Anna-Maria Asunta Eder

Anna_Maria_EderZurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „A Study in Explanatory Power“ an der Universität Duisburg-Essen. Ab September 2016 forsche ich als Schrödinger Fellow in den USA. Das mehrjährige und großzügig dotierte Schrödinger Fellowship (FWF) habe ich zur Durchführung meines Forschungsprojekts Higher-Order Evidence erhalten. Im Rahmen des Fellowships kann ich für zwei Jahre an der Rutgers University in New Brunswick forschen und im Anschluss daran für ein Jahr an der Universität Salzburg.
Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Erkenntnistheorie, der allgemeinen Wissenschaftstheorie und der Metaphilosophie. Innerhalb der Erkenntnistheorie forsche ich zur epistemischen Normativität, zu Theorien des Wissens und der Rechtfertigung, zu Evidenz höherer Ordnung und zu Meinungsverschiedenheiten im Allgemeinen. In der Wissenschaftstheorie befasse ich mich mit der Beziehung zwischen Erklärung und Verstehen, der Rolle von Forschungszielen und dem Umgang mit Meinungsverschiedenheiten in den Wissenschaften. Innerhalb der Metaphilosophie interessiere ich mich insbesondere für die Methoden zur Klärung philosophischer Begriffe und der Rolle formaler Methoden in der Philosophie. Des Weiteren habe ich Forschungsinteressen in der Geschichte der analytischen Philosophie, in der praktischen Philosophie (insbesondere Entscheidungstheorie und Metaethik) und in der philosophischen Logik. Einige meiner Forschungsergebnisse sind bereits in Zeitschriften wie Erkenntnis, Philosophy and Phenomenological Research und Synthese erschienen. Eine Übersicht über meine Veröffentlichungen findet man hier und dort.
Nach meinem Schulabschluss in Österreich und einem fast einjährigem Aufenthalt in Bolivien, meiner zweiten Heimat, begann ich das Studium der Philosophie am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Ich hatte das Glück, dass der Fachbereich eine exzellente Ausbildung in der analytischen Philosophie bietet. Der Schwerpunkt lag und liegt noch immer auf der Vermittlung wichtiger philosophischer Methoden der analytischen Philosophie als auch der Vermittlung der Einsicht, dass präzise Begriffs- und Theorienbildung für philosophischen Fortschritt notwendig ist. Diese Ausbildung prägt bis heute meine Tätigkeit als Philosophin in der Forschung und in der Lehre. Das Diplomstudium der Philosophie an der Universität Salzburg schloss ich mit einer Arbeit zu Systemen der Leeren Logik ab. (Die Leere Logik ist eine Variante der existenzannahmenfreien Logik, die einen leeren Gegenstandsbereich annimmt.) Nach dem Diplomstudium nahm ich zunächst eine Forschungsstelle im Formal Epistemology Project an der KU Leuven, Belgien, an. Kurz darauf wurde mir an der Universität Konstanz eine Stelle als akademische Mitarbeiterin angeboten, die ich annahm. Ich habe zudem an international renommierten Universitäten als Gastwissenschaftlerin geforscht; so zum Beispiel an der University of California in Berkeley (USA), am Munich Center for Mathematical Philosophy an der LMU München und am Fachbereich für Philosophie (KGW) der Universität Salzburg. Mein Doktoratsstudium schloss ich vor Kurzem an der Universität Konstanz ab.
In meiner Doktorarbeit A Study on the Foundations of Theories of Epistemic Rationality untersuche ich die normativen Grundlagen von epistemischen Rationalitätstheorien. Meine Doktorarbeit ist der Metaerkenntnistheorie und normativen Erkenntnistheorie zuzuordnen und behandelt Themen der traditionellen als auch formalen Erkenntnistheorie. Teile der darin erzielten Forschungsarbeiten erschienen bereits in Form von Artikeln, weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung. In meiner Doktorarbeit argumentiere ich, dass eine adäquate (epistemische) Rationalitätstheorie aus drei Kernbestandteilen besteht: (i) der Charakterisierung von Rationalität bzw. rationalem Glauben (ii) der Spezifizierung des normativen Status von Rationalität und (iii) dem Zweck der jeweiligen Rationalitätstheorie. Ich schlage vor, dass der erste Kernbestandteil durch eine Explikation des Rationalitätsbegriffs und nicht, wie üblich, durch eine Begriffsanalyse gewonnen werden soll. Eine solche Explikation sollte dann die zwei anderen Kernbestandteile berücksichtigen. Ich zeige, dass dieser Ansatz sich als sehr fruchtbar in Bezug auf gegenwärtige Debatten in der Erkenntnistheorie erweist; zum Beispiel in Bezug auf die Internalismus/Externalismus- und die Evidentialismus/Reliabilismus-Kontroverse und in Bezug auf Debatten zum epistemischen Konsequentialismus.
Mein zukünftiges Forschungsprojekt Higher-Order Evidence beschäftigt sich, wie der Titel verrät, mit Evidenz höherer Ordnung (EHO). Gewöhnliche Evidenz, bzw. Evidenz erster Ordnung, ist Evidenz, die etwas direkt über die Welt aussagt. Im Gegensatz dazu informiert EHO über Evidenz niederer Ordnung. Evidenz über Meinungsverschiedenheit oder über die Unzuverlässigkeit menschlichen Räsonierens in Bezug auf deduktives Schließen werden in der einschlägigen Literatur oft als Beispiele für EHO präsentiert. Es stellt sich bei dieser Evidenz die Frage, inwiefern sie den Rechtfertigungsstatus einer gewöhnlichen Meinung über die Welt beeinflusst. Trotz der großen Bedeutung von EHO, gibt es keine allgemein akzeptierte Charakterisierung und auch keine Einteilung unterschiedlicher Arten von EHO. Daher gibt es auch keine solide Grundlage, um den Einfluss von EHO auf den Rechtfertigungsstatus einer Meinung zu diskutieren. Hauptziel meines Forschungsprojektes ist es, eine Theorie von EHO zu entwickeln und deren Rolle für rationales Räsonieren darzulegen. Das Projekt besteht dabei aus drei Teilprojekten, die sich jeweils mit folgenden Themenbereichen beschäftigen: (i) Charakterisierung und Taxonomie von EHO, (ii) EHO und Meinungsverschiedenheit und (iii) EHO und deduktives Schließen.
Mehr Informationen zu meiner Person, meiner Forschung und meinen sonstigen wissenschaftlichen Aktivitäten kann man hier finden.

Lena Ljucovic

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Lena Ljucovic © Klaus Heymach

Seit März 2015 bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Potsdam. Begonnen habe ich mein Philosophiestudium im Rahmen eines Lehramtsstudiums, ergänzt um das Fach Englisch, an der TU Dortmund. Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu einem Studienaufenthalt an der University of Liverpool (Erasmus) und die Möglichkeit, für einige Jahre als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie tätig zu sein. Vor allem in den späteren Semestern wurde mir bewusst, dass ich an einer Fortsetzung und Vertiefung des Philosophiestudiums interessiert war. So entschloss ich mich nach meinem Studium, das ich 2011 mit einer Staatsarbeit zum Thema der Selbstkonstitution abschloss, nicht ins Referendariat zu gehen und stattdessen Logi Gunnarsson für eine Promotion an die Universität Potsdam zu folgen.  In Potsdam angekommen, hatte ich das Glück, für drei Jahre als Stipendiatin und kollegiatische Sprecherin im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Lebensformen, Lebenswissen“, bestehend aus Literaturwissenschaftler_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Philosoph_innen, an meinem Dissertationsprojekt arbeiten zu können. Das Promotionsstipendium ermöglichte mir, neben der Organisation und dem Besuch mehrerer internationaler Tagungen, ein Semester als Visiting Fellow an der Harvard University zu verbringen. Nach Ablauf dieser drei Jahre (November 2014) wurde ich bis zum Antritt der aktuellen Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin durch ein Abschlussstipendium der Potsdam Graduate School gefördert. An der Universität Potsdam biete ich unter anderem Seminare an, die über mein Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Themen der feministischen Philosophie.   In meiner Doktorarbeit, die von Logi Gunnarsson (Potsdam) und Richard Moran (Harvard) betreut wird, beschäftige ich mich unter dem Arbeitstitel „Self-Knowledge Extended“ mit dem Thema des Selbstwissens. Meine Dissertation nimmt eine Alternative zu dem klassischen Wahrnehmungsmodel des Selbstwissens in den Blick: Der sogenannten Transparenztheorie zufolge ist uns unser Geist nicht insofern transparent, als dass unser inneres Auge auf unfehlbare, direkte Weise die eigenen Zustände wahrnimmt (Descartes), sondern vielmehr insofern, als dass wir die Frage nach unseren eigenen mentalen Zuständen mit einem auf die Sachverhalte in der Welt gerichteten Blick beantworten können. Ich folge in meiner Arbeit Richard Moran, der die Asymmetrie zwischen erster und dritter Person auf unser praktisches Selbstverhältnis hin versteht und insofern eine bestimmte, als Festlegungstheorie beschreibbare, Variante der Transparenztheorie vertritt. Der zentrale Gedanke ist hier, dass ich durchaus etwas über andere Personen oder mich selbst herausfinden kann, aber das Besondere am Selbstwissen daher rührt, dass ich mich festlege. Transparenz ist demnach weniger eine verlässliche Methode als eine Bedingung: Eine Überzeugung beispielsweise wäre nicht das, was sie ist, wenn mein Überzeugtsein von p nicht in dem Fürwahrhalten von p bestehen würde. Wenn ich gefragt werde, was ich glaube, dann expliziere ich, was ich glaube, und drücke in meiner Selbstzuschreibung „Ich glaube, dass p“ meine Überzeugung aus.  Aus offensichtlichen Gründen ist der Einwand, die Festlegungstheorie könne nur auf Überzeugungen und nicht auf andere mentale Zustände angewendet werden, einer der häufigsten Einwände gegen diese Theorie. Wir scheinen uns beispielsweise nicht auf unsere Emotionen festzulegen. Was aber diejenigen, die diesen Einwand vorbringen, vorauszusetzen scheinen ist, dass Emotionen (und andere mentale Zustände) auf Überzeugungen reduzierbar sein müssten, um von der Transparenztheorie eingefangen werden zu können. Ich denke, dass das nicht stimmt.   Um den Einwand zu entkräften, werde ich unter anderem auf die Unterschiede zwischen Emotionen und Überzeugungen eingehen und solchen Theorien folgen, die Emotionen als mentale Zustände einer eigenen Art, aber als analog zu Wahrnehmungen, verstehen. Ein Ergebnis meiner Überlegungen wird sein, dass wir von unseren Emotionen nicht in derselben Weise wissen wie von unseren Überzeugungen, dieses Wissen aber dennoch im Rahmen einer Transparenztheorie erklärt werden kann. Stark vereinfacht gesprochen: Ich werde zunächst die These verteidigen, dass meine Emotionserfahrung in meinem Bewusstsein des Objekts als so-oder-so seiend, als die emotionsspezifischen Eigenschaften repräsentierend, besteht und dann in einem zweiten Schritt argumentieren, dass das besondere Wissen, das ich von dem Gegenstand meiner Emotion habe, mein Wissen um meine eigene Emotion ist. Ein Wissen, das ich reflektierend explizit machen kann, wenn ich danach gefragt werde. Meine Selbstzuschreibungen von Emotionen genießen erstpersonale Autorität, nicht weil das Deliberieren über die Gründe für meine Emotion konstitutiv ist, und auch nicht, weil meine Überzeugung, dass ich diese Person liebe, insofern Wissen ausdrückt, als dass sie darauf fußt, dass meine Emotion „erster Ordnung“ auf eine bestimmte Weise hervorgebracht wird, sondern weil ich meinen Blick in der Beantwortung der Frage, ob ich diese Person liebe, auf die Person richte.   Der Forschungsbeitrag meiner Dissertation wird also größtenteils darin bestehen, eine Tranzparenztheorie des Selbstwissens zu verteidigen, die die verschiedenen mentalen Zustände in ihrer Varietät berücksichtigt (hier bin ich nur auf die Emotionen eingegangen, aber meine Dissertation widmet sich ebenso den Stimmungen, Wünschen und Wahrnehmungen). Außerdem möchte in meiner Dissertation eine Brücke vom Selbstwissen zum Wissen vom Selbst schlagen. Hier werde ich unter anderem der Frage nachgehen, inwiefern sich die Transparenztheorie auch auf Selbstzuschreibungen vergangener mentaler Zustände ausweiten lässt.
Bei SWIP Germany bin ich als Botschafterin aktiv.

Birgit Benzing

Birgit Benzing  © privat

Birgit Benzing © privat

Derzeit bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel und promoviere in einem interdisziplinären Projekt zur Mensch-Tier-Beziehung. Meine Dissertation befasst sich mit Methoden und Methodologien der Tierwohlforschung. Ich untersuche zunächst, mit welchen Methoden das tierliche Wohlbefinden erfasst und interpretiert wird und wie sich methodische Veränderungen entwickeln. In einem zweiten Teil analysiere ich, welche Konzepte über das emotionale Vermögen von Tieren zum Einsatz kommen. Und schließlich interessiert mich, welche methodologische Vorannahmen über die wissenschaftliche Zugänglichkeit emotionaler Zustände bei Tieren der Methodenwahl zugrunde liegen. Damit bewege ich mich einerseits in der Nutztierethologie – einem angewandten Forschungsfeld, das Auswirkungen auf das Leben zahlreicher Nutztiere in unserer Gesellschaft hat; andererseits in der Philosophie der Biologie und Biophilosophie.
Dieses interdisziplinäre Forschungsinteresse spiegelt sich in meiner Ausbildung wieder. Zunächst habe ich Biologie mit dem Schwerpunkt Verhaltensforschung in Konstanz und Bielefeld studiert. Meine Diplomarbeit befasste sich mit der Raumökologie der Nachtigall. Anschließend habe ich mehrere Jahre im internationalen Artenschutz gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführerin einer Stiftung. Parallel dazu führte ich das Studium der Philosophie mit den Schwerpunkten Naturschutzethik und Wissenschaftstheorie fort, ebenfalls an der Universität Bielefeld. In meiner Magisterarbeit untersuchte ich die Frage, ob sich Zoologische Gärten über ihre Artenschutzaktivitäten legitimieren können.
Nach Abschluss des Philosophiestudiums habe ich die berufliche Praxis verlassen und bin in die universitäre Forschung gewechselt. Als Akademische Angestellte an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen wirkte ich an einem Gutachten für das Bundesamt für Naturschutz mit, das die Bedeutung von Gerechtigkeitsfragen für den Naturschutz auslotete; die zugehörige Publikation erschien im Jahr 2013. Nach einer Fortbildung an der Universität Perugia (Italien) begann ich 2014 mit meiner oben kurz dargestellten Promotion.
Als ich vor beinahe 15 Jahren anfing, Philosophie und Biologie miteinander zu kombinieren, galt das als ziemlich ungewöhnlich und ich wurde oft gefragt, was die beiden Forschungsbereiche denn miteinander zu tun hätten. Kurz danach gab es einen „Boom“ in der interdisziplinären Forschung im Allgemeinen und dieser Kombination im Besonderen. Persönlich habe ich in meiner ethologischen Forschung und in meiner Naturschutztätigkeit enorm von philosophischen Überlegungen profitiert, beispielsweise die Argumente und Konzepte kritisch zu durchleuchten. Ebenso bin ich davon überzeugt, wer sich mit philosophischen Fragen zu lebensweltlichen oder wissenschaftstheoretischen Themen auseinandersetzt, tut gut daran, die lebensweltliche und Forschungs-Praxis zu kennen.
Mein bisheriger beruflicher Weg entspricht vielleicht nicht dem Standard, da ich den Weg von der Universität in die Praxis und zurück an die Universität gegangen bin. Manchmal – öfters – werde darauf hingewiesen, dass ich mit Mitte 30 für eine Forschungslaufbahn eigentlich bereits zu alt sei. Und die Jahre der Berufspraxis in meinem CV rufen zuweilen Stirnrunzeln hervor. Ich habe jedoch von Philosophen und anderen Wissenschaftlern außerhalb Deutschlands positive Rückmeldung erfahren und auch meine Dozenten haben mich stets unterstützt. Nicht zuletzt habe ich meine Forschungsstellen auch und gerade wegen meiner inter- und transdisziplinären Kenntnisse erhalten und die Projekte erfolgreich umsetzen können. Ich möchte jede angehende Philosoph_in ermuntern, sich nicht von Altersgrenzen bei der Stipendienvergabe und ähnlichen Beschränkungen beeindrucken zu lassen, wenn sie bei der Beschäftigung mit philosophischen Fragen Feuer gefangen hat!
Bei SWIP Germany bin ich im Vorstand aktiv und betreue den Arbeitskreis Botschafterinnen und den in Entstehung befindlichen Arbeitskreis Philosophinnen in der Lebenswelt.
Veröffentlichung:
Eser, U; Benzing, B. & Müller, A. (2013): Gerechtigkeitsfragen im Naturschutz. Was sie bedeuten und warum sie wichtig sind. Reihe: Naturschutz und Biologische Vielfalt [NaBiV] Nr. 130, Hrsg.: Bundesamt für Naturschutz (BfN), Landwirtschaftsverlag, Münster

Beate Krickel

Beate Krickel  © privat

Beate Krickel © privat

Ich arbeite seit April 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Institut II der Ruhr-Universität Bochum. Promoviert habe ich bei Geert Keil an der HU Berlin, wo ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet habe. Meinen Bachelor habe ich an der Universität Osnabrück im Fach Cognitive Science gemacht; meinen Master in Philosophie an der WWU Münster.
Meine Forschungs- und akademischen Interessenschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes, der Wissenschaftstheorie (vor allem der Biologie und der Psychologie) und der Metaphysik. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit dem Begriff des biologischen Mechanismus beschäftigt. In meinem Habilitationsprojekt soll es um psychologische Erklärungen und die Rolle des Unbewussten gehen. Beide Projekte und deren Zusammenhang will ich kurz erläutern.
Die Metaphysik der (biologischen) Mechanismen
In meiner Doktorarbeit habe ich unter dem Titel „The Metaphysics of Mechanisms“ untersucht, was unter einem biologischen Mechanismus zu verstehen ist bzw. wie dieser Begriff verstanden werden sollte. Die sogenannten „neuen Mechanisten“ behaupten nämlich, dass eine Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften (besonders der Lebenswissenschaften) nicht ohne den Begriff des Mechanismus auskommen kann: Erklärungen, Vorhersagen, Modellierungen, Interventionen, Kausalität, Kontrafaktische Konditionale, usw. lassen sich nur adäquat philosophisch analysieren, wenn angenommen wird, dass es (biologische) Mechanismen in der Welt gibt, die die zu erklärenden Phänomene hervorbringen und die von Wissenschaftler_innen untersucht und beschrieben werden können. Es hat sich gezeigt, dass der neue mechanistische Ansatz eine brauchbare, deskriptiv-adäquate Analyse vieler Einzelwissenschaften bietet.
Mein Interesse an diesem Ansatz basierte vor allem auf der Tatsache, dass die neuen Mechanisten behaupten, in irgendeinem Sinne eine nicht-reduktive Analyse von biologischen und kognitiven Phänomenen zu liefern. Ich habe mich daher gefragt: Wenn die neuen Mechanisten recht haben und höherstufige Phänomene (wie biologische oder kognitive Phänomene) durch Mechanismen erklärt und von diesen hervorgebracht werden und diese Analyse gleichzeitig nicht-reduktiv sein soll – bieten sich hier neue Ressourcen für die Gehirn-Geist Debatte? Könnte man auf der Grundlage des neuen mechanistischen Ansatzes für einen nicht-reduktiven Physikalismus argumentieren?
Leider musste ich schnell feststellen, dass diese Fragen nicht ohne Weiteres beantwortbar sind. Viele Thesen der neuen Mechanisten sind zu vage, mehrdeutig oder gar inkonsistent um zu bestimmen, welches metaphysische Bild dieser Ansatz mit sich bringt. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie des biologischen Mechanismus entwickelt, die dieses Problem löst. Kurz zusammengefasst, klingt meine These in etwa so: Mechanismen sind regelmäßige oder rückwärts-regelmäßige Kausalketten, die aus organisierten Entitäten-involvierenden Okkurenten (EIOs) bestehen, die Phänomene entweder verursachen oder konstituieren, wobei letzteres bedeutet, dass die Bestandteile der Mechanismen (die EIOs) die zeitlichen Teile des Phänomens verursachen (wobei diese Phänomene ontologisch betrachtet auch EIOs sind). Die eigentliche Arbeit – die Konsequenzen für die Philosophie des Geistes zu untersuchen – kann nun also beginnen.
Psychologische Erklärungen und das Unbewusste
Ich stehe momentan am Anfang meines Habilitationsprojektes. In einem bestimmten Sinne soll es auch hier wieder um Mechanismen gehen – um psychologische Mechanismen bzw. psychologische Erklärungen, die sich auf solche Mechanismen beziehen. Psychologische Mechanismen scheinen  bestimmte bemerkenswerte Eigenschaften zu haben: Erstens spielen sie sich auf der personalen Ebene ab, d.h. wir können sie angemessen mit unserem alltagspsychologischen Vokabular beschreiben (mit Ausdrücken wie „Überzeugung“, „Wunsch“, „Gefühl“, etc.). Zweitens scheinen unbewusste Zustände eine Rolle zu spielen. Das psychologische Phänomen stereotype threat zum Beispiel könnte erklärt werden durch den Verweis auf eine unbewusste Angst, die sich einstellt, wenn man auf seine Zugehörigkeit zu einer stereotypsierten Gruppe geprimt wird. Ich werde Beispiele wie dieses (und ego defense mechanisms, terror management, implicit bias) untersuchen und analysieren, wann Psychologen von „psychologischen Mechanismen“ reden und was sie damit meinen. Zudem muss geklärt werden, was Psychologen unter „unbewussten Zuständen“ verstehen und wie man die philosophischen Redeweisen von „personal level“, „unconscious“, „mental“ und „psychological“ im Kontext tatsächlicher psychologischer Erklärungen analysieren sollte.
Weitere Informationen, Veröffentlichungen etc. gibt es hier: www.beatekrickel.com. Ich freue mich  über Kommentare, Anregungen, Fragen, usw.

Uljana Feest

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Ich bin seit März 2014 Professorin an der Leibniz-Universität Hannover und vertrete dort die Wissenschaftstheorie und Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Wie viele Wissenschaftstheoretiker/innen, bin ich auf dem Umweg des Studiums einer Einzelwissenschaft zur Philosophie gelangt: Mein erstes Studium (an der Goethe-Universität, Frankfurt) habe ich im Jahr 1994 im Fach Psychologie mit einem Diplom abgeschlossen. Allerdings wurde mir schon relativ am Anfang meines Studiums klar, dass mein eigentliches Interesse nicht irgendwelchen spezifischen psychologischen Fragestellungen oder Resultaten galt. Vielmehr wollte ich wissen, warum die wissenschaftliche Psychologie überhaupt so vorgeht wie sie vorgeht, wobei diese Frage für mich schon früh sowohl eine normative als auch eine historische Dimension hatte.
Die damals in Frankfurt gelehrte Wissenschaftsphilosophie hatte wenig mit real praktizierter Wissenschaft (geschweige denn mit Psychologie) zu tun, aber die Themen Bedeutungstheorie, wissenschaftlicher Realismus und Theoriebeladenheit der Beobachtung packten mich dennoch und boten erste Aufhänger für meine Fragen nach Status und Funktion psychologischer Begriffe in ihrem Verhältnis zu empirischen Daten. Parallel begann ich mich außerdem (im Zuge einer kognitionspsychologischen Diplomarbeit) für die Kognitionswissenschaften und die Philosophie des Geistes zu interessieren. Erst als ich 1997 (inzwischen hatte ich mein Studium beendet und zwei Jahre in einem techniksoziologischen Projekt gearbeitet) mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach Pittsburgh ging, erfuhr ich von der Existenz des Fachs History and Philosophy of Science (HPS). Zu meinem großen Glück nahm mich das Pittsburgher HPS Department nach Ablauf des Jahres als Doktorandin auf und in den folgenden Jahren erhielt ich dort eine akademische Heimat, die es mir erlaubte, meine inhaltlichen Fragestellungen zu artikulieren und mich zugleich methodisch innerhalb eines bestimmten Verständnisses von Wissenschaftstheorie zu situieren.
Mein primäres Forschungsinteresse kreist um das Ziel, ein philosophisches Verständnis der Dynamiken von Forschungsprozessen zu entwickeln – vor allen Dingen (aber nicht nur) bezogen auf die experimentelle Psychologie. Damit befindet sich meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen der Wissenschaftstheorie der Psychologie und der Epistemologie des wissenschaftlichen Experiments. Die Perspektive der Wissenschaftlerin, so die meiner Herangehensweise zugrundeliegende These, ist von tiefer epistemischer Unsicherheit geprägt. Eine Herausforderung für Wissenschaftstheorie besteht daher darin, auf deskriptiv angemessene und dennoch normativ gehaltvolle Art und Weise nachzuvollziehen, wie konkrete Forschungsgegenstände im Komplex empirischer und theoretischer Erwägungen konturiert und erforscht werden, wobei bei meinem Ansatz die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden und methodologischen Debatten eine wichtige Rolle spielt. Dies lässt sich am Thema des „Operationalismus“ illustrieren, über das ich schon lange arbeite: Während operationale Definitionen in der Philosophie spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts kritisch gesehen werden, argumentiere ich, dass sie Teil eines dynamischen und iterativen Forschungsprozesses sind, bei dem begriffliche Arbeit und empirische Datenproduktion aufs Engste verknüpft sind. Hieraus ergeben sich wichtige Einsichten über den Forschungsprozess.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich außerdem mit der Rolle introspektiver Auskünften – speziell Auskünften bzgl. des phänomenalen Bewusstseins – in der Forschungspraxis. Auch hier geht es mir darum, die engen Verzahnung methodischer und ontologischer Entscheidungen und Annahmen in der Forschung aufzuzeigen, der wir mit traditionellen wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten (etwa der Unterscheidung zwischen Empirie und Theorie) nicht gerecht werden. Im Zusammenhang mit der Frage nach Status und Reichweite von Introspektion interessiert mich auch die Frage, ob es mentale Prozesse und Zustände gibt, die sich einem introspektiven Zugriff grundsätzlich entziehen, so dass andere Methoden ihrer empirischen Messung entwickelt werden müssen. Hier sein zum Beispiel an die zurzeit viel diskutierten so genannten „impliziten“ Prozessen oder Zustände erinnert. Eins meiner gegenwärtigen Forschungsinteressen thematisiert die Frage nach Kriterien der Operationalisier- und Messbarkeit solcher impliziter kognitiver Prozesse.
Aus Perspektive der Philosophie der Sozialwissenschaften sind implizite Prozesse sozialer Kognition natürlich besonders spannend, da sie fundamentale Fragen nach dem Verhältnis individueller Kognition und gesellschaftlichen Normen und Praktiken aufwerfen und außerdem dazu anregen, philosophische Fragen nach Begriffen von Praxis, Know-How, Kompetenz, oder stillem Wissen neu zu analysieren. In den vergangenen beiden Semestern habe ich an der Leibniz-Universität zwei Seminare zu diesem Themenkomplex angeboten, und es ist nicht auszuschließen, dass sich hieraus ein größeres neues Projekt entwickeln wird.
Nach meiner Dissertation war ich drei Jahre lang am MPI für Wissenschaftsgeschichte (Berlin), und dann fünf Jahre lang an der TU Berlin tätig (letzteres im Rahmen einer vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft finanzierten Stelle „Kulturgeschichte des Wissens und der Wissenschaften“). Diesen glücklichen Umständen verdanke ich es, dass ich in der Lage war, immer auch philosophie- und psychologiehistorischen Interessen nachzugehen. Meine philosophischen Fragestellungen und Analysemethoden sind oft entscheidend durch die Auseinandersetzung mit historischem Material inspiriert und geprägt. Während psychologische und wissenschaftstheoretische Diskurse heute weitgehend getrennt voneinander stattfinden, war dies in den Anfängen der experimentellen Psychologie nicht der Fall, und so findet sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine philosophisch anspruchsvolle Literatur, in der oft der enge Zusammenhang methodologischer und metaphysischer Fragen reflektiert wird. Diese Texte bieten reichhaltige Quellen, mit deren Hilfe ich versuche, zu Themen und Debatten der gegenwärtigen Philosophie der Psychologie beizutragen, diese zugleich aber auch ein wenig gegen den Strich zu lesen.
Mehr Informationen finden sich hier:
http://www.philos.uni-hannover.de/feest.html
https://uni-hannover.academia.edu/UljanaFeest

Vera Hoffmann-Kolss

Vera Hoffmann-Kolss © privat

Vera Hoffmann-Kolss © privat

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Köln. Meine philosophische Ausbildung habe ich mit einem Magisterstudium an der Universität Bonn und einem Studienjahr an der Universität Oxford begonnen. Die Promotionszeit hat mich dann an drei verschiedene Orte geführt: zunächst an die Universität Tübingen, anschließend an die Universität Lausanne und zuletzt wieder zurück nach Bonn, wo ich die Dissertation 2008 zum Abschluss gebracht habe. Anschließend war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, habe zwischenzeitlich ein Semester den Lehrstuhl Philosophie des Geistes (Albert Newen) an der Universität Bochum vertreten, und bin seit 2012 auf meiner derzeitigen Stelle an der Universität Köln tätig.
Meine Forschungsthemen liegen an der Schnittstelle zwischen Metaphysik, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie. Dabei interessiere ich mich für drei miteinander verwobene Themenbereiche. Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Begriff der Kausalität, also der Frage, unter welchen Bedingungen es angebracht ist, ein Ereignis als Ursache eines anderen Ereignisses anzusehen. Eine in der jüngeren Debatte viel beachtete Möglichkeit, sich dieser Frage anzunähern, sind so genannte modelltheoretische bzw. interventionistische Ansätze, die sich u.a. auf Erkenntnisse aus der modernen Statistik beziehen. Die Frage nach der Kausalität wird dann zu der Frage, unter welchen Bedingungen man von statistischen Korrelationen auf das Vorliegen von Kausalrelationen schließen kann. Mich interessiert insbesondere, was sich aus einer solchen – eher empirisch motivierten – Theorie der Kausalität im Hinblick auf die Metaphysik der Kausalrelation ableiten lässt. Ein kontroverser Punkt dabei ist, ob eine solche Theorie der Kausalität geeignet ist, mit höherstufigen Kausalrelationen umzugehen, etwa mit Kausalrelationen zwischen biologischen Ereignissen oder zwischen mentalen und physikalischen Ereignissen, und somit das traditionelle Problem der mentalen Verursachung lösen kann.
Diese Frage ist gleichzeitig Gegenstand des von mir geleiteten Teilprojekts eines deutsch-israelischen Kooperationsprojekts zum Thema Causation and Computation in Cognitive Neuroscience, das ich zusammen mit Jens Harbecke von der Universität Witten und Oron Shagrir von der Universität Jerusalem durchführe. Zudem bildet sie das Bindeglied zum zweiten meiner Interessensgebiete, dem Verhältnis zwischen mentalen und physikalischen Eigenschaften. Hier habe ich mich in der Vergangenheit vor allem mit dem Begriff der Supervenienz beschäftigt, einer formalen Relation, die es ermöglicht, die Abhängigkeit mentaler Eigenschaften von physikalischen Eigenschaften zu beschreiben, ohne auf eine Identitätstheorie oder einen Reduktionismus verpflichtet zu sein.
Mein drittes Interessensgebiet ist die Metaphysik von Eigenschaften. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie zur Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Eigenschaften entwickelt. Intrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, die einem Individuum aufgrund dessen zukommen, wie es selbst beschaffen ist, unabhängig davon, wie die Umgebung beschaffen ist, in der es sich befindet. Paradigmatische Beispiele sind die Eigenschaften eine Masse von 3 kg zu haben oder ein Würfel zu sein. Extrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, deren Instanziierung durch ein Individuum auch von Umgebungsfaktoren abhängig ist. Dies trifft auf Eigenschaften zu wie neben einem Würfel zu liegen oder in einem großen roten Haus zu leben. Anknüpfend an Resultate aus meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich in jüngerer Zeit mit Identitätskriterien für Eigenschaften, der Frage also, unter welchen Bedingungen Eigenschaften identisch sind. Diese Frage ist wiederum eng mit dem Begriff der Kausalität verknüpft, da mehrere vielversprechende Kriterien von Eigenschaftsindividuierung auf kausalen Begriffen beruhen.
Wenn man als analytische Philosophin an theoretischen Themen wie Eigenschaftsindividuierung oder Supervenienz arbeitet, stellt sich oftmals die Frage nach der Anwendbarkeit und Verwertbarkeit der erzielten Ergebnisse. Anders als etwa Themen aus der angewandten Ethik, die von direkter Relevanz für unser Leben und moralisches Handeln sind, zielt philosophische Forschung zu theoretischen Begriffen und Themen üblicherweise nicht primär auf Praxisrelevanz ab. Ich bin der Meinung, dass philosophische Forschung dieser Art trotzdem berechtigt und wichtig ist, weil sie Grundlagenforschung im besten Sinne ist, die sich an klaren Fragestellungen und Qualitätsstandards orientiert und im Hinblick auf diese Fragestellungen Fortschritte erzielen kann. Und natürlich hoffe ich, mit meiner eigenen Forschung zu diesem Prozess einen konstruktiven Beitrag leisten zu können.
Mehr Informationen zu meinem Lebenslauf, meinen Publikationen und sonstigen philosophischen Aktivitäten finden sich hier: www.hoffmann-kolss.de.

Ulla Wessels

 Ulla Wessels © Evelin Frerk

Ulla Wessels © Evelin Frerk

Praktische Vernunft, Wohler­gehen und der Begriff des Wollens, die Lo­gik des Sollens, die Begründung und die Währung der Moral, die Gerechtig­keit von Vertei­lun­gen, der Sinn und der Wert des Lebens; die Rechtfertigbarkeit politischer Ge­walt, die Funktion und der Status von Rechten, Handlungsgründe – dies sind Themen, zu denen ich forsche und lehre. Ich arbeite an der Universität des Saarlandes, wo ich, zusammen mit Christoph Fehige, die Professur für Praktische Philosophie innehabe.
Mein Studium habe ich in Münster und in Saarbrücken absolviert, und in Saarbrücken habe ich 1993 auch mit einer Arbeit über den Wert des Lebens promoviert. Habilitiert habe ich mich 2002 in Leipzig mit einer Arbeit über Supererogation. Über viele Jahre hinweg bin ich von Georg Meggle gefördert worden, zunächst als eine seiner wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, später dann als eine seiner wissenschaftlichen AssistentInnen. Ich verdanke ihm viel – auch dass ich „am Ball“ geblieben bin, als ich einmal drauf und dran war, die Philosophie aufzugeben. 1998 bin ich, mit einem Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt Stiftung, an die University of California in Berkeley gegangen; später hat es mich mehrfach zu Forschungsaufenthalten an die Australien National University in Canberra verschlagen. Bevor ich 2006 auf die Professur für Sozialphilosophie an die Universität Bayreuth berufen worden bin, habe ich verschiedene Professuren vertreten, unter anderem an der Georg-August-Universität in Göttingen. In Bayreuth bin ich geblieben, bis ich 2008 auf die Professur für Praktische Philosophie an die Universität des Saarlandes berufen worden bin.
Philosophisch bin ich in der Analytischen Philosophie zu Hause; ich schätze vor allem das Ringen um begriffliche Klarheit und rationale Argumentation und halte, quer durch alle Disziplinen der Philosophie, den Einsatz formallogischer Methoden für gewinnbringend. Nicht zuletzt deshalb engagiere ich mich auch in der Gesellschaft für Analytische Philosophie, die sich die Förderung und Vermittlung der Analytischen Philosophie zum Ziel gesetzt hat. Ich gehöre zu ihren Gründungsmitgliedern und bin heute eine ihrer VizepräsidentInnen.
Zu dem Wenigen, von dem ich einigermaßen fast überzeugt bin, gehört dies: Eine Welt ist umso besser, je besser es den Individuen in dieser Welt geht, und den Individuen geht es umso besser, je wohler sie sich fühlen und je mehr oder je stärkere ihrer Wünsche erfüllt sind. In meinem Buch Das Gute versuche ich, diese beiden Thesen zu entfalten und zu verteidigen. Sie bilden den harten Kern von Ethiken, die ich „Glück-Wunsch-Ethiken“ nenne, „Glück-Wunsch-Ethiken“ deshalb, weil sie hedonisches Glück und die Erfüllung von Wünschen in den Mittelpunkt rücken. In Das Gute spüre ich insbesondere dem Begriff des Wünschens nach und der Rolle, die er in Glück-Wunsch-Ethiken spielt. Mein Augenmerk richte ich auf verschiedene Typen von Wünschen, darunter ir­rationale, externe, asynchrone, angepasste und bloß potentielle.
Glück-Wunsch-Ethiken gehören zur großen Klasse der Wohlfahrtsethiken. In vielen Hinsichten können sich Wohlfahrtsethiken noch voneinander unterscheiden – außer in ihrem Verständnis von Wohlfahrt z. B. auch darin, dass sie den Wert verschiedener Verteilung von Wohlfahrt verschieden bestimmen. Wie sie ihn bestimmen sollten, ist eine der Fragen, mit denen ich mich in Zukunft beschäftigen möchte.
Unabhängig davon, wie die Antwort auf die Frage letztlich ausfallen mag: Eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, in jeder Situation das Bestmögliche zu tun. Doch das Bestmögliche zu tun heißt oft, Opfer zu bringen, und zwar Opfern, die vielleicht größer sind als die, die zu erbringen intuitiv moralisch geboten erscheint. Dies führt zu einer ganz anderen Frage: Verlangen Glück-Wunsch-Ethiken, eingebettet in die Standardform des Konsequentialismus, nicht zu viel von uns, so dass wir uns nach Alternativen zumindest zu dieser Standardform umsehen sollten?
In meiner Habilitationsschrift setze ich mich kritisch mit Theorien auseinander, die mit einem Schwellenwert operieren und so etwas sagen wie: Es gibt in jeder Situation eine Menge an Gutem, die zu realisieren moralisch geboten ist, und zu realisieren, was über diese Menge hinaus geht, also besser ist, ist supererogatorisch. Solche Theorien übersehen, dass im Reich dessen, was in Richtung des Besseren über das Mindestgebotene hinausgeht, nicht immer freie Wahl herrscht, dass es dort bedingte Gebote gibt. Für Theorien, die dies anerkennen, schlage ich ein Format vor, d. h. einen formalen Rahmen, in dem sich diese Theorien zu bewegen hätten. Eine solche Theorie genauer auszubuchstabieren ist eine weitere Aufgabe, der ich mich in Zukunft widmen möchte.
Wer mehr über mich, meine Projekte und deren Fortgang erfahren möchte, möge auf meine Homepage schauen.

Lisa Herzog

 Lisa Herzog

Lisa Herzog

Hallo aus Kalifornien! Dieses Jahr bin ich Postdoctoral Fellow am Center for Ethics in Society, in einem großartigen Programm für politische Philosophie, das besonders für Leute mit Interesse an interdisziplinären Fragestellungen spannend ist. Von Haus aus bin ich Ökonomin und Philosophin, mit einer Promotion in politischer Theorie, und in letzter Zeit zunehmend soziologischen Interessen.

Ich habe in München und Oxford studiert und anschließend in Oxford als Rhodesscholar promoviert. Anschließend habe ich an der TU München und der Universität St. Gallen gearbeitet, mit einem kurzen Aufenthalt an der KU Leuven. Seit 2013 arbeite ich an der Uni Frankfurt an einem Projekt, das am Exzellenzcluster “Normative Ordnungen” und am Institut für Sozialforschung angesiedelt ist, und zu dem ich nach dem Aufenthalt in Stanford zurückkehren werde.

Mich haben immer schon Fragen sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Ordnungen interessiert – vielleicht, weil ich an der deutsch-tschechischen Grenze aufgewachsen bin und nach dem Mauerfall einen nachhaltigen Eindruck davon bekommen habe, wie stark unterschiedliche Wirtschaftssysteme Länder prägen können. Daher lag ein Studium der Volkswirtschaft und Philosophie nahe, obwohl ich auch mit Physik geliebäugelt hatte. Während des Studiums habe ich lange damit gekämpft, wie die abstrakten Modelle der Ökonomie sich jemals mit den Fragen nach Gerechtigkeit oder Freiheit zusammenbringen lassen könnten – sie schienen vollkommen unterschiedliche „Sprachen“, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Paradigmen, zu sprechen. Schließlich entdeckte ich die Geschichte des ökonomischen Denkens als Ausweg. Sie half mir nicht nur, zu verstehen, wo die heute verwendeten ökonomischen Modelle herkommen und wie verschiedene blinde Flecken entstanden sind, z.B. in Bezug auf ungleiche wirtschaftliche Macht. Die Geschichte ökonomischen Denkens ist auch auf höchst interessante Weise mit der Geschichte politischen und philosophischen Denkens verwoben. Meine Doktorarbeit schrieb ich schließlich über Smith und Hegel und ihr Verständnis des Marktes. Ich diskutiere darin, wie verschiedene Bilder des Marktes sich zu zentralen Fragen der politischen Philosophie wie Gerechtigkeit, Freiheit oder dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft verhalten.

Allerdings hat mich während meiner während der Doktorarbeit immer wieder die Frage umgetrieben, wie Philosophie sich mit Fragen der Gerechtigkeit im sogenannten “echten Leben” beschäftigen kann, und wie sie vielleicht auch etwas zur Verbesserung beitragen kann. Ich hatte überlegt, später im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten, aber mehrere Praktika (in Argentinien und Marokko) haben mich davon überzeugt, dass an vielen Stellen auch theoretische Arbeit sinnvoll und nötig ist und ich mich dort besser einbringen kann. Nach Abschluss der Promotion, die 2013 bei OUP erschienen ist Inventing the Market. Smith, Hegel, and Political Theory), habe ich meine Forschung in zwei Bereichen ausgeweitet. Zum einen habe ich mich systematischen Fragen zur Rolle von Märkten zugewandt. Es war ein Glücksfall, in das Projekt in Frankfurt einsteigen zu können, in dem es um “Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt” geht. Seit ca. zwei Jahren beschäftige ich mich mit Fragen nach der Struktur von Finanzmärkten, den Möglichkeiten ethischen Bankings, und der Verantwortung von Individuen und Firmen. Durch den Praxispartner des Projekts, eine Bank im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, kann ich auch meine empirische Neugier weiter befriedigen.

Zum anderen hat mich das Nachdenken über Märkte davon überzeugt, dass nicht alle moralischen Probleme, die wir derzeit im Wirtschaftssystem sehen, an Märkten liegen. Ein zweites Problem ist, das die Akteure in Märkten oft Individuen in Organisationen sind, die dort nicht frei nach ihren moralischen Prinzipien handeln können, sondern als die berüchtigten “Rädchen im System” agieren. Ich fing an, mir Fragen nach individuellen Pflichten in beruflichen Rollen zu stellen. Und da ich selbst nur sehr kursorische Erfahrungen mit Organisationen gemacht hatte, begann ich, andere Leute nach ihren Erfahrungen zu befragen. Ich führte über dreißig qualitative Interviews durch, und las mich in soziologische, psychologische und ökonomische Theorien über Organisationen ein. Derzeit arbeite ich daran, dieses Material in einer Monographie über “Ethisches Handeln in Organisationen” zu verarbeiten. Dieses Feld hat die praktische Philosophie bislang ziemlich vernachlässigt, was wahrscheinlich daran liegt, dass es genau in die Kluft zwischen politischer Philosophie und Moralphilosophie fällt. Von daher gibt es in diesem Bereich viele theoretisch spannende und gleichzeitig lebensnahe Fragen zu bearbeiten.

Außerdem schreibe ich regelmäßig für ein breiteres Publikum, u.a. mit dem Buch Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus (C.H.Beck, 2014). Ich sehe den Dialog mit Nicht-Philosoph*innen als wichtigen Bestandteil praktischer Philosophie. Für genauso wichtig halte ich, dass praktische Philosophie mit den Sozialwissenschaften zusammenarbeitet. In letzter Zeit interessiert mich besonders, wie interpretative Methoden uns neue Einsichten über die Strukturen von Moral und Gerechtigkeit liefern können. Hinter dieser Überzeugung stehen meine links-hegelianischen Überzeugungen darüber, dass ethische Normen in konkreten Institutionen und Praktiken gelebt werden. Das heißt nicht, dass nicht auch abstrakte, konzeptionelle Arbeit nötig wäre, nicht zuletzt, um eine kritische Perspektive auf existierende Praktiken beibehalten zu können – das ist meine eher kantische (bzw. hegel-kantisch-gelesene) Seite. Der Trend hin zu „nicht-idealer“ Theoriebildung in der angelsächsischen politischen Philosophie knüpft, ohne sich immer dessen bewusst sein, an ältere Ideen zum Zusammenhang von Philosophie und Sozialwissenschaften aus der Frankfurter Tradition an. Nicht zuletzt deshalb freue ich mich, in diesen verschiedenen Kontexten arbeiten zu können.

Simone Heinemann

Simone Heinemann

Simone Heinemann

Zurzeit bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum – Arbeitsbereich Angewandte Ethik und am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund – Lehrstuhl Praktische Philosophie. In Bochum koordiniere ich als Geschäftsführerin den interdisziplinären Masterstudiengang “EELP”, „Ethics – Economics, Law and Politics“.

Nach meinem Abitur habe ich zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau und danach etwa ein Jahr Praktika in den USA und Frankreich absolviert. Im Anschluss habe ich ein Bachelorstudium in Philosophie, Medienwissenschaft und ein Masterstudium in „Europäischer Kultur und Wirtschaft (ECUE)“ abgeschlossen. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Université Catholique de Louvain-la-Neuve (bei Phillipe van Parijs) habe ich 2013 an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich der Angewandten Ethik promoviert.

Meine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Wirtschaftsethik, insbesondere der Ethik der Finanzmärkte, in der Risikoethik und der politischen Philosophie.

Während meiner Promotion habe ich versucht, eine Risikoethik für den Finanzmarkt zu entwickeln und mich dazu speziell mit den Risiken beim Handel mit Finanzderivaten beschäftigt. Finanzderivate können sehr nützlich für wirtschaftliches Handeln sein, sie können aber auch gefährliche Mechanismen zur Risikoübertragung und -verteilung auf Finanzmärkten darstellen, wie sich u.a. vor und während der Finanzmarktkrise 2007-08 gezeigt hat. Ausgangspunkt meiner Arbeit war die Beobachtung, dass sich Finanzakteure, insbesondere die Entscheidungsträger in den Finanzinstitutionen, immer mehr mit Fragen der moralischen Verantwortbarkeit ihres Handelns und den damit verbundenen Risiken auseinandersetzen müssen, sei es, dass sie sich selbst solche Fragen stellen, sei es, dass sie von einer kritischer werdenden Öffentlichkeit dazu gezwungen werden. Ich habe anhand der beiden Hauptansätze der normativen Ethik, dem Utilitarismus und den rechtebasierten Theorien, Kriterien für einen moralisch akzeptablen Umgang mit Finanzmarktrisiken erarbeiten können. Aus ethischer Sicht sind dazu nicht nur die bereits eingetretenen Schäden durch risikobehaftete Produkte und Handlungen auf Finanzmärkten von Bedeutung. Vielmehr gilt es schon im Hinblick auf den Umgang mit Finanzmarktrisiken selbst, d.h. ex ante, danach zu fragen, ob bereits das Eingehen der Risiken moralisch gerechtfertigt werden kann: Welchen Finanzrisiken dürfen wir andere Personen aussetzen? Von welchen Faktoren hängt die Akzeptabilität der Risiken und der Risikoübertragungen ab? Wie können Risikoübertragungen ex ante angemessen reguliert werden? Meine Dissertation wurde 2014 unter dem Titel „Ethik der Finanzmarktrisiken am Beispiel des Finanzderivatehandels“ im Mentis Verlag veröffentlicht.

Nach meiner Promotion habe ich mich weiterhin im Bereich der Wirtschaftsethik mit dem Begriff der Spekulation im Verhältnis zum Begriff des Spiels, mit finanzmarktpolitischer Regulierung von Finanzderivaten und dem Problem der Staatsverschuldung aus ethischer Sicht auseinander gesetzt.

Im Moment arbeite ich an einem neuen Projekt, das sich mit den ethischen Dimensionen von Big Data, d.h. großen und komplexen Datenmengen, sowie deren Speicherung und Verwertung beschäftigt. Neue Technologien ermöglichen zunehmend Einblicke in persönliche Informationen, die in vielen Fällen preisgegeben werden, ohne dass die Anwender darüber informiert sind, z.B. während der Recherche im Internet. Kaufgewohnheiten, Interessen, finanzieller Status etc. werden von Webseiten aufgezeichnet und verwendet, um dem Anwender individualisierte Werbung zukommen zu lassen („consumer profiling“). Das Projekt soll der Frage nachgehen, ob es ein Recht auf die eigenen Daten gibt, und wenn ja, wie ein solches Recht begründet werden kann und welche Pflichten seitens der datensammelnden Konzerne bestehen. Mich interessiert dabei besonders das Verhältnis zwischen einem solchen Recht auf persönliche Informationen und dem Schutz der Freiheits- und Privatsphäre.

Weitere Infos und eine Liste meiner Veröffentlichungen finden sich auf meiner Webseite.

Federica Gregoratto

Federica Gregoratto © gregoratto

Federica Gregoratto © gregoratto

Seit Juli 2013 bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Meine Forschung und Lehre bewegen sich im Bereich Sozial- und politischer Philosophie.

Ich wurde 1983 im Nordosten Italiens geboren und außer kurzen Aufenthalten im Ausland (Paris, Berlin, Frankfurt) habe ich meine ganze universitäre Ausbildung in Italien durchlaufen. Ich habe BA, MA und Promotion für Arbeiten über Autoren und Themen der Kritischen Theorie erhalten. In meiner BA-Arbeit (2006) habe ich mich mit Adornos Theorie der Mimesis als begrifflichem Vorbild der Intersubjektivität beschäftigt, während die MA-Arbeit (2008) einer Auseinandersetzung zwischen Adorno und Habermas gewidmet war. In meiner im Jahr 2012 an der Ca’ Foscari-Universität Venedig abgeschlossenen und verteidigten Promotionsarbeit habe ich mich noch weiter mit Habermas sozialkritischem Projekt auseinandergesetzt, das ich in seinem ganzen Werk analysiert habe.

Die in der MA-Arbeit skizzierte Idee einer Adornianischen Deutung von Habermas bleibt die Grundintuition der Dissertation, die 2013 mit dem Titel „Il doppio volto della comunicazione“ („Das Doppelgesicht der Kommunikation“) beim Verlag Mimesis (Mailand) veröffentlicht wurde. Ich habe dort die These verteidigt, dass sich die rationale kommunikative Praxis, die Habermas zufolge die normative Grundlage der Gesellschaftskritik bildet und das von Adorno ausgearbeitete „Dilemma“ der immanenten Kritik auflöst, in der Tat als ambivalent oder sogar dialektisch erweist. Wie sich leicht am frühen Werk aber auch teils am späteren rekonstruieren lässt, besteht die Habermassche kommunikative Vernunft in einem Geflecht von Macht und Gültigkeit, Herrschaft und Emanzipation, Gewalt und Freiheit. Die idealisierenden Voraussetzungen des kommunikativen und diskursiven Handelns sind also nicht als normative Kriterien der Gesellschaftskritik unmittelbar anzusehen, da solche Kriterien in bestimmten sozialen und diskursiven Praktiken neu auftauchen und aber auch immer wieder in Frage gestellt werden. Das kontrafaktische Gerüst der Kommunikation hat aber die Funktion, innerhalb der Faktizität des Sozialen eine Kluft zwischen Idealem und Realem zu öffnen, die der Möglichkeit der emanzipatorischen und transformativen Praxis entspricht.

Nach einem Jahr als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophiegeschichte an der Universität Venedig (2012-2013), habe ich meine aktuelle Stelle in Frankfurt angetreten. Obwohl die Goethe-Universität nicht komplett neu für mich ist, da ich schon während der Promotion ein paar Semester als Gastwissenschaftlerin in Frankfurt verbracht hatte, hat mit dieser Stelle eine neue Phase meiner wissenschaftlichen Arbeit angefangen. Wenn während meiner Ausbildung die Hauptfrage, die mich am meisten beschäftigte, etwa „Wie ist Gesellschaftskritik möglich“ lautete, interessiert mich zurzeit eher die ontologische und immanent normative Konstitution von konkreten einzelnen sozialen Verhältnissen.

In meinem aktuellen Projekt versuche ich hauptsächlich zu verstehen, was Liebe als soziale Beziehung ist und warum Macht als konstitutiver Bestandteil einer solchen Beziehung zu betrachten ist. Anhand von psychoanalytisch informierten Anerkennungstheorien (insb. Melanie Klein, Jessica Benjamin und Axel Honneth) beschreibe ich Liebe als ein Interdependenzverhältnis, das in einem Prozess besteht, in dem die Liebenden ihre Wünsche, Bedürfnisse, Zwecke, Projekte und Identitäten gegenseitig und gemeinsam herstellen, verändern und befriedigen. Nach dem prozessualen Begriff der Interdependenz, den ich entwickeln will, sind die Liebenden gegenseitig voneinander abhängig; zugleich versuchen sie immer wieder, sich als unabhängig zu behaupten. Eine wichtige Rolle in dieser Konstellation spielt für mich die Idee von „care-work“.

Eine vielfältige Machtkonzeption möchte ich an dieser Stelle herausarbeiten, um eine solche Liebesbeziehung besser zu begreifen. Ich schlage vor, Macht als eine Mischung von power to und power over zu verstehen, die eine Ambivalenz zwischen ausbeuterischen und empowering Potentialen ausmacht (vor allem sind die Machtüberlegungen von Amy Allen und Rainer Forst hier inspirierend.) Ich versuche damit eine Theorie der Liebe zu entwerfen, die es vermag, erstens, die feministischen Zweifel an der Anerkennungstheorie aufzunehmen und, zweitens, im Gegensatz zu manchen feministisch-queeren Kritiken, die Idee der Liebe als Form des guten Lebens zu bewahren.

Ein wichtiger Teil dieses Projekts besteht in der sowohl empirischen als auch begrifflichen Analyse von „intimate femicide“ (oder „feminicide“): ein Phänomen nämlich, das überzeugend zeigt, wie unter Bedingungen der andauernden Geschlechtsherrschaft und Heteronormativität die Machtdynamiken der Liebe zu extremen Formen der Gewalt führen (können).

Nach einer allgemein akzeptierten Definition bedeutet femicide „die Ermordung einer ‚Frau’, weil sie eine ‚Frau’ ist.“ Aus dieser Definition entstehen einige begriffliche Probleme, vor allem die in der Geschlechtsforschung grundlegendende und höchst umstrittene Frage nach der „Natur“ des Geschlechts. Was ist eine ‚Frau’ (oder ein ‚Mann’)? Worin besteht das Geschlecht? Ich möchte diese Frage in Bezug auf die aktuellen „material feminism“-Debatten und mit Hilfe eines von Hegel und Dewey inspirierten Naturalismus untersuchen: Mein Ziel ist etwa zu zeigen, wie sich ‚Geschlechter’ aus einer dialektischen Interdependenz zwischen der „ersten“ und der „zweiten“ Natur ergeben.

Mein Interesse für Machttheorien erschöpft sich nicht nur in den Untersuchungen über Liebe und Geschlecht; ich habe auch vor, jene die aktuelle Phase des Kapitalismus bestimmenden Interdependenzverhältnisse, nämlich die Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse, anhand von Nietzsche, Marx und Deleuze als Machtbeziehungen zu begreifen.

Ich interessiere mich auch sehr für Filme und manchmal schreibe ich kleine, wenig anspruchsvolle, philosophische Filmrezensionen. Ich habe bisher z.B. über Lars von Trier, Batman und vor allem Bernardo Bertolucci geschrieben.

Hier findet ihr meine Kontaktdaten und hier meine Arbeiten.