Anna Leuschner

AL

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Ich habe in Bielefeld Philosophie und Geschichte studiert und wurde 2011 in Bielefeld mit einer Arbeit zur Glaubwürdigkeit politisch relevanter Wissenschaften am Beispiel der Klimaforschung promoviert. Im Anschluss war ich ein Jahr Assistentin in Bielefeld und wechselte dann nach Karlsruhe, wo ich von 2012 bis 2015 als Postdoc am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gearbeitet habe. Seit Oktober 2015 bin ich Postdoc im DFG-Graduiertenkolleg “Integrating Ethics and Epistemology of Scientific Research” an der Leibniz Universität Hannover.
Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Wissenschaftstheorie und der sozialen Erkenntnistheorie. Mich interessiert, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisverfahren beeinflussen. Konkret erforsche ich derzeit die epistemischen Möglichkeiten und Grenzen von sozialer Pluralität.
Es ist unstrittig, dass bestimmte Formen wissenschaftlicher (methodischer und theoretischer) Pluralität epistemisch fruchtbar sind. Darunter fallen beispielsweise beobachtungsprozedurale und instrumentelle Pluralität: Verschiedene experimentelle und messtechnische Verfahren können unabhängig voneinander Hypothesen bestätigen oder falsifizieren. Auch können sie verschiedene Eigenschaften eines Phänomens erst erkennbar machen, wodurch eine Hypothese entsprechend verfeinert werden kann.
Das zeigt sich besonders deutlich in Bereichen der Forschung, die sehr komplexe Forschungsgegenstände untersuchen. Hier werden die besten Ergebnisse dadurch erzielt, dass Daten und Forschungsergebnisse aus verschiedenen, teils auch interdisziplinären Forschungsbereichen zusammengeführt werden. Wo einzelne, lokal und temporär begrenzte Messreihen und Experimente wenig aussagekräftig bleiben, können durch Vergleiche und Kombinationsverfahren vieler solcher Untersuchungen oft dennoch verlässliche Ergebnisse erzielt werden.
Unklar ist jedoch, inwiefern für die Bereitstellung hinreichender wissenschaftlicher Pluralität soziale Pluralität erforderlich ist. Soziale PluralistInnen argumentieren, dass die im Entdeckungskontext liegenden sozialen und psychischen Umstände einer wissenschaftlichen Entdeckung nicht eindeutig von den im Rechtfertigungskontext liegenden kognitiven Geltungsansprüchen zu trennen sind: Objektivität im Sinne individueller Werteneutralität könne es nicht geben, da jeder einzelne Mensch zwangsläufig eine bestimmte, kontextabhängige Perspektive auf die Welt habe, geprägt von sozialem Status, Bildung, Nationalität, Geschlecht, individuellen Erfahrungen usw.
Diese perspektivische Gebundenheit beeinflusse die Forschung einzelner WissenschaftlerInnen durch sogenannte Hintergrundannahmen, was bedeutet, dass nicht-epistemische (z.B. moralische, politische, ökonomische) Werte im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang vorausgesetzt werden. Daher sei eine Eliminierung nicht-epistemischer Werte aus den wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen nicht möglich; soziale PluralistInnen fordern deshalb, nicht-epistemische Vorurteile in der Wissenschaft – wenn sie sich schon nicht eliminieren lassen – durch Kultivieren sozialer Wertevielfalt zu kontrollieren.
Allerdings ist das nicht ganz einfach. So müssen sich VerfechterInnen von sozialem Pluralismus der Herausforderung stellen, dass soziale Pluralität auch erkenntnishemmend sein kann, wenn nämlich unqualifizierte Beiträge Eingang in wissenschaftliche Diskussionen finden. So wichtig soziale Pluralität also aus epistemischen Gründen sein mag, sie bedeutet zugleich eine besondere Herausforderung an die wissenschaftliche Qualitätssicherungspraxis. Mit Hilfe bestimmter Qualitätsstandards (in der Wissenschaftstheorie werden klassischerweise Listen methodologischer Werte vorgebracht, wie z.B. Einfachheit, Fruchtbarkeit, Konsistenz, etc.) müssen unqualifizierte Beiträge aus den wissenschaftlichen Diskussionen ausgeschlossen werden. Doch müssen solche Standards im konkreten Fall interpretiert und gewichtet werden, was die für wissenschaftlichen Fortschritt erforderliche Pluralität in der Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Dabei können wieder nicht-epistemische Werte entscheidend sein. Um dennoch zu einer Einigung zu gelangen, sind daher bestimmte theoretische, konzeptuelle und methodische Annahmen entscheidend, die innerhalb einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits etabliert sind. Das führt jedoch dazu, dass diese Annahmen selbst nicht zum Gegenstand von Kritik werden können, weil Kritik an ihnen von vornherein ausgeschlossen wird.
Das zeigt sich beispielsweise am peer review-Verfahren. Hier können von GutachterInnen, KonferenzorganisatorInnen oder ZeitschriftenherausgeberInnen angenommene Standards bereits Vorurteile enthalten oder durch Vorurteile verzerrt interpretiert werden, so dass systematisch Beiträge bestimmter Personengruppen ausgeschlossen werden. Dies birgt die Gefahr, dass das eigentliche Ziel – die Sicherung wissenschaftlicher Objektivität – verfehlt wird, wenn innovative Beiträge aus den Diskussionen ausgeschlossen werden, weil sie etablierten Annahmen nicht genügen. Ich gehe hier der Frage nach, wie die sozialpluralistischen Einsichten umgesetzt werden können, ohne die Einhaltung wissenschaftlicher Standards einem konstruktivistischen Relativismus zu opfern.
Ein zweites Problem für sozialen Pluralismus ist, dass bestimmte Beiträge in wissenschaftlichen Debatten offenbar epistemisch schädlich sind. Dies habe ich mit meinem Kollegen Justin Biddle vom Georgia Institute of Technology anhand von Fällen untersucht, die die historische und soziologische Wissenschaftsforschung unter dem Stichwort „Agnotology“ aufgedeckt hat: Interessengruppen versuchen, durch Diskreditierung von WissenschaftlerInnen, gezielte Selektion von Daten und Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Besonders stark sind Gesundheits- und Umweltwissenschaften betroffen; so wird beispielsweise von Seiten der Tabakindustrie versucht, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Frage zu stellen, Medikamententests werden in von Pharmakonzernen finanzierten Testreihen manipuliert, um Medikamente schneller auf den Markt bringen zu können, und der anthropogene Klimawandel wird durch lobbyistischen Einfluss der Kohle- und Ölindustrie bezweifelt.
Während von KlimaskeptikerInnen behauptet wird, ihre Aktivitäten seien epistemisch nützlich, da sie unabhängige Kritik und Kontrolle der etablierten Wissenschaft hervorbrächten, gibt es starke Indizien (zum einen Aussagen von ForscherInnen, zum anderen empirische Untersuchungen), dass KlimaforscherInnen Daten zu optimistisch interpretieren, um nicht von KlimaskeptikerInnen angefeindet und diskreditiert zu werden. Dies zeigt, dass die Einflussnahme der Industrie auf die Klimaforschung durch das Protegieren von klimaskeptischen Aktivitäten die wissenschaftliche Diskussion in epistemisch schädlicher Weise behindert und unausgewogene Ergebnisse durch eine Neigung zu falsch-negativen Fehlern begünstigt.
Allgemein gesprochen sind folglich, wie Justin und ich gezeigt haben, solche Beiträge epistemisch schädlich, die Voreingenommenheiten in der Wissenschaft fördern, wenn durch ihren Einfluss beispielsweise systematisch bestimmte Interpretationsweisen von Daten bevorzugt oder bestimmte Hypothesen vernachlässigt werden.
Eine Liste meiner Publikationen und Vorträge findet sich unter https://annaleuschner.wordpress.com/

Christiana Werner

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Ich bin seit 2013 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften (GSGG) an der Georg-August-Universität Göttingen und Mitglied der Nachwuchsgruppe „Sprache, Kognition und Text“. Promoviert habe ich 2012 als assoziiertes Mitglied des DFG-Projekts „Wissen und Bedeutung in der Literatur“ an der Universität Regensburg. Meine Betreuer / Gutachter waren Prof. Dr. Hans Rott (Regensburg) und Prof. Dr. Mark Textor (King‘s College London). Davor war ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen, wo ich – abgesehen von einem Ausflug an die Universität Turin – auch studiert habe.
In meiner Dissertation habe ich mich mit der sprachphilosophischen Frage beschäftigt, wie fiktionales Erzählen mithilfe sprechakttheoretischer Terminologie beschrieben und erklärt werden kann. Dabei habe ich sowohl gegen John Searle argumentiert, der behauptet, fiktionales Erzählen sei ein So-tun-als-ob-Handeln, als auch gegen die weitverbreitete These, fiktionale Äußerungen müssten als Aufforderung an die Leser_innen, sich das Erzählte vorzustellen, verstanden werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass fiktionales Erzählen als Vollzug illokutionärer Akte eines eigenen Typs zu verstehen ist. Dafür spricht, u.a. dass diese sprachliche Tätigkeit nicht nur negativ, in Abgrenzung zu behauptenden Äußerungen, zu bestimmen ist, denn es lassen sich speziell für diese sprachliche Handlung Regeln und Konventionen benennen. Dies wird auch von Vertretern der Aufforderungsthese behauptet. Im Gegensatz zu dieser Position argumentiere ich aber dafür, dass fiktionales Erzählen der Vollzug deklarativer illokutionärer Akte ist. Gemäß Searles Typologie illokutionärer Akte können Sprecher_innen mit Deklarationen soziale Tatsachen erschaffen. So wird es beispielsweise durch den Vollzug einer Taufe der Fall, dass ein Schiff fortan einen bestimmten Namen trägt. Die Handlung der Autor_innen fiktionaler Texte sind, so nehme ich an, ähnlich zu beschreiben, wie das Erschaffen sozialer Tatsachen. Indem sie erzählen, erschaffen Autor_innen fiktionaler Texte fiktive Figuren. Ich argumentiere für eine ontologische Annahme, nämlich, dass fiktive Figuren als Rollen zu verstehen sind, die typischerweise in der realen Welt keinen Träger haben. Indem sie fiktional erzählen, erschaffen Autor_innen diese Rollen und legen deren Eigenschaften fest.
Obwohl mein aktuelles Postdoc-Projekt auch mit Fiktion zu tun hat, ist es im Bereich der Philosophie des Geistes anzusiedeln, denn ich beschäftige mich mit den emotionalen Reaktionen, die wir häufig haben, wenn wir fiktionale Medien rezipieren: Wir fürchten uns vor dem weißen Hai, freuen uns, wenn Harry Potters Mannschaft im Quidditch gewinnt, und manche von uns haben Mitleid mit Anna Karenina. Häufig werden diese Reaktionen unter dem Label „Fiktionsparadox“ diskutiert. Vielleicht gibt es keine andere philosophische Debatte, über die so häufig geschrieben wird, dass sie uninteressant und überflüssig ist. Ich glaube aber, dass unsere emotionalen Reaktionen auf Fiktion („fiktionale Emotionen“) eine Reihe von Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für eine allgemeine Theorie der Emotionen relevant ist. Außerdem stellen sich interessanterweise auch in Bezug auf unsere empathischen Reaktionen mit unseren Mitmenschen zum Teil die gleichen Fragen, die auch für fiktionale Emotionen geklärt werden müssen: Sind diese Reaktionen „echte“ Emotionen? Oder sollten sie z.B. aufgrund der Rolle, die die Imagination in diesen Fällen spielt als „unechte“ oder „Quasi-Emotionen“ (K. Walton) deklariert werden? Haben wir aufgrund von fiktionalen Emotionen Tendenzen zu handeln oder sind diese eventuell nicht vorhandenen Handlungstendenzen ein relevantes Unterscheidungskriterium?
Ich vertrete in diesen Fragen die Position, dass die Rolle der Imagination kein geeignetes Kriterium ist, um „echte“ von „unechten“ Emotionen zu unterscheiden, da die Imagination in vielen Fällen eine relevante Rolle spielt. Dies gilt auch für das Fehlen von Handlungstendenzen. Einerseits zeige ich, dass die z.B. von K. Walton vertretene These, fiktionale Emotionen hätten keine Handlungstendenzen, so nicht haltbar ist. Es sind nur sehr bestimmte Handlungen, die wir typischerweise nicht ausführen (oder nicht dazu tendieren, sie auszuführen), wenn wir emotional auf Fiktion reagieren und auch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal fiktionaler Emotionen. Diese Beobachtungen sprechen dafür, die Unterscheidung von „echten“ und „unechten“ Emotionen aufzugeben. Eine allgemeine Theorie der Emotionen muss stattdessen der Vielfalt emotionaler Reaktionen Rechnung tragen, was dazu führt, dass die Rolle der Imagination in die Überlegungen mit einbezogen werden muss. Die Beobachtungen legen außerdem nahe, dass Handlungen oder Tendenzen zu Handlungen nur in sehr eingeschränkter Weise zur Individuierung einzelner Emotionstypen im Rahmen einer Theorie herangezogen werden können.
In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Emotionen und Empathie für Verstehensprozesse spielen, dabei interessiert mich insbesondere das Verstehen anderer Menschen und Kunstverstehen. In diesem Zusammenhang organisiere ich zusammen mit Prof. Dr. Tilmann Köppe und Dr. Daniele Panizza eine interdisziplinäre VW-Sommerschule „The Role of Empathy and Emotion in Understanding Fiction“, die im März 2017 in Göttingen stattfinden wird.
Für weitere Informationen: https://www.uni-goettingen.de/de/447250.html

Joulia Smortchkova

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I am currently a postdoctoral researcher at the Ruhr University Bochum for the Volkswagen Foundation project “Situated Cognition: Perceiving the World and Understanding Others”. In my work I connect debates in philosophy of mind with empirical research in cognitive science.
My first encounter with philosophy happened during my high school years: In Italy (I’m Russian-Italian) every “liceo” has three years of mandatory history of philosophy. Among all the subjects, philosophy was for sure the most challenging one, but also the most rewarding.
I did my BA in Bologna, Italy, where I had a well-rounded education, ranging from esthetics to logics, but I was mostly interested in history and philosophy of science. I wrote my first BA thesis on history of logic, and took some advanced classes in history, logic and philosophy of science at Paris I – Sorbonne, where I spent a year thanks to the Erasmus program. At the same time, I was a scholarship student at Collegio Superiore in Bologna – an institution that offered housing and funding to outstanding students, in exchange for a complementary interdisciplinary training in a variety of subjects that we could freely choose.
After the Erasmus, I stayed in Paris for six more years, thanks to a scholarship from the Ecole Normale Supérieure that offered me the opportunity to pursue my studies in an intellectually vibrant and interdisciplinary atmosphere. I finished two master degrees: one in history and philosophy of science with a thesis on naturalistic approaches to mathematics, and another in cognitive science with a thesis on consciousness, attention, and mental demonstration. A stay at NYU was a turning point in my studies, and after years of oscillating among different topics, I settled for empirically oriented philosophy of mind. From 2010 to 2014 I did a PhD at the Institut Jean Nicod in Paris with a thesis on the social contents of visual experiences, under the supervision of Pierre Jacob.
In my PhD dissertation, I explore social perception, an area of research between philosophy of perception and social cognition. I claim that we can perceive some social properties in others, in particular we can perceive others as agents (and not as inanimate objects), we can perceive their goal-directed actions, and even some of their mental states, such as their emotional expressions. I argue that social perception, rather than an alternative to mindreading and to cognitive ways of understanding others, is a complementary mechanism, that works in automatic ways and is connected to core systems in development. My interest in this topic stems from an old skeptical philosophical problem: the ‘other minds problem’. It arises from the (epistemic) asymmetry between the direct way we access our mental states and the indirect way we access the mental states of others, which are, for us, opaque and elusive. The skeptic draws on this fact to challenge our certainty that others have inner lives similar to ours. While social perception per se is not a reply to the skeptical problem, I think that it shows that there is an innate and basic psychological mechanism that gives us a sense of the inner lives of others.
In general, social perception challenges some of the received views in philosophy and cognitive science about the contents of perception, the divide between perception and cognition, and the way we understand each other. It is also an empirically grounded claim, because much of recent research in cognitive neuroscience, cognitive psychology, and developmental psychology bears on the issue.
My current projects concern the exploration of the role of the body in perceiving social properties; the explanatory role of mental representations in cognitive science, and a collaborative work with Michael Murez and Brent Strickland on mental files and singular thought.
Concerning the first project, I am mostly interested in a theory that would allow for a proper embodiment of emotional states, in order to answer a worry about the claim that we perceive emotions. According to this worry, we do not access the emotional mental states, but merely their behavioral manifestations (because mental states are not visible and outwardly manifest). The second project stems from my interest in developmental psychology and in the role of mental representations in scientific explanations. In particular, I focus on the debate about the non conceptual format of representations. This debate often appeals to infants’ mental states as paradigmatic examples of states with non conceptual format, but seldom looks at empirical evidence. I think that a fruitful discussion about non conceptual format cannot abstract from a closer look at the empirical evidence from developmental psychology.
For more information and for contacting me please visit my personal page: https://jouliasmortchkova.wordpress.com

Anna-Maria Asunta Eder

Anna_Maria_EderZurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „A Study in Explanatory Power“ an der Universität Duisburg-Essen. Ab September 2016 forsche ich als Schrödinger Fellow in den USA. Das mehrjährige und großzügig dotierte Schrödinger Fellowship (FWF) habe ich zur Durchführung meines Forschungsprojekts Higher-Order Evidence erhalten. Im Rahmen des Fellowships kann ich für zwei Jahre an der Rutgers University in New Brunswick forschen und im Anschluss daran für ein Jahr an der Universität Salzburg.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Erkenntnistheorie, der allgemeinen Wissenschaftstheorie und der Metaphilosophie. Innerhalb der Erkenntnistheorie forsche ich zur epistemischen Normativität, zu Theorien des Wissens und der Rechtfertigung, zu Evidenz höherer Ordnung und zu Meinungsverschiedenheiten im Allgemeinen. In der Wissenschaftstheorie befasse ich mich mit der Beziehung zwischen Erklärung und Verstehen, der Rolle von Forschungszielen und dem Umgang mit Meinungsverschiedenheiten in den Wissenschaften. Innerhalb der Metaphilosophie interessiere ich mich insbesondere für die Methoden zur Klärung philosophischer Begriffe und der Rolle formaler Methoden in der Philosophie. Des Weiteren habe ich Forschungsinteressen in der Geschichte der analytischen Philosophie, in der praktischen Philosophie (insbesondere Entscheidungstheorie und Metaethik) und in der philosophischen Logik. Einige meiner Forschungsergebnisse sind bereits in Zeitschriften wie Erkenntnis, Philosophy and Phenomenological Research und Synthese erschienen. Eine Übersicht über meine Veröffentlichungen findet man hier und dort.
Nach meinem Schulabschluss in Österreich und einem fast einjährigem Aufenthalt in Bolivien, meiner zweiten Heimat, begann ich das Studium der Philosophie am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Ich hatte das Glück, dass der Fachbereich eine exzellente Ausbildung in der analytischen Philosophie bietet. Der Schwerpunkt lag und liegt noch immer auf der Vermittlung wichtiger philosophischer Methoden der analytischen Philosophie als auch der Vermittlung der Einsicht, dass präzise Begriffs- und Theorienbildung für philosophischen Fortschritt notwendig ist. Diese Ausbildung prägt bis heute meine Tätigkeit als Philosophin in der Forschung und in der Lehre. Das Diplomstudium der Philosophie an der Universität Salzburg schloss ich mit einer Arbeit zu Systemen der Leeren Logik ab. (Die Leere Logik ist eine Variante der existenzannahmenfreien Logik, die einen leeren Gegenstandsbereich annimmt.) Nach dem Diplomstudium nahm ich zunächst eine Forschungsstelle im Formal Epistemology Project an der KU Leuven, Belgien, an. Kurz darauf wurde mir an der Universität Konstanz eine Stelle als akademische Mitarbeiterin angeboten, die ich annahm. Ich habe zudem an international renommierten Universitäten als Gastwissenschaftlerin geforscht; so zum Beispiel an der University of California in Berkeley (USA), am Munich Center for Mathematical Philosophy an der LMU München und am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Mein Doktoratsstudium schloss ich vor Kurzem an der Universität Konstanz ab.
In meiner Doktorarbeit A Study on the Foundations of Theories of Epistemic Rationality untersuche ich die normativen Grundlagen von epistemischen Rationalitätstheorien. Meine Doktorarbeit ist der Metaerkenntnistheorie und normativen Erkenntnistheorie zuzuordnen und behandelt Themen der traditionellen als auch formalen Erkenntnistheorie. Teile der darin erzielten Forschungsarbeiten erschienen bereits in Form von Artikeln, weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung. In meiner Doktorarbeit argumentiere ich, dass eine adäquate (epistemische) Rationalitätstheorie aus drei Kernbestandteilen besteht: (i) der Charakterisierung von Rationalität bzw. rationalem Glauben (ii) der Spezifizierung des normativen Status von Rationalität und (iii) dem Zweck der jeweiligen Rationalitätstheorie. Ich schlage vor, dass der erste Kernbestandteil durch eine Explikation des Rationalitätsbegriffs und nicht, wie üblich, durch eine Begriffsanalyse gewonnen werden soll. Eine solche Explikation sollte dann die zwei anderen Kernbestandteile berücksichtigen. Ich zeige, dass dieser Ansatz sich als sehr fruchtbar in Bezug auf gegenwärtige Debatten in der Erkenntnistheorie erweist; zum Beispiel in Bezug auf die Internalismus/Externalismus- und die Evidentialismus/Reliabilismus-Kontroverse und in Bezug auf Debatten zum epistemischen Konsequentialismus.
Mein zukünftiges Forschungsprojekt Higher-Order Evidence beschäftigt sich, wie der Titel verrät, mit Evidenz höherer Ordnung (EHO). Gewöhnliche Evidenz, bzw. Evidenz erster Ordnung, ist Evidenz, die etwas direkt über die Welt aussagt. Im Gegensatz dazu informiert EHO über Evidenz niederer Ordnung. Evidenz über Meinungsverschiedenheit oder über die Unzuverlässigkeit menschlichen Räsonierens in Bezug auf deduktives Schließen werden in der einschlägigen Literatur oft als Beispiele für EHO präsentiert. Es stellt sich bei dieser Evidenz die Frage, inwiefern sie den Rechtfertigungsstatus einer gewöhnlichen Meinung über die Welt beeinflusst. Trotz der großen Bedeutung von EHO, gibt es keine allgemein akzeptierte Charakterisierung und auch keine Einteilung unterschiedlicher Arten von EHO. Daher gibt es auch keine solide Grundlage, um den Einfluss von EHO auf den Rechtfertigungsstatus einer Meinung zu diskutieren. Hauptziel meines Forschungsprojektes ist es, eine Theorie von EHO zu entwickeln und deren Rolle für rationales Räsonieren darzulegen. Das Projekt besteht dabei aus drei Teilprojekten, die sich jeweils mit folgenden Themenbereichen beschäftigen: (i) Charakterisierung und Taxonomie von EHO, (ii) EHO und Meinungsverschiedenheit und (iii) EHO und deduktives Schließen.
Mehr Informationen zu meiner Person, meiner Forschung und meinen sonstigen wissenschaftlichen Aktivitäten kann man hier finden.

Lena Ljucovic

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Seit März 2015 bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Begonnen habe ich mein Philosophiestudium im Rahmen eines Lehramtsstudiums, ergänzt um das Fach Englisch, an der TU Dortmund. Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu einem Studienaufenthalt an der University of Liverpool (Erasmus) und die Möglichkeit, für einige Jahre als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie tätig zu sein. Vor allem in den späteren Semestern wurde mir bewusst, dass ich an einer Fortsetzung und Vertiefung des Philosophiestudiums interessiert war. So entschloss ich mich nach meinem Studium, das ich 2011 mit einer Staatsarbeit zum Thema der Selbstkonstitution abschloss, nicht ins Referendariat zu gehen und stattdessen Logi Gunnarsson für eine Promotion an die Universität Potsdam zu folgen.  In Potsdam angekommen, hatte ich das Glück, für drei Jahre als Stipendiatin und kollegiatische Sprecherin im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen, Lebenswissen“, bestehend aus Literaturwissenschaftler_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Philosoph_innen, an meinem Dissertationsprojekt arbeiten zu können. Das Promotionsstipendium ermöglichte mir, neben der Organisation und dem Besuch mehrerer internationaler Tagungen, ein Semester als Visiting Fellow an der Harvard University zu verbringen. Nach Ablauf dieser drei Jahre (November 2014) wurde ich bis zum Antritt der aktuellen Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin durch ein Abschlussstipendium der Potsdam Graduate School gefördert. An der Universität Potsdam biete ich unter anderem Seminare an, die über mein Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Themen der feministischen Philosophie.   In meiner Doktorarbeit, die von Logi Gunnarsson (Potsdam) und Richard Moran (Harvard) betreut wird, beschäftige ich mich unter dem Arbeitstitel „Self-Knowledge Extended“ mit dem Thema des Selbstwissens. Meine Dissertation nimmt eine Alternative zu dem klassischen Wahrnehmungsmodel des Selbstwissens in den Blick: Der sogenannten Transparenztheorie zufolge ist uns unser Geist nicht insofern transparent, als dass unser inneres Auge auf unfehlbare, direkte Weise die eigenen Zustände wahrnimmt (Descartes), sondern vielmehr insofern, als dass wir die Frage nach unseren eigenen mentalen Zuständen mit einem auf die Sachverhalte in der Welt gerichteten Blick beantworten können. Ich folge in meiner Arbeit Richard Moran, der die Asymmetrie zwischen erster und dritter Person auf unser praktisches Selbstverhältnis hin versteht und insofern eine bestimmte, als Festlegungstheorie beschreibbare, Variante der Transparenztheorie vertritt. Der zentrale Gedanke ist hier, dass ich durchaus etwas über andere Personen oder mich selbst herausfinden kann, aber das Besondere am Selbstwissen daher rührt, dass ich mich festlege. Transparenz ist demnach weniger eine verlässliche Methode als eine Bedingung: Eine Überzeugung beispielsweise wäre nicht das, was sie ist, wenn mein Überzeugtsein von p nicht in dem Fürwahrhalten von p bestehen würde. Wenn ich gefragt werde, was ich glaube, dann expliziere ich, was ich glaube, und drücke in meiner Selbstzuschreibung „Ich glaube, dass p“ meine Überzeugung aus.  Aus offensichtlichen Gründen ist der Einwand, die Festlegungstheorie könne nur auf Überzeugungen und nicht auf andere mentale Zustände angewendet werden, einer der häufigsten Einwände gegen diese Theorie. Wir scheinen uns beispielsweise nicht auf unsere Emotionen festzulegen. Was aber diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, vorauszusetzen scheinen ist, dass Emotionen (und andere mentale Zustände) auf Überzeugungen reduzierbar sein müssten, um von der Transparenztheorie eingefangen werden zu können. Ich denke, dass das nicht stimmt.   Um den Einwand zu entkräften, werde ich unter anderem auf die Unterschiede zwischen Emotionen und Überzeugungen eingehen und solchen Theorien folgen, die Emotionen als mentale Zustände einer eigenen Art, aber als analog zu Wahrnehmungen, verstehen. Ein Ergebnis meiner Überlegungen wird sein, dass wir von unseren Emotionen nicht in derselben Weise wissen wie von unseren Überzeugungen, dieses Wissen aber dennoch im Rahmen einer Transparenztheorie erklärt werden kann. Stark vereinfacht gesprochen: Ich werde zunächst die These verteidigen, dass meine Emotionserfahrung in meinem Bewusstsein des Objekts als so-oder-so seiend, als die emotionsspezifischen Eigenschaften repräsentierend, besteht und dann in einem zweiten Schritt argumentieren, dass das besondere Wissen, das ich von dem Gegenstand meiner Emotion habe, mein Wissen um meine eigene Emotion ist. Ein Wissen, das ich reflektierend explizit machen kann, wenn ich danach gefragt werde. Meine Selbstzuschreibungen von Emotionen genießen erstpersonale Autorität, nicht weil das Deliberieren über die Gründe für meine Emotion konstitutiv ist, und auch nicht, weil meine Überzeugung, dass ich diese Person liebe, insofern Wissen ausdrückt, als dass sie darauf fußt, dass meine Emotion „erster Ordnung“ auf eine bestimmte Weise hervorgebracht wird, sondern weil ich meinen Blick in der Beantwortung der Frage, ob ich diese Person liebe, auf die Person richte.   Der Forschungsbeitrag meiner Dissertation wird also größtenteils darin bestehen, eine Tranzparenztheorie des Selbstwissens zu verteidigen, die die verschiedenen mentalen Zustände in ihrer Varietät berücksichtigt (hier bin ich nur auf die Emotionen eingegangen, aber meine Dissertation widmet sich ebenso den Stimmungen, Wünschen und Wahrnehmungen). Außerdem möchte in meiner Dissertation eine Brücke vom Selbstwissen zum Wissen vom Selbst schlagen. Hier werde ich unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich die Transparenztheorie auch auf Selbstzuschreibungen vergangener mentaler Zustände ausweiten lässt.
Bei SWIP Germany bin ich als Botschafterin aktiv.

Birgit Benzing

Birgit Benzing  © privat

Birgit Benzing © privat

Derzeit bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel und promoviere in einem interdisziplinären Projekt zur Mensch-Tier-Beziehung. Meine Dissertation befasst sich mit Methoden und Methodologien der Tierwohlforschung. Ich untersuche zunächst, mit welchen Methoden das tierliche Wohlbefinden erfasst und interpretiert wird und wie sich methodische Veränderungen entwickeln. In einem zweiten Teil analysiere ich, welche Konzepte über das emotionale Vermögen von Tieren zum Einsatz kommen. Und schließlich interessiert mich, welche methodologische Vorannahmen über die wissenschaftliche Zugänglichkeit emotionaler Zustände bei Tieren der Methodenwahl zugrunde liegen. Damit bewege ich mich einerseits in der Nutztierethologie – einem angewandten Forschungsfeld, das Auswirkungen auf das Leben zahlreicher Nutztiere in unserer Gesellschaft hat; andererseits in der Philosophie der Biologie und Biophilosophie.
Dieses interdisziplinäre Forschungsinteresse spiegelt sich in meiner Ausbildung wieder. Zunächst habe ich Biologie mit dem Schwerpunkt Verhaltensforschung in Konstanz und Bielefeld studiert. Meine Diplomarbeit befasste sich mit der Raumökologie der Nachtigall. Anschließend habe ich mehrere Jahre im internationalen Artenschutz gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführerin einer Stiftung. Parallel dazu führte ich das Studium der Philosophie mit den Schwerpunkten Naturschutzethik und Wissenschaftstheorie fort, ebenfalls an der Universität Bielefeld. In meiner Magisterarbeit untersuchte ich die Frage, ob sich Zoologische Gärten über ihre Artenschutzaktivitäten legitimieren können.
Nach Abschluss des Philosophiestudiums habe ich die berufliche Praxis verlassen und bin in die universitäre Forschung gewechselt. Als Akademische Angestellte an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen wirkte ich an einem Gutachten für das Bundesamt für Naturschutz mit, das die Bedeutung von Gerechtigkeitsfragen für den Naturschutz auslotete; die zugehörige Publikation erschien im Jahr 2013. Nach einer Fortbildung an der Universität Perugia (Italien) begann ich 2014 mit meiner oben kurz dargestellten Promotion.
Als ich vor beinahe 15 Jahren anfing, Philosophie und Biologie miteinander zu kombinieren, galt das als ziemlich ungewöhnlich und ich wurde oft gefragt, was die beiden Forschungsbereiche denn miteinander zu tun hätten. Kurz danach gab es einen „Boom“ in der interdisziplinären Forschung im Allgemeinen und dieser Kombination im Besonderen. Persönlich habe ich in meiner ethologischen Forschung und in meiner Naturschutztätigkeit enorm von philosophischen Überlegungen profitiert, beispielsweise die Argumente und Konzepte kritisch zu durchleuchten. Ebenso bin ich davon überzeugt, wer sich mit philosophischen Fragen zu lebensweltlichen oder wissenschaftstheoretischen Themen auseinandersetzt, tut gut daran, die lebensweltliche und Forschungs-Praxis zu kennen.
Mein bisheriger beruflicher Weg entspricht vielleicht nicht dem Standard, da ich den Weg von der Universität in die Praxis und zurück an die Universität gegangen bin. Manchmal – öfters – werde darauf hingewiesen, dass ich mit Mitte 30 für eine Forschungslaufbahn eigentlich bereits zu alt sei. Und die Jahre der Berufspraxis in meinem CV rufen zuweilen Stirnrunzeln hervor. Ich habe jedoch von Philosophen und anderen Wissenschaftlern außerhalb Deutschlands positive Rückmeldung erfahren und auch meine Dozenten haben mich stets unterstützt. Nicht zuletzt habe ich meine Forschungsstellen auch und gerade wegen meiner inter- und transdisziplinären Kenntnisse erhalten und die Projekte erfolgreich umsetzen können. Ich möchte jede angehende Philosoph_in ermuntern, sich nicht von Altersgrenzen bei der Stipendienvergabe und ähnlichen Beschränkungen beeindrucken zu lassen, wenn sie bei der Beschäftigung mit philosophischen Fragen Feuer gefangen hat!
Bei SWIP Germany bin ich im Vorstand aktiv und betreue den Arbeitskreis Botschafterinnen und den in Entstehung befindlichen Arbeitskreis Philosophinnen in der Lebenswelt.
Veröffentlichung:
Eser, U; Benzing, B. & Müller, A. (2013): Gerechtigkeitsfragen im Naturschutz. Was sie bedeuten und warum sie wichtig sind. Reihe: Naturschutz und Biologische Vielfalt [NaBiV] Nr. 130, Hrsg.: Bundesamt für Naturschutz (BfN), Landwirtschaftsverlag, Münster

Beate Krickel

Beate Krickel  © privat

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Ich arbeite seit April 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Institut II der Ruhr-Universität Bochum. Promoviert habe ich bei Geert Keil an der HU Berlin, wo ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet habe. Meinen Bachelor habe ich an der Universität Osnabrück im Fach Cognitive Science gemacht; meinen Master in Philosophie an der WWU Münster.
Meine Forschungs- und akademischen Interessenschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes, der Wissenschaftstheorie (vor allem der Biologie und der Psychologie) und der Metaphysik. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem Begriff des biologischen Mechanismus beschäftigt. In meinem Habilitationsprojekt soll es um psychologische Erklärungen und die Rolle des Unbewussten gehen. Beide Projekte und deren Zusammenhang will ich kurz erläutern.
Die Metaphysik der (biologischen) Mechanismen
In meiner Doktorarbeit habe ich unter dem Titel „The Metaphysics of Mechanisms“ untersucht, was unter einem biologischen Mechanismus zu verstehen ist bzw. wie dieser Begriff verstanden werden sollte. Die sogenannten „neuen Mechanisten“ behaupten nämlich, dass eine Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften (besonders der Lebenswissenschaften) nicht ohne den Begriff des Mechanismus auskommen kann: Erklärungen, Vorhersagen, Modellierungen, Interventionen, Kausalität, Kontrafaktische Konditionale, usw. lassen sich nur adäquat philosophisch analysieren, wenn angenommen wird, dass es (biologische) Mechanismen in der Welt gibt, die die zu erklärenden Phänomene hervorbringen und die von Wissenschaftler_innen untersucht und beschrieben werden können. Es hat sich gezeigt, dass der neue mechanistische Ansatz eine brauchbare, deskriptiv-adäquate Analyse vieler Einzelwissenschaften bietet.
Mein Interesse an diesem Ansatz basierte vor allem auf der Tatsache, dass die neuen Mechanisten behaupten, in irgendeinem Sinne eine nicht-reduktive Analyse von biologischen und kognitiven Phänomenen zu liefern. Ich habe mich daher gefragt: Wenn die neuen Mechanisten recht haben und höherstufige Phänomene (wie biologische oder kognitive Phänomene) durch Mechanismen erklärt und von diesen hervorgebracht werden und diese Analyse gleichzeitig nicht-reduktiv sein soll – bieten sich hier neue Ressourcen für die Gehirn-Geist Debatte? Könnte man auf der Grundlage des neuen mechanistischen Ansatzes für einen nicht-reduktiven Physikalismus argumentieren?
Leider musste ich schnell feststellen, dass diese Fragen nicht ohne Weiteres beantwortbar sind. Viele Thesen der neuen Mechanisten sind zu vage, mehrdeutig oder gar inkonsistent um zu bestimmen, welches metaphysische Bild dieser Ansatz mit sich bringt. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie des biologischen Mechanismus entwickelt, die dieses Problem löst. Kurz zusammengefasst, klingt meine These in etwa so: Mechanismen sind regelmäßige oder rückwärts-regelmäßige Kausalketten, die aus organisierten Entitäten-involvierenden Okkurenten (EIOs) bestehen, die Phänomene entweder verursachen oder konstituieren, wobei letzteres bedeutet, dass die Bestandteile der Mechanismen (die EIOs) die zeitlichen Teile des Phänomens verursachen (wobei diese Phänomene ontologisch betrachtet auch EIOs sind). Die eigentliche Arbeit – die Konsequenzen für die Philosophie des Geistes zu untersuchen – kann nun also beginnen.
Psychologische Erklärungen und das Unbewusste
Ich stehe momentan am Anfang meines Habilitationsprojektes. In einem bestimmten Sinne soll es auch hier wieder um Mechanismen gehen – um psychologische Mechanismen bzw. psychologische Erklärungen, die sich auf solche Mechanismen beziehen. Psychologische Mechanismen scheinen  bestimmte bemerkenswerte Eigenschaften zu haben: Erstens spielen sie sich auf der personalen Ebene ab, d.h. wir können sie angemessen mit unserem alltagspsychologischen Vokabular beschreiben (mit Ausdrücken wie „Überzeugung“, „Wunsch“, „Gefühl“, etc.). Zweitens scheinen unbewusste Zustände eine Rolle zu spielen. Das psychologische Phänomen stereotype threat zum Beispiel könnte erklärt werden durch den Verweis auf eine unbewusste Angst, die sich einstellt, wenn man auf seine Zugehörigkeit zu einer stereotypsierten Gruppe geprimt wird. Ich werde Beispiele wie dieses (und ego defense mechanisms, terror management, implicit bias) untersuchen und analysieren, wann Psychologen von „psychologischen Mechanismen“ reden und was sie damit meinen. Zudem muss geklärt werden, was Psychologen unter „unbewussten Zuständen“ verstehen und wie man die philosophischen Redeweisen von „personal level“, „unconscious“, „mental“ und „psychological“ im Kontext tatsächlicher psychologischer Erklärungen analysieren sollte.
Weitere Informationen, Veröffentlichungen etc. gibt es hier: www.beatekrickel.com. Ich freue mich  über Kommentare, Anregungen, Fragen, usw.

Uljana Feest

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Ich bin seit März 2014 Professorin an der Leibniz-Universität Hannover und vertrete dort die Wissenschaftstheorie und Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Wie viele Wissenschaftstheoretiker/innen, bin ich auf dem Umweg des Studiums einer Einzelwissenschaft zur Philosophie gelangt: Mein erstes Studium (an der Goethe-Universität, Frankfurt) habe ich im Jahr 1994 im Fach Psychologie mit einem Diplom abgeschlossen. Allerdings wurde mir schon relativ am Anfang meines Studiums klar, dass mein eigentliches Interesse nicht irgendwelchen spezifischen psychologischen Fragestellungen oder Resultaten galt. Vielmehr wollte ich wissen, warum die wissenschaftliche Psychologie überhaupt so vorgeht wie sie vorgeht, wobei diese Frage für mich schon früh sowohl eine normative als auch eine historische Dimension hatte.
Die damals in Frankfurt gelehrte Wissenschaftsphilosophie hatte wenig mit real praktizierter Wissenschaft (geschweige denn mit Psychologie) zu tun, aber die Themen Bedeutungstheorie, wissenschaftlicher Realismus und Theoriebeladenheit der Beobachtung packten mich dennoch und boten erste Aufhänger für meine Fragen nach Status und Funktion psychologischer Begriffe in ihrem Verhältnis zu empirischen Daten. Parallel begann ich mich außerdem (im Zuge einer kognitionspsychologischen Diplomarbeit) für die Kognitionswissenschaften und die Philosophie des Geistes zu interessieren. Erst als ich 1997 (inzwischen hatte ich mein Studium beendet und zwei Jahre in einem techniksoziologischen Projekt gearbeitet) mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach Pittsburgh ging, erfuhr ich von der Existenz des Fachs History and Philosophy of Science (HPS). Zu meinem großen Glück nahm mich das Pittsburgher HPS Department nach Ablauf des Jahres als Doktorandin auf und in den folgenden Jahren erhielt ich dort eine akademische Heimat, die es mir erlaubte, meine inhaltlichen Fragestellungen zu artikulieren und mich zugleich methodisch innerhalb eines bestimmten Verständnisses von Wissenschaftstheorie zu situieren.
Mein primäres Forschungsinteresse kreist um das Ziel, ein philosophisches Verständnis der Dynamiken von Forschungsprozessen zu entwickeln – vor allen Dingen (aber nicht nur) bezogen auf die experimentelle Psychologie. Damit befindet sich meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen der Wissenschaftstheorie der Psychologie und der Epistemologie des wissenschaftlichen Experiments. Die Perspektive der Wissenschaftlerin, so die meiner Herangehensweise zugrundeliegende These, ist von tiefer epistemischer Unsicherheit geprägt. Eine Herausforderung für Wissenschaftstheorie besteht daher darin, auf deskriptiv angemessene und dennoch normativ gehaltvolle Art und Weise nachzuvollziehen, wie konkrete Forschungsgegenstände im Komplex empirischer und theoretischer Erwägungen konturiert und erforscht werden, wobei bei meinem Ansatz die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden und methodologischen Debatten eine wichtige Rolle spielt. Dies lässt sich am Thema des „Operationalismus“ illustrieren, über das ich schon lange arbeite: Während operationale Definitionen in der Philosophie spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts kritisch gesehen werden, argumentiere ich, dass sie Teil eines dynamischen und iterativen Forschungsprozesses sind, bei dem begriffliche Arbeit und empirische Datenproduktion aufs Engste verknüpft sind. Hieraus ergeben sich wichtige Einsichten über den Forschungsprozess.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich außerdem mit der Rolle introspektiver Auskünften – speziell Auskünften bzgl. des phänomenalen Bewusstseins – in der Forschungspraxis. Auch hier geht es mir darum, die engen Verzahnung methodischer und ontologischer Entscheidungen und Annahmen in der Forschung aufzuzeigen, der wir mit traditionellen wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten (etwa der Unterscheidung zwischen Empirie und Theorie) nicht gerecht werden. Im Zusammenhang mit der Frage nach Status und Reichweite von Introspektion interessiert mich auch die Frage, ob es mentale Prozesse und Zustände gibt, die sich einem introspektiven Zugriff grundsätzlich entziehen, so dass andere Methoden ihrer empirischen Messung entwickelt werden müssen. Hier sein zum Beispiel an die zurzeit viel diskutierten so genannten „impliziten“ Prozessen oder Zustände erinnert. Eins meiner gegenwärtigen Forschungsinteressen thematisiert die Frage nach Kriterien der Operationalisier- und Messbarkeit solcher impliziter kognitiver Prozesse.
Aus Perspektive der Philosophie der Sozialwissenschaften sind implizite Prozesse sozialer Kognition natürlich besonders spannend, da sie fundamentale Fragen nach dem Verhältnis individueller Kognition und gesellschaftlichen Normen und Praktiken aufwerfen und außerdem dazu anregen, philosophische Fragen nach Begriffen von Praxis, Know-How, Kompetenz, oder stillem Wissen neu zu analysieren. In den vergangenen beiden Semestern habe ich an der Leibniz-Universität zwei Seminare zu diesem Themenkomplex angeboten, und es ist nicht auszuschließen, dass sich hieraus ein größeres neues Projekt entwickeln wird.
Nach meiner Dissertation war ich drei Jahre lang am MPI für Wissenschaftsgeschichte (Berlin), und dann fünf Jahre lang an der TU Berlin tätig (letzteres im Rahmen einer vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft finanzierten Stelle „Kulturgeschichte des Wissens und der Wissenschaften“). Diesen glücklichen Umständen verdanke ich es, dass ich in der Lage war, immer auch philosophie- und psychologiehistorischen Interessen nachzugehen. Meine philosophischen Fragestellungen und Analysemethoden sind oft entscheidend durch die Auseinandersetzung mit historischem Material inspiriert und geprägt. Während psychologische und wissenschaftstheoretische Diskurse heute weitgehend getrennt voneinander stattfinden, war dies in den Anfängen der experimentellen Psychologie nicht der Fall, und so findet sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine philosophisch anspruchsvolle Literatur, in der oft der enge Zusammenhang methodologischer und metaphysischer Fragen reflektiert wird. Diese Texte bieten reichhaltige Quellen, mit deren Hilfe ich versuche, zu Themen und Debatten der gegenwärtigen Philosophie der Psychologie beizutragen, diese zugleich aber auch ein wenig gegen den Strich zu lesen.
Mehr Informationen finden sich hier:
http://www.philos.uni-hannover.de/feest.html
https://uni-hannover.academia.edu/UljanaFeest

Vera Hoffmann-Kolss

Vera Hoffmann-Kolss © privat

Vera Hoffmann-Kolss © privat

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Köln. Meine philosophische Ausbildung habe ich mit einem Magisterstudium an der Universität Bonn und einem Studienjahr an der Universität Oxford begonnen. Die Promotionszeit hat mich dann an drei verschiedene Orte geführt: zunächst an die Universität Tübingen, anschließend an die Universität Lausanne und zuletzt wieder zurück nach Bonn, wo ich die Dissertation 2008 zum Abschluss gebracht habe. Anschließend war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, habe zwischenzeitlich ein Semester den Lehrstuhl Philosophie des Geistes (Albert Newen) an der Universität Bochum vertreten, und bin seit 2012 auf meiner derzeitigen Stelle an der Universität Köln tätig.
Meine Forschungsthemen liegen an der Schnittstelle zwischen Metaphysik, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie. Dabei interessiere ich mich für drei miteinander verwobene Themenbereiche. Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Begriff der Kausalität, also der Frage, unter welchen Bedingungen es angebracht ist, ein Ereignis als Ursache eines anderen Ereignisses anzusehen. Eine in der jüngeren Debatte viel beachtete Möglichkeit, sich dieser Frage anzunähern, sind so genannte modelltheoretische bzw. interventionistische Ansätze, die sich u.a. auf Erkenntnisse aus der modernen Statistik beziehen. Die Frage nach der Kausalität wird dann zu der Frage, unter welchen Bedingungen man von statistischen Korrelationen auf das Vorliegen von Kausalrelationen schließen kann. Mich interessiert insbesondere, was sich aus einer solchen – eher empirisch motivierten – Theorie der Kausalität im Hinblick auf die Metaphysik der Kausalrelation ableiten lässt. Ein kontroverser Punkt dabei ist, ob eine solche Theorie der Kausalität geeignet ist, mit höherstufigen Kausalrelationen umzugehen, etwa mit Kausalrelationen zwischen biologischen Ereignissen oder zwischen mentalen und physikalischen Ereignissen, und somit das traditionelle Problem der mentalen Verursachung lösen kann.
Diese Frage ist gleichzeitig Gegenstand des von mir geleiteten Teilprojekts eines deutsch-israelischen Kooperationsprojekts zum Thema Causation and Computation in Cognitive Neuroscience, das ich zusammen mit Jens Harbecke von der Universität Witten und Oron Shagrir von der Universität Jerusalem durchführe. Zudem bildet sie das Bindeglied zum zweiten meiner Interessensgebiete, dem Verhältnis zwischen mentalen und physikalischen Eigenschaften. Hier habe ich mich in der Vergangenheit vor allem mit dem Begriff der Supervenienz beschäftigt, einer formalen Relation, die es ermöglicht, die Abhängigkeit mentaler Eigenschaften von physikalischen Eigenschaften zu beschreiben, ohne auf eine Identitätstheorie oder einen Reduktionismus verpflichtet zu sein.
Mein drittes Interessensgebiet ist die Metaphysik von Eigenschaften. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie zur Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Eigenschaften entwickelt. Intrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, die einem Individuum aufgrund dessen zukommen, wie es selbst beschaffen ist, unabhängig davon, wie die Umgebung beschaffen ist, in der es sich befindet. Paradigmatische Beispiele sind die Eigenschaften eine Masse von 3 kg zu haben oder ein Würfel zu sein. Extrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, deren Instanziierung durch ein Individuum auch von Umgebungsfaktoren abhängig ist. Dies trifft auf Eigenschaften zu wie neben einem Würfel zu liegen oder in einem großen roten Haus zu leben. Anknüpfend an Resultate aus meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich in jüngerer Zeit mit Identitätskriterien für Eigenschaften, der Frage also, unter welchen Bedingungen Eigenschaften identisch sind. Diese Frage ist wiederum eng mit dem Begriff der Kausalität verknüpft, da mehrere vielversprechende Kriterien von Eigenschaftsindividuierung auf kausalen Begriffen beruhen.
Wenn man als analytische Philosophin an theoretischen Themen wie Eigenschaftsindividuierung oder Supervenienz arbeitet, stellt sich oftmals die Frage nach der Anwendbarkeit und Verwertbarkeit der erzielten Ergebnisse. Anders als etwa Themen aus der angewandten Ethik, die von direkter Relevanz für unser Leben und moralisches Handeln sind, zielt philosophische Forschung zu theoretischen Begriffen und Themen üblicherweise nicht primär auf Praxisrelevanz ab. Ich bin der Meinung, dass philosophische Forschung dieser Art trotzdem berechtigt und wichtig ist, weil sie Grundlagenforschung im besten Sinne ist, die sich an klaren Fragestellungen und Qualitätsstandards orientiert und im Hinblick auf diese Fragestellungen Fortschritte erzielen kann. Und natürlich hoffe ich, mit meiner eigenen Forschung zu diesem Prozess einen konstruktiven Beitrag leisten zu können.
Mehr Informationen zu meinem Lebenslauf, meinen Publikationen und sonstigen philosophischen Aktivitäten finden sich hier: www.hoffmann-kolss.de.

Ulla Wessels

 Ulla Wessels © Evelin Frerk

Ulla Wessels © Evelin Frerk

Praktische Vernunft, Wohler­gehen und der Begriff des Wollens, die Lo­gik des Sollens, die Begründung und die Währung der Moral, die Gerechtig­keit von Vertei­lun­gen, der Sinn und der Wert des Lebens; die Rechtfertigbarkeit politischer Ge­walt, die Funktion und der Status von Rechten, Handlungsgründe – dies sind Themen, zu denen ich forsche und lehre. Ich arbeite an der Universität des Saarlandes, wo ich, zusammen mit Christoph Fehige, die Professur für Praktische Philosophie innehabe.
Mein Studium habe ich in Münster und in Saarbrücken absolviert, und in Saarbrücken habe ich 1993 auch mit einer Arbeit über den Wert des Lebens promoviert. Habilitiert habe ich mich 2002 in Leipzig mit einer Arbeit über Supererogation. Über viele Jahre hinweg bin ich von Georg Meggle gefördert worden, zunächst als eine seiner wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, später dann als eine seiner wissenschaftlichen AssistentInnen. Ich verdanke ihm viel – auch dass ich „am Ball“ geblieben bin, als ich einmal drauf und dran war, die Philosophie aufzugeben. 1998 bin ich, mit einem Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt Stiftung, an die University of California in Berkeley gegangen; später hat es mich mehrfach zu Forschungsaufenthalten an die Australien National University in Canberra verschlagen. Bevor ich 2006 auf die Professur für Sozialphilosophie an die Universität Bayreuth berufen worden bin, habe ich verschiedene Professuren vertreten, unter anderem an der Georg-August-Universität in Göttingen. In Bayreuth bin ich geblieben, bis ich 2008 auf die Professur für Praktische Philosophie an die Universität des Saarlandes berufen worden bin.
Philosophisch bin ich in der Analytischen Philosophie zu Hause; ich schätze vor allem das Ringen um begriffliche Klarheit und rationale Argumentation und halte, quer durch alle Disziplinen der Philosophie, den Einsatz formallogischer Methoden für gewinnbringend. Nicht zuletzt deshalb engagiere ich mich auch in der Gesellschaft für Analytische Philosophie, die sich die Förderung und Vermittlung der Analytischen Philosophie zum Ziel gesetzt hat. Ich gehöre zu ihren Gründungsmitgliedern und bin heute eine ihrer VizepräsidentInnen.
Zu dem Wenigen, von dem ich einigermaßen fast überzeugt bin, gehört dies: Eine Welt ist umso besser, je besser es den Individuen in dieser Welt geht, und den Individuen geht es umso besser, je wohler sie sich fühlen und je mehr oder je stärkere ihrer Wünsche erfüllt sind. In meinem Buch Das Gute versuche ich, diese beiden Thesen zu entfalten und zu verteidigen. Sie bilden den harten Kern von Ethiken, die ich „Glück-Wunsch-Ethiken“ nenne, „Glück-Wunsch-Ethiken“ deshalb, weil sie hedonisches Glück und die Erfüllung von Wünschen in den Mittelpunkt rücken. In Das Gute spüre ich insbesondere dem Begriff des Wünschens nach und der Rolle, die er in Glück-Wunsch-Ethiken spielt. Mein Augenmerk richte ich auf verschiedene Typen von Wünschen, darunter ir­rationale, externe, asynchrone, angepasste und bloß potentielle.
Glück-Wunsch-Ethiken gehören zur großen Klasse der Wohlfahrtsethiken. In vielen Hinsichten können sich Wohlfahrtsethiken noch voneinander unterscheiden – außer in ihrem Verständnis von Wohlfahrt z. B. auch darin, dass sie den Wert verschiedener Verteilung von Wohlfahrt verschieden bestimmen. Wie sie ihn bestimmen sollten, ist eine der Fragen, mit denen ich mich in Zukunft beschäftigen möchte.
Unabhängig davon, wie die Antwort auf die Frage letztlich ausfallen mag: Eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, in jeder Situation das Bestmögliche zu tun. Doch das Bestmögliche zu tun heißt oft, Opfer zu bringen, und zwar Opfern, die vielleicht größer sind als die, die zu erbringen intuitiv moralisch geboten erscheint. Dies führt zu einer ganz anderen Frage: Verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus, nicht zu viel von uns, so dass wir uns nach Alternativen zumindest zu dieser Standardform umsehen sollten?
In meiner Habilitationsschrift setze ich mich kritisch mit Theorien auseinander, die mit einem Schwellenwert operieren und so etwas sagen wie: Es gibt in jeder Situation eine Menge an Gutem, die zu realisieren moralisch geboten ist, und zu realisieren, was über diese Menge hinaus geht, also besser ist, ist supererogatorisch. Solche Theorien übersehen, dass im Reich dessen, was in Richtung des Besseren über das Mindestgebotene hinausgeht, nicht immer freie Wahl herrscht, dass es dort bedingte Gebote gibt. Für Theorien, die dies anerkennen, schlage ich ein Format vor, d. h. einen formalen Rahmen, in dem sich diese Theorien zu bewegen hätten. Eine solche Theorie genauer auszubuchstabieren ist eine weitere Aufgabe, der ich mich in Zukunft widmen möchte.
Wer mehr über mich, meine Projekte und deren Fortgang erfahren möchte, möge auf meine Homepage schauen.