an der Freien Universität Berlin, im Wintersemester 2015/16 eine an der Universität Wien und im Sommersemester 2016 vertrete ich Prof. Kirsten Meyer an der Humboldt Universität zu Berlin.

Meine Forschungsthemen liegen hauptsächlich in der Philosophie der Gefühle, der Moralphilosophie und der Ästhetik.

Mit Fragen aus dem Bereich der Philosophie der Gefühle habe ich mich am ausführlichsten in meiner Dissertation beschäftigt („Die Klarheit der Gefühle. Was es heißt, Emotionen zu verstehen“. Walter de Gruyter, 2009). Dafür habe ich zum einen eine Position dazu erarbeitet, was Emotionen, als spezifischer gefasste Gefühle, überhaupt sind. Zum anderen habe ich untersucht, was es heißt, solche Emotionen zu verstehen – und zwar sowohl bei anderen Personen als auch bei sich selbst. Daher bewegte ich mich mit dieser Arbeit auch in der Philosophie des Geistes, in Debatten um Fremdverstehen und Selbstverstehen. Für meine Herangehensweise war dabei wichtig, die Debatten der sogenannten analytischen Philosophie zusammen zu bringen mit Einsichten aus der Hermeneutik und vor allem einer phänomenologisch inspirierten Methode. Davon ausgehend habe ich einzelne affektive Phänomene untersucht, die nicht selbstverständlich in den Rahmen von bekannten Emotionstheorien passen, wie etwa Rauschzustände oder Trost.

Ein Bezug zu Emotionen findet sich auch oft in der Weise, wie ich Themen in der Ästhetik oder auch in der Religionsphilosophie zuschneide. Mich beschäftigt etwa die Frage, inwieweit man die besondere Erkenntnisart bei Kunst in emotionalen Kategorien beschreiben kann – es ist interessant, wie verschieden sich darüber diskutieren lässt mit Studierenden der Philosophie in Göttingen einerseits und der Universität der Künste in Berlin andererseits;  oder die Frage, ob religiöse Gefühle „nur“ besondere Varianten von säkularen Emotionen sind oder von ganz eigener Art – worüber ich unter anderem mit einer internationale Lesegruppe ein halbes Jahr lang über google hangout gesprochen.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit nach der Promotion lag im Bereich der Moralphilosophie, mit allen drei Unterdisziplinen: Metaethik, normative und angewandte Ethik.

Während meines Jahres als Visiting Scholar an der New York University habe ich beispielsweise über Werttheorien geforscht, insbesondere zu den metaethischen Debatten zwischen Sentimentalisten und Kognitivisten und zwischen Vertretern eines grundsätzlichen Wert-Konstruktivismus oder –realismus, wobei es mir (wiederum) wichtig ist, die Rolle der Emotionen für ein angemessenes Verständnis unserer Praxis des moralischen und ästhetischen Wertens zu betonen. In der angewandten Ethik habe ich mich unter anderem mit Fragen des genetischen Enhancements auseinandergesetzt oder auch der allgemeineren, wie weit prospektive, vorausschauende Ethik zu rechtfertigen ist, wie sie oft in diesem Bereich betrieben wird.

Das Thema meines größten Projekts, meiner Habilitationsschrift, berührt alle drei Bereiche der Ethik: Der Begriff der Menschenwürde.

Seit der Einführung des Begriffs der Würde des Menschen in Rechtstexte nach 1945 dominieren Erläuterungen, die Menschenwürde als einen Wert, einen Status oder einen Anspruch verstehen, wovon Normen oder sogar Rechte abgeleitet werden. Daneben ging eine andere Sicht fast verloren, nach der es sich bei Würde um eine Art und Weise zu leben handelt, eine wertvolle Verfassung, die Menschen anstreben und verteidigen. An diesem Verständnis gilt es meiner Ansicht nach anzuknüpfen.

Das Hauptproblem der dominierenden Ansätze zum Begriff der Menschenwürde besteht darin, dass fast alle mit einer impliziten Doppeldeutigkeit des Würdebegriffs operieren. Einerseits wird unter Würde etwas wie der besondere Wert eines Menschen verstanden, der bestimmte Normen begründen könne. Andererseits wird unter Würde die Verfassung eines Menschen verstanden, in der er sich befinde, wenn er gemäß den eben genannten Normen behandelt werde – sodass er eben in Würde leben könne. Wo diese Doppeldeutigkeit vermieden wird, ergibt sich wiederum eine Erläuterung, die den Begriff der Menschenwürde in moralischen Diskussionen systematisch überflüssig macht. Denn in diesen Fällen wird Würde in der Regel als der moralische Status verstanden, den jeder Mensch hat. Die Würde des Menschen zu achten, heißt dann, ihn in seinem moralischen Status anzuerkennen. So aber wäre es kein genuin bedeutsamen Begriff, der eine eigene Rolle in moralischen Diskussionen spielen würde.

Angesichts dieser Schwierigkeiten liegt es nahe, Würde grundsätzlich im zweiten Sinn zu verstehen: Als die Verfassung, in der sich ein Mensch befindet, wenn er in Würde lebt. Diese Idee ist bisher wenn, dann im Sinne gewisser Formen von Selbstachtung erläutert worden. Ich zeige, wie Würde, in loser Anknüpfung an den aristotelischen Begriff der hexis, als eine Haltung zu entwickeln ist.

Dieses Projekt dreht einen wichtigen Zusammenhang um: Würde ist sie selbst nichts Normatives, woraus sich Pflichten ergeben würden. Stattdessen kann sie das Ziel von Handlungen sein, deren Geboten-Sein mit anderen normativen Ressourcen begründet werden muss. Um für einen grundsätzlichen moralischen Anspruch darauf, nicht daran gehindert zu werden, in Würde zu leben, zu argumentieren, muss gezeigt werden, inwiefern Würde nicht ein beliebiges Ideal unter anderen, individuell möglichen ist, sondern eines, das für alle wichtig ist. Auch das ist möglich, indem man verdeutlicht, inwiefern Würde als Haltung ein wesentliches Element eines guten Lebens darstellt.

Rebekka Hufendiek

Rebekka View from CornerIch habe zur Zeit eine Postdoc-Stelle an der Uni Basel in einem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Projekt zum Thema „Biosemantik und Normativer Pragmatismus“, das am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie angesiedelt ist. Die Themen, die uns dort umtreiben, umfassen Überlegungen zu einem weiten und nicht reduktionistisch verstandenen Naturalismus, zu Biosemantik, Philosophie der Verkörperung, Tierphilosophie sowie Emotions-, Selbstbewusstseins- und Begriffstheorien.

Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaft in Bielefeld und Berlin. Vor lauter Begeisterung über Berlin und das philosophische Institut an der Humboldt-Universität bin ich dort geblieben, um meine Doktorarbeit bei Dominik Perler zu schreiben. Während dieser Zeit war ich in der Kolleg-Forschergruppe „Bildakt und Verkörperung“ tätig. Dort habe ich mich zum einen intensiv mit der Embodied-Cognition-Debatte beschäftigt und zum anderen mit Kunsthistorikern und Kunsthistorikerinnen die Zusammenhänge von Kunstwerken, ästhetischer Erfahrung und Verkörperung diskutiert. Der Austausch zwischen Philosophie des Geistes und Kunstgeschichte ist äußerst ungewöhnlich. Völlig zu Unrecht, wie unsere gemeinsamen Arbeiten, etwa zu Bildbetrachtung als Affordance-Wahrnehmung oder Zeichnen als kognitiver Praxis im Sinne des Extended-Mind-Gedanken, belegen.

In meiner Doktorarbeit entwickle ich eine Theorie, in der ich Emotionen als verkörperte, handlungsbezogene Repräsentationen beschreibe. Dabei argumentiere ich auf der Grundlage psychophysiologischer Studien, dass Emotionen durch Muster körperlicher Reaktionen konstituiert werden, die evolutionär angelegt sind. Diese Muster sind jedoch in hohem Maße plastisch. Sie bilden sich erst in der sozialen Interaktion zwischen Kleinkind und Bezugspersonen aus und bleiben auch später noch zu einem gewissen Grad änderbar. Emotionen sind demzufolge in der Anlage natürlich; alle Menschen kennen Grundgefühle wie Angst, Ekel und Wut. Die für diese Emotionen konstitutiven Körperkomponenten wie Adrenalinausstoß, angewiderter Gesichtsausdruck oder angespannte Muskeln teilen wir auch mit einigen nichtmenschlichen Tieren, sie entstammen einer evolutionären Geschichte. Diese Geschichte lässt sich aber nicht einfach auf Blut, Schweiß und Tränen reduzieren, sondern muss die semantische und soziale Dimension von Emotionen miterklären können. Emotionen konstituieren eine bestimmte Art der Welterfahrung und die ist fundamental sozial: Emotionen haben eine Bedeutung, sie repräsentieren bestimmte Eigenschaften in der Welt. Angst repräsentiert ein Objekt als gefährlich und Schuld repräsentiert, dass das repräsentierende Subjekt mit einer bestimmten Tat einen sozialen Regelverstoß begangen hat. Das Besondere an diesen Repräsentationen, so meine These, ist, dass sie durch körperliche Reaktionen konstituiert werden: Es handelt sich bei Emotionen um vorbegriffliche Formen bedeutungsvoller Repräsentationen. Die Fähigkeit, durch körperliche Reaktionen Bedeutsames zu erfassen, entstammt in ihrer Grundform der Evolutionsgeschichte, sie erfüllt eine Funktion für den Organismus. Um handlungsbezogene Repräsentationen handelt es sich bei Emotionen insofern, als ihr Gehalt nicht einfach bestimmte Werteigenschaften wie „gefährlich sein“ abbildet, sondern immer gleichzeitig auch eine Handlungsanweisung beinhaltet. Sprachlich formuliert repräsentiert Angst also genaugenommen nicht einfach ein Objekt als gefährlich, sondern etwas als eine zu-vermeidende-Gefahr und Schuld einen wiedergutzumachenden Regelverstoß. Diese recht komplexen und normativ aufgeladenen Gehalte von Emotionen möchte ich aber als Teil unserer sozialen Umwelt, genauer als Affordances im Gibsonschen Sinne verstehen, das heißt als Dinge in der Umwelt eines Organismus, die ihm gewisse Arten von Handlungen ganz unmittelbar anbieten. Wir nehmen Dinge unmittelbar als begehbar, bekletterbar oder essbar wahr, weil sie das tatsächlich sind, zumindest in Relation zu uns. Analog dazu vertrete ich im Bezug auf die Gehalte von Emotionen die ontologische Annahme, dass „gefährlich sein“ und „ein Regelverstoß sein“ r Eigenschaften sind, die bestimmte Objekte in Relation zu uns haben. Wir sind durch eine teilweise evolutionäre und teilweise soziale Lerngeschichte darauf ausgerichtet auf solche Affordances emotional zu reagieren und zwar mit und durch den ganzen Körper. Im Detail entwickle ich diese Theorie in meinem Buch Embodied Emotions. A Naturalist Approach to a Normative Phenomenon (in Arbeit).

Aktuell beschäftige ich mich mit genealogischen Erklärungen im Zusammenhang mit naturalistischen Theorien. Genealogische Erklärungen erklären bestimmte Phänomene oder Begriffe wie gut und schlecht, Gerechtigkeit oder Eigentum aufgrund von Herkunftsgeschichten. Die Evolutionsbiologie erzählt ebenfalls Herkunftsgeschichten, um zu erklären, warum wir über bestimmte Merkmale verfügen. In letzter Zeit sind zahlreiche Theorien erschienen, die zwischen Philosophie, Kognitionswissenschaften und Evolutionsbiologie angesiedelt sind und die kognitiven und moralischen Vermögen des Menschen evolutionär zu begründen suchen (Für eine Auseinandersetzung mit naturalistischen Ansätzen in der Metaethik siehe meine Sammelrezension in der Zeitschrift für philosophische Forschung Das Muttertier am Ursprung der Moral). Mich interessiert an diesen Ansätzen speziell die Frage, welche Rolle genealogische Erklärungen für sie spielen, wie es bei genealogischen Erklärungen um das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion bestellt ist und welche Rolle die Zuschreibung von Funktionen für diese Theorien spielt.

Philosophin ist eine durch und durch merkwürdige Profession. Man könnte meinen, dass sie wesentlich das Unnütze mit dem Unangenehmen verbindet, insofern sie dazu anhält anwendungsferne abstrakte Theorien in zahllosen schlecht bezahlten Überstunden auszubrüten. Genauso gut kann man aber auch behaupten, dass eine Philosophin das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, denn bei genauerer Betrachtung wirken philosophische Gedanken bis in den Ethikrat, die Computerlinguistik und die Robotik hinein, was sehr nützlich ist. Als notorische Dilettantin in allen Bereichen hat man als Philosophin gewissermaßen einen Freifahrtschein sich mit Fragen zu beschäftigen, die Ethik, Linguistik, Robotik und vieles mehr mit einbeziehen, was sehr angenehm, um nicht zu sagen großartig ist. Philosophie, so verstanden, ist eine theoretische Tätigkeit, die am allerbesten ist, wenn sie einen Dinge neu, anders oder mindestens klarer sehen lässt als vorher – ohne dabei unnötig kompliziert zu sein, denn das sind die Dinge selbst ja schon genug.

Ein solches Erlebnis des neu, anders und klarer Sehens hatte ich das erste Mal, als ich als Schülerin die ersten Kapitel aus Marx’ Kapital gelesen habe. Wert und Ware sind danach nie mehr so normal gewesen wie vorher. Ganz ähnlich hat die Lektüre von De Beauvoirs Das Andere Geschlecht mit einem Schlag die Normalität des Mannseins als komplexes und lang tradiertes gesellschaftliches Konstrukt sichtbar gemacht und damit auch als etwas, das man verändern kann.

Mehr Informationen unter: https://philsem.unibas.ch/en/seminar/personen/hufendiek/