Hilkje Hänel

Hilkje HänelIch bin seit dem Sommersemester 2012 Doktorandin bei Mari Mikkola an der HU Berlin. Meine Arbeit schreibe ich über den Begriff der Vergewaltigung. Mein Forschungsschwerpunkt liegt dementsprechend in der analytisch feministischen Philosophie – insbesondere bei den Themen Vergewaltigung und Haslangers “ameliorative projects”. Des Weiteren interessiere ich mich für Wittgensteins Familienähnlichkeitstheorie (und andere “cluster concepts”), partikularistische Positionen in der Moral, Sozialphilosophie und Kritische Theorie.

Ich habe zunächst ein Jahr am European College of Liberal Arts (mittlerweile umbenannt zu Bard College Berlin) in Berlin studiert (2006-2007), wobei vor allem die Philosophie sowie die Literatur- und Politikwissenschaften mein Interesse geweckt haben. Danach habe ich meinen Bachelor in Philosophie und Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen gemacht (2007-2010) und bin dann für meinen Master in Philosophie an die Universität Sheffield (2010-2011) gegangen. Nun bin ich wieder in Berlin und promoviere, wobei ich das Glück hatte zunächst Stipendiatin der Carl und Max Schneider Stiftung zur Förderung der Philosophie zu sein und mittlerweile zum Stipendiatinnen- und Stipendiaten-Kreis der Friedrich Ebert Stiftung zu gehören.

Meine Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem, eine allgemein-gültige Definition für den Begriff ‘Vergewaltigung’ zu finden. Die Arbeit befasst sich also sowohl mit Bereichen der praktischen Moralphilosophie als auch mit Bereichen der theoretischen analytischen Philosophie.
Die Arbeit baut dabei auf Thesen von Eric Reitan über den Begriff der Vergewaltigung auf. Diese haben eine gewisse intuitive Attraktivität. Knapp zusammengefasst argumentiert Reitan, dass der Begriff der Vergewaltigung normative Signifikanz besitzt und daher für mögliche Diskurse offen bleiben muss – wir sollten den Begriff als essentiell umstritten verstehen. Die Attraktivität des Projekts rührt, meiner Meinung nach, daraus, keine allgemein-gültige Definition (eine Definition mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen) zu geben. Wir brauchen beispielsweise nur die rechtliche Definition von Vergewaltigung mit diversen Bild-Zeitungs-Artikeln zum Thema zu vergleichen, um konträre Positionen zu erkennen. Auch unsere eigenen Intuitionen divergieren wahrscheinlich mit den eben genannten Quellen. Angelehnt an Reitans Überlegungen bin ich also der Auffassung, dass es keine allgemein-gültige Definition für den Begriff ‘Vergewaltigung’ geben kann. Allerdings verfolge ich eine andere Ausbuchstabierung als die von Reitan vorgeschlagene. Wittgensteins Familienähnlichkeitstheorie oder eine andere Art von “cluster concept” für eine philosophische Abhandlung über den Begriff ‘Vergewaltigung’ zu benutzen scheint vielversprechender zu sein. Des Weiteren beschäftigt sich die Arbeit mit Sally Haslangers Ausarbeitungen über philosophische Begriffsanalysen. Haslanger unterscheidet dabei zwischen drei verschiedenen Projekten: dem begrifflichen Projekt (Was ist unser Begriff von X?), dem deskriptiven Projekt (Welche objektiven Arten markiert unsere Benutzung von X?) und dem ameliorativen Projekt (Welchen Begriff von X sollten wir benutzen?). Obwohl die Abwesenheit einer allgemein-gültigen Definition philosophisch die beste Theorie aufwirft, brauchen wir zumindest im rechtlichen Rahmen eine Definition. Diese zu finden ist ein amelioratives Projekt.

Abgesehen von den Untersuchungen zu meinem Promotionsprojekt arbeite ich außerdem an der Frage, inwieweit Sally Haslangers Arbeit zu ameliorativen Projekten helfen könnte, das Problem “Frauen in der Philosophie” besser zu verstehen. Weiterhin bin ich gerade, zusammen mit Katharine Jenkins (Universität Sheffield), dabei, einen Aufsatz zu der Relation von Freundschaften und romantischen (Zweier-)Beziehungen zu verfassen.

Fragen und Anregungen (oder auch einfach Diskussionen) zu meiner Arbeit oder meinen Interessen nehme ich gern entgegen: hilkje [dot] haenel [at] nitedogs-mail [dot] de.

Johanna M. Mueller

Johanna M. MuellerSeit Oktober 2012 bin ich Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Verfassung jenseits des Staates“ an der HU Berlin. Dort arbeite ich in einem interdisziplinären Zusammenhang, bestehend aus JuristInnen, Politik- und GeschichtswissenschaftlerInnen und Philosoph-Innen an meinem Dissertationsprojekt über Kosmopolitismus und Globalgeschichte. Meine Dissertation wird von Prof. Rahel Jaeggi betreut, deren Colloquium zu Sozialphilosophie ich seit 2010 angehöre.

Begonnen habe ich mein Philosophiestudium, ergänzt um die Fächer Soziologie und Psychoanalyse, in Frankfurt am Main, weil ich mich für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule interessierte, und dieses Forschungsinteresse ist mir nach meinem baldigen Wechsel nach Berlin an die Freie Universität erhalten geblieben.

Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit zu Studienaufenthalten an der Karls Universität Prag, der Georgetown Universität in Washington D.C. und der Universität Tel Aviv, wo ich Einblick in andere Forschungslandschaften und Bereiche wie Internationale Beziehungen und Ökonomie- und Rechtstheorie gewinnen konnte. Mitgenommen habe ich die Neugier auf andere Disziplinen und ihre Forschungsmethoden. Mein Dissertationsprojekt hat mich im Wintersemester 2013/14 als Visiting Fellow an das Center for the Studies of Developing Societies (CSDS) in Delhi geführt, um von den dortigen Debatten um eine postkolonial informierte Sozialtheorie zu profitieren.

Mein sozialphilosophisches Hauptinteresse dreht sich um die Frage, wie sich, vor dem Hintergrund kultureller und gesellschaftlicher Pluralität und Machtförmigkeit, Kritik an Praktiken, Normen und Lebensformen auch über westlich-liberale Gesellschaften hinaus begründen lässt. Diese Frage, die für mich auch die nach den normativen Grundlagen der künftigen rechtlichen und politischen Verfasstheit der Weltgesellschaft beinhaltet, lässt sich, so auch der Ausgangspunkt meiner Dissertation, in der Dichotomie von „the West and the Rest“ nicht adressieren.

Wenn wir heute im Übergang vom klassischen internationalen, auf der Souveränität von Staaten basierenden, Recht, hin zu einem kosmopoliten Recht, das auf dem Recht von Individuen basiert, über die leitenden Werte eines solchen Prozesses nachdenken, ist es daher meiner Meinung nach ratsam, dies vor dem Hintergrund einer Verflechtungsgeschichte der modernen Welt zu tun. Im Zentrum dieser globalen Geschichtsschreibung stehen Transaktionen zwischen den „westlichen“ und „restlichen“ Regionen. Dadurch wird ersichtlich, dass von einer Geschichte wechselseitiger Formierung ausgegangen werden kann. Eine solche Verflechtung, so meine leitende These, lässt sich auch im Bezug auf Normen plausibilisieren.

Von der sozialphilosophischen Systematisierung einer globalen Verflechtungsgeschichte verspreche ich mir, den Kosmopolitismus aus der festgefahrenen Debatte zwischen kontextualistischem Relativismus auf der einen und abstraktem Universalismus auf der anderen Seite herauszulösen. Der Kantische Kosmopolitismus krankt an der ungeklärten Frage nach der Herkunft der Rechte. Beantwortet man diese Frage damit, dass Rechte sich in einer Bewegung von unten nach oben, durch Praktiken, Kommunikationen und Interaktionen bilden, führt dies zu einem veränderten, bottom-up-Verständnis von Politik im Arendtschen Sinne. Ein solches kontextuelles Politikverständnis benötigt allerdings eine sozialtheoretische und verflechtungsgeschichtliche Einordnung, um plausibel machen zu können, wie kulturell gefärbte kontextuelle politisch-soziale Praktiken überkontextuell anknüpfbare Normen generieren.

Das Thema meiner Doktorarbeit ist nicht zuletzt auch aus meinem anhaltenden Interesse an geschichtswissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung entstanden, vor allem dort wo diese parallel zu sozialphilosophischen Debatten verlaufen. Fragen wie ‚Wodurch zeichnet sich sozialer Wandel aus, wie lässt sich eine geschichtliche Sequenz oder eine longue durée verstehen, worin besteht die Stabilität von Strukturen?’ standen daher auch im Hintergrund des Seminars zu Geschichtsphilosophie, das ich zusammen mit Eva von Redecker im Sommersemester 2013 gegeben habe.

In den letzten Jahren habe ich mich auch immer wieder mit feministischer Theorie und darin intensiver mit dem Konzept der Intersektionalität beschäftigt. Die Frage, wie die Tatsache, dass Kategorien sozialer Ungleichheit (wie race, class, gender) in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, methodisch und sozialtheoretisch zu fassen sei, brachte die zwei klassischen Stränge feministischer Theorieproduktion von Gerechtigkeitsdenken und Normierungskritik wieder in Opposition. Während das Gerechtigkeitsdenken anhand des normativen Leitbegriffs der Gerechtigkeit bestehende Ungerechtigkeiten benennen, kritisieren und damit abschaffen will, hegt die Normierungskritik gerade gegenüber normativen Leitbegriffen Misstrauen und legt ihren Schwerpunkt auf die Untersuchung von Normierungsprozessen, also darauf, welche Rolle Normen bei der Durchsetzung, Reproduktion und Naturalisierung gesellschaftlicher Macht spielen. Diese beiden Komponenten benannt und sowohl politisch als auch sozial- und rechtstheoretisch adressiert zu haben, ist für mich ein Verdienst feministischer Kritik.

Eva von Redecker

Eva von RedeckerNach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft an ziemlich vielen Orten (Kiel, Tübingen, Berlin, Cambridge, Potsdam) habe ich Ende 2009 bei Prof. Christoph Menke in Potsdam meinen Magister abgeschlossen.

Der Titel meiner Magisterarbeit, die mittlerweile in überarbeiteter Form im Lukas-Verlag veröffentlicht ist, lautete „Gravitation zum Guten. Hannah Arendts Moralphilosophie“. Ich habe darin einerseits die werkgeschichtliche These vertreten, dass Arendt in ihrem Spätwerk nicht, wie häufig angenommen, als Nachtrag zum Eichmann-Buch weiterhin die Natur des Bösen untersucht, sondern sozusagen neu ansetzt und nach ihrer Kritik des geläufigen Gewissensbegriffs versucht, die Bedingungen des guten Handelns aus einer Phänomenologie der Geistestätigkeiten (Denken, Wollen und Urteilen) abzuleiten. Andererseits war mein Anliegen, systematisch stark zu machen, wie Arendt diese Tendenz oder „Gravitation“ zum Guten konzipiert. Nämlich nicht, wie in der Forschungsdiskussion zumeist unterstellt, lediglich als Ergebnis des denkenden Selbstgesprächs, sondern als Verschränkung von Denken und Urteilen in der Vorstellungskraft.

Nach meinen Abschlussprüfungen hatte ich das Glück, eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Rahel Jaeggi am Lehrstuhl für Sozialphilosophie der Humboldt-Universität zu Berlin antreten zu können. Abgesehen von einem Urlaubssemester 2013/14 als visiting PhD studentbei Prof. Raymond Geuss in Cambridge soll dies auch für die absehbare Zukunft meine akademische Heimat bleiben.

Ich habe auf der Stelle zunächst eine Einführung in das Werk von Judith Butler geschrieben, die 2011 im Verlag für Sozialwissenschaft erschien. Das Buch, Zur Aktualität von Judith Butler, hat den Anspruch, Butlers komplexe und z.T. disparate Positionen schlüssig und auch für Einsteiger_innen gut verständlich darzustellen, zudem geht es um einen ausgewogenen Werküberblick, in dem nicht nur die Performativität von Geschlecht, sondern auch die Theorie der melancholischen Subjektwerdung und die jüngeren Schriften zu einer Ethik der Enteignung zur Geltung kommen. Insgesamt versuche ich zu zeigen, inwiefern sich Butlers Gesamtwerk als eine Kritik der „Gewalt vor der Gewalt“ verstehen lässt, d.h. als eine Analyse der versteckten Möglichkeitsbedingungen und Entsprechungen von offener Gewalt.

Zur Zeit arbeite ich an meiner Dissertation, die für eine spezifische Revision des Revolutionsbegriffs argumentiert. Seit sich sowohl empirisch als auch theoretisch die marxistische Annahme der revolutionären Wirkung fortschreitender Produktivkraftentwicklung als zweifelhaft erwiesen hat, wurde in weiten Teilen der Sozialphilosophie von der Theoretisierung radikalen Wandels ganz Abstand genommen. Strukturalistische und poststrukturalistische Ansätze scheinen auf den ersten Blick eher die Beharrungskräfte des Bestehenden als seine Veränderbarkeit auszuweisen. Demgegenüber schlagen in der linken Theorieszene einige „Neo-Kommunisten“ vor, den Begriff des Ereignisses stärker zu betonen als Marx es selbst tat und Revolution als einen radikalen, singulären Bruch mit allem Bestehenden zu konzipieren. Beide Alternativen erscheinen mir problematisch. Deshalb interessiere ich mich für die relativ marginale Tradition prozessualer Auffassungen sozialen Wandels, die weder auf einer teleologischen Geschichtsphilosophie beruhen, noch den mit dem Revolutionsbegriff verknüpften Radikalitätsanspruch aufgeben. Fundorte für diese Vorstellungen sind z.B. das Selbstverständnis der Frauenbewegung und die Konzeptionen von Revolution als Exodus, die von deutsch-jüdischen Anarchisten wie Gustav Landauer und Martin Buber um die letzte Jahrhundertwende entwickelt wurden. In meiner Promotion versuche ich die philosophische Arbeit am Detail zu leisten, um diese Perspektive sozialtheoretisch plausibel zu machen; entscheidende Bausteine sind praxistheoretische Begriffe von Struktur und Handlung, ein performativitätstheoretischer Entwurf von lokaler Transformation und eine geschichtsphilosophische Perspektive auf Wandel als Kumulation und Kulmination diverser Einzelereignisse, die sich erst im Nachhinein so Zusammenschauen lassen, dass „Umschlagspunkte“ oder „Paradigmenwechsel“ erkennbar werden.

Mir selbst gefällt an dem Projekt nicht zuletzt, wie es bestimmten feministischen Einsichten entgegen kommt: Wenn wir Revolution als einen ausdauernden Prozess verstehen, in dem es zunächst darum geht, Alltagspraktiken zu ändern und neue Bezüge herzustellen, rücken bestimmte androzentrische Vorstellungen des heroischen und martialischen politischen Kampfes wie von selbst in den Hintergrund. (Diesen Gedanken führe ich in meinem Aufsatz „Feministische Strategie und Revolution“ weiter aus.)

Insgesamt würde ich sagen, dass ich in meiner philosophischen Arbeit versuche, Letztbegründungs-skeptische phänomenologische Methoden, wie sie etwa von Foucault, vom späten Wittgenstein und vom frühen Heidegger verfolgt werden, mit den Anliegen der klassischen, freudo-marxistischen Kritischen Theorie zusammenzubringen. (Ein gutes Beispiel für diese Synthese- und Sabotage-Arbeit ist mein Artikel „Marx’s Concept of Radical Needs in the Guise of Queer Desire“.)

Neben den bereits erwähnten bisherigen Kernthemen wie Geschichte, sozialer Wandel, Geschlecht und Gewalt spiele ich – wann immer ich mich mit zukünftiger von der gegenwärtigen Arbeit ablenken will – mit dem Gedanken einer Kritik des Eigentumsbegriffs.

Mich fasziniert und irritiert die in der Moderne selbstverständliche (und von Kant und Hegel sogar in ihrem Freiheitsbegriff festgeschriebene) Annahme, dass der Besitz eines Objekts dazu berechtigt, es nicht nur zu benutzen, sondern es auch auszubeuten und zu zerstören.

Über genealogische Forschung zum vormodernen Eigentumsrecht, in dem diverse Mischformen gang und gäbe waren, würde ich zunächst die Spezifität des modernen Begriffs akzentuieren wollen. Für die politische Debatte erschiene es mir bereits als eine Bereicherung, der starren Gegenüberstellung von Privateigentum einerseits und den vermeintlichen Zumutungen von Enteignung und Gemeineigentum andererseits diverse Zwischenstufen modifizierten und limitierten Besitzens beiseite stellen zu können.

Im zweiten Schritt würde ich dann versuchen, normative Potentiale dieser erweiterten Sichtweise auszumachen. Eine Problematisierung des modernen, „totalen“ Eigentumsbegriffs würde es einerseits erlauben, umweltschützerische Anliegen in die Kapitalismuskritik einzubeziehen, andererseits reizt mich das Phänomen aus intersektionaler Perspektive. Bezeichnenderweise handelt es sich sowohl beim Abolitionismus als auch beim Feminismus um Emanzipationsbewegungen, die für den Ausgang aus einem Besitztumsstatus kämpfen. Während in der Kritischen Theorie gegenwärtige sexistische und rassistische Phänomene oft mit dem Begriff der Verdinglichung theoretisiert werden, interessiert mich, welche Differenzierungen und Ergänzungen aus der Perspektive einer Kritik an Besitzergreifungstendenzen hinzugewonnen werden könnten.

Vollständige bibliografische Angaben zu den erwähnten Texten und einige weitere Informationen finden sich auf meiner HU-Homepage: http://www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/politik/jaeggi/mitarbeiter/redecker/eva

 

Anna Welpinghus

Anna WelpinghusIch bin Anna Welpinghus und arbeite als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum. Dort habe ich auch meine Dissertation geschrieben und im Sommer 2013 verteidigt. Davor habe ich an der Humboldt-Universität zu Berlin Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaften studiert. Mein erstes Studium war ein Bachelorstudium in „liberal arts and sciences“ an der Universität Maastricht. Dort konnte ich in viele akademische Fächer hineinschnuppern und dabei mein anhaltendes Interesse an der Philosophie entdecken.
In den letzten Jahren habe ich im Bereich der Philosophie des Geistes gearbeitet. Ich war an einem interdisziplinären Projekt zur Erkennung der Emotionen anderer beteiligt (Newen, Welpinghus & Juckel, im Erscheinen). Allerdings habe ich vor allem zur Frage nach der Natur und dem Ursprung der Emotionen gearbeitet, genauer gesagt zum Verhältnis evolutionärer und sozialkonstruktionistischer Emotionstheorien. Unsere ersten Ergebnisse zu diesem Thema sind in einem Paper von Albert Newen und mir (Welpinghus & Newen, 2012) dargestellt. Die Veröffentlichung meiner Dissertation ist in Arbeit; ein Schwerpunkt des Buchs wird das Verhältnis zwischen Eifersucht, normativen Überzeugungen und sozialen Normen zu romantischen Zweierbeziehungen sein.

Etwas ausführlicher darstellen möchte ich hier einen anderen Schwerpunkt der Dissertation, nämlich meinen Vorschlag dazu, wie der Begriff ‘sozial konstruierte Emotion’ zu verstehen ist. Ganz allgemein besagen sozialkonstruktionistische Theorien, dass Emotionen durch historisch kontingente soziale Faktoren entstanden sind. Dem gegenüber stehen evolutionäre Emotionstheorien, die besagen, dass viele Emotionen evolutionär alt sind und daher in allen menschlichen Gemeinschaften (und vielleicht bei weiteren Tieren) vorkommen.
Der Sozialkonstruktionismus ist gegenüber evolutionären Ansätzen in den letzten Jahren ins Hintertreffen geraten – teilweise durchaus zu Recht. Herkömmliche sozialkonstruktionistische Emotionstheorien konzentrieren sich zu sehr darauf, wie Menschen über Emotionen denken und wie sie Emotionen klassifizieren. Deshalb fordern sie evolutionäre Theorien nicht ernsthaft heraus. Die Beobachtung, dass die Klassifikationsweise des Alltags von kulturellen und sozialen Faktoren abhängt, ist nämlich völlig kompatibel mit der Theorie, dass die Emotionen, die es wirklich gibt, evolutionär alt und universell sind.
Wenn man wie ich den Sozialkonstruktionismus retten will, braucht man also eine neue Konzeption vom Begriff der sozial konstruierten Emotionen. Ich schlage vor, sie als soziale Arten zu betrachten. Dieser Vorschlag ist inspiriert von Sally Haslangers Arbeiten zur sozialen Konstruktion von gender und race.
Mein Vorschlag hat aber auch einiges mit Paul Griffiths’ psychoevolutionärer Herangehensweise zur Individuierung von Emotionen gemein. Ich betrachte sozial konstruierte Emotionen als eine Sonderform natürlicher Arten. Die Emotionen, die zu derselben natürlichen Art gehören, werden durch mehr zusammen gehalten als durch unsere Klassifikation. Alle Vorkommen von Furcht sind sich ähnlich: Wer sich fürchtet, macht bestimmte physiologische Veränderungen durch, steuert seine Aufmerksamkeit in Richtung Gefahren, reißt die Augen auf, und so weiter. Wenn Furcht eine natürliche Art ist, muss es dafür einen Grund geben. Es muss eine Art kausalen Mechanismus geben, welcher dafür sorgt, dass die Eigenschaften einer natürlichen Art gebündelt auftreten (sowohl Griffiths als auch ich übernehmen hier Richard Boyds Konzeption von natürlichen Arten als homeostatische Eigenschaftsbündel).
Soziale Arten, so mein Vorschlag, sind Produkt eines sozialen Mechanismus. Ein sozialer Mechanismus besteht aus einem Zusammenspiel von Faktoren wie sozialen Praktiken, Normen und sozial reguliertem Zugang zu Ressourcen. Zusammen schaffen solche Faktoren bestimmte Rahmenbedingungen für Handlungen. Diese können eine Emotion mit einem Eigenschaftsbündel entstehen lassen, die es ohne den sozialen Mechanismus so nicht gäbe.
Ich glaube, dass eher wenige Emotionen tatsächlich soziale Arten sind. Jedoch spricht vieles dafür, dass es sie gibt und dass sich zudem das charakteristische Eigenschaftsbündel nicht für jede Emotion durch vererbte Mechanismen erklären lässt. An dieser Stelle widerspreche ich der psychoevolutionären Theorie von Griffiths.

Neben der Arbeit an den Desiderata meiner Dissertation suche ich derzeit nach neuen Projekten. Mich interessieren fruchtbare Verbindungen zwischen der Philosophie des Geistes und den Kognitionswissenschaften einerseits und normativen Zweigen der Philosophie, wie beispielsweise der politischen oder feministischen Philosophie, andererseits. Ich glaube, dass einige Debatten davon profitieren können, diese Perspektiven zusammenzubringen – ein Beispiel ist der Themenkomplex agency, personale Autonomie und Verantwortung.
Ich würde außerdem gerne Fragen nach der Natur sozialer Arten und sozialer Konstruktion unabhängig vom Anwendungsfall der Emotionen auf ein breiteres systematisches Fundament stellen – hier sind wissenschaftstheoretische Werkzeuge ebenso relevant wie sozialkritische Arbeiten.
Spannend finde ich auch philosophische Methoden: ich treibe nun seit einigen Jahren Philosophie, die durch empirische Wissenschaften informiert ist – und ich würde gern verstehen, was genau wir da tun.
Derzeit bin ich auf der Suche nach einer Stelle mit mehrjähriger Perspektive. Noch ist offen, wohin es mich in Zukunft verschlägt, sowohl geographisch als auch thematisch. Jobangebote, sowie Anmerkungen oder Fragen zu meiner Arbeit nehme ich gern entgegen: Anna [dot] Welpinghus [at] rub [dot] de .

Literatur
Newen, A. / Welpinghus, A. / Juckel, G. Emotion recognition as pattern recognition. Erscheint in Mind and Language.
Welpinghus, A. / Newen, A. (2012). Emotion und Kultur: Wie individuieren wir Emotionen und welche Rolle spielen kulturelle Faktoren dabei? Zeitschrift für philosophische Forschung 66(3): 367-392.

Mari Mikkola

Mari MikkolaIch bin seit dem Wintersemester 2010 Juniorprofessorin für Praktische Philosophie an der HU Berlin mit systematisch feministischer Philosophie als Forschungsschwerpunkt (insbesondere zu den Themen Gender und Pornographie). Zudem habe ich auch Forschungsinteressen in Sozialphilosophie und -ontologie und dem Deutschen Idealismus. Ich bin relativ neu in der deutschen Philosophie: Meine Staatsangehörigkeit ist finnisch, und akademisch bin ich in Großbritannien „aufgewachsen“. Sowohl die deutsche Gesellschaft als auch der akademische Betrieb (und darüber hinaus auch die deutsche Sprache) waren für mich bei meinem Dienstantritt somit größtenteils neu. Ich habe Philosophie und Politik (1997-2000) an der Universität York studiert. Danach promovierte ich 2005 in Philosophie an der Universität Sheffield mit einer Arbeit über analytische feministische Philosophie. Nach meiner Promotion war ich drei Jahre als Philosophie-Lecturer an der Universität Stirling (GB) tätig und hatte für zwei Jahre eine Lecturer-Position an der Universität Lancaster (GB) inne.

Feministische Philosophie als Teil der Philosophie ist in Deutschland relativ unbekannt. Dies trifft besonders auf die Art von feministischer Philosophie zu, die analytische Methodik anwendet. Obwohl meine akademischen Interessen breit gefächert sind und philosophische Grenzen überschreiten, ist meine Forschungsmethodik doch eindeutig systematisch orientiert, und ich verwende typische analytische Methoden wie etwa Begriffsanalyse. Während analytisch geprägte feministische Philosophie in Deutschland kaum zu finden ist, wurde sie in den letzten zwei Jahrzehnten im englischsprachigen Raum als eigenständiger Philosophiebereich etabliert und anerkannt. Ich verstehe solche Philosophie folgendermaßen: Sie kombiniert (1) die praktische Orientierung des Feminismus, verstanden als eine politische Bewegung zur Beendigung der Ungerechtigkeiten auf Grund der Gruppenzugehörigkeit bzgl. Sex (biologisches Geschlecht) oder Gender, und (2) die typische theoretische Methodik der Philosophie, in meinem Falle besonders die Methodik der analytischen Philosophie. Meiner Ansicht nach bezweckt feministische Philosophie einerseits, mit Hilfe typisch philosophischer Werkzeuge allgemeine sexistische Sozialarrangements zu kritisieren, und anderseits, ‚Mainstream’-Philosophie auf Basis feministischer politischer Einsichten mitzugestalten. Feministische Philosophie stellt herkömmliche philosophische Einsichten in Frage und verwendet philosophische Methoden, um politisch wichtige Begriffe auszubuchstabieren und näher zu erläutern. Feministische Philosophie, so meine ich, heißt politisch informierte philosophische Untersuchung.

Meine philosophische Forschung zum Thema Gender habe ich schon mit meiner Doktorarbeit begonnen, deren Leitfragen lauteten: Wie können wir Gender-Begriffe in einer politisch wirksamen Weise verstehen? Wie sollten wir die soziale Kategoriezugehörigkeit von Frauen begreifen? Viele feministische Philosoph_innen halten diese Fragen für politisch entscheidend: Wenn wir sie nicht beantworten können, fehlt dem Feminismus sein Gegenstand, und wenn wir den Gegenstand von Feminismus nicht begreifen können, dann verlieren wir die notwendigen politischen Grundlagen zur Rechtfertigung feministischer Ansprüche. Meine Doktorarbeit thematisierte diese sprachphilosophischen und metaphysischen Themenkomplexe in Bezug auf das Problem von Gender. Allerdings hat sich mein Denken über Gender-Themen seitdem in eine andere Richtung entwickelt. Ich halte es nun nicht mehr für entscheidend, eine Antwort auf das Gender-Problem zu geben. Vielmehr (so denke ich jetzt) ist es relativ unwichtig für wirksame feministische Politik, ob wir einen inhaltlich substantiellen Begriff von Frau ausbuchstabieren können. Eine solche Fokussierung auf Begriffe von Gender und Frauen kann meiner Ansicht nach nicht die notwendige normative Grundlage für den Feminismus liefern; deshalb muss diese Grundlage anders untermauert werden. Ich schlage in diesem Zusammenhang den Begriff der Entmenschlichung als normative Basis vor, und ich bin der Ansicht, dass feministische Politik und Ethik mit Bezug auf diesen Begriff neu ausgerichtet werden sollten. Dies ist eine Hauptthese meines Buches The Wrong of Injustice: Dehumanisation and its Role in Feminist Philosophy (in Arbeit).

Auch schließe ich mit meiner Arbeit an die langjährige Debatte über die Unterdrückung und das Zum-Schweigen-Bringen (silencing) von Frauen durch Pornographie an. In meinem jüngsten Forschungsvorhaben stelle ich dar, dass aktuelle Diskussionen, die oft auf die Arbeit von Catharine MacKinnon und Rae Langton verweisen, das Wesen von Pornographie missverstehen. Unter anderem wird in der philosophischen Behandlung des Themas oft nicht ernst genommen, eine wie große Industrie Pornographie mittlerweile geworden ist. Philosophische Diskussionen ignorieren ebenfalls oft die (sogenannte) ‚alternative Pornographie’, die aus feministischer Perspektive produziert wird und industrielle Pornographie zu zersetzen versucht. Viele Antworten zu den Problemen rund um Pornographie fehlen noch – nicht nur auf politischer, sondern auch auf konzeptueller Ebene. Daher veranstaltete ich im September 2013 mit Cathrin Höfs und Hilkje Hänel die Tagung Feminist Philosophy and Pornography.

Weitere Details zu meinen Aufsätzen (und Links zu Abstracts) finden sich auf meiner Website (LINK). Dort finden sich auch Informationen zu der Symposiumreihe Feminist Philosophy and…, im Rahmen derer ich schon mehrere internationale Tagungen veranstaltet habe. Für weitere Veranstaltungen, watch that space!