Uljana Feest

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Uljana Feest © Lennard Schwarz

Ich bin seit März 2014 Professorin an der Leibniz-Universität Hannover und vertrete dort die Wissenschaftstheorie und Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Wie viele Wissenschaftstheoretiker/innen, bin ich auf dem Umweg des Studiums einer Einzelwissenschaft zur Philosophie gelangt: Mein erstes Studium (an der Goethe-Universität, Frankfurt) habe ich im Jahr 1994 im Fach Psychologie mit einem Diplom abgeschlossen. Allerdings wurde mir schon relativ am Anfang meines Studiums klar, dass mein eigentliches Interesse nicht irgendwelchen spezifischen psychologischen Fragestellungen oder Resultaten galt. Vielmehr wollte ich wissen, warum die wissenschaftliche Psychologie überhaupt so vorgeht wie sie vorgeht, wobei diese Frage für mich schon früh sowohl eine normative als auch eine historische Dimension hatte.
Die damals in Frankfurt gelehrte Wissenschaftsphilosophie hatte wenig mit real praktizierter Wissenschaft (geschweige denn mit Psychologie) zu tun, aber die Themen Bedeutungstheorie, wissenschaftlicher Realismus und Theoriebeladenheit der Beobachtung packten mich dennoch und boten erste Aufhänger für meine Fragen nach Status und Funktion psychologischer Begriffe in ihrem Verhältnis zu empirischen Daten. Parallel begann ich mich außerdem (im Zuge einer kognitionspsychologischen Diplomarbeit) für die Kognitionswissenschaften und die Philosophie des Geistes zu interessieren. Erst als ich 1997 (inzwischen hatte ich mein Studium beendet und zwei Jahre in einem techniksoziologischen Projekt gearbeitet) mit einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach Pittsburgh ging, erfuhr ich von der Existenz des Fachs History and Philosophy of Science (HPS). Zu meinem großen Glück nahm mich das Pittsburgher HPS Department nach Ablauf des Jahres als Doktorandin auf und in den folgenden Jahren erhielt ich dort eine akademische Heimat, die es mir erlaubte, meine inhaltlichen Fragestellungen zu artikulieren und mich zugleich methodisch innerhalb eines bestimmten Verständnisses von Wissenschaftstheorie zu situieren.
Mein primäres Forschungsinteresse kreist um das Ziel, ein philosophisches Verständnis der Dynamiken von Forschungsprozessen zu entwickeln – vor allen Dingen (aber nicht nur) bezogen auf die experimentelle Psychologie. Damit befindet sich meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen der Wissenschaftstheorie der Psychologie und der Epistemologie des wissenschaftlichen Experiments. Die Perspektive der Wissenschaftlerin, so die meiner Herangehensweise zugrundeliegende These, ist von tiefer epistemischer Unsicherheit geprägt. Eine Herausforderung für Wissenschaftstheorie besteht daher darin, auf deskriptiv angemessene und dennoch normativ gehaltvolle Art und Weise nachzuvollziehen, wie konkrete Forschungsgegenstände im Komplex empirischer und theoretischer Erwägungen konturiert und erforscht werden, wobei bei meinem Ansatz die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden und methodologischen Debatten eine wichtige Rolle spielt. Dies lässt sich am Thema des „Operationalismus“ illustrieren, über das ich schon lange arbeite: Während operationale Definitionen in der Philosophie spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts kritisch gesehen werden, argumentiere ich, dass sie Teil eines dynamischen und iterativen Forschungsprozesses sind, bei dem begriffliche Arbeit und empirische Datenproduktion aufs Engste verknüpft sind. Hieraus ergeben sich wichtige Einsichten über den Forschungsprozess.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich außerdem mit der Rolle introspektiver Auskünften – speziell Auskünften bzgl. des phänomenalen Bewusstseins – in der Forschungspraxis. Auch hier geht es mir darum, die engen Verzahnung methodischer und ontologischer Entscheidungen und Annahmen in der Forschung aufzuzeigen, der wir mit traditionellen wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten (etwa der Unterscheidung zwischen Empirie und Theorie) nicht gerecht werden. Im Zusammenhang mit der Frage nach Status und Reichweite von Introspektion interessiert mich auch die Frage, ob es mentale Prozesse und Zustände gibt, die sich einem introspektiven Zugriff grundsätzlich entziehen, so dass andere Methoden ihrer empirischen Messung entwickelt werden müssen. Hier sein zum Beispiel an die zurzeit viel diskutierten so genannten „impliziten“ Prozessen oder Zustände erinnert. Eins meiner gegenwärtigen Forschungsinteressen thematisiert die Frage nach Kriterien der Operationalisier- und Messbarkeit solcher impliziter kognitiver Prozesse.
Aus Perspektive der Philosophie der Sozialwissenschaften sind implizite Prozesse sozialer Kognition natürlich besonders spannend, da sie fundamentale Fragen nach dem Verhältnis individueller Kognition und gesellschaftlichen Normen und Praktiken aufwerfen und außerdem dazu anregen, philosophische Fragen nach Begriffen von Praxis, Know-How, Kompetenz, oder stillem Wissen neu zu analysieren. In den vergangenen beiden Semestern habe ich an der Leibniz-Universität zwei Seminare zu diesem Themenkomplex angeboten, und es ist nicht auszuschließen, dass sich hieraus ein größeres neues Projekt entwickeln wird.
Nach meiner Dissertation war ich drei Jahre lang am MPI für Wissenschaftsgeschichte (Berlin), und dann fünf Jahre lang an der TU Berlin tätig (letzteres im Rahmen einer vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft finanzierten Stelle „Kulturgeschichte des Wissens und der Wissenschaften“). Diesen glücklichen Umständen verdanke ich es, dass ich in der Lage war, immer auch philosophie- und psychologiehistorischen Interessen nachzugehen. Meine philosophischen Fragestellungen und Analysemethoden sind oft entscheidend durch die Auseinandersetzung mit historischem Material inspiriert und geprägt. Während psychologische und wissenschaftstheoretische Diskurse heute weitgehend getrennt voneinander stattfinden, war dies in den Anfängen der experimentellen Psychologie nicht der Fall, und so findet sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine philosophisch anspruchsvolle Literatur, in der oft der enge Zusammenhang methodologischer und metaphysischer Fragen reflektiert wird. Diese Texte bieten reichhaltige Quellen, mit deren Hilfe ich versuche, zu Themen und Debatten der gegenwärtigen Philosophie der Psychologie beizutragen, diese zugleich aber auch ein wenig gegen den Strich zu lesen.
Mehr Informationen finden sich hier:
http://www.philos.uni-hannover.de/feest.html
https://uni-hannover.academia.edu/UljanaFeest

Vera Hoffmann-Kolss

Vera Hoffmann-Kolss © privat

Vera Hoffmann-Kolss © privat

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Köln. Meine philosophische Ausbildung habe ich mit einem Magisterstudium an der Universität Bonn und einem Studienjahr an der Universität Oxford begonnen. Die Promotionszeit hat mich dann an drei verschiedene Orte geführt: zunächst an die Universität Tübingen, anschließend an die Universität Lausanne und zuletzt wieder zurück nach Bonn, wo ich die Dissertation 2008 zum Abschluss gebracht habe. Anschließend war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, habe zwischenzeitlich ein Semester den Lehrstuhl Philosophie des Geistes (Albert Newen) an der Universität Bochum vertreten, und bin seit 2012 auf meiner derzeitigen Stelle an der Universität Köln tätig.
Meine Forschungsthemen liegen an der Schnittstelle zwischen Metaphysik, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie. Dabei interessiere ich mich für drei miteinander verwobene Themenbereiche. Aktuell beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Begriff der Kausalität, also der Frage, unter welchen Bedingungen es angebracht ist, ein Ereignis als Ursache eines anderen Ereignisses anzusehen. Eine in der jüngeren Debatte viel beachtete Möglichkeit, sich dieser Frage anzunähern, sind so genannte modelltheoretische bzw. interventionistische Ansätze, die sich u.a. auf Erkenntnisse aus der modernen Statistik beziehen. Die Frage nach der Kausalität wird dann zu der Frage, unter welchen Bedingungen man von statistischen Korrelationen auf das Vorliegen von Kausalrelationen schließen kann. Mich interessiert insbesondere, was sich aus einer solchen – eher empirisch motivierten – Theorie der Kausalität im Hinblick auf die Metaphysik der Kausalrelation ableiten lässt. Ein kontroverser Punkt dabei ist, ob eine solche Theorie der Kausalität geeignet ist, mit höherstufigen Kausalrelationen umzugehen, etwa mit Kausalrelationen zwischen biologischen Ereignissen oder zwischen mentalen und physikalischen Ereignissen, und somit das traditionelle Problem der mentalen Verursachung lösen kann.
Diese Frage ist gleichzeitig Gegenstand des von mir geleiteten Teilprojekts eines deutsch-israelischen Kooperationsprojekts zum Thema Causation and Computation in Cognitive Neuroscience, das ich zusammen mit Jens Harbecke von der Universität Witten und Oron Shagrir von der Universität Jerusalem durchführe. Zudem bildet sie das Bindeglied zum zweiten meiner Interessensgebiete, dem Verhältnis zwischen mentalen und physikalischen Eigenschaften. Hier habe ich mich in der Vergangenheit vor allem mit dem Begriff der Supervenienz beschäftigt, einer formalen Relation, die es ermöglicht, die Abhängigkeit mentaler Eigenschaften von physikalischen Eigenschaften zu beschreiben, ohne auf eine Identitätstheorie oder einen Reduktionismus verpflichtet zu sein.
Mein drittes Interessensgebiet ist die Metaphysik von Eigenschaften. In meiner Doktorarbeit habe ich eine Theorie zur Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Eigenschaften entwickelt. Intrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, die einem Individuum aufgrund dessen zukommen, wie es selbst beschaffen ist, unabhängig davon, wie die Umgebung beschaffen ist, in der es sich befindet. Paradigmatische Beispiele sind die Eigenschaften eine Masse von 3 kg zu haben oder ein Würfel zu sein. Extrinsische Eigenschaften sind Eigenschaften, deren Instanziierung durch ein Individuum auch von Umgebungsfaktoren abhängig ist. Dies trifft auf Eigenschaften zu wie neben einem Würfel zu liegen oder in einem großen roten Haus zu leben. Anknüpfend an Resultate aus meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich in jüngerer Zeit mit Identitätskriterien für Eigenschaften, der Frage also, unter welchen Bedingungen Eigenschaften identisch sind. Diese Frage ist wiederum eng mit dem Begriff der Kausalität verknüpft, da mehrere vielversprechende Kriterien von Eigenschaftsindividuierung auf kausalen Begriffen beruhen.
Wenn man als analytische Philosophin an theoretischen Themen wie Eigenschaftsindividuierung oder Supervenienz arbeitet, stellt sich oftmals die Frage nach der Anwendbarkeit und Verwertbarkeit der erzielten Ergebnisse. Anders als etwa Themen aus der angewandten Ethik, die von direkter Relevanz für unser Leben und moralisches Handeln sind, zielt philosophische Forschung zu theoretischen Begriffen und Themen üblicherweise nicht primär auf Praxisrelevanz ab. Ich bin der Meinung, dass philosophische Forschung dieser Art trotzdem berechtigt und wichtig ist, weil sie Grundlagenforschung im besten Sinne ist, die sich an klaren Fragestellungen und Qualitätsstandards orientiert und im Hinblick auf diese Fragestellungen Fortschritte erzielen kann. Und natürlich hoffe ich, mit meiner eigenen Forschung zu diesem Prozess einen konstruktiven Beitrag leisten zu können.
Mehr Informationen zu meinem Lebenslauf, meinen Publikationen und sonstigen philosophischen Aktivitäten finden sich hier: www.hoffmann-kolss.de.