Dagmar Comtesse

Foto_DCDas Jahr an der Sciences-Po in Paris war die einzige örtliche Ausnahme meines in Frankfurt am Main verbrachtem Studium der Geschichtswissenschaften, der französischen Sprache (beides mit Abschluss des Staatsexamens 2004) und der Philosophie (Abschluss Magister 2006). Nach einem spannenden Jahr als Mentoring-Beauftragte des Fachbereichs, in welchem ich zwar erreichte, dass ein akademisches Förderprogramm nur für weibliche Absolventinnen eingerichtet wurde, aber leider auch dessen Abschaffung – mit dem Grund der Benachteiligung von männlichen Absolventen – im darauffolgenden Jahr erleben musste, konnte ich 2008 im Exzellenzcluster „Normative Orders“ – im disziplinären Spannungsfeld von Geschichtswissenschaften und Philosophie verbleibend – eine Mitarbeiterstelle annehmen, die am Lehrstuhl „Wissenschaftsgeschichte“ von Prof. Moritz Epple angesiedelt ist. Die mehrfache Doppelung von Geschichtswissenschaften und Philosophie während meiner akademischen Ausbildung hat sich nachhaltig auf mein Denken ausgewirkt: Der Einblick in die irreduzible Historizität von Epistemologien einerseits und in die auf keine Gesetzmäßigkeit zurückführbare Vielfalt der Geschichte andererseits führten zum Bruch mit allen Letztbegründungsansprüchen. Die Annahme, dass Begründungen immer kontingent zu denken sind – contingent foundations, wie es Judith Butler ausdrückt -, steht allerdings in Spannung zu meinen Überlegungen über den Zusammenhang von Anthropologie und politischer Philosophie, die gegenwärtig mein Hauptinteresse bilden. Die Vereinbarkeit von Kontingenz und (politischer) Anthropologie ist also meine derzeitige Denkaufgabe, der ich mich ansatzweise in der Überarbeitung meiner Doktorarbeit über die politische Philosophie Rousseaus widme, die jedoch auch die Grundlage eines nächsten Forschungsprojektes bildet.

Meine Dissertation, die den Titel „Postnationale Volkssouveränität. Eine Aktualisierung Rousseaus“ trägt und die ich bei Prof. Rahel Jaeggi in Berlin und Prof. Axel Honneth in Frankfurt schreiben konnte, geht von der politischen Motivation aus, die kontingente Verbindung von Volkssouveränität und Nationalstaat lösen zu wollen und eine postnational konzipierte Volkssouveränität in den juridisch dominierten Diskurs über die Europäische Union zu bringen. Diese Motivation ergibt sich aus meiner Empörung über die offene Angst vor den Massen, die viele und vor allem maßgebliche TheoretikerInnen des EU-Diskurses hegen und dabei skrupellos die Governance-Struktur der EU als rationale Zähmung des immer zum „ethnischen Exzess“ neigenden Volkes (Joseph H.H. Weiler, Harvard 1995) verteidigen. Mein Festhalten am Begriff der Volkssouveränität gründet sich auf dem radikaldemokratischen Potential, das ich in der Rousseau’schen Fassung der Volkssouveränität sehe. Dieses besteht jedoch nicht in erster Linie in der direkten Demokratie, die meist mit Rousseau assoziiert wird, sondern im umfassenden Herrschaftsanspruch des Volkes, der am besten als Politisierung und Demokratisierung der Subjektivierungsmächte zu fassen ist. In der Tat lässt sich Rousseaus politische Philosophie auch im Hinblick auf die Zentralität des Konfliktes in den gegenwärtigen Diskurs der radikalen Demokratietheorie einordnen. Dies mag überraschen, da Rousseau vielen als Inbegriff eines Konsens- und Homogenitätsdenkers gilt. Doch geht Rousseau von einem fundamentalen und notwendigen Konflikt zwischen legislativ-konstituierender und exekutiver Macht aus und konzipiert bei genauer Lektüre auch die kollektive Willensbildung als einen Prozess des durchaus kontroversen Meinungsaustausches und einer starken subjektiven Urteilskraft. Problematisch ist dagegen Rousseaus Anthropologie für das Kontingenzdenken der (post)modernen Radikaldemokraten. Allerdings sehe ich im Anschluss an Frederick Neuhousers Rousseau-Interpretation (auf dt: Pathologien der Selbstliebe, Berlin 2013) gerade in der Sozialanthropologie Rousseaus ein explanatorisches und normatives Potential, das für eine politische Philosophie höchst fruchtbar sein kann. Es ist für mich eine offene Frage, inwieweit die ontologischen Annahmen der heutigen Radikaldemokraten von einer solchen Anthropologie nicht ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Die Überlegungen über den Zusammenhang von politischer Philosophie und Anthropologie werden durch meine Projektarbeit verstärkt, in der ich mich mit dem Sensualismus und Materialismus der französischen Aufklärer beschäftige. Während das Projekt allgemein auf die Übersetzung und Kommentierung der theoretischen Grundierung der Encyclopédie abzielt, die Jean le Rond d’Alembert 1759 nach dem Verlassen des Encyclopédie-Projektes in seinem Essai sur les Elements de Philosophie zum Ausdruck gebracht hat, geht es mir im Speziellen um die Frage, ob man von einer politischen Philosophie der Encyclopédie sprechen kann. Dabei verstehe ich unter einer politischen Philosophie – gerade in Abgrenzung zu einer bloßen Theorie – die Verbindung von ontologischer und ontischer Ebene (Mouffe, Frankfurt 2007) bzw. von anthropologischen oder epistemologischen Voraussetzungen mit institutionellen Überlegungen oder phänomenologischen Diagnosen. Anhaltspunkte dafür finden sich zum einen in den Texten d’Alemberts, zu denen auch der berühmte Discours Préliminaire gehört. Zum anderen kann man die Strategie der Enzyklopädisten, die darin besteht, revolutionäre politische Positionen – oftmals durch Verweise verdeckt – im Rahmen des epochalen Gesamtwerkes in die sich etablierende bürgerliche Öffentlichkeit einzuschleusen, als Beleg für eine wissensbasierte Transformationstheorie ansehen. Zentral für die These einer politischen Philosophie der Encyclopédie ist die sensualistisch-materialistische Epistemologie der Enzyklopädisten, die bestimmte moralisch-politische Positionen – bspw. die Gleichheit aller Menschen oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse – impliziert. Auch wenn die These der politischen Wirkung der Encyclopédie unbestritten ist (z.B. J. Israel, Oxford 2006) und der Nachweis einer politischen Philosophie bei d’Alembert gelingen mag (ansatzweise Comtesse, 2012: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/24284/Wissensordnung_als_Kritik_final.pdf), stellen sich hier die Probleme eines fast unüberschaubaren Autorenkollektivs und eines schwer eingrenzbaren Textkorpus.

Mein Forschungsschwerpunkt der politischen Philosophie umfasst neben dieser Fokussierung auf das 18. Jahrhundert auch die aktuelle Debatte um Postdemokratie (Comtesse/ Meyer, Zeitschrift für pol. Theorie, 2/ 2011 und 1/2012), die Ideen- und Begriffsgeschichte des Republikanismus und den spezifischen Beitrag feministischer Theorien zur Kritik und Erweiterung politischer Philosophie. Weiter Informationen und die Möglichkeit des – immer erwünschten – Kontaktes: 
http://www.normativeorders.net/de/organisation/mitarbeiter-a-z?view=person&id=34

Magdalena Balcerak Jackson

PhotoMBJIch bin seit August 2015 Assistant Professor am Department of Philosophy der University of Miami. Zuvor war ich Research Fellow am Zukunftskolleg und am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz und Ko-Direktorin einer DFG Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“. Ich arbeite vor allem in Philosophie des Geistes und Erkenntnistheorie, habe aber auch ernsthaftes Interesse an Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie und Phänomenologie. Ich habe bisher über folgende Themen geforscht und publiziert: Intentionalismus in der Philosophie des Geistes, die Anwendung der zwei-dimensionalen Semantik auf Theorien des Gehalts bewusster Erlebnisse, Begriffsanalyse, Sprachverstehen, apriorisches Wissen, Gedankenexperimente und rationales Überlegen.

Mein derzeitiges Hauptprojekt beschäftigt sich mit der Imagination (oder Vorstellungskraft). Das erste, woran die meisten von uns im Zusammenhang mit Imagination denken, ist unsere Fähigkeit fantastische und oft ästhetisch wertvolle fiktionale Charaktere, Szenarien und Geschichten zu erschaffen. Aber Imagination spielt auch eine wichtige Rolle beim Erwerb von Wissen: Wenn wir uns entscheiden, wie wir handeln sollen, wenn wir die Gedanken und Emotionen unserer Mitmenschen lesen, wenn wir Gedankenexperimente betreiben, machen wir von unserer Fähigkeit uns nicht-aktuale Szenarien vorzustellen Gebrauch. Diese Rolle der Imagination hat in der analytischen Philosophie bisher wenig Beachtung gefunden. Die entscheidende Frage, der ich nachgehe, ist die Frage, ob die Rolle der Imagination in diesen kognitiven Projekten tatsächlich eine epistemische Rolle ist. Ist Imagination tatsächlich eine Quelle von Rechtfertigung und nicht bloß eine heuristische Hilfskapazität? Die Orthodoxie in der neueren philosophischen Tradition seit Wittgenstein und Sartre ist der Ansicht, dass Imagination keine rechtfertigende Rolle spielen kann, weil wann wir uns etwas vorstellen und was wir uns vorstellen, unter unserer Kontrolle ist, und weil das Reich der Imagination, anders als unsere Realität, unbegrenzt ist. Ich versuche zu zeigen, dass diese Orthodoxie wichtige Merkmale der Imagination übersieht.

Manche Philosophen behaupten, dass Imagination uns zwar nicht sagen kann, was tatsächlich der Fall ist, dass Imagination aber ein guter Wegweiser dazu ist, was (metaphysisch) möglich ist. Das Problem ist, dass es in dieser modalen Erkenntnistheorie komplett mysteriös bleibt, warum und wodurch Imagination uns über den Bereich des Möglichen unterrichten könnte. Mein Ansatz ist es, die erkenntnistheoretischen Fragen über die Imagination auf der Grundlage einer detaillierten Erforschung der Imagination als einer psychologisch realisierten kognitiven Kapazität zu thematisieren. Dem Wesen nach ist Imagination eine Simulationsfähigkeit. Wenn wir uns vorstellen, eine rote Kirsche zu sehen, dann versetzen wir uns in die Perspektive eines möglichen Subjektes, das eine Wahrnehmungserfahrung einer roten Kirsche hat. Ich entwickele und verteidige eine spezifische Simulationstheorie der Imagination und erkläre, wie diese Theorie uns erklären kann, dass Imagination uns Rechtfertigung für interessante Überzeugungen über die Struktur unserer Erfahrung und über die Struktur unserer Welt gibt.

Ich glaube, dass diese Untersuchung der Imagination aus der Perspektive der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie zugleich uns interessante und überraschende Tatsachen über diese faszinierende kognitive Kapazität erschließt, wie die beiden folgenden: Obwohl Imagination ihrem Wesen nach mentale Erfahrungen wie Wahrnehmungen simuliert, kann Imagination uns apriorische Rechtfertigung liefern. Und, obwohl wir in Imagination die Perspektive anderer Subjekte annehmen können, indem wir uns etwa vorstellen, Napoleon zu sein, bleibt jeder Imaginationsakt immer egozentrisch.

Es gibt auch ein zweites Projekt, das mich derzeit viel beschäftigt: Ich untersuche die Psychologie und die Erkenntnistheorie unserer Fähigkeit des rationalen Überlegens. Ich versuche zu zeigen, daß rationales Überlegen nicht nur Rechtfertigung von den Prämissen auf die Schlußfolgerung überträgt, sondern auch neue Rechtfertigung generiert. Allgemeiner glaube ich, dass wir eine ganze Reihe von kognitiven Kapazitäten besitzen, die es uns erlauben, basale Information zu interpretieren – bzw. zu erkennen, was aus was folgt – und dass diese kognitiven Kapazitäten eine Dimension unserer Rationalität ausmachen, die in der Erkenntnistheorie mehr Beachtung finden sollte.

Ich bin gebürtige Polin, bin 1988 – also knapp vor der Wende – mit meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland immigriert und im Rheinland aufgewachsen. Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Bonn. Promoviert habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Universität zu Köln, wobei ich den Großteil meiner Promotionszeit nicht in Deutschland, sondern an der Australian National University in Canberra und an der University of California in Davis, USA verbracht habe. Nach einer einjährigen Tätigkeit als Lecturer an der UC Davis und einem Post-Doc an der Australian University kehrte ich 2009 nach Deutschland zurück, um zusammen mit meinem Kollegen und Partner Brendan Balcerak Jackson eine durch die DFG bewilligte Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“ an der Universität zu Köln aufzubauen. 2013 zogen wir mit unserer Gruppe an die Universität Konstanz, um zusätzlich neue individuelle Projekte am interdisziplinären Zukunftskolleg zu verfolgen. In meinem Fall ist dies das Projekt über „Imagination und Reasoning“.

Ich bin nicht nur Philosophin, sondern auch Mutter einer tollen einjährigen Tochter, Leseratte, passionierte Weltbereiserin, und Yoga-Schülerin. Mehr über mich als Philosophin und viele meiner Arbeiten findet man aber unter:
http://www.mbalcerakjackson.net