Maria Kronfeldner

maria_kronfeldner_by Lukas Einsele

Maria Kronfeldner © Lukas Einsele

Ich arbeite vor allem zur Philosophie der Lebens- und Sozialwissenschaften, ein Bereich, der Wissenschaftsphilosophie, philosophische Anthropologie, Philosophie des Geistes und politische Philosophie verbindet. Meine Forschungsthemen sind Kreativität, Evolution, Kulturbegriff, die menschliche Natur, die Natur/Kultur-Unterscheidung, Personenbegriff, Kausalität, Erklärung, Komplexität, Einheit und Vielfalt der Wissenschaften, Wissenschaften und Werte.

Seit September 2014 bin ich an der Central European University (Budapest) als Associate Professor tätig. Zuvor war ich Juniorprofessorin an der Universität Bielefeld, Gastwissenschaftlerin an zahlreichen Instituten im Ausland und Karl-Schädler-Postdoctoral-Fellow am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin).

Nach einem Studium der Philosophie und Religionswissenschaft an der Universität Regensburg, das ich 2001 mit einer Magisterarbeit „Zur Kreativität des Denkens“ abschloss, promovierte ich an der gleichen Universität, betreut von Prof. Dr. Hans Rott, mit einer Arbeit zu „Darwinism, Memes, and Creativity.“ Die Postdoc-Zeit am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte gab mir die Gelegenheit, meine Arbeit in Richtung Geschichte des Kulturbegriffs im Kontext evolutionären Denkens fortzusetzen. Mich interessierte, wie es dazu kam, dass Kultur und Natur im Rahmen der Schule um den Anthropologen Franz Boas in Opposition zueinander gesetzt wurden. Interessanterweise war es gerade Wissen aus der biologischen Vererbungsforschung, das dem Boas Schüler Alfred L. Kroeber half, Kultur als kausal unabhängig von Natur zu definieren.

Geleitet von der Einsicht, dass Wissen in der Regel mehr (auf jeden Fall nicht weniger) wird, wenn es geteilt wird, gilt seitdem mein Interesse dem Austausch von Begriffen, Theorien und Methoden über Grenzen einzelner Wissenschaften hinweg (insbesondere auch in Bezug auf die sog. ‚zwei Kulturen’ der Wissenschaften) und auch über die Grenze hinweg, die zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gezogen wird. Damit sind diese Grenzen selbst auch Gegenstand meiner philosophischen Arbeit geworden und werden im Hinblick auf den Themenkomplex Einheit und Spezialisierung der Wissenschaften und in Hinblick auf den Themenkomplex Wissenschaft und Gesellschaft in Aufsätzen analysiert.

Ein weiterer Bereich, zu dem ich arbeite, betrifft den Bereich Kausalität und Erklärung. Es interessiert mich dabei v.a. die Pragmatik der Kausalität: wie die Erfahrung von Verantwortung, Schuld und Macht sowie die kulturellen und juristischen Annahmen über diese Angelegenheiten, die Vorstellungen von Kausalität und Erklärung beeinflussen.

Derzeit beschäftige ich mich v.a. mit dem Begriff der menschlichen Natur als Begriff zwischen Wissenschaft, Philosophie und Politik. Wenn von einer Natur (insbesondere, der Natur des Menschen) die Rede ist, dann wird damit meist nicht nur deskriptiv bzw. erklärend auf typische Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen von Menschen verwiesen. Der Begriff einer Natur transportiert mehr. Durch die Verwendung des Begriffs der menschlichen Natur werden meist bestimmte Verhaltensweisen als ‚natürlich’, ‚wesentlich’ und ‚normal’ ausgewiesen. Im Zuge dessen findet meist auch eine politische Bewertung der Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen statt. Wegen dieser zusätzlichen Konnotationen wurde der Begriff im 20. Jahrhundert einer harschen wissenschaftlichen wie politischen Kritik unterzogen. Ein Darwinistisches Menschenbild, das auf Variation, Veränderung und Genealogie setzt, habe keinen Platz für den Begriff der menschlichen Natur, so die wissenschaftliche Kritik. Zudem, so die politische Kritik, hat die Verwendung des Begriffs im Sozialen erheblichen Schaden verursacht, da er zu sozialer Ausgrenzung bestimmter Personengruppen mit abweichenden Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen beiträgt. Diese Kritik versuche ich in einem Buchprojekt zu systematisieren, zu kontextualisieren und zu präzisieren. Indem analysiert wird, wie Menschen Identitäten zuweisen, wird auch der Begriff der Person bzw. des Individuums zum Gegenstand der Untersuchung. Ziel der Arbeit ist, philosophisch genauer zu verstehen, was den Reiz des Begriffs einer menschlichen Natur trotz der oben erwähnten problematischen Aspekte ausmacht bzw. ausmachte. Daher versuche ich letztendlich der wissenschaftlichen und politischen Kritik einen post-essentialistischen, pluralistisch-pragmatischen und damit positiven Zugang zum Begriff der menschlichen Natur entgegenzusetzen.

Philosophie ist für mich die minimalistischste Kunst, die es gibt. Wie die Kunst möchte sie Substanzielles ausdrücken, aber mit reduzierten Mitteln, ohne Staffage wie im Theater, ohne Farben und Formen wie in der Malerei oder der Fotografie, ohne Stimme und Ton wie in der Musik, und ohne Narration wie in der Literatur. Sie hat nur die in Beziehung stehenden Gedanken und Sachverhalte selbst. Philosophie ist für mich zudem weder durch einen speziellen Gegenstandsbereich spezifiziert noch durch die traditionellen Fragen. Abstraktion, Analyse, Objektivität, Kritik und Reflexion, Einfachheit und Genauigkeit sind die Maximen, die für mich eine philosophische Zugangsweise charakterisieren. Der Bezug meiner Forschung zu Fragen des menschlichen Lebens sichert für mich die Relevanz der Philosophie für die praktischen Probleme, denen sich Menschen in ihrem Leben bzw. in Gesellschaften gegenüber sehen.

Meine Veröffentlichungen sind zu finden unter: